Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: K.

13/398

Das Titelbild zeigt eine Frau mit rotem Haar und schwarzem Oberteil in einem Flur mit vielen wartenden Personen auf blauen Stühlen und Nummern-Displays über den Türen. Sie hält eine Karte mit der Nummer "288" und schaut überrascht oder besorgt nach oben.

♫ No Wool­ga­the­ring Allo­wed ♫


13/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor: An den Wän­den zwi­schen den Türen, über denen sich jeweils eine Zah­len­an­zeige befin­det, ste­hen Stühle für die War­ten­den. Alle sind besetzt. 312 lese ich auf einer der Anzei­gen, 313 auf einer ande­ren, und die dritte springt gerade von 311 auf 315. Ich sehe auf den Zet­tel in mei­ner Hand. 288. Ich hätte nicht trö­deln dür­fen! Mei­nen Auf­ruf jeden­falls habe ich offen­bar ver­passt.

Ich drehe mich um, will zurück, mir im Foyer eine neue War­te­num­mer zie­hen. Doch auch über der Tür, durch die ich den Kor­ri­dor betre­ten habe, befin­det sich eine Anzeige: 314. Einen Moment lang bin ich ver­wirrt. Einen ande­ren Aus­gang gibt es nicht, und – ich bli­cke mich noch ein­mal prü­fend um – einen Num­mer­n­au­to­ma­ten auch nicht. Aber so leicht gebe ich mich nicht geschla­gen.

Die 314 über mir springt mit einem Kla­cken auf die 316 um. Ein jun­ger Mann steht auf. Das ist meine Chance. Doch als er merkt, dass ich mich ein­fach mit ihm durch die Tür drän­gen will, bedenkt er mich mit einem abfäl­li­gen Blick und blo­ckiert bis zuletzt den Tür­spalt. Betont schnell und kräf­tig zieht er die Tür hin­ter sich zu.

Ich mus­tere die ande­ren War­ten­den. Der Blick der meis­ten geht ins Leere. Man­che dre­hen gedan­ken­ver­lo­ren ihren Zet­tel zu Röll­chen zusam­men oder fal­ten sie. Einige Halb­wüch­sige sind dabei, die auf ihr Smart­phone star­ren oder mit den Dau­men auf eine PSP ein­prü­geln.

Ein Stuhl ist frei­ge­wor­den. Ich setze mich. Den Gedan­ken, jeman­dem hier seine Num­mer zu steh­len, ver­werfe ich gleich wie­der. Die Anzei­gen sind drei­stel­lig. Irgend­wann wird die 999 erreicht sein. Und dann beginnt wie­der alles von vorn. Ich umklam­mere fest mei­nen Zet­tel. Meine Zeit wird kom­men.

18/398

Das Titelbild zeigt eine unruhige schwarz-weiße Linienzeichnung eines gewundenen Tunnels mit farbigen blauen und roten Punkten und einer kleinen menschlichen Figur am Ende des Gangs. Ein digitaler Button zeigt einen Bogen und die Wörter ARC, HET, YPE.

♫ Fores­ha­dows ♫


18/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Und, selt­sam, aus irgend­ei­nem Grunde steht mir plötz­lich das Arche­ty­pi­sche der Situa­tion vor Augen – als würde ich mich und meine Situa­tion von außen sehen:

Ich – der selbst­be­wusste, reflek­tie­rende Mensch, das car­te­sia­ni­sche, sou­ve­räne Ego, sich getrennt von der Welt füh­lend und han­delnd, sie durch­den­kend und pro-aktiv.

Das Hin­ein­kom­men – als Geburts­vor­gang und gleich­zei­tig wil­lent­li­che Ent­schei­dung für ein Vor­an­kom­men, für Fort­schritt und Ent­wick­lung. Mit­schwin­gend hier der Erkennt­nis­drang des Men­schen, die Lust aufs Aben­teuer, die unstill­bare Neu­gier und der uner­schro­ckene For­scher­geist, der neue Räume durch­mes­sen und den Herr­schafts- und Wis­sens­be­reich aus­deh­nen will bis an die Grenze des Mach- und Denk­ba­ren.

Der Kor­ri­dor – als Geburts­ka­nal, Durch­gangs­sta­tion, Lebens­weg und Öff­nung in die Mög­lich­kei­ten der Wahl: Türen zwei­gen ab und füh­ren in neue Räume, neue Gänge, neue Räume, neue …

Die Vision, die mich so über­ra­schend und unwill­kür­lich über­mannt hat, bricht ab. Ich stehe in einem Kor­ri­dor. Er ist stau­big, lieb­los ein­ge­rich­tet, schlecht gelüf­tet und düs­ter. Auf einem Sims ein über­quel­len­der Aschen­be­cher. Es stinkt nach kal­tem Rauch. Nase­rümp­fend ergreife ich die Flucht.

26/398

Das Titelbild zeigt einen mit Blumen geschmückten Korridor mit Frauen in langen, gemusterten Kleidern und Kindern, versammelt um ein Feuer mit aufsteigendem Rauch. Ein digitaler Button zeigt einen Joint in einer psychedelisch bunten Hand.

♫ Enmes­hed in Clouds (Wood­stock Mix) ♫


26/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Hier herrscht ein lus­ti­ges Trei­ben. Eine Frau in bun­ten, wei­ten Gewän­dern begrüßt mich lächelnd und mit einem Kuss auf die Stirn. Sie führt mich zu ihren Freun­den, die mit ein paar Kin­dern um ein Feuer her­um­sit­zen, sin­gen, tan­zen und Marsh­mal­lows bra­ten. Ich gefalle offen­bar noch wei­te­ren Frauen aus der Gruppe. Sie betas­ten mich, schmie­gen sich an mich und bin­den mir Blu­men ins Haar. Als ich wei­ter­ge­hen will, zieht mich eine von ihnen zu Boden und bie­tet mir ein glim­men­des Röll­chen Papier an. Die Türen des Kor­ri­dors – sehe ich nun – haben sie mit Fan­ta­sie­wel­ten bemalt, mit Man­da­las und Blu­men­gir­lan­den.

Ich habe mei­nem Volk ver­spro­chen, nicht eher in mei­ner Suche inne­zu­hal­ten, als ich das Tjurunga wie­der­erlangt habe, ohne das unser Scha­mane macht­los ist. Den­noch: Kann ich nicht kurz ver­wei­len, mich von den Stra­pa­zen der Wan­de­rung erho­len? Viel­leicht sollte ich die Spra­che die­ses Volks erler­nen und bei ihnen in Erfah­rung brin­gen, was mich am Ende des Kor­ri­dors erwar­tet – und hin­ter den vie­len Türen, die sie seit Jah­ren, viel­leicht Jahr­zehn­ten nicht mehr und womög­lich nie geöff­net haben. Die fröh­li­che Stim­mung die­ser Men­schen steckt mich an. Ja, ich bleibe: Ich nicke den Frauen zu und gebe ihnen zu ver­ste­hen, dass ich die freund­li­che Ein­la­dung annehme. Mög­li­cher­weise finde ich das Tjurunga ja hier bei ihnen. Mir wird ein wenig schwind­lig von all den neuen Ein­drü­cken. Der schwe­lende Papiers­ten­gel ist her­un­ter­ge­brannt, und irgend­wie weiß ich, dass der Rauch nie mehr bit­ter schme­cken wird.

46/398

Das Titelbild zeigt einen Blick aus einem labyrinthartigen Steinbauwerk nach oben auf einen angreifenden Adler mit ausgebreiteten Flügeln und gespreizten Krallen vor blauem Himmel mit Wolken und weiteren Vögeln.

♫ Nir­bas Hunt Lashlarms (Exc) ♫


46/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Irgend­wie glaube ich, dass mich die Insel­be­woh­ner los­wer­den wol­len, und bin auf der Hut. Sie mögen meine gro­ßen Ohren nicht und die stäm­mi­gen Beine, meine Anders­ar­tig­keit, ver­mute ich. Schmuck­lose, grob ver­putzte Stein­wände zu bei­den Sei­ten, und da es kein Dach gibt, scheint die Sonne her­ein: Prü­fend lasse ich mei­nen Blick umher­schwei­fen. Erwar­tet mich eine Fall­grube? Wer­den Speere, aus­ge­löst durch meine Schritte, aus den Wän­den schnel­len, um mich zu durch­boh­ren? Es riecht streng. Offen­bar trei­ben die Insu­la­ner sonst Zie­gen in die­sen Kor­ri­dor. Behut­sam setze ich Fuß vor Fuß. Plötz­lich ver­dun­kelt ein Schat­ten die Sonne. Ich bli­cke auf und sehe einen rie­si­gen Vogel auf mich her­ab­stür­zen. In dem engen Kor­ri­dor kann ich mich nicht schnell genug umdre­hen. Und wo sollte ich auch hin? Ich werde ein leich­tes Opfer für die aus­ge­streck­ten Kral­len, jede von ihnen so groß wie ein aus­ge­wach­se­ner Leo­pard. Sie packen mich, und mit ein paar mäch­ti­gen Schwin­gen­schlä­gen erhebt sich der majes­tä­ti­sche Vogel wie­der in die Luft. Anschei­nend will er mich lebend. Unter mir haben sich, auf ihrem Platz vor dem Tem­pel des Wehr­haf­ten Nackt­mulls, die Insel­be­woh­ner ver­sam­melt; sie schwen­ken die Arme und tan­zen, beschwingte Trom­mel­mu­sik ertönt. Ich trom­pete pro­tes­tie­rend.

Der Rie­sen­vo­gel hält auf einen Berg­hang zu. Ich erkenne ein immens gro­ßes Nest, aus dem sich vier gewal­tige, auf­ge­sperrte Schnä­bel recken. Das hung­rige Kräch­zen der Küken lässt mir das Blut in den Adern gefrie­ren.

54/398

Das Titelbild zeigt einen Jungen mit Hosenträgern und Hemd. Er trägt eine Augenbinde mit aufgedruckten offenen Augen und geht an einigen Türen entlang. Ein Farbeimer und eine teils gezeichnete Tür deuten an, dass die Türen nur aufgemalt sind. Im Hintergrund trägt eine die Aufschrift "EMERGENCY EXIT".

♫ Skolla­lei­kur (Exc) ♫


54/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, einen von Dut­zen­den. Oder waren es schon Hun­derte? Doch irgend­et­was ist dies­mal anders. Die Türen! Sie sind nur auf­ge­malt auf die Wände zu bei­den Sei­ten. Täu­schend echt zwar, aber wenn ich zur Klinke greife, trifft meine Hand auf fugen­lo­sen Stein. Auch der Durch­gang am Ende: Trompe‑l’œil. Und als ich, von einer bösen Ahnung gequält, zurück zum Ein­gang laufe, erwar­tet mich dort eben­falls nur das Abbild des Tor­bo­gens, durch den ich den Kor­ri­dor betre­ten habe. Ich trommle mit den Fäus­ten dage­gen, trete gegen die ver­meint­li­chen Türen, bis mir die Füße schmer­zen, aber es bleibt dabei: Dies ist mein letz­ter Kor­ri­dor. Die bequeme Illu­sion, es ginge immer wei­ter, zer­platzt an dem har­ten, kal­ten Stein, auf dem meine Fin­ger­nä­gel nicht ein­mal einen Krat­zer hin­ter­las­sen.

125/398

Das Titelbild zeigt einen Flur mit brennenden Wänden und schmelzenden Gemälden. Der Boden ist eine flüssige, glühende Masse, in der eine Person oder Statue mit erhobenen Armen versinkt. Am Ende des Flurs steht eine weitere Person im hellen Türrahmen.

♫ Mag­ma­to­ge­nous Music (Mulciber’s Horns) ♫


125/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der anfangs einen etwas wil­den, expres­sio­nis­ti­schen Ein­druck auf mich macht und mich an van Goghs Kor­ri­dor des Saint-Paul-Asyls in Saint-Rémy erin­nert. Doch bereits wenige Augen­bli­cke spä­ter beginnt er zu schmel­zen, und es zer­läuft alles wie in einem Gemälde von Dalí. Zuerst sind es die Ölbil­der an den Wän­den, die lang­sam her­un­ter­trop­fen. Dann wei­chen auch die Türen auf, ver­lie­ren ihre Kon­sis­tenz und flie­ßen zäh in den Kor­ri­dor. Ich dage­gen, der ich flie­hen will, bloß weg von hier, wo sich alles auf­zu­lö­sen scheint!, ver­liere zuse­hends meine Bewe­gungs­fä­hig­keit, und mein Kör­per ver­steift und ver­fes­tigt sich. Noch kann ich mit letz­ter Kraft einen Arm aus­stre­cken, doch schon bin ich erstarrt und zu Stein gewor­den. Lang­sam ver­sinke ich in der amor­phen Masse, die bis vor weni­gen Augen­bli­cken eine prä­sen­ta­ble Bil­der­ga­le­rie in Vene­dig gewe­sen ist.

Spä­ter ein­mal, nach Jahr­hun­der­ten, wird man mich aus dem Meer fischen und für eine antike Sta­tue hal­ten, deren ent­setz­ten Gesichts­aus­druck ein alter namen­lo­ser Meis­ter beson­ders gut getrof­fen hat.

129/398

Das Titelbild zeigt einen großen roten Apfel mit Biss vor einer kleinen, detaillierten Puppenküchenzeile mit Herd, Schränken, Tisch und Stühlen.

♫ Sage in a Gilded Cage ♫


129/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor des Pup­pen­hau­ses, um zur Küche zu gelan­gen. Die Uten­si­lien dort sind lächer­lich über­pro­por­tio­niert, doch ich will nicht gänz­lich ver­ro­hen und mir mein Essen, statt es mir ein­fach ins Maul zu schau­feln, so weit es mir mög­lich ist zube­rei­ten. Wenn ich schon wie unzi­vi­li­sier­ter Wald­mensch aus­sehe, möchte ich wenigs­tens inner­lich und in mei­nen All­tags­hand­lun­gen eine gewisse Würde bewah­ren.

Denn seit mich meine Kur­ti­sane mit einem Voo­doo-Zau­ber ver­hext und auf Däum­lings­größe geschrumpft hat, bin ich auf Gedeih und Ver­derb ihrer halb­wüch­si­gen Toch­ter aus­ge­lie­fert, die mich als Spiel­zeug betrach­tet und zu ihrem Zeit­ver­treib alle mög­li­chen Kunst­stü­cke vor­füh­ren lässt. Obwohl ich das Pla­kat, das ich mit dem Wort »Hun­ger« bemalt habe, fast täg­lich aus­rolle und vom Schlaf­zim­mer über die eben­falls halb auf­ge­schnit­tene Ein­gangs­halle hin­un­ter­hän­gen lasse, denkt sie nur hin und wie­der daran, mir ein Salat­blatt oder einen Obst­schnitz ins Ves­ti­bül zu legen.

Schlim­mer als die Toch­ter aller­dings ist die Mut­ter, die mich nachts manch­mal heim­lich holt und sich mit mir ins Bett legt. Es ist, abge­se­hen von ihrer gro­tes­ken Rie­sen­haf­tig­keit, fast wie damals, nur dass sie mich jetzt zwingt, über ihren nack­ten Leib zu wan­dern und ihr alle an unge­eig­ne­ten Stel­len sprie­ßen­den Haare her­aus­zu­rei­ßen. Für mich bedeu­tet das müh­same Fuß­mär­sche und Schwerst­ar­beit – und ist umso demü­ti­gen­der, weil sie so für ihren neuen Lieb­ha­ber noch begeh­rens­wer­ter erschei­nen will, wäh­rend für mich kein Mes­ser scharf genug ist, um mich zu rasie­ren oder auch nur die inzwi­schen bis zu mei­nen Knien rei­chende ver­filzte Mähne zu kür­zen.

168/398

♫ Pathos and the Mono­lo­gue ♫


168/398

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»Ich betrete den Kor­ri­dor, aus dem es kein Zurück gibt« – mit die­sen mar­ki­gen Wor­ten beginnt mein gro­ßer Büh­nen­mo­no­log. Ich stehe vor einer Tür, die sich für die Zuschauer in einen lan­gen, viel­leicht sogar end­los wir­ken­den Kor­ri­dor öff­net, stelle ich mir vor, und wende den Kopf zurück zu den ande­ren Schau­spie­lern im Büh­nen­bild. Dann halte ich meine bewe­gende Abschieds­rede, und am Ende mache ich meine Ankün­di­gung wahr und betrete furcht­los den dunk­len Kor­ri­dor ohne Wie­der­kehr, die Tür fällt hin­ter mir ins Schloss, und das wird das Letzte sein, das von mir zu sehen ist. Zumin­dest bis zum Schluss­ap­plaus.

Das Stück wird Furore machen, das habe ich im Gefühl. Gut, der Regis­seur scheint sei­nen Zenit über­schrit­ten zu haben, und es ist auch erst­mal nur ein klei­nes Off-Thea­ter, in dem wir auf­tre­ten. Aber ich spüre die Kraft, die der Text hat, und bin mir sicher, dass wir damit für ziem­li­ches Auf­se­hen in der der­zeit doch eher drö­gen Thea­ter­land­schaft sor­gen wer­den.

Dabei ist es nichts Neues: Als Patch­work aus Text­frag­men­ten des Absur­den Thea­ters bringt es Autoren wie Piran­dello, Artaud, Coc­teau, Beckett, Ionesco, Sartre und Camus mit­ein­an­der in den Dia­log – ein Remix! Tat­säch­lich habe ich noch gar nicht her­aus­ge­fun­den, von wel­chem die­ser Dra­ma­ti­ker und aus wel­chem Stück genau mein Mono­log stammt. Aber ist das nicht letzt­lich unwich­tig?

End­lich werde ich wie­der auf der Bühne ste­hen! Das Pro­jekt schmückt sich nicht mit Stars, son­dern setzt auf Kön­ner aus der zwei­ten oder drit­ten Reihe, um mit der Wucht sei­ner Geschichte zu über­zeu­gen. Bei einem tur­bu­len­ten Ken­nen­lern­tref­fen mit viel Chab­lis hat uns der Regis­seur seine Vision erläu­tert. Es gehe nicht darum, ob das Absurde Thea­ter das Absurde dar­stellt oder das, was es dar­stellt, ins Absurde ver­kehrt – es gehe um den defi­ni­ti­ven Mythos unse­rer Zeit, um das Mythen­thea­ter der Post­mo­derne, um die ein­zig zutref­fende Beschrei­bung der mensch­li­chen Befind­lich­keit in Form des Absur­den.

So stehe ich für den Men­schen schlecht­hin auf der Bühne, der den point of no return über­schrei­tet und ange­sichts einer unsin­ni­gen Welt wis­send und frei­wil­lig den Weg in Wahn­sinn und Rea­li­täts­ver­lust wählt, nicht ohne dies mit mäch­ti­gen Wor­ten exis­ten­zia­lis­ti­scher Tiefe zu kom­men­tie­ren, die ihre Wir­kung beim Zuschauer nicht ver­feh­len wer­den. Sagt mir mein Bauch­ge­fühl. Schon allein beim Lesen läuft es mir kalt den Rücken her­un­ter.

»Ver­gesst mich!«, rufe ich am Ende, oder viel­leicht werde ich es auch nur vol­ler Inbrunst flüs­tern: »Ich bin ver­lo­ren für eure Welt der vor­ge­gau­kel­ten Ord­nung und Anstän­dig­keit, und mehr noch, ich bin eine Gefahr für die Kin­der und Nar­ren, die noch Augen und Ohren haben und ent­de­cken könn­ten, dass es einen Weg hin­ter die Kulis­sen gibt, die ihr auf­ge­stellt habt, die potem­kin­schen Dör­fer, die schö­nen Fas­sa­den und Attrap­pen, mit denen ihr den Mahl­strom der Sinn­lo­sig­keit not­dürf­tig ver­deckt und ver­klei­det. Also ver­gesst mich bes­ser, tilgt mich aus eurem Gedächt­nis und euren Kir­chen­bü­chern, ver­nich­tet alles, was an mich erin­nern könnte, ver­neint und ver­drängt mich so gründ­lich, wie ihr das eigent­li­che Wesen des Seins negiert. Rot­tet mich aus mit Stumpf und Stiel! Ich gehe, und es gibt nun nichts mehr, was euch und mich ver­bin­det. Alle Brü­cken hin­ter mir sind abge­bro­chen. Adieu!«

Ich glaube, der »defi­ni­tive Mythos für unsere Zeit«, den der Regis­seur auf die Bühne brin­gen will, liegt in genau die­sen Wor­ten, die tief ins Herz der mensch­li­chen Exis­tenz drin­gen, es anrüh­ren, auf­wüh­len und viel­leicht nie mehr so rich­tig los­las­sen wer­den. Es macht mich stolz, diese Rolle ver­kör­pern und aus­fül­len zu dür­fen, und ich spüre genau, dass die­ser Mono­log zum Kul­mi­na­ti­ons­punkt mei­ner beruf­li­chen Lauf­bahn, viel­leicht ja sogar mei­ner Kar­riere wer­den wird.

 

Nach­trag: Bei den Pro­ben zum Stück haben sich für den Regis­seur einige not­wen­dige Text­kür­zun­gen erge­ben. Von mei­nem gro­ßen Mono­log ließ er schließ­lich nur die Anfangs­worte übrig. Ich solle, sagt er, den Rest emo­tio­nal mit hin­ein­le­gen, wenn ich seit­lich – ohne Tür, ohne Kor­ri­dor – von dem doch recht mini­ma­lis­ti­schen Büh­nen­bild abtrete mit den weni­gen, aber denk­wür­di­gen Wor­ten »Ich betrete den Kor­ri­dor«.

200/398

♫ The Wee Small Voices ♫


200/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, und wie erhofft umgibt mich Stille. Dies ist der ein­zige Ort der Anstalt, in dem die Stim­men in mei­nem Kopf schwei­gen. Sie fan­gen immer ganz fürch­ter­lich an zu krei­schen, wenn ich mich auf den Weg hier­her mache. »Tu’s nicht!« – »Loser­lo­ser­lo­ser­lo­ser.« – »Willst du uns alle umbrin­gen? Sehen­den Auges in dein Ver­der­ben ren­nen?!« – »Nein­nein­nein­nein­NEIN!« – »Was willst du eigent­lich bewei­sen, hä?« – »Och, bitte nicht, hab doch ein Ein­se­hen, du weißt ja gar nicht, was du da tust!« – »Die Leute den­ken, Früh­stück sei ein­fach!« – »Jetzt lauf doch nicht weg, war doch gerade so kusche­lig.« – »Ja, geh nur. Geh nur! Aus dem direk­ten Son­nen­licht raus … Du wirst schon sehen! Du wirst ganz schreck­lich ein­sam sein und über kurz oder lang wahn­sin­nig wer­den! Wahn­sin­nig, hörst du? Wahn­sin­nig!« – »Du bist böse, böse­böse, du bist böse­böse­böse­böse!«

Jetzt ist es still in mei­nem Kopf. Kein Kin­der­ge­schrei, keine flüs­tern­den Grei­sin­nen, kein Ein­peit­scher mit schnar­ren­dem Befehls­ton, keine ohren­be­täu­ben­den Non­sens-Kolo­ra­tu­ren von der Sopra­nis­tin, keine drei Naa erseh­nen eine Lie­bes­nacht mit mir, kein mis­an­thro­pi­scher Rabu­list beschwatzt mich mit sei­ner teuf­li­schen, erbar­mungs­lo­sen Logik …

Es ist still.

Nicht das lei­seste Flüs­tern.

Stille.

Fast ein wenig unheim­lich.

Mir wird ganz komisch dabei. Schnell gehe ich wie­der zurück ins Fern­seh­zim­mer.

231/398

Saba­di­bix

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Ich betrete den Kor­ri­dor auf dem Weg in mein Büro, auch hier dar­auf bedacht, mög­lichst wenig Spu­ren zu hin­ter­las­sen: Ich schließe die Ein­gangs­tür, wenn sie vor­her geschlos­sen war, oder ver­schaffe ihr wie­der den Win­kel, den sie vor mei­nem Ein­tre­ten hatte. Ich achte auf sau­bere Schuh­soh­len, die kei­nen Dreck hin­ter­las­sen auf den Fuß­mat­ten, wel­che ich um kei­nen Deut ver­rü­cke, und ich schleich alle­weil mucks­maus­erl­still drü­ber.

Sollte ich einem der Dampf­plau­de­rer aus dem Amts­haus begeg­nen, so nuschel ich nur das Aller­not­wen­digste, mit gesenk­tem Kopf, um dann mög­lichst schnell hin­ter mei­ner Tür zu ver­schwin­den.

Dan­kens­wer­ter­weise habe ich gleich nach der Matura eine Stelle als Akzes­sist im Wie­ner Bun­des­denk­mal­amt bekom­men und konnte mich da der Bewah­rung von Din­gen und Zustän­den wid­men, inzwi­schen in Defi­ni­tiv­stel­lung bei die­ser wun­der­ba­ren und ehr­wür­di­gen Insti­tu­tion, der ich meine beschei­de­nen Dienste gern zur Ver­fü­gung stelle.

Auch in mei­nem Büro ver­meide ich jedes Gepräge, das auf mich zurück­geht: Nichts Per­sön­li­ches steht auf mei­nem Schreib­tisch, ich habe keine Bil­der auf­ge­hängt und keine Kraut­stau­den auf­ge­stellt. Schon lange bevor der Aus­druck »öko­lo­gi­scher Fuß­ab­druck« modisch wurde, habe ich alles getan, um über­haupt kei­nen Fuß­tap­per in der Welt zu hin­ter­las­sen. Mit mei­nem not­wen­di­gen Kon­sum für Gewand und Nah­rungs­mit­tel beschränke ich mich auf Dinge, die in gro­ßen Men­gen her­ge­stellt wer­den, so dass mein Anteil daran mög­lichst wenig ins Gewicht fällt.

Hier im Amt sind in den vie­len Jah­ren wohl viele Beför­de­rungs­mög­lich­kei­ten und Bien­nal­sprünge an mir vor­über­ge­gan­gen, weil ich mich immer mög­lichst unauf­fäl­lig ver­hal­ten habe. Es macht mich stolz, dass, ver­schwände ich eines Tages spur­los, wohl nie­mand auf die Idee käme, eine Abgän­gig­keits­an­zeige auf­zu­ge­ben.

Manch­mal – und das sind über­aus selige Momen­terl – ver­schwinde ich vor mir selbst. Ich fühle keine Anwe­sen­heit mehr und ent­de­cke erst hin­ten­nach, wie viel Zeit wäh­rend mei­ner Absenz ver­gan­gen ist.

Selt­sa­mer­weise scheint sonst nie­mand so wie ich zu den­ken. Alle Leut pudeln sich heuer furcht­bar auf und wol­len alle dam­lang Ein­fluss neh­men. Viele wol­len sogar aus­drück­lich etwas bewe­gen. Das ist mir fremd.

Dann die­ser Schmet­ter­ling. Was macht die­ser Schmet­ter­ling in mei­nem Büro? Wie kommt er hier her­ein, wo ich doch das Fens­ter nie öffne? Er ist weiß und flat­tert vor die Scheibe, dreht dann eine pat­scherte Runde durch die kleine, schmuck­lose Kam­mer. Hin­aus kann er nicht, denn die Tür war geschlos­sen, als ich sie vor­fand, und so halte ich es seit­dem.

»Wie ein Schmet­ter­ling«, flüs­tert sie und legt den Fin­ger auf die Lip­pen, »sei leise wie ein Schmet­ter­ling.« Sie ist schon lange tot, meine Mut­ter, genau wie mein Vater, der »Herr Dok­tor« in Weiß, der nie gestört wer­den durfte, sei es durch die Fra­gen sei­nes her­an­wach­sen­den Soh­nes, sei es durch Radau und ein­fach nur Unruhe. Und kam er aus der Apo­theke nach oben, so war es oft Mut­ter, die Migräne hatte, und keins der Pul­verl des Vaters half, und ich musste wie­der unsicht­bar sein und kei­nen Mucks von mir geben. Das ist vor­bei. Sie sind dahin. Oh, und sie haben Spu­ren hin­ter­las­sen: mich. Ich würde nie ein Kind in die Welt set­zen. Allein schon die Wir­kung, die ich auf die­sen ande­ren Men­schen, diese Frau, aus­üben würde, und sie auf mich. Spu­ren. Wun­den und Nar­ben womög­lich. Nicht aus­zu­den­ken.

Die­ser Schmet­ter­ling irri­tiert mich. Er fin­det kei­nen Aus­gang. Dies ist kein Ort für ihn. Er wird ver­durs­ten und ver­hun­gern, liegt auf dem Fens­ter­brett, ver­gilbt und ver­staubt. So sieht es die Natur vor. Ich mische mich da nicht ein, son­dern halte mich fein zurück. Andere mögen sich mit der Natur und dem Lauf der Dinge anle­gen wol­len. Nicht so ich, der ich tun­lichst ver­meide, irgend­wel­che Spu­ren zu hin­ter­las­sen, an denen abzu­le­sen wäre, dass es mich je gege­ben hat.

Ich könnte sein Lei­den abkür­zen. Ihn in der hoh­len Hand fan­gen und dann kurz eine Faust bal­len. Aber so ist es nicht vor­ge­se­hen. Er flat­tert um mich herum. Kann er nicht so wie­der hin­aus, wie er hier her­ein­ge­kom­men ist?

Ich stehe auf. Rede mit ihm. Rede auf ihn ein. Dass alles gut wird. Dass er so tun soll, als sei er gar nicht da. (Der ewige Ser­mon mei­ner Mut­ter.) Dass er sich gefäl­ligst zusam­men­rei­ßen soll! (Im flüs­ternd dro­hen­den Ton­fall mei­nes Vaters.)

Dann öffne ich das Fens­ter. Ein Wind­stoß fegt Bewil­li­gungs­an­su­chen und Ein­reich­pläne (in drei­fa­cher Aus­füh­rung, gefär­belt und unter­schrie­ben) von mei­nem Tisch. Doch der Schmet­ter­ling scheint jetzt ein Ziel zu haben: der Brise ent­ge­gen in die Frei­heit. Er flat­tert hin­aus. Und irgend­wie fliegt auch ein Teil von mir mit ihm, zu den mäch­ti­gen grü­nen Buchen unter dem blauen Him­mel.

Schnell schließe ich das Fens­ter. Was ist nur in mich gefah­ren? Ich habe den Lauf der Dinge ver­än­dert! Mut­wil­lig habe ich ein­ge­grif­fen! Fast erwarte ich, ein Blitz führe vom Him­mel. Dann wische ich über mei­nen Schreib­tisch und fege so auch die rest­li­chen Anbrin­gen und Papiere zu Boden. Und lache, lache laut, lache wie lange nicht mehr.