Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Mythos

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Das Titelbild zeigt einen Menschen mit Stierkopf in Anzug und roter Krawatte an einem Rednerpult vor einem historischen Gebäude mit Säulen. Er hält eine Rede am Mikrofon. 
Ein digitaler Button zeigt einen Mechanismus mit Glocke und Bett.

♫ From the Bön Scrip­tures ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der in das Laby­rinth führt, das ich nie mehr ver­las­sen werde. Däda­lus steht hin­ter mir und lächelt stolz. Er hat Monate damit ver­bracht, es zu kon­stru­ie­ren und für mich ein­zu­rich­ten. Er nennt es »Palast«.

»Ich werde ver­durs­ten und ver­hun­gern«, sage ich. Däda­lus schüt­telt den Kopf: »Wirst du nicht. Unten, im Kel­ler des Palas­tes, gibt es eine Quelle. Es gibt Innen­höfe mit zahl­rei­chen Obst­bäu­men, und es gibt ein feuch­tes Gewölbe, in dem zahl­lose Cham­pi­gnons wach­sen.«

»Ich werde ein­sam sein«, pro­phe­zeie ich düs­ter. Däda­lus hält dage­gen: »Wir wer­den dir immer wie­der Unter­hal­tung schi­cken. Junge Män­ner und Jung­frauen unse­rer Vasal­len­staa­ten, mit denen du ver­fah­ren kannst, wie du möch­test.«

»Fleisch«, sage ich. »Wie du meinst«, sagt Däda­lus.

»Ich werde mich nach Frei­heit seh­nen und ver­rückt wer­den.« Däda­lus scheint wenig beein­druckt: »Wirst du nicht. Der Palast wird dir unend­lich groß erschei­nen, und du wirst immer wie­der neue Räume ent­de­cken, neuen Wun­dern begeg­nen. Ich habe dafür gesorgt, dass du dir einen gere­gel­ten Tages­ab­lauf gestal­ten kannst, mit allem, was du gerne tust. Das fängt an mit einem gro­ßen, wei­chen Bett aus Stroh, an das ich eine kleine Glo­cke gestellt habe, die – sobald die Sonne auf­geht – von einem Mecha­nis­mus ange­schla­gen wird. Das Bim­meln wird dann immer lau­ter, bis du end­lich auf­stehst.« Als er mich stöh­nen hört, fügt er an: »Wenn du aller­dings noch ein wenig wei­ter­schla­fen möch­test, kannst du den Mecha­nis­mus mit einem klei­nen Hebel dazu brin­gen, für einige Zeit mit dem Schla­gen der Glo­cke auf­zu­hö­ren.«

»Erfin­dun­gen …«, sage ich abfäl­lig, »das ist alles, was du kannst: Dir irgend­wel­che Mecha­nis­men und Vor­rich­tun­gen aus­den­ken. Was aber ist mit den Men­schen und ihren Gefüh­len?«

»Du bist kein Mensch. Jeden­falls nicht rich­tig.« Doch als er bemerkt, dass mir Trä­nen in die Augen tre­ten, beeilt er sich zu sagen: »Aber auch an deine Gefühle habe ich gedacht, mein Lie­ber.«

Hoff­nungs­froh sehe ich ihn an, wie er da im Ein­gang zu dem Kor­ri­dor steht, hin­ter ihm der blaue Him­mel und das Meer – die Frei­heit, die ich jetzt zum letz­ten Mal sehen, rie­chen und hören darf.

»Ich weiß«, sagt Däda­lus, »dass dir eigent­lich die Königs­würde zustünde. Dass ein … böses Schick­sal dir dein Erbe und Anrecht ver­wehrt.« Er ver­gisst zu sagen, dass er es war, der die­ses Schick­sal her­bei­ge­führt hat. Den­noch lau­sche ich erwar­tungs­voll sei­nen Wor­ten. Was hat er mir zuge­dacht?

»Du wirst in dei­nem Palast«, sagt er, »einen Bal­kon fin­den, der sich auf einen gro­ßen Platz hin öff­net. Dort kannst du dich prä­sen­tie­ren und Reden hal­ten. Und wenn du an dem höl­zer­nen Knauf ziehst, den du neben der Brüs­tung siehst, wird dir dein Volk applau­die­ren und aus vie­len Keh­len zuju­beln.«

»Mein Volk?«

»So wird es sich anhö­ren, ja. Ich habe lange an der Hydrau­lik getüf­telt.«

Ich sacke in mich zusam­men. Wie­der nur eine mecha­ni­sche Vor­rich­tung, eine Attrappe wie die, auf die mein Vater, der Stier, her­ein­fiel.

»Es wird dir gefal­len. Da bin ich ganz sicher!«

Däda­lus lächelt mir auf­mun­ternd zu. Er tritt einen Schritt zurück, ins Freie, und legt einen Hebel um. Mit einem Knir­schen senkt sich ein Wand­stück her­un­ter, um den Kor­ri­dor zu ver­schlie­ßen. Ich könnte diese Stelle hier mar­kie­ren, mit mei­nen Hör­nern ein Kreuz in die Wand rit­zen, damit sich sie wie­der­fin­den und zer­stö­ren kann. Aber ich bin sicher, auch daran hat Däda­lus gedacht und Mit­tel und Wege erson­nen, mich daran zu hin­dern, mich zu ver­wir­ren und zu nar­ren und auf ewig zum Gefan­ge­nen in die­sem Palast zu machen.

Er beugt sich her­un­ter, um mir unter der lang­sam her­ab­rut­schen­den Wand ein letz­tes Mal zuzu­win­ken.

»Sei nicht trau­rig! Du weißt ja …«, ruft er.

»Es ist für alle das Beste so«, wie­der­hole ich brav, was er mir immer wie­der ein­ge­schärft hat, »auch für mich.« Däda­lus nickt lächelnd. Dann ist er hin­ter der Wand ver­schwun­den. Mit einem dump­fen Laut schließt sie den Kor­ri­dor ab, als habe sie immer schon dort gestan­den.

Ich fühle mich ein wenig nie­der­ge­schla­gen. Schließ­lich mache ich kehrt und betrete mei­nen Palast auf der Suche nach dem Bal­kon.

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Das Titelbild zeigt das sphinxähnliche steinerne Monument einer Frau in einer großen Höhle, umgeben von schlafenden Zwergen, Drachen, Vögeln und anderen Fabelwesen. Ein digitaler Button zeigt einen griechischen Tempel vor einem Berg.

♫ March of the Monu­ments ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Meine alten Gelenke schmer­zen, aber ich lasse nicht darin nach, mei­nen täg­li­chen Kon­troll­gang zu machen, durch den gehei­men Kor­ri­dor tief hin­ein in den Olymp, in dem sich eine ver­bor­gene Gewöl­be­halle befin­det. Hier lie­gen, im sie­ben­tau­send­jäh­ri­gen Schlaf, Elfen, Zwerge, Dra­chen, Wich­tel, Trolle, Ein­hör­ner, der Vogel Rok, Zyklo­pen, Zen­tau­ren, Dschinns und Schutz­en­gel. Sie  war­ten hier die Herr­schaft der Men­schen ab, unge­schlach­ter, tum­ber, schwer­fäl­li­ger Gestal­ten, die an der Ober­flä­che der Erde Unord­nung machen und Unfrie­den stif­ten.

Manch­mal schlägt eines der Alten Wesen die Augen auf und glaubt, schwer zu träu­men. Ich setze mich dann dazu und singe eines der alten Wie­gen­lie­der. Nicht mehr lange, und die Zeit der Men­schen wird zu Ende gehen. Wenn sie fort sind und die recht­mä­ßi­gen Hüter der Erde sich den lan­gen Schlaf aus den Augen gerie­ben haben, wird mein neun­tes Leben sich end­lich dem Ende zunei­gen, und ich werde ein letz­tes Mal mit schmer­zen­den Pfo­ten durch den Kor­ri­dor lau­fen, ihnen voran, um ihnen den ver­steck­ten Aus­gang zu zei­gen, von dem aus sie vom Olymp her­ab­stei­gen kön­nen.

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Das Titelbild zeigt die Nahaufnahme eines muskulösen, menschenähnlichen Wesens mit dem bärtigen, zotteligen Gesicht eines Bullen, großen gebogenen Hörnern und gelben Augen. Ein digitaler Button zeigt ein durchgestrichenes O.

♫ Family Beast ♫


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Ich betrete den K… Wer war das?! Wer hat einen Eimer Was­ser auf die ange­lehnte Tür gestellt? Wer wagt es, sich mit mir, dem Unge­tüm, einen alber­nen Scherz wie die­sen zu erlau­ben? Ich schüttle meine sträh­nige Mähne und brülle, dass es in den Gän­gen mei­nes Palasts lange wider­hallt. Ich finde euch! Nie­mand kennt das Laby­rinth bes­ser als ich, der Men­schen­fres­ser.

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Das Titelbild zeigt einen Raum mit Kunstwerken: links eine Büffelskulptur, mittig ein Relief mit kämpfenden Figuren, rechts ein gerahmtes Landschaftsgemälde mit einer Person in rotem Gewand, davor ein großes rotes Wollknäuel mit einem Faden, der zu einem kleinen Steinbänkchen führt.

♫ Uvs Nuur ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Den Faden, der hin­durch­läuft, rolle ich immer wei­ter auf: Ich habe bereits ein beacht­li­ches Knäuel in der Hand. Ich sehe, dass der Faden unter einer der Türen ver­schwin­det. Hier werde ich sie fin­den, hier war­tet sie auf mich! Ich werfe das Knäuel acht­los von mir und laufe zu der Tür, die sich in nichts von den zahl­lo­sen ande­ren unter­schei­det. Als ich sie öffne und mit ihrem Namen auf den Lip­pen hin­durch­eile, steht mir ein Wesen mit einem Stier­kopf gegen­über und reißt mir mit einem sei­ner Hör­ner das Fleisch mei­ner Brust auf, legt mein Herz frei. Ich stürze zu Boden. »Er ist doch mein Bru­der«, höre ich ihre Stimme ganz nah an mei­nem Ohr.

Wie viele vor mir? Und wie viele wer­den sie noch locken? Und all das viele Blut … Der Was­ser­fall in mei­nen Ohren wird lau­ter und lau­ter, bis nur noch ein alles ver­schlin­gen­des Rau­schen da ist, das mich gnä­dig in sich auf­nimmt.

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Das Titelbild zeigt ein rundes, kolosseumartiges Labyrinth mit farbigen Pfeilen, die in verschiedene Richtungen zeigen, jeder mit einem Buchstaben in einem farbigen Quadrat, mit einem Buch neben dem Eingang.

♫ The Trailblazer’s Red-Let­ter Day ♫


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»Ich betrete den Kor­ri­dor« kön­nen Sie heute als Besu­cher des Kor­ri­do­ri­ums mit Fug und Recht von sich behaup­ten: Dies­mal kom­men freund­li­che Hos­tes­sen auf Sie zu, um Sie zu einer der vie­len Türen zu gelei­ten, hin­ter denen Sie wei­tere Kor­ri­dore erwar­ten – und wei­tere Türen, aber die müs­sen Sie dann schon selbst auf­sto­ßen.

Mit Ihnen ist ein wei­te­rer Besu­cher her­ein­ge­kom­men. Er trägt einen Anzug, hält eine Akten­ta­sche in der Hand und wirkt etwas ver­wirrt. »Ich hab keine Ahnung, was ich hier soll!«, meint er zu Ihnen. »Was noch alles?« steht auf einem Ban­ner, unter dem an drei Steh­ti­schen die Hos­tes­sen war­ten. Schon küm­mert sich eine von ihnen um den Mann: »Ja, man kann sich hier auch gut ver­ir­ren. Wenn Sie gezielt vor­ge­hen möch­ten und nur wenig Zeit mit­brin­gen, soll­ten Sie durch diese schmale Tür hier vorne wei­ter­ge­hen.« Sie trägt die Auf­schrift »Vignette«, stel­len Sie fest. »Oder hier« – die freund­li­che junge Dame macht den Gast auf eine fast schon win­zige Tür mit der Auf­schrift »Frak­tum« auf­merk­sam – »für die ganz kurze Aufmerk­samkeits­spanne: Man­ches ist nicht län­ger als ein Tweet, kommt also mit 140 Zei­chen aus«, fährt sie fort.

»Mich inter­es­sie­ren Auf­stel­lun­gen«, sagt der Mann mit der Akten­ta­sche und rückt sich die Brille gerade.

»Dann ist mög­li­cher­weise dies hier die rich­tige Tür für Sie.« Der Mann betrach­tet stirn­run­zelnd die Auf­schrift »Lis­ten«. Sie scheint ihm zuzu­sa­gen, denn er zuckt kurz die Schul­tern, nickt der Dame kurz dan­kend zu und greift dann ent­schlos­sen zur Klinke.

Inzwi­schen ist eine der ande­ren Hos­tes­sen auf Sie auf­merk­sam gewor­den. »Was darf es für Sie sein?«, fragt sie lächelnd.

»Gibt’s hier auch Geschich­ten mit Hand­lung und Figu­ren, also so rich­tige Kurz­ge­schich­ten?«

»Oh ja«, ant­wor­tet die Hos­tess und zeigt zu einer Glas­tür mit der Auf­schrift »Story« und den dreien dahin­ter, »klas­sisch«, »Fan­tasy« und »SciFi«.

»Was ist mit klas­si­scher Fan­tasy?«, fra­gen Sie stirn­run­zelnd.

»Oh ja, das könnte man falsch ver­ste­hen, rich­tig«, meint die junge Dame. »Alle Kurz­ge­schich­ten ohne Magie und Futu­ris­ti­sches, ohne Brim­bo­rium und Fir­le­fanz sozu­sa­gen – dafür steht ›klas­sisch‹.«

Sie sagt noch etwas dazu, dass es nicht leicht gewe­sen sei, die tref­fen­den Schlag­wör­ter zu fin­den, aber Sie las­sen sich ablen­ken: Eine Besu­che­rin, die eigen­ar­ti­ger­weise einen geöff­ne­ten Regen­schirm mit dem bun­ten Auf­druck »(sich) regen bringt segen« trägt, fragt eine der Hos­tes­sen nach »spi­ri­tu­el­len Tex­ten«. Sie wird von ihr zu den Türen »Nous« und »Kōan« ver­wie­sen – hin­ter »Nous« ste­cke alles, was mit Bewusst­sein zu tun hat, und »Kōan« stehe im wei­tes­ten Sinne für öst­li­che Weis­hei­ten. »Und wie steht es mit, äh, Lie­bes­ge­schich­ten«, fragt die Frau noch leise, als sei es ihr ein wenig pein­lich. Auch dafür gibt es eine Tür wei­ter hin­ten im Kor­ri­dor. Sie trägt, wenig über­ra­schend, die Auf­schrift »Romanze«.

Bevor Sie sich wie­der Ihrer Hos­tess zuwen­den kön­nen, rollt auf einem Skate­board ein Junge in einem Hoo­die her­ein. Er wirft unter sei­ner Kapuze einen abschät­zi­gen Blick in den Kor­ri­dor. Schon ist eine Hos­tess bei ihm. »Cory?«, fragt er. Die Hos­tess schüt­telt lächelnd den Kopf: »Aber die Frage klärt sich womög­lich hin­ter die­ser Tür.« Sie zeigt auf eine Tür mit der Auf­schrift »Cory?« und fügt dann mit Fin­ger­zeig auf die Tür dane­ben, »Meta«, an: »Da könn­ten sich wei­tere Hin­weise auf­tun. Jeden­falls fin­den sich da alle Erklä­run­gen über das Kor­ri­do­rium selbst.«

Das bringt Sie auf eine Idee. Sie fra­gen die junge Dame, die sich hilf­reich zu Ihnen gesellt hat, nach Sto­rys über Par­al­lel­wel­ten – davon soll im Kor­ri­do­rium immer wie­der die Rede sein.

»Oh ja«, ant­wor­tet Ihre Hos­tess lächelnd, »auch dafür gibt es eine Tür. Fol­gen Sie mir bitte.« Die frag­li­che Tür mit der Auf­schrift »Plu­ri­Dim« befin­det sich am Kopf­ende des Kor­ri­dors. »Das steht, hat man mir gesagt, für ›Plu­ri­di­men­sio­na­les‹, also mehr­di­men­sio­nale Per­spek­ti­ven.«

Inter­es­siert lesen Sie die Auf­schrift auf der Tür seit­lich davon: »Parapher­na­lia«?

»Oh ja«, die junge Dame nickt, »da ist alles unter­ge­bracht, was sich allem ande­ren nicht zuord­nen ließ, selbst Kaf­ka­es­kem und Sur­rea­lis­ti­schem nicht.« Sie weist auf die Tür den »Parapher­na­lia« gleich gegen­über. »Kafka«, sagt sie, »ist ein­fach ›K.‹ – und wurde hier aus Platz­grün­den mit dem Sur­rea­lis­mus zusam­men­ge­legt.« Auf der Tür steht »K. / Dada«.

›Tu ich mir wohl bes­ser nicht an‹, den­ken Sie, ver­schlei­ern Ihre Gedan­ken aller­dings mit einem ver­bind­li­chen Lächeln. »Falls ich aber nun spe­zi­ell alles suche, was mit Laby­rin­then und dem Mino­tau­rus zu tun hat?«

»Oh ja«, meint die Hos­tess eif­rig, »hätte ich mir eigent­lich gleich den­ken kön­nen. Ich habe an den Hör­nern natür­lich sofort gese­hen, welch hohen Besuch wir hier heute haben.«

Sie schnau­ben ein wenig durch die Nüs­tern, weil man so was in der Art meist von Ihnen erwar­tet. Obwohl es eigent­lich freund­lich wir­ken sollte, tritt die Hos­tess vor­sichts­hal­ber einen Schritt zurück.

»Hier«, sagt die junge Dame ein wenig ein­ge­schüch­tert, »das wäre dann die Tür Ihrer Wahl.« Sie trägt die Auf­schrift »Mythos«.

»Das kann aber auch Lüge hei­ßen, wie in ›Ach, das ist doch bloß ein Mythos!‹ …«, mer­ken Sie kri­tisch an.

»Oh, ja«, sagt die Hos­tess und schluckt, »aber das ist hier natür­lich nicht in die­sem Sinne gebraucht.«

»Na, das will ich doch gemeint haben!«, erwi­dern Sie und öff­nen die Tür.

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Das Titelbild zeigt einen engen, dunklen Gang mit Ziegelsteinwänden und einem schmalen, bogenförmigen Fenster mit aufgebogenem Gitter, durch das eine Terrasse mit Palme und blauem Himmel sichtbar ist.

♫ Find the Hid­den Wis­hing Well ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Eines der Fens­ter gegen­über den Türen geht auf einen klei­nen Innen­hof hin­aus, in dem ein Brun­nen plät­schert. In der klei­nen Pal­men­gruppe zwit­schern unbe­schwert die Vögel. Ich stehe lange dort und genieße den Blick und die fri­sche Luft, die zu mir her­ein­weht. Wie gern würde ich dort sein! Doch mit den lan­gen Hör­nern passe ich nicht durch die Fens­ter­öff­nung.

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Das Titelbild zeigt eine Wolkenformation mit menschlichen Gesichtern, aus deren Mündern Wind strömt, mit der Silhouette eines fallenden oder schwebenden Menschen darunter.

♫ From a Wind-Swept Mind ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Ach, hätte ich doch bedacht, dass es sich um ein Luft­schloss han­delt! Ich ver­liere den Boden unter den Füßen, und jetzt machen sich die Winde, allen voran Aphe­lio­tes, aber auch Lips lässt sich nicht lum­pen, einen Spaß dar­aus, mich durch den Him­mel zu bla­sen. Kai­kias schließ­lich hat ein Ein­se­hen, trägt mich fort von sei­nen unge­stü­men Kame­ra­den und lässt mich, wenn auch nicht gerade sanft, weit im Nord­os­ten in einem Hafen zu Boden sin­ken.

Reykja­vík.

Jetzt im Win­ter nicht gerade mein Traum­ziel. Aber hat, heißt es, ein reges Nacht­le­ben zu bie­ten.

108/398

Das Titelbild zeigt eine in einen gelben Umhang gehüllte Person. Sie hält eine rote Schnur, die zu einer großen, menschenähnlichen Kreatur mit Hörnern führt, die eine gelbe Rose in ihrer behaarten Hand hat. Sie steht in einem roten Torbogen steht, hinter dem oben die Spitze eines Messers oder Dolchs erscheint.

♫ (Invi­si­ble Calls from the) Soaring Sirens ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, in den der rote Faden mich lei­tet. Auf ihn bin ich zufäl­lig bei mei­ner Wan­de­rung durch die­sen end­lo­sen, laby­rin­thi­schen Palast gesto­ßen. Es muss noch jemand hier sein! Und wenn die­ser Jemand einen Faden aus­legt, dann führt mich die­ser Faden ent­we­der zu ihm und beschert mir eine will­kom­mene Abwechs­lung in mei­ner ein­tö­ni­gen Spei­sen­folge – oder er führt mich zu dem Ein­gang, durch den er her­ein­kam. Und was für ihn ein Ein­gang ist, ist für mich der Aus­gang!

Also folge ich dem Faden durch das Laby­rinth. Und tat­säch­lich: Tages­licht und das ferne Rau­schen des Mee­res. Wie habe ich die Sonne ver­misst in die­sen ein­sa­men Jah­ren! Am Ende des Kor­ri­dors sehe ich blauen Him­mel. Und eine Gestalt. Es ist eine Frau. Ich muss blin­zeln. Sie kommt mir bekannt vor. »Schwes­ter!«, sage ich. Meine Stimme klingt fremd und unge­lenk – ich gebrau­che sie seit lan­gem nicht mehr.

»Du darfst nicht hier sein«, ant­wor­tet sie. Sie ist geal­tert. Sehe ich da weiße Sträh­nen in ihrem Haar?

»Ich bin dem Faden gefolgt.«

»Das war Däda­lus’ Idee.« Hätte ich mir den­ken kön­nen. Sie sieht, dass mein Blick auf ihre Trau­er­binde fällt. »Vater …«, sagt sie und schluckt.

»Dann bin ich jetzt König.«

»Pus­te­ku­chen«, sagt eine neue Stimme – hin­ter mir. Ein schar­fer Schmerz fährt mir in den Rücken, und ich sehe die glän­zende Spitze eines Schwer­tes aus mei­ner Brust ragen. Ich will etwas sagen, doch meine Lun­gen wol­len sich nicht mehr mit Luft fül­len. Meine Beine kni­cken ein, und ich sinke in die Knie.

Von hier kann ich die Sonne sehen, die nun glei­ßend die Welt ver­schlingt, die mir eben noch offen­stand, bis meine Schwes­ter zu mir tritt, ihren Schat­ten über mich wirft, als sie sich zu mir her­un­ter­beugt, und mich gnä­dige, all­um­fas­sende Dun­kel­heit umarmt.

140/398

Das Titelbild zeigt einen Mann im Anzug, der auf einer Gartenterrasse einen Tee trinkt. Hinter ihm liegen auf einer Art Sofa ein aufgeschlagenes Buch und eine rote Mappe. An einer Säule hängt ein expressionistisches Bild einer tanzenden Figur. Ein digitaler Button oben links zeigt das Piktogramm eines Käfers mit ausgebreiteten Flügeln.

♫ The Labour of Emer­gence ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor end­lich doch noch, nach müh­sa­men Ver­su­chen, in Trance zu fal­len. Jetzt bin ich wie­der in ver­trau­ter Umge­bung. Von Anfang an ist es in mei­ner Ima­gi­na­tion immer die­ser Kor­ri­dor mit den nack­ten Zie­gel­wän­den und den ver­blas­sen­den Fres­ken an der gewölb­ten Decke gewe­sen, der mich zu mei­nen ver­gan­ge­nen Leben geführt hat. Ich stu­diere sie, um für meine For­schun­gen als His­to­ri­ker Details und Infor­ma­tio­nen zu gewin­nen, wel­che die Quel­len, die mir als Wis­sen­schaft­ler zur Ver­fü­gung ste­hen, nie­mals her­ge­ben wür­den. Natür­lich darf kei­ner mei­ner Kol­le­gen oder gar der Insti­tuts­lei­ter davon erfah­ren.

Dies­mal jedoch ist es anders. Am Ende des Kor­ri­dors erwar­tet mich keine Tür, die mich in jeweils andere meist längst ver­gan­gene Zei­ten mit einer mir selt­sam ver­trau­ten Umge­bung führt – dies­mal öff­net sich der Kor­ri­dor in einen Gar­ten, der mir ganz fremd vor­kommt. Er emp­fängt mich mit einer fast über­wäl­ti­gen­den Far­ben­pracht, betäu­ben­den Blü­ten­düf­ten und dem Sum­men gan­zer Heer­scha­ren von Insek­ten. Ein dicker Brum­mer, wohl ein Mist­kä­fer, hält auf mich zu, und ich muss mich schnell weg­du­cken, um nicht getrof­fen zu wer­den.

In einem Pavil­lon sitzt ein älte­rer Herr mit einem fei­nen, grauen Schnauz­bart und sieht mir erwar­tungs­voll ent­ge­gen. Er gießt mir eine Tasse Tee ein. »Sie woll­ten mich spre­chen?«, fragt er freund­lich. Ich kenne ihn. Das kann kein ver­gan­ge­nes Leben sein, denn C. G. Jung starb erst 1961. Neben der zier­li­chen Kanne aus chi­ne­si­schem Por­zel­lan liegt ein Buch mit rotem Leder­ein­band.

Wir trin­ken Tee und reden über Mythen und Arche­ty­pen. Ich erläu­tere ihm meine Über­zeu­gung, dass unsere Welt einen völ­lig neuen Mythos braucht, der uns die Kraft und die Ori­en­tie­rung ver­leiht, die Pro­bleme unse­rer Zeit zu bewäl­ti­gen: Nur eine uni­ver­selle Geschichte und Kon­stel­la­tion kann uns, kann die zer­split­terte Welt zu einem gemein­schaft­li­chen Neu­an­fang, zu einem neuen Auf­bruch bewe­gen, glaube ich. Gil­gamesh, Pro­me­theus, Odys­seus, Arjuna, Paul Bun­yan, Fran­ken­stein, Peter Pan, Harry Pot­ter, Little Nemo (Comic, nicht Film), Rübe­zahl, Bat­man, Bernd das Brot – ich habe schon viele mythi­sche Figu­ren aus unter­schied­li­chen Kul­tu­ren dar­auf­hin abge­klopft, ob sie uns zeit­ge­mäße Ant­wor­ten bie­ten könn­ten oder auch nur Stra­te­gien, um Ant­wor­ten zu fin­den.

»Geht es um Ant­wor­ten?«, fragt mein Gesprächs­part­ner pfif­fig und nippt an sei­nem Tee.

Ja und nein. Letzt­lich geht es wohl um eine gesunde Sicht­weise – auf uns selbst und die Welt. Eine, die zu nach­hal­ti­gen Lösun­gen und Fort­schrit­ten führt.

Doch ich ver­liere den Faden und beginne, von dem Kor­ri­dor zu erzäh­len. »Ich betrete den Kor­ri­dor?«, wie­der­holt mein Gegen­über lächelnd. Das könne nicht der gesuchte neue Mythos sein. Er müsse etwas Ver­bin­den­des haben, etwas Kol­lek­ti­ves und Gemein­sinn-Stif­ten­des, das gleich­zei­tig tief aus dem Unbe­wuss­ten schöpft. »Ver­such es mit ›Wir betre­ten den Kor­ri­dor‹«, rät er mir.

Zuerst bin ich etwas kon­ster­niert, dann fühle ich mich mit einem Mal leicht und inspi­riert.

»Oder sogar: ›Wir betre­ten feu­er­trun­ken den Kor­ri­dor‹«, fügt er lächelnd an.

Klar: Wir! Wir alle! Bewe­gen uns vol­ler Zuver­sicht und Freude voran in einen Raum vol­ler neuer Mög­lich­kei­ten, auf dem bes­ten Weg, den bes­ten Weg, die bes­ten Wege zu fin­den. Ich bin nicht allein, auch du bist nicht allein. Kei­ner von uns. Denn wir sind viele! Und wir haben das glei­che Ziel.

Eine viel­ver­spre­chende Vision.

Ich könne jeder­zeit wie­der­kom­men, meint mein Gast­ge­ber zum Abschied. Die Suche nach einem neuen Mythos sei eine wich­tige Sache, an der er sich gerne mit Rat und Tat betei­lige. Froh, eine echte Kapa­zi­tät als Mit­strei­ter gefun­den zu haben, ver­lasse ich sei­nen Pavil­lon und den üppi­gen Gar­ten und betrete wie­der den Kor­ri­dor …

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♫ Grimm örlög ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Auch hier suchen schon die Jäger nach mir. Bevor sie sich auf mich stür­zen kön­nen, bin ich zur Seite gesprun­gen. Hier beginnt eine lange Treppe, für die meine vier Beine eigent­lich viel zu kurz sind, aber die Todes­angst treibt mich her­auf. Die Krie­ger fol­gen mir. Vor mir sehe ich einen Mann eine schwere Boh­len­tür öff­nen. Ich folge ihm, renne ihm zwi­schen die Füße, schmeiße ihn um, ohne es zu wol­len, und dränge mich zit­ternd in eine Ecke des Rau­mes.

»Schließe Er die Tür, Koch!«, don­nert eine Stimme. Folg­sam erhebt sich der Mann vom Boden. Vor der Tür ste­hen, stumm her­einstar­rend, ein paar der Ein­her­jer, die mich ver­folgt haben. Der Koch schließt die Tür und wen­det sich um. Er hat ein ruß­ge­schwärz­tes Gesicht. Ich kenne ihn! Es ist der Koch, der die Jäger auf mich gehetzt hat und mich in sei­nen Kes­sel wer­fen will.

Den ande­ren Mann, den, der an der Fens­ter­öff­nung steht, kenne ich nicht. Zwei Raben sit­zen auf sei­ner Schul­ter, doch jetzt flat­tern sie auf und flie­gen kräch­zend ins Freie.

»Herr, der Eber …«, setzt der Koch an und ver­stummt.

»Das sehe ich.« Der Mann am Fens­ter hat nur ein gesun­des Auge. Es fixiert mich. Ich bebe am gan­zen Kör­per und ver­su­che, mich so klein wie mög­lich zu machen.

»Der Eber wollte heute nicht in den Wald, um sich jagen zu las­sen. Er ist zurück in die Burg gelau­fen und dann … offen­sicht­lich …« Wie­der ver­stummt der Koch.

»Offen­sicht­lich direkt zu mir. Spare Er mir Erklä­run­gen für Dinge, die auf der Hand lie­gen. Viel­leicht will der Eber nicht gejagt wer­den, viel­leicht gefällt ihm das nicht?«

Der Koch nickt.

»Viel­leicht will er auch nicht zer­legt und gekocht wer­den? Um aus sei­nen Kno­chen am nächs­ten Mor­gen wie­der­zu­er­ste­hen, nur damit er erneut gejagt, zer­legt, gekocht und ver­speist wird von Krie­gern, Wal­kü­ren und mei­nen Wöl­fen? Und das Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr?«

Der Koch steht regungs­los da.

»Oder würde viel­leicht Er an solch einem Los Gefal­len fin­den? Koch?«

Der Mann mit dem ruß­schwar­zen Gesicht schüt­telt den Kopf. Auch er scheint sich so klein wie nur mög­lich machen zu wol­len.

»Also erlö­sen wir ihn von sei­nem Schick­sal.« Der Mann am Fens­ter geht ein Stück zur Seite und nimmt einen glän­zen­den Speer von der Wand.

»Aber Herr!«, wirft da der Koch ein. »Was soll ich dann mor­gen auf­ti­schen zum Fest? Was sol­len die Ein­her­jer in Zukunft essen? Und was soll Eure Wölfe sät­ti­gen?« Er hat sich vor­ge­wagt, doch wird ihm mit einem Mal bewusst, wen er da maß­re­gelt, und so ver­beugt er sich jetzt tief und geht rück­wärts, bis er an die Tür­flü­gel stößt.

Der Mann am Fens­ter lacht. »Mor­gen, Koch, wenn er wie­der zum Leben erweckt wird, wird der Eber nichts mehr davon wis­sen, dass ihm sein Gott Erlö­sung ver­spro­chen hatte.«

Und damit wirft er den Speer. Es geht alles so schnell, dass ich nichts spüre. Mir wird plötz­lich ganz leicht, und ich bli­cke wie von weit oben auf die Welt. Alles kann ich von hier aus sehen. Es scheint ein gewal­ti­ges Fest bevor­zu­ste­hen, bei dem Ströme von Met flie­ßen wer­den. Und unter einem gro­ßen Kes­sel heizt der Koch das Feuer an …