Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Report

274/398

Deviationist’s Joy

LogoSwitch language

 
 
 

»Ich betrete den Kor­ri­dor und laufe ihn in den aller­meis­ten Fäl­len ein­fach bis zum Ende durch? Ver­stehe ich das rich­tig?«

Lau­ten­thal nickt lächelnd und fügt mei­ner Frage an: »… um dann gleich den nächs­ten Kor­ri­dor zu betre­ten. So funk­tio­niert unser Geist – und damit unser Leben.«

Prof. Ernst C. Lau­ten­thal ist Neu­ro­loge. Ich bin durch ein Zei­tungs­in­ter­view auf ihn auf­merk­sam gewor­den, in dem er die mensch­li­che Denk­tä­tig­keit mit einem Kor­ri­dor ver­gleicht. Klar, dass dies mei­ner selek­ti­ven Auf­merk­sam­keit nicht ent­gan­gen ist: Ich beschloss umge­hend, eine Repor­tage für mein Blog dar­aus zu machen. Des­halb also die­ses Inter­view.

Ich sitze – ein klein wenig ein­ge­schüch­tert, muss ich geste­hen – dem Pro­fes­sor gegen­über und ver­su­che zu ver­ste­hen, was er her­aus­ge­fun­den hat.

»Ein Tier, das einem Instinkt folgt, hat meist kei­ner­lei Wahl­mög­lich­kei­ten, was den Ablauf sei­ner Hand­lun­gen angeht. Ähn­lich ist es bei mensch­li­chen Rou­ti­ne­auf­ga­ben. Wir hät­ten eine Wahl, aber wir nut­zen sie nicht. Man kann das damit ver­glei­chen, wenn man so will, dass man mit Beginn der Hand­lung einen Kor­ri­dor betritt und sei­nem Ver­lauf ohne Abwei­chun­gen bis zum Ende folgt, so wie man es gelernt und ein­ge­übt hat.«

Wir sit­zen in sei­nem Büro. Im Regal hin­ter sei­nem Schreib­tisch liegt ein mensch­li­cher Schä­del. Wäre ich nicht nur mit einem Ton­band­ge­rät, son­dern auch mit einer Video­ka­mera hier, würde ich ein­lei­tend die beein­dru­ckende Pha­lanx von Psy­cho­lo­gie­wäl­zern in sei­nen Rega­len abfah­ren, um dann auf dem Toten­schä­del zu enden und in eine sei­ner Augen­höh­len wie in einen Kor­ri­dor hin­ein­zu­zoo­men.

»Aber es gibt auch Türen bei­der­seits des Kor­ri­dors?«

»Das unter­schei­det uns von rein instinkt­ge­steu­er­ten Tie­ren«, bestä­tigt mir Lau­ten­thal. »Wir könn­ten vom vor­ge­zeich­ne­ten Weg abwei­chen – aber das würde halt ein wenig Mühe erfor­dern. Und unsere Spe­zies zeich­net sich nun mal nicht zuletzt durch Bequem­lich­keit aus.« Er lehnt sich zurück in sei­nen Ses­sel. »Sehen Sie, wir machen hier gerade ein Inter­view. Sie stel­len Fra­gen, und ich ant­worte. Aber wir hät­ten auch ganz andere Mög­lich­kei­ten, damit fort­zu­fah­ren. Ich könnte auf den Schreib­tisch stei­gen und Charles­ton tan­zen. Oder Sie könn­ten aus dem Fens­ter sprin­gen. Man­che der Mög­lich­kei­ten sind nahe­lie­gend, andere eher abwe­gig. Die abwe­gi­gen – in einem Kor­ri­dor wären das kleine, ver­schlos­sene Türen, die so unauf­fäl­lig sind, dass wir sie gar nicht bemer­ken.«

»Und warum neh­men wir Men­schen so oft den aus­ge­tre­te­nen Pfad, selbst wenn er viel­leicht gar nicht mehr den aktu­el­len Anfor­de­run­gen ent­spricht?«

»Das liegt unter ande­rem an den Hor­mo­nen. Wir sind weit mehr hor­mon­ge­steu­ert, als wir uns das ein­ge­ste­hen mögen. Dopa­min, das Glücks­hor­mon, wie es volks­tüm­lich bezeich­net wird, sorgt dafür, dass wir Erleb­nisse, die wir als posi­tiv emp­fun­den haben, wie­der­ho­len möch­ten. Und auch bei Stress greift der Mensch fast schon auto­ma­tisch auf ver­traute Stra­te­gien zurück – statt sich neue Mög­lich­kei­ten zu eröff­nen, indem er einen kaum began­ge­nen Kor­ri­dor betritt oder es mal mit von ihm bis­lang über­se­he­nen Türen ver­sucht.«

»To boldly go where no man has gone before.«

Er sieht mich leicht stirn­run­zelnd an, und ich weiß nicht, ob er das Zitat aus dem Pro­log der Serie Enter­prise erkannt hat. »Dabei darf man«, erklärt er mir, »auch nicht den Durch-die-Tür-aus-dem-Sinn-Effekt unter­schät­zen.«

Jetzt sehe wohl ich etwas rat­los aus.

Lau­ten­thal erklärt: »In wis­sen­schaft­li­chen Ver­su­chen wurde belegt, dass wir Men­schen beim Durch­que­ren einer Tür im Hirn sozu­sa­gen einen klei­nen Reboot machen: Altes wird weg­ge­wischt, und wir stel­len uns auf Neues ein.«

»Indem wir ein­fach nur einen Tür­rah­men durch­schrei­ten?«

»Genauso ist es. Solange wir im Kor­ri­dor blei­ben, sind wir mit dem beschäf­tigt, was wir ken­nen: Gedan­ken, Sor­gen, Gefühle. Gehen wir aller­dings durch eine der Türen, machen wir damit inner­lich Platz für neue Erfah­run­gen. Übri­gens haben wir des­halb oft ver­ges­sen, was wir eigent­lich woll­ten, wenn wir in ein ande­res Zim­mer kom­men.«

»Ja, pas­siert mir auch häu­fig«, sage ich. »Aber was ist, wenn sich der neue Kor­ri­dor hin­ter der Tür als Sack­gasse ent­puppt?«

Lau­ten­thal lacht kurz auf. »Eine Spe­zia­li­tät des mensch­li­chen Den­kens. Ers­tens: in Sack­gas­sen zu gera­ten. Und zwei­tens: aus ihnen wie­der raus­zu­kom­men. Denn dann fan­gen wir an, Türen aus­zu­pro­bie­ren, die wir vor­her im Leben nicht ange­rührt hät­ten.«

»Krea­ti­vi­tät wäre also, vom brei­ten und ein­la­den­den Kor­ri­dor abzu­wei­chen und statt­des­sen sel­ten began­gene Abzwei­gun­gen ein­zu­schla­gen?«

»So könnte man es sehen, wenn wir bei die­sem Bild blei­ben wol­len. Beden­ken Sie aller­dings: Es gibt nicht nur den einen Kor­ri­dor. Es gibt Tau­sende davon, für jeden von uns, und für jede Kate­go­rie von Situa­tion. Brain­scripts, kleine ver­in­ner­lichte Dreh­bü­cher für die viel­fäl­ti­gen Anfor­de­run­gen und Auf­ga­ben, die uns das Leben stellt.«

»Aber wir machen doch immer wie­der auch neue Erfah­run­gen.«

»Klar. Da schauen wir dann meist genauer hin, gerade dann, wenn uns der Ver­lauf des Kor­ri­dors nicht klar ist.« Lau­ten­thal spielt mit einem Brief­öff­ner.

»Und was bringt uns die­ses Bild des Kor­ri­dors?«

Lau­ten­thal legt den Brief­öff­ner wie­der weg: »Die Erkennt­nis, dass wir nicht immer den Weg über den aus­ge­latsch­ten Tep­pich neh­men müs­sen, son­dern auch mal eine Tür öff­nen kön­nen, von der wir nicht wis­sen, was sich hin­ter ihr ver­birgt. Wir kön­nen uns auch mal in dunkle und enge Gänge zwän­gen. Oder ein­fach mal ste­hen blei­ben, uns umse­hen und uns fra­gen: Was mache ich hier eigent­lich?«

Ich bli­cke mich um. Drau­ßen scheint die Sonne. »Was mache ich hier eigent­lich?«

Lau­ten­thal schmun­zelt. »Sie haben einen neuen Kor­ri­dor betre­ten. Und wer die­sen Schritt macht, muss sich dann wohl auch mit den Kon­se­quen­zen aus­ein­an­der­set­zen.«

›Gut gesagt‹, denke ich. Das war dann der Punkt, an dem ich zum Fens­ter ging, es öff­nete und – ver­mut­lich der Pointe wegen – hin­aus­sprang.

 

275/398

Dream Ques­ti­ons Med­ley Per Aspera

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­do­rium-Dop­pel­de­cker, der pünkt­lich zum ver­ab­re­de­ten Zeit­punkt vor mei­ner Tür gehal­ten hat. Den Fahr­preis ent­richte ich wie immer bei der Fah­re­rin mit den rot­ge­färb­ten Haa­ren. Zwei Tou­ren hab ich ver­passt, aber jetzt bin ich wie­der mit dabei, auch wenn mich meine Freunde seit eini­ger Zeit etwas schräg anse­hen und in den Fän­gen einer obsku­ren Orga­ni­sa­tion wäh­nen.

Ich habe dies­mal wie­der eine Koje im Ober­deck. Sanfte Musik perlt aus den über­all ange­brach­ten Laut­spre­chern, und dazu gibt es flüs­ternd die Frage »Wer beob­ach­tet den Beob­ach­ter (und wo gibt’s das Pop­corn)?« Mit dem »Beob­ach­ter« ist wohl die Instanz in uns Men­schen gemeint, die im Bud­dhis­mus manch­mal auch der »innere Zeuge« genannt wird – viel­leicht ist der »Meis­ter«, der hin und wie­der im Kor­ri­do­rium-Blog vor­kommt, ein bud­dhis­ti­scher Rin­po­che. Wäre durch­aus mög­lich, dass die Reise-Fra­gen für die Musik­me­di­ta­tion mit anschlie­ßen­dem gemein­sa­men Früh­stück jeweils von ihm stam­men – auch wenn sie für die Nächte im Kor­ri­do­rium-Bus, glaube ich, ein klein wenig ver­kalau­ert und ver­klau­su­liert sind, um hip zu wir­ken.

Ich habe im Pyjama und mit Bade­man­tel auf den Bus gewar­tet und kuschle mich in die reser­vierte Koje. Anfangs habe ich mich im Bus noch umge­zo­gen, aber inzwi­schen bin ich ein erfah­re­ner Nacht­bus­rei­sen­der.

Die Fahrt mit der Frage »Wohin ent­wi­ckelt sich alles (und mein Bei­trag dazu)?« habe ich ver­passt, weil ich unter­wegs war zu einem Fami­li­en­fest. Dort mei­nen Bei­trag zu leis­ten, indem ich alle Anwe­sen­den bat, die Augen zu schlie­ßen und einige Minu­ten lang über diese Frage zu medi­tie­ren, war ein kom­plet­ter Rein­fall. Ich hatte zwar ange­kün­digt, dass die Frage, die ich stel­len würde, auf den ers­ten Blick merk­wür­dig wir­ken würde (und, viel­leicht, im wei­tes­ten Sinne mit Evo­lu­tion und unse­rer per­sön­li­chen Rolle darin zu tun hat), aber dass es gleich und ohne Umschweife zum Eklat kom­men würde, hatte ich nicht erwar­tet. Alle pro­tes­tier­ten, meine Mut­ter geriet in Streit mit ihrer Mut­ter, die Kids nutz­ten die Gele­gen­heit, um sich mit ihren Video­spie­len zurück­zu­zie­hen, mein Vater don­nerte herum und drohte schließ­lich sogar damit, mich zu ent­er­ben. Wie gesagt: ein kom­plet­ter Rein­fall. Nie­mand, nicht ein­mal meine sinistre Tante, der man wahr­sa­ge­ri­sche und hei­le­ri­sche Fähig­kei­ten nach­sagt, hat sich mit der Frage beschäf­tigt. Und ich dann auch nicht mehr.

Die Nacht­fahrt im dar­auf fol­gen­den Monat ver­passte ich, weil ich Grippe hatte. »Was tut Leid (und warum lass ich’s zu)?« lau­tete die Frage, ent­nahm ich den Flug­zet­teln, die sie in unse­rem Städt­chen in alle Brief­käs­ten wer­fen (und sie ist immer nur ein »Ange­bot« an die Rei­sen­den, die sich gerne auch eigene Fra­gen stel­len dür­fen). Ich fand die Frage etwas eigen­ar­tig, nahm sie mit in meine Fie­ber­träume, und dort ent­fal­tete sie sich zu einem phi­lo­so­phi­sches Pro­blem, das mich immer schon bewegt hat: Warum lässt Gott das Leid in der Welt zu? Ich rang fie­bernd mit Dämo­nen und Engeln, die unsäg­li­chen Grau­sam­kei­ten der Mensch­heits­ge­schichte gaben sich an mei­nem durch­ge­schwitz­ten Bett ein Stell­dich­ein – und kurz bevor ich der Frage ganz auf den Grund ging, schlum­merte ich ein. Neun Stun­den spä­ter wurde ich wie­der wach, war schmerz­frei und hatte den Infekt über­wun­den.

Nach der ver­pass­ten Tour mit der exis­ten­zi­el­len »Leid-Frage« war ich dann end­lich wie­der mit dabei. Beim anschlie­ßen­den Früh­stück – ange­sichts som­mer­li­cher Tem­pe­ra­tu­ren hat­ten die Ver­an­stal­ter zum Son­nen­auf­gang Cam­ping­mö­bel auf­ge­stellt, und wir setz­ten uns in unse­ren Pyja­mas raus vor den Bus auf eine Blu­men­wiese – kam ich ins Gespräch mit einem älte­ren Herrn offen­bar grie­chi­scher Abstam­mung, der stän­dig blin­zelte, weil er seine Brille nicht mit­ge­nom­men hatte. Er erzählte ver­rückte Sachen von Rei­sen nach Indien und Laos und scheint der Mei­nung zu sein, ein »Guru« ste­cke hin­ter der gan­zen Geschichte – womit er das Blog »Kor­ri­do­rium« und diese nächt­li­chen Tou­ren mit Ambi­ent-DJ im Dop­pel­de­cker­bus meint. Es sei aller­dings ein hoch­mo­der­ner Guru, näm­lich einer ohne Per­so­nen­kult, der sich ganz hin­ter sei­ner Bot­schaft ver­ste­cke und diese der­art »zwi­schen den Zei­len ver­birgt«, dass nur die dar­auf sto­ßen, für die es an der Zeit ist.

Klingt viel­leicht eigen­ar­tig, aber der Mann ist mir sym­pa­thisch. Er hat seine The­sen ganz gut mit der Frage der Nacht »Was will ich wirk­lich (und wenn ich nicht mehr bin)?« ver­knüp­fen kön­nen, und ich wollte mir eigent­lich mer­ken, wo im Städt­chen ihn der Bus absetzt – Namen und Adres­sen haben wir näm­lich nicht aus­ge­tauscht, und ich dachte, es sei doch mal nett, mich mit ihm auf einen Tee oder ein Bier zu tref­fen. Im rich­ti­gen Leben sozu­sa­gen. Hab den ent­schei­den­den Moment jedoch lei­der ver­passt.

Auf der heu­ti­gen Tour, die mit der Frage nach dem Zeu­gen­be­wusst­sein, ist der alte Grie­che offen­bar nicht mit dabei. Spä­ter, tief in der Nacht, stehe ich auf und setze mich auf die Kis­sen zu Füßen des DJs, der uner­müd­lich neue Klang­pan­ora­men und Sphä­ren­klänge kre­iert (und mal auf meine Frage hin, ob es seine Schlaf­kon­zerte auch auf CD oder DVD gibt, den Kopf schüt­telte und den Fin­ger auf die Lip­pen legte). Ich stelle amü­siert fest, dass sie hier große Papp­be­cher mit fri­schem süßem Pop­corn auf­ge­stellt haben. Die­ser Teil der heu­ti­gen Frage hat seine Ant­wort also schon gefun­den …

277/398

Bli­the Dis­re­gard

LogoSwitch language

 
 
 

»Ich betrete den Kor­ri­dor«, murmle ich, und auch die ande­ren Kurs­teil­neh­mer mur­meln immer wie­der den glei­chen Spruch, die glei­che Affir­ma­tion.

Es ist das Geheim­nis, das schon die alten Atlan­ter, die Pyra­mi­den­bauer und Genies wie Her­mes Tris­me­gis­tos, Michel­an­gelo und Leo­nardo da Vinci kann­ten, hat man uns gesagt. Nicht irgend­ein Geheim­nis, son­dern das Geheim­nis. Die Wis­sen­den haben es ver­schlüs­selt der Nach­welt über­mit­telt, denn die Men­schen ihrer Zeit waren noch nicht reif dafür, die volle Ver­ant­wor­tung für ihr Glück zu über­neh­men. Uns jedoch wird es jetzt offen­bart.

Die Kurs­lei­te­rin wirkt über­haupt nicht wie ein Guru. Eher wie eine Haus­frau im zwei­ten Früh­ling – mit ihrem bun­ten Batik­kleid­chen und den mit win­zi­gen Per­len besetz­ten Fin­ger­nä­geln. Sie ist erfolg­reich und sieht glück­lich aus. Muss sie ja auch, denn sie hat das Mys­te­rium schon ver­in­ner­licht. »Ich betrete den Kor­ri­dor.«

Es ist alles ganz ein­fach, so wie alle gro­ßen Rät­sel eine ganz ein­fa­che Lösung haben. Die Frage »Wie werde ich glück­lich?« fin­det ihre Ant­wort im inne­ren Fokus, mit dem man das Leben betrach­tet. Bei den aller­meis­ten Men­schen ist die­ser nur eine Reak­tion auf all das, was ihnen geschieht. Men­schen aller­dings, die ihr Leben meis­tern, sich ihre Träume erfül­len und der Welt ihren Stem­pel auf­drü­cken, haben einen pro­ak­ti­ven Fokus. Statt inner­lich zu erstar­ren, blei­ben sie beweg­lich und sind sich bewusst, dass sie immer eine Wahl haben.

Unsere neue Affir­ma­tion mur­meln wir nicht nur, um unsere pro­ak­tive Hal­tung der Welt gegen­über zu mani­fes­tie­ren, son­dern visua­li­sie­ren sie auch. Die blo­ßen Worte »Ich betrete den Kor­ri­dor« unter­stüt­zen wir inner­lich durch plas­ti­sche und mög­lichst stark mit Gefühl auf­ge­la­dene geis­tige Bil­der. Bei den Atlan­tern waren es Kor­ri­dore aus Kris­tall­glas, bei den alten Ägyp­tern sol­che aus gewal­ti­gen Fels­qua­dern. Natür­lich jeweils nur bei den Hohe­pries­tern und Pha­rao­nen – der brei­ten Masse wurde das Geheim­nis des Glücks jahr­tau­sen­de­lang vor­ent­hal­ten. Doch nun wird es Zeit für die Mensch­heit, die Offen­ba­rung zu erfah­ren und im Geist und in der Vor­stel­lung einen Raum neuer Mög­lich­kei­ten zu schaf­fen, mit Türen und Durch­gän­gen, die von den aus­ge­tre­te­nen Pfa­den abwei­chen und – wie unsere Kurs­lei­te­rin uns immer wie­der ein­schärft – keine »Re-Krea­tio­nen« und damit der Auf­guss von bereits Vor­han­de­nem sind, son­dern »Pro­krea­tio­nen«, krea­tive Neu­schöp­fun­gen.

Das Glück – so die durch die Zeit­al­ter hin­durch geheim­ge­hal­tene Erkennt­nis – ist nie etwas Schon-Dage­we­se­nes, son­dern für jeden von uns etwas, das er in sei­nem Inne­ren für den jewei­li­gen Augen­blick neu erschafft, um dann ein­fach dar­auf zuzu­ge­hen, so wie man erwar­tungs­voll einen Kor­ri­dor durch­schrei­tet, wenn man weiß, dass hin­ter der nächs­ten Tür ein gelieb­ter Mensch auf einen war­tet. Das ist die Offen­ba­rung.

»Ich betrete den Kor­ri­dor«, mur­meln wir hin­ge­bungs­voll und ver­su­chen uns aus­zu­ma­len, dass das Glück hin­ter all den vie­len Türen war­tet, mit denen wir uns unse­ren Kor­ri­dor den­ken. Denn das eigent­li­che Mys­te­rium, wurde uns erklärt, ist die­ses: Der wahre Lebens­künst­ler denkt sich sein Glück immer in der Mehr­zahl. Und in unzäh­li­gen Vari­an­ten. Statt nur einem Glück hin­ter­her­zu­ja­gen, erwar­tet uns in Zukunft hin­ter jeder Tür ein Glück – und mit unse­rem neuen pro­ak­ti­ven Fokus wer­den wir es nicht dabei belas­sen, son­dern das Glück jeweils for­men und gestal­ten und für andere zugäng­lich machen.

»Wenn du an einen Ort kommst, irgend­ei­nen Ort: Was denkst, fühlst und erlebst du inner­lich?«, fragt die Kurs­lei­te­rin uns, ihre Ele­ven. »›Ich betrete den Kor­ri­dor!‹«, ant­wor­ten wir im Chor. Sie nickt. »Wenn du einem Men­schen begeg­nest …?« – »›Ich betrete den Kor­ri­dor!‹«, ant­wor­ten wir im Chor. »Wenn du auf ein ›Pro­blem‹ triffst?« – »›Ich betrete den Kor­ri­dor!‹«, ant­wor­ten wir im Chor. »Eine Krise?« – »›Ich betrete den Kor­ri­dor!‹«, ant­wor­ten wir im Chor. »Denn es gibt immer eine Viel­zahl von Mög­lich­kei­ten, die du in die­sem Augen­blick pro­ak­tiv erschaf­fen kannst. Und? Was erwar­tet den, der sich aus jeder Situa­tion einen Kor­ri­dor erschafft, von dem viele mög­li­che Wege abzwei­gen?« – »Glück«, ant­wor­ten wir im Chor. Einige sagen »Glü­cke«, aber der Plu­ral klingt in unse­ren Ohren noch sehr unge­wohnt.

Wir Kurs­teil­neh­mer sind nur die Pio­niere. Mit jedem wei­te­ren Men­schen, der die­sen Fokus ein­nimmt, mit jedem neuen Aus­spre­chen von »Ich betrete den Kor­ri­dor« wird der Weg leich­ter zu bege­hen sein, kom­men neue Türen und Durch­lässe hinzu, hin­ter denen das Glück war­tet, in vie­ler­lei Gestalt und immer neu und über­ra­schend. Das ist die Offen­ba­rung, die Offen­ba­rung. Die Zeit ist gekom­men, sie allen bekannt zu machen.

296/398

Plan­cho­nella cre­nata

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor, ohne dass ich etwas dage­gen unter­neh­men kann. Irgend­et­was zerrt mich hin­ein, in die­ses Fege­feuer aus zucken­den Blit­zen, glei­ßen­den Git­tern und weiß­glü­hen­den Laser­strah­len, die sich mir in die Augen boh­ren und mein Gehirn ver­ät­zen. Warum immer wie­der diese über­fall­ar­ti­gen Schmer­zen im Kopf, die mich kom­plett außer Gefecht set­zen, so dass ich eigent­lich nur win­selnd in einer dunk­len Ecke hocken mag, bis die­ser Wahn­sinn vor­über ist?

Eine orga­ni­sche Ursa­che konn­ten die Ärzte bis­her nicht fin­den. Jeder Zehnte, heißt es, lei­det daran, mit einer unbe­kann­ten Dun­kel­zif­fer – obwohl es ja gerade alles andere als dun­kel ist. Die Medi­zin hat eine Reihe von Hypo­the­sen für die mög­li­chen Ursa­chen auf­ge­stellt. Na toll. Trös­tet mich wenig.

Genauso wenig wie gewisse Eso­te­ri­ker, die sagen, dass es sich um »geis­tige Wachs­tums­schmer­zen« han­delt, evo­lu­tive Anpas­sun­gen an den bevor­ste­hen­den Dimen­si­ons­wech­sel. Bevor­ste­hend? Ha! Das ist der Dimen­si­ons­wech­sel! Wenn ich von einem Augen­blick auf den ande­ren die­sen höl­li­schen Kor­ri­dor aus uner­träg­lich hel­len Flashs und einem mür­be­ma­chen­den Pul­sie­ren im Kopf betrete, dann bin ich in einer kom­plett ande­ren Dimen­sion, einer Sphäre, die der­art weit von der mensch­li­chen All­tags­welt ent­fernt ist, dass es jeder Beschrei­bung spot­tet.

Und wenn es vor­bei­geht – und alles geht irgend­wann vor­bei, oder? –, hat sich auch die All­tags­er­fah­rung ver­än­dert. Ohne Migräne durch die Welt gehen zu kön­nen, ins helle Tages­licht bli­cken zu kön­nen, klar den­ken zu kön­nen, lachen zu kön­nen: freu­de­strah­lende, fast schon para­die­si­sche Zustände!

Der Dimen­si­ons­wech­sel jeden­falls kommt nicht erst am 21.12.2012. Er liegt in jedem Ein­zel­nen von uns ver­bor­gen, hin­ter den Augen in der grauen zer­furch­ten Masse, die einem eine der­ar­tig bes­tia­li­sche Fol­ter berei­ten kann, aber eben auch eine solch über­bor­dende, alles durch­drin­gende Glück­se­lig­keit.

349/398

Bernsku drau­mar

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen »stink­reich wer­den« und »Gutes tun«. Na ja, in Wirk­lich­keit fahre ich ihn mit dem Fin­ger ent­lang: eine Ver­bin­dungs­li­nie in einer far­ben­fro­hen, ver­schlun­ge­nen Mind­map. Das DIN-A3-Blatt hat in den vie­len Jah­ren eine leicht bräun­li­che Fär­bung ange­nom­men. Ich schaffe gerade Platz in mei­nen Rega­len und habe es zwi­schen alten Klas­sen­ar­bei­ten gefun­den. Ein Datum steht drü­ber. Damals habe ich die Sie­be­nen noch geschwun­gen gemalt. Heute ist meine 7 ein ein­fa­cher Haken. Auch vie­les andere in mei­nem Leben ist effek­ti­ver gewor­den, acht­und­zwan­zi­ge­in­halb Jahre spä­ter.

»Ich« steht unbe­schei­den im zen­tra­len Kreis der Mind­map. Linien zwei­gen ab: »Träume« in Grün, »Wün­sche« in Blau, »Ziele« in Rot, »Vor­ha­ben« in Orange. Das ist jedoch erst der Anfang, denn davon aus­ge­hend wächst ein bun­tes Geflecht von wei­te­ren Linien, ein­ge­kreis­ten Wör­tern und klei­nen Sym­bo­len über das Blatt.

Mein Fin­ger folgt inzwi­schen der orange-grü­nen Ver­bin­dung zwi­schen »mei­ner Beru­fung fol­gen« und »immer alles in Frage stel­len«. Ich kann mich nicht erin­nern, diese Mind­map gemalt zu haben. Aber ich habe ja auch vie­les andere aus mei­ner Jugend ver­ges­sen. Aus der »Beru­fung« ist ein Beruf, schließ­lich ein Job und letzt­hin Kurz­ar­beit gewor­den, seit die Wirt­schafts­krise auch die Möbel­bran­che erfasst hat.

Tja. Die klas­si­sche Situa­tion: Der des­il­lu­sio­nierte Erwach­sene wird mit den hoch­flie­gen­den Träu­men sei­ner Kind­heit kon­fron­tiert. Nur bin ich nicht Bruce Wil­lis und mein Leben kein Hol­ly­wood­mär­chen. Ich hab gelernt, gut mit Zah­len umge­hen zu kön­nen – davon steht nichts in der Mind­map. Von den schät­zungs­weise 40 blauen, 30 grü­nen, 15 roten und zwölf oran­ge­far­be­nen Aus­wüch­sen mei­nes dama­li­gen Ichs hab ich in den letz­ten drei Jahr­zehn­ten viel­leicht zehn Pro­zent abge­hakt, wenn’s hoch kommt. »Unge­wöhn­li­che Fremd­spra­che ler­nen«, »Welt­reise«, »an einer archäo­lo­gi­schen Gra­bung teil­neh­men«, »Patent anmel­den«, »Tage­buch füh­ren«, »viel lachen« … – hm, muss mir was dazwi­schen gekom­men sein. Es sei denn, ich betrachte meine Durch­sicht alter Papiere als archäo­lo­gi­sche Gra­bung.

Aber noch mal zurück zum Infra­ge­stel­len: Wer – außer Bruce Wil­lis natür­lich – sagt eigent­lich, dass die roman­ti­schen Hirn­ge­spinste eines Vier­zehn­jäh­ri­gen mehr wie­gen als die Lebens­er­fah­rung eines Men­schen jen­seits der Vier­zig, dass Kind­heits­träume etwas Hei­li­ges sind, wert­vol­ler als alles, was man sich spä­ter noch so ein­fal­len lässt, und dass man alles dar­an­set­zen muss, sie zu erfül­len, weil man sonst inner­lich ver­stei­nert und sei­nen Lebens­sinn ver­fehlt?

Was soll’s – ich muss mich nicht recht­fer­ti­gen, und vor mir selbst schon gar nicht. Zwei Kis­ten ste­hen vor mir: eine für alles, das ins Alt­pa­pier kommt, und eine für Doku­mente, die ich aus irgend­ei­nem Grund gerne noch auf­he­ben möchte. Mein Blick fällt auf ein kra­k­li­ges »ein Buch schrei­ben« in Orange. Schon ver­rückt, was man sich als Kind für eine Zukunft aus­malt. Was man glaubt, für Mög­lich­kei­ten zu haben. Ich werfe das Blatt zu den ande­ren, die schon in der Alt­pa­pier­kiste lie­gen, und fahre mit dem ner­vi­gen, aber lei­der drin­gend not­wen­di­gen Aus­mis­ten fort.

 

350/398

A Meta­phrase of Ever­y­day Life (Exc)

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor, denn wenn man einen Film wie einen Flur, der einen in unbe­kannte Räume führt, betre­ten kann (und ich rede hier nicht von 360°-Kinos, die es über eine effekt­ha­sche­ri­sche Jahr­markts­at­trak­tion nie hin­aus­ge­schafft haben), dann ist es – neben einer Instal­la­tion Bill Vio­las mit vier an die Wände eines Rau­mes pro­ji­zier­ten Videos – wohl die­ser: Kori­do­rius von Šarū­nas Bar­tas.

Nicht ohne Grund ähnelt sein Film­ti­tel dem mei­nes Ihnen hier prä­sen­tier­ten Werks, und ich hätte es womög­lich schon frü­her geste­hen sol­len: Die Noti­zen und Skiz­zen, die ich an die­ser Stelle ver­öf­fent­li­che, sind letzt­lich nichts wei­ter als kaum ver­hoh­lene Mit­schrif­ten und Beschrei­bun­gen sämt­li­cher nicht ganz 400 Ein­stel­lun­gen die­ses Films – und der Ver­such, die­ses von tie­fer Melan­cho­lie durch­zo­gene Avant­garde-Werk über das Ende und den Neu­an­fang des Erzäh­lens mit­tels fröh­li­cher, anspre­chen­der Wer­be­bot­schaf­ten einem brei­te­ren Publi­kum schmack­haft zu machen. Längst ist mir klar­ge­wor­den, dass mein ambi­tio­nier­tes Vor­ha­ben schon von der Idee her zum Schei­tern ver­ur­teilt war. Lus­tige, sprit­zige, leicht ver­dau­li­che Text­häpp­chen, mit leich­ter Hand geschrie­ben und auf den Geschmack der Masse gezielt, wer­den schwer­lich jeman­den dazu bewe­gen kön­nen, sich auf etwas ein­zu­las­sen, das sper­rig, vage und abgrün­dig ist, selbst wenn es in sei­ner Gesamt­heit eine tief­grei­fende, viel­leicht erkennt­nis­rei­che Erfah­rung ver­spricht.

Doch nun, wo ich schon so weit gekom­men bin, möchte ich Ihnen auch die letz­ten Sze­nen des Films und damit meine knapp fünf­zig noch feh­len­den Meta­phra­sen zu Kori­do­rius nicht vor­ent­hal­ten. Bitte ver­zei­hen Sie mir diese nach­denk­li­chen und viel­leicht sogar etwas schwer­mü­ti­gen Aus­füh­run­gen. Nach die­sem klei­nen Aus­rut­scher geht es bei mir wei­ter, wie Sie es seit jetzt fast einem Jahr Tag für Tag von mir gewohnt sind: mit hei­te­ren, unter­halt­sa­men Geschich­ten und beschwingt-ver­gnüg­li­chen Bege­ben­hei­ten zu Ihrer Zer­streu­ung.

 

354/398

Dream Ques­ti­ons Med­ley Ad Astra

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­do­rium-Dop­pel­de­cker­bus mit einer Mis­sion: Eigent­lich will ich die rot­haa­rige Frau am Steuer unbe­dingt fra­gen, was denn nach den zwölf Tou­ren gesche­hen wird? Machen sie auch im nächs­ten Jahr wei­ter – mit den glei­chen zwölf Kōans? Mit neuen Fra­gen? Oder rei­sen sie durch eine andere Region Deutsch­lands?

Aber dann frage ich doch nicht. Es wird sich schon noch alles zur rech­ten Zeit klä­ren. Jetzt jeden­falls genügt es, dass ich jetzt hier bin und eine Nacht in die­sem mit kusch­li­gen Kojen aus­ge­stat­te­ten Bus ver­bringe, zwi­schen Schlaf und Wachen und meine Gedan­ken weg vom All­tag ganz auf die jewei­lige Frage gerich­tet.

Die Musik, obgleich immer wie­der anders, ist mir bereits ver­traut, und natür­lich auch das Flüs­tern, mit dem stän­dig neu die Frage gestellt wird, so dass sie uns Rei­sende bis in die Träume hin­ein beglei­tet.

Beson­ders leb­hafte Träume hatte ich bei der Tour mit der Frage »Wann begann Erkennt­nis (und wie schmeckt die Quelle)?« – eine Frage, die mich eine lange innere Queste unter­neh­men ließ, weit zurück bis an den Anfang aller Dinge.

Bei der Tour im Monat danach stellte ich beim Früh­stück fest, dass ich der ein­zige Fahr­gast war. Das fand ich ein wenig erschre­ckend, denn von dem, was ich fürs Bus­ti­cket bezahle, kön­nen sich unmög­lich zwei oder drei Crew­mit­glie­der (ich weiß bis heute nicht, ob die Fah­re­rin nun eine Zwil­lings­schwes­ter hat oder die Fähig­keit zur Bilo­ka­tion besitzt) und ein Bus finan­zie­ren. Die Frage lau­tete »Warum das alles (und nicht nichts)?«, ein phi­lo­so­phi­scher Klas­si­ker, des­sen tat­säch­li­che Trag­weite sich mir aller­dings erst beim Früh­stück auf­tat.

Die nächste Tour hatte glück­li­cher­weise mehr Fahr­gäste zu ver­zeich­nen. Dies­mal war auch wie­der der alte Grie­che mit dabei. Ich sah ihn vom Klo kom­men und freute mich schon auf phi­lo­so­phi­sche Dis­kus­sio­nen beim Früh­stück mit ihm, doch da tauchte er nicht auf. Viel­leicht hatte er ver­schla­fen? Jeden­falls sah ich ihn dann spä­ter aus­stei­gen, als ihn der Bus vor der Haus­tür absetzte. Ich lugte durch den Vor­hang an der Fah­rer­ka­bine und habe mir die Adresse gemerkt. Ich würde näm­lich zu gern wis­sen, was er zu der Frage »Wer erlangt Glück (und wen wie­der Sehn­sucht)?« zu sagen hat. Ich für mei­nen Teil hatte sie krea­tiv umfor­mu­liert in »Wie erlange ich Glück (und wann wie­der Sehn­sucht)?«: So betraf sie mich ganz per­sön­lich und regte mich zu einer Bestands­auf­nahme mei­nes bis­he­ri­gen Lebens an – die nicht immer posi­tiv aus­fiel, mich aber auf inspi­rie­rende Ideen brachte. Ob eine wei­tere Erkennt­nis für mich darin ver­bor­gen liegt, dass ich inner­lich immer wie­der auf das Wort »Lei­den­schaft« ver­fiel, bis mich das Flüs­tern wie­der an »Sehn­sucht« erin­nerte?

Inter­es­san­ter­weise haben dies­mal, kurz vor der zwölf­ten (und letz­ten?) Tour zwei mei­ner Freunde gefragt, ob ich finde, sie soll­ten auch ein­mal bei den »Kōan Trips« mit­fah­ren. Es hat dann in bei­den Fäl­len nicht funk­tio­niert, weil einer­seits unge­stör­tes Durch­schla­fen anstand und ande­rer­seits eine Party letzt­lich doch wich­ti­ger schien. Den­noch: Nach­dem ich wäh­rend des letz­ten Jah­res im Freun­des­kreis immer wie­der von mei­nen nächt­li­chen Aben­teu­ern im eige­nen Bewusst­sein erzählt habe, scheint die Ableh­nung soweit geschmol­zen und das Inter­esse so sehr geweckt, dass die ers­ten sich eine Teil­nahme vor­stel­len kön­nen.

Aber wird der Bus wei­ter­hin seine Run­den zie­hen und jeden Monat ein Flug­blatt im Brief­kas­ten lie­gen, das eine wei­tere »mobile medi­ta­tive Musik­reise« ankün­digt? Ich weiß es nicht. Viel­leicht ist es auch nicht wei­ter wich­tig. Meine Frage lau­tet heute »Was ist Jetzt (und warum nicht gleich so)?«, und inzwi­schen habe ich genü­gend Erfah­rung, um ganz gelas­sen sagen zu kön­nen, dass mehr nicht nötig ist: die Frage, die Koje, die leise, immer wie­der ein­lul­lende, dann aber auch punk­tu­ell ver­stö­rende Musik, das Ruckeln des Bus­ses auf sei­ner nächt­li­chen Fahrt und ich selbst, ein Mensch mit der Fähig­keit (wie wir alle sie besit­zen), sich zu kon­zen­trie­ren, über den übli­chen Rah­men hin­aus­zu­den­ken und zu ver­blüf­fen­den Ein­sich­ten zu gelan­gen, wie sie mir Filme, Bücher und andere Men­schen nie ver­mit­teln konn­ten, wohl weil ich sie aus einer wei­sen Instanz tief in mir selbst schöpfe.

Sie lacht gerne und reißt Witze, und wenn ich schließ­lich auch lachen muss, fragt sie mich zwin­kernd: Warum nicht gleich so?

358/398

Í góðum hön­dum

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Hier ste­hen sie und war­ten, die Kan­di­da­ten für die Nach­miete. Sin­gles, Paare, meh­rere Klein­fa­mi­lien mit Kin­dern. Was für ein uner­war­te­ter Ansturm – hätte nicht gedacht, dass es so viele poten­zi­elle Nach­fol­ger für mich gibt, die all die Anfor­de­run­gen erfül­len, wie ich sie in der klei­nen Annonce auf­ge­führt habe. Schließ­lich ist das hier eine Art Wol­ken­ku­ckucks­heim, eine geis­tige Heim­statt der beson­de­ren Art in bes­ter Lage, lie­be­voll aus­ge­stat­tet und mit per­sön­li­cher Note. Hier weg­ge­hen zu müs­sen, tut mir in der Seele weh. Aber es rufen mich neue Auf­ga­ben.

»Und Sie trauen sich alle zu, das Kor­ri­do­rium fort­zu­füh­ren?«, frage ich erstaunt in die Menge. Sie wer­fen sich fra­gende Bli­cke zu. »Kor­ri­do­rium?«, fragt eine junge Frau, die ein Baby auf dem Arm hat. »Na, was denn sonst? Ich suche einen Nach­mie­ter. Für’s Kor­ri­do­rium. Stand doch so in der Anzeige.«

Die War­ten­den sehen sich an. Einige schüt­teln ver­ständ­nis­los den Kopf. »Wir wol­len zur Ein­füh­rungs­stunde«, erklärt mir die junge Frau. Ich bin ver­dat­tert: »Ein­füh­rungs­stunde?«

»Ja, die kos­ten­lose Ein­füh­rungs­stunde um vier.« Ich folge ihrem Blick, drehe mich um und sehe, dass auf mei­ner Tür aus der Auf­schrift »Kor­ri­do­rium« irgend­je­mand das Wort »Koran­stu­dium« gemacht hat. Ver­är­gert wische ich die Farbe mit mei­ner Hand­kante ab, bis wie­der, wenn auch ein wenig ver­schmiert, Kor­ri­do­rium da steht. Die­sen Streich haben mir ver­mut­lich die Kids gespielt, die hier stän­dig durch den Flur toben.

Kurz­ent­schlos­sen wende ich mich wie­der mei­nen Besu­chern zu. »Ich könnte Ihnen allen eben­falls eine Ein­füh­rungs­stunde geben. Auch kos­ten­los natür­lich. Über reli­giö­ses Scheu­klap­pen­den­ken geht es weit hin­aus in eine zukunfts­fä­hige Welt­sicht und ist auch viel lus­ti­ger«, impro­vi­siere ich. »Ich würde Tee machen, Plätz­chen für alle rei­chen, wenn sie denn für alle rei­chen, und …«

Aber die Leute im Flur tuscheln ärger­lich, und einige sehen in ihren Zei­tun­gen nach. »Fal­sches Stock­werk«, sagt einer, alle machen kehrt und zie­hen Rich­tung Trep­pen­haus. »Ist denn kei­ner fürs Kor­ri­do­rium hier? Wird in rund fünf Wochen frei!«, rufe ich ihnen nach, doch bekomme keine Ant­wort. Nie­mand dreht sich um.

Ich sehe auf meine Arm­band­uhr. Drei Uhr acht­und­fünf­zig. Es ist noch vor der Zeit. Also könnte noch jemand auf­kreu­zen. Kann doch nicht sein, dass die Leute nur am Koran­stu­dium inter­es­siert sind! Und das mit dem Tee und der Ein­füh­rungs­stunde ist eigent­lich eine gute Idee. Ich lasse die Tür halb offen und gehe in die Küche, um Was­ser auf­zu­set­zen.

372/398

Jadeite Pool Papaya

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor zwi­schen Hob­by­kel­ler und Wasch­kü­che, den ich für meine Kor­ri­dor-Memo­ra­bi­lien reser­viert habe. Ehr­lich gesagt, hätte ich gedacht, dass Kor­ri­dore pop­kul­tu­rell nur eine mar­gi­nale Bedeu­tung besit­zen. Aber auch hier gilt mal wie­der, dass es nichts gibt, was es nicht gibt.

Eine Lese­rin hat mir eine Schnee­ku­gel geschickt mit einem Kor­ri­dor aus dem Ato­mium, in dem ich es schneien las­sen kann. Hübsch. Schnee­ku­geln habe ich immer schon gemocht. Auch die antike mit der »Rudolf Dass­ler Schuh­fa­brik«, deren Was­ser zwar schon etwas trüb ist, aber immer noch den Blick in den Kor­ri­dor des Haupt­ge­bäu­des erlaubt. Beide Schnee­ku­geln ste­hen im Regal mit den Land­kar­ten und Grund­ris­sen (wie dem, der in iso­me­tri­scher Auf­sicht die Kor­ri­dore im Hypo­gäum von Malta zeigt, oder die his­to­ri­sche Dar­stel­lung des byzan­ti­schen Kor­ri­dors zwi­schen Rom und Ravenna). Gleich dane­ben: die Pinn­wand mit Post­kar­ten von Lese­rin­nen und Lesern, viele davon mit Ansich­ten aus den Vati­ka­ni­schen Museen – klar, ihre Gale­rien erge­ben ja im Grunde einen ein­zi­gen lan­gen Kor­ri­dor, der zum Ein­gang zur Six­ti­ni­schen Kapelle ver­läuft und wie­der zurück.

Aber es waren auch noch ganz andere Sou­ve­nirs in der Post. Neben Kor­ri­dor-Kugel­schrei­bern, einem Kor­ri­dor-Tee­ser­vice aus Flo­renz, dem char­man­ten Kin­der­buch Kor­ri­dor der Zau­be­rer aus den Nie­der­lan­den und einem anti­ken indi­schen Aus­mal­buch mit lau­ter Kolo­ni­al­flu­ren und Tem­pel­gän­gen hängt ein Stück gegerb­tes Leder, das angeb­lich ein sibi­ri­scher Scha­mane mit sei­nen Erleb­nis­sen bei Rei­sen in die Welt der Geis­ter bemalt hat. Es zeigt meh­rere tun­nel­ar­tige Kor­ri­dore, die er durch­fliegt – ich will nicht aus­schlie­ßen, dass es sich hier­bei um eine Fäl­schung und bil­li­gen Tou­ris­ten­nepp han­deln könnte.

Hier liegt auch die Gedenk­me­daille für den Pol­ni­schen Kor­ri­dor, offen­bar eine his­to­ri­sche Rari­tät von eini­gem Wert. Die »Gangur«-Ansteckplakette von einem Floh­markt in Reykja­vík für eine inzwi­schen nicht mehr exis­tente Gale­rie (deren Räum­lich­kei­ten wohl Kor­ri­dore waren) habe ich sogar eine Zeit­lang beim Schrei­ben der Blog­ein­träge getra­gen – wobei ich nicht genau sagen kann, ob sie mich tat­säch­lich zu neuen Aben­teu­ern inspi­riert hat oder ein­fach nur kleine Löcher in mei­nen Blu­sen hin­ter­las­sen hat.

Beim Hin­aus­ge­hen fällt mein Blick auf das Kor­ri­dor-Spiel aus Peru, ein Brett­spiel mit mir völ­lig unver­ständ­li­chen Regeln, mit Figu­ren und ver­win­kel­ten Gän­gen, die ganz sim­pel aus Papier gefal­tet, aber hübsch anzu­se­hen sind – viel­leicht die perua­ni­sche Vari­ante vom Laby­rinth der Meis­ter? Dane­ben liegt das Spiel Quo­ri­dor aus Frank­reich, das mir mein klei­ner Bru­der zum Geburtstag198 geschenkt hat. Ich mag es beson­ders wegen eines beru­hi­gen­den Sat­zes hin­ten auf der Box: »Rassu­rez-vous: il doit vous lais­ser au moins un pas­sage libre.« Er fin­det sich zwar eigen­ar­ti­ger­weise nicht in der deut­schen Beschrei­bung, aber ansons­ten in zahl­rei­chen wei­te­ren Spra­chen. »Not to worry, there’s always a way out.«

Vie­len, vie­len Dank jeden­falls! Diese unver­hoff­ten Post­kar­ten und Geschenke aus aller Welt machen mir Mut und geben mir Kraft, auch wei­ter­hin jeden Tag vol­ler Neu­gier einen neuen Kor­ri­dor zu erfor­schen.