Ich betrete den Korridor. Ach, hätte ich doch bedacht, dass es sich um ein Luftschloss handelt! Ich verliere den Boden unter den Füßen, und jetzt machen sich die Winde, allen voran Apheliotes, aber auch Lips lässt sich nicht lumpen, einen Spaß daraus, mich durch den Himmel zu blasen. Kaikias schließlich hat ein Einsehen, trägt mich fort von seinen ungestümen Kameraden und lässt mich, wenn auch nicht gerade sanft, weit im Nordosten in einem Hafen zu Boden sinken.
Reykjavík.
Jetzt im Winter nicht gerade mein Traumziel. Aber hat, heißt es, ein reges Nachtleben zu bieten.
Ich betrete den Korridor, in den der rote Faden mich leitet. Auf ihn bin ich zufällig bei meiner Wanderung durch diesen endlosen, labyrinthischen Palast gestoßen. Es muss noch jemand hier sein! Und wenn dieser Jemand einen Faden auslegt, dann führt mich dieser Faden entweder zu ihm und beschert mir eine willkommene Abwechslung in meiner eintönigen Speisenfolge – oder er führt mich zu dem Eingang, durch den er hereinkam. Und was für ihn ein Eingang ist, ist für mich der Ausgang!
Also folge ich dem Faden durch das Labyrinth. Und tatsächlich: Tageslicht und das ferne Rauschen des Meeres. Wie habe ich die Sonne vermisst in diesen einsamen Jahren! Am Ende des Korridors sehe ich blauen Himmel. Und eine Gestalt. Es ist eine Frau. Ich muss blinzeln. Sie kommt mir bekannt vor. »Schwester!«, sage ich. Meine Stimme klingt fremd und ungelenk – ich gebrauche sie seit langem nicht mehr.
»Du darfst nicht hier sein«, antwortet sie. Sie ist gealtert. Sehe ich da weiße Strähnen in ihrem Haar?
»Ich bin dem Faden gefolgt.«
»Das war Dädalus’ Idee.« Hätte ich mir denken können. Sie sieht, dass mein Blick auf ihre Trauerbinde fällt. »Vater …«, sagt sie und schluckt.
»Dann bin ich jetzt König.«
»Pustekuchen«, sagt eine neue Stimme – hinter mir. Ein scharfer Schmerz fährt mir in den Rücken, und ich sehe die glänzende Spitze eines Schwertes aus meiner Brust ragen. Ich will etwas sagen, doch meine Lungen wollen sich nicht mehr mit Luft füllen. Meine Beine knicken ein, und ich sinke in die Knie.
Von hier kann ich die Sonne sehen, die nun gleißend die Welt verschlingt, die mir eben noch offenstand, bis meine Schwester zu mir tritt, ihren Schatten über mich wirft, als sie sich zu mir herunterbeugt, und mich gnädige, allumfassende Dunkelheit umarmt.
Ich betrete den Korridor des Puppenhauses, um zur Küche zu gelangen. Die Utensilien dort sind lächerlich überproportioniert, doch ich will nicht gänzlich verrohen und mir mein Essen, statt es mir einfach ins Maul zu schaufeln, so weit es mir möglich ist zubereiten. Wenn ich schon wie unzivilisierter Waldmensch aussehe, möchte ich wenigstens innerlich und in meinen Alltagshandlungen eine gewisse Würde bewahren.
Denn seit mich meine Kurtisane mit einem Voodoo-Zauber verhext und auf Däumlingsgröße geschrumpft hat, bin ich auf Gedeih und Verderb ihrer halbwüchsigen Tochter ausgeliefert, die mich als Spielzeug betrachtet und zu ihrem Zeitvertreib alle möglichen Kunststücke vorführen lässt. Obwohl ich das Plakat, das ich mit dem Wort »Hunger« bemalt habe, fast täglich ausrolle und vom Schlafzimmer über die ebenfalls halb aufgeschnittene Eingangshalle hinunterhängen lasse, denkt sie nur hin und wieder daran, mir ein Salatblatt oder einen Obstschnitz ins Vestibül zu legen.
Schlimmer als die Tochter allerdings ist die Mutter, die mich nachts manchmal heimlich holt und sich mit mir ins Bett legt. Es ist, abgesehen von ihrer grotesken Riesenhaftigkeit, fast wie damals, nur dass sie mich jetzt zwingt, über ihren nackten Leib zu wandern und ihr alle an ungeeigneten Stellen sprießenden Haare herauszureißen. Für mich bedeutet das mühsame Fußmärsche und Schwerstarbeit – und ist umso demütigender, weil sie so für ihren neuen Liebhaber noch begehrenswerter erscheinen will, während für mich kein Messer scharf genug ist, um mich zu rasieren oder auch nur die inzwischen bis zu meinen Knien reichende verfilzte Mähne zu kürzen.
Ich betrete den Korridor der Asen. Es war eine weite Reise für mich zur Seniorenresidenz der verrenteten Götter, und ich habe, damit mir der Zutritt gewährt wird, der Direktorin meine gesamte Reisekasse überlassen müssen. (Zu ihrer Entschuldigung sei angemerkt: Seit nach diesen Göttern nur noch hin und wieder in Kreuzworträtseln gefragt wird, werden Heime dieser Art nur noch spärlich subventioniert.)
Mich plagt die Sorge, dass mir die Ideen ausgehen könnten, nach inzwischen über hundertdreißig Beiträgen zu einer Textsammlung mit den salbungsvollen Eingangsworten »Ich betrete den Korridor«. (Sie soll am Ende knapp 400 dieser Rapporte umfassen, und das heißt, ich habe noch nicht einmal ein Drittel geschafft.) Hier jedoch erhoffe ich mir neue Inspiration und ein Füllhorn ebenso überraschender und fundierter Einfälle, und das sollte die Mühen mehr als wert sein, mir Rat und Beistand von der alten, mit allen Wassern gewaschenen Göttin der Sagen und Geschichten einzuholen. Es dürfte sie lange kein Skalde mehr aufgesucht haben.
»Sága« steht auf dem kleinen Schildchen neben der Tür. Ich bin am Ziel meiner Reise angelangt und klopfe beherzt an. Nach einer kleinen Weile höre ich Schritte, und es fragt mich eine scharfe Frauenstimme, ob ich eine Opfergabe dabeihabe. »Nein«, rufe ich durch die Tür. Ich käme, füge ich erläuternd an, aus einem aufgeklärten, wissenschaftlichen Zeitalter.
»Keine Opfergabe, keine Auskunft« ist die Antwort, und der Tonfall lässt keine Widerrede zu. Die Schritte entfernen sich.
Mist!
Darin ähneln sich die alten und die neuen Götter: Sie werfen einen immer wieder auf sich selbst zurück.
Ich betrete den Korridor. Auch hier suchen schon die Jäger nach mir. Bevor sie sich auf mich stürzen können, bin ich zur Seite gesprungen. Hier beginnt eine lange Treppe, für die meine vier Beine eigentlich viel zu kurz sind, aber die Todesangst treibt mich herauf. Die Krieger folgen mir. Vor mir sehe ich einen Mann eine schwere Bohlentür öffnen. Ich folge ihm, renne ihm zwischen die Füße, schmeiße ihn um, ohne es zu wollen, und dränge mich zitternd in eine Ecke des Raumes.
»Schließe Er die Tür, Koch!«, donnert eine Stimme. Folgsam erhebt sich der Mann vom Boden. Vor der Tür stehen, stumm hereinstarrend, ein paar der Einherjer, die mich verfolgt haben. Der Koch schließt die Tür und wendet sich um. Er hat ein rußgeschwärztes Gesicht. Ich kenne ihn! Es ist der Koch, der die Jäger auf mich gehetzt hat und mich in seinen Kessel werfen will.
Den anderen Mann, den, der an der Fensteröffnung steht, kenne ich nicht. Zwei Raben sitzen auf seiner Schulter, doch jetzt flattern sie auf und fliegen krächzend ins Freie.
»Herr, der Eber …«, setzt der Koch an und verstummt.
»Das sehe ich.« Der Mann am Fenster hat nur ein gesundes Auge. Es fixiert mich. Ich bebe am ganzen Körper und versuche, mich so klein wie möglich zu machen.
»Der Eber wollte heute nicht in den Wald, um sich jagen zu lassen. Er ist zurück in die Burg gelaufen und dann … offensichtlich …« Wieder verstummt der Koch.
»Offensichtlich direkt zu mir. Spare Er mir Erklärungen für Dinge, die auf der Hand liegen. Vielleicht will der Eber nicht gejagt werden, vielleicht gefällt ihm das nicht?«
Der Koch nickt.
»Vielleicht will er auch nicht zerlegt und gekocht werden? Um aus seinen Knochen am nächsten Morgen wiederzuerstehen, nur damit er erneut gejagt, zerlegt, gekocht und verspeist wird von Kriegern, Walküren und meinen Wölfen? Und das Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr?«
Der Koch steht regungslos da.
»Oder würde vielleicht Er an solch einem Los Gefallen finden? Koch?«
Der Mann mit dem rußschwarzen Gesicht schüttelt den Kopf. Auch er scheint sich so klein wie nur möglich machen zu wollen.
»Also erlösen wir ihn von seinem Schicksal.« Der Mann am Fenster geht ein Stück zur Seite und nimmt einen glänzenden Speer von der Wand.
»Aber Herr!«, wirft da der Koch ein. »Was soll ich dann morgen auftischen zum Fest? Was sollen die Einherjer in Zukunft essen? Und was soll Eure Wölfe sättigen?« Er hat sich vorgewagt, doch wird ihm mit einem Mal bewusst, wen er da maßregelt, und so verbeugt er sich jetzt tief und geht rückwärts, bis er an die Türflügel stößt.
Der Mann am Fenster lacht. »Morgen, Koch, wenn er wieder zum Leben erweckt wird, wird der Eber nichts mehr davon wissen, dass ihm sein Gott Erlösung versprochen hatte.«
Und damit wirft er den Speer. Es geht alles so schnell, dass ich nichts spüre. Mir wird plötzlich ganz leicht, und ich blicke wie von weit oben auf die Welt. Alles kann ich von hier aus sehen. Es scheint ein gewaltiges Fest bevorzustehen, bei dem Ströme von Met fließen werden. Und unter einem großen Kessel heizt der Koch das Feuer an …
Ich betrete den Korridor, den andere Wanderer vor mir in den Berg aus Reisbrei gefressen haben. Gänge zweigen ab, aber ich krieche eilig den Haupttunnel entlang, damit ich schneller bin als der zäh herabfließende Brei.
Als ich es auf die andere Seite des Berges geschafft habe, bietet sich mir eine fantastische Welt. Ich habe es immer nur für ein Märchen gehalten: das Land, in dem einem gebratene Tauben ins Maul fliegen und auf ein »Bst bst!« hin die Fische in die Hand springen. Doch es existiert wirklich! Um jedes Haus ein Zaun von Bratwürsten geflochten, fürs Schlafen kriegt man pro Stunde eine Gulden, und für ein Gähnen wird noch ein Doppeltaler draufgelegt.
Dennoch: So sehr ich auch suchend umherwandere – ich finde keinen Hotspot. Nicht einmal ein Modemanschluss ist aufzutreiben. Technologisch sind die hier ziemlich hinterm Berg. Tja, dann also wieder zurück. Hoffentlich ist der Tunnel durch den Reisbrei noch passierbar.
Ich betrete den – Korridor ist hier vielleicht das falsche Wort, da es nahelegt, dieser Gang sei dafür da, dass Menschen ihn benutzen. Das würde ich in diesem Falle zwar gerne glauben, aber tatsächlich ist das bei einem Kanal oder genauer: einem Abwasserkanal nicht der Fall. Es ist ein mannshoher, gemauerter Tunnel, in den von beiden Seiten weitere Kanäle münden – ein Tunnelsystem unter der Stadt.
Ein toter menschlicher Körper mag sich, je nach den äußeren Umständen, in wenigen Wochen oder Monaten zersetzen – beim Metabolismus einer Stadt aus Stein, Metall, Glas und dem künstlichen Stoff der Damaligen gehen Jahrhunderte oder Jahrtausende ins Land, bis die Natur sich vollends zurückerobert hat, was der Mensch ihr abgerungen hatte.
Sie nennen uns Leichenfledderer – und tatsächlich vergleichen wir das Objekt unserer Untersuchungen gerne mit einem Körper, einem menschlichen Körper. Da die Stadt seit langer Zeit verlassen ist, handelt es sich um einen toten Körper. Eigentlich führen wir wie Pathologen eine Obduktion durch, nur dass wir nicht nach der Todesursache forschen. Die liegt auf der Hand. Wir forschen nach kleinen Organen der Stadt, die vielleicht noch von Nutzen sind.
Das Kanalsystem der Stadt, mein Fachgebiet, stellt ihr Ausscheidungsorgan dar. Durch ihre tief in der Erde verborgenen Gedärme fließt schon lange kein Abwasser mehr. Deshalb stinkt es hier auch nicht, wie manche vielleicht meinen, die angesichts meiner Aufgabe die Nase rümpfen. Ich bin nicht sehr angesehen unter meinen Leuten, ich weiß. Aber ich nehme meine Aufgabe ernst und gebe mein Bestes.
Es ist immer dasselbe. Nach einem langen Fußmarsch sind wir plötzlich da, der ganze Trupp. Uns bietet sich kein Widerstand – von Schlingpflanzen und einsturzgefährdeten Bauten abgesehen. Wir fallen lärmend in die meist totenstill daliegende Stadt ein, erreichen ihr Zentrum, verteilen uns vor dort aus, jeder mit seiner persönlichen Aufgabe betraut. Wenige Stunden später sammeln wir uns wieder auf dem Hauptplatz, und schon wenig später liegt die verfallene Stadt wieder tot da, und es ist, als seien wir nie dort gewesen.
Einem lebenden Körper muss Luft und Nahrung zugeführt werden. Nervenbahnen, Adern und ein Lymphsystem durchziehen ihn. Die Nahrung wird verdaut und Energie wird produziert, die in Tätigkeiten und Kommunikation umgesetzt wird. Ein Immunsystem und verschiedene Reparaturmechanismen wehren Feinde ab und halten Verfall, Verschleiß und unkontrollierten Wildwuchs auf, wo immer und wie lange das eben möglich ist.
All dies galt auch für die großen Städte. Wir haben uns, in Anlehnung an Heiler, die damals mit den verschiedenen Organen und Systemen im menschlichen Metabolismus betraut waren, Namen gegeben, Spitznamen, die sich auf unser jeweiliges Spezialgebiet beziehen. Ich bin der »Proktologe«.
Die alten Städte gelten als verfluchte Orte, und ein wenig färbt das auf uns, die Totenbeschauer, ab. Wir sind Ausgestoßene, und es heißt, wir stehen mit Dämonen im Bunde. Deshalb sind wir gezwungen, unter uns zu bleiben. Manchmal rauben wir Frauen. Auch ich komme langsam in das Alter, in dem ich eine Familie gründen sollte. Ich habe mein Auge auf die »Neurologin« geworfen. Aber wie soll ich ihr imponieren? Ich müsste dafür einen bedeutenden Fund machen. Doch was lässt sich hier in den Abwässerkanälen schon entdecken?
Wir suchen besondere Artefakte, Dinge, deren Bedeutung wir nicht kennen, Gegenstände, deren Sinn für uns im Dunkeln liegt. Aus jeder Stadt nehmen wir nur ein einziges dieser Objekte mit und schaffen es, oft auf gefahrvollen Wegen und unter großen Mühen, zurück in unsere Festung. Dort haben wir im Berg ein riesiges unterirdisches Museum angelegt, in dem diese Dinge, beschriftet jeweils mit der Stadt, aus der sie stammen, ausgestellt werden – und niemand außer uns weiß davon.
Auch wenn alle anderen uns für Plünderer halten und mit schlimmen Schimpfworten belegen: Eigentlich sind wir Bewahrer und haben eine große Hochachtung vor den toten Städten und ihren einstigen Bewohnern, den Schöpfern all dieser ebenso wunderbaren wie rätselhaften Gerätschaften, die unsere Expeditionen zutage fördern.
Ich laufe jetzt schon viele Stunden lang durch die Kanäle. Es wird Zeit für mich, zurückzukehren. Mein untrüglicher Orientierungssinn ist der Grund dafür, dass mir die Aufgabe zufällt, die Abflüsse und Katakomben der toten Städte zu durchstreifen. Noch nie habe ich mich verirrt, und selbst wenn meine Fackel verlöschen sollte, würde ich zurückfinden.
Da! Ich entdecke etwas im flackernden Licht, dass ich auf dem Hinweg übersehen haben muss. Es ist ein Metallgestänge, das an einer Seite eine Art Haltegriff aus einem der künstlichen Stoffe der Damaligen besitzt: Er ist schwarz, nachgiebig und fühlt sich angenehm an, fast so, wie ich mir die Haut einer Frau vorstelle. Ich richte das Gestänge auf, so dass es mit zwei kurzen Querstangen fest auf dem Boden steht – ähnlich wie bei einem der rädergetriebenen Gefährte, welche die Damaligen mit Pedalen angetrieben haben. Nur gibt es hier weder Räder noch einen Sattel. Dennoch sieht das Gerät aus, als könne man es besteigen: Unten befinden sich, nebeneinander befestigt, zwei Plattformen, etwas größer als meine Füße. Offenbar kann man hinaufsteigen, während am sich an dem hochragenden Griff festhält, um darauf zu stehen. Ich bin aufgeregt, denn so etwas habe ich noch nie gesehen. Ist es gefährlich? Todesmutig steige ich auf die zwei Trittbretter. Vor Schreck stockt mir kurz der Atem: Sie bewegen sich – das eine kippt weg, und gleichzeitig drückt es das andere nach oben. Das Gestänge knirscht. Nun belaste ich den Fuß, der hochgedrückt wurde, und seine Plattform senkt sich langsam und schwergängig, während nun der andere Fuß nach oben schwingt.
Ich kann auf dem Gerät laufen, auf der Stelle laufen! Eigenartig. Und ein guter Fund. Denn der Sinn dieser Vorrichtung ist mir völlig schleierhaft.
Sie ist schwer. Ich schultere sie und mache mich auf den Weg zu unserem Treffpunkt. Es macht mich stolz, einmal etwas von meinen Streifzügen mitbringen zu können.
Unser Ältester begutachtet die Fundstücke. Lange bleibt er vor meinem Artefakt stehen. Dann bedeutet er mir, es vorzuführen. Ich steige auf die Plattformen und bewege sie langsam mit den Füßen, indem ich mein Gewicht verlagere. Es knirscht, als ich beginne, auf der Stelle zu laufen, so als ob ich eine Treppe hinaufsteigen würde. Ich höre ein Raunen von den anderen, aber habe nur Augen für die Neurologin, die mich und das Gerät mit erstaunten Blicken bedenkt – und lächelt, als der Älteste seine Wahl trifft. Sie lächelt mich an! Ich steige ab und fühle mich, als würde ich schweben.
Unser Ältester fertigt in der toten Sprache und Schrift eine kleine Tafel an, die ich an meinem Fund befestigen darf. »Berlin«. Wir brechen auf. Die Neurologin hilft mir, das Artefakt zu tragen. Am Tuscheln der anderen bemerke ich, dass ihnen nicht verborgen geblieben ist, für wen unter uns sie sich entschieden hat. Für den »Proktologen« – wer hätte das gedacht?
Ich jedenfalls trage stolz mit ihr das Gerät, mit dem man auf der Stelle laufen kann. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns, aber ich fühle mich leicht und voller Tatendrang. Ich habe ein Museumsstück gefunden – und eine Gefährtin!
Ich betrete den Korridor erstaunt und ein wenig angegruselt. Wie kann es sein, dass ich nach all den Jahren einen Gang entdecke, der von meinem Schlafzimmer wegführt? Aber ich habe ja auch noch nie gegen die hintere Wand meines Kleiderschranks gedrückt. Jetzt komme ich jedenfalls in Räume, die mir vorher gänzlich unbekannt waren und von denen ich nicht einmal wusste, dass ich nichts von ihnen wusste.
Ich beschließe, mich besser für diese Expedition auszurüsten, statt im Schlafanzug und ohne jegliches Equipment loszuziehen. Ich kehre um, lege mich erst einmal ins Bett, um auch ja gut ausgeschlafen zu sein, und als am Morgen der Wecker piepst, habe ich nur undeutliche Erinnerungen an »irgendwas mit meinem Kleiderschrank und einer Gaslaterne im Wald«, das ich bald darauf vergessen habe.
Ich betrete den Korridor mit selbstgebackenem Brot in der Hand. Überall, wo ich hinkomme, gibt es ein Unglück. Doch nun will ich mein Schicksal wenden und der Schicksalsfrau, die mich schon mein ganzes Leben lang auf Schritt und Tritt mit Katastrophen aller Art verfolgt, endlich entgegentreten. Wird es gelingen, sie mir gewogen zu machen? Wird sie meine Gabe milde stimmen?
Ich folge, ohne den zahlreichen Seitengängen Beachtung zu schenken, dem Hauptgang, der in den Berg Dikti hineingeschlagen ist und tief in sein Herz führt. Hier sollen sie leben, die Schicksalsfrauen. Doch wieder fühle ich ein Unglück nahen. Selbst hier lässt sie mich nicht in Frieden! Ich spüre die verhasste Beklemmung in meiner Brust, und sie wird stärker und stärker, untrügliches Zeichen dafür, dass sie mir und allen in meiner Umgebung wieder das Leben schwermachen will.
Womit diesmal? Wilde Tiere? Eine Überschwemmung? Eine Dürre mit folgender Hungersnot? Eine Epidemie? Piratenüberfälle? Eine Niederlage im Krieg?
Nein.
Mit einem Erdbeben: Es rumpelt grollend im Berg, und er schüttelt sich, so dass ich zu Boden geschleudert werde und das Brot meinen Händen entgleitet. Angsterfüllt krieche ich zurück ans Tageslicht. Nur knapp entkomme ich dem herabstürzenden Geröll, und kaum habe ich es nach draußen auf den Felsvorsprung geschafft, stürzt der Korridor ein, der zu den Schicksalsfrauen führen soll. Ich höre Schreie, oder ist es das Kreischen der Felsen, die zerbersten?
Schlagartig ist es ruhig. Es kullern nur noch einige kleine Steine den Berghang hinab. Ich kann es kaum glauben: Die Beklemmung, die mich schon mein ganzes Leben lang erbarmungslos verfolgt, hat mich verlassen, und es fühlt sich ganz so an, als würde sie nie wiederkehren.
Mit neuem Mut erfüllt mache ich mich auf den Rückweg in die Stadt, zum Palast, zu meinem missgebildeten Bruder, zu meiner Familie.
Ich betrete den Korridor mit Wänden aus Jaspis und den Türen aus goldenem Glas, noch ganz benommen davon, dass die Erde, die ich kannte, für immer vergangen ist. In der Hand trage ich eines der Blätter vom Baum des Lebens, die zur Heilung der Heiden bestimmt sind – hat es gewirkt? Ich komme mir immer noch vor wie in einem von Bibelfundamentalisten produzierten B‑Picture.
Wer hätte das gedacht? Die Apokalypse, das letzte Buch der Bibel: So war die Johannes-Offenbarung also, bis hin zum Happy End, keine symbolüberladene Rache- und Weltenbrandfantasie, sondern eine der wenigen Prophezeiungen der Menschheitsgeschichte, die wirklich eintrafen – bis aufs letzte i‑Tüpfelchen. Tja, hinterher ist man immer klüger, und ich habe nun, sobald ich mich ein wenig eingelebt habe, eine Menge Zeit, darüber nachzudenken.