Ich betrete den Korridor. Nur noch wenige Schritte, und ich stehe im Studio. Über den Durchgang leuchtet das rote Licht. Werde ich das Publikum, werde ich die Jury überzeugen können? Welcher Teufel hat mich geritten, hier auftreten zu wollen, hier gewinnen zu wollen? Habe ich wirklich das Zeug zum Superstar? Nun, ich sehe verdammt gut aus, und meine Samtstimme lässt Frauenherzen gleich reihenweise schmelzen. Bis zum Erbrechen habe ich mit der Choreografin die erotischen Tanzschritte eingeübt, und auch immer wieder das geheimnisvolle Lächeln, mit dem ich die Lyrics an den neuralgischen Stellen unterlegen soll. Und dann, wenn ich rüber zur Band gehe, den Schlagzeuger vom Hocker schubse und mein Solo hinlege, damit alle überrascht feststellen, dass ich eigentlich Drummer bin … Die Frauen lieben Drummer. Aber die Jury? Haben Sie mich nur so weit kommen lassen, um mich lächerlich zu machen? Werde ich gleich abserviert? Die Maskenbildnerin, auf deren Stuhl ich vor wenigen Augenblicken noch saß, hat mir flüsternd Mut gemacht, während der Aufnahmeleiter die ganze Zeit auf mich eingeredet hat: Bis tausend schnell durch, nie irgendwelche Fragen kommentieren, dass sie zu leicht oder zu schwer sind, und wenn, dann »Abend« sagen und bloß nicht »Nachmittag«.
Das Publikum empfängt mich mit Applaus. Jauch legt mir von links die Hand auf die Schulter. Das ist der Moment, wo sie später schneiden, wenn es ein Kandidat auf den heißen Stuhl schafft, damit er in die Maske kann und ihm das Mikro angeklemmt wird, während sie seine Begleitung auf den dafür vorgesehenen Platz im Publikum platzieren. Es ist Nachmittag, die Sendung wird aufgezeichnet, aber es soll dann am Abend der Ausstrahlung so aussehen, als sei das alles live.
Ich bin verwirrt, setze mich, nippe vom Wasserglas, versuche zu verstehen, was Jauch von mir wissen will. Wer da oben sitzt? Das ist mein Vermieter. Jauch fragt nicht weiter nach. Wahrscheinlich will er sich meine Story mit dem Feuerschaden durch das Candlelight-Dinner, den zu übernehmen meine Versicherung sich weigert, für später aufsparen. Zusatzjoker? Nein danke, ich brauche die 16000 dringend, um den Schaden zu bezahlen.
Und dann erscheint auch schon die erste Frage auf dem Monitor, ganz ohne die gewohnte Spannungsmusik, die sie natürlich erst später dazumischen: »Sprichwörtlich heißt es: Wie gewonnen, so … a) verbummelt, b) getrommelt, c) entkommen, d) zerschrammelt.«
Ich bin verwirrt. Die 50-Euro-Frage ist eigentlich immer die leichteste. »Getrommelt« muss es heißen, klar, eigentlich »getrommelt und gepfiffen«, hier allerdings nur »getrommelt«, weil es sich auf »gewonnen« reimen soll, wenigstens halbwegs. »B«, sage ich, und B ist es doch auch meistens, oder? Oder C? Ich bin immer noch etwas verwirrt, glaube ich. Jauch fragt nach, aber jetzt bin ich mir sicher, nicke, bestehe darauf. Er kann mich nicht davon abbringen, und ich soll bis tausend ja auch schnell machen und nicht lange drumrumreden. Er loggt B ein. »Idiot!«, brüllt mein Vermieter quer durch die Halle.
Ich hab’s vergeigt. Bohlens Häme sticht mir ins Herz, und die Lacher aus dem Publikum treffen mich tief. Ich stehe allein auf der großen Studiobühne, erlebe mein Waterloo und verziehe keine Miene – diesen Triumph will ich ihnen nicht gönnen. Innerlich allerdings beschließe ich, nie wieder vor Fernsehkameras zu treten und zu glauben, in mir stecke ein Star.
Ich betrete den Korridor. Er besteht nur aus einfachen, dünnen Linien, und wie bei einem Kippbild weiß ich nicht, ob ich ihn von schräg oben oder von schräg unten ansehe. Da ich so keinen Halt mehr finde, falle ich schreiend zwischen den Strichen hindurch in den bodenlosen Abgrund der Uneindeutigkeit.
Ich betrete den Korridor mit dem Rücken voran. Mit ein wenig Übung ist es gar nicht so schwierig, alles rückwärts zu machen. Die Arthritis ist stark zurückgegangen, und ich fühle mich um Jahre verjüngt. Der Kurs hat nicht zu viel versprochen.
Zuerst erreichte mich eine Teilnahmebescheinigung, aus der ich lange nicht schlau wurde. Mir wurde zum erfolgreichen Abschluss eines Kurses gratuliert, eines Kurses, der, so hieß es da, auf einen Mann zurückgeht, welcher festgestellt habe, dass sich mit Hilfe der Quantenverschränkung die Zeit zurückdrehen lässt – ein wenig zumindest. Das erfuhr ich allerdings erst aus der zehnten und »letzten« Lektion, die eine Woche später eintraf. Sie war sehr anspruchsvoll, was das Rückwärtsleben anging, und ich tat mein Bestes, mitzuhalten und das einzutrainieren, was ich eigentlich schon neun Lektionen lang hätte üben sollen. Rückwärts laufen ist da noch das Einfachste.
Weitere Lektionen folgten, die ständig leichter zu bewältigen waren. Heute erwarte ich die Erste von ihnen. Und tatsächlich, unter dem Briefschlitz meiner Wohnungstür liegt der Brief im fliederfarbenen Umschlag. Natürlich ist er bereits aufgerissen. Ich entnehme das Schreiben und fange – hinten – mit dem Lesen an.
Rückwärtssprechen! Und rückwärtsdenken! Beides wird hier als Grundlage für das ganze Training genannt. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. In den letzten Wochen habe ich mich bemüht, rückwärts zu atmen, rückwärts zu essen, rückwärts zu schlafen und rückwärts zu träumen, Filme rückwärts zu sehen und Musik von hinten nach vorne abzuspielen. Es dreht sich alles darum, weiß ich inzwischen, kleine rückwärtsgerichtete Quantenfelder in meiner unmittelbaren Umgebung zu erzeugen, innerhalb derer sich dann auch Zellalterungs- und Zerfallsprozesse umkehren können.
Jetzt also das Sprechen! Ich hätte selbst darauf kommen können. Es liegt nahe, denn das Sprechen und besonders das Denken sind doch unsere direkteste Verbindung mit der Quantenwirklichkeit. Denken, heißt es im Kurs, ist ein Quantenprozess. Aber das alles ist immer noch sehr verwirrend für mich. Werden mir jetzt, nach der ersten Lektion, die – nie gezahlten – Kosten für den Kurs auf mein Konto gutgeschrieben? Ich gehe rückwärts in die Küche, stecke dort die Lektion in den Umschlag zurück und verschließe ihn fein säuberlich mit Klebeband. Er sieht nicht ganz perfekt aus. Doch das gilt für vieles. Damit muss sich ein Rückwärtslebender abfinden. Diese vorwärtspreschende Welt ist nicht unser Freund, heißt es im Kurs. Er steht übrigens allen Interessierten offen, weil sein zurückgezogen lebender Autor – angeblich schon 130 Jahre alt und bei bester Gesundheit – erkannt hat, dass es selbstsüchtig und unmoralisch wäre, das Geheimnis für sich zu behalten. Jeder soll von dieser letztlich verblüffend einfachen Methode, das Altern aufzuhalten oder sogar umzukehren, profitieren können.
Nun muss ich die Lektion wieder durch den Briefschlitz schieben. Natürlich mache ich mich wieder rückwärts auf den Weg zu meiner Wohnungstür und übe dabei in Gedanken schon einmal die neuste und erste Lektion: Korridor den betrete ich.
Ich betrete den Korridor: links die Kinos 2 und 3, rechts das Kino 5 und dahinter die Toiletten. Ich halte mich genau an die Anweisungen. Sonntagnachts gibt es hier immer einen Musikfilm im Programm. Ich habe ein Ticket für Oliver Stones The Doors gekauft. Der läuft zwar schon seit ein paar Minuten, aber das soll so sein. Ich gehe am Kino vorbei. Auch an den Toiletten gehe ich vorbei. Es ist niemand außer mir im Korridor. Gut so. Ich öffne am hinteren Ende die Stahltür, über der das Notausgangssymbol leuchtet. Dahinter liegt ein dunkles Treppenhaus. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Mir geht der Arsch auf Grundeis. Ich halte mich an die Anweisungen und steige die Treppe hinunter. Die schmale Tür ein Stockwerk tiefer ist verschlossen, aber tatsächlich findet sich der Schlüssel unter der Fußmatte. Ich schließe auf. Zuerst glaube ich, hier falsch zu sein. Es ist düster in dem fensterlosen Raum. Hüfthohe Mülleimer mit dem typischen Plastikwippenverschluss versperren mir den Weg, und ein paar alte Filmaufsteller mit lebensgroßen Stars. Aber dann erkenne ich im Dämmerlicht, dass es tatsächlich ein kleines Kino ist. Die Bestuhlung, ganze vier Reihen, ist aus abgenutztem rotem Samt. Auf der ersten Sitzreihe liegt Weihnachtsdeko. Der mittlere Sitz in der zweiten Reihe, den ich mir herunterklappe, ist total durchgesessen. Ich nehme den daneben.
Von irgendwoher kommen dumpfe Geräusche. The Doors vermutlich, aus dem Kino drüber. Es war Wahnsinn, hierherzukommen. Ich hätte es nicht tun sollen.
Vermutlich ist es eine riesen Verarschung. Aber irgendwas muss Trobi passiert sein. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Und dabei kann den nichts schocken. Der sieht sich die härtesten Streifen an, ballert sich durch die brutalsten Games und hat sich bei der Mai-Demo auch schon mit echten Polizisten angelegt. Eines Morgens schlich er dann in die Klasse und wirkte wie sein eigener Geist. »Na, schlechten Trip gehabt?«, fragte ich ihn, und er packte mich an der Schulter, drückte mich an die Wand und erzählte es mir.
Du musst dir Sonntagnacht ein Kinoticket kaufen, sagte er mir, und gehst durch den Notausgang runter, schließt dir mit dem Schlüssel unter der Matte einen vergessenen alten Kinosaal auf, setzt sich da rein und siehst dir die Vorstellung an. Ich garantier dir: Wenn du da rauskommst, wirst du nie wieder der Alte sein.
Hu-huh! Da will mir einer Angst machen, was? Aber Trobi war es ernst. Er sagte, er erzählt’s mir nur, weil ich der Klassenphilosoph bin und immer so abgeklärt tue, seit mein kleiner Bruder im Baggersee ertrunken ist. So, als würde ich über allen Dingen stehen. Vielleicht gefällt’s dir sogar, hat Trobi angefügt und den Mund dabei verzogen.
Es knackt in den Lautsprechern und flackert auf der Leinwand. Ich kriege einen gewaltigen Schreck. Scheiße. Irgendjemand muss den Projektor angeschaltet haben. Tag Null heißt der Film. Steht jedenfalls kommentarlos auf der Leinwand. Und dann zeigt die Kamera die Dächer der Stadt, so, als ob man mit einem Ballon knapp drüber wegschwebt. Sonst passiert erst mal nichts. Ich steh noch mal auf und geh nach hinten zum kleinen Fenster für den Projektor. Mit der Hand schirme ich sein Licht ab. Der kleine Raum ist leer. Seltsam. Aber irgendwie hab ich mir das schon gedacht. Ich setz mich wieder.
Über Trobi hab ich lange nachgedacht. Der zog sich immer mehr in sich zurück und redete schließlich nach zwei, drei Tagen quasi mit keinem mehr. Irgendwas muss mit ihm passiert sein. Aber das mit dem vergessenen Kino und dem Film – das muss er sich doch ausgedacht haben. Ich meine, man macht doch auch nicht irgendeine Mülltonne auf und guckt plötzlich tief runter in die Hölle – mit Flammen und Teufeln und allem drum und dran. So was gibt’s nur im Kino.
Die Kamera taucht jetzt runter und in ein Fenster von einem der großen Bunker mit Mietwohnungen rein. Es liegt jemand im Bett, obwohl schon heller Tag ist. Er stöhnt und richtet sich auf. Er hat mein Gesicht, älter zwar und mit Bartstoppeln, aber es ist unverkennbar meins. Das bin ich. Scheiße. Ich wusste es. Trobi hat mir die Wahrheit gesagt.
Die Kamera folgt dem Typen, der ich bin, nur älter, ins Bad.
Da läuft ein Film von deinem letzten Tag, hat Trobi gesagt, und ich hab sein heiseres Flüstern noch im Ohr. Und am Ende siehst du, wie du stirbst.
Ich hab ungläubig gelacht, aber Trobi verzog keine Miene. Du musst mir nicht glauben, hat er gesagt, sieh’s dir selbst an. Wenn du dich traust.
Auf der Leinwand schalt ich im Wohnzimmer die Glotze ein und schmier mir in der Küche auf dem verkeimten Tisch ein Brot dick mit Nutella zum Frühstück. Dabei kann ich das süße Zeug nicht ausstehen. Und was soll das mit dem Fernseher? Brauch ich das, weil ich sonst die Stille nicht ertragen würde? Es ist ekelhaft, wie ich das Zeug in mich reinstopfe. Wie alt mag ich sein? Paarundzwanzig. Du siehst scheiße aus!, würde ich mir am liebsten zurufen, aber es ist ja nur ein Film. Nur ein Film?
Ich werde sterben. Irgendwann an diesem verratzten Tag in meiner nicht allzu fernen Zukunft werde ich den Löffel abgeben. Will ich das sehen? Nein, ganz sicher nicht! Aber irgendwas nagelt mich fest, und ich komm nicht vom Sitz hoch, fasziniert von diesen ganz alltäglichen Aufnahmen, die mich zeigen, wie ich mich noch nie gesehen habe. Die Katastrophe rückt näher, und ich bin wie gelähmt und kann nichts unternehmen.
Der Typ im Film telefoniert mit einer Katja. Kenn ich nicht. Gibt in der Parallelklasse eine, aber die wird’s nicht sein, das ist ’ne arrogante Möchtegern-Tusse, die zuhause bestimmt noch mit Lillifee spielt. Die Türklingel geht. Erst bleibe ich sitzen, dann stehe ich doch auf und öffne die Eingangstür. Trobi steht da, Dennis Trobbert, unverkennbar. Auch er älter, auch er nicht gerade auf der Höhe seiner Zeit. »Heut ist der Tag«, sagt er. Ich nicke. Trobi geht rein, sieht das Chaos auf dem Küchentisch, blättert kurz in einem zerfledderten Death-Metal-Magazin und schmiert sich dann auch eine Nutellastulle.
Ich stelle fest, dass ich nicht atme. Hab vor Schreck aufgehört zu atmen. Jetzt verschlucke ich mich und muss husten. Tränen steigen mir in die Augen. Dabei will ich doch unbedingt mitkriegen, was die beiden reden.
»… wohl gerade dabei«, sagt Trobi mit vollem Mund. Ich stehe am Herd. »Und?«, frage ich. »Nichts«, sagt Trobi. Dann schweigen beide, bis Trobi zu Ende gegessen hat. Er fragt schließlich, ohne mich dabei anzusehen: »Und, hast du’s getan?« Als ich nicke, sagt er: »Scheiße.«
Was immer mich auf meinem Sitz festgehalten hat: Einen Moment lang lässt die Kraft kurz nach. Ich springe auf und ramme mir dabei unbeabsichtigterweise meine Weichteile in einen Christbaumständer oder so was, der zwischen den Stühlen rausragt. Keuchend gehe ich zu Boden.
»Bringen wir’s hinter uns«, sagt Trobi. »Und wir können nichts tun?«, fragt mein anderes, todgeweihtes Ich. Trobi schüttelt den Kopf. Die beiden verlassen die Wohnung.
Mir ist speiübel von den höllischen Schmerzen im Unterleib. Gekrümmt taste ich mich durch die Stuhlreihe, schmeiße scheppernd mehrere Mülleimer und einen Bruce Willis aus Pappe um. Bloß raus hier!
Ich stehe im Treppenhaus, und die Tür zum vergessenen Kinosaal fällt hinter mir ins Schloss. Ich versuche, zu Atem zu kommen und irgendwie wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Aber alles, was mir in den Sinn kommt, sind die Anweisungen: wieder abschließen und den Schlüssel unter die Matte stecken. So, wie sie Trobi auch bekommen hatte. Ich schließe ab, zweimal, hätte auch dreimal abgeschlossen, wenn sich der Schlüssel noch weitergedreht hätte. Aber ich stecke ihn nicht wieder unter die Matte. Ich nehme ihn mit.
Der Typ an der Theke sieht mich schräg an. Wahrscheinlich sehe ich jetzt wie Trobi aus am Tag danach: wie mein eigener Geist. Das Ende kenn ich schon, sag ich ihm, und natürlich glaubt er, ich meine The Doors.
Draußen regnet’s. Es schüttet aus allen Löchern. Und ich bin froh drüber, lasse das Wasser in mein Gesicht platschen, bis ich das Gefühl habe, das alles ist ein böser Traum gewesen. Aber ich weiß natürlich, was ich gesehen habe.
Nächsten Sonntag werde ich wiederkommen. Ich werde wieder ein Ticket lösen, den Notausgang nehmen, die Treppe runtersteigen und mich in dieses Horrorkino setzen. Ich muss wissen, ob derselbe Film läuft oder ein ganz anderer. Ist der Tag Null unausweichlich festgelegt, oder ändert sich jetzt meine Zukunft, weil ich einen Blick drauf werfen konnte? Mann, Scheiße, ich bin doch keine Marionette! Ich kann selbst bestimmen, was ich tu. Und was ich lasse – wie Nutellaessen beispielsweise. Und ich will’s auf keinen Fall vorher wissen.
Eigentlich will ich auch gar nicht wissen, ob ein anderer Film läuft. Oder derselbe Tag Null. Ich werde einfach den Schlüssel jetzt schon in den Fluss werfen.
Soll ich?
Ja. Muss sein. Mit Schwung.
Weg ist er, irgendwo tief unten bei den Fischen!
Trobi werde ich erzählen, dass ich einen uralten Mann gesehen hab, der auf einer Terrasse an einer Steilküste auf einem Deckstuhl saß, so, wie man auf einem Kreuzfahrtschiff sitzt, in eine Decke eingewickelt und mit einem dampfenden Tee neben sich. Und dass ich ein Telefon in der Hand hatte und eine Nummer wählte: »He, Trobi, altes Haus. Hab ich’s nicht gesagt? Weil wir das Ende kannten, konnten wir’s besser machen!«
Und dann sagte der alte Mann im Film noch: »Ja. Heute ist wohl der Tag. Ich mag’s, wenn’s draußen auf dem Meer Schaumkronen gibt.« Und als Antwort wohl auf ein »Mach’s gut« von Trobi sagte er grinsend »Mach’s besser!«, bevor er auflegte.
Dann flog die Kamera von ihm weg, von der Terrasse weg und von der Steilküste weg, immer weiter weg, bis die Erde nur noch ein winziger Punkt zwischen den Sternen war.
Das habe ich gesehen. So war das, mein Tag Null. Kann man mit leben, oder?
Und Nutella rühr ich meinen Lebtag nicht an, ich schwör’s!
Ich betrete den Korridor. An den schier endlos langen Wänden hängen die nachgedunkelten Porträts früherer Bewohner, und dazwischen gibt es zahlreiche Türen, schwere hölzerne Türen mit polierten Klinken. Ich werfe einen Blick auf die Schlösser – sie scheinen alle völlig unterschiedlich zu sein: moderne Sicherheitsschlösser, Kombinationsschlösser, antike Schnappschlösser … Knifflige Herausforderungen darunter, auch für einen Profi wie mich.
Ich sehe den Schlossherr fragend an: Welches soll es denn sein?
Er weist den Korridor entlang: Alle, und die in den anderen Korridoren auch; leider sind sämtliche Schlüssel verlorengegangen.
Ich schlucke. Das sieht ja fast nach einer Lebensaufgabe für mich aus.
Der Schlossherr nickt lächelnd und lässt mich allein. Ich atme tief durch und öffne meinen Werkzeugkoffer.
Ich betrete den Korridor zwischen den Servern und schiebe meinen Werkzeugwagen durch die riesige Halle. Heute ist der Tag! Früh am Morgen kam die SMS, dass es soweit ist: Wir schlagen zu. Weltweit begeben sich die Mitglieder meines Teams in die großen Serverräume, und um genau 12 Uhr MEZ lassen wir dort unsere Bomben hochgehen.
Nine-Eleven, der 11. September, war nur ein kleiner Vorgeschmack. Diesmal zerstören wir mit einem Schlag das gesamte Internet, diese Quelle des Bösen und Verderbten. Der Westen wird straucheln und stürzen.
Wir alle, die wir uns jahrelang auf diese Aktion im Namen Gottes und unseres Anführers vorbereitet und unter falschem Namen in die Serverfarmen eingeschleust haben, werden sterben, aber Allah wird uns als Märtyrer reich belohnen. Und damit die Ungläubigen wissen, wem sie diesen Schlag zu verdanken haben, haben wir eine Website vorbereitet, auf der unsere Bekennervideos zu sehen und zu hören sind – damit sie unsere Familien mit Stolz erfüllen.
Die Bombe ist im Werkzeugwagen versteckt. Niemand hier ahnt etwas, niemand hat mir etwas angemerkt. Gleich ist es 12 Uhr MEZ. Ich lege die Hand an den Zünder. Aber Augenblick mal! Wollen wir tatsächlich der Welt die Zerstörung des Internets mit einer Website mitteilen? Ist das nicht ein Denkfehler? Allmächtiger! Es ist Punkt zwölf. Ich müsste jetzt die Bombe zünden. Meine Hand zittert. Soll ich diese Server hier nicht besser aussparen? Wenigstens sie?
Ja. Sonst wäre alles vergebens.
Ich muss dieses Opfer bringen. Es gibt keinen anderen Weg.
Ich betrete den Korridor und stoße mit dem Schuh an ein Dreirad aus Plastik. Dafür bin ich zwar deutlich zu groß, aber ich mache den Zwillingen die Freude und hocke mich ungelenk auf den kleinen Kindersitz. Sie haben aus großen Kartons und Spanplatten in unserem kleinen Garten eine »Geisterbahn« gebaut, und jetzt darf ihr Papa sie testen.
Meine Beine sind zu lang, und meine Füße passen nicht auf die Pedale. Also drücke ich sie in den Rasen und schiebe das Dreirad durchs Gras voran ins Dunkel. Links steht eine Art Vogelscheuche mit heraushängenden Augäpfeln. Ich höre sie keuchen. Ein wenig gruselig ist es schon. Mit ihren Lumpen erinnert sie mich an meine heimlich Angst davor, das ganze System könne schon bald zusammenbrechen und uns alle zu Bettlern machen.
Am Ende des Tunnels flackert ein Licht, verlischt aber dann. Ich stehe im Dunkeln, wie damals, als es kurz so aussah, dass die Partei mich fallenlässt und meine Frau mir den Laufpass gibt. Eulen flattern auf und kreischen, ich spüre ihre Flügel in meinen Haaren und erschrecke ein wenig, weil ich die Orientierung verliere. Erst letztens hatte ich wieder einen dieser Alpträume vom Abitur, in denen ich den richtigen Klassenraum nicht finde und völlig unvorbereitet bin.
Es fällt Schnee, und plötzlich starrt mich von rechts mit glühenden Augen ein Monster an. Es sagt mit dunkler Stimme: »Wenn du nicht brav bist, mein Kleiner, holt dich der schwarze Streuner!« Meine Füße finden jetzt doch Platz auf den Pedalen, und ich trete kräftig hinein, um schnell an dem Monster vorbeizukommen. Zwar habe ich es noch nie gesehen, aber die Stimme und seine schreckenerregende Ankündigung habe ich schon oft gehört, im Keller meiner Kindheit, und längst wieder vergessen. Erst jetzt kommt mir das alles wieder zu Bewusstsein.
Seltsam. Ich habe meiner Frau und meinen Kindern nie von dem Monster erzählt.
Der Korridor macht eine Biegung und führt ins Freie, ins helle Tageslicht. Ich strample mit aller Kraft, um über das Gras zu kommen. Eigentlich erwarte ich das Lachen und Kreischen der Zwillinge, aber der Garten ist leer. Merkwürdig ist: Er sieht genau aus wie der kleine Garten an meinem Elternhaus, einer Doppelhaushälfte in der Vorstadt. Am stämmigen, knorrigen Kirschbaum hängt eine Schaukel. Meine Schaukel.
Ich steige ab. Das Gras kitzelt mir die nackten Füße. Die Schaukel hängt hoch. Seit ich laufen kann, hängt mein Vater sie, je größer ich werde, immer höher, damit ich klettern lerne und kräftige Arme bekomme. Ich ziehe mich hinauf.
»Essen fassen!«, ruft meine Mutter aus der Verandatür, »Fütterung der Raubtiere!« Ich springe von der Schaukel und laufe die Stufen zur Veranda hoch, stolpere fast vor Begeisterung über meine eigenen Füße: Hieß es nicht, heute gibt es Pommes mit Ketchup?
»Holst du mir schnell noch ein Glas Apfelmus aus dem Keller?«, fragt mich Mama. Ich erstarre und schüttle den Kopf. »Jetzt komm schon, du bist doch schon groß. Da hat man doch keine Angst mehr vor Monstern.« Ich schüttle verstockt den Kopf. »So ein kleiner Schisser«, sagt meine Mutter kopfschüttelnd, aber sie lächelt dabei und streichelt mir durch die Haare. »Was soll bloß mal aus dir werden?«
Ich betrete den Korridor, und gleichzeitig zerplatzt meine Hoffnung, hier endlich den Ausgang zu finden, wie eine Seifenblase: In diesem Korridor war ich schon! Ich muss im Kreis gelaufen sein. Zu dumm aber auch.
»Nimm’s nicht persönlich, mein Freund«, ertönt eine Stimme. Doch es ist kein »Freund«, der da in einer Nische seine Staffelei aufgebaut hat und seinen Pinsel schwingt. Ich antworte mit einem abfälligen Lachen, während ich zu ihm trete.
»Am Anfang«, sagt er, ohne den Blick von seiner Leinwand zu wenden, »habe ich auch wie ein Verrückter den Ausgang gesucht. Obwohl ich ja wusste, du hattest alles dafür getan, dass ich ihn niemals finden kann.«
Ich versuche, einen Blick auf das Bild zu erhaschen, das er malt, doch vertritt er mit mit seinem massigen Körper den Weg.
»Irgendwann«, fährt er ungerührt fort, »wurde mir klar, dass es nicht um den Ausgang geht. So wenig wie um den Eingang. Selbst wenn ich das Ende dieser endlos verschlungenen Flure und Gänge erreicht hätte, wäre es nur ein neuer Anfang gewesen.«
Dass er immer gleich in Pathos verfallen muss! Aber es fällt niemandem leicht, das eigene Scheitern einzugestehen. Vermutlich braucht er das so. Als er ein wenig zur Seite tritt, um an einer anderen Ecke seines Bildes weiterzuarbeiten, nutze ich die Gelegenheit und beuge mich vor, zu ihm in die Nische hinein. Sein Gemälde zeigt den Korridor, in dem wir uns befinden; jeder einzelne Steinblock in den Wänden ist kunstvoll ausgeführt. Eine Stelle in der Mitte des Bildes allerdings hat er freigelassen, vermutlich, um eine Figur hineinzuzeichnen. Ihn selbst? Oder mich, den Erbauer, gefangen in seiner eigenen Schöpfung?
»Es geht«, fährt er fort, »um die Erkenntnisse am Wegesrand. Um die Dinge, an denen wir bei unserer manischen Suche nach dem Ausweg achtlos vorübergehen. Du bemerkst sie erst beim zweiten oder dritten Mal. Hinterher kannst du kaum verstehen, wie du sie jemals übersehen konntest.«
»Wovon sprichst du?«, frage ich ungehalten.
»Von dem, was dir Halt gibt. Von dem, was dich mit einer Freude erfüllt, die nichts und niemand trüben kann. Von Erleuchtung, einem inneren Licht, das nie wieder verlöschen wird. Von etwas, das man nicht suchen kann, nur finden.«
»Wenn du brüllst und wütest ist mir das viel lieber, als wenn du so pathetisch daherredest. Du bist das Ungeheuer, das Animalische, der Menschenfresser. Es wirkt lächerlich, wenn du aus der Rolle fällst.«
Er skizziert jetzt eine Figur mit seltsamer, eng anliegender Kleidung. Ich kann nicht erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. »Wer soll das sein?«, frage ich.
»Jemand aus ferner Zukunft. Ein Mensch, der sich fragt, was er in den Korridoren wohl übersehen haben könnte. Woran er achtlos vorübergeschritten ist.«
»Ja, gewiss, und der Korridor ist das Leben, das Labyrinth ist die Welt, und Schweine können fliegen. Ich sag dir was, auch wenn’s dir nicht gefallen wird: Du bist in diesen Gemäuern verrückt geworden und hast den Verstand verloren. Wenn du je welchen besessen hast.«
Er schnaubt bedrohlich, und ich trete schnell einen Schritt zurück, aus der Reichweite seiner Hörner heraus.
»Versuch’s mit Bienenwachs und einem Haufen Federn«, sagt er. Ich weiß nicht, wovon er spricht. Aber was erwarte ich mir auch von ihm? Er kann mir bei der Suche nicht helfen. Ich bin es, der sich hier selbst übertreffen muss. Wie konnte ich mich nur vom König austricksen und in die eigene Falle werfen lassen?
Ich eile weiter durch das Labyrinth, ein Bauwerk, das ich zu dem Zweck entworfen habe, dass es unmöglich ist, hinauszufinden. Aber das soll mich nicht weiter aufhalten.
Ich betrete den Korridor. Die Tür zu Saal 2 schwingt zu. Der Abspann ist durchgelaufen, der letzte Ton der Filmmusik verklungen – weiter geht’s mit einer scheinbar nie endenden subjektiven Kamerafahrt durch lebensechte und liebevoll ausstaffierte Kulissen, mit Darstellern, die ganz in ihren Rollen aufgehen, mit einer Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann. (Und die Identifikation mit der Hauptfigur könnte vollkommener kaum sein, nicht wahr?)
Ich betrete den Korridor. Oder besser: Der Korridor betritt mich. Denn habe ich nicht, wie mir mein Meister immer wieder vor Augen geführt hat, die Welt in mir? Es riecht eigenartig, und alles ist feucht und schleimig. Die Wände sehen eigenartig aus. Sie sind zerfurcht, und wellenförmige Zuckungen durchlaufen sie. Ich will fort, doch ich rutsche aus, falle zwischen die Falten, und sie geben mich trotz meiner Gegenwehr nicht mehr frei, sondern fangen an, mit ihren Säureabsonderungen meine Haut zu zersetzen. Ich kann mich täuschen, aber allem Anschein nach beginnt gerade mein eigener Magen mich zu verdauen.