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♫ Pathos and the Monologue ♫
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»Ich betrete den Korridor, aus dem es kein Zurück gibt« – mit diesen markigen Worten beginnt mein großer Bühnenmonolog. Ich stehe vor einer Tür, die sich für die Zuschauer in einen langen, vielleicht sogar endlos wirkenden Korridor öffnet, stelle ich mir vor, und wende den Kopf zurück zu den anderen Schauspielern im Bühnenbild. Dann halte ich meine bewegende Abschiedsrede, und am Ende mache ich meine Ankündigung wahr und betrete furchtlos den dunklen Korridor ohne Wiederkehr, die Tür fällt hinter mir ins Schloss, und das wird das Letzte sein, das von mir zu sehen ist. Zumindest bis zum Schlussapplaus.
Das Stück wird Furore machen, das habe ich im Gefühl. Gut, der Regisseur scheint seinen Zenit überschritten zu haben, und es ist auch erstmal nur ein kleines Off-Theater, in dem wir auftreten. Aber ich spüre die Kraft, die der Text hat, und bin mir sicher, dass wir damit für ziemliches Aufsehen in der derzeit doch eher drögen Theaterlandschaft sorgen werden.
Dabei ist es nichts Neues: Als Patchwork aus Textfragmenten des Absurden Theaters bringt es Autoren wie Pirandello, Artaud, Cocteau, Beckett, Ionesco, Sartre und Camus miteinander in den Dialog – ein Remix! Tatsächlich habe ich noch gar nicht herausgefunden, von welchem dieser Dramatiker und aus welchem Stück genau mein Monolog stammt. Aber ist das nicht letztlich unwichtig?
Endlich werde ich wieder auf der Bühne stehen! Das Projekt schmückt sich nicht mit Stars, sondern setzt auf Könner aus der zweiten oder dritten Reihe, um mit der Wucht seiner Geschichte zu überzeugen. Bei einem turbulenten Kennenlerntreffen mit viel Chablis hat uns der Regisseur seine Vision erläutert. Es gehe nicht darum, ob das Absurde Theater das Absurde darstellt oder das, was es darstellt, ins Absurde verkehrt – es gehe um den definitiven Mythos unserer Zeit, um das Mythentheater der Postmoderne, um die einzig zutreffende Beschreibung der menschlichen Befindlichkeit in Form des Absurden.
So stehe ich für den Menschen schlechthin auf der Bühne, der den point of no return überschreitet und angesichts einer unsinnigen Welt wissend und freiwillig den Weg in Wahnsinn und Realitätsverlust wählt, nicht ohne dies mit mächtigen Worten existenzialistischer Tiefe zu kommentieren, die ihre Wirkung beim Zuschauer nicht verfehlen werden. Sagt mir mein Bauchgefühl. Schon allein beim Lesen läuft es mir kalt den Rücken herunter.
»Vergesst mich!«, rufe ich am Ende, oder vielleicht werde ich es auch nur voller Inbrunst flüstern: »Ich bin verloren für eure Welt der vorgegaukelten Ordnung und Anständigkeit, und mehr noch, ich bin eine Gefahr für die Kinder und Narren, die noch Augen und Ohren haben und entdecken könnten, dass es einen Weg hinter die Kulissen gibt, die ihr aufgestellt habt, die potemkinschen Dörfer, die schönen Fassaden und Attrappen, mit denen ihr den Mahlstrom der Sinnlosigkeit notdürftig verdeckt und verkleidet. Also vergesst mich besser, tilgt mich aus eurem Gedächtnis und euren Kirchenbüchern, vernichtet alles, was an mich erinnern könnte, verneint und verdrängt mich so gründlich, wie ihr das eigentliche Wesen des Seins negiert. Rottet mich aus mit Stumpf und Stiel! Ich gehe, und es gibt nun nichts mehr, was euch und mich verbindet. Alle Brücken hinter mir sind abgebrochen. Adieu!«
Ich glaube, der »definitive Mythos für unsere Zeit«, den der Regisseur auf die Bühne bringen will, liegt in genau diesen Worten, die tief ins Herz der menschlichen Existenz dringen, es anrühren, aufwühlen und vielleicht nie mehr so richtig loslassen werden. Es macht mich stolz, diese Rolle verkörpern und ausfüllen zu dürfen, und ich spüre genau, dass dieser Monolog zum Kulminationspunkt meiner beruflichen Laufbahn, vielleicht ja sogar meiner Karriere werden wird.
Nachtrag: Bei den Proben zum Stück haben sich für den Regisseur einige notwendige Textkürzungen ergeben. Von meinem großen Monolog ließ er schließlich nur die Anfangsworte übrig. Ich solle, sagt er, den Rest emotional mit hineinlegen, wenn ich seitlich – ohne Tür, ohne Korridor – von dem doch recht minimalistischen Bühnenbild abtrete mit den wenigen, aber denkwürdigen Worten »Ich betrete den Korridor«.

