Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Mythos

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♫ Haun­ted by the Zeit­geist ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor und bin ein biss­chen auf­ge­regt: Es ist das erste Mal, dass ich Cor­ri­do­ring betreibe. Ja, klar, ich weiß auch, dass man nicht gleich jeden vira­len Fun-Trend aus dem Inter­net mit­ma­chen sollte. Aber irgend­wie ent­spricht mir die Sache – viel­leicht, weil sie sich hin­ter Mas­ken ver­steckt. Oder weil es sich um einen anti­ken Mythos han­delt. Jeden­falls: mir einen Stier­kopf zu bas­teln und mich damit in einem Kor­ri­dor mei­ner Wahl zu foto­gra­fie­ren – die Idee hat irgendwo tief in mir drin etwas aus­ge­löst, und ich wollte unbe­dingt mit dabei sein. Ich kann nur hof­fen, dass auch andere ihre Fotos in die Gale­rie pos­ten, mit selbst­ge­bas­tel­tem Stier­kopf in einem Kor­ri­dor ihrer Wahl, was sich dann lang­sam zu einem unüber­seh­ba­ren Geflecht aus Gän­gen und Flu­ren aus­wächst: das magi­sche Land Kor­ri­do­rien sozu­sa­gen, ein vir­tu­el­les welt­wei­tes Laby­rinth, durch­wan­dert von einem ein­sa­men, ver­wirr­ten Misch­we­sen.

Ist doch irgend­wie ein hüb­scher Aus­druck unse­res Zeit­geists, oder?

Nun, genü­gend Kor­ri­dore für ein sol­ches Foto hat das Ato­mium durch­aus zu bie­ten. Ich hatte es gleich vor Augen, als von Kor­ri­do­ren die Rede war, und wie sich her­aus­stellte, muss ich nur früh genug hin­ein, damit nicht schon über­all Tou­ris­ten her­um­lau­fen und der Gehörnte auch wirk­lich allein auf dem Bild ist.

Ich baue die Kamera auf, hole die Papp­ma­ché-Maske aus dem Ruck­sack, stelle den Selbst­aus­lö­ser ein und bringe mich mit hän­gen­dem Kopf in Posi­tion …

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♫ Pathos and the Mono­lo­gue ♫


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»Ich betrete den Kor­ri­dor, aus dem es kein Zurück gibt« – mit die­sen mar­ki­gen Wor­ten beginnt mein gro­ßer Büh­nen­mo­no­log. Ich stehe vor einer Tür, die sich für die Zuschauer in einen lan­gen, viel­leicht sogar end­los wir­ken­den Kor­ri­dor öff­net, stelle ich mir vor, und wende den Kopf zurück zu den ande­ren Schau­spie­lern im Büh­nen­bild. Dann halte ich meine bewe­gende Abschieds­rede, und am Ende mache ich meine Ankün­di­gung wahr und betrete furcht­los den dunk­len Kor­ri­dor ohne Wie­der­kehr, die Tür fällt hin­ter mir ins Schloss, und das wird das Letzte sein, das von mir zu sehen ist. Zumin­dest bis zum Schluss­ap­plaus.

Das Stück wird Furore machen, das habe ich im Gefühl. Gut, der Regis­seur scheint sei­nen Zenit über­schrit­ten zu haben, und es ist auch erst­mal nur ein klei­nes Off-Thea­ter, in dem wir auf­tre­ten. Aber ich spüre die Kraft, die der Text hat, und bin mir sicher, dass wir damit für ziem­li­ches Auf­se­hen in der der­zeit doch eher drö­gen Thea­ter­land­schaft sor­gen wer­den.

Dabei ist es nichts Neues: Als Patch­work aus Text­frag­men­ten des Absur­den Thea­ters bringt es Autoren wie Piran­dello, Artaud, Coc­teau, Beckett, Ionesco, Sartre und Camus mit­ein­an­der in den Dia­log – ein Remix! Tat­säch­lich habe ich noch gar nicht her­aus­ge­fun­den, von wel­chem die­ser Dra­ma­ti­ker und aus wel­chem Stück genau mein Mono­log stammt. Aber ist das nicht letzt­lich unwich­tig?

End­lich werde ich wie­der auf der Bühne ste­hen! Das Pro­jekt schmückt sich nicht mit Stars, son­dern setzt auf Kön­ner aus der zwei­ten oder drit­ten Reihe, um mit der Wucht sei­ner Geschichte zu über­zeu­gen. Bei einem tur­bu­len­ten Ken­nen­lern­tref­fen mit viel Chab­lis hat uns der Regis­seur seine Vision erläu­tert. Es gehe nicht darum, ob das Absurde Thea­ter das Absurde dar­stellt oder das, was es dar­stellt, ins Absurde ver­kehrt – es gehe um den defi­ni­ti­ven Mythos unse­rer Zeit, um das Mythen­thea­ter der Post­mo­derne, um die ein­zig zutref­fende Beschrei­bung der mensch­li­chen Befind­lich­keit in Form des Absur­den.

So stehe ich für den Men­schen schlecht­hin auf der Bühne, der den point of no return über­schrei­tet und ange­sichts einer unsin­ni­gen Welt wis­send und frei­wil­lig den Weg in Wahn­sinn und Rea­li­täts­ver­lust wählt, nicht ohne dies mit mäch­ti­gen Wor­ten exis­ten­zia­lis­ti­scher Tiefe zu kom­men­tie­ren, die ihre Wir­kung beim Zuschauer nicht ver­feh­len wer­den. Sagt mir mein Bauch­ge­fühl. Schon allein beim Lesen läuft es mir kalt den Rücken her­un­ter.

»Ver­gesst mich!«, rufe ich am Ende, oder viel­leicht werde ich es auch nur vol­ler Inbrunst flüs­tern: »Ich bin ver­lo­ren für eure Welt der vor­ge­gau­kel­ten Ord­nung und Anstän­dig­keit, und mehr noch, ich bin eine Gefahr für die Kin­der und Nar­ren, die noch Augen und Ohren haben und ent­de­cken könn­ten, dass es einen Weg hin­ter die Kulis­sen gibt, die ihr auf­ge­stellt habt, die potem­kin­schen Dör­fer, die schö­nen Fas­sa­den und Attrap­pen, mit denen ihr den Mahl­strom der Sinn­lo­sig­keit not­dürf­tig ver­deckt und ver­klei­det. Also ver­gesst mich bes­ser, tilgt mich aus eurem Gedächt­nis und euren Kir­chen­bü­chern, ver­nich­tet alles, was an mich erin­nern könnte, ver­neint und ver­drängt mich so gründ­lich, wie ihr das eigent­li­che Wesen des Seins negiert. Rot­tet mich aus mit Stumpf und Stiel! Ich gehe, und es gibt nun nichts mehr, was euch und mich ver­bin­det. Alle Brü­cken hin­ter mir sind abge­bro­chen. Adieu!«

Ich glaube, der »defi­ni­tive Mythos für unsere Zeit«, den der Regis­seur auf die Bühne brin­gen will, liegt in genau die­sen Wor­ten, die tief ins Herz der mensch­li­chen Exis­tenz drin­gen, es anrüh­ren, auf­wüh­len und viel­leicht nie mehr so rich­tig los­las­sen wer­den. Es macht mich stolz, diese Rolle ver­kör­pern und aus­fül­len zu dür­fen, und ich spüre genau, dass die­ser Mono­log zum Kul­mi­na­ti­ons­punkt mei­ner beruf­li­chen Lauf­bahn, viel­leicht ja sogar mei­ner Kar­riere wer­den wird.

 

Nach­trag: Bei den Pro­ben zum Stück haben sich für den Regis­seur einige not­wen­dige Text­kür­zun­gen erge­ben. Von mei­nem gro­ßen Mono­log ließ er schließ­lich nur die Anfangs­worte übrig. Ich solle, sagt er, den Rest emo­tio­nal mit hin­ein­le­gen, wenn ich seit­lich – ohne Tür, ohne Kor­ri­dor – von dem doch recht mini­ma­lis­ti­schen Büh­nen­bild abtrete mit den weni­gen, aber denk­wür­di­gen Wor­ten »Ich betrete den Kor­ri­dor«.

190/398

♫ The Mar­vell­ous 3D Myth Fab­ber ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Dies­mal, finde ich, hat es der Pro­fes­sor über­trie­ben. Alles wirkt vik­to­ria­nisch ver­spielt: An den Wän­den spru­deln kleine Fon­tä­nen unter ova­len Spie­geln mit geschnitz­ten Elfen­bein­rah­men. Das also ist sein neus­ter Streich, die »Mythen­ma­schine«. Irgend­et­was hat Ceril auf den Gedan­ken gebracht, die Mythen der Welt hät­ten sich auf­ge­braucht. »Eine ›Mythonen‹-Knappheit?«, habe ich vor­wit­zig gefragt, aber er hat mich nur ver­ächt­lich ange­se­hen. Offen­bar geht es heute nicht um der sons­ti­gen Wis­sen­schaft unbe­kannte Ele­men­tar­par­ti­kel.

Er ließ mich refe­rie­ren, was ein Mythos ist, war jedoch mit mei­nem Wiki­pe­dia-Wis­sen unzu­frie­den und erklärte, er beschäf­tige sich als Frei­zeit-Mythen­for­scher inten­siv mit »arche­ty­pi­schen Erzäh­lun­gen, die als kol­lek­ti­ves Vor­bild die­nen kön­nen«. »Harry Pot­ter?«, schlage ich vor, und »Ava­tar?« Der Pro­fes­sor run­zelt die Brauen: »Das ist ja gerade, was mir Sorge berei­tet: diese all­ge­gen­wär­tige Regres­sion ins magi­sche Den­ken. Der Mythos vom edlen Wil­den und der von einer ver­zau­ber­ten Welt, die nicht so sehr den Natur­ge­set­zen wie dem mensch­li­chen Wil­len gehorcht – lei­der der­zeit nicht sehr hilf­reich und ziel­füh­rend, was die Zukunft der Mensch­heit anbe­langt.«

Des­halb nun seine Maschine. Sie soll den Mythos für das 21. Jahr­hun­dert kre­ieren, die uni­ver­selle Geschichte, die allem, was wir erle­ben und anstre­ben, neuen Sinn ver­leiht – und ich soll diese Krea­tion ans Tages­licht holen.

Die stoff­be­spann­ten Türen des Kor­ri­dors sind mit wabern­den Buch­sta­ben beschrif­tet. Wie im Traum lässt sich nicht rich­tig erken­nen, was da steht, und es ändert sich dau­ernd. Stand da eben etwas von »die Seele dem Teu­fel ver­kau­fen«? Oder »Erschaf­fung der Welt in sie­ben Tagen«? Oder »Kai­ser Bar­ba­rossa schläft nur«?

Mir wird ganz schumm­rig, und ich mache, dass ich aus der Maschine wie­der raus­komme.

»Sie steht mit ihren Berech­nun­gen offen­bar noch ziem­lich am Anfang«, erkläre ich dem Pro­fes­sor mit fes­ter Stimme.

»Aber sie arbei­tet schon ganze sechs Tage lang«, erklärt er trau­rig. Dann zuckt er die Schul­tern: »Na schön, dann geben wir ihr noch eine Woche.« Und als er mei­nen Blick sieht: »Einen Monat?« Ich ant­worte nicht, und Ceril meint schließ­lich ent­täuscht: »Gut: ein Jahr. Damit soll­ten wir auf der siche­ren Seite ste­hen.« Ich nicke zufrie­den. Bloß erst ein­mal nicht wie­der da rein­müs­sen!

In der fol­gen­den Nacht bin ich im Traum auf der Flucht vor einer gewal­ti­gen Horde Mär­chen- und Sagen­ge­stal­ten, die alle unbe­dingt mein »Vor­bild« sein wol­len. Ich erwa­che schweiß­ge­ba­det. Hof­fent­lich ver­folgt mich die­ser Alp­traum jetzt nicht Nacht für Nacht ein gan­zes Jahr lang.

(Tat er nicht. Statt­des­sen eroberte eine ziem­lich ver­rückte neue Mit­schü­le­rin meine Träume im Sturm. Aber das ist eine andere Geschichte.)

293/398

The Story Isn’t Finis­hed Yet

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Ich betrete den Kor­ri­dor, stelle mich an eine Wand, öffne meine Hose und pinkle. Was für eine Erleich­te­rung! Das Lachen von The­seus klingt aus dem angren­zen­den Raum. »Stell bloß keine Figu­ren um!«, brülle ich. Sein Lachen wird noch lau­ter.

Wir spie­len Zita­delle, und als ich zurück­komme, wird mir klar, als ich die im gan­zen Raum ver­streu­ten lee­ren Fla­schen sehe, dass wir von dem sau­ren, ver­go­re­nen Saft, der das Blut und das Gemüt erhitzt und die Zunge lockert, schon Unmen­gen getrun­ken haben müs­sen. The­seus grinst mich an, ein mus­ku­lö­ser Krie­ger, Leder­rie­men über der son­nen­brau­nen Brust, Fünf­ta­ge­bart im Gesicht. So jung und wohl­ge­stalt muss ich auch ein­mal gewe­sen sein. Das Schwert hat er acht­los bei­seite gewor­fen. Ich setze mich schwer­fäl­lig vor das Spiel­brett und suche nach einer Mög­lich­keit, dem Ansturm sei­ner Vasal­len zu ent­kom­men.

»Du bist ein Mons­ter«, hatte er gesagt, als wir uns gegen­über­stan­den und taxier­ten, »aber ich bin das grö­ßere Mons­ter.«

Und dann hatte er, mit sei­nem aus­ge­streck­ten Schwert zwi­schen uns, begon­nen, von sich zu erzäh­len. Von sei­ner vater­lo­sen Kind­heit, dem Gespött der ande­ren Kin­der aus­ge­setzt. Von sei­ner Jugend und den Lei­chen, die er auf dem Weg zu sei­nem Vater, des­sen Namen ihm die Mut­ter schließ­lich doch ver­ra­ten hatte, hin­ter sich zurück­ließ: Peri­phe­tes, mit der eige­nen Waffe erschla­gen; Sin­nis, der Fich­ten­beu­ger, den The­seus zwi­schen zwei sei­ner Fich­ten spannte und von ihnen zer­rei­ßen ließ; Ski­ron, den er einen Fel­sen hin­ab­stieß; Pro­krus­tes, dem er erst die Glie­der lang­zog und dann abschlug. Von der Furcht, die er ver­brei­tete, und dem Ruf, ein gna­den­lo­ser Mör­der zu sein. Ein Mons­ter.

Aber The­seus ist eigent­lich ein net­ter Kerl. Er erzählt vom Gol­de­nen Vließ und dass die ande­ren Argo­nau­ten immer Abstand zu ihm hiel­ten. Vom Kaly­do­ni­schen Eber und der Jagd­ge­sell­schaft, die sich bil­dete, um das Mons­ter zu erle­gen, ihn, The­seus, aller­dings zur Nach­hut ver­don­nerte. Vom Mara­tho­ni­schen Stier, einem wei­te­ren men­schen­mor­den­den Mons­ter … Aber hier ver­stummt er, um meine Gefühle nicht zu ver­let­zen. Statt­des­sen erzählt er mir von Ari­adne, mei­ner Schwes­ter, die er hei­ra­ten oder zumin­dest ent­füh­ren will, und fragt mich, ob ich nicht Trau­zeuge sein möchte.

Unsere Zita­delle-Par­tie gewinnt er. Doch dann über­mannt ihn die Müdig­keit. Zärt­lich decke ich ihn zu und räume alle Fla­schen fort, bis auch ich mich zur Ruhe begebe. Nach zu viel ver­go­re­nem Apfel­saft schmer­zen mir am nächs­ten Mor­gen immer die Hör­ner, aber beim Ein­schla­fen denke ich, dass es das wert war.

 

307/398

Imperti et impera

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich zu den Kel­ler­ge­wöl­ben mit den Pil­zen führt. Jung­frauen und Jüng­linge hat mir die Stadt, hat mir das Volk schon lange keine mehr geop­fert. Manch­mal gelingt es mir, in einem der Innen­höfe einen Vogel zu fan­gen. Doch das ist nur ein klei­ner Hap­pen, und meist muss ich in die feuch­ten Gewölbe hin­ab­stei­gen, um Pilze von den Wän­den zu fres­sen. Sie machen nicht rich­tig satt, und die unsäg­li­che Demü­ti­gung macht mich wütend.

Letzt­hin, nach zu vie­len Pil­zen, habe ich geträumt, ein jun­ger Mann tritt zu mir in den Thron­saal. Er hält ein Klemm­brett in der Hand.

»Guten Tag«, sagt er freund­lich. »Sie müs­sen sich regis­trie­ren.«

»Was?« Ich habe zu lange an der Wand geses­sen: Meine Gelenke sind steif, und ich komme nicht sofort hoch, um ihn umzu­brin­gen.

»Alle Mino­tau­ren müs­sen sich regis­trie­ren. Ich bin hier, um Ihnen dabei zu hel­fen. Sie benö­ti­gen ein Pass­wort.«

»Alle Mino­tau­ren?«

»Ja. Sie gehö­ren zu den über­na­tür­li­chen Wesen­hei­ten.«

»Aber es gibt nur mich!«, brülle ich, wäh­rend ich wei­ter ver­su­che, auf meine Füße zu kom­men.

Der Mann schüt­telt lächelnd den Kopf und blickt auf sein Klemm­brett, das gar kein rich­ti­ges Klemm­brett ist, weil es näm­lich leuch­tet und ihm far­bige Fle­cken ins Gesicht zeich­net. Er malt mit den Fin­gern dar­auf herum. »Es sind bereits 141 Mino­tau­ren regis­triert.«

»Ein­hun­dert­ein­und­vier­zig Mino­tau­ren?!«, schnaufe ich.

»Ja, welt­weit. Ich habe schon alles für Sie ein­ge­tra­gen. Sie brau­chen jetzt noch ein Pass­wort.«

»Haben Sie mit Däda­lus gespro­chen? Hat er Sie geschickt?«

»Däda­len sind nicht regis­trie­rungs­pflich­tig.«

»Gibt es von ihm«, frage ich kon­ster­niert, »auch so viele?«

»Na, das möchte ich doch wohl anneh­men«, erwi­dert der Mann. Inzwi­schen konnte ich mich end­lich erhe­ben. Ich senke den Kopf und spieße ihn auf. Dass es nur einen Mino­tau­rus gibt, näm­lich mich, wird er, ver­mute ich mal, spä­tes­tens jetzt regis­triert haben.

 

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An Impec­ca­ble Plan

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Er führt auf­wärts. Der Turm wächst ste­tig – bis in den Him­mel. Dies­mal wur­den nur stumme Arbei­ter ein­ge­stellt.
 

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Enga undank­o­mu­leið

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Ich betrete den Kor­ri­dor, und gleich­zei­tig zer­platzt meine Hoff­nung, hier end­lich den Aus­gang zu fin­den, wie eine Sei­fen­blase: In die­sem Kor­ri­dor war ich schon! Ich muss im Kreis gelau­fen sein. Zu dumm aber auch.

»Nimm’s nicht per­sön­lich, mein Freund«, ertönt eine Stimme. Doch es ist kein »Freund«, der da in einer Nische seine Staf­fe­lei auf­ge­baut hat und sei­nen Pin­sel schwingt. Ich ant­worte mit einem abfäl­li­gen Lachen, wäh­rend ich zu ihm trete.

»Am Anfang«, sagt er, ohne den Blick von sei­ner Lein­wand zu wen­den, »habe ich auch wie ein Ver­rück­ter den Aus­gang gesucht. Obwohl ich ja wusste, du hat­test alles dafür getan, dass ich ihn nie­mals fin­den kann.«

Ich ver­su­che, einen Blick auf das Bild zu erha­schen, das er malt, doch ver­tritt er mit mit sei­nem mas­si­gen Kör­per den Weg.

»Irgend­wann«, fährt er unge­rührt fort, »wurde mir klar, dass es nicht um den Aus­gang geht. So wenig wie um den Ein­gang. Selbst wenn ich das Ende die­ser end­los ver­schlun­ge­nen Flure und Gänge erreicht hätte, wäre es nur ein neuer Anfang gewe­sen.«

Dass er immer gleich in Pathos ver­fal­len muss! Aber es fällt nie­man­dem leicht, das eigene Schei­tern ein­zu­ge­ste­hen. Ver­mut­lich braucht er das so. Als er ein wenig zur Seite tritt, um an einer ande­ren Ecke sei­nes Bil­des wei­ter­zu­ar­bei­ten, nutze ich die Gele­gen­heit und beuge mich vor, zu ihm in die Nische hin­ein. Sein Gemälde zeigt den Kor­ri­dor, in dem wir uns befin­den; jeder ein­zelne Stein­block in den Wän­den ist kunst­voll aus­ge­führt. Eine Stelle in der Mitte des Bil­des aller­dings hat er frei­ge­las­sen, ver­mut­lich, um eine Figur hin­ein­zu­zeich­nen. Ihn selbst? Oder mich, den Erbauer, gefan­gen in sei­ner eige­nen Schöp­fung?

»Es geht«, fährt er fort, »um die Erkennt­nisse am Weges­rand. Um die Dinge, an denen wir bei unse­rer mani­schen Suche nach dem Aus­weg acht­los vor­über­ge­hen. Du bemerkst sie erst beim zwei­ten oder drit­ten Mal. Hin­ter­her kannst du kaum ver­ste­hen, wie du sie jemals über­se­hen konn­test.«

»Wovon sprichst du?«, frage ich unge­hal­ten.

»Von dem, was dir Halt gibt. Von dem, was dich mit einer Freude erfüllt, die nichts und nie­mand trü­ben kann. Von Erleuch­tung, einem inne­ren Licht, das nie wie­der ver­lö­schen wird. Von etwas, das man nicht suchen kann, nur fin­den.«

»Wenn du brüllst und wütest ist mir das viel lie­ber, als wenn du so pathe­tisch daher­re­dest. Du bist das Unge­heuer, das Ani­ma­li­sche, der Men­schen­fres­ser. Es wirkt lächer­lich, wenn du aus der Rolle fällst.«

Er skiz­ziert jetzt eine Figur mit selt­sa­mer, eng anlie­gen­der Klei­dung. Ich kann nicht erken­nen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau han­delt. »Wer soll das sein?«, frage ich.

»Jemand aus fer­ner Zukunft. Ein Mensch, der sich fragt, was er in den Kor­ri­do­ren wohl über­se­hen haben könnte. Woran er acht­los vor­über­ge­schrit­ten ist.«

»Ja, gewiss, und der Kor­ri­dor ist das Leben, das Laby­rinth ist die Welt, und Schweine kön­nen flie­gen. Ich sag dir was, auch wenn’s dir nicht gefal­len wird: Du bist in die­sen Gemäu­ern ver­rückt gewor­den und hast den Ver­stand ver­lo­ren. Wenn du je wel­chen beses­sen hast.«

Er schnaubt bedroh­lich, und ich trete schnell einen Schritt zurück, aus der Reich­weite sei­ner Hör­ner her­aus.

»Versuch’s mit Bie­nen­wachs und einem Hau­fen Federn«, sagt er. Ich weiß nicht, wovon er spricht. Aber was erwarte ich mir auch von ihm? Er kann mir bei der Suche nicht hel­fen. Ich bin es, der sich hier selbst über­tref­fen muss. Wie konnte ich mich nur vom König aus­trick­sen und in die eigene Falle wer­fen las­sen?

Ich eile wei­ter durch das Laby­rinth, ein Bau­werk, das ich zu dem Zweck ent­wor­fen habe, dass es unmög­lich ist, hin­aus­zu­fin­den. Aber das soll mich nicht wei­ter auf­hal­ten.

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Ver­sus

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Jemand ruft. Kann denn schon wie­der Zeit für das jähr­li­che Opfer sein? Aber dann erkenne ich die Stimme. Ich kenne sie gut. Es ist Däda­lus. Mein Schöp­fer, Herr und Fol­ter­meis­ter.

»Die Zeit für den Abschied ist gekom­men«, sagt er, und seine Worte schei­nen von über­all­her zu kom­men.

»Zeig dich mir!«, brülle ich. »Tritt mir gegen­über! Dass ich dir das Fleisch auf­reiße und dich zer­fetze!«

»Sei nicht wütend. Damit änderst du nichts, nichts an dei­ner Ver­gan­gen­heit und nichts an dei­ner Zukunft. Ich dachte, du wärst viel­leicht ein wenig weise gewor­den mit der Zeit.«

»Wo bist du?«, brülle ich. »Komm her­aus und stell dich mir!« Ich zit­tere am gan­zen Leib, denn all der Zorn und die Ver­zweif­lung, die sich in den vie­len, vie­len Jah­ren in mir auf­ge­staut haben, bre­chen sich nun Bahn.

»Ika­rus kommt mit mir. Wir müs­sen fort. Aber ich wollte Kreta nicht ver­las­sen, ohne mich von dir ver­ab­schie­det zu haben. In gewis­ser Weise bist du eben­falls – mein Sohn.«

Ich ver­stumme. Däda­lus bleibt wohl­weis­lich eine kör­per­lose Stimme. Er weiß, dass ich ihn töten würde, bekäme ich ihn zu fas­sen.

»Lebe wohl«, sagt er.

Ich heule auf. Ich tobe, stampfe im Sand auf, renne eine Tür ein und schleu­dere mit den Hör­nern die Holz­trüm­mer durch die Gänge. Sie lie­gen still und teil­nahms­los da. Däda­lus ist fort. Ich rut­sche an der Wand her­un­ter und weine leise in mich hin­ein. Aber irgend­wann ver­sie­gen die Trä­nen. Schließ­lich erhebe ich mich wie­der und sehe mich um. Wo bin ich hier? Ist das etwa ein Teil des Palas­tes, den ich noch nicht kenne? Es ste­hen Worte an der Wand. Das war ich. Vor lan­ger, lan­ger Zeit ein­mal. Ich erin­nere mich kaum. Ich habe wohl einen spit­zen Stein genom­men und die Buch­sta­ben in die Wand geritzt, zu einer Zeit, als ich noch ver­suchte, das Beste aus mei­nem Schick­sal zu machen und daran zu wach­sen.

»Nie­mand ist frei. Jeder lebt in einem Palast, der nur schein­bar unend­lich groß ist. Wenige bekom­men die Gele­gen­heit, das zu erken­nen.«

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Upp­haf er endir

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist der Kor­ri­dor, von dem, wenn auch ver­schlüs­selt, alte Legen­den berich­ten, der, wenn auch ver­klau­su­liert, in anti­ken Mär­chen erwähnt wird, der sagen­hafte Kor­ri­dor, der in gewis­ser Weise das Urbild und Vor­bild für alle Kor­ri­dore ist, das unbe­wusste Ziel all jener, die einen Kor­ri­dor erbauen, und all derer, die je einen Kor­ri­dor betre­ten.

Es ist der Kor­ri­dor, von denen seit Urzei­ten Scha­ma­nen und Mys­ti­ker berich­ten, an den ver­wit­terte Stein­rit­zun­gen gemah­nen und auf den unent­zif­fer­bare Sym­bole längst­ver­ges­se­ner Schrif­ten hin­deu­ten, ein arche­ty­pi­scher Kor­ri­dor, der sich im Dun­kel der Zei­ten ver­liert und der bis heute sei­nen Platz im Bewusst­sein der Men­schen hat, der aus Weis­hei­ten wie »Der Weg ist das Ziel« oder »I did it my way« her­aus­leuch­tet und vom kapi­ta­lis­ti­schen Fort­schritts­glau­ben bis zur Unkennt­lich­keit kon­ter­ka­riert wird. Paläo­li­ti­sche Wohn­höh­len, Gil­ga­meschs Uruk, das bud­dhis­ti­sche Sham­bala, Atlan­tis mit sei­ner Tem­pel­stadt, die mys­te­riöse Indus­zi­vi­li­sa­tion der Veden – all diese uralten, mys­ti­schen Orte ver­eint letzt­lich eine Essenz: der ebenso zen­trale wie fun­da­men­tale Kor­ri­dor, der zur Krypta und zum Sank­tis­si­mum führt – ins Aller­hei­ligste und Herz der Dinge.

Es ist der Kor­ri­dor, der in Form zere­mo­ni­el­ler Laby­rin­the über­lie­fert ist, von dem Pil­ger­rei­sen einen schwa­chen Abglanz, von dem Tun­nel ins Licht der jen­sei­ti­gen Welt ein fer­nes Echo dar­stel­len. Es ist der Kor­ri­dor, von dem die Wei­sen sagen, dass er sich mit jedem Schritt, den wir hin­ein­tun, erst formt.

Viele Jahre lang, ein hal­bes Leben lang war ich davon über­zeugt, es müsse ihn irgendwo geben, etwa wie ein ver­ges­se­nes Grab, eine ver­schüt­tete Kult­stätte, eine ver­sun­kene Tem­pel­an­lage. Ich habe mich auf die Suche bege­ben – in Biblio­the­ken und den Mythen der Welt, unter den Ältes­ten aus­ster­ben­der Völ­ker und bei Trance-Medien und denen, die Umgang mit der Geis­ter­welt füh­ren, und nicht zuletzt mit jour­na­lis­ti­schem Spür­sinn und mei­ner ganz eige­nen roman­ti­schen Schwär­me­rei.

Doch der Kor­ri­dor blieb ungreif­bar, eine Fata Mor­gana am Hori­zont, wabernd, ver­schwim­mend, sich in Luft auf­lö­send und an ande­rer Stelle wie­der­erschei­nend. Berichte von jenen, die von ihm wuss­ten, waren ebenso spär­lich wie kryp­tisch, und natür­lich hieß es immer, dass von denen, die ihn betre­ten hat­ten, kei­ner zurück­kehrte, um davon berich­ten zu kön­nen – ein inte­gra­les Ele­ment anti­ker Mythen, die neben dem Ver­such einer Welt­erklä­rung immer auch Ver­schleie­rungs­tak­tik sind, damit das Eigent­li­che, die grund­le­gende Wahr­heit über die Welt, denen vor­be­hal­ten bleibt, die damit umge­hen kön­nen.

Die am schwers­ten zu über­win­dende Mauer des Schwei­gens, auf die ein Suchen­der sto­ßen kann, ist die aus unzäh­li­gen bered­ten Zun­gen. Der Kor­ri­dor ist der Weg ins Zen­trum, ins Wesent­li­che, aber sein Wesen macht ja gerade aus, dass es zahl­rei­che Abzwei­gun­gen gibt, Ablen­kun­gen, Zer­streu­un­gen, ver­hei­ßungs­volle Türen und Durch­gänge zu bei­den Sei­ten des Wegs, mit deren Durch­schrei­ten der Sucher sein Ziel aus den Augen ver­liert.

Das Wis­sen um den Ur-Kor­ri­dor ist nur noch in Frag­men­ten vor­han­den. Es gilt, sie zu sam­meln und zusam­men­zu­set­zen, bis sich eine Kon­tur sei­nes Ursprungs abzeich­net. Denn die­ser Kor­ri­dor ist kein Bau­werk einer ver­schol­le­nen Zivi­li­sa­tion, kein X auf einer ver­gilb­ten Schatz­karte, nichts, das Satel­li­ten­auf­nah­men oder ein Boden­so­nar auf­spü­ren könn­ten. Er ist ein Sinn­bild, eine Meta­pher für die Urer­fah­rung, dass es zur Natur des Men­schen gehört, stän­dig Gefahr zu lau­fen, vom eige­nen Weg abzu­wei­chen und in die Irre zu gehen – sei es, weil wir der Masse fol­gen, sei es, weil wir frem­den oder gar eige­nen Ein­flüs­te­run­gen nach­ge­ben.

Meine Suche, die mich um den hal­ben Erd­ball geführt hat, brachte mich am Ende kon­se­quen­ter­weise an den Anfang zurück. Zu mir. Zur Suche und zum Grund für die Suche, ob ich es nun Wahr­heit nenne oder Glück, Seele oder Authen­ti­zi­tät, das Tao oder Erfül­lung, das Sein oder das rich­tige Leben im fal­schen. Das Alles­ent­schei­dende hat viele Namen und tritt in vie­len Ver­klei­dun­gen auf. Für mich ist es der Kor­ri­dor.

»Triff die rich­tige Ent­schei­dung – und ducke dich unter den Quer­schlä­gern weg« lau­tete ein­mal der Rat eines tol­te­ki­schen Zau­be­rers an mich, und tat­säch­lich ähneln sich die wei­sen Rat­schläge für Kor­ri­dor­su­cher und lau­fen übli­cher­weise auf das Motto »Immer wach und in Bewe­gung blei­ben!« hin­aus.

Ich war jemand, der in einem Kor­ri­dor den Kor­ri­dor suchte. Aber der lange Weg war nötig, damit ich hier ankom­men konnte, um schließ­lich den ent­schei­den­den Schritt zu machen.

Ich betrete den Kor­ri­dor.

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Piece of Mind–Piece of Heart

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Ich betrete den Kor­ri­dor, weil mich eine Ahnung hier­her­treibt. Seit dem Auf­wa­chen kann ich mich des Gefühls nicht erweh­ren, dass heute etwas anders ist. Ruhe­los wan­dere ich umher, von einem Flü­gel des Palas­tes in den nächs­ten, auf der Suche nach etwas, von dem ich nicht weiß, was es sein könnte.

Und dann der Geruch. Er ist fremd­ar­tig, hat etwas Erdi­ges, Hol­zi­ges, Bit­te­res. Zuerst denke ich, es ist irgendwo ein Feuer aus­ge­bro­chen. Doch dafür wie­derum ist der Geruch zu süß­lich. Ich folge ihm und trete vom Kor­ri­dor aus durch einen schma­len Durch­lass in einen Raum, in dem eine Frau steht.

Mein Herz stockt.

Es ist keine von den vor Angst zit­tern­den Jung­frauen, die sie mir jedes Jahr vor­wer­fen. Sie steht hier, als würde sie das schon immer tun, han­tiert an einem lang­ge­streck­ten Tisch mit eigen­ar­ti­gen Gerä­ten und streicht sich gele­gent­lich ver­son­nen durchs Haar. Nach­dem ich sie eine Zeit­lang ange­starrt habe, wird mir klar, dass sie blind ist. Des­halb sieht sie mich nicht, des­halb schreckt sie nicht zurück, schreit, ver­kriecht sich in die hin­terste Ecke, presst die Augen zusam­men, als könne sie so ihrem Schick­sal ent­ge­hen.

Ich trete näher und räus­pere mich.

»Oh«, sagt sie, »ein Gast. Was darf ich Ihnen anbie­ten? Cap­puc­cino?« Ich weiß nicht, was sie meint. Aber ich nicke. Das kann sie nicht sehen, also sage ich mit beleg­ter Stimme: »Ja, gerne.«

»Sofort«, sagt sie. »Und dazu ein Brow­nie? Frisch geba­cken.« Unter dem schma­len Tisch zwi­schen uns lie­gen auf Regal­bret­tern, durch die man hin­durch­se­hen kann wie durch kla­res Was­ser, dun­kel­braune Gebäck­stü­cke. Sie weist dar­auf. »Ja, gerne«, sage ich.

»Set­zen Sie sich, ich bringe es Ihnen.«

Im Raum ste­hen Tische und Stühle. Ich wähle mir einen aus, ziehe ihn zurück, wobei ich ihn über den Boden schar­ren und ein Geräusch ver­ur­sa­chen lasse. So weiß sie, wo sie mich fin­det.

Die glän­zende Vor­rich­tung auf ihrer Theke macht ein zischen­des und blub­bern­des Geräusch. Sie scheint jedoch nicht gefähr­lich zu sein, denn die junge Frau hand­habt sie ganz selbst­ver­ständ­lich. Dies alles wirkt über­haupt nicht so, als könne Däda­lus der Urhe­ber sein. Aber Däda­lus ist ja auch schon lange fort und viel­leicht längst tot.

Neben mir an der Wand hängt ein selt­sa­mes Bün­del Per­ga­mente, zusam­men­ge­hal­ten von einem läng­li­chen Holz. Ich nehme es mir, denn ich habe Schrift­zei­chen auf den Per­ga­men­ten ent­deckt. Bald schon bin ich in die klei­nen Geschich­ten und Bil­der ver­tieft, die sie bede­cken und von dem erzäh­len, was alles außer­halb mei­nes Palas­tes geschieht.

Ich schre­cke auf, als plötz­lich die Frau neben mir steht und mir vor­sich­tig eine Tasse reicht und einen Tel­ler mit dem Gebäck­stück.

»Bit­te­s­ehr«, sagt sie lächelnd, »las­sen Sie es sich schme­cken.«

»Danke«, sage ich hei­ser. Das Getränk ist heiß, sehe ich: Es dampft. Und es ver­strömt die­sen süß-bit­te­ren Geruch, den unwi­der­steh­li­chen Duft, der mich hier­her­ge­lockt hat.

»Kom­men Sie jetzt jeden Tag her?«, fragt die Frau. Und nach einer win­zi­gen Pause fügt sie noch an: »Das wäre schön.«

Eigent­lich möchte ich jubeln und über die Tische tan­zen, aber ich will sie nicht erschre­cken. »Ja, gerne«, sage ich leise, und als sie dar­auf­hin lächelt, bevor sie sich umdreht und zu ihren selt­sa­men Gerät­schaf­ten zurück­geht, macht mein Herz einen Sprung.