Ich betrete den Korridorium-Bus und entrichte den Fahrpreis bei der Fahrerin. Sie hat rotgefärbte Haare und berlinert. Ich traue mich nicht, sie zu fragen, ob vielleicht sie Cory d’Or ist, die Autorin des Korridorium-Blogs, sondern erkundige mich nur bei ihr, ob es Texte aus dem Blog zu hören gibt. »Weeß ick nich jenau. Lass dich ma übaraschen«, rät sie mir.
Es ist ein alter Doppeldecker, der übers Land tourt und eine »mobile meditative Musikreise« anbietet, die eine ganze Nacht lang dauern soll. Seine Fenster sind verhängt, und ich betrete den abgeteilten Fahrgastraum von der Fahrerkabine aus durch einen schweren Vorhang. Erst einmal sehe ich – so gut wie nichts. Während sich der Bus wieder in Bewegung setzt, gewöhnen sich meine Augen langsam an das Dunkel. Leise Ambientmusik mischt sich in die Fahrgeräusche.
»Die Nummer zwee, Treppe hoch und links die dritte«, hatte mir die Fahrerin gesagt. Inzwischen kann ich die Treppe erkennen – und die einzelnen Kojen, die den Mittelgang säumen. In den Flugblättern wurde erklärt, dass es sich um ein Konzert handelt, das man im Liegen hört. Ich kann nicht erkennen, wie viele von den Kojen besetzt sind.
Als ich die Treppe hochsteige, komme ich wohl nah an einem Lautsprecher vorbei, denn an meinem linken Ohr flüstert eine Stimme die Frage: »Wer bin ich (und warum nicht gleich so)?« Die Klammern kann ich natürlich nicht hören, aber so stand es auf dem Programmzettel. Darum geht es bei dieser nächtlichen Reise, das ist sozusagen der Titel und das Angebot des Konzerts: darüber zu meditieren.
Der Bus legt sich in eine Kurve, und ich muss mich festhalten. Zwischen den Kojen begegne ich im Dämmerlicht einer Frau, die der Fahrerin aufs Haar gleicht und mir mit einer einladenden Bewegung Tee aus einer großen Thermoskanne anbietet. Sind es Zwillinge? Während ich den Becher von ihr entgegennehme, fragt sie mich flüsternd ins Ohr: »Wer bist du – und warum nicht gleich so?« Mir fällt keine passende Antwort ein. Aber die Nacht ist ja noch jung.
Ich betrete den Korridor nur testweise. Es ist einer von rund 40 Initialsätzen auf meiner Liste. Viele davon habe ich nach dem Härtetest unter realen Bedingungen schon gestrichen. »Ich tunke die Feder in den Kaffee und nehme einen Schluck Tinte« beispielsweise hinterließ nur einen schlechten Nachgeschmack, und »Das Warten nahm kein Ende« kam gar nicht erst aus den Startlöchern heraus.
Schöne Sätze vielleicht, aber ungeeignet, um eine ebenso umfang- wie abwechslungsreiche Textsammlung darauf aufzubauen.
Jetzt also die eingehende Eignungsprüfung von »Ich betrete den Korridor«. Hm. Interessant. Fühlt sich erst einmal nicht schlecht an. Öffnet sich auf etwas Neues, vielleicht Unbekanntes hin und bietet von dort ab jede Menge Optionen.
Aber bei der praktischen Umsetzung hier in diesem Korridor bewahrheitet sich wieder einmal: Fensterlose Innenräume haben mich immer schon depressiv werden lassen. Es muss da doch eine Initialzündung mit mehr Freiraum für mich geben! Also streiche ich auch diesen Satz von der Liste und überlege, wie ich den nächsten in der Reihe, »Wir waren nur knapp dem Tode entronnen«, einem Praxistest unterziehen könnte.
Ich betrete den Korridor. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Immer wieder stelle ich fest: Bloße Geschichten über Korridore, Gemälde, Fotos und Filme von ihnen lassen mich kalt, aber tatsächlich dort zu sein und die Architektur körperlich zu spüren – das ist es, was meinen Puls beschleunigt und meine Haut prickeln lässt!
Hier empfangen mich außergewöhnliche, einzigartige Korridore, so wie es auch die Gebäude, die Schlösser, Tempel, Wohnhöhlen und Villen kein zweites Mal gibt in der Welt, an Orten, die in meinen Ohren einen besonderen Klang besitzen:
Chandigarh in Indien mit dem bizarren Rock Garden …
Hier haben sich obsessive Visionäre ihre Luftschlösser erbaut, oft heimlich und meist über Jahrzehnte hinweg. Ich betrete steingewordene Lebenswerke – und die Anstrengungen der weiten Reise, der Jetlag, all das ist in diesen Momenten wie weggewischt.
Staunend blicke ich mich um. Es sind Bauwerke, die Träumen oder auch Alpträumen entsprungen zu sein scheinen:
Bei den meisten Besuchen nehme ich mir die Zeit, in einem der meist kunstvoll ausgestalteten Flure und Gänge, die bis in die kleinsten Details die Handschrift ihrer Erbauer tragen, eine Zeichnung anzufertigen, inspiriert von den starken Gefühlen, die diese Phantastische Architektur in mir auslöst. Mit diesen Skizzen schmücke ich die Gänge in den Kellergewölben, die ich seit über dreißig Jahren heimlich unter meinem Anwesen ausschachte und ständig erweitere, Korridor um Korridor.
Ich betrete den Korridor. Zwar habe ich gerade die Snooze-Taste meines Weckers betätigt, aber leider drückt mir die Blase. Auf dem Klo fällt mir ein, dass ich heute Nacht einen Traum hatte, der einer Offenbarung glich. Ein Mann in einer orangen Robe und mit einer Art Mitra auf dem Kopf flüsterte mir einen Satz ins Ohr, eine Sentenz, die mir die Augen öffnete über den Zustand unserer Welt, über alle Probleme, an denen wir derzeit herumlaborieren, und über die ungeheure Chance, die sich uns gerade jetzt bieten würde – wenn wir nicht zu betriebsblind wären, sie zu erkennen. Es waren vier Wörter, das weiß ich noch, und sie waren gereimt: vier Wörter von einer unvergleichlichen Sprengkraft, eine Sentenz, die eine neue Ära der Menschheitsgeschichte, eine neue Kulturstufe einläuten würde.
Es ging um die Extreme möglicher menschlicher Lebensentwürfe, das weiß ich noch, und um die gesamte Spannweite menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten in der Welt.
Zum Glück – fällt mir zu meiner Erleichterung ein – war ich so geistesgegenwärtig, mir die vier epochalen Worte bei einem kurzen Erwachen heute Nacht zu notieren, da ich schon ahnte, sie bis zum Morgen wieder vergessen zu haben.
Voller Spannung eile ich zurück ins Schlafzimmer und finde den Zettel auf dem Boden neben dem Bett, und in Großbuchstaben stehen sie da, die vier revolutionären Wörter, Hermes Trismegistos’ »Wie oben so unten«, Nietzsches »Gott ist tot« oder Martin Luther Kings »I have a dream« mindestens ebenbürtig.
Aber wie das so ist im Traum. Ich hätte es mir denken können. Wir sind da nicht ganz auf der Höhe, sondern besitzen oft ein kindliches und naives Gemüt, das sich für Dinge begeistert, die uns im Wachen nicht einmal ein müdes Lächeln abringen würden.
Ich muss Sie also enttäuschen.
Die Sentenz ist nicht gereimt.
Ansonsten … Na, lesen Sie selbst, ob das diese gewaltige Erkenntniskraft birgt, die ich darin gespürt hatte, ob es das begriffliche Juwel ist, das unsere Zeit beschreibt, analysiert, kritisiert und gleichzeitig einen praktikablen Lösungsvorschlag für den ganzen Unbill beinhaltet, den wir im Laufe unserer Geschichte heraufbeschworen haben, und das in diesen nur vier Wörtern: »Papst piepst, Plebs pupst.«
Ich betrete den Korridorium-Doppeldeckerbus jetzt schon zum vierten Mal. Seine Rundreise durch die deutsche Provinz führt jeden Monat einmal in mein kleines Städtchen, und zum Service zählt, dass man sich im Internet oder telefonisch anmeldet, dann am späten Abend von zu Hause abgeholt und am nächsten Morgen wieder dort abgesetzt wird.
Es ist ähnlich wie die Shuttlebusse für die Clubnächte in Berlin, außer, dass es sich hier beim Bus selbst um den Club handelt. Jeden Monat wechselt die Frage, mit der man sich auf seine nächtliche Reise begibt, und natürlich wechselt auch die Route, mit der immer wieder andere Fahrgäste aufgegabelt werden. Sind alle Reisenden an Bord, parkt der Bus irgendwo außerhalb der Stadt – so zumindest mein Eindruck von den ersten drei Touren, denn man kann die Fenster zwar einen Spalt öffnen und Frischluft hereinlassen, aber sie sind blickdicht, so dass ich da nur von meinem Höreindruck ausgehen kann.
Beim ersten Mal könnte es eine Autobahnbrücke gewesen sein: Immer wieder mischten sich die Fahrgeräusche von Autos und Lkws in die leisen Ambient-Klänge. Beim zweiten Mal meine ich einen Fluss gehört zu haben, wobei ich eigentlich nichts in der Umgebung kenne, das so fröhlich gluckert. Das war die Reise mit der Frage »Was ist Traum (und wohin, wenn ich erwache)?« Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, sie im Korridorium-Blog gelesen zu haben, aber thematisch passt sie natürlich.
Beim dritten Mal habe ich entdeckt, dass man sich im hinteren Teil des Busses auf Kissen hocken kann. Hier sitzt, die ganze Nacht lang, der DJ, nur beleuchtet vom fahlen Licht seines Laptops und den blinkenden LEDs seiner Geräte. Hierher setzt sich gelegentlich auch die Frau, die im Bus mit der Thermoskanne herumgeht, uns Reisenden die Frage der Nacht stellt und immer wieder Tee nachschenkt.
Die Musik, der umgebaute, fast völlig abgedunkelte Bus und die Frage, die immer wieder flüsternd über die Lautsprecher eingespielt wird, erzeugen eine ganz eigenartige und besondere Atmosphäre. Ich habe versucht, Freunden davon zu erzählen. Einer hörte kopfschüttelnd zu und fasste irgendwann zusammen: »Also ein Selbstfindungstrip!« Ich wollte das weder bejahen noch verneinen. Immerhin schwebe ich fast die ganze Nacht durch im Zwischenbereich von Schlaf, Traum und intensiven Gedanken. »Hast du die Fragen denn beantwortet?«, fragte er noch. Habe ich? Schwer zu sagen. Die dritte lautete »Wo findet Bewusstsein statt (und was hab ich davon)?«, und, ja, irgendwie habe ich eine Antwort gefunden. Um den Bus war es ganz still, bis dann morgens ein vielstimmiges Vogelkonzert einsetzte. Offenbar parkte er bei der dritten Tour neben einem Waldstück. Und da kam mir eine Antwort. Nicht wirklich auf diese Frage, und ich kann die Antwort auch nicht wirklich in Worte fassen – aber mir kam eine Erkenntnis, für die sich eine Nacht, in der ich kaum geschlafen habe, mehr als gelohnt hat.
Gibt’s Drogen? Sex? Steckt eine Sekte dahinter? Meinen Freunden ist die »mobile Musikmeditation« suspekt, und sie suchen den Haken an der Sache. Letztlich gibt den Ausschlag, dass keiner von ihnen freiwillig auf seinen kostbaren Schlaf verzichten will.
So bin ich wieder allein auf die nächtliche Reise gegangen. Ich kuschle mich in meine Koje, umschwebt von leisen Harmonien, in die hinein eine Stimme flüstert: »Wohin führt Klang (und in welche Resonanz die Stille)?« Seltsame Fragen sind es, die den Korridorium-Bus durch die Nacht gleiten lassen. Sie gewinnen im Halbschlaf ein verrücktes Eigenleben und verschaffen mir wertvolle Erkenntnisse, wie überhaupt des Nachts Dinge in meinem Kopf vor sich gehen, von denen ich vorher keinen Schimmer hatte.
»Ich betrete den Korridor« stand auf der Karteikarte, die ich zog. Zehn Karteikarten hatte Pascal beschriftet und mir, mit der Schrift nach unten, aufgefächert hingehalten. Der Satz stand krakelig da und war mir fremd. Pascal und ich hatten schon einiges von dem Hauswein intus, von dem er mehrere Flaschen aus dem Hotel mitgebracht hatte, und ich hatte ihn genervt mit einem langen Monolog über Denkblockaden und Kreativität, der darin gipfelte, dass ich behauptet hatte – vermutlich schon leicht lallend –, dass man jede kreative Blockade ganz einfach dadurch durchbrechen könnte, statt nur einer einzigen perfekten Idee gleich ein Bündel von fünfzig oder hundert von sich selbst zu verlangen. Pascal lachte mich aus.
Ich war ein wenig angepisst und nannte ihm Beispiele. Einmal wollte mir für eine Preisrede für einen Taubenzüchter partout nichts einfallen. Irgendwann kam ich auf die verzweifelte Idee, mich selbst auzutricksen und gleich zehn Versionen der Rede zu schreiben – und schrieb einfach drauflos, ohne mich selbst oder die Sache länger ernstzunehmen. Nach der sechsten Rede wurde mir klar, dass ich nur die dritte und die fünfte kombinieren musste, und ich bekam genau das, was mir vorgeschwebt hatte. So mach ich’s seitdem immer, wenn ich eine Schreibblockade habe.
Pascal schien nicht überzeugt.
»Statt das eine richtige Ding mit vollem Qualitätsanspruch in die Welt zu setzen, zwingt man sich, erst mal einen Haufen von Materialien zu produzieren. Und plötzlich fließt’s. Klar, eine Menge davon kannste in der Pfeife rauchen, aber wenn irgendwo der große Wurf rausschimmert, hat sich’s doch schon gelohnt, oder?«
Da kam Pascal mit der Wette. Er erinnerte mich daran, dass ich immer wieder mal angesetzt habe, einen Band mit Kurzgeschichten zu verfassen, einerseits, um meine teils ziemlich grotesken Erlebnisse als professioneller Redenschreiber zu reflektieren, andererseits, um endlich mal von diesen Vortragstexten wegzukommen, die ständig und meist unter hohem Zeitdruck von mir verlangt werden, von Politikern, Firmenchefs, Brautvätern, Veranstaltungsmoderatoren und so weiter – wie es halt kommt, wenn man seine Dienste im Internet anbietet und ortsunabhängig damit ist. Die Anfragen kommen von überall, auch schon mal eine aus Malaysien.
»Wolltest du nicht ein knappes Dutzend Kurzgeschichten schreiben, mit denen du dir einen Namen als Belletrist machen willst? Um dann einen Roman nachzulegen – oder auch sieben wie Rowling?« Ich sparte mir das Nicken und nahm noch einen Schluck Rotwein. »Wie viel von den Kurzgeschichten hast du denn schon?«, fragte Pascal so harmlos wie möglich. Ich kenne diesen Blick von ihm und zählte an den Fingern ab. »Eine«, sagte ich, verbesserte mich dann aber und sagte: »Eine halbe.« Pascal grinste: »Also eigentlich gar keine.« Ich nickte gottergeben und nahm einen weiteren Schluck. Irgendwie war mir klar, was jetzt kommen musste.
Pascal: »Warum hast du da noch nicht dein tolles Schreibflussprinzip angewendet?«
Ich: »Ist ja keine Blockade im eigentlichen Sinn. Aber es würde natürlich funktionieren.« Letzteres im Brustton der Überzeugung, außer dass meine Zunge dabei ein wenig über das Wort »funktionieren« stolperte.
Pascal: »Glaub ich nicht. Wie wär’s mit einer Wette?«
Und so lief es dann plötzlich auf vierhundert Kurzgeschichten hinaus. Ich hatte ihn runtergehandelt von fünfhundert, und kleinere Vignetten waren auch erlaubt. Und damit das Ganze einen Rahmen bekommt, kritzelte er hinter vorgehaltener Hand irgendwas auf die Karteikarten.
»Ich schreib dir ein paar erste Sätze auf. Muss alles immer mit dem gleichen Satz anfangen.«
»Was?!«, fuhr ich auf. Aber Pascal erinnerte mich grinsend an einen Monolog von mir, den ich letzten oder vorletzten Monat mal über das Schreiben und die Kreativität im Allgemeinen gehalten hatte – mit dem Fazit, dass erst die Einschränkung wahre Kunst hervorbringt. Wer alle Freiheiten hat, verliert sich darin – war meine Überlegung, die vielleicht aber auch dem Absinth geschuldet war, an dem wir uns an dem Abend gütlich taten.
Jetzt fiel meine wermutselige Erkenntnis in aller Härte auf mich zurück: »Ich betrete den Korridor« – als Anfangssatz für vierhundert Storys. Aua.
Was wären die anderen Anfangssätze gewesen? Pascal zog seine Hand mit den Karteikarten zurück. Zwei erwischte ich noch. Pascal konnte nicht verhindern, dass ich sie las. »Das war der Anfang vom Ende.« Und: »Einmal California Maki bitte!«
»Damit hätte ich viel mehr anfangen können«, protestierte ich. Pascal wiegte nonchalant den Kopf: »Die Wahl ist getroffen, der Würfel ist gefallen.« Den Spruch griff ich sofort auf: »Selbst das wäre besser! Ich kann doch nicht vierhundert Ich-Erzählungen im Präsens schreiben über jemanden, der in irgendwelchen Gebäuden rumirrt …«
Aber ich hatte vorher schon eingeschlagen. Die Wette galt.
Und heute ist der Stichtag. Pascal wird jeden Augenblick anrufen und nachfragen, wie es um seine vierhundert Kurzgeschichten steht. »Ich betrete den Korridor.« Damals war mir der Satz fremd. Und heute? Was soll ich sagen? Knapp zweihundertachtzig habe ich geschafft. Zuerst dachte ich, mir fallen nicht mal zwanzig ein. Aber dann hatte ich doch noch ein paar ungewöhnliche Ideen und lernte, den Satz und meine Aufgabe aus vielen verschiedenen Perspektiven zu sehen.
Ich bleibe also dabei. Wenn man die eine Sache nicht hinkriegt: Nimm dir so viele Arbeitsversionen davon vor, dass dir die Aufgabe schlichtweg unmöglich scheint. Und dann leg los.
Längst nämlich will ich es selbst wissen: Komme ich auf vierhundert? Die Zahl scheint mir immer noch gewaltig und unerreichbar. Aber genauso hätte ich über zweihundert gedacht. Oder auch nur hundert.
Die Wette habe ich verloren, und natürlich bekommt Pascal seine Flasche Bourbon-Einzelfassabfüllung. Allerdings werde ich weiterschreiben, auch wenn es meine Freizeit inzwischen komplett ausfüllt – was Pascal womöglich nicht gefallen wird, denn so habe ich auch weiterhin erst einmal keine Zeit mehr für unsere feuchtfröhlichen Treffen.
Ich betrete den Korridor, den Infinite Corridor, wie wir ihn hier im Institut nennen. Zahlreiche Leute strömen hier von einem Gebäudeteil des Komplexes zum anderen, Wissenschaftler, Forscher, Ingenieure, Techniker und Heerscharen von Studenten – das bunte Völkchen des MIT halt. Mir fallen ein paar junge Leute auf, von denen einer mit einer Handykamera filmt, wie sich eine junge Frau an der Wand des Korridorsentlanghangelt. Sie macht einen Satz auf einen ausrangierten Computerschrank, nutzt einen der großen Papierkörbe, um an einen Türrahmen auf der gegenüberliegenden Seite zu springen und sich von da auf einen sicherlich nicht zufällig dort platzierten Bücherkarren der Bibliothek zu schwingen. Aber sie rutscht ab und landet mit einem halblauten Fluch auf dem Boden. Ein Kollege springt zu ihr und reicht ihr ein Chalkbag, damit sie sich mit dem Magnesiumcarbonat die Hände pudern kann.
Ich frage den Kameramann der Truppe, was sie da treiben. »Wir proben für morgen.« Corridoring, erfahre ich, sei so eine Art Sport fürs Internet: Man filmt sich, wie man einen öffentlichen Korridor möglichst kreativ und ohne Bodenberührung durchquert, und stellt das Filmchen dann ins Internet, wo es dann eine Menge Likes und erhobene Daumen kriegt und andere Teams zu noch größeren Corridoring-Performances inspiriert.
Und morgen – das weiß ich natürlich durch den Buschfunk und die vielen Schwarzen Bretter entlang meines Wegs zum Labor – erhellt die Sonne für wenige Minuten den Infinite Corridor von der Lobby aus auf seinen ganzen 251 Metern Länge – ein jährliches Ereignis wie vielleicht die Wintersonnenwende in Stonehenge oder das Sonnenwunder von Abu Simbel, bei dem die Götterstatuen in der hinteren Kammer plötzlich ein Lichtstrahl trifft. Jedenfalls ist es für die Neulinge bei uns immer wieder in erhebendes Schauspiel, auch wenn die Presseberichte über Gruppen von Studenten und Professoren, die andächtig dastehen und Om chanten, doch ein wenig übertrieben sind.
Ich betrete den Korridor, der den U‑Bahnsteig mit der unterirdischen Mall verbindet. Ein junger Mann kommt mir entgegen, dessen Gesicht mir bekannt vorkommt. Ich kann ihn nur nicht richtig einordnen. Er jedenfalls erkennt mich. »Willst du zum Internet-Café?«, fragt er. Er hat dunkle Ringe unter den Augen und sieht mitgenommen aus. Klar will ich zum Internet-Café, wie jeden Tag um die Zeit – mein Blog füttern. Die kleine 24-Stunden-Klitsche in der Unterführung ist ja fast schon meine zweite Heimat. Und klar ist mir inzwischen auch, wer der junge Mann ist. Der steht da hinter der Theke und kassiert meinen Euro für die Stunde am Computer – altersschwache PCs mit Düsenjet-Lüftern und einem derart langsamen Seitenaufbau, dass ich mir immer zwischen fünf und zehn von den kostenlosen Kaffees von seiner Theke hole, bis die Online-Stunde vorüber ist.
»Wir haben dichtgemacht«, sagt er, »hat sich wohl nicht rentiert. Sind inzwischen ja auch alle mit ihren Smartphones online.« Ach ja? Dann wohl alle bis auf mich. Dumm gelaufen. Ich frage ihn, was jetzt aus ihm werden soll.
»Bin den Job los. Ist nicht mal zehn Minuten her. Hab keinen Schimmer, was ich machen soll, weiß sonst nichts. Hast du was für mich?« Was soll ich für ihn haben? Bin selbst seit ein paar Jahren nur eine dieser Ich-AGs, die ständig hart am Hartzen vorbeischrappen. Und von wo soll ich jetzt ins Netz, mein Blog betreuen?
»Kauf dir’n Smartphone«, sagt er und grinst säuerlich.
»Kann ich mir nicht leisten«, antworte ich und grinse dabei ebenso schief, »aber zwei Kaffee sitzen drin. Komm, ich lad dich ein.«
Ich betrete den Korridor. Es ist der letzte der Ausstellung. Ich habe ihn mir als Höhepunkt meines Besuchs aufgespart. Und tatsächlich: die Aussicht ist atemberaubend.
Für so ziemlich alles gibt es irgendwo auf der Welt ein Museum, eines für Hundehalsbänder in London, eines mit Phalli in Husavik auf Island, ein Museum of The Little Prince und sogar, ungelogen, eines aus lauter Lügen in Gantikow. Aber hätten Sie gedacht, dass es auch ein »Museum der Korridore« gibt? Es findet sich in Florenz, und angesichts des klassizistischen Ambientes der Stadt kann es sehr erfrischend sein, sich in der eklektischen Auswahl an Korridoren zu verlieren, die hier dem Besucher geboten werden.
Es bietet sich an, zuerst in den Keller hinabzusteigen. Hier haben die jungen Museumsmacher berühmte archäologische Korridore nachgebildet: Man folgt Carters Fußstapfen hinunter in Tutenchamuns Grab, gerät in den Grabungsschacht, mit dessen Hilfe chinesische Archäologen die Terrakottaarmee freilegten, und tritt staunend zwischen die Stelen von Göbekli Tepe.
Im Erdgeschoss kann man in Gemälde hineinschlüpfen – die Museumsbetreiber machen hier Korridore der Kunstgeschichte dreidimensional erlebbar: Ich betrete Bilder von unter anderem M. C. Escher, Giorgio de Chirico und René Magritte – ein metaphysisches und manchmal surrealistisches Vergnügen.
Durch einen etwas morbide angehauchten Trakt mit Korridoren aus Computerspielen – beispielsweise aus Myst, Limbo, American McGee’s Alice sowie Echochrome (das, wie auf der Hinweistafel steht, im japanischen Original 無限回廊, Mugen kairō und damit »unendlicher Korridor«, heißt) – gelange ich in den Anbau, der ganz dem Film gewidmet ist.
Ein Korridor des Erzfrachters Nostromo führt in den der Raumstation aus Tarkowskis Solaris und weiter in Das Boot. Von hier aus betritt man einen Korridor aus Hogwarts, der in einen Korridor auf Magrathea (in der Kinoverfilmung von Per Anhalter durch die Galaxis) übergeht, welcher wiederum einen ohne Umwege in die Hotelflure von The Shining landen lässt, von dem aus man ins »Das Haus, das Verrückte macht« aus Asterix erobert Rom kommt, um schließlich – durch den ein wenig grusligen Korridor aus Being John Malkovich kriechend – in einem Korridor im Raumschiff Dark Star des gleichnamigen Films zu landen, von dem aus mich ein Alien, das einem farbenfrohen Plastikball gleicht, ins nächste Stockwerk jagt.
Hier durchschreite ich wieder »echte« Korridore wie den aus dem Archäologischen Nationalmuseum Maltas, der wiederum einen Korridor im neolithischen Hypogäum auf Malta nachbildet, den schwebenden gläsernen Korridor aus dem futuristischen schwedischen Pionen mit den Servern, auf denen Wikileaks seine Daten lagert, oder die Galleria degli Specchi aus Mantua, deren Spiegel die Korridore und den Besucher unendlich vervielfältigen – ein Anklang an Citizen Kane, so wie eigentlich, verzerrt manchmal und oft nur verschwommen, all diese Korridore einander widerspiegeln.
Es gibt noch das Dachgeschoss mit Korridoren des 20. und 21. Jahrhunderts wie dem zu Anne Franks Versteck oder dem Gang im Weißen Haus, in dem es zum berühmten Blowjob ohne Inhalieren kam. Doch ich brauche nach all den Gängen und Treppen dringend einen Espresso und beschließe, gleich zum Museumsshop weiterzugehen. Denn wie ich dem kleinen Plan entnehme, der auf die Rückseite meines Tickets gedruckt ist, erwartet mich auf dem Weg zum Ausgang der eigentliche Höhepunkt des Rundgangs: der Korridor des Pan.
Ich betrete einen gläsernen Tunnel, der mich ins All versetzt. Eine fantastische Installation: Über meinem Kopf und unter meinen Füßen erstreckt sich der Saturnring, und darunter dreht sich, langsam und majestätisch, der Planet Saturn selbst, auf den der Ring einen gestochen scharfen Schatten wirft. In seiner beigefarbenen Atmosphäre kann ich einzelne Ammoniakwolken erkennen. Dort, wo ich mich befinde, ist eine Lücke im Saturnring – als sei ich selbst der Mond Pan, der als Schäfermond den Ring durchfliegt und dort einen freien Bereich ohne Partikel geschaffen hat: Pans Korridor. Einen Moment lang vergesse ich völlig, dass ich mich in einem Museum befinde. Die Illusion ist perfekt, der Anblick atemberaubend – allein schon dieser Moment, bei dem man das Gefühl hat, mit dem Saturn in Greifweite im All zu schweben, ist den Eintrittspreis wert.
Als eine italienische Familie mit einer Horde Kinder den gläsernen Tunnel betritt, wird es Zeit für mich zu gehen. Im Shop des Museums habe ich wieder festen Boden unter den Füßen und erstehe eine Postkarte mit einem Foto der Raumsonde Cassini. Es zeigt, winzig klein, den Saturnmond Pan in seinem Korridor zwischen den Ringen. Das Pünktchen auf der Postkarte, das dort, wenn man genau hinsieht, in der schmalen Schwärze des Raumes schwebt, könnte genauso gut auch mich zeigen.
»Ich betrete den Korridor« ist – Sie haben es längst erraten! – ein Code, mit dem sich Verschwörer, die den Umsturz unseres Systems planen, untereinander verständigen.
Ihre E‑Mails, Tweets, Blog-Einträge, Briefe und Papiere werden jedoch abgefangen und einer Künstlergilde übergeben, die sehr geschickt darin ist, die geheimnisvolle Bedeutung der benutzten Wörter, Silben und Buchstaben zu enträtseln. Die Absichten der Verschwörer liegen den Behörden damit offen zutage, und selbst kurze, scheinbar harmlose Twitter-Meldungen offenbaren mit einem Mal Bedrohliches. Um eine Handvoll Beispiele zu nennen:
Es steht
ein Nachtstuhl für den Schuldenberg;
eine Herde Gänse für die Opposition;
ein lahmer Hund für eine NGO, die geheime Regierungsdaten veröffentlicht;
eine Pest für Waffenlieferungen ins Ausland;
ein Maikäfer für Subventionsbetrug;
schweres Rheuma für die Anti-Terror-Gesetze;
ein Galgen für verkappte Steuererhöhungen;
ein Nachttopf für verkappte Diätenerhöhungen;
ein Sieb für Verbraucherschutzmaßnahmen;
ein Besen für die Revolution;
eine Mausefalle für den Datenschutz;
ein bodenloser Brunnen für die Verflechtungen der Politik mit der Wirtschaft;
ein Abzugskanal für den Atomausstieg;
eine Narrenkappe für die Heerscharen von Lobbyisten;
ein zerbrochenes Rohr für das Verfassungsgericht;
ein leeres Fass für die Berufsarmee und
eine offene Wunde für das Urheberrecht.
Ist diese Methode der Entschlüsselung nicht ausreichend, so werden zwei andere von größerer Wirksamkeit in Anwendung gebracht: Durch das sogenannte Akrostichen und Anagrammisieren können die Gelehrten erstens die politische Bedeutung aller Anfangsbuchstaben dechiffrieren. So kann N einen geplanten Flashmob, B eine Neonazi-Website, J einen Shitstorm und beispielsweise L die Entsendung von Blauhelmen bedeuten. Oder man versetzt zweitens in einem der verdächtigen Blogeinträge die Buchstaben und entdeckt so die geheimsten Pläne der unzufriedenen Umstürzler, deren unverdächtig wirkende, aber doch so viel politischen Sprengstoff beinhaltende Parole offenbar lautet: »Ich betrete den Korridor.«