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Saturnoff
Ich betrete den Korridor. Es ist der letzte der Ausstellung. Ich habe ihn mir als Höhepunkt meines Besuchs aufgespart. Und tatsächlich: die Aussicht ist atemberaubend.
Für so ziemlich alles gibt es irgendwo auf der Welt ein Museum, eines für Hundehalsbänder in London, eines mit Phalli in Husavik auf Island, ein Museum of The Little Prince und sogar, ungelogen, eines aus lauter Lügen in Gantikow. Aber hätten Sie gedacht, dass es auch ein »Museum der Korridore« gibt? Es findet sich in Florenz, und angesichts des klassizistischen Ambientes der Stadt kann es sehr erfrischend sein, sich in der eklektischen Auswahl an Korridoren zu verlieren, die hier dem Besucher geboten werden.
Es bietet sich an, zuerst in den Keller hinabzusteigen. Hier haben die jungen Museumsmacher berühmte archäologische Korridore nachgebildet: Man folgt Carters Fußstapfen hinunter in Tutenchamuns Grab, gerät in den Grabungsschacht, mit dessen Hilfe chinesische Archäologen die Terrakottaarmee freilegten, und tritt staunend zwischen die Stelen von Göbekli Tepe.
Im Erdgeschoss kann man in Gemälde hineinschlüpfen – die Museumsbetreiber machen hier Korridore der Kunstgeschichte dreidimensional erlebbar: Ich betrete Bilder von unter anderem M. C. Escher, Giorgio de Chirico und René Magritte – ein metaphysisches und manchmal surrealistisches Vergnügen.
Durch einen etwas morbide angehauchten Trakt mit Korridoren aus Computerspielen – beispielsweise aus Myst, Limbo, American McGee’s Alice sowie Echochrome (das, wie auf der Hinweistafel steht, im japanischen Original 無限回廊, Mugen kairō und damit »unendlicher Korridor«, heißt) – gelange ich in den Anbau, der ganz dem Film gewidmet ist.
Ein Korridor des Erzfrachters Nostromo führt in den der Raumstation aus Tarkowskis Solaris und weiter in Das Boot. Von hier aus betritt man einen Korridor aus Hogwarts, der in einen Korridor auf Magrathea (in der Kinoverfilmung von Per Anhalter durch die Galaxis) übergeht, welcher wiederum einen ohne Umwege in die Hotelflure von The Shining landen lässt, von dem aus man ins »Das Haus, das Verrückte macht« aus Asterix erobert Rom kommt, um schließlich – durch den ein wenig grusligen Korridor aus Being John Malkovich kriechend – in einem Korridor im Raumschiff Dark Star des gleichnamigen Films zu landen, von dem aus mich ein Alien, das einem farbenfrohen Plastikball gleicht, ins nächste Stockwerk jagt.
Hier durchschreite ich wieder »echte« Korridore wie den aus dem Archäologischen Nationalmuseum Maltas, der wiederum einen Korridor im neolithischen Hypogäum auf Malta nachbildet, den schwebenden gläsernen Korridor aus dem futuristischen schwedischen Pionen mit den Servern, auf denen Wikileaks seine Daten lagert, oder die Galleria degli Specchi aus Mantua, deren Spiegel die Korridore und den Besucher unendlich vervielfältigen – ein Anklang an Citizen Kane, so wie eigentlich, verzerrt manchmal und oft nur verschwommen, all diese Korridore einander widerspiegeln.
Es gibt noch das Dachgeschoss mit Korridoren des 20. und 21. Jahrhunderts wie dem zu Anne Franks Versteck oder dem Gang im Weißen Haus, in dem es zum berühmten Blowjob ohne Inhalieren kam. Doch ich brauche nach all den Gängen und Treppen dringend einen Espresso und beschließe, gleich zum Museumsshop weiterzugehen. Denn wie ich dem kleinen Plan entnehme, der auf die Rückseite meines Tickets gedruckt ist, erwartet mich auf dem Weg zum Ausgang der eigentliche Höhepunkt des Rundgangs: der Korridor des Pan.
Ich betrete einen gläsernen Tunnel, der mich ins All versetzt. Eine fantastische Installation: Über meinem Kopf und unter meinen Füßen erstreckt sich der Saturnring, und darunter dreht sich, langsam und majestätisch, der Planet Saturn selbst, auf den der Ring einen gestochen scharfen Schatten wirft. In seiner beigefarbenen Atmosphäre kann ich einzelne Ammoniakwolken erkennen. Dort, wo ich mich befinde, ist eine Lücke im Saturnring – als sei ich selbst der Mond Pan, der als Schäfermond den Ring durchfliegt und dort einen freien Bereich ohne Partikel geschaffen hat: Pans Korridor. Einen Moment lang vergesse ich völlig, dass ich mich in einem Museum befinde. Die Illusion ist perfekt, der Anblick atemberaubend – allein schon dieser Moment, bei dem man das Gefühl hat, mit dem Saturn in Greifweite im All zu schweben, ist den Eintrittspreis wert.
Als eine italienische Familie mit einer Horde Kinder den gläsernen Tunnel betritt, wird es Zeit für mich zu gehen. Im Shop des Museums habe ich wieder festen Boden unter den Füßen und erstehe eine Postkarte mit einem Foto der Raumsonde Cassini. Es zeigt, winzig klein, den Saturnmond Pan in seinem Korridor zwischen den Ringen. Das Pünktchen auf der Postkarte, das dort, wenn man genau hinsieht, in der schmalen Schwärze des Raumes schwebt, könnte genauso gut auch mich zeigen.
Lügenmuseum:
Göbekli Tepe:
Asterix erobert Rom (Filmausschnitt):
Hypogäum:
Pan’s Corridor (engl.):

