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Bernsku draumar
Ich betrete den Korridor zwischen »stinkreich werden« und »Gutes tun«. Na ja, in Wirklichkeit fahre ich ihn mit dem Finger entlang: eine Verbindungslinie in einer farbenfrohen, verschlungenen Mindmap. Das DIN-A3-Blatt hat in den vielen Jahren eine leicht bräunliche Färbung angenommen. Ich schaffe gerade Platz in meinen Regalen und habe es zwischen alten Klassenarbeiten gefunden. Ein Datum steht drüber. Damals habe ich die Siebenen noch geschwungen gemalt. Heute ist meine 7 ein einfacher Haken. Auch vieles andere in meinem Leben ist effektiver geworden, achtundzwanzigeinhalb Jahre später.
»Ich« steht unbescheiden im zentralen Kreis der Mindmap. Linien zweigen ab: »Träume« in Grün, »Wünsche« in Blau, »Ziele« in Rot, »Vorhaben« in Orange. Das ist jedoch erst der Anfang, denn davon ausgehend wächst ein buntes Geflecht von weiteren Linien, eingekreisten Wörtern und kleinen Symbolen über das Blatt.
Mein Finger folgt inzwischen der orange-grünen Verbindung zwischen »meiner Berufung folgen« und »immer alles in Frage stellen«. Ich kann mich nicht erinnern, diese Mindmap gemalt zu haben. Aber ich habe ja auch vieles andere aus meiner Jugend vergessen. Aus der »Berufung« ist ein Beruf, schließlich ein Job und letzthin Kurzarbeit geworden, seit die Wirtschaftskrise auch die Möbelbranche erfasst hat.
Tja. Die klassische Situation: Der desillusionierte Erwachsene wird mit den hochfliegenden Träumen seiner Kindheit konfrontiert. Nur bin ich nicht Bruce Willis und mein Leben kein Hollywoodmärchen. Ich hab gelernt, gut mit Zahlen umgehen zu können – davon steht nichts in der Mindmap. Von den schätzungsweise 40 blauen, 30 grünen, 15 roten und zwölf orangefarbenen Auswüchsen meines damaligen Ichs hab ich in den letzten drei Jahrzehnten vielleicht zehn Prozent abgehakt, wenn’s hoch kommt. »Ungewöhnliche Fremdsprache lernen«, »Weltreise«, »an einer archäologischen Grabung teilnehmen«, »Patent anmelden«, »Tagebuch führen«, »viel lachen« … – hm, muss mir was dazwischen gekommen sein. Es sei denn, ich betrachte meine Durchsicht alter Papiere als archäologische Grabung.
Aber noch mal zurück zum Infragestellen: Wer – außer Bruce Willis natürlich – sagt eigentlich, dass die romantischen Hirngespinste eines Vierzehnjährigen mehr wiegen als die Lebenserfahrung eines Menschen jenseits der Vierzig, dass Kindheitsträume etwas Heiliges sind, wertvoller als alles, was man sich später noch so einfallen lässt, und dass man alles daransetzen muss, sie zu erfüllen, weil man sonst innerlich versteinert und seinen Lebenssinn verfehlt?
Was soll’s – ich muss mich nicht rechtfertigen, und vor mir selbst schon gar nicht. Zwei Kisten stehen vor mir: eine für alles, das ins Altpapier kommt, und eine für Dokumente, die ich aus irgendeinem Grund gerne noch aufheben möchte. Mein Blick fällt auf ein krakliges »ein Buch schreiben« in Orange. Schon verrückt, was man sich als Kind für eine Zukunft ausmalt. Was man glaubt, für Möglichkeiten zu haben. Ich werfe das Blatt zu den anderen, die schon in der Altpapierkiste liegen, und fahre mit dem nervigen, aber leider dringend notwendigen Ausmisten fort.
Mindmap:
Image ist alles:
A Conversation With My 12 Year Old Self (engl., 4 min):

