Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Romanze

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Das Titelbild zeigt einen langen, gewölbten Gang mit Steinboden, gesäumt von Regalen voller Bücher und verstreuten Papierseiten, beleuchtet von vielen kleinen, schwebenden Lichtpunkten.

♫ Vonarn­eisti ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist der Kor­ri­dor mei­ner Erin­ne­run­gen. Hier sta­peln sich Orte, Erleb­nisse, Anek­do­ten, Bücher, Gesprä­che, Gefühle, und es lie­gen jede Menge halb­gare Ideen herum.

Mein Blick fällt auf die Zei­ten mit dir: Sie schim­mern und fun­keln geheim­nis­voll, als leuch­te­ten sie aus sich selbst her­aus. Ich wende mich um. Ich bin gerne hier, aber blei­ben möchte ich nicht. Es ist noch Platz im Kor­ri­dor. Neue Erin­ne­run­gen sol­len her. Und am liebs­ten noch mehr mit dir.

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♫ Love in Times of Blitz and Bli­the ♫


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Love in Times of Blitz and Bli­the

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Ich betrete den – Kor­ri­dor ist hier viel­leicht das fal­sche Wort, da es nahe­legt, die­ser Gang sei dafür da, dass Men­schen ihn benut­zen. Das würde ich in die­sem Falle zwar gerne glau­ben, aber tat­säch­lich ist das bei einem Kanal oder genauer: einem Abwas­ser­ka­nal nicht der Fall. Es ist ein manns­ho­her, gemau­er­ter Tun­nel, in den von bei­den Sei­ten wei­tere Kanäle mün­den – ein Tun­nel­sys­tem unter der Stadt.

Ein toter mensch­li­cher Kör­per mag sich, je nach den äuße­ren Umstän­den, in weni­gen Wochen oder Mona­ten zer­set­zen – beim Meta­bo­lis­mus einer Stadt aus Stein, Metall, Glas und dem künst­li­chen Stoff der Dama­li­gen gehen Jahr­hun­derte oder Jahr­tau­sende ins Land, bis die Natur sich voll­ends zurück­er­obert hat, was der Mensch ihr abge­run­gen hatte.

Sie nen­nen uns Lei­chen­fled­de­rer – und tat­säch­lich ver­glei­chen wir das Objekt unse­rer Unter­su­chun­gen gerne mit einem Kör­per, einem mensch­li­chen Kör­per. Da die Stadt seit lan­ger Zeit ver­las­sen ist, han­delt es sich um einen toten Kör­per. Eigent­lich füh­ren wir wie Patho­lo­gen eine Obduk­tion durch, nur dass wir nicht nach der Todes­ur­sa­che for­schen. Die liegt auf der Hand. Wir for­schen nach klei­nen Orga­nen der Stadt, die viel­leicht noch von Nut­zen sind.

Das Kanal­sys­tem der Stadt, mein Fach­ge­biet, stellt ihr Aus­schei­dungs­or­gan dar. Durch ihre tief in der Erde ver­bor­ge­nen Gedärme fließt schon lange kein Abwas­ser mehr. Des­halb stinkt es hier auch nicht, wie man­che viel­leicht mei­nen, die ange­sichts mei­ner Auf­gabe die Nase rümp­fen. Ich bin nicht sehr ange­se­hen unter mei­nen Leu­ten, ich weiß. Aber ich nehme meine Auf­gabe ernst und gebe mein Bes­tes.

Es ist immer das­selbe. Nach einem lan­gen Fuß­marsch sind wir plötz­lich da, der ganze Trupp. Uns bie­tet sich kein Wider­stand – von Schling­pflan­zen und ein­sturz­ge­fähr­de­ten Bau­ten abge­se­hen. Wir fal­len lär­mend in die meist toten­still dalie­gende Stadt ein, errei­chen ihr Zen­trum, ver­tei­len uns vor dort aus, jeder mit sei­ner per­sön­li­chen Auf­gabe betraut. Wenige Stun­den spä­ter sam­meln wir uns wie­der auf dem Haupt­platz, und schon wenig spä­ter liegt die ver­fal­lene Stadt wie­der tot da, und es ist, als seien wir nie dort gewe­sen.

Einem leben­den Kör­per muss Luft und Nah­rung zuge­führt wer­den. Ner­ven­bah­nen, Adern und ein Lymph­sys­tem durch­zie­hen ihn. Die Nah­rung wird ver­daut und Ener­gie wird pro­du­ziert, die in Tätig­kei­ten und Kom­mu­ni­ka­tion umge­setzt wird. Ein Immun­sys­tem und ver­schie­dene Repa­ra­turme­cha­nis­men weh­ren Feinde ab und hal­ten Ver­fall, Ver­schleiß und unkon­trol­lier­ten Wild­wuchs auf, wo immer und wie lange das eben mög­lich ist.

All dies galt auch für die gro­ßen Städte. Wir haben uns, in Anleh­nung an Hei­ler, die damals mit den ver­schie­de­nen Orga­nen und Sys­te­men im mensch­li­chen Meta­bo­lis­mus betraut waren, Namen gege­ben, Spitz­na­men, die sich auf unser jewei­li­ges Spe­zi­al­ge­biet bezie­hen. Ich bin der »Prok­to­loge«.

Die alten Städte gel­ten als ver­fluchte Orte, und ein wenig färbt das auf uns, die Toten­be­schauer, ab. Wir sind Aus­ge­sto­ßene, und es heißt, wir ste­hen mit Dämo­nen im Bunde. Des­halb sind wir gezwun­gen, unter uns zu blei­ben. Manch­mal rau­ben wir Frauen. Auch ich komme lang­sam in das Alter, in dem ich eine Fami­lie grün­den sollte. Ich habe mein Auge auf die »Neu­ro­lo­gin« gewor­fen. Aber wie soll ich ihr impo­nie­ren? Ich müsste dafür einen bedeu­ten­den Fund machen. Doch was lässt sich hier in den Abwäs­ser­ka­nä­len schon ent­de­cken?

Wir suchen beson­dere Arte­fakte, Dinge, deren Bedeu­tung wir nicht ken­nen, Gegen­stände, deren Sinn für uns im Dun­keln liegt. Aus jeder Stadt neh­men wir nur ein ein­zi­ges die­ser Objekte mit und schaf­fen es, oft auf gefahr­vol­len Wegen und unter gro­ßen Mühen, zurück in unsere Fes­tung. Dort haben wir im Berg ein rie­si­ges unter­ir­di­sches Museum ange­legt, in dem diese Dinge, beschrif­tet jeweils mit der Stadt, aus der sie stam­men, aus­ge­stellt wer­den – und nie­mand außer uns weiß davon.

Auch wenn alle ande­ren uns für Plün­de­rer hal­ten und mit schlim­men Schimpf­wor­ten bele­gen: Eigent­lich sind wir Bewah­rer und haben eine große Hoch­ach­tung vor den toten Städ­ten und ihren eins­ti­gen Bewoh­nern, den Schöp­fern all die­ser ebenso wun­der­ba­ren wie rät­sel­haf­ten Gerät­schaf­ten, die unsere Expe­di­tio­nen zutage för­dern.

Ich laufe jetzt schon viele Stun­den lang durch die Kanäle. Es wird Zeit für mich, zurück­zu­keh­ren. Mein untrüg­li­cher Ori­en­tie­rungs­sinn ist der Grund dafür, dass mir die Auf­gabe zufällt, die Abflüsse und Kata­kom­ben der toten Städte zu durch­strei­fen. Noch nie habe ich mich ver­irrt, und selbst wenn meine Fackel ver­lö­schen sollte, würde ich zurück­fin­den.

Da! Ich ent­de­cke etwas im fla­ckern­den Licht, dass ich auf dem Hin­weg über­se­hen haben muss. Es ist ein Metall­ge­stänge, das an einer Seite eine Art Hal­te­griff aus einem der künst­li­chen Stoffe der Dama­li­gen besitzt: Er ist schwarz, nach­gie­big und fühlt sich ange­nehm an, fast so, wie ich mir die Haut einer Frau vor­stelle. Ich richte das Gestänge auf, so dass es mit zwei kur­zen Quer­stan­gen fest auf dem Boden steht – ähn­lich wie bei einem der räder­ge­trie­be­nen Gefährte, wel­che die Dama­li­gen mit Peda­len ange­trie­ben haben. Nur gibt es hier weder Räder noch einen Sat­tel. Den­noch sieht das Gerät aus, als könne man es bestei­gen: Unten befin­den sich, neben­ein­an­der befes­tigt, zwei Platt­for­men, etwas grö­ßer als meine Füße. Offen­bar kann man hin­auf­stei­gen, wäh­rend am sich an dem hoch­ra­gen­den Griff fest­hält, um dar­auf zu ste­hen. Ich bin auf­ge­regt, denn so etwas habe ich noch nie gese­hen. Ist es gefähr­lich? Todes­mu­tig steige ich auf die zwei Tritt­bret­ter. Vor Schreck stockt mir kurz der Atem: Sie bewe­gen sich – das eine kippt weg, und gleich­zei­tig drückt es das andere nach oben. Das Gestänge knirscht. Nun belaste ich den Fuß, der hoch­ge­drückt wurde, und seine Platt­form senkt sich lang­sam und schwer­gän­gig, wäh­rend nun der andere Fuß nach oben schwingt.

Ich kann auf dem Gerät lau­fen, auf der Stelle lau­fen! Eigen­ar­tig. Und ein guter Fund. Denn der Sinn die­ser Vor­rich­tung ist mir völ­lig schlei­er­haft.

Sie ist schwer. Ich schul­tere sie und mache mich auf den Weg zu unse­rem Treff­punkt. Es macht mich stolz, ein­mal etwas von mei­nen Streif­zü­gen mit­brin­gen zu kön­nen.

Unser Ältes­ter begut­ach­tet die Fund­stü­cke. Lange bleibt er vor mei­nem Arte­fakt ste­hen. Dann bedeu­tet er mir, es vor­zu­füh­ren. Ich steige auf die Platt­for­men und bewege sie lang­sam mit den Füßen, indem ich mein Gewicht ver­la­gere. Es knirscht, als ich beginne, auf der Stelle zu lau­fen, so als ob ich eine Treppe hin­auf­stei­gen würde. Ich höre ein Rau­nen von den ande­ren, aber habe nur Augen für die Neu­ro­lo­gin, die mich und das Gerät mit erstaun­ten Bli­cken bedenkt – und lächelt, als der Älteste seine Wahl trifft. Sie lächelt mich an! Ich steige ab und fühle mich, als würde ich schwe­ben.

Unser Ältes­ter fer­tigt in der toten Spra­che und Schrift eine kleine Tafel an, die ich an mei­nem Fund befes­ti­gen darf. »Ber­lin«. Wir bre­chen auf. Die Neu­ro­lo­gin hilft mir, das Arte­fakt zu tra­gen. Am Tuscheln der ande­ren bemerke ich, dass ihnen nicht ver­bor­gen geblie­ben ist, für wen unter uns sie sich ent­schie­den hat. Für den »Prok­to­lo­gen« – wer hätte das gedacht?

Ich jeden­falls trage stolz mit ihr das Gerät, mit dem man auf der Stelle lau­fen kann. Wir haben noch einen wei­ten Weg vor uns, aber ich fühle mich leicht und vol­ler Taten­drang. Ich habe ein Muse­ums­stück gefun­den – und eine Gefähr­tin!

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♫ Begui­led (and Loving It) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen den Stau­den­ge­wäch­sen und Zier­bäu­men. In unse­rem Frei­ge­lände kön­nen sich Pflan­zen­lieb­ha­ber fast jeden Wunsch erfül­len. Von See­ro­sen bis zu Rabat­ten­stau­den prä­sen­tiert sich ihnen unser Ange­bot wuchs­freu­dig, blü­hend und ganz in Saft und Kraft ste­hend. Die Pflege des umfang­rei­chen Bestands ist für uns Mit­ar­bei­ter im Gar­ten­markt eine ziem­li­che Her­ku­les­auf­gabe. Trotz­dem habe ich wäh­rend mei­nes Prak­ti­kums immer wie­der Zeit gefun­den, stau­nend zu beob­ach­ten, wie die Pflan­zen ihre Käu­fer fin­den.

Die Kun­den strei­fen umher und begut­ach­ten unser Ange­bot, und dann irgend­wann macht es Klick, und eine der Pflan­zen hat ein neues Heim und einen neuen Besit­zer gefun­den. Ob es irgend­et­was Che­mi­sches ist, Phe­ro­mone viel­leicht, oder ob es eine Form von Magie ist, habe ich noch nicht her­aus­fin­den kön­nen. Zwar glau­ben die Heim­gärt­ner und Lau­ben­pie­per, sie wären es, die hier die Wahl tref­fen, aber in Wahr­heit haben sie kei­ner­lei Kon­trolle über ihren Ein­kauf und ste­hen ganz im Bann der Blu­men, Stau­den und Zier­ge­hölze, die sich ihnen auf­drän­gen. Wobei diese durch­aus wäh­le­risch sind. Und, ja, es gibt auch Kun­den, die abso­lut unemp­fäng­lich sind für die Signale der Bota­nik und ein­fach ein­pa­cken, was auf ihrem Ein­kaufs­zet­tel steht. Doch die sind sel­ten.

Ein fet­ter Mann, der seine Rest­haare auf die Glatze gekämmt hat, schiebt sei­nen Ein­kaufs­wa­gen zwi­schen den Palet­ten durch. Er lässt sei­nen Blick schwei­fen und rollt gemäch­lich am Blau­glo­cken­baum vor­bei. Im Wagen hat er einen Zim­mer­spring­brun­nen mit Dra­chen­baum und Zwerg­pfef­fer. Ich als Pflanze würde mich jetzt klein und unschein­bar machen und ihn vor­bei­fah­ren las­sen – wer ein wei­ßes T‑Shirt anzieht, das sich über den Bauch spannt und zahl­rei­che Fle­cken zwei­fel­haf­ter Her­kunft auf­weist, wird auch seine Pflan­zen nicht rich­tig pfle­gen.

Er hält an und nimmt den Blau­glo­cken­baum in Augen­schein. Ich beob­achte ihn zwi­schen den Ästen der Har­le­kin­weide hin­durch. Was will er mit unse­rer Pau­low­nia? Sie sieht ein wenig küm­mer­lich aus, ein paar der Blät­ter sind bräun­lich ver­färbt, als leide sie unter Pilz­be­fall. Nie­mand inter­es­siert sich für sie. Schon seit Mona­ten steht sie unbe­ach­tet auf der Palette neben dem Gold­li­gus­ter: ein ech­ter Laden­hü­ter. Aber der Dicke packt sie doch tat­säch­lich in sei­nen Wagen. Ich eile sofort hin.

»Ken­nen Sie sich mit der Pflege einer Pau­low­nia aus? Sie ist sehr kapri­ziös.« Das soll ihn abschre­cken. Doch der Kerl brummt nur und schiebt sei­nen Wagen wei­ter. Ich folge ihm.

»Oh, sehen Sie nur. Sie ist krank. War­ten Sie, ich che­cke mal in unse­rem Bestand, ob ich nicht ein ande­res Exem­plar für Sie habe.« Wir haben kei­nes, das muss ich nicht erst che­cken, aber ich kann ihm bestimmt einen Trom­pe­ten­baum unter­ju­beln, die wer­den oft mit der Blau­glo­cke ver­wech­selt. Doch der fette Glatz­kopf schüt­telt unwirsch den Kopf und reißt mir den Plas­tik­topf wie­der aus den Hän­den, setzt ihn neben sei­nem Zim­mer­spring­brun­nen, wirft Pau­low­nia einen ver­lieb­ten Blick zu und lässt mich ein­fach ste­hen.

»Ent­schul­di­gen Sie«, rufe ich ihm hin­ter­her, »die­ser Zier­baum ist bereits ver­kauft.« »Er gehört mir!«, will ich anfü­gen, doch ich sehe, dass die Toch­ter des Chefs auf mich auf­merk­sam gewor­den ist. Sie steht mit dem Was­ser­schlauch an den Sil­ber­wei­den.

Der Über­ge­wich­tige dreht sich zu mir um. Ich habe nur Augen für meine Pau­low­nia. Sie schüt­telt ihre Blät­ter und reckt sich zu ihrer gan­zen Größe auf. Sie will mich ver­las­sen. Sie will sich die­sem Dicken in sei­nem schmie­ri­gen T‑Shirt an den Hals wer­fen, will die Seine wer­den und alles in den Dreck tre­ten, was sich so behut­sam zwi­schen uns bei­den ent­wi­ckelt hatte!

Die Toch­ter des Chefs tritt zu dem Dick­wanst: »Es ist alles in Ord­nung mit dem Bäum­chen.« Dann dreht sie sich zu mir um. Sie hatte schon immer einen Kie­ker auf mich: »Ich glaube, unsere Orchi­deen müs­sen mal wie­der ein wenig ein­ge­ne­belt wer­den.« Doch ich habe bereits die große Gar­ten­schere in der Hand. Von die­sem Fett­sack lass ich mir meine Pau­low­nia nicht weg­neh­men!

Ich stürze mich wütend auf ihn. Nach einem kur­zen Hand­ge­menge und ein paar schril­len Hil­fe­schreien der Chefs­toch­ter kann ich den Mann zur Seite sto­ßen und stehe dem treu­lo­sen Zier­baum gegen­über. Mit mei­nen Hän­den an den Grif­fen öffne ich die Schere. Pau­low­nia scheint zurück­zu­wei­chen, ihre Zweige zit­tern, und sie scheint mich anzu­fle­hen, es nicht zum Äußers­ten kom­men zu las­sen. Sie will alles wie­der­gut­ma­chen, mir ein Leben lang treu blei­ben, mir zu Diens­ten sein, mir jeden Wunsch von den Lip­pen able­sen! Pah! Sie kann mich nicht mehr täu­schen …

Spä­ter habe ich erfah­ren, dass der Blitz, der in die­sem Moment auf mich her­nie­der­fuhr und mich zu Boden schleu­derte, eine der Edel­stahl­gieß­kan­nen für 94,99 Euro war, die mir die Toch­ter des Chefs über den Schä­del zog. Die Aktion brachte mir neben einer schmer­zen­den Beule und einer leich­ten Gehirn­er­schüt­te­rung natür­lich gleich auch die frist­lose Kün­di­gung ein. Meine Pau­low­nia war fort, ver­kauft, als ich wie­der zu mir kam. Der Dicke hatte sie in sei­nen Kombi gela­den und war davon­ge­fah­ren. Wegen des unan­ge­neh­men Vor­falls haben sie ihm den Baum geschenkt und mir den Kauf­preis von mei­nem Prak­ti­kan­ten­ge­halt abge­zo­gen.

Also gehört sie jetzt ganz offi­zi­ell mir, oder? Ich habe sie schließ­lich bezahlt. Und ich werde sie mir holen! Janine von der Kasse, mit der ich hin und wie­der heim­lich hin­term Treib­haus an den Kom­post­con­tai­nern geraucht hatte, hat mir den Namen und die Adresse des fet­ten Kun­den gege­ben. Der Chef hatte bei­des notie­ren las­sen, für den Fall, dass es ein Nach­spiel gibt.

Oh ja. Es wird ein Nach­spiel geben! Dies­mal habe ich die Motor­säge dabei …

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Nel mezzo del cammin di nos­tra vita

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Ich betrete den Kor­ri­dor. (Was bis­her geschah: Viele unter­schied­li­che Kor­ri­dore wer­den von diver­sen Per­so­nen bei­der­lei Geschlechts in ver­schie­de­nen Zeit­al­tern und aus man­nig­fa­chen Grün­den betre­ten.) Es hieß, ich würde dich hier fin­den. (Einige der Geschich­ten gehen gut aus, einige schlecht, viele davon sind eigent­lich kaum Geschich­ten zu nen­nen, und einige wie­derum haben ein offe­nes Ende.) Tat­säch­lich: Hin­ter eine Plas­tik­plane auf einem Gerüst sehe ich eine Sil­hou­ette. (Neben his­to­ri­schen Figu­ren, einer Hand­voll Außer­ir­di­schen, Tie­ren und nicht-phy­si­schen Wesen kom­men zahl­rei­che Ich-Erzäh­ler zu Wort, deren Iden­ti­tät zwei­fel­haft bleibt.) Ein Pin­sel bewegt sich gleich­mäßig an der Decke ent­lang – der Kor­ri­dor erhält ein fri­sches Blau. (Die Erzähl­weise wech­selt von sach­lich zu über­schwäng­lich, von doku­men­ta­risch zu mär­chen­haft und sur­rea­lis­tisch, von sprach­spie­le­risch zu exis­ten­zia­lis­tisch, und es sind Sati­ren über aktu­elle pop­kul­tu­relle Phä­no­mene dar­un­ter.) Tat­säch­lich: Du bist es, die den Pin­sel führt, hast blaue Farb­kleckse in dei­nem asch­blon­den Haar und summst selbst­ver­ges­sen unser Lied. (Für regel­mä­ßige Lese­rin­nen und Leser tun sich in die­sem frak­tal zer­split­ter­ten Blog-Roman zahl­rei­che ver­steckte Quer­ver­bin­dun­gen zwi­schen den Kor­ri­do­ren auf …) Ich nehme dich in den Arm, und du schließt beglückt die Augen. (… und in gewis­ser Weise scheint es sich um ver­schie­dene Aspekte einer Sache zu han­deln oder um Sta­tio­nen einer bestimm­ten Queste.) »Wie heißt du dies­mal?«, frage ich. (Es könnte um die Suche nach der blauen Blume, dem Gral oder dem Snark gehen, nach Glück, Liebe, Sinn, Mythos oder Erkennt­nis – und viel­leicht wird das ja im wei­te­ren Ver­lauf noch offen­bart.) »Red Naia«, gluckst du und schwingst den Pin­sel wie ein Schwert. Dem will ich nicht nach­ste­hen. Ich ent­blöße meine behaarte Brust und don­nere: »Dann bin ich Tino Urmaus, der Bar­bar!«

 

240/398

She Likes Roses

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Ich betrete den Kor­ri­dor, einen von zweien, die sich – wie mir Eda­rina per SMS ver­si­chert hat, bevor sie den zwei­ten, den Schwes­ter­kor­ri­dor betrat – irgendwo in der Unend­lich­keit tref­fen. Schnel­len Schrit­tes laufe ich voran. Nicht, dass meine Rose für sie vor­her welkt und ihre Blät­ter ver­liert!

244/398

The Key (to Hap­pi­ness?)

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Der Fas­zi­na­tion des ver­schlos­se­nen, ver­bo­te­nen Zim­mers kann ich mich ein­fach nicht ent­zie­hen. Mein Gemahl ist ver­reist und hat mir den Bund mit Schlüs­seln hin­ter­las­sen, den Schlüs­seln, die mir Zutritt zu allen Sälen, Zim­mern, Keme­na­ten und Kam­mern im Schloss gewäh­ren. Nur die­ses eine Zim­mer soll ich mei­den, sonst ziehe ich mir, hat er mir ange­droht, sei­nen Zorn zu. Aber die Neu­gier ist über­mäch­tig.

Die Tür ist klein, ihr Holz dun­kel. Warum sollte ich nicht hin­ein­dür­fen? Ich bin doch die Frau Baro­nin, die Schloss­her­rin. Dies alles hier gehört jetzt auch mir! Eine Stimme mel­det sich in mei­nem Kopf, als ich aus­pro­biere, ob der Schlüs­sel über­haupt passt: Was ist mit den Frauen vor mir pas­siert, auch sie Schloss­her­rin­nen, auch sie mög­li­cher­weise allein im Schloss, als der Baron auf Rei­sen war? Sie sind ver­schwun­den. Wohin?

Der Schlüs­sel passt. Die Tür knarrt leise. Ich bli­cke mich um. Steht mein Gemahl, der Baron, in einer der Nischen und beob­ach­tet mich? Nein. Der Kor­ri­dor ist leer. Ich bin allein.

Jetzt ist die Tür auf­ge­sperrt. Ich lege meine Hand auf die Klinke. »… sonst wird mein Zorn über dich kom­men!«, hat er gedroht, er, mein Gemahl, der doch sonst so über­aus sanft und zuvor­kom­mend ist. Er wird mir doch wohl kein Leid zufü­gen, nur weil ich auch die­sen Raum in mei­nem neuen Heim inspi­ziert habe. Viel­leicht erwar­tet er sogar genau das von mir? Die Klinke ist kühl. Ich drü­cke sie her­un­ter.

Er hatte mich gefragt, ob ich neu­gie­rig bin. Das war, als er mich mit Geschen­ken über­häufte, um mich davon zu über­zeu­gen, dass er der Rich­tige ist – wenn auch schon ein wenig alt und unan­sehn­lich. Und trotz der Dinge, die man sich über ihn und seine Ehe­frauen erzählt, eroberte er schließ­lich mein Herz, und ich sagte Ja. Das hatte ich damals auch auf seine Frage nach der Neu­gier geant­wor­tet. Er hatte genickt und »Gut, gut« gemur­melt.

Die Tür steht schon einen Spalt weit offen. Gleich werde ich wis­sen, was sich hin­ter ihr ver­birgt. Obwohl ich eigent­lich ver­spro­chen habe, sie nicht zu öff­nen. Aber er wird es ja nicht erfah­ren! Den­noch: Will ich von nun an mit dem Wis­sen leben, ihn betro­gen und belo­gen zu haben, unsere noch so junge Ehe damit belas­ten, ihn zu hin­ter­ge­hen? Ich ziehe die Tür wie­der zu, lasse das Schloss ein­ras­ten, drehe den Schlüs­sel herum und ziehe ihn her­aus.

Es soll keine Lügen und Heim­lich­kei­ten zwi­schen uns geben. Ich werde ihn ein­fach nach dem Zim­mer fra­gen, wenn er wie­der heim­kommt. Er wird mir sagen, was hin­ter der Tür ist und warum ich sie nicht öff­nen sollte, und dies wird eines der Mär­chen wer­den, die glück­lich aus­ge­hen: »Und wenn sie nicht gestor­ben sind …«

 

266/398

Mo ghra mo bhea­tha (A Mello Romance)

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Mein Herz klopft wild, mein Busen bebt. Wer­den meine geheims­ten Wün­sche Wirk­lich­keit? Lord McT­row­don hat mich in sein Arbeits­zim­mer rufen las­sen. Seit er sich vom Pferd schwang und mich behut­sam in seine Arme nahm, habe ich ihn nicht wie­der­ge­se­hen. Meine Stute war vor einem Fuchs zurück­ge­schreckt, der plötz­lich aus dem Gebüsch schoss und mei­nen Weg über Län­de­reien kreuzte, von denen ich nun weiß, dass sie dem Lord gehö­ren. Ich konnte mich nicht hal­ten, fiel zu Boden und muss kurz ohn­mäch­tig gewor­den sein. Zu mei­nem Glück fand mich der Lord und ließ mich sogleich in sein Schloss schaf­fen.

Der knur­rige Dorf­arzt sprach von einer leich­ten Gehirn­er­schüt­te­rung, aber dass ich so benom­men wirkte, hatte einen ganz ande­ren Grund. In den Armen die­ses hoch­ge­wach­se­nen Man­nes zu lie­gen, sei­nem kan­ti­gen Gesicht mit den war­men, brau­nen Augen so nahe zu sein – ich war noch ganz beseelt davon, und gleich­zei­tig zer­riss es mir das Herz, dass er mich sei­nen Bediens­te­ten über­ließ und gleich wie­der davon­ritt, um meine Stute ein­zu­fan­gen, als er sich über­zeugt hatte, dass ich nicht ernst­haft ver­letzt war.

Ich klopfe an seine schwere, holz­ge­tä­felte Tür. Ist es ihm wie mir ergan­gen? Kann auch er die Bli­cke nicht mehr ver­ges­sen, mit denen wir förm­lich inein­an­der ver­san­ken? Hat auch er die­ses tiefe Wie­der­erin­nern gespürt, als wür­den wir uns schon Ewig­kei­ten lang ken­nen? Nein, schelte ich mich, ich darf nicht sol­che Gedan­ken und Hoff­nun­gen hegen. Lord McT­row­don lie­gen die schöns­ten und begeh­rens­wer­tes­ten Frauen der Welt zu Füßen. Was sollte er an mir fin­den, einer unschein­ba­ren Tou­ris­tin, die ihr Pferd nicht im Griff hat und kein Wort des Dan­kes über ihre Lip­pen gebracht hat.

»Ja bitte?«, erklingt seine Stimme hin­ter der Tür, kraft­voll und doch auch sanft, fast zärt­lich. Mit zit­tern­den Fin­gern drü­cke ich die Klinke her­un­ter. Er sitzt hin­ter einem geschwun­ge­nen Schreib­tisch mit wun­der­schö­nen Intar­sien, springt, als er mich sieht, jedoch gleich auf und tritt mir federn­den Schrit­tes ent­ge­gen. Mir wird schwind­lig vor Ver­lan­gen, und ich muss mich an der Tür fest­hal­ten.

Lord McT­row­don sinkt vor mir in die Knie. »Schöne Rei­te­rin, deren Namen ich nicht kenne, du hast mein Herz im Sturm erobert, und ich weiß nicht, wie mir geschieht. Eine unge­heure Macht, die mir vor unse­rer unver­hoff­ten Begeg­nung gänz­lich unbe­kannt war, treibt mich dazu, das Unmög­li­che zu hof­fen: dass es dir ebenso ergeht wie mir.«

Er blickt zu mir hoch, die Augen vol­ler Hin­gabe und Hoff­nung, und ich bringe wie­der kein Wort über die Lip­pen. Sollte ich ihm das sagen, mit der »unge­heu­ren Macht« und wer dahin­ter­steckt. Wird er über­haupt wis­sen, was ein Gro­schen­heft ist? Mir zit­tern die Knie. Kann es wirk­lich wahr sein?

»Willst du«, haucht er, »meine Frau wer­den?« Ich falle erneut in Ohn­macht, aber dies­mal fan­gen mich seine star­ken Arme auf.

284/398

Wes­ten­ta­schen­ven­detta

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Ich betrete den Kor­ri­dor, erstarre aber sofort, denn es steht eine Palast­wa­che dort. Sie wen­det mir den Rücken zu und hat mich offen­bar nicht gehört. Lang­sam ver­ziehe ich mich rück­wärts wie­der ins Trep­pen­haus.

Hatte ich eine Wache dort pos­tiert? Ich kann mich nicht daran erin­nern. Jeden­falls soll nicht bekannt wer­den, dass ich mich hin und wie­der uner­kannt unter mein Volk mische. Also muss ich wohl wie­der den Weg über die Außen­wand neh­men und über Vor­sprünge und Simse hin­auf in mei­nen »Thron­saal« klet­tern.

Dies­mal bin ich bei mei­nem Aus­flug zu mei­nen Unter­ta­nen in eine Ver­samm­lung von Ver­schwö­rern gera­ten: eine Hand­voll Män­ner ver­schie­de­nen Alters, die den Tyran­nen stür­zen und die Repu­blik aus­ru­fen wol­len. Eine Frau war dabei. Sie wirkte wild und unbe­re­chen­bar, und unter ihren strub­be­li­gen schwar­zen Haa­ren blitz­ten dunkle Augen her­vor, als sie das Wort ergriff und revo­lu­tio­näre Reden schwang. Sie wollte, dass sich sofort etwas ändert. Aber die älte­ren, wei­se­ren Män­ner in der Runde mahn­ten zu Geduld und peni­bler Vor­be­rei­tung.

Ich habe mich da gut amü­siert und hätte mich sogar fast selbst zu Wort gemel­det, um die Stim­mung anzu­sta­cheln. Doch mein Prin­zip war immer, zu beob­ach­ten, und nicht, mich ein­zu­mi­schen.

Der Palast ist von Efeu über­wu­chert. Ich schwinge mich aus dem Fens­ter des Trep­pen­hau­ses und hangle mich einen Sims ent­lang, bis ich mich unter­halb mei­nes Bal­kons befinde. Ein Regen­rohr bie­tet mir Halt, um mich wei­ter hoch­zu­zie­hen. Plötz­lich spüre ich einen Dolch an mei­ner Kehle, und eine hei­sere Stimme fragt mich: »Was hast du vor, Kerl?«

Es ist die Umstürz­le­rin aus der Ver­schwö­rer­ver­samm­lung. Sie erkennt mich wie­der und steckt den Dolch zurück in ihren Gür­tel. »Willst du ihn auch …?«, fragt sie, ohne ihren Satz zu been­den. Ich nicke. »Er muss ster­ben, je eher, desto bes­ser«, sage ich. Es ist ein Zitat aus ihrer eige­nen Rede, aber sie bemerkt es nicht, son­dern lächelt grim­mig. Sie mus­tert mich von Kopf bis Fuß, und einen kur­zen erschreck­ten Moment lang glaube ich, sie kommt dar­auf, wer ich in Wirk­lich­keit bin. Doch dann fragt sie: »Wo ist deine Waffe?«

»Ich … will ihn erwür­gen.« Wie­der nickt sie: »Daran habe ich auch schon gedacht – zu spü­ren, wie ihn das Leben ver­lässt, wie er zuckt und sich win­det und schließ­lich unter mei­nen Hän­den erschlafft. Das hätte er ver­dient.«

Wir ste­hen beide auf einem schma­len Vor­sprung, hal­ten uns an der Regen­rinne fest, sind vor den Bli­cken der Wachen, die vor dem Palast Dienst tun, durch das Efeu geschützt. Wir sehen uns an, wis­sen nicht, was wir sagen sol­len. Das Schwei­gen bekommt etwas Pein­li­ches.

Schließ­lich schüt­telt sie ihr lan­ges, schwar­zes Haar und sagt: »Wir machen es gemein­sam. Du erdros­selst ihn, und ich ramme ihm im letz­ten Augen­blick mei­nen Dolch ins Herz.«

»So machen wir es«, bestä­tige ich, aber sie ist bereits wei­ter­ge­klet­tert. Ich folge ihr.

Vom unglaub­li­chen Luxus, den sich der Tyrann auf Kos­ten sei­nes Vol­kes gönnt, hatte sie gespro­chen, vom dem Gold, den Juwe­len, den erle­se­nen Spei­sen, dem unglaub­li­chen Prunk des Thron­saals, des­sen präch­tige Aus­stat­tung allein das ganze Volk von Armut und Hun­ger befreien könn­ten. »Wie eine Kröte hockt er auf sei­nem unvor­stell­ba­ren Reich­tum und beu­telt sein Volk, weil er immer noch mehr davon will, mehr, immer mehr!« So hatte sie sich erei­fert und wollte die Schätze gerecht an die Armen und Bedürf­ti­gen ver­tei­len.

Eines der Fens­ter neben dem Bal­kon, von dem aus ich frü­her zu mei­nem Volk gespro­chen habe, ist nur ange­lehnt – klar, hier bin ich ja am frü­hen Mor­gen her­aus­ge­klet­tert. Die Tyran­nen­mör­de­rin ver­ge­wis­sert sich, dass ich direkt hin­ter ihr stehe, öff­net den Fens­ter­flü­gel und steigt hin­ein – eine Frau ganz offen­bar, die nicht viel Umschweife macht, son­dern ihr Ziel direkt angeht. Ich folge ihr.

Der Thron­saal ist leer. Es gibt kei­nen Thron hier und auch kei­nen Saal mit Reich­tü­mern irgend­wel­cher Art. Es ist ein Arbeits­zim­mer mit einem Schreib­tisch und decken­ho­hen Bücher­re­ga­len.

»Dies ist nicht der Thron­saal«, flüs­tert sie. Aber sie sieht meine Krone auf dem Schreib­tisch lie­gen, der mit auf­ge­schla­ge­nen Büchern über­sät ist. Sie tritt heran und wiegt die Krone in ihrer Hand. Einen Augen­blick lang glaube ich, sie wird sie auf den Tisch schla­gen und zer­bre­chen wol­len, doch sie legt sie wie­der zurück und beginnt, in den auf­ge­schla­ge­nen Büchern zu lesen. Nach einer Weile und ganz, als hätte sie meine Anwe­sen­heit ver­ges­sen, setzt sie sich auf den Stuhl, ohne ihre Augen von den Buch­sei­ten zu las­sen.

Es klopft. Sie fährt auf, schaut sich wild nach einem Ver­steck um, eilt zum Fens­ter. Eine Frau­en­stimme hin­ter der Tür fragt: »Ihr Abend­essen, Eure Majes­tät.« Ich ant­worte: »Stel­len Sie es bitte her­ein, wie immer.« Die Tür öff­net sich einen Spalt, und ein Tablett wird her­ein­ge­scho­ben. Die Tür schließt sich wie­der.

Die Tyran­nen­mör­de­rin starrt mich an. »Einen Ver­such war es wert«, sage ich, hole das Tablett, räume Bücher bei­seite und stelle es auf den Schreib­tisch: ein Abend­essen für zwei. Seit meine Frau vor eini­gen Jah­ren durch einen fei­gen Anschlag, der eigent­lich mir gegol­ten hatte, ums Leben kam, lasse ich im Geden­ken an sie immer zwei Mahl­zei­ten zube­rei­ten. Heute ist es Toast Hawaii. Ich binde mir eine der Ser­vi­et­ten um, ziehe mir einen Stuhl heran, der mir sonst dafür dient, an die Bücher hoch oben in den Rega­len her­an­zu­kom­men, und hebe eines der zwei Was­ser­glä­ser zum Ansto­ßen.

Doch irgend­et­was muss mich ver­ra­ten haben: Ich spüre ihren Dolch an mei­ner Kehle. Mit einer blitz­schnel­len Bewe­gung hat sie ihn her­vor­ge­zo­gen und steht jetzt ganz nah hin­ter mir. »Du!«, sagt sie vol­ler Abscheu. Ich ver­zichte dar­auf, zu nicken, weil mir sonst womög­lich ihr Dolch den Adams­ap­fel rit­zen würde.

Ich stelle das Glas wie­der ab und warte. Ihr war­mer Atem streicht über mei­nen Nacken.

»Du könn­test blei­ben«, sage ich schließ­lich, »und mich bera­ten.« Mit einer Geste weise ich auf die Bücher. »Die eigent­li­chen Fra­gen kön­nen die alle nicht beant­wor­ten, weißt du?« Ihr Griff lockert sich, die Klinge ihres Dolchs liegt nicht län­ger auf mei­nem Hals. Lang­sam wende ich mich zu ihr um. Wir sehen uns in die Augen. Sie ver­zieht keine Miene.

»Jeden­falls kein Grund«, sagt sie schließ­lich, »das Abend­essen kalt wer­den zu las­sen.« Sie lässt mich los, steckt den Dolch in ihren Gür­tel und nimmt eines der Was­ser­glä­ser, um damit anzu­sto­ßen. Ihre Augen blit­zen, als sie ver­sucht, mir im Gesicht abzu­le­sen, was sie von mir zu hal­ten hat und ob mir wirk­lich zu trauen ist.

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Sepulchre Moon

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Ich betrete den Kor­ri­dor auf­ge­regt, über­wäl­tigt und mit wei­chen Knien. Es ist das erste Mal, dass Men­schen ein Bau­werk von Außer­ir­di­schen betre­ten.

Eigent­lich haben wir hier auf­grund der Radio­si­gnale eine Zivi­li­sa­tion erwar­tet, auch wenn die Signal­folge unter Astro­no­men erst ein­mal gro­ßes Rät­sel­ra­ten aus­ge­löst hat. Ein Groß­teil von dem, was sie nach der Auf­he­bung der Qua­ran­täne mit ihren Radio­ob­ser­va­to­rien emp­fin­gen, wirkte wie das unko­dier­bare Fern­seh­pro­gramm frem­der Zivi­li­sa­tio­nen: ein unauf­hör­li­cher Strom offen­bar sinn­vol­ler, aber von uns nicht les­ba­rer Pulse und Zei­chen, ein end­lo­ses Geplap­per auf allen Fre­quen­zen, elek­tro­ma­gne­ti­sche Hie­ro­gly­phen, für die uns der Roset­tast­ein fehlte.

Diese spe­zi­elle Signal­folge jedoch wirkte wie ein geziel­ter Ruf, wie ein Funk­feuer, denn sie wie­der­holte sich nach eini­ger Zeit, wenn auch immer mit leich­ten Varia­tio­nen. Rief hier eine Zivi­li­sa­tion in die Leere zwi­schen den Ster­nen hin­aus, um Ant­wort zu erhal­ten? Die Astro­no­men schick­ten mit einem star­ken Sen­der eine Bot­schaft zurück. Die Anten­nen der Cos­mic Bea­gle haben jedoch seit unse­rem Start vor über zehn Jah­ren keine Ände­rung in der Signal­folge bemerkt, die man als Reak­tion auf den Funk­spruch von der Erde deu­ten könnte.

*

Als wir den Pla­ne­ten erreich­ten, der als Quelle des Signals iden­ti­fi­ziert wor­den war, fan­den wir ihn wüst und leer vor – unwahr­schein­lich, dass sich auf ihm je Leben ent­wi­ckelt hat. Die Signale stam­men von einem Mond des Pla­ne­ten! Zwi­schen den Kra­tern, die ihm ein pocken­nar­bi­ges Aus­se­hen ver­lei­hen, ent­deck­ten wir das Bau­werk, ein, wie uns der Mathe­ma­ti­ker begeis­tert erklärte, »Men­ger-Schwamm«, ein Wür­fel, in des­sen Ober­flä­che große und kleine Wür­fel aus­ge­spart sind. Von den Eigen­schaf­ten die­ser drei­di­men­sio­na­len frak­ta­len Skulp­tur (»kom­pakt, per­fekt, selbst­ähn­lich, über­ab­zähl­bar, total unzu­sam­men­hän­gend und nir­gends dicht«) schwärmte er uns unab­läs­sig vor, bis unser Radar­scan­ner anzeigte, dass eine der Wür­fel­aus­spa­run­gen sich in einen Kor­ri­dor öff­net, der ins Innere führt. Da war’s plötz­lich aus mit der Schwär­me­rei: »Pah. Eine Abwei­chung von der Ide­al­form. Führt die ganze Per­fek­tion ad absur­dum.«

*

In genau die­sem Kor­ri­dor befin­den wir uns jetzt und fol­gen ihm auf­ge­regt in das extra­ter­res­tri­sche Bau­werk hin­ein. Einen Exo- oder Xeno-Archi­tek­ten haben wir nicht in der Crew, und so was gibt es bis­lang auch gar nicht, aber unsere Phy­si­ker haben bereits das Mate­rial unter­sucht, aus dem der rie­sige Wür­fel besteht – mit dem Ergeb­nis, dass es nicht zu iden­ti­fi­zie­ren war. Meteo­ri­ten­be­schuss jeden­falls konnte ihm nichts anha­ben, und den Staub­ab­la­ge­run­gen in den wür­fel­för­mi­gen Aus­spa­run­gen nach – Indi­zien dafür, dass der atmo­sphär­e­lose Mond immer wie­der von Meteo­ri­ten getrof­fen wird – könnte das Bau­werk bereits Mil­lio­nen von Jah­ren alt sein.

Von den ande­ren höre ich in mei­nen Kopf­hö­rern nur das Atmen in ihren Hel­men. Wir sind alle ergrif­fen von dem, was wir sehen: Der Kor­ri­dor führt in eine gewal­tige, eben­falls wür­fel­för­mige Halle, deren Wände über­sät sind mit Halb­re­li­efs. Sie zei­gen – ja, was zei­gen sie eigent­lich? Mir wird ganz schwumm­rig beim Betrach­ten. Die Dar­stel­lun­gen wir­ken auf mich, als würde ich einen der alten drei­di­men­sio­na­len Filme ohne die erfor­der­li­che Brille betrach­ten.

»Es ist eine Gruft«, höre ich den Exo-Bio­lo­gen über Funk. Tat­säch­lich: In der Mitte der Halle steht eine Art wür­fel­för­mi­ger Sar­ko­phag. Wir müs­sen ihn nicht öff­nen, denn er ist durch­sich­tig, und wie in Gieß­harz ein­ge­bet­tet ruht dort ein Geschöpf, das einem Gespenst gleicht. Ver­mut­lich haben wir alle die glei­che Asso­zia­tion. Ich muss an meine Kind­heit den­ken und wie ich mich mei­ner Schwes­ter zusam­men mit Hilfe wei­ßer Bett­tü­cher Geis­ter­stunde gespielt habe.

Die­ses »Gespenst« jedoch wirkt nicht gru­se­lig, son­dern sieht äthe­risch und wun­der­schön aus. Es besteht aus Tau­sen­den win­zi­ger mil­chi­ger Schleier, durch die – ähn­lich wie bei einer Qualle – Organe hin­durch­schim­mern. Wo es die Augen haben und wo der Kopf sit­zen müsste, geht der mil­chige Schim­mer in zar­tes Rosa über und ver­dich­tet sich. Auch wenn es ein­deu­tig tot ist: Das Wesen wirkt, als würde es tan­zen.

*

»Also ist es tat­säch­lich eine Gruft«, sagt unser Exo-Bio­loge, als wir nach unse­rer Rück­kehr zum Schiff im Bespre­chungs­raum zusam­men­sit­zen. Die Halb­re­li­efs in der Toten­halle zei­gen offen­bar – wenn auch selt­sam ver­zerrt und unkon­kret – die Geschichte zweier die­ser Wesen, für die sich in unse­ren Dis­kus­sio­nen die Bezeich­nung »Spi­rits« ein­ge­schli­chen hat. Offen­bar reis­ten sie gemein­sam in einem kugel­för­mi­gen Schiff durchs All, um wie wir andere Intel­li­gen­zen und Zivi­li­sa­tio­nen zu besu­chen.

»Sie starb«, führt der Exo-Bio­loge seine Deu­tung aus, »und er errich­tete ihr ein Mau­so­leum, bevor er allein wei­ter­reiste.« Ich weiß nicht, ob auch die ande­ren in die­sem Moment den glei­chen beglü­cken­den Gedan­ken hat­ten wie ich und, genau wie ich, dar­auf ver­zich­te­ten, ihn aus­zu­spre­chen: »Es gibt Liebe drau­ßen im Welt­all. Es gibt sogar die ganz große Liebe hier drau­ßen!«

Starb das Wesen, das in dem gewal­ti­gen Wür­fel auf­ge­bahrt ist, durch einen Unfall oder eines natür­li­chen Todes? Das haben wir den Reli­efs noch nicht ent­neh­men kön­nen, zu fremd­ar­tig ist die Dar­stel­lungs- und Erzähl­weise. Mas­an­ori, der Mathe­ma­ti­ker, glaubt, das Funk­si­gnal gebe die letz­ten Worte des toten Spi­rit wie­der.

»Ich glaube«, werfe ich in die Runde, »dass es Musik ist.« Der Bio­loge wirft mir einen erstaun­ten Blick zu, wiegt den Kopf und meint: »Ein Requiem. Das könnte sein.« Und Mas­an­ori ergänzt: »Frak­tal ver­schlüs­selt, steht zu ver­mu­ten.«

Es dau­erte einige Tage und bean­spruchte viel Rechen­leis­tung unse­rer Bord­com­pu­ter, dann erklang die Musik zum ers­ten Mal im Kon­troll­raum der Cos­mic Bea­gle. Fremd­ar­tige, selt­sam schöne, tod­trau­rige Klänge.

Wenn unsere Phy­si­ker recht damit haben, dass das Mau­so­leum min­des­tens 100 Mil­lio­nen Jahre alt ist, dann hat die­ser Trau­er­ge­sang, dann hat die­ser letzte Gruß an die geliebte Gefähr­tin längst unsere gesamte Gala­xis durch­mes­sen und benach­barte Gala­xien erreicht.

»In gewis­ser Weise«, sagt Mas­an­ori, »ist damit der Spi­rit, der hier auf­ge­bahrt ist, das bekann­teste Wesen im gesam­ten Virgo-Super­clus­ter« – womit er die Gruppe von Gala­xien meint, zu der auch unsere Milch­straße gehört.

Für mich ist es ganz schlicht die wohl größte Liebe des Uni­ver­sums.

 

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Ball­park Sci­ence

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Ich betrete den Kor­ri­dor im Namen der Wis­sen­schaft – als Blau‑8, also als jemand von der Teil­neh­mer­gruppe mit blauen Arm­bin­den. Meine trägt die Num­mer acht.

Die For­scher, die die Unter­su­chung durch­füh­ren, haben eine Fabrik­halle gemie­tet, durch die sich ein Kor­ri­dor schlän­gelt, der für jeden ein­zel­nen Durch­gang der Unter­su­chung ver­än­dert wird. An bei­den Enden des Kor­ri­dors: eine Art Auf­ent­halts­be­reich. Da ste­hen ein paar Stühle, zu Mit­tag soll hier ein klei­nes Buf­fet für uns auf­ge­baut wer­den, und an einer Seite kann man durch eine Stahl­tür ins Freie tre­ten und eine rau­chen, wäh­rend umge­baut wird und wir alle auf unse­ren nächs­ten Auf­tritt war­ten. Oder Ein­tritt, wenn man das so sehen möchte.

Jeder von uns hat ein Handy – Teil­nah­me­vor­aus­set­zung. Als ich die Aus­schrei­bung für die Unter­su­chung las, war ich ein wenig dar­über ver­wun­dert, aber inzwi­schen macht es Sinn für mich: Wir bekom­men indi­vi­du­elle Anwei­sun­gen per SMS.

Aktu­ell heißt es für mich: »Sie wol­len mög­lichst schnell Zim­mer Nr. 6007 fin­den, klop­fen dort an und war­ten davor.« Ein Count­down-Bal­ken über dem Durch­gang zum Kor­ri­dor berei­tet uns Pro­ban­den auf den Ein­satz vor. Der Bild­schirm blitzt auf, es ist soweit. Ich betrete den Kor­ri­dor, der die Fabrik­halle durch­zieht, und suche nach Zim­mer Nr. 6007. Aber nicht nur das. Ich halte auch nach Orange-17 Aus­schau, einer jun­gen Frau aus dem ande­ren Team, die alle oran­ge­far­bene Arm­bin­den tra­gen und uns bei jedem Durch­gang irgend­wann ent­ge­gen­kom­men.

Ver­schie­dene Licht­schran­ken mes­sen unse­ren »Durch­satz«, Kame­ras ver­fol­gen unsere Bewe­gun­gen durch den Kor­ri­dor aus der Vogel­per­spek­tive: All dies dient der Wis­sen­schaft vom Kor­ri­dor. Von Zugän­gen zum U‑Bahnhof bis zum Flur vor dem Spei­se­saal eines Hotel­kom­ple­xes – Staus, Bal­lun­gen und Zusam­men­stöße sol­len ver­mie­den, ein mög­lichst effek­ti­ver Durch­fluss soll gewähr­leis­tet wer­den. Zumin­dest nehme ich das an. Die letzte Unter­su­chung, an dem einige der hier betei­lig­ten For­scher und For­sche­rin­nen mit­ge­schrie­ben haben, hieß: »Expe­ri­men­tal study of pede­strian coun­ter­flow in a cor­ri­dor«.

Dies­mal knickt der Kor­ri­dor mehr­fach ab. Men­schen eilen oder schlen­dern in meine Rich­tung, einige kom­men mir ent­ge­gen. Orange-17 ist nicht dabei. Wie immer gibt es einige Blind­tü­ren im Kor­ri­dor. Sie sind num­me­riert. Eben bin ich an Nr. 6005 vor­bei­ge­kom­men. Jetzt ist auf mei­ner Lin­ken die 6009. Habe ich die 6007 ver­passt? Wie pein­lich. Ich drehe um, womit ich mir von den mir fol­gen­den Kor­ri­do­ris­ten einige ärger­li­che Bli­cke ein­handle. Mit einem von ihnen voll­führe ich unab­sicht­lich die­ses tän­ze­ri­sche Hin und Her, das man manch­mal auf Bür­ger­stei­gen beob­ach­ten kann, wenn zwei anein­an­der vor­bei­wol­len und jeweils zur sel­ben Seite aus­wei­chen.

So ein Mist: Ich finde die 6007 nicht! Ein kur­zer Hup­ton schallt durch die Halle. Ende des Durch­gangs. Kurz über­lege ich, ob ich nicht wie­der zurück­ge­hen soll. Eigent­lich lau­tet die Anwei­sung an uns: für die nächste Umbau­pause immer auf die gegen­über­lie­gende Seite! Würde ich zurück­ge­hen, wäre ich da, wo auch Orange-17 jetzt Pause macht. Aller­dings wäre ich mit mei­ner blauen Arm­binde der ein­zige unter lau­ter Leu­ten mit oran­ge­far­be­nen Bin­den. Das würde auf­fal­len, und ver­mut­lich würde mich einer der For­scher, die sich teils unter uns, teils in einem erhöh­ten Glas­kas­ten mit Blick auf die Gesamt­si­tua­tion auf­hal­ten, zu mei­ner Gruppe schi­cken. Also vor­wärts. So kann ich noch mal nach Nr. 6007 Aus­schau hal­ten. Aber ich finde die Tür nicht. Erst an der Theke mit Tee und Kaf­fee im Auf­ent­halts­raum wird mir klar, dass das ver­mut­lich Prin­zip gewe­sen ist: Ich sollte eine Tür suchen, die es gar nicht gibt. Na toll. Was tut man nicht alles für die Wis­sen­schaft!

Wir Kor­ri­do­ris­ten – diese Bezeich­nung hat sich gleich zu Beginn unter uns durch­ge­setzt – sind eine bunte Truppe unter­schied­li­chen Alters und stel­len ver­mut­lich einen guten Bevöl­ke­rungs­durch­schnitt dar. Sogar zwei Roll­stuhl­fah­rer sind mit dabei. Natür­lich kom­men wir in den Pau­sen mit­ein­an­der ins Gespräch. Wer bist du denn, wo kommst du her, was machst du sonst, wie hast du von der Sache hier erfah­ren? Ich halte mich abseits. Das alles würde ich gerne von Orange-17 erfah­ren. Aber die gehört nun mal zu der ande­ren Truppe.

Kann ich ihr hier eine Nach­richt hin­ter­las­sen? Wie sollte die aus­se­hen? Ein Zet­tel an einer der Ther­mos­kan­nen: »Blau‑8 möchte gerne Orange-17 ken­nen­ler­nen. Sprich mich im Kor­ri­dor an, wenn du mich auch inter­es­sant fin­dest!« Das wür­den dann natür­lich alle lesen, und es käme im Kor­ri­dor garan­tiert zu neu­gie­ri­gen Bli­cken oder gar Bal­lun­gen um uns beide herum: Für viele wäre diese Ange­le­gen­heit wohl weit inter­es­san­ter als die Auf­ga­ben, die uns hier so zuge­simst wer­den.

»Sie wol­len mög­lichst schnell ans andere Ende des Kor­ri­dors – ohne zu ren­nen«, heißt es meist. Oder: »Sie schlen­dern, blei­ben vor den Bil­dern ste­hen, haben Zeit tot­zu­schla­gen, bis Sie das andere Ende des Kor­ri­dors errei­chen.« Oder: »Sie suchen nach einem WC und tre­ten dort ein. Falls besetzt, war­ten Sie vor der Tür.«

Der Umbau des Kor­ri­dors macht dies­mal ziem­li­chen Lärm. Tech­ni­ker sind mit den Schie­nen­krä­nen an der Hal­len­de­cke und Gabel­stap­lern dabei, die ein­zel­nen Wand­teile zu einer neuen Kom­bi­na­tion zusam­men­zu­set­zen.

Mein Handy wie­hert. Eine SMS mit der neuen Auf­gabe: »Sie sind im Kor­ri­dor auf der Suche nach Orange‑4. Sobald Sie die Per­son gefun­den haben, bezich­ti­gen Sie sie, Ihnen eine Schrott­im­mo­bi­lie ver­kauft zu haben, und ver­lan­gen eine Ent­schä­di­gung.« Mist. Orange‑4 – und nicht Orange-17 mit ihren bezau­bern­den brau­nen Locken.

Dies­mal jedoch sehe ich sie im Kor­ri­dor. Sie kommt mir ent­ge­gen, erwi­dert mei­nen Blick und lächelt, und ich glaube sogar, sie zuckt bedau­ernd die Ach­seln, wie um zu signa­li­sie­ren, wir kön­nen und dür­fen uns nicht mit­ein­an­der unter­hal­ten. Ich kann mich daran nicht lange erfreuen, denn kurz hin­ter ihr ent­de­cke ich Orange‑4. Er will sich offen­bar auf keine Dis­kus­sion ein­las­sen und flüch­tet zwi­schen die ande­ren Kor­ri­do­ris­ten. Ich mache mich an die Ver­fol­gung, aber schon kurz danach ertönt die Hupe. Wir gehen nickend anein­an­der vor­bei, jeder auf dem Weg zu sei­nem Auf­ent­halts­raum.

Meine Chance kommt, als ich bei einem Sei­ten­blick auf das Klemm­brett eines der For­scher eine Liste mit Tele­fon­num­mern ent­de­cke. In einem unbe­dach­ten Moment iden­ti­fi­ziere ich die von Orange-17. Per­fekt! Ich ver­schi­cke eine SMS: »Zusatz­auf­gabe: Sie tref­fen Blau‑8, den Sie sehr attrak­tiv fin­den, und fra­gen ihn, ob er nach der Unter­su­chung noch Zeit hat, um mit Ihnen etwas trin­ken zu gehen.«

Natür­lich hat sie mei­nen Trick durch­schaut. Der Kor­ri­dor ist hier ver­engt, aber sie fragt mich trotz­dem, obwohl sie sich sehr zurück­hal­ten muss, um nicht in lau­tes Lachen aus­zu­bre­chen. Der Stau, der sich zu bei­den Sei­ten von uns bil­det, ist uns egal. Ich nehme ihr freund­li­ches Ange­bot gerne an: Klar habe ich anschlie­ßend Zeit, um mit ihr bei einem Cai­pi­rinha über Kor­ri­dore zu reden oder wor­über auch immer sie sich gerne mit mir unter­hal­ten möchte.

Die Arm­bin­den dür­fen wir behal­ten, und wir legen sie nicht wie alle ande­ren ab, son­dern tra­gen sie noch im Restau­rant und wei­ter bis tief in die Nacht. Blau‑8 und Orange-17. Kor­ri­dore sind was Tol­les!