Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Fantasy

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Das Titelbild zeigt eine Wolkenformation mit menschlichen Gesichtern, aus deren Mündern Wind strömt, mit der Silhouette eines fallenden oder schwebenden Menschen darunter.

♫ From a Wind-Swept Mind ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Ach, hätte ich doch bedacht, dass es sich um ein Luft­schloss han­delt! Ich ver­liere den Boden unter den Füßen, und jetzt machen sich die Winde, allen voran Aphe­lio­tes, aber auch Lips lässt sich nicht lum­pen, einen Spaß dar­aus, mich durch den Him­mel zu bla­sen. Kai­kias schließ­lich hat ein Ein­se­hen, trägt mich fort von sei­nen unge­stü­men Kame­ra­den und lässt mich, wenn auch nicht gerade sanft, weit im Nord­os­ten in einem Hafen zu Boden sin­ken.

Reykja­vík.

Jetzt im Win­ter nicht gerade mein Traum­ziel. Aber hat, heißt es, ein reges Nacht­le­ben zu bie­ten.

108/398

Das Titelbild zeigt eine in einen gelben Umhang gehüllte Person. Sie hält eine rote Schnur, die zu einer großen, menschenähnlichen Kreatur mit Hörnern führt, die eine gelbe Rose in ihrer behaarten Hand hat. Sie steht in einem roten Torbogen steht, hinter dem oben die Spitze eines Messers oder Dolchs erscheint.

♫ (Invi­si­ble Calls from the) Soaring Sirens ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, in den der rote Faden mich lei­tet. Auf ihn bin ich zufäl­lig bei mei­ner Wan­de­rung durch die­sen end­lo­sen, laby­rin­thi­schen Palast gesto­ßen. Es muss noch jemand hier sein! Und wenn die­ser Jemand einen Faden aus­legt, dann führt mich die­ser Faden ent­we­der zu ihm und beschert mir eine will­kom­mene Abwechs­lung in mei­ner ein­tö­ni­gen Spei­sen­folge – oder er führt mich zu dem Ein­gang, durch den er her­ein­kam. Und was für ihn ein Ein­gang ist, ist für mich der Aus­gang!

Also folge ich dem Faden durch das Laby­rinth. Und tat­säch­lich: Tages­licht und das ferne Rau­schen des Mee­res. Wie habe ich die Sonne ver­misst in die­sen ein­sa­men Jah­ren! Am Ende des Kor­ri­dors sehe ich blauen Him­mel. Und eine Gestalt. Es ist eine Frau. Ich muss blin­zeln. Sie kommt mir bekannt vor. »Schwes­ter!«, sage ich. Meine Stimme klingt fremd und unge­lenk – ich gebrau­che sie seit lan­gem nicht mehr.

»Du darfst nicht hier sein«, ant­wor­tet sie. Sie ist geal­tert. Sehe ich da weiße Sträh­nen in ihrem Haar?

»Ich bin dem Faden gefolgt.«

»Das war Däda­lus’ Idee.« Hätte ich mir den­ken kön­nen. Sie sieht, dass mein Blick auf ihre Trau­er­binde fällt. »Vater …«, sagt sie und schluckt.

»Dann bin ich jetzt König.«

»Pus­te­ku­chen«, sagt eine neue Stimme – hin­ter mir. Ein schar­fer Schmerz fährt mir in den Rücken, und ich sehe die glän­zende Spitze eines Schwer­tes aus mei­ner Brust ragen. Ich will etwas sagen, doch meine Lun­gen wol­len sich nicht mehr mit Luft fül­len. Meine Beine kni­cken ein, und ich sinke in die Knie.

Von hier kann ich die Sonne sehen, die nun glei­ßend die Welt ver­schlingt, die mir eben noch offen­stand, bis meine Schwes­ter zu mir tritt, ihren Schat­ten über mich wirft, als sie sich zu mir her­un­ter­beugt, und mich gnä­dige, all­um­fas­sende Dun­kel­heit umarmt.

129/398

Das Titelbild zeigt einen großen roten Apfel mit Biss vor einer kleinen, detaillierten Puppenküchenzeile mit Herd, Schränken, Tisch und Stühlen.

♫ Sage in a Gilded Cage ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor des Pup­pen­hau­ses, um zur Küche zu gelan­gen. Die Uten­si­lien dort sind lächer­lich über­pro­por­tio­niert, doch ich will nicht gänz­lich ver­ro­hen und mir mein Essen, statt es mir ein­fach ins Maul zu schau­feln, so weit es mir mög­lich ist zube­rei­ten. Wenn ich schon wie unzi­vi­li­sier­ter Wald­mensch aus­sehe, möchte ich wenigs­tens inner­lich und in mei­nen All­tags­hand­lun­gen eine gewisse Würde bewah­ren.

Denn seit mich meine Kur­ti­sane mit einem Voo­doo-Zau­ber ver­hext und auf Däum­lings­größe geschrumpft hat, bin ich auf Gedeih und Ver­derb ihrer halb­wüch­si­gen Toch­ter aus­ge­lie­fert, die mich als Spiel­zeug betrach­tet und zu ihrem Zeit­ver­treib alle mög­li­chen Kunst­stü­cke vor­füh­ren lässt. Obwohl ich das Pla­kat, das ich mit dem Wort »Hun­ger« bemalt habe, fast täg­lich aus­rolle und vom Schlaf­zim­mer über die eben­falls halb auf­ge­schnit­tene Ein­gangs­halle hin­un­ter­hän­gen lasse, denkt sie nur hin und wie­der daran, mir ein Salat­blatt oder einen Obst­schnitz ins Ves­ti­bül zu legen.

Schlim­mer als die Toch­ter aller­dings ist die Mut­ter, die mich nachts manch­mal heim­lich holt und sich mit mir ins Bett legt. Es ist, abge­se­hen von ihrer gro­tes­ken Rie­sen­haf­tig­keit, fast wie damals, nur dass sie mich jetzt zwingt, über ihren nack­ten Leib zu wan­dern und ihr alle an unge­eig­ne­ten Stel­len sprie­ßen­den Haare her­aus­zu­rei­ßen. Für mich bedeu­tet das müh­same Fuß­mär­sche und Schwerst­ar­beit – und ist umso demü­ti­gen­der, weil sie so für ihren neuen Lieb­ha­ber noch begeh­rens­wer­ter erschei­nen will, wäh­rend für mich kein Mes­ser scharf genug ist, um mich zu rasie­ren oder auch nur die inzwi­schen bis zu mei­nen Knien rei­chende ver­filzte Mähne zu kür­zen.

133/398

Das Titelbild zeigt eine Holztür mit der Zahl "133" in einem steinernen Rundbogen mit floralen und figürlichen Reliefs, flankiert von zwei steinernen Statuen in historischer Kleidung. Statt eines Türknaufs ist eine metallene Schale an der Tür befestigt.

♫ Ans­wers From Within ♫


133/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor der Asen. Es war eine weite Reise für mich zur Senio­ren­re­si­denz der ver­ren­teten Göt­ter, und ich habe, damit mir der Zutritt gewährt wird, der Direk­to­rin meine gesamte Rei­se­kasse über­las­sen müs­sen. (Zu ihrer Ent­schul­di­gung sei ange­merkt: Seit nach die­sen Göt­tern nur noch hin und wie­der in Kreuz­wort­rät­seln gefragt wird, wer­den Heime die­ser Art nur noch spär­lich sub­ven­tio­niert.)

Mich plagt die Sorge, dass mir die Ideen aus­ge­hen könn­ten, nach inzwi­schen über hun­dert­drei­ßig Bei­trä­gen zu einer Text­samm­lung mit den sal­bungs­vol­len Ein­gangs­wor­ten »Ich betrete den Kor­ri­dor«. (Sie soll am Ende knapp 400 die­ser Rap­porte umfas­sen, und das heißt, ich habe noch nicht ein­mal ein Drit­tel geschafft.) Hier jedoch erhoffe ich mir neue Inspi­ra­tion und ein Füll­horn ebenso über­ra­schen­der und fun­dier­ter Ein­fälle, und das sollte die Mühen mehr als wert sein, mir Rat und Bei­stand von der alten, mit allen Was­sern gewa­sche­nen Göt­tin der Sagen und Geschich­ten ein­zu­ho­len. Es dürfte sie lange kein Skalde mehr auf­ge­sucht haben.

»Sága« steht auf dem klei­nen Schild­chen neben der Tür. Ich bin am Ziel mei­ner Reise ange­langt und klopfe beherzt an. Nach einer klei­nen Weile höre ich Schritte, und es fragt mich eine scharfe Frau­en­stimme, ob ich eine Opfer­gabe dabei­habe. »Nein«, rufe ich durch die Tür. Ich käme, füge ich erläu­ternd an, aus einem auf­ge­klär­ten, wis­sen­schaft­li­chen Zeit­al­ter.

»Keine Opfer­gabe, keine Aus­kunft« ist die Ant­wort, und der Ton­fall lässt keine Wider­rede zu. Die Schritte ent­fer­nen sich.

Mist!

Darin ähneln sich die alten und die neuen Göt­ter: Sie wer­fen einen immer wie­der auf sich selbst zurück.

159/398

♫ Grimm örlög ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Auch hier suchen schon die Jäger nach mir. Bevor sie sich auf mich stür­zen kön­nen, bin ich zur Seite gesprun­gen. Hier beginnt eine lange Treppe, für die meine vier Beine eigent­lich viel zu kurz sind, aber die Todes­angst treibt mich her­auf. Die Krie­ger fol­gen mir. Vor mir sehe ich einen Mann eine schwere Boh­len­tür öff­nen. Ich folge ihm, renne ihm zwi­schen die Füße, schmeiße ihn um, ohne es zu wol­len, und dränge mich zit­ternd in eine Ecke des Rau­mes.

»Schließe Er die Tür, Koch!«, don­nert eine Stimme. Folg­sam erhebt sich der Mann vom Boden. Vor der Tür ste­hen, stumm her­einstar­rend, ein paar der Ein­her­jer, die mich ver­folgt haben. Der Koch schließt die Tür und wen­det sich um. Er hat ein ruß­ge­schwärz­tes Gesicht. Ich kenne ihn! Es ist der Koch, der die Jäger auf mich gehetzt hat und mich in sei­nen Kes­sel wer­fen will.

Den ande­ren Mann, den, der an der Fens­ter­öff­nung steht, kenne ich nicht. Zwei Raben sit­zen auf sei­ner Schul­ter, doch jetzt flat­tern sie auf und flie­gen kräch­zend ins Freie.

»Herr, der Eber …«, setzt der Koch an und ver­stummt.

»Das sehe ich.« Der Mann am Fens­ter hat nur ein gesun­des Auge. Es fixiert mich. Ich bebe am gan­zen Kör­per und ver­su­che, mich so klein wie mög­lich zu machen.

»Der Eber wollte heute nicht in den Wald, um sich jagen zu las­sen. Er ist zurück in die Burg gelau­fen und dann … offen­sicht­lich …« Wie­der ver­stummt der Koch.

»Offen­sicht­lich direkt zu mir. Spare Er mir Erklä­run­gen für Dinge, die auf der Hand lie­gen. Viel­leicht will der Eber nicht gejagt wer­den, viel­leicht gefällt ihm das nicht?«

Der Koch nickt.

»Viel­leicht will er auch nicht zer­legt und gekocht wer­den? Um aus sei­nen Kno­chen am nächs­ten Mor­gen wie­der­zu­er­ste­hen, nur damit er erneut gejagt, zer­legt, gekocht und ver­speist wird von Krie­gern, Wal­kü­ren und mei­nen Wöl­fen? Und das Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr?«

Der Koch steht regungs­los da.

»Oder würde viel­leicht Er an solch einem Los Gefal­len fin­den? Koch?«

Der Mann mit dem ruß­schwar­zen Gesicht schüt­telt den Kopf. Auch er scheint sich so klein wie nur mög­lich machen zu wol­len.

»Also erlö­sen wir ihn von sei­nem Schick­sal.« Der Mann am Fens­ter geht ein Stück zur Seite und nimmt einen glän­zen­den Speer von der Wand.

»Aber Herr!«, wirft da der Koch ein. »Was soll ich dann mor­gen auf­ti­schen zum Fest? Was sol­len die Ein­her­jer in Zukunft essen? Und was soll Eure Wölfe sät­ti­gen?« Er hat sich vor­ge­wagt, doch wird ihm mit einem Mal bewusst, wen er da maß­re­gelt, und so ver­beugt er sich jetzt tief und geht rück­wärts, bis er an die Tür­flü­gel stößt.

Der Mann am Fens­ter lacht. »Mor­gen, Koch, wenn er wie­der zum Leben erweckt wird, wird der Eber nichts mehr davon wis­sen, dass ihm sein Gott Erlö­sung ver­spro­chen hatte.«

Und damit wirft er den Speer. Es geht alles so schnell, dass ich nichts spüre. Mir wird plötz­lich ganz leicht, und ich bli­cke wie von weit oben auf die Welt. Alles kann ich von hier aus sehen. Es scheint ein gewal­ti­ges Fest bevor­zu­ste­hen, bei dem Ströme von Met flie­ßen wer­den. Und unter einem gro­ßen Kes­sel heizt der Koch das Feuer an …

162/398

♫ Malinger’s Eldo­rado ♫


162/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, den andere Wan­de­rer vor mir in den Berg aus Reis­brei gefres­sen haben. Gänge zwei­gen ab, aber ich krie­che eilig den Haupt­tun­nel ent­lang, damit ich schnel­ler bin als der zäh her­ab­flie­ßende Brei.

Als ich es auf die andere Seite des Ber­ges geschafft habe, bie­tet sich mir eine fan­tas­ti­sche Welt. Ich habe es immer nur für ein Mär­chen gehal­ten: das Land, in dem einem gebra­tene Tau­ben ins Maul flie­gen und auf ein »Bst bst!« hin die Fische in die Hand sprin­gen. Doch es exis­tiert wirk­lich! Um jedes Haus ein Zaun von Brat­würs­ten gefloch­ten, fürs Schla­fen kriegt man pro Stunde eine Gul­den, und für ein Gäh­nen wird noch ein Dop­pel­ta­ler drauf­ge­legt.

Den­noch: So sehr ich auch suchend umher­wan­dere – ich finde kei­nen Hot­spot. Nicht ein­mal ein Modem­an­schluss ist auf­zu­trei­ben. Tech­no­lo­gisch sind die hier ziem­lich hin­term Berg. Tja, dann also wie­der zurück. Hof­fent­lich ist der Tun­nel durch den Reis­brei noch pas­sier­bar.

163/398

♫ Love in Times of Blitz and Bli­the ♫


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Love in Times of Blitz and Bli­the

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Ich betrete den – Kor­ri­dor ist hier viel­leicht das fal­sche Wort, da es nahe­legt, die­ser Gang sei dafür da, dass Men­schen ihn benut­zen. Das würde ich in die­sem Falle zwar gerne glau­ben, aber tat­säch­lich ist das bei einem Kanal oder genauer: einem Abwas­ser­ka­nal nicht der Fall. Es ist ein manns­ho­her, gemau­er­ter Tun­nel, in den von bei­den Sei­ten wei­tere Kanäle mün­den – ein Tun­nel­sys­tem unter der Stadt.

Ein toter mensch­li­cher Kör­per mag sich, je nach den äuße­ren Umstän­den, in weni­gen Wochen oder Mona­ten zer­set­zen – beim Meta­bo­lis­mus einer Stadt aus Stein, Metall, Glas und dem künst­li­chen Stoff der Dama­li­gen gehen Jahr­hun­derte oder Jahr­tau­sende ins Land, bis die Natur sich voll­ends zurück­er­obert hat, was der Mensch ihr abge­run­gen hatte.

Sie nen­nen uns Lei­chen­fled­de­rer – und tat­säch­lich ver­glei­chen wir das Objekt unse­rer Unter­su­chun­gen gerne mit einem Kör­per, einem mensch­li­chen Kör­per. Da die Stadt seit lan­ger Zeit ver­las­sen ist, han­delt es sich um einen toten Kör­per. Eigent­lich füh­ren wir wie Patho­lo­gen eine Obduk­tion durch, nur dass wir nicht nach der Todes­ur­sa­che for­schen. Die liegt auf der Hand. Wir for­schen nach klei­nen Orga­nen der Stadt, die viel­leicht noch von Nut­zen sind.

Das Kanal­sys­tem der Stadt, mein Fach­ge­biet, stellt ihr Aus­schei­dungs­or­gan dar. Durch ihre tief in der Erde ver­bor­ge­nen Gedärme fließt schon lange kein Abwas­ser mehr. Des­halb stinkt es hier auch nicht, wie man­che viel­leicht mei­nen, die ange­sichts mei­ner Auf­gabe die Nase rümp­fen. Ich bin nicht sehr ange­se­hen unter mei­nen Leu­ten, ich weiß. Aber ich nehme meine Auf­gabe ernst und gebe mein Bes­tes.

Es ist immer das­selbe. Nach einem lan­gen Fuß­marsch sind wir plötz­lich da, der ganze Trupp. Uns bie­tet sich kein Wider­stand – von Schling­pflan­zen und ein­sturz­ge­fähr­de­ten Bau­ten abge­se­hen. Wir fal­len lär­mend in die meist toten­still dalie­gende Stadt ein, errei­chen ihr Zen­trum, ver­tei­len uns vor dort aus, jeder mit sei­ner per­sön­li­chen Auf­gabe betraut. Wenige Stun­den spä­ter sam­meln wir uns wie­der auf dem Haupt­platz, und schon wenig spä­ter liegt die ver­fal­lene Stadt wie­der tot da, und es ist, als seien wir nie dort gewe­sen.

Einem leben­den Kör­per muss Luft und Nah­rung zuge­führt wer­den. Ner­ven­bah­nen, Adern und ein Lymph­sys­tem durch­zie­hen ihn. Die Nah­rung wird ver­daut und Ener­gie wird pro­du­ziert, die in Tätig­kei­ten und Kom­mu­ni­ka­tion umge­setzt wird. Ein Immun­sys­tem und ver­schie­dene Repa­ra­turme­cha­nis­men weh­ren Feinde ab und hal­ten Ver­fall, Ver­schleiß und unkon­trol­lier­ten Wild­wuchs auf, wo immer und wie lange das eben mög­lich ist.

All dies galt auch für die gro­ßen Städte. Wir haben uns, in Anleh­nung an Hei­ler, die damals mit den ver­schie­de­nen Orga­nen und Sys­te­men im mensch­li­chen Meta­bo­lis­mus betraut waren, Namen gege­ben, Spitz­na­men, die sich auf unser jewei­li­ges Spe­zi­al­ge­biet bezie­hen. Ich bin der »Prok­to­loge«.

Die alten Städte gel­ten als ver­fluchte Orte, und ein wenig färbt das auf uns, die Toten­be­schauer, ab. Wir sind Aus­ge­sto­ßene, und es heißt, wir ste­hen mit Dämo­nen im Bunde. Des­halb sind wir gezwun­gen, unter uns zu blei­ben. Manch­mal rau­ben wir Frauen. Auch ich komme lang­sam in das Alter, in dem ich eine Fami­lie grün­den sollte. Ich habe mein Auge auf die »Neu­ro­lo­gin« gewor­fen. Aber wie soll ich ihr impo­nie­ren? Ich müsste dafür einen bedeu­ten­den Fund machen. Doch was lässt sich hier in den Abwäs­ser­ka­nä­len schon ent­de­cken?

Wir suchen beson­dere Arte­fakte, Dinge, deren Bedeu­tung wir nicht ken­nen, Gegen­stände, deren Sinn für uns im Dun­keln liegt. Aus jeder Stadt neh­men wir nur ein ein­zi­ges die­ser Objekte mit und schaf­fen es, oft auf gefahr­vol­len Wegen und unter gro­ßen Mühen, zurück in unsere Fes­tung. Dort haben wir im Berg ein rie­si­ges unter­ir­di­sches Museum ange­legt, in dem diese Dinge, beschrif­tet jeweils mit der Stadt, aus der sie stam­men, aus­ge­stellt wer­den – und nie­mand außer uns weiß davon.

Auch wenn alle ande­ren uns für Plün­de­rer hal­ten und mit schlim­men Schimpf­wor­ten bele­gen: Eigent­lich sind wir Bewah­rer und haben eine große Hoch­ach­tung vor den toten Städ­ten und ihren eins­ti­gen Bewoh­nern, den Schöp­fern all die­ser ebenso wun­der­ba­ren wie rät­sel­haf­ten Gerät­schaf­ten, die unsere Expe­di­tio­nen zutage för­dern.

Ich laufe jetzt schon viele Stun­den lang durch die Kanäle. Es wird Zeit für mich, zurück­zu­keh­ren. Mein untrüg­li­cher Ori­en­tie­rungs­sinn ist der Grund dafür, dass mir die Auf­gabe zufällt, die Abflüsse und Kata­kom­ben der toten Städte zu durch­strei­fen. Noch nie habe ich mich ver­irrt, und selbst wenn meine Fackel ver­lö­schen sollte, würde ich zurück­fin­den.

Da! Ich ent­de­cke etwas im fla­ckern­den Licht, dass ich auf dem Hin­weg über­se­hen haben muss. Es ist ein Metall­ge­stänge, das an einer Seite eine Art Hal­te­griff aus einem der künst­li­chen Stoffe der Dama­li­gen besitzt: Er ist schwarz, nach­gie­big und fühlt sich ange­nehm an, fast so, wie ich mir die Haut einer Frau vor­stelle. Ich richte das Gestänge auf, so dass es mit zwei kur­zen Quer­stan­gen fest auf dem Boden steht – ähn­lich wie bei einem der räder­ge­trie­be­nen Gefährte, wel­che die Dama­li­gen mit Peda­len ange­trie­ben haben. Nur gibt es hier weder Räder noch einen Sat­tel. Den­noch sieht das Gerät aus, als könne man es bestei­gen: Unten befin­den sich, neben­ein­an­der befes­tigt, zwei Platt­for­men, etwas grö­ßer als meine Füße. Offen­bar kann man hin­auf­stei­gen, wäh­rend am sich an dem hoch­ra­gen­den Griff fest­hält, um dar­auf zu ste­hen. Ich bin auf­ge­regt, denn so etwas habe ich noch nie gese­hen. Ist es gefähr­lich? Todes­mu­tig steige ich auf die zwei Tritt­bret­ter. Vor Schreck stockt mir kurz der Atem: Sie bewe­gen sich – das eine kippt weg, und gleich­zei­tig drückt es das andere nach oben. Das Gestänge knirscht. Nun belaste ich den Fuß, der hoch­ge­drückt wurde, und seine Platt­form senkt sich lang­sam und schwer­gän­gig, wäh­rend nun der andere Fuß nach oben schwingt.

Ich kann auf dem Gerät lau­fen, auf der Stelle lau­fen! Eigen­ar­tig. Und ein guter Fund. Denn der Sinn die­ser Vor­rich­tung ist mir völ­lig schlei­er­haft.

Sie ist schwer. Ich schul­tere sie und mache mich auf den Weg zu unse­rem Treff­punkt. Es macht mich stolz, ein­mal etwas von mei­nen Streif­zü­gen mit­brin­gen zu kön­nen.

Unser Ältes­ter begut­ach­tet die Fund­stü­cke. Lange bleibt er vor mei­nem Arte­fakt ste­hen. Dann bedeu­tet er mir, es vor­zu­füh­ren. Ich steige auf die Platt­for­men und bewege sie lang­sam mit den Füßen, indem ich mein Gewicht ver­la­gere. Es knirscht, als ich beginne, auf der Stelle zu lau­fen, so als ob ich eine Treppe hin­auf­stei­gen würde. Ich höre ein Rau­nen von den ande­ren, aber habe nur Augen für die Neu­ro­lo­gin, die mich und das Gerät mit erstaun­ten Bli­cken bedenkt – und lächelt, als der Älteste seine Wahl trifft. Sie lächelt mich an! Ich steige ab und fühle mich, als würde ich schwe­ben.

Unser Ältes­ter fer­tigt in der toten Spra­che und Schrift eine kleine Tafel an, die ich an mei­nem Fund befes­ti­gen darf. »Ber­lin«. Wir bre­chen auf. Die Neu­ro­lo­gin hilft mir, das Arte­fakt zu tra­gen. Am Tuscheln der ande­ren bemerke ich, dass ihnen nicht ver­bor­gen geblie­ben ist, für wen unter uns sie sich ent­schie­den hat. Für den »Prok­to­lo­gen« – wer hätte das gedacht?

Ich jeden­falls trage stolz mit ihr das Gerät, mit dem man auf der Stelle lau­fen kann. Wir haben noch einen wei­ten Weg vor uns, aber ich fühle mich leicht und vol­ler Taten­drang. Ich habe ein Muse­ums­stück gefun­den – und eine Gefähr­tin!

165/398

♫ Sil­fur­s­tól­linn ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor erstaunt und ein wenig ange­gru­selt. Wie kann es sein, dass ich nach all den Jah­ren einen Gang ent­de­cke, der von mei­nem Schlaf­zim­mer weg­führt? Aber ich habe ja auch noch nie gegen die hin­tere Wand mei­nes Klei­der­schranks gedrückt. Jetzt komme ich jeden­falls in Räume, die mir vor­her gänz­lich unbe­kannt waren und von denen ich nicht ein­mal wusste, dass ich nichts von ihnen wusste.

Ich beschließe, mich bes­ser für diese Expe­di­tion aus­zu­rüs­ten, statt im Schlaf­an­zug und ohne jeg­li­ches Equip­ment los­zu­zie­hen. Ich kehre um, lege mich erst ein­mal ins Bett, um auch ja gut aus­ge­schla­fen zu sein, und als am Mor­gen der Wecker piepst, habe ich nur undeut­li­che Erin­ne­run­gen an »irgend­was mit mei­nem Klei­der­schrank und einer Gas­la­terne im Wald«, das ich bald dar­auf ver­ges­sen habe.

171/398

♫ Fabel­be­ben ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor mit selbst­ge­ba­cke­nem Brot in der Hand. Über­all, wo ich hin­komme, gibt es ein Unglück. Doch nun will ich mein Schick­sal wen­den und der Schick­sals­frau, die mich schon mein gan­zes Leben lang auf Schritt und Tritt mit Kata­stro­phen aller Art ver­folgt, end­lich ent­ge­gen­tre­ten. Wird es gelin­gen, sie mir gewo­gen zu machen? Wird sie meine Gabe milde stim­men?

Ich folge, ohne den zahl­rei­chen Sei­ten­gän­gen Beach­tung zu schen­ken, dem Haupt­gang, der in den Berg Dikti hin­ein­ge­schla­gen ist und tief in sein Herz führt. Hier sol­len sie leben, die Schick­sals­frauen. Doch wie­der fühle ich ein Unglück nahen. Selbst hier lässt sie mich nicht in Frie­den! Ich spüre die ver­hasste Beklem­mung in mei­ner Brust, und sie wird stär­ker und stär­ker, untrüg­li­ches Zei­chen dafür, dass sie mir und allen in mei­ner Umge­bung wie­der das Leben schwer­ma­chen will.

Womit dies­mal? Wilde Tiere? Eine Über­schwem­mung? Eine Dürre mit fol­gen­der Hun­gers­not? Eine Epi­de­mie? Pira­ten­über­fälle? Eine Nie­der­lage im Krieg?

Nein.

Mit einem Erd­be­ben: Es rum­pelt grol­lend im Berg, und er schüt­telt sich, so dass ich zu Boden geschleu­dert werde und das Brot mei­nen Hän­den ent­glei­tet. Angst­er­füllt krie­che ich zurück ans Tages­licht. Nur knapp ent­komme ich dem her­ab­stür­zen­den Geröll, und kaum habe ich es nach drau­ßen auf den Fels­vor­sprung geschafft, stürzt der Kor­ri­dor ein, der zu den Schick­sals­frauen füh­ren soll. Ich höre Schreie, oder ist es das Krei­schen der Fel­sen, die zer­bers­ten?

Schlag­ar­tig ist es ruhig. Es kul­lern nur noch einige kleine Steine den Berg­hang hinab. Ich kann es kaum glau­ben: Die Beklem­mung, die mich schon mein gan­zes Leben lang erbar­mungs­los ver­folgt, hat mich ver­las­sen, und es fühlt sich ganz so an, als würde sie nie wie­der­keh­ren.

Mit neuem Mut erfüllt mache ich mich auf den Rück­weg in die Stadt, zum Palast, zu mei­nem miss­ge­bil­de­ten Bru­der, zu mei­ner Fami­lie.

172/398

♫ Mem­bers Only (Tickets Available) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor mit Wän­den aus Jas­pis und den Türen aus gol­de­nem Glas, noch ganz benom­men davon, dass die Erde, die ich kannte, für immer ver­gan­gen ist. In der Hand trage ich eines der Blät­ter vom Baum des Lebens, die zur Hei­lung der Hei­den bestimmt sind – hat es gewirkt? Ich komme mir immer noch vor wie in einem von Bibel­fun­da­men­ta­lis­ten pro­du­zier­ten B‑Picture. 

Wer hätte das gedacht? Die Apo­ka­lypse, das letzte Buch der Bibel: So war die Johan­nes-Offen­ba­rung also, bis hin zum Happy End, keine sym­bol­über­la­dene Rache- und Wel­ten­brand­fan­ta­sie, son­dern eine der weni­gen Pro­phe­zei­un­gen der Mensch­heits­ge­schichte, die wirk­lich ein­tra­fen – bis aufs letzte i‑Tüpfelchen. Tja, hin­ter­her ist man immer klü­ger, und ich habe nun, sobald ich mich ein wenig ein­ge­lebt habe, eine Menge Zeit, dar­über nach­zu­den­ken.