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Song of the Spec­tres

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der sich nach einem Erd­be­ben in der Höhle von Psy­chro geöff­net hat. Ich bin mit einem star­ken Schein­wer­fer bewaff­net und fühle mich wie Car­ter, als er 1922 in Tutancha­muns Grab stieg, oder wie Wool­ley, als er die Grab­kam­mer der Nin Puabi ent­deckte. Die Chance, eine Stätte zu betre­ten, die jahr­hun­derte- oder jahr­tau­sen­de­lang kein mensch­li­ches Auge mehr erblickt hat, bie­tet sich einem Archäo­lo­gen nur sel­ten.

Diese Höhle auf Kreta ist legen­där – und gilt als gründ­lich erforscht. Doch das Erd­be­ben hat einen neuen Zugang frei­ge­legt. Wohin mag er füh­ren? Zum Geburts­ort von Zeus, wie die Legende sagt, oder zu einer wei­te­ren Kult­stätte der Minoer, wie Kol­le­gen sie hier bereits frei­ge­legt haben?

Ein alter Mann kommt mir aus der tie­fen Höhle ent­ge­gen und blin­zelt ins Licht mei­nes Schein­wer­fers. Ich bin so ver­blüfft, dass ich ihn untä­tig vor­bei­ge­hen lasse, wäh­rend ich ihn mit offe­nem Mund anstarre.

Als ich mich gefasst habe, folge ich ihm aus der Höhle her­aus. Er schlingt in unse­rem Zelt ein gewal­ti­ges Früh­stück her­un­ter und erklärt uns ungläu­bi­gen For­schern mit vol­lem Mund in Alt­grie­chisch, er habe wohl recht lange geschla­fen. Sein Name sei – Epi­men­i­des.

Inzwi­schen wird der Mann im Kran­ken­haus von Hera­klion unter­sucht. Ein Teil mei­ner Kol­le­gen hält ihn für einen Betrü­ger, ein ande­rer für einen Irren. Ich bin mir da nicht so sicher. Klar, Epi­men­i­des, der legen­däre Erfin­der des Pflugs, soll irgend­wann zwi­schen dem sieb­ten und fünf­ten Jahr­hun­dert vor Chris­tus hier gelebt haben und wird in der Bibel zitiert – mit dem Epi­gramm, dass alle Kre­ter Lüg­ner sind. Und man kann nicht ein­fach ein paar Jahr­tau­sende schla­fen, um dann nach Her­zens­lust zu früh­stü­cken, oder? Ande­rer­seits gibt es da diese selt­same Geschichte aus der Sie­ben­schlä­fer­höhle über den angeb­li­chen ach­ten Schlä­fer, der erst kürz­lich ans Tages­licht trat.

Ich bin jeden­falls in der Nacht noch zurück in die Höhle gegan­gen, um allein wei­ter in die unbe­kann­ten Berei­che vor­zu­drin­gen. Der Kor­ri­dor win­det sich durch den Berg und endet in einem stei­ner­nen Alko­ven. Ich werde plötz­lich sehr, sehr müde und beschließe, mich auf dem uralten Wid­der­fell, das dort liegt, ein wenig aus­zu­ru­hen …

 

Epi­men­i­des:Link