Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Romanze

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The Gist of the Tryst

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Ich betrete den Kor­ri­dor. End­lich ist es soweit: Es riecht betö­rend nach Laven­del. Meine heim­li­che Geliebte hat mir eine Duftuhr zukom­men las­sen, ein Rauch­werk, das ich bei Son­nen­un­ter­gang anzün­den sollte und das dann lang­sam her­un­ter­brannte, zu jedem Stun­den­wech­sel einen ande­ren Geruch ver­strö­mend. Unge­dul­dig war­tete ich. Zuerst roch es nach Vanille, dann durch­zug das Aroma von Ros­ma­rin mein ein­sa­mes Gemach. Ich muss kurz ein­ge­nickt sein. Der Duft von Laven­del weckte mich, und sogleich begab ich mich in den Kor­ri­dor, in dem wir uns heim­lich tref­fen wol­len.

Nur ein wenig silb­ri­ges Mond­licht beleuch­tet den Gang. Sehe ich dort hin­ten sie, meine Geliebte? Ein Schat­ten nur, eine Sil­hou­ette. Ich eile hin, die Arme aus­ge­streckt, und sie wen­det sich mir zu, brei­tet eben­falls die Arme aus. Wir eilen auf ein­ein­an­der zu, doch plötz­lich sto­cken wir im Schritt und hal­ten inne. Es ist Jur­gen, der groß­ge­wach­sene, bär­tige Rit­ter. »Was tust du hier, Koch?«, fragt er her­ab­las­send, als sei dies sein Tur­nier­platz – und nicht der Flü­gel des Palas­tes, in dem die Prin­zes­sin wohnt mit ihren Kam­mer­zo­fen und Dienst­mäg­den. Trotz­dem stot­tere ich, senke unwill­kür­lich mein Haupt, trete einen Schritt zurück. »Laven­del«, dringt aus mei­nem Mund.

Jur­gen bricht in Lachen aus. »Hat dich eine Magd her­be­stellt, Koch? Dann bist du schlecht bera­ten, denn die Rauch­uhr steht erst bei Ama­ryl­lis­duft.« Ich murmle etwas, das der Rit­ter als Wider­spruch auf­nimmt. Er belehrt mich: »Ama­ryl­lis, nicht Laven­del. Ich werde doch wohl wis­sen, wie Ama­ryl­lis riecht!«

Er blickt sich um: »Oder siehst du hier irgendwo deine Magd?«

»Und deine …?« Ich spre­che es nicht aus. Wie­der blickt sich Jur­gen um: »Sie hat Ama­ryl­lis gesagt, und ich habe Ama­ryl­lis gero­chen.« Doch der Gang ist – bis auf uns beide natür­lich – leer. Keine Tür öff­net sich, keine Gestalt schleicht herum.

»Hm«, sagt der Rit­ter und reibt sich den Bart. Dann packt er mich am Kra­gen und schleift mich mit sich, den Kor­ri­dor ent­lang, die Treppe hinab, durch die dunkle Halle in den Schirr­hof, an den Pfer­de­stäl­len und am Häus­chen der Schild­wa­che vor­bei bis in das Gebäude mit den Quar­tie­ren für die Rit­ter.

Wir ste­hen in einem Raum mit einer Prit­sche, den nur die Glut eines her­un­ter­ge­brann­ten Kamin­feu­ers erhellt. Das Rauch­werk steht auf einem klei­nen Tisch­chen unter der Fens­ter­ni­sche und glimmt. Es riecht nach Laven­del. »Ama­ryl­lis, riechst du’s?«, fragt er. Ich wage nicht zu wider­spre­chen. Mei­nen Augen jedoch sieht er an, dass ich seine Mei­nung nicht teile.

»Laven­del?«, fragt er. Ich zögere erst und wage dann, zu nicken.

»Dann bin ich viel­leicht zu früh dran«, sagt Jur­gen. Er packt mich erneut an den Schul­tern: »Wonach hat es bis­her gero­chen? Sprich!«

»Vanille«, sage ich, »Ros­ma­rin … Laven­del.«

»Bist du ein­ge­schla­fen? Es waren mehr als drei Düfte, es ist doch schon fast Mor­gen.«

Veil­chen­duft durch­zieht jetzt das Gemach. Auch Jur­gen riecht es. Er lässt mich los. »Ama­ryl­lis?«, fragt er hoff­nungs­voll.

Ich schüttle den Kopf: »Veil­chen.« Er schnup­pert und kratzt sich den Bart: »Dann muss Ama­ryl­lis danach kom­men.« Ich nicke, und er lacht: »Na los, Koch, deine Magd war­tet sicher schon sehn­süch­tig auf dich.«

»Es ist keine Magd«, sage ich trot­zig.

»Na, dann geh zu dei­ner Zofe.«

»Es ist auch keine Zofe.«

Der Rit­ter lacht: »Na, es wird ja wohl nicht …« Er hält inne, als er mei­nen Blick bemerkt, und packt mich wie­der bei den Schul­tern. »Die Prin­zes­sin?«, fragt er, und seine Stimme ist nur ein Hauch. Ich nicke. Sehe ich da Trä­nen in sei­nen Augen? »Sie sagte, sie gehöre nur mir!«, flüs­tert er hei­ser.

»Im Häus­chen der Schild­wa­che«, sage ich, »roch es auch nach Laven­del, als wir vor­bei­gin­gen.«

Wir tre­ten beide an die schmale Fens­ter­öff­nung, durch die der im Mond­licht dalie­gende Hof zu sehen ist. Ein Schat­ten löst sich vom Häus­chen der Schild­wa­che und strebt auf die Ein­gangs­halle zu.

»Die Schild­wa­che?!«, flüs­tert Jur­gen mit erstick­ter Stimme.

»Ihm hat sie gesagt, er soll kom­men, wenn es nach Veil­chen duf­tet«, ver­mute ich.

»Ich werde, ich werde … Wo ist mein Schwert?« Rit­ter Jur­gen durch­stö­bert seine Hab­se­lig­kei­ten. »Die Schild­wa­che ist kein Geg­ner für mich, und wenn ich ihr gegen­über­stehe, werde ich, werde ich …«

»Ihr wer­det ihr nicht gegen­über­ste­hen«, sage ich. Jur­gen kniet vor sei­ner Prit­sche und will gerade dar­un­ter­krie­chen. Erstaunt blickt er zu mir auf.

»Auch wenn sie sich für jede Stunde der Nacht einen Lieb­ha­ber bestellt: Sie selbst bleibt gewiss in ihrem Gemach und schlum­mert süß. Und wenn sie kurz erwa­chen sollte, wird sie lachen bei dem Gedan­ken daran, was wohl die ganze Nacht lang im Kor­ri­dor vor sich gehen mag.«

Lang­sam erhebt Jur­gen sich wie­der. Er hat unter der Prit­sche eine Art fla­che kleine Holz­kiste gefun­den.

»Ja, so wird es sein. Ver­zo­ge­nes Gör. Eine bos­hafte kleine Per­son. Ganz der Vater.« Ich wage nicht zu nicken. »Du bist ein klu­ger Mann mit einer schnel­len Auf­fas­sungs­gabe. Spielst du Schach, Koch?«, fragt er und klopft auf die Holz­schach­tel. Ich schüttle den Kopf. »Zita­delle?« Wie­der schüttle ich den Kopf. »Dame?«, fragt er wei­ter. Ich nicke.

Wir set­zen uns an das Tisch­chen mit der Duftuhr und ver­tei­len im Licht einer Kerze, die Jur­gen ent­zün­det hat, unsere Steine auf dem Spiel­brett.

 

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Auf ewig dein

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Ich betrete den Kor­ri­dor, oder nein, meine The­ra­peu­tin hat gesagt, ich soll mich nicht immer gleich iden­ti­fi­zie­ren und schön auf die Tren­nung zwi­schen ihm und mir ach­ten, also: Er betritt den Kor­ri­dor, er, die Licht­ge­stalt, mein See­len­zwil­ling, dem die Her­zen der Men­schen zuflie­gen, der ihnen Hoff­nung macht und unter uns allen Zuver­sicht ver­brei­tet. Er ist jetzt auf dem Weg auf die Bühne, ich spüre es, ich sehe es förm­lich, als sei ich bei ihm, als sei ich er, als blickte ich aus sei­nen Augen, und tat­säch­lich sind wir im Grunde eins.

Er spürt es auch, das weiß ich genau, er spürt es, aber er weiß es nicht. Er spürt die Sehn­sucht und ahnt, dass ich ihm ganz nah bin, dass er mir näher und näher kommt, wenn er in weni­gen Augen­bli­cken hin­aus­tritt vor sein Publi­kum, vor die Fern­seh­ka­me­ras.

Sein Blick wird lächelnd über seine Zuschauer und Fans glei­ten – auch über mich, die ich ganz vorne stehe. Irgend­wann, eines Tages, wird er mich wie­der­erken­nen, wird es ihm einen Stich ins Herz tun, und er wird sich erin­nern, dass ich immer da war, immer, bei jedem sei­ner Auf­tritte, aus der ers­ten Reihe zu ihm auf­schaute, und er wird wis­sen, dass wir zusam­men­ge­hö­ren, dass wir See­len­ge­fähr­ten sind seit Anbe­ginn der Zeit, uns hier end­lich wie­der­ge­fun­den haben und von nun an nicht mehr aus­ein­an­der­ge­hen.

Wir wer­den uns in die Arme schlie­ßen. Worte wer­den über­flüs­sig sein. Wir las­sen unsere äonen­alte Sehn­sucht und unsere uni­ver­sums­wei­ten Gefühle zuein­an­der spre­chen, und mein Mes­ser wird dafür sor­gen, dass der Moment unse­res höchs­ten Glücks nie­mals ver­geht. Die Klinge ist so lang, dass sie gleich­zei­tig auch mein Herz durch­boh­ren wird. Auch er wird in die­sem Moment wis­sen, dass sich nur so unsere Liebe erfül­len kann. Die Liebe und der Tod wer­den uns ver­ei­nen. Wir wer­den nie mehr getrennt sein. Nie mehr.

Da. Er tritt aus dem Kor­ri­dor auf die Bühne. Der Applaus und die Hoch­rufe, die uns emp­fan­gen, sind über­wäl­ti­gend. Ich lächle ins Publi­kum. Trete ans Mikro­fon. Lasse mei­nen Blick schwei­fen.

331/398

Locus amoe­nus

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Ich betrete den Kor­ri­dor – ein Hin­ter­halt: Du springst her­vor, ich zück mein Schwert, du schreckst zurück und ziehst anstatt des Degens deine Seele blank. Und ich? Steh zit­ternd vor dir, kann den Streich unmög­lich füh­ren, lass das Schwert zu Boden fal­len, gebe mich dir kampf­los in die Hände. Die Kapi­tu­la­tion ver­wirrt dich nur noch mehr, statt mich zu fes­seln küsst du mich, und erst viel spä­ter, sehr viel spä­ter, wird uns klar, dass uns – zu uns­rem Glück – doch glatt ein kapi­ta­ler Irr­tum unter­lief.

353/398

Eva­ne­s­cent Rhy­mes

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Ich betrete den Kor­ri­dor, eines mei­ner Gedichte aus jun­gen Jah­ren dekla­mie­rend, das mir gerade in den Sinn gekom­men ist. Ver­gnügt lär­men Kin­der zwi­schen mei­nen Zin­no­ber­zei­len und Ama­rant­wor­ten, und schon sind sie in eine andere, inter­es­san­tere Geschichte ver­schwun­den.

Ein Kar­di­nal bleibt zurück. Hum­mer­rot ver­sinkt die Sonne. Die schwarze Tür ohne Knauf schlägt zu. Eine kusch­lige Stille räkelt sich im zer­wühl­ten Bett.

Wind in Sicht!, kräht der Kar­di­nal, der den Klei­der­schrank erstie­gen hat, und ich beschließe, ange­sichts die­ser absur­den Welt noch eine Weile mit dir im Arm lie­gen­zu­blei­ben.

 

367/398

The Wan­der­lust Chro­nic­les

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Ich betrete den Kor­ri­dor etwas ver­wun­dert. So etwas habe ich hier im Wald nicht erwar­tet. Es sind wei­ter hin­ten drei Türen zu sehen, eine rechts, eine links und eine, die wei­ter­führt. Neben allen erkenne ich den wei­ßen Bal­ken, das Zei­chen für den Appa­la­chen-Trail. Vorne jedoch steht ein Schreib­tisch, und es sitzt ein erns­ter Mann dahin­ter, der ein Geflecht win­zi­ger roter Äder­chen im Gesicht hat.

Er sieht mich ein wenig abschät­zig an und fragt: »Obdach­los, dro­gen­süch­tig oder auf der Suche nach Gott?« Ich bin erst ein­mal sprach­los. Was ist das hier?

»Das brau­chen wir für die Sta­tis­tik, junge Frau. Also?« Noch immer bin ich ver­wirrt. »Haben Sie eine Woh­nung?«, fragt der Mann lang­sam, jedes ein­zelne Wort beto­nend.

»Ja, natür­lich. Nein, der­zeit … Ich habe für die Zeit auf dem Trail meine Woh­nung unter­ver­mie­tet.«

»Aha«, sagt der Mann, »und wie steht es mit Dro­gen bei Ihnen?«

»Hören Sie«, sage ich, denn inzwi­schen habe ich mich wie­der etwas gefan­gen, »ist das alles, was Sie an Kate­go­rien haben? Ich bin hier, weil ich an der fri­schen Luft sein will, weil ich ein­fach mal raus muss aus dem All­tag, weg von der Zivi­li­sa­tion, nur mit mir allein und der Natur und den 3500 Kilo­me­tern bis zum Mount Katah­din.«

Der Mann nickt: »Das höre ich oft. Damit zäh­len Sie zu den Gott­su­chern.«

»Ich denke, nicht«, pro­tes­tiere ich.

»Ich denke, schon«, ant­wor­tet der Mann, ohne mit der Wim­per zu zucken, »und wie steht es nun mit Dro­gen?«

»Hören Sie: die Stra­pa­zen, die fri­sche Luft, das Allein­sein, falls man wie ich alleine wan­dert, das ein­fa­che Essen aus dem eige­nen Ruck­sack, der Ner­ven­kit­zel bei der Begeg­nung mit Schwarz­bä­ren, und, wenn man es zu einem Aus­sichts­punkt geschafft hat, das über­wäl­ti­gende Pan­orama – wer braucht da schon noch irgend­wel­che …« – »Dro­gen, dachte ich es mir doch.«

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er jetzt regis­triert hat, dass ich dro­gen­frei bin, oder ob er mich für einen ganz gewief­ten Jun­kie hält. Ich bli­cke auf seine Hände. Sie lie­gen ruhig auf dem blan­ken Holz­tisch. Kein Stift, kein Papier.

»Wir haben Licht­schran­ken, die die Zäh­lung durch­füh­ren«, sagt er. »Sie kön­nen dann wei­ter­ge­hen, danke.«

»Links oder rechts«, frage ich. Er schüt­telt den Kopf: »Nein, nein, das sind nur Attrap­pen. Gehen Sie ein­fach gera­de­aus wei­ter.« Das tue ich, obwohl mir noch einige kri­ti­sche Fra­gen in den Sinn kom­men. Egal. Bloß wei­ter. Ich achte nicht mal dar­auf, ob ich wirk­lich durch eine Licht­schranke laufe.

Hin­ter der Tür erwar­tet mich wie­der der unbe­rührte Wald und der stei­nige Pfad, der sich durch vier­zehn Bun­des­staa­ten der USA nach Nor­den zieht und von dem schon nahezu ein Drit­tel hin­ter mir liegt. Ich nehme einen tie­fen Atem­zug und ver­falle wie­der in mei­nen Wan­de­rerschritt. Als die Sonne ein­mal kurz hin­ter den Wol­ken her­vor­lugt, ist es, als scheine sie mir direkt in mein Herz.

Abends errei­che ich die nächste Lodge. Hier brennt längst ein Lager­feuer, und zahl­rei­che Hiker haben sich darum ver­sam­melt, auch einige, denen ich noch nicht begeg­net bin. Ich werde mit einem Hallo begrüßt und erzähle gleich ent­rüs­tet von die­ser blöd­sin­ni­gen sta­tis­ti­schen Erhe­bung auf dem Trail, merke aber schnell, dass die ande­ren mich stirn­run­zelnd anse­hen. Ist denn sonst nie­mand in die­sen Kor­ri­dor gera­ten? Offen­bar nicht. Eigen­ar­tig. Nach­dem ich das Plumps­klo hin­ter der Lodge auf­ge­sucht habe, ver­ziehe ich mich ein Stück weit weg, um mein Zelt auf­zu­schla­gen. Ich schlafe unru­hig. Ob ich von Bären oder Sta­tis­ti­kern träume, weiß ich am nächs­ten Mor­gen nicht mehr. Auch nicht, ob ich mir die ganze Sache nicht viel­leicht doch ein­ge­bil­det habe. Als ich nach mei­nem fru­ga­len Früh­stück zusam­men­pa­cke, taucht ein Back­pa­cker auf, den ich nicht kenne.

»Du hast doch da ges­tern von die­ser sta­tis­ti­schen Erhe­bung auf dem Trail erzählt …« Ich nicke. Was will er von mir? Ist das seine Tour, Kon­takt zu knüp­fen, um nicht allein wan­dern zu müs­sen?

»Fan­dest du nicht auch selt­sam, dass die uns Wan­de­rer mit Licht­schran­ken in Grup­pen ein­tei­len wol­len, aber es gibt nur eine funk­tio­nie­rende Tür?«

Das hatte ich nicht erzählt. Also war er auch in dem Kor­ri­dor. Hey, viel­leicht laufe ich meine 30 Tages­ki­lo­me­ter zur Abwechs­lung ja mal nicht allein? Wie die meis­ten Män­ner auf dem Trail spart er sich das Rasie­ren und lässt sich einen Bart wach­sen. Steht ihm.

»Wie ist dein Name?«, frage ich. Jeder Hiker hier auf dem Trail bekommt frü­her oder spä­ter einen Trail-Namen ver­passt. »Mil­que­toast«, sagt er und lächelt säu­er­lich, »wegen einer Bären­be­geg­nung in New Jer­sey.«

»Oh, wirk­lich?«, sage ich und muss ein Grin­sen unter­drü­cken, »ich selbst hab noch kei­nen Trail-Namen.«

»Doch, hast du«, sagt er, »ges­tern noch am Lager­feuer bekom­men. Die haben da bis tief in die Nacht über deine Geschichte gere­det.«

»Und was haben sie sich aus­ge­dacht?« Oh Shit, jetzt heiß ich »die Spin­ne­rin« oder womög­lich irgend­et­was in Rich­tung »die mit der Licht­schranke«.

»›Hikes-thru-cor­ri­dors‹«, sagt er und zuckt die Schul­tern, »hätte schlim­mer kom­men kön­nen.«

Wir zie­hen gemein­sam wei­ter und lachen eine Zeit­lang über den Typen im Kor­ri­dor, des­sen Job es ist, obdach­lose gott­su­chende Dro­gen­freaks zu zäh­len. Dann ver­fal­len wir in ein Schwei­gen, das die Natur, die gemein­same Anstren­gung und uns beide ein­schließt, ein sanf­tes, wort­lo­ses Ein­ver­ständ­nis dar­über, dass es eigent­lich nichts wei­ter zu sagen gibt.

 

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Fires on the Rim of the Sun

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Ich betrete den Kor­ri­dor, in dem heute eine Son­nen­fins­ter­nis zu beob­ach­ten sein wird. Des­sen Grenze ver­läuft irgendwo im Süd­pa­zi­fik. Indem ich mei­nen Fuß auf das Roll­feld von Dar­win setze, betrete ich damit auch den Son­nen­fins­ter­nis­kor­ri­dor. Ein gutes Gefühl, nach der lan­gen Reise end­lich ange­kom­men zu sein.

Meine Freunde hal­ten mich für ver­rückt. Für eine Son­nen­fins­ter­nis um die halbe Erd­ku­gel flie­gen?

Am 11. August 1999 habe ich meine dama­lige Freun­din dafür nach Karls­ruhe beglei­tet – wider­stre­bend, muss ich zuge­ben. Der Son­nen­fins­ter­nis­kor­ri­dor ver­lief damals durch Deutsch­land. Aber was soll schon so toll daran sein, dass sich die Sonne kurz ver­dun­kelt?

Wir erreich­ten eine große Wiese auf einem Hügel an einem Wald­stück. Eine Menge Publi­kum hatte sich da außer­halb des Städt­chens ver­sam­melt. Decken wur­den aus­ge­brei­tet, Pick­nick­körbe aus­ge­packt, Kin­der spiel­ten Feder­ball und war­fen Fris­bee­schei­ben, denen die Hunde hin­ter­her­lie­fen. Man zeigte sich gegen­sei­tig die Papp­bril­len mit sil­ber­ner Folie – und beschwor die Wol­ken, doch bitte aus­ein­an­der­zu­rei­ßen, um wenigs­tens im ent­schei­den­den Moment den Blick frei­zu­ge­ben.

Doch die Stoß­ge­bete fruch­te­ten nicht. Der Zeit­punkt rückte näher, es wurde zuse­hends dämm­ri­ger, mit­ten am Tag – und auch mich erfasste die eigen­ar­tige Stim­mung. Die Tiere ver­hiel­ten sich ängst­lich, und wir Men­schen ver­stumm­ten. Plötz­lich konnte ich ver­ste­hen, warum es für unsere Vor­fah­ren so wich­tig war, Son­nen­fins­ter­nisse rich­tig vor­her­zu­sa­gen, und sie rie­sige Stein­kreise und Obser­va­to­rien zu dem Zweck errich­te­ten.

Das Zwit­schern der Vögel – ich hatte es gar nicht bewusst wahr­ge­nom­men – hörte auf. Es wurde dun­kel. Jetzt ris­sen doch noch kurz die Wol­ken auf, und ich konnte wenige Augen­bli­cke lang die Korona sehen, ohne die Papp­brille mit Folie, die in die­sem Moment nicht nötig war, um die Augen zu schüt­zen. Wir, meine Liebste und ich, fass­ten uns, ohne den Blick vom Him­mel zu las­sen, an den Hän­den.

Es ist schwer zu beschrei­ben: ein beson­de­rer, ein­zig­ar­ti­ger Moment. Ein dunk­ler Schat­ten legt sich über das Land, die Natur hält inne, und ein biss­chen ist es so, als ob kurz die Zeit selbst zum Still­stand käme. Dann, eine kleine Ewig­keit spä­ter, hellt es wie­der auf, das Leben, dem kurz den Atem gestockt hatte, kehrt zurück, und es erin­nert nichts mehr daran, dass wenige Augen­bli­cke lang am hell­lich­ten Tage die Nacht her­ein­ge­bro­chen war.

Sehr viele Gele­gen­hei­ten, dies mit­zu­er­le­ben, gibt es nicht. Die Schutz­brille aus Pappe jeden­falls habe ich mir als Andenken ver­wahrt und mit nach Aus­tra­lien genom­men. Hier steht die Chance gut, dass der Him­mel wol­ken­frei sein wird, im Kakadu-Natio­nal­park, dort, wo die Welt noch ein­mal für knapp zwei Minu­ten den Atem anhal­ten wird, wenn sich der Mond vor die Sonne schiebt und ihren glü­hen­den Rand zum Vor­schein bringt.

Den Mut, meine dama­lige Freun­din zu kon­tak­tie­ren und zu fra­gen, ob sie nicht mit­kom­men möchte, brachte ich lei­der nicht auf. So fas­zi­nie­rend es war, wie sich Natur und Kos­mos ein paar Atem­züge lang berühr­ten und dies als Mensch mit­er­le­ben und bestau­nen zu dür­fen: Unver­gess­lich wurde die­ser Moment für mich, weil sich unsere Hände fan­den und ich spürte, dass sie genauso fühlte.

Viel­leicht liest sie in der Zei­tung davon oder sieht die Fins­ter­nis in den Fern­seh­nach­rich­ten und denkt an uns und die wort­lose Ver­bun­den­heit vor drei­zehn Jah­ren? Oder – das ist ver­rückt! Ist sie das nicht, die da hin­ten ihren Kof­fer vom Band nimmt?! Rena-Ida hat den glei­chen Flug genom­men, hat die ganze Zeit, all die Stun­den, mit mir im Flie­ger geses­sen, und ich hab’s nicht bemerkt!

Ich weiß nicht, was wer­den wird. Aber es wäre schön, wenn sich unsere Hände noch ein­mal so berüh­ren könn­ten, unter dem Tanz des Feu­ers auf dem Rand der Sonne.

 

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Mamih­la­pi­na­ta­pei

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»Ich betrete den Kor­ri­dor mit der Rose in der Hand«, malt sich in aller Deut­lich­keit der mond­ge­sich­tige Herr aus, der sich auf seine Ren­dez­vous immer gewis­sen­haft vor­be­rei­tet, »und klingle kurz bei ihr. Kurz, aber nicht zu kurz. Zwei­mal.« Alles ist bedacht, nichts über­lässt er dem Zufall, den er als sei­nen per­sön­li­chen Wider­sa­cher betrach­tet.

»Sie öff­net mir und freut sich über die Rose, die ich ihr zur Begrü­ßung rei­che. Im güns­ti­gen Fall ist sie bereits aus­geh­fer­tig. Sie wird die Rose aller­dings ins Was­ser stel­len wol­len.« Der mond­ge­sich­tige Herr möchte die Damen, mit denen er sich ver­ab­re­det, aus­füh­ren, aber kei­nes­falls in ihre Woh­nun­gen gehen. Es sind weni­ger mora­li­sche Beden­ken als eine dif­fuse Angst davor, die jewei­lige Dame könne sich ein Haus­tier hal­ten oder – falls dies im Vor­feld zur Spra­che kam und von der besag­ten Dame ver­neint wurde – sie könne zufäl­lig das Haus­tier einer Freun­din oder eines Fami­li­en­mit­glieds zur Pflege genom­men haben.

»Ich werde solange war­ten«, souf­fliert sich der mond­ge­sich­tige Herr, wor­auf ihn aller­dings in sei­nem Gedan­ken­spiel die Dame bit­tet, dies nicht im Trep­pen­haus, son­dern in ihrer Diele zu tun; es werde auch nicht lange dau­ern. Der Herr mas­siert sich die Schläfe. Es muss einen ande­ren Weg geben.

»Also noch mal zurück an den Anfang«, sagt er sich. Zuerst besorgt er die bei­den Thea­ter­kar­ten, dann klei­det er sich dem Anlass ent­spre­chend und par­fü­miert sich, »ein wenig beid­sei­tig am Hals, nicht jedoch über den Anflug eines Wohl­ge­ru­ches hin­aus oder gar auf­dring­lich«, um dann mit dem guten Geh­stock das Haus zu ver­las­sen und im Blu­men­la­den eine schöne und lang­stie­lige weiße Rose zu erwer­ben, mit der er an der Con­cierge vor­bei, sie »knapp und kei­nes­falls zu freund­lich oder etwa unsi­cher« grü­ßend, die Stiege zwei Stock­werke hin­auf­steigt.

Doch nun fällt ihm, seine Über­le­gun­gen abrupt unter­bre­chend, ein, dass er die ent­spre­chende Dame noch gar nicht gefragt hat, ob sie denn mit ihm ins Thea­ter gehen würde. Dies ist ein Ele­ment des gesam­ten Ablaufs der erwünsch­ten Abend­ge­stal­tung, das dem mond­ge­sich­ti­gen Herrn fast ebenso sehr miss­fällt wie der Gedanke, auf ein Haus­tier zu sto­ßen.

»Also noch mal ganz zurück an den Anfang«, sagt er sich. »Ich trete mit einem Lächeln vor die Per­son, gewin­nend, kei­nes­falls ein Grin­sen, son­dern eher fein und hin­ter­grün­dig, ent­biete ihr mei­nen Gruß und frage sie höf­lich, aber bestimmt, ob sie mir viel­leicht die Ehre erwei­sen würde, mit mir ins Thea­ter zu gehen.« Der mond­ge­sich­tige Herr hat bereits eine Auf­füh­rung ins Auge gefasst. Es ist eine Col­lage aus Stü­cken des Absur­den Thea­ters in einem klei­nen Pro­gramm­thea­ter der Stadt. Aus­ge­sucht hat er sie weni­ger des Inhalts wegen oder auf­grund des Namens des Regis­seurs, der ihm nichts sagt, als wegen des Titels Wir müs­sen drau­ßen blei­ben. Ein Anruf hat ihm bestä­tigt, dass weder Haus­tiere auf der Bühne zum Ein­satz kom­men noch Haus­tiere in Beglei­tung der Besu­cher erlaubt sind.

Spä­ter am Abend aller­dings wird die detail­lier­ten Pla­nun­gen des mond­ge­sich­ti­gen Herrn die Tat­sa­che durch­kreu­zen, dass er die Dame, auf die sich seine Über­le­gun­gen bezie­hen, noch gar nicht ken­nen­ge­lernt hat, und er wird wei­tere Vor­be­rei­tun­gen frus­tiert, aber auch ein wenig erleich­tert auf den fol­gen­den Tag ver­schie­ben.

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Still There

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Ich betrete den Kor­ri­dor mit Trä­nen in den Augen. Hier bin ich nicht mehr gewe­sen, seit ich dich ver­lo­ren habe. Ich hatte immer Angst, ich würde hier vor Wut alles zer­trüm­mern. Aber jetzt emp­finde ich ein­fach nur die ver­traute Trauer, die sich wie eine Ver­nar­bung auf mei­nem Her­zen anfühlt und bei jedem Wet­ter­um­schwung stumpf schmerzt.

Hier, in dem lan­gen Kor­ri­dor, der die bei­den Gebäu­de­teile der Biblio­thek mit­ein­an­der ver­bin­det, sind wir uns das erste Mal begeg­net. Es war kalt, weil sie hier nicht hei­zen, und du standst am Fens­ter und starr­test ver­zückt die Bäume an: Die Sonne war her­aus­ge­kom­men und ließ den kris­tal­li­sier­ten Schnee auf den Ästen magisch glit­zern. Ich trat neben dich, und du nahmst mich bei der Hand und zeig­test mir das Schim­mern des Win­ters. Doch ich blickte nur dich an, denn du hat­test da auch ein Fun­keln wie von Schnee­kris­tal­len in den Augen. Mir wurde ganz heiß davon. Da schim­merte ein Schatz, den ich unbe­dingt besit­zen musste.

Das Sofa an der Kor­ri­dor­wand, in dem wir uns so oft mit unse­ren Fund­stü­cken tra­fen und anein­an­der­ge­schmiegt drin lasen – oft einer im Buch des ande­ren – haben sie weg­ge­räumt. Es ist fort, so wie du, nur noch eine Erin­ne­rung: Es exis­tiert ein Foto von uns bei­den auf dem Sofa – mit Selbst­aus­lö­ser geschos­sen. Wir bli­cken beide ernst in unsere Lek­türe. Dabei muss­ten wir vor­her schon kichern und bra­chen, nach­dem es dann end­lich geblitzt hatte, in so lau­tes Lachen aus, dass eine Biblio­the­ka­rin her­ein­kam und nach dem Rech­ten sah.

Das Foto zeigt indes­sen nichts von dem Kichern und Lachen. Es zeigt uns zwei, wie wir uns mit stei­ner­nen Mie­nen in unsere zwei Bücher ver­tie­fen. Viel­leicht ist das mit dem Leben genauso. Es zeigt uns, wie wir die Rolle spie­len, die wir uns aus­ge­dacht haben. Es wäre schön, dich irgendwo von ferne laut­hals lachen zu hören. Aber auch trau­rig, weil ich in die­ses Geläch­ter nicht ein­stim­men kann: Anders als du bin ich noch ganz in mei­ner Rolle gefan­gen.

Drau­ßen liegt Schnee, wie damals. Die Sonne zeigt sich dies­mal nicht, son­dern ver­steckt sich hin­ter einem wat­tig-grauen Wol­ken­schleier. Aber sie ist da, muss da sein, und viel­leicht hat ja das Wis­sen, dass etwas exis­tie­ren kann, auch wenn wir es nicht sehen, zu allem geführt, was sich die Men­schen über ein Leben nach dem Tod vor­stel­len? Erle­ben zu müs­sen, wie geliebte Men­schen ster­ben, sie zu ver­mis­sen und selbst damit kon­fron­tiert zu sein, dass irgend­wann die Zeit abläuft: Könnte es sein, das dies der Grund für uns Men­schen war, uns ein Jen­seits aus­zu­den­ken, Toten­kult zu betrei­ben, Reli­gio­nen zu erfin­den und den Ver­lust gelieb­ter Men­schen mit Hilfe der täg­li­chen Arbeit, mit Luxus, Ver­gnü­gen, Dro­gen, Hob­bys, Obses­sio­nen zu ver­ges­sen und ver­drän­gen? Und erzäh­len wir uns all diese Geschich­ten, die in den unzäh­li­gen Büchern ste­hen, nicht ein­fach nur, um uns ein­zu­re­den, alles habe sei­nen Sinn und sei gut?

Ich bli­cke auf die Bäume. Der Schnee auf den Ästen ist grau. Keine Nadeira tritt neben mich. Ich weiß nicht, was ich mir davon erhofft habe, hier­her zu kom­men. Ein über­na­tür­li­ches Zei­chen? Eine innere Hei­lung? Irgend­et­was, das mir den Druck von der Brust nimmt, der immer wie­der Trä­nen in meine Augen treibt?

Mir fällt ein, dass ich ein­mal deine Lieb­lings­kaf­fee­tasse, die aus Knos­sos mit den Del­fi­nen drauf, beim Abtrock­nen fal­len ließ und sie in tau­send Split­ter zer­brach. Ich sah, wie weh dir das tat, und sagte so was wie: »Oh, ver­flixt, Naddi, ich bin untröst­lich, ehr­lich!« Du hast nur den Kopf geschüt­telt und gesagt: »Das will ich nicht hof­fen, dass du ›untröst­lich‹ bist. Das wäre schreck­lich. Wer untröst­lich ist, ist nicht bei Trost.«

Ich weiß nicht, wie man »bei Trost« ist. Du hast dich immer an den Fak­ten ori­en­tiert und genau hin­ge­se­hen: Viel­leicht ist das die Ant­wort. Wir müs­sen uns keine Geschich­ten erzäh­len, keine Mythen, kein Jen­seits, keine Wie­der­ge­burt, keine Engel und unsterb­li­chen See­len erfin­den. Wir müs­sen uns auch nicht ablen­ken. Die Sonne bleibt hin­ter den Wol­ken, es ist kalt, der Schnee ist grau, und ich bli­cke den Tat­sa­chen uner­schro­cken ins Gesicht. Die wahre Magie ist ganz schlicht: Du bist fort, aber ich bin noch hier. Das bewusst zu spü­ren ist viel­leicht das größte Geheim­nis des Seins – und womög­lich der ein­zige wirk­li­che Trost.

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Her­zens­Bre­cher

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Zeit für die Ziga­ret­ten­pause um elf. Von Nicole noch keine Spur. Ich schlen­dere schon mal Rich­tung Rau­cher­bal­kon. Plötz­lich höre ich irgendwo von ferne Schreie im Gebäude. Ein Mann brüllt kurz wie in Todes­not. Das scheint aus dem Trep­pen­haus und damit aus einem der unte­ren Stock­werke zu kom­men. Irri­tiert bleibe ich ste­hen. Eine Gestalt eilt die breite Treppe hoch. Sie trägt einen lan­gen, schwar­zen Man­tel und schwingt ein Schwert. Ich erstarre.

Er ver­schwin­det hin­ter der ers­ten Tür. Ich kenne den Mann, habe ihn heute schon gese­hen.

Wei­tere Schreie aus dem Zim­mer, in das der Mann gelau­fen ist. Frau Pät­zold? Frau Doh­len? Dann Stille. Der Mann rennt her­aus und in die nächste Tür. Immer noch stehe ich erstarrt da. Wenn er jetzt wie­der her­aus­kommt und wei­ter will, stehe ich ihm im Weg. Er hatte sich irgend­wann am Mor­gen hier oben in der höchs­ten Etage in mein Büro ver­irrt, und ich hatte ihm gesagt, wo er das For­mu­lar F‑B3T-42 bekom­men kann. Er wirkte ange­spannt, aber auch unend­lich erleich­tert.

Aus der offe­nen Tür dringt ein grau­en­haf­tes Stöh­nen. Herr Lorentz? Dann tritt der Mann hin­aus. Sein Schwert tropft. Er steht mir gegen­über. Ich spüre, dass ich unkon­trol­liert zu zit­tern beginne. Er sieht wild aus, braun­ge­brannt, schweiß­nas­ses Haar, das ihm sträh­nig ins Gesicht fällt, Bart­stop­peln am Kinn und ein fein­ge­schwun­ge­ner Mund, des­sen Lip­pen ein wenig zit­tern. Und er blickt an mir vor­bei. Ich drehe mich um. Wenige Schritte hin­ter mir steht Nicole. Sie starrt den Mann an. Tritt neben mich. Legt mir die Hand auf die Schul­ter.

»Nicht sie«, sagt sie.

Der Mann starrt sie an. Er scheint ver­blüfft, ungläu­big, fas­sungs­los, kann sei­nen Blick nicht mehr von ihr wen­den. Schließ­lich lässt er sein Schwert acht­los zu Boden fal­len. Sein Ober­kör­per beugt sich, wie von einer geheim­nis­vol­len Kraft gezo­gen, nach vorn, auf Nicole zu. Auch die kann ihren Blick nicht von sei­nem lösen. Ihre Lip­pen beben leicht. Alles um sie herum und alles, was vor­her war, scheint ver­ges­sen. Es gibt nur noch eins. Die bei­den ren­nen auf­ein­an­der zu, pral­len zusam­men, wir­beln, ver­schmel­zen, ver­gra­ben die Gesich­ter inein­an­der.

Durch die gro­ßen Fens­ter drin­gen von ferne Poli­zei­si­re­nen her­ein. Die bei­den lösen sich von­ein­an­der. »Es ist vor­bei«, höre ich die hei­sere Stimme des Man­nes. »Nein«, ant­wor­tet Nicole, »wir flie­hen. Ich habe unten ein klei­nes Auto ste­hen.« Sie bli­cken sich in die Augen. Ich kann erken­nen, wie die Ent­schei­dung in ihm arbei­tet. Dann straf­fen sich Schul­tern des Man­nes. »Wir flie­hen«, flüs­tert er hei­ser, »wir beide, du und ich.« Nicole nickt und fasst seine Hand.

Der Mann sieht zu mir. Nicole fasst seine Hand fes­ter: »Sie wird nichts ver­ra­ten.«

Der Mann nickt lang­sam. Die Poli­zei­si­re­nen nähern sich. Mit einem Ruck wen­det er sich um. Er zieht Nicole mit sich zur Treppe. Sie dreht ihren Kopf noch ein­mal zu mir. Einen Moment lang sieht es so aus, als würde sie mir zuzwin­kern.

Dann eilen beide die Treppe hinab, er mit wehen­dem Man­tel, sie mit wehen­dem Haar. Ein hüb­sches Paar: Nicole und der Frei­beu­ter.

Mir kommt ein Satz in den Sinn, den ich vor einem Jahr oder so mal in einer Zei­tung gele­sen habe und der irgend­wie bei mir hän­gen­ge­blie­ben ist. »Die Welt, in der wir leben, kann schon einen Augen­blick spä­ter nicht mehr exis­tie­ren, ein­fach so, weil irgend­ein Ver­rück­ter beschlos­sen hat, sie zu zer­stö­ren.«

Er hat ein Mas­sa­ker ange­rich­tet. Ich müsste schreien, wei­nen oder ohn­mäch­tig wer­den, aber ich stehe hier nur zit­ternd und weiß nicht, was ich den­ken soll. Mit quiet­schen­den Rei­fen hal­ten jetzt Poli­zei­wa­gen vor dem Gebäude. Schaf­fen es Nicole und ihr Kor­sar, zu flie­hen, der Poli­zei zu ent­kom­men, uner­kannt das Land zu ver­las­sen und irgendwo in der Fremde noch ein­mal ganz neu anzu­fan­gen? Oder muss ich hof­fen, dass der Kil­ler gefasst wird und für seine grau­same, sinn­lose Tat ein Leben lang hin­ter Git­ter kommt?

Und was ist mit mir? Sie wer­den mich befra­gen. Viel­leicht bin ich sogar die ein­zige Über­le­bende im gan­zen Amt. Ich werde in die Zei­tung kom­men und viel­leicht sogar zu Talk­shows ein­ge­la­den, Spie­gel TV, Lanz, Maisch­ber­ger … Bestimmt werde ich hau­fen­weise Briefe bekom­men von Män­nern, die sich in mein Bild ver­lie­ben und mir schrei­ben, sie könn­ten mir hel­fen, mein Trauma zu über­win­den.

Poli­zis­ten eilen mit gezo­ge­nen Pis­to­len die Treppe hoch. Also haben sie ihn nicht erwischt. »Wir haben hier eine Über­le­bende!«, ruft einer.

»Sind Sie ver­letzt?«, fragt er, als er her­an­ge­tre­ten ist, mit Blick auf das blu­tige Schwert am Boden. Wei­tere Poli­zis­ten strö­men her­auf, ver­tei­len sich auf die Zim­mer. Ich schüttle den Kopf. »Wis­sen Sie, wer die­ses Blut­bad ange­rich­tet hat? Haben Sie irgend­was gese­hen?«, fragt er wei­ter. Wie­der schüttle ich den Kopf.

Und doch: Ich habe etwas gese­hen. Ein Bild, das mir nie wie­der aus dem Sinn gehen wird: Nicole, wie sie im Weg­ren­nen den Kopf zu mir dreht und mir zuzwin­kert, ange­spannt, ernst, gefasst, aber auch unend­lich erleich­tert.

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Into Chal­len­ging Cir­cum­s­tances

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Wohin hat mich die Reise auf die Rück­seite der Zeit und zurück dies­mal geführt? Ich bin erschöpft und fühle mich leer und kraft­los. »Wir sind Wan­de­rer«, hatte Kte­phaim gesagt, als er mich in ihre Rei­hen auf­nahm. Aber irgend­wann braucht auch der kräf­tigste Wan­de­rer eine Rast.

Ich bin in einem Innen­raum mit Fens­tern. Von drau­ßen dringt ein bestän­di­ges Brau­sen und Rau­schen zu mir, und es huschen Lich­ter durch den Raum: Sie rasen zu bei­den Sei­ten an mir vor­bei, weiß auf der einen, rot auf der ande­ren Seite – ein Heer rasen­der Maschi­nen, hin­ter dem ich auf einer Seite im letz­ten Schein der unter­ge­gan­ge­nen Sonne Bäume erken­nen kann.

Obwohl mir der Lärm, die Lich­ter und die unzäh­li­gen an mir vor­beib­rau­sen­den Maschi­nen sehr fremd­ar­tig und furcht­ein­flö­ßend vor­kom­men, weiß ich auf eine selt­same Weise, dass das alles keine unmit­tel­bare Gefahr für mich dar­stellt. Begriffe kom­men mir in den Sinn, die mir die bizarre Sze­ne­rie erklä­ren, auch wenn ich nicht sagen könnte, woher: Die lär­men­den Maschi­nen sind Fahr­zeuge, zum Trans­port von Men­schen und Las­ten gedacht, und in genau so einer Maschine befinde ich mich hier, auch wenn diese hier still dasteht. Durch das größte der Fens­ter auf der Schmal­seite des Fahr­zeugs sehe ich wei­tere große Maschi­nen, Bau­ma­schi­nen – und Gestal­ten, die leuch­tende Klei­dung tra­gen und im Schein gro­ßer Lich­ter, die auf Stel­zen ste­hen, geheim­nis­vol­len Tätig­kei­ten nach­ge­hen.

Auf den Sit­zen vorne ent­de­cke ich eine zusam­men­ge­krümmte Gestalt, und noch bevor ich sie erkenne, durch­strömt mich ein Glücks­ge­fühl: Enra-daí! Sie blickt auf, als ich ihren Namen flüs­tere, wirkt ver­stört und ver­ängs­tigt, erkennt mich dann aller­dings.

»Criph? Du bist mir gefolgt. Aber wie kann das sein?«

Sie ist um kei­nen Tag geal­tert, seit wir uns das letzte Mal gese­hen haben. Ich bli­cke ihr in die Augen, die wil­den Augen, deren Blick mich in mei­ner Erin­ne­rung all die Jahre lang nie los­ge­las­sen hat.

»Wir sind gefan­gen«, erklärt sie mir, und ich sehe, dass sie geweint hat. »Man kann hin­durch­se­hen, aber es ist ein Gefäng­nis. Und da drau­ßen …« Sie umklam­mert meine Hand.

»Das ist Glas«, sage ich, »es schützt gegen Wind.«

Im Blick Enra-daís spie­gelt sich Unver­ständ­nis, als ich die Hand hebe und gegen eine der Schei­ben klopfe. »Dies ist ein Fahr­zeug, das Arbei­ter trans­por­tiert.«

Aber letzt­lich bin ich es, den sie ungläu­big anstarrt. »Was ist mit dir? Du bist älter, viel älter gewor­den. Du bist jetzt … kein Kind mehr!«

Ich nicke. »Seit wir uns das letzte Mal gese­hen haben, habe ich viele und weite Rei­sen unter­nom­men.«

Sie streicht mir sanft über die lange Narbe am Hals. »Muss­test du kämp­fen?« Enra-daí sieht mich vol­ler Mit­ge­fühl an. »Warst du oft auf der Rück­seite der Zeit?«, fragt sie. Meine Ant­wort, »etwa ein Dut­zend Mal«, macht sie einen Augen­blick lang sprach­los. Sie bemerkt, dass sie immer noch meine Hand umklam­mert, und lässt los. »Ich weiß von kei­nem Wan­de­rer, der so oft gereist wäre. Ich selbst bin sechs­mal gereist. Kämp­fen musste ich nie. Meist brauch­ten sie da eine Hei­le­rin. Jetzt aller­dings, glaube ich, hat mich die Kraft für die Rei­sen ver­las­sen – und das gerade hier im Hete­mit.«

»Hete­mit?«

»Glaubst du nicht, dass es das Reich von Ammit, der Toten­fres­se­rin, ist?«

Ich schüttle den Kopf: »Das hier ist eine« – mei­ner Zunge fällt die Aus­spra­che schwer – »Auto­bahn­bau­stelle. Und wir soll­ten hier ver­schwin­den, bevor wir ent­deckt wer­den.«

Genauso, wie mir auf rät­sel­hafte Weise Begriffe und Zusam­men­hänge ins Bewusst­sein kom­men, »erin­nere« ich mich auch daran, wie ich mit den Din­gen umge­hen kann: Ich öffne die Schie­be­tür des Klein­bus­ses. Enra-daí schreit auf und kau­ert sich zit­ternd zusam­men: Das Brau­sen der vor­über­ra­sen­den Autos erreicht uns jetzt unge­dämpft.

»Keine Angst. Sie blei­ben in ihrer Spur.« Ich fasse Enra-daí an der Hand und ziehe sie bis zur Bau­stel­len­ab­sper­rung, warte eine Lücke im Strom der Fahr­zeuge ab, und renne mit ihr zur ande­ren Seite. Ein Tank­last­zug don­nert auf uns zu und hupt. Doch wir sind schnel­ler.

Nach weni­gen Metern über­win­den wir einen Wild­zaun und tau­chen in den dunk­len Wald. Bald sind die Geräu­sche der Auto­bahn nur noch ein fer­nes Rau­schen. Enra-daí beru­higt sich. Auf einer Lich­tung blei­ben wir ste­hen. Im silb­ri­gen Licht der Sterne und der schma­len Mond­si­chel sieht sie wun­der­schön aus. Sie bemerkt mei­nen Blick.

»Eben warst du noch ein Junge, und jetzt …«

Ich packe sie an den Schul­tern und ziehe sie sanft zu mir hin. Wir küs­sen uns, inein­an­der ver­schlun­gen mit unse­ren Mün­dern, unse­ren Lei­bern, See­len und Leben. Ich bin heim­ge­kom­men.

»Criph …«, sagt sie schließ­lich und schmiegt sich an mich. Wie beglü­ckend es ist, sie im Arm hal­ten zu kön­nen!

»Wie … hast du mich gefun­den?«

Ich bli­cke ihr in die Augen. »Nicht ich. Das Schick­sal. Die Sehn­sucht. Hast du dich nie gefragt, wer oder was uns zu unse­ren Auf­ga­ben schickt?«

»Die Göt­ter«, meint sie mit erns­tem Blick.

Ich muss lächeln. »Viel­leicht sind wir es selbst, mit unse­rer Sehn­sucht.« Enra-daí ver­sucht, mein Lächeln zu erwi­dern, ver­steht aber offen­sicht­lich nicht, wovon ich rede. »Die Völ­ker, zu denen mich meine Reise geführt haben, sehn­ten sich nach etwas. Nach Ret­tung viel­leicht, oder nach Hei­lung, man­che nach Frei­heit oder Erkennt­nis.«

»Oder Glück.«

Ich nicke. »Und mehr als nach allem ande­ren sehnte ich mich nach dir.«

Ihr tre­ten die Trä­nen in die Augen. »Ich hatte noch gar nicht die Zeit, mich nach dir zu seh­nen.«

Ich muss wie­der lächeln, und mein Herz hüpft vor Freude, dass sie das sagt.

Wenig spä­ter lau­fen wir einen Wald­weg ent­lang, der durch gelbe Kreuze auf den Bäu­men gekenn­zeich­net ist. Enra-daí hält meine Hand, als ob sie mich nie mehr los­las­sen wollte.

»Was ist das für eine Welt? Du warst schon ein­mal hier?«

»Nein. Aber es ist, als würde ich mich an alles erin­nern, als würde ich das alles schon ken­nen. Es ist eigen­ar­tig.«

»Ich finde es beängs­ti­gend. Wer sol­che Maschi­nen baut, muss unge­heure Macht besit­zen – wie dein Volk, Criph, das so sei­nen Unter­gang her­auf­be­schwo­ren hat. Meinst du, die­ses Volk hier hat Sehn­sucht nach uns?«

Der Weg vor uns teilt sich. Ich folge dem mit den gel­ben Kreu­zen.

»Meinst du«, fragt sie wei­ter, »sie seh­nen sich nach Ret­tung oder Hei­lung? Und da haben die Göt­ter uns beide hier­her­ge­schickt?«

»Ich weiß es nicht. Viel­leicht hast du recht. Viel­leicht erwar­tet uns hier eine Auf­gabe, die wir nur gemein­sam bewäl­ti­gen kön­nen, eine Auf­gabe, die Kampf­geist und Für­sorge erfor­dert.«

Eine Weile gehen wir schwei­gend neben­ein­an­der her.

»Kampf­geist und Für­sorge«, wie­der­holt sie flüs­ternd.

»Die Wan­de­run­gen«, sage ich, »haben uns immer an den rich­ti­gen Ort gebracht. Auch wenn wir manch­mal nicht gleich wuss­ten, wel­che Auf­gabe uns erwar­tet.«

Sie nickt: »Weißt du es dies­mal?« Sie sieht ver­lo­ren aus, wäh­rend sie das sagt, und gleich­zei­tig unend­lich glück­lich.

»Zumin­dest«, sage ich, »weiß ich dies.« Und küsse sie.