Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: K.

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Mamih­la­pi­na­ta­pei

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»Ich betrete den Kor­ri­dor mit der Rose in der Hand«, malt sich in aller Deut­lich­keit der mond­ge­sich­tige Herr aus, der sich auf seine Ren­dez­vous immer gewis­sen­haft vor­be­rei­tet, »und klingle kurz bei ihr. Kurz, aber nicht zu kurz. Zwei­mal.« Alles ist bedacht, nichts über­lässt er dem Zufall, den er als sei­nen per­sön­li­chen Wider­sa­cher betrach­tet.

»Sie öff­net mir und freut sich über die Rose, die ich ihr zur Begrü­ßung rei­che. Im güns­ti­gen Fall ist sie bereits aus­geh­fer­tig. Sie wird die Rose aller­dings ins Was­ser stel­len wol­len.« Der mond­ge­sich­tige Herr möchte die Damen, mit denen er sich ver­ab­re­det, aus­füh­ren, aber kei­nes­falls in ihre Woh­nun­gen gehen. Es sind weni­ger mora­li­sche Beden­ken als eine dif­fuse Angst davor, die jewei­lige Dame könne sich ein Haus­tier hal­ten oder – falls dies im Vor­feld zur Spra­che kam und von der besag­ten Dame ver­neint wurde – sie könne zufäl­lig das Haus­tier einer Freun­din oder eines Fami­li­en­mit­glieds zur Pflege genom­men haben.

»Ich werde solange war­ten«, souf­fliert sich der mond­ge­sich­tige Herr, wor­auf ihn aller­dings in sei­nem Gedan­ken­spiel die Dame bit­tet, dies nicht im Trep­pen­haus, son­dern in ihrer Diele zu tun; es werde auch nicht lange dau­ern. Der Herr mas­siert sich die Schläfe. Es muss einen ande­ren Weg geben.

»Also noch mal zurück an den Anfang«, sagt er sich. Zuerst besorgt er die bei­den Thea­ter­kar­ten, dann klei­det er sich dem Anlass ent­spre­chend und par­fü­miert sich, »ein wenig beid­sei­tig am Hals, nicht jedoch über den Anflug eines Wohl­ge­ru­ches hin­aus oder gar auf­dring­lich«, um dann mit dem guten Geh­stock das Haus zu ver­las­sen und im Blu­men­la­den eine schöne und lang­stie­lige weiße Rose zu erwer­ben, mit der er an der Con­cierge vor­bei, sie »knapp und kei­nes­falls zu freund­lich oder etwa unsi­cher« grü­ßend, die Stiege zwei Stock­werke hin­auf­steigt.

Doch nun fällt ihm, seine Über­le­gun­gen abrupt unter­bre­chend, ein, dass er die ent­spre­chende Dame noch gar nicht gefragt hat, ob sie denn mit ihm ins Thea­ter gehen würde. Dies ist ein Ele­ment des gesam­ten Ablaufs der erwünsch­ten Abend­ge­stal­tung, das dem mond­ge­sich­ti­gen Herrn fast ebenso sehr miss­fällt wie der Gedanke, auf ein Haus­tier zu sto­ßen.

»Also noch mal ganz zurück an den Anfang«, sagt er sich. »Ich trete mit einem Lächeln vor die Per­son, gewin­nend, kei­nes­falls ein Grin­sen, son­dern eher fein und hin­ter­grün­dig, ent­biete ihr mei­nen Gruß und frage sie höf­lich, aber bestimmt, ob sie mir viel­leicht die Ehre erwei­sen würde, mit mir ins Thea­ter zu gehen.« Der mond­ge­sich­tige Herr hat bereits eine Auf­füh­rung ins Auge gefasst. Es ist eine Col­lage aus Stü­cken des Absur­den Thea­ters in einem klei­nen Pro­gramm­thea­ter der Stadt. Aus­ge­sucht hat er sie weni­ger des Inhalts wegen oder auf­grund des Namens des Regis­seurs, der ihm nichts sagt, als wegen des Titels Wir müs­sen drau­ßen blei­ben. Ein Anruf hat ihm bestä­tigt, dass weder Haus­tiere auf der Bühne zum Ein­satz kom­men noch Haus­tiere in Beglei­tung der Besu­cher erlaubt sind.

Spä­ter am Abend aller­dings wird die detail­lier­ten Pla­nun­gen des mond­ge­sich­ti­gen Herrn die Tat­sa­che durch­kreu­zen, dass er die Dame, auf die sich seine Über­le­gun­gen bezie­hen, noch gar nicht ken­nen­ge­lernt hat, und er wird wei­tere Vor­be­rei­tun­gen frus­tiert, aber auch ein wenig erleich­tert auf den fol­gen­den Tag ver­schie­ben.

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Samm­ler­stück

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Ich betrete den Kor­ri­dor, jeden­falls mein kör­per­li­cher Anteil plus das, was ich für meine Iden­ti­tät halte. Meine Seele, die mich hin­un­ter in die Welt der Mate­rie geschickt hat, um hier Erfah­run­gen für sie zu sam­meln, schwebt selbst in ganz ande­ren, glück­se­li­gen Sphä­ren, in denen sie mit Kor­ri­do­ren herz­lich wenig am Hut hat. Erst am Ende, wenn ich durch die letzte Tür gegan­gen bin, wird sie meine Erfah­rungs­schätze sich­ten und davon behal­ten, was ihr zusagt: glück­li­che Erleb­nisse, Hoch- und Wohl­ge­fühle, Erfolgs­mo­mente – nur das Aller­beste für ihre Pre­tio­sen­vi­trine. Alles andere, das Nega­tive, Unschöne – von Abscheu über Miss­mut bis Zorn – wird sie indi­gniert von sich wei­sen und zurück­las­sen, weil es ihr nicht in den Kram passt und wert­los erscheint.

Und das, wo ich end­lich, nach vie­len Jah­ren und unter gro­ßen Mühen, mei­nen Frie­den mit die­ser Seite der Medaille gemacht habe!

Mein ein­zi­ger Trost ist, dass diese Hin­ter­las­sen­schaf­ten mei­ner irdi­schen Exis­tenz viel­leicht ein­mal von einem Samm­ler gefun­den wer­den, der auch diese Facet­ten des Lebens schätzt, sie auf­liest, putzt und poliert und beglückt in seine Kol­lek­tion mit auf­nimmt.

392/398

Sug­gested Hymn for Ever Ever Land

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Ich betrete den Kor­ri­dor, und so wird es bis in alle Ewig­keit sein, denn ich bin in genau die­sem Moment des über die Schwelle Schrei­tens gefan­gen, als wäre es ein Foto. Die­ser ein­ge­fro­rene Augen­blick – die Hand an der Klinke, der linke Fuß in der Luft, der Blick nach vorn, meine Hoff­nung und Erwar­tung – wird für mich nie wie­der zu Ende sein.

Das gol­dene Buch Got­tes gibt es wirk­lich. Ich erfuhr das alles nach mei­nem Able­ben: Darin ver­zeich­net er nicht etwa die guten und die schlech­ten Taten aus dem Leben sei­ner Geschöpfe, son­dern jeweils nur einen ein­zi­gen Moment.

Wenn ich alles rich­tig ver­stan­den habe, dann behält Gott, nach­dem in die­ser Ver­sion sei­ner Schöp­fung alle Mög­lich­kei­ten durch­ge­spielt sind, am Ende von allem etwas als Sou­ve­nir zurück: Was bleibt, ist eine Art kos­mi­sche Schnee­ku­gel, in der all diese win­zi­gen per­fek­ten Augen­bli­cke wie in Form­alde­hyd oder bes­ser noch wie in Gieß­harz für immer auf­be­wahrt sind – von jedem von uns der ulti­ma­tive Kul­mi­na­ti­ons­punkt eines Daseins, das spe­zi­elle Zeit­frak­tal, in dem ein Bewusst­sein hell auf­ge­blitzt ist und sich kurz voll­kom­men ent­fal­tet hat.

Das mag ganz groß­ar­tig klin­gen, nur lei­der han­delt es sich – musste ich sozu­sa­gen am eige­nen Leib erfah­ren – offen­bar nicht unbe­dingt um die Augen­bli­cke unse­res Lebens, von denen wir hof­fen oder auch nur glau­ben, sie kämen dafür infrage. Im Gegen­teil: Oft ist es ein Moment, der uns im Vor­bei­le­ben gar nicht beson­ders auf­ge­fal­len ist und den wir – wenn wir uns über­haupt an ihn erin­nern – ziem­lich uner­heb­lich fin­den wür­den.

Ich betrete den Kor­ri­dor. Und so wird es immer sein – ein ver­stei­ner­ter, immer­wäh­ren­der Augen­blick. Aber warum nur bin ich in die­sem Moment gefan­gen? Warum ist es nicht der Kuss des Gelieb­ten auf mei­nen Lip­pen, der Anblick des ster­nen­über­sä­ten Him­mels, den ein auf­schim­mern­der Meteor durch­kreuzt, oder auch nur der herz­hafte Biss in einen rei­fen Apfel? Nein. Ich betrete den Kor­ri­dor. Dies ist – nach dem Rat­schluss des Höchs­ten – mein Moment. Mein ewi­ger Moment. Ich betrete den Kor­ri­dor.

Viel­leicht sollte ich mich nicht bekla­gen. Ich habe es noch ganz gut getrof­fen und muss nicht eine Ewig­keit mit Zahn­schmer­zen, zwi­schen unge­wa­sche­nen U‑Bahn-Fahr­gäs­ten, wäh­rend des Pickel­aus­drü­ckens oder beim Prok­to­lo­gen ver­brin­gen.

Ewig – da kann einem die Zeit echt lang wer­den. Bes­ser ist’s, ich akzep­tiere die mir zuge­dachte Rolle und mache das Beste draus. Habe ich eine Wahl? Nein. Also!

Ich betrete den Kor­ri­dor.