Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Report

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Das Titelbild zeigt abstrakte, wirbelnde Muster mit organischen Formen und ineinander verschlungenen Linien, darüber der Schriftzug "Who am I (and why not  straight away)?" in geschwungener weißer Schrift.

♫ Dreamt­ime Soot­her ♫


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Ich betrete den Kor­ri­do­rium-Bus und ent­richte den Fahr­preis bei der Fah­re­rin. Sie hat rot­ge­färbte Haare und ber­li­nert. Ich traue mich nicht, sie zu fra­gen, ob viel­leicht sie Cory d’Or ist, die Autorin des Kor­ri­do­rium-Blogs, son­dern erkun­dige mich nur bei ihr, ob es Texte aus dem Blog zu hören gibt. »Weeß ick nich jenau. Lass dich ma üba­ra­schen«, rät sie mir.

Es ist ein alter Dop­pel­de­cker, der übers Land tourt und eine »mobile medi­ta­tive Musik­reise« anbie­tet, die eine ganze Nacht lang dau­ern soll. Seine Fens­ter sind ver­hängt, und ich betrete den abge­teil­ten Fahr­gast­raum von der Fah­rer­ka­bine aus durch einen schwe­ren Vor­hang. Erst ein­mal sehe ich – so gut wie nichts. Wäh­rend sich der Bus wie­der in Bewe­gung setzt, gewöh­nen sich meine Augen lang­sam an das Dun­kel. Leise Ambi­ent­mu­sik mischt sich in die Fahr­ge­räu­sche.

»Die Num­mer zwee, Treppe hoch und links die dritte«, hatte mir die Fah­re­rin gesagt. Inzwi­schen kann ich die Treppe erken­nen – und die ein­zel­nen Kojen, die den Mit­tel­gang säu­men. In den Flug­blät­tern wurde erklärt, dass es sich um ein Kon­zert han­delt, das man im Lie­gen hört. Ich kann nicht erken­nen, wie viele von den Kojen besetzt sind.

Als ich die Treppe hoch­steige, komme ich wohl nah an einem Laut­spre­cher vor­bei, denn an mei­nem lin­ken Ohr flüs­tert eine Stimme die Frage: »Wer bin ich (und warum nicht gleich so)?« Die Klam­mern kann ich natür­lich nicht hören, aber so stand es auf dem Pro­gramm­zet­tel. Darum geht es bei die­ser nächt­li­chen Reise, das ist sozu­sa­gen der Titel und das Ange­bot des Kon­zerts: dar­über zu medi­tie­ren.

Der Bus legt sich in eine Kurve, und ich muss mich fest­hal­ten. Zwi­schen den Kojen begegne ich im Däm­mer­licht einer Frau, die der Fah­re­rin aufs Haar gleicht und mir mit einer ein­la­den­den Bewe­gung Tee aus einer gro­ßen Ther­mos­kanne anbie­tet. Sind es Zwil­linge? Wäh­rend ich den Becher von ihr ent­ge­gen­nehme, fragt sie mich flüs­ternd ins Ohr: »Wer bist du – und warum nicht gleich so?« Mir fällt keine pas­sende Ant­wort ein. Aber die Nacht ist ja noch jung.

119/398

Das Titelbild zeigt ein Büro mit Schreibtisch, Stuhl, vielen Kartons und zahllosen verstreuten Papierzetteln auf dem Boden, umrahmt von einem dunklen, schweren Rahmen aus Fragezeichen. Auf einem Laptop-Display ist die Zahl 119 zu erkennen.

♫ In Spite of Ongo­ing Rese­arch ♫


119/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor nur test­weise. Es ist einer von rund 40 Initi­al­sät­zen auf mei­ner Liste. Viele davon habe ich nach dem Här­te­test unter rea­len Bedin­gun­gen schon gestri­chen. »Ich tunke die Feder in den Kaf­fee und nehme einen Schluck Tinte« bei­spiels­weise hin­ter­ließ nur einen schlech­ten Nach­ge­schmack, und »Das War­ten nahm kein Ende« kam gar nicht erst aus den Start­lö­chern her­aus.

Schöne Sätze viel­leicht, aber unge­eig­net, um eine ebenso umfang- wie abwechs­lungs­rei­che Text­samm­lung dar­auf auf­zu­bauen.

Jetzt also die ein­ge­hende Eig­nungs­prü­fung von »Ich betrete den Kor­ri­dor«. Hm. Inter­es­sant. Fühlt sich erst ein­mal nicht schlecht an. Öff­net sich auf etwas Neues, viel­leicht Unbe­kann­tes hin und bie­tet von dort ab jede Menge Optio­nen.

Aber bei der prak­ti­schen Umset­zung hier in die­sem Kor­ri­dor bewahr­hei­tet sich wie­der ein­mal: Fens­ter­lose Innen­räume haben mich immer schon depres­siv wer­den las­sen. Es muss da doch eine Initi­al­zün­dung mit mehr Frei­raum für mich geben! Also strei­che ich auch die­sen Satz von der Liste und über­lege, wie ich den nächs­ten in der Reihe, »Wir waren nur knapp dem Tode ent­ron­nen«, einem Pra­xis­test unter­zie­hen könnte.

127/398

Das Titelbild zeigt eine runde Fantasie-Weltkarte, versehen mit surrealen, detailreichen Gebäuden und Figuren, die in organischen, fließenden Formen integriert sind, umgeben von weiteren architektonischen Elementen auf hellem Hintergrund.

♫ Xerox Maxixe ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Immer wie­der stelle ich fest: Bloße Geschich­ten über Kor­ri­dore, Gemälde, Fotos und Filme von ihnen las­sen mich kalt, aber tat­säch­lich dort zu sein und die Archi­tek­tur kör­per­lich zu spü­ren – das ist es, was mei­nen Puls beschleu­nigt und meine Haut pri­ckeln lässt!

Hier emp­fan­gen mich außer­ge­wöhn­li­che, ein­zig­ar­tige Kor­ri­dore, so wie es auch die Gebäude, die Schlös­ser, Tem­pel, Wohn­höh­len und Vil­len kein zwei­tes Mal gibt in der Welt, an Orten, die in mei­nen Ohren einen beson­de­ren Klang besit­zen:

 

Hier haben sich obses­sive Visio­näre ihre Luft­schlös­ser erbaut, oft heim­lich und meist über Jahr­zehnte hin­weg. Ich betrete stein­ge­wor­dene Lebens­werke – und die Anstren­gun­gen der wei­ten Reise, der Jet­lag, all das ist in die­sen Momen­ten wie weg­ge­wischt.

Stau­nend bli­cke ich mich um. Es sind Bau­werke, die Träu­men oder auch Alp­träu­men ent­sprun­gen zu sein schei­nen:

 

Bei den meis­ten Besu­chen nehme ich mir die Zeit, in einem der meist kunst­voll aus­ge­stal­te­ten Flure und Gänge, die bis in die kleins­ten Details die Hand­schrift ihrer Erbauer tra­gen, eine Zeich­nung anzu­fer­ti­gen, inspi­riert von den star­ken Gefüh­len, die diese Phan­tas­ti­sche Archi­tek­tur in mir aus­löst. Mit die­sen Skiz­zen schmü­cke ich die Gänge in den Kel­ler­ge­wöl­ben, die ich seit über drei­ßig Jah­ren heim­lich unter mei­nem Anwe­sen aus­schachte und stän­dig erwei­tere, Kor­ri­dor um Kor­ri­dor.

150/398

Das Titelbild zeigt eine Cartoon-Zeichnung eines Mannes, der in einem Badezimmer auf einer Toilette sitzt und einen orangefarbenen Bademantel trägt. Er blickt auf einen großen Kugelfisch mit einer Krone auf dem Kopf. Aus dem Fisch kommt eine Sprechblase mit einem wirren Text über "the mysteres op the worldry".

♫ Blow­fish ♫


150/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Zwar habe ich gerade die Snooze-Taste mei­nes Weckers betä­tigt, aber lei­der drückt mir die Blase. Auf dem Klo fällt mir ein, dass ich heute Nacht einen Traum hatte, der einer Offen­ba­rung glich. Ein Mann in einer oran­gen Robe und mit einer Art Mitra auf dem Kopf flüs­terte mir einen Satz ins Ohr, eine Sen­tenz, die mir die Augen öff­nete über den Zustand unse­rer Welt, über alle Pro­bleme, an denen wir der­zeit her­um­la­bo­rie­ren, und über die unge­heure Chance, die sich uns gerade jetzt bie­ten würde – wenn wir nicht zu betriebs­blind wären, sie zu erken­nen. Es waren vier Wör­ter, das weiß ich noch, und sie waren gereimt: vier Wör­ter von einer unver­gleich­li­chen Spreng­kraft, eine Sen­tenz, die eine neue Ära der Mensch­heits­ge­schichte, eine neue Kul­tur­stufe ein­läu­ten würde.

Es ging um die Extreme mög­li­cher mensch­li­cher Lebens­ent­würfe, das weiß ich noch, und um die gesamte Spann­weite mensch­li­cher Aus­drucks­mög­lich­kei­ten in der Welt.

Zum Glück – fällt mir zu mei­ner Erleich­te­rung ein – war ich so geis­tes­ge­gen­wär­tig, mir die vier epo­cha­len Worte bei einem kur­zen Erwa­chen heute Nacht zu notie­ren, da ich schon ahnte, sie bis zum Mor­gen wie­der ver­ges­sen zu haben.

Vol­ler Span­nung eile ich zurück ins Schlaf­zim­mer und finde den Zet­tel auf dem Boden neben dem Bett, und in Groß­buch­sta­ben ste­hen sie da, die vier revo­lu­tio­nä­ren Wör­ter, Her­mes Tris­me­gis­tos’ »Wie oben so unten«, Nietz­sches »Gott ist tot« oder Mar­tin Luther Kings »I have a dream« min­des­tens eben­bür­tig.

Aber wie das so ist im Traum. Ich hätte es mir den­ken kön­nen. Wir sind da nicht ganz auf der Höhe, son­dern besit­zen oft ein kind­li­ches und nai­ves Gemüt, das sich für Dinge begeis­tert, die uns im Wachen nicht ein­mal ein müdes Lächeln abrin­gen wür­den.

Ich muss Sie also ent­täu­schen.

Die Sen­tenz ist nicht gereimt.

Ansons­ten … Na, lesen Sie selbst, ob das diese gewal­tige Erkennt­nis­kraft birgt, die ich darin gespürt hatte, ob es das begriff­li­che Juwel ist, das unsere Zeit beschreibt, ana­ly­siert, kri­ti­siert und gleich­zei­tig einen prak­ti­ka­blen Lösungs­vor­schlag für den gan­zen Unbill beinhal­tet, den wir im Laufe unse­rer Geschichte her­auf­be­schwo­ren haben, und das in die­sen nur vier Wör­tern: »Papst piepst, Plebs pupst.«

195/398

Dream Ques­ti­ons Med­ley Eo ipso

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Ich betrete den Kor­ri­do­rium-Dop­pel­de­cker­bus jetzt schon zum vier­ten Mal. Seine Rund­reise durch die deut­sche Pro­vinz führt jeden Monat ein­mal in mein klei­nes Städt­chen, und zum Ser­vice zählt, dass man sich im Inter­net oder tele­fo­nisch anmel­det, dann am spä­ten Abend von zu Hause abge­holt und am nächs­ten Mor­gen wie­der dort abge­setzt wird.

Es ist ähn­lich wie die Shut­tle­busse für die Club­nächte in Ber­lin, außer, dass es sich hier beim Bus selbst um den Club han­delt. Jeden Monat wech­selt die Frage, mit der man sich auf seine nächt­li­che Reise begibt, und natür­lich wech­selt auch die Route, mit der immer wie­der andere Fahr­gäste auf­ge­ga­belt wer­den. Sind alle Rei­sen­den an Bord, parkt der Bus irgendwo außer­halb der Stadt – so zumin­dest mein Ein­druck von den ers­ten drei Tou­ren, denn man kann die Fens­ter zwar einen Spalt öff­nen und Frisch­luft her­ein­las­sen, aber sie sind blick­dicht, so dass ich da nur von mei­nem Hör­ein­druck aus­ge­hen kann.

Beim ers­ten Mal könnte es eine Auto­bahn­brü­cke gewe­sen sein: Immer wie­der misch­ten sich die Fahr­ge­räu­sche von Autos und Lkws in die lei­sen Ambi­ent-Klänge. Beim zwei­ten Mal meine ich einen Fluss gehört zu haben, wobei ich eigent­lich nichts in der Umge­bung kenne, das so fröh­lich glu­ckert. Das war die Reise mit der Frage »Was ist Traum (und wohin, wenn ich erwa­che)?« Ich kann mich zwar nicht daran erin­nern, sie im Kor­ri­do­rium-Blog gele­sen zu haben, aber the­ma­tisch passt sie natür­lich.

Beim drit­ten Mal habe ich ent­deckt, dass man sich im hin­te­ren Teil des Bus­ses auf Kis­sen hocken kann. Hier sitzt, die ganze Nacht lang, der DJ, nur beleuch­tet vom fah­len Licht sei­nes Lap­tops und den blin­ken­den LEDs sei­ner Geräte. Hier­her setzt sich gele­gent­lich auch die Frau, die im Bus mit der Ther­mos­kanne her­um­geht, uns Rei­sen­den die Frage der Nacht stellt und immer wie­der Tee nach­schenkt.

Die Musik, der umge­baute, fast völ­lig abge­dun­kelte Bus und die Frage, die immer wie­der flüs­ternd über die Laut­spre­cher ein­ge­spielt wird, erzeu­gen eine ganz eigen­ar­tige und beson­dere Atmo­sphäre. Ich habe ver­sucht, Freun­den davon zu erzäh­len. Einer hörte kopf­schüt­telnd zu und fasste irgend­wann zusam­men: »Also ein Selbst­fin­dungs­trip!« Ich wollte das weder beja­hen noch ver­nei­nen. Immer­hin schwebe ich fast die ganze Nacht durch im Zwi­schen­be­reich von Schlaf, Traum und inten­si­ven Gedan­ken. »Hast du die Fra­gen denn beant­wor­tet?«, fragte er noch. Habe ich? Schwer zu sagen. Die dritte lau­tete »Wo fin­det Bewusst­sein statt (und was hab ich davon)?«, und, ja, irgend­wie habe ich eine Ant­wort gefun­den. Um den Bus war es ganz still, bis dann mor­gens ein viel­stim­mi­ges Vogel­kon­zert ein­setzte. Offen­bar parkte er bei der drit­ten Tour neben einem Wald­stück. Und da kam mir eine Ant­wort. Nicht wirk­lich auf diese Frage, und ich kann die Ant­wort auch nicht wirk­lich in Worte fas­sen – aber mir kam eine Erkennt­nis, für die sich eine Nacht, in der ich kaum geschla­fen habe, mehr als gelohnt hat.

Gibt’s Dro­gen? Sex? Steckt eine Sekte dahin­ter? Mei­nen Freun­den ist die »mobile Musik­me­di­ta­tion« suspekt, und sie suchen den Haken an der Sache. Letzt­lich gibt den Aus­schlag, dass kei­ner von ihnen frei­wil­lig auf sei­nen kost­ba­ren Schlaf ver­zich­ten will.

So bin ich wie­der allein auf die nächt­li­che Reise gegan­gen. Ich kuschle mich in meine Koje, umschwebt von lei­sen Har­mo­nien, in die hin­ein eine Stimme flüs­tert: »Wohin führt Klang (und in wel­che Reso­nanz die Stille)?« Selt­same Fra­gen sind es, die den Kor­ri­do­rium-Bus durch die Nacht glei­ten las­sen. Sie gewin­nen im Halb­schlaf ein ver­rück­tes Eigen­le­ben und ver­schaf­fen mir wert­volle Erkennt­nisse, wie über­haupt des Nachts Dinge in mei­nem Kopf vor sich gehen, von denen ich vor­her kei­nen Schim­mer hatte.

 

197/398

Ásko­run

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»Ich betrete den Kor­ri­dor« stand auf der Kar­tei­karte, die ich zog. Zehn Kar­tei­kar­ten hatte Pas­cal beschrif­tet und mir, mit der Schrift nach unten, auf­ge­fä­chert hin­ge­hal­ten. Der Satz stand kra­ke­lig da und war mir fremd. Pas­cal und ich hat­ten schon eini­ges von dem Haus­wein intus, von dem er meh­rere Fla­schen aus dem Hotel mit­ge­bracht hatte, und ich hatte ihn genervt mit einem lan­gen Mono­log über Denk­blo­cka­den und Krea­ti­vi­tät, der darin gip­felte, dass ich behaup­tet hatte – ver­mut­lich schon leicht lal­lend –, dass man jede krea­tive Blo­ckade ganz ein­fach dadurch durch­bre­chen könnte, statt nur einer ein­zi­gen per­fek­ten Idee gleich ein Bün­del von fünf­zig oder hun­dert von sich selbst zu ver­lan­gen. Pas­cal lachte mich aus.

Ich war ein wenig ange­pisst und nannte ihm Bei­spiele. Ein­mal wollte mir für eine Preis­rede für einen Tau­ben­züch­ter par­tout nichts ein­fal­len. Irgend­wann kam ich auf die ver­zwei­felte Idee, mich selbst auzu­trick­sen und gleich zehn Ver­sio­nen der Rede zu schrei­ben – und schrieb ein­fach drauf­los, ohne mich selbst oder die Sache län­ger ernst­zu­neh­men. Nach der sechs­ten Rede wurde mir klar, dass ich nur die dritte und die fünfte kom­bi­nie­ren musste, und ich bekam genau das, was mir vor­ge­schwebt hatte. So mach ich’s seit­dem immer, wenn ich eine Schreib­blo­ckade habe.

Pas­cal schien nicht über­zeugt.

»Statt das eine rich­tige Ding mit vol­lem Qua­li­täts­an­spruch in die Welt zu set­zen, zwingt man sich, erst mal einen Hau­fen von Mate­ria­lien zu pro­du­zie­ren. Und plötz­lich fließt’s. Klar, eine Menge davon kannste in der Pfeife rau­chen, aber wenn irgendwo der große Wurf raus­schim­mert, hat sich’s doch schon gelohnt, oder?«

Da kam Pas­cal mit der Wette. Er erin­nerte mich daran, dass ich immer wie­der mal ange­setzt habe, einen Band mit Kurz­ge­schich­ten zu ver­fas­sen, einer­seits, um meine teils ziem­lich gro­tes­ken Erleb­nisse als pro­fes­sio­nel­ler Reden­schrei­ber zu reflek­tie­ren, ande­rer­seits, um end­lich mal von die­sen Vor­trags­tex­ten weg­zu­kom­men, die stän­dig und meist unter hohem Zeit­druck von mir ver­langt wer­den, von Poli­ti­kern, Fir­men­chefs, Braut­vä­tern, Ver­an­stal­tungs­mo­de­ra­to­ren und so wei­ter – wie es halt kommt, wenn man seine Dienste im Inter­net anbie­tet und orts­un­ab­hän­gig damit ist. Die Anfra­gen kom­men von über­all, auch schon mal eine aus Malay­sien.

»Woll­test du nicht ein knap­pes Dut­zend Kurz­ge­schich­ten schrei­ben, mit denen du dir einen Namen als Bel­le­trist machen willst? Um dann einen Roman nach­zu­le­gen – oder auch sie­ben wie Row­ling?« Ich sparte mir das Nicken und nahm noch einen Schluck Rot­wein. »Wie viel von den Kurz­ge­schich­ten hast du denn schon?«, fragte Pas­cal so harm­los wie mög­lich. Ich kenne die­sen Blick von ihm und zählte an den Fin­gern ab. »Eine«, sagte ich, ver­bes­serte mich dann aber und sagte: »Eine halbe.« Pas­cal grinste: »Also eigent­lich gar keine.« Ich nickte gott­er­ge­ben und nahm einen wei­te­ren Schluck. Irgend­wie war mir klar, was jetzt kom­men musste.

Pas­cal: »Warum hast du da noch nicht dein tol­les Schreib­fluss­prin­zip ange­wen­det?«

Ich: »Ist ja keine Blo­ckade im eigent­li­chen Sinn. Aber es würde natür­lich funk­tio­nie­ren.« Letz­te­res im Brust­ton der Über­zeu­gung, außer dass meine Zunge dabei ein wenig über das Wort »funk­tio­nie­ren« stol­perte.

Pas­cal: »Glaub ich nicht. Wie wär’s mit einer Wette?«

Und so lief es dann plötz­lich auf vier­hun­dert Kurz­ge­schich­ten hin­aus. Ich hatte ihn run­ter­ge­han­delt von fünf­hun­dert, und klei­nere Vignet­ten waren auch erlaubt. Und damit das Ganze einen Rah­men bekommt, krit­zelte er hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand irgend­was auf die Kar­tei­kar­ten.

»Ich schreib dir ein paar erste Sätze auf. Muss alles immer mit dem glei­chen Satz anfan­gen.«

»Was?!«, fuhr ich auf. Aber Pas­cal erin­nerte mich grin­send an einen Mono­log von mir, den ich letz­ten oder vor­letz­ten Monat mal über das Schrei­ben und die Krea­ti­vi­tät im All­ge­mei­nen gehal­ten hatte – mit dem Fazit, dass erst die Ein­schrän­kung wahre Kunst her­vor­bringt. Wer alle Frei­hei­ten hat, ver­liert sich darin – war meine Über­le­gung, die viel­leicht aber auch dem Absinth geschul­det war, an dem wir uns an dem Abend güt­lich taten.

Jetzt fiel meine wer­mut­se­lige Erkennt­nis in aller Härte auf mich zurück: »Ich betrete den Kor­ri­dor« – als Anfangs­satz für vier­hun­dert Sto­rys. Aua.

Was wären die ande­ren Anfangs­sätze gewe­sen? Pas­cal zog seine Hand mit den Kar­tei­kar­ten zurück. Zwei erwischte ich noch. Pas­cal konnte nicht ver­hin­dern, dass ich sie las. »Das war der Anfang vom Ende.« Und: »Ein­mal Cali­for­nia Maki bitte!«

»Damit hätte ich viel mehr anfan­gen kön­nen«, pro­tes­tierte ich. Pas­cal wiegte non­cha­lant den Kopf: »Die Wahl ist getrof­fen, der Wür­fel ist gefal­len.« Den Spruch griff ich sofort auf: »Selbst das wäre bes­ser! Ich kann doch nicht vier­hun­dert Ich-Erzäh­lun­gen im Prä­sens schrei­ben über jeman­den, der in irgend­wel­chen Gebäu­den rum­irrt …«

Aber ich hatte vor­her schon ein­ge­schla­gen. Die Wette galt.

Und heute ist der Stich­tag. Pas­cal wird jeden Augen­blick anru­fen und nach­fra­gen, wie es um seine vier­hun­dert Kurz­ge­schich­ten steht. »Ich betrete den Kor­ri­dor.« Damals war mir der Satz fremd. Und heute? Was soll ich sagen? Knapp zwei­hun­dert­acht­zig habe ich geschafft. Zuerst dachte ich, mir fal­len nicht mal zwan­zig ein. Aber dann hatte ich doch noch ein paar unge­wöhn­li­che Ideen und lernte, den Satz und meine Auf­gabe aus vie­len ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven zu sehen.

Ich bleibe also dabei. Wenn man die eine Sache nicht hin­kriegt: Nimm dir so viele Arbeits­ver­sio­nen davon vor, dass dir die Auf­gabe schlicht­weg unmög­lich scheint. Und dann leg los.

Längst näm­lich will ich es selbst wis­sen: Komme ich auf vier­hun­dert? Die Zahl scheint mir immer noch gewal­tig und uner­reich­bar. Aber genauso hätte ich über zwei­hun­dert gedacht. Oder auch nur hun­dert.

Die Wette habe ich ver­lo­ren, und natür­lich bekommt Pas­cal seine Fla­sche Bour­bon-Ein­zel­fass­ab­fül­lung. Aller­dings werde ich wei­ter­schrei­ben, auch wenn es meine Frei­zeit inzwi­schen kom­plett aus­füllt – was Pas­cal womög­lich nicht gefal­len wird, denn so habe ich auch wei­ter­hin erst ein­mal keine Zeit mehr für unsere feucht­fröh­li­chen Tref­fen.

223/398

I Sing the Cor­ri­dor Eclec­tic

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Ich betrete den Kor­ri­dor, den Infi­nite Cor­ri­dor, wie wir ihn hier im Insti­tut nen­nen. Zahl­rei­che Leute strö­men hier von einem Gebäu­de­teil des Kom­ple­xes zum ande­ren, Wis­sen­schaft­ler, For­scher, Inge­nieure, Tech­ni­ker und Heer­scha­ren von Stu­den­ten – das bunte Völk­chen des MIT halt. Mir fal­len ein paar junge Leute auf, von denen einer mit einer Han­dy­ka­mera filmt, wie sich eine junge Frau an der Wand des Kor­ri­dors ent­lang­han­gelt. Sie macht einen Satz auf einen aus­ran­gier­ten Com­pu­ter­schrank, nutzt einen der gro­ßen Papier­körbe, um an einen Tür­rah­men auf der gegen­über­lie­gen­den Seite zu sprin­gen und sich von da auf einen sicher­lich nicht zufäl­lig dort plat­zier­ten Bücher­kar­ren der Biblio­thek zu schwin­gen. Aber sie rutscht ab und lan­det mit einem halb­lau­ten Fluch auf dem Boden. Ein Kol­lege springt zu ihr und reicht ihr ein Chalk­bag, damit sie sich mit dem Magne­si­um­car­bo­nat die Hände pudern kann.

Ich frage den Kame­ra­mann der Truppe, was sie da trei­ben. »Wir pro­ben für mor­gen.« Cor­ri­do­ring, erfahre ich, sei so eine Art Sport fürs Inter­net: Man filmt sich, wie man einen öffent­li­chen Kor­ri­dor mög­lichst krea­tiv und ohne Boden­be­rüh­rung durch­quert, und stellt das Film­chen dann ins Inter­net, wo es dann eine Menge Likes und erho­bene Dau­men kriegt und andere Teams zu noch grö­ße­ren Cor­ri­do­ring-Per­for­man­ces inspi­riert.

Und mor­gen – das weiß ich natür­lich durch den Busch­funk und die vie­len Schwar­zen Bret­ter ent­lang mei­nes Wegs zum Labor – erhellt die Sonne für wenige Minu­ten den Infi­nite Cor­ri­dor von der Lobby aus auf sei­nen gan­zen 251 Metern Länge – ein jähr­li­ches Ereig­nis wie viel­leicht die Win­ter­son­nen­wende in Stone­henge oder das Son­nen­wun­der von Abu Sim­bel, bei dem die Göt­ter­sta­tuen in der hin­te­ren Kam­mer plötz­lich ein Licht­strahl trifft. Jeden­falls ist es für die Neu­linge bei uns immer wie­der in erhe­ben­des Schau­spiel, auch wenn die Pres­se­be­richte über Grup­pen von Stu­den­ten und Pro­fes­so­ren, die andäch­tig daste­hen und Om chan­ten, doch ein wenig über­trie­ben sind.

 

228/398

Trum­ping Bum­per Cars

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der den U‑Bahnsteig mit der unter­ir­di­schen Mall ver­bin­det. Ein jun­ger Mann kommt mir ent­ge­gen, des­sen Gesicht mir bekannt vor­kommt. Ich kann ihn nur nicht rich­tig ein­ord­nen. Er jeden­falls erkennt mich. »Willst du zum Inter­net-Café?«, fragt er. Er hat dunkle Ringe unter den Augen und sieht mit­ge­nom­men aus. Klar will ich zum Inter­net-Café, wie jeden Tag um die Zeit – mein Blog füt­tern. Die kleine 24-Stun­den-Klit­sche in der Unter­füh­rung ist ja fast schon meine zweite Hei­mat. Und klar ist mir inzwi­schen auch, wer der junge Mann ist. Der steht da hin­ter der Theke und kas­siert mei­nen Euro für die Stunde am Com­pu­ter – alters­schwa­che PCs mit Düsen­jet-Lüf­tern und einem der­art lang­sa­men Sei­ten­auf­bau, dass ich mir immer zwi­schen fünf und zehn von den kos­ten­lo­sen Kaf­fees von sei­ner Theke hole, bis die Online-Stunde vor­über ist.

»Wir haben dicht­ge­macht«, sagt er, »hat sich wohl nicht ren­tiert. Sind inzwi­schen ja auch alle mit ihren Smart­phones online.« Ach ja? Dann wohl alle bis auf mich. Dumm gelau­fen. Ich frage ihn, was jetzt aus ihm wer­den soll.

»Bin den Job los. Ist nicht mal zehn Minu­ten her. Hab kei­nen Schim­mer, was ich machen soll, weiß sonst nichts. Hast du was für mich?« Was soll ich für ihn haben? Bin selbst seit ein paar Jah­ren nur eine die­ser Ich-AGs, die stän­dig hart am Hart­zen vor­bei­schrap­pen. Und von wo soll ich jetzt ins Netz, mein Blog betreuen?

»Kauf dir’n Smart­phone«, sagt er und grinst säu­er­lich.

»Kann ich mir nicht leis­ten«, ant­worte ich und grinse dabei ebenso schief, »aber zwei Kaf­fee sit­zen drin. Komm, ich lad dich ein.«

 

248/398

Saturn­off

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist der letzte der Aus­stel­lung. Ich habe ihn mir als Höhe­punkt mei­nes Besuchs auf­ge­spart. Und tat­säch­lich: die Aus­sicht ist atem­be­rau­bend.

Für so ziem­lich alles gibt es irgendwo auf der Welt ein Museum, eines für Hun­de­hals­bän­der in Lon­don, eines mit Phalli in Husa­vik auf Island, ein Museum of The Little Prince und sogar, unge­lo­gen, eines aus lau­ter Lügen in Gan­ti­kow. Aber hät­ten Sie gedacht, dass es auch ein »Museum der Kor­ri­dore« gibt? Es fin­det sich in Flo­renz, und ange­sichts des klas­si­zis­ti­schen Ambi­en­tes der Stadt kann es sehr erfri­schend sein, sich in der eklek­ti­schen Aus­wahl an Kor­ri­do­ren zu ver­lie­ren, die hier dem Besu­cher gebo­ten wer­den.

Es bie­tet sich an, zuerst in den Kel­ler hin­ab­zu­stei­gen. Hier haben die jun­gen Muse­ums­ma­cher berühmte archäo­lo­gi­sche Kor­ri­dore nach­ge­bil­det: Man folgt Car­ters Fuß­stap­fen hin­un­ter in Tuten­cha­muns Grab, gerät in den Gra­bungs­schacht, mit des­sen Hilfe chi­ne­si­sche Archäo­lo­gen die Ter­ra­kot­ta­ar­mee frei­leg­ten, und tritt stau­nend zwi­schen die Ste­len von Göbe­kli Tepe.

Im Erd­ge­schoss kann man in Gemälde hin­ein­schlüp­fen – die Muse­ums­be­trei­ber machen hier Kor­ri­dore der Kunst­ge­schichte drei­di­men­sio­nal erleb­bar: Ich betrete Bil­der von unter ande­rem M. C. Escher, Gior­gio de Chi­rico und René Magritte – ein meta­phy­si­sches und manch­mal sur­rea­lis­ti­sches Ver­gnü­gen.

Durch einen etwas mor­bide ange­hauch­ten Trakt mit Kor­ri­do­ren aus Com­pu­ter­spie­len – bei­spiels­weise aus Myst, Limbo, Ame­ri­can McGee’s Alice sowie Echo­ch­rome (das, wie auf der Hin­weis­ta­fel steht, im japa­ni­schen Ori­gi­nal 無限回廊, Mugen kairō und damit »unend­li­cher Kor­ri­dor«, heißt) – gelange ich in den Anbau, der ganz dem Film gewid­met ist.

Ein Kor­ri­dor des Erz­frach­ters Nostromo führt in den der Raum­sta­tion aus Tar­kow­skis Sola­ris und wei­ter in Das Boot. Von hier aus betritt man einen Kor­ri­dor aus Hog­warts, der in einen Kor­ri­dor auf Magra­thea (in der Kino­ver­fil­mung von Per Anhal­ter durch die Gala­xis) über­geht, wel­cher wie­derum einen ohne Umwege in die Hotel­flure von The Shi­ning lan­den lässt, von dem aus man ins »Das Haus, das Ver­rückte macht« aus Aste­rix erobert Rom kommt, um schließ­lich – durch den ein wenig grus­li­gen Kor­ri­dor aus Being John Mal­ko­vich krie­chend – in einem Kor­ri­dor im Raum­schiff Dark Star des gleich­na­mi­gen Films zu lan­den, von dem aus mich ein Alien, das einem far­ben­fro­hen Plas­tik­ball gleicht, ins nächste Stock­werk jagt.

Hier durch­schreite ich wie­der »echte« Kor­ri­dore wie den aus dem Archäo­lo­gi­schen Natio­nal­mu­seum Mal­tas, der wie­derum einen Kor­ri­dor im neo­li­thi­schen Hypo­gäum auf Malta nach­bil­det, den schwe­ben­den glä­ser­nen Kor­ri­dor aus dem futu­ris­ti­schen schwe­di­schen Pio­nen mit den Ser­vern, auf denen Wiki­leaks seine Daten lagert, oder die Gal­le­ria degli Spec­chi aus Man­tua, deren Spie­gel die Kor­ri­dore und den Besu­cher unend­lich ver­viel­fäl­ti­gen – ein Anklang an Citi­zen Kane, so wie eigent­lich, ver­zerrt manch­mal und oft nur ver­schwom­men, all diese Kor­ri­dore ein­an­der wider­spie­geln.

Es gibt noch das Dach­ge­schoss mit Kor­ri­do­ren des 20. und 21. Jahr­hun­derts wie dem zu Anne Franks Ver­steck oder dem Gang im Wei­ßen Haus, in dem es zum berühm­ten Blo­wjob ohne Inha­lie­ren kam. Doch ich brau­che nach all den Gän­gen und Trep­pen drin­gend einen Espresso und beschließe, gleich zum Muse­ums­shop wei­ter­zu­ge­hen. Denn wie ich dem klei­nen Plan ent­nehme, der auf die Rück­seite mei­nes Tickets gedruckt ist, erwar­tet mich auf dem Weg zum Aus­gang der eigent­li­che Höhe­punkt des Rund­gangs: der Kor­ri­dor des Pan.

Ich betrete einen glä­ser­nen Tun­nel, der mich ins All ver­setzt. Eine fan­tas­ti­sche Instal­la­tion: Über mei­nem Kopf und unter mei­nen Füßen erstreckt sich der Saturn­ring, und dar­un­ter dreht sich, lang­sam und majes­tä­tisch, der Pla­net Saturn selbst, auf den der Ring einen gesto­chen schar­fen Schat­ten wirft. In sei­ner beige­far­be­nen Atmo­sphäre kann ich ein­zelne Ammo­ni­ak­wol­ken erken­nen. Dort, wo ich mich befinde, ist eine Lücke im Saturn­ring – als sei ich selbst der Mond Pan, der als Schä­fer­mond den Ring durch­fliegt und dort einen freien Bereich ohne Par­ti­kel geschaf­fen hat: Pans Kor­ri­dor. Einen Moment lang ver­gesse ich völ­lig, dass ich mich in einem Museum befinde. Die Illu­sion ist per­fekt, der Anblick atem­be­rau­bend – allein schon die­ser Moment, bei dem man das Gefühl hat, mit dem Saturn in Greif­weite im All zu schwe­ben, ist den Ein­tritts­preis wert.

Als eine ita­lie­ni­sche Fami­lie mit einer Horde Kin­der den glä­ser­nen Tun­nel betritt, wird es Zeit für mich zu gehen. Im Shop des Muse­ums habe ich wie­der fes­ten Boden unter den Füßen und erstehe eine Post­karte mit einem Foto der Raum­sonde Cas­sini. Es zeigt, win­zig klein, den Saturn­mond Pan in sei­nem Kor­ri­dor zwi­schen den Rin­gen. Das Pünkt­chen auf der Post­karte, das dort, wenn man genau hin­sieht, in der schma­len Schwärze des Rau­mes schwebt, könnte genauso gut auch mich zei­gen.

 

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Code Brea­k­ers

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»Ich betrete den Kor­ri­dor« ist – Sie haben es längst erra­ten! – ein Code, mit dem sich Ver­schwö­rer, die den Umsturz unse­res Sys­tems pla­nen, unter­ein­an­der ver­stän­di­gen.

Ihre E‑Mails, Tweets, Blog-Ein­träge, Briefe und Papiere wer­den jedoch abge­fan­gen und einer Künst­ler­gilde über­ge­ben, die sehr geschickt darin ist, die geheim­nis­volle Bedeu­tung der benutz­ten Wör­ter, Sil­ben und Buch­sta­ben zu ent­rät­seln. Die Absich­ten der Ver­schwö­rer lie­gen den Behör­den damit offen zutage, und selbst kurze, schein­bar harm­lose Twit­ter-Mel­dun­gen offen­ba­ren mit einem Mal Bedroh­li­ches. Um eine Hand­voll Bei­spiele zu nen­nen:

Es steht

  • ein Nacht­stuhl für den Schul­den­berg;
  • eine Herde Gänse für die Oppo­si­tion;
  • ein lah­mer Hund für eine NGO, die geheime Regie­rungs­da­ten ver­öf­fent­licht;
  • eine Pest für Waf­fen­lie­fe­run­gen ins Aus­land;
  • ein Mai­kä­fer für Sub­ven­ti­ons­be­trug;
  • schwe­res Rheuma für die Anti-Ter­ror-Gesetze;
  • ein Gal­gen für ver­kappte Steu­er­erhö­hun­gen;
  • ein Nacht­topf für ver­kappte Diä­ten­er­hö­hun­gen;
  • ein Sieb für Ver­brau­cher­schutz­maß­nah­men;
  • ein Besen für die Revo­lu­tion;
  • eine Mau­se­falle für den Daten­schutz;
  • ein boden­lo­ser Brun­nen für die Ver­flech­tun­gen der Poli­tik mit der Wirt­schaft;
  • ein Abzugs­ka­nal für den Atom­aus­stieg;
  • eine Nar­ren­kappe für die Heer­scha­ren von Lob­by­is­ten;
  • ein zer­bro­che­nes Rohr für das Ver­fas­sungs­ge­richt;
  • ein lee­res Fass für die Berufs­ar­mee und
  • eine offene Wunde für das Urhe­ber­recht.

Ist diese Methode der Ent­schlüs­se­lung nicht aus­rei­chend, so wer­den zwei andere von grö­ße­rer Wirk­sam­keit in Anwen­dung gebracht: Durch das soge­nannte Akro­sti­chen und Ana­gram­mi­sie­ren kön­nen die Gelehr­ten ers­tens die poli­ti­sche Bedeu­tung aller Anfangs­buch­sta­ben dechif­frie­ren. So kann N einen geplan­ten Flash­mob, B eine Neo­nazi-Web­site, J einen Shit­s­torm und bei­spiels­weise L die Ent­sen­dung von Blau­hel­men bedeu­ten. Oder man ver­setzt zwei­tens in einem der ver­däch­ti­gen Blog­ein­träge die Buch­sta­ben und ent­deckt so die geheims­ten Pläne der unzu­frie­de­nen Umstürz­ler, deren unver­däch­tig wir­kende, aber doch so viel poli­ti­schen Spreng­stoff beinhal­tende Parole offen­bar lau­tet: »Ich betrete den Kor­ri­dor.«

 

Ihr erge­bens­ter Die­ner Lemuel Gul­li­ver