Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Report

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Das Titelbild zeigt ein Schlafzimmer mit großem Bett auf Podest, umgeben von verschiedenen Klangschalen und einem Gongständer, zu dem ein oranger Schlauch verläuft. Ein digitaler Button zeigt eine mechanische Lotusblüte.

♫ Druck­luft-Medi­ta­tion (Ura­ni­borg-Mix) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, falls man das so sagen kann, denn eigent­lich skype ich nur, und es ist mein Gesprächs­part­ner, der mit sei­nem Lap­top auf dem Arm den Kor­ri­dor betritt, um mich mit ins Stu­dio zu neh­men. »Ura­ni­borg« heißt es, und ihn soll ich Tycho nen­nen, was gut zusam­men­passt, denn die soge­nannte »Him­mels­feste« war einst die For­schungs­sta­tion des däni­schen Astro­no­men Tycho Brahe.

Die­ser Tycho jedoch ist Musi­ker, und genau darum geht es mir auch: um Musik für meine Texte. Obwohl ich ihn gerade nicht sehe, weil die Web­cam mir wackelnde Bil­der des Kor­ri­dors zum Stu­dio zeigt, wie­der­hole ich zur Vor­sicht noch ein­mal, was ich Tycho schon in mei­ner E‑Mail geschrie­ben hatte, in das Mikro mei­nes Head­sets: »Ich kann euch aller­dings nichts dafür zah­len.«

»Hast du ja schon geschrie­ben«, sagt er und öff­net eine schall­ge­dämmte Tür. Ich hatte Syn­the­si­zer­bur­gen und einen Hau­fen Instru­mente erwar­tet. Aber der große, helle Raum mit Pan­ora­ma­fens­tern in den Gar­ten ent­hält neben einer von Klang­scha­len unter­schied­li­cher Größe umstan­de­nen Liege nicht viel mehr als ein Key­board. Die­ses lässt sich unter dem Schreib­tisch, vor dem ein Kla­vier­ho­cker steht, offen­bar her­aus­zie­hen. Den zahl­rei­chen Kabeln auf dem Tisch ent­nehme ich, dass hier ein Com­pu­ter ange­schlos­sen wird – ver­mut­lich nimmt Tycho dafür sonst den, mit dem er mich gerade her­um­trägt.

»Will­kom­men in Ura­ni­borg«, sagt Tycho. Er stellt den Lap­top auf dem Tisch ab und ver­deckt mit sei­nem Gesicht die Klang­scha­len­kon­struk­tion.

»Was ist das für eine Liege hin­ter dir? Ist das für eine Klang­mas­sage?«, frage ich neu­gie­rig.

»Oh, das«, sagt er, »wir expe­ri­men­tie­ren gerade mit Sound­scapes, die der Haut­wi­der­stand des­je­ni­gen steu­ert, der sich in die Liege legt. Sie wird mit Druck­luft betrie­ben.« Tat­säch­lich erkenne ich hin­ter ihm zwi­schen den Klang­scha­len einen eigen­ar­ti­gen Mecha­nis­mus mit Schläu­chen und chrom­glän­zen­den Kol­ben.

»Möch­test du auch mal? Wol­len doch mal sehen, was für einen Haut­wi­der­stand der Com­pu­ter hat …« Das Bild kippt. Tycho setzt sein Lap­top auf die Liege. Mit des­sen ein­ge­bau­ter Web­cam habe ich jetzt einige der Klang­scha­len im Blick. Der Druck­luft­per­kus­sio­nist beginnt zu zischen und zu stamp­fen und bewegt die Klöp­pel, und bald umhül­len mich hyp­no­ti­sche Sphä­ren­klänge.

»Bevor ich hier ganz weg­drifte …«, rufe ich in mein Head­set, und da kippt auch schon wie­der das Bild, und Tycho setzt mich, nach­dem er die Press­luft­ma­schi­ne­rie abge­schal­tet hat, wie­der auf den Tisch. Auch er stülpt sich jetzt ein Head­set auf. Die Klang­scha­len hin­ter ihm hal­len noch lange nach.

»Wie bist du auf mich gekom­men?«, fragt er neu­gie­rig. »Warst du auf einem mei­ner Schlaf­kon­zerte?«

Ich schüttle den Kopf: »Noch nicht. Ich hab ein paar Tracks von euch im Inter­net gehört und dachte …« Ja, was hab ich mir eigent­lich dabei gedacht?

»Du willst eine Reihe von Tex­ten ver­öf­fent­li­chen und hät­test gern jeweils einen klei­nen Sound­track dazu. Hab ich das rich­tig ver­stan­den?«

»Genau«, sage ich.

Ich hatte schon in der E‑Mail ein biss­chen von mir erzählt: Dass ich im Bau­amt einer klei­nen Stadt in den neuen Bun­des­län­dern arbeite, da wenig zu tun habe, aber beschäf­tigt wir­ken will, weil ich am Gang zu den Toi­let­ten sitze und die Kol­le­gen mich hin­ter der Glas­tür gut sehen kön­nen, und dass ich ange­fan­gen habe, kleine »archi­tek­to­ni­sche« Skiz­zen in den Com­pu­ter zu tip­pen, inspi­riert von den Anträ­gen auf mei­nem Schreib­tisch und den Besich­ti­gun­gen und Abnah­men, bei denen ich manch­mal dabei­sein darf.

Und dass ich Musik brau­che für die Ver­öf­fent­li­chung. Viel Musik. Unge­wöhn­li­che Musik. Musik, die Bil­der im Kopf macht.

»Das Laby­rinth des Mino­tau­rus«, sagt er nach­denk­lich.

»Ja. Ich hab dir ein paar Mino­tau­rus-Frag­mente geschickt, weil das doch auch mal Thema eurer Schlaf­kon­zerte war und in der Musik vor­kommt. Das ver­bin­det uns sozu­sa­gen. Am 11. Novem­ber will ich anfan­gen.«

»So bald schon?« Mir rutscht das Herz in die Hose, als er das sagt. Ich bin viel zu spät dran mit mei­ner Suche nach Musik. Aber kleine Sound­tracks zu den Geschich­ten wären mein Traum, und den will ich nicht so ein­fach auf­ge­ben.

»Was macht«, fragt er, »eine junge Frau wie du als Sach­be­ar­bei­te­rin im Bau­amt?«

»Ich hab in Leip­zig Geschichte und Ori­ent­wis­sen­schaf­ten stu­diert, aber als His­to­ri­ke­rin nichts gefun­den. Tja und da … Jeden­falls dür­fen meine Kol­le­gen nichts von mei­nen lite­ra­ri­schen Ambi­tio­nen wis­sen.«

Tycho lächelt ein wenig spitz­bü­bisch: »Ich ver­rat kei­nem was. Wie viele Texte lie­gen denn schon vor?«

»Einen ers­ten Schwung habe ich schon, und ich will immer min­des­tens drei, vier im Vor­aus fer­tig haben. Was die Zuord­nung der Musik angeht, würde ich euch völ­lig freie Hand las­sen. Es sol­len ins­ge­samt knapp, äh, vier­hun­dert wer­den.«

Er zuckt bei der Zahl nicht zusam­men. Schon mal gut.

»Ich weiß«, fahre ich has­tig fort, »dass es urst viel ver­langt ist, aber …« Tycho unter­bricht mich: »Kein Pro­blem. Wir haben mas­sig Mate­rial im Archiv, alles unver­öf­fent­licht. Aber es sind schräge Sachen dabei.«

»Find ich super«, sage ich.

Tycho muss bei so viel Enthu­si­as­mus grin­sen: »Das wären dann Dro­nes, Sound­scapes, kom­po­si­to­ri­sche Skiz­zen, Stu­dio-Ses­si­ons, Field Recor­dings, psy­cho­ak­tive Klang­ex­pe­ri­mente …«

»Na, das klingt doch alles ganz schau! Was die jewei­lige Dauer betrifft, hab ich gedacht, die Musik sollte immer in etwa so lange dau­ern, wie man zum lau­ten Lesen braucht, also so zwi­schen sie­ben Sekun­den und sie­ben Minu­ten.«

»Okay. Schick mir einen Text, und vier­und­zwan­zig Stun­den spä­ter hast du einen Sound­track dazu. Sollte dir ein Stück nicht zusa­gen, kriegst du ein ande­res.«

Wow. Ich kann mein Glück gar nicht fas­sen. Meine geplante Ver­öf­fent­li­chung bekommt eine Begleit­mu­sik! Aber …

»Aber was«, frage ich besorgt, «wenn dir meine Texte nicht zusa­gen?«

Tycho ver­zieht keine Miene: »Wird nicht pas­sie­ren. Ich les sie gar nicht, son­dern guck nur, wie lang sie jeweils sind.« Er lässt sich nichts anmer­ken – außer einem klei­nen Fun­keln in sei­nen Augen, das mir ver­rät, dass er das wohl nicht ganz ernst meint.

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Das Titelbild zeigt eine bunte, abstrakte Darstellung eines langen Flurs mit vielen Türen, überlagert von zahlreichen "NO!"-Schriftzügen in verschiedenen Größen und Farben. Links unten sitzt eine große bunte Fliege.

♫ Mein Leben als Frucht­fliege ♫

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Ich betrete den Kor­ri­dor und pfeife ein fröh­li­ches Lied. Ich weiß schon, wen ich hier so früh mor­gens auf mei­nem Weg vom Schlaf­zim­mer ins Bad und dann gleich wei­ter ins Arbeits­zim­mer tref­fen werde. Näm­lich Sie. Sie selbst – doch, doch, gehen Sie mal in sich, und dann wis­sen Sie’s, wo Sie sich kurz vor dem Auf­wa­chen in Ihren Träu­men her­um­trei­ben. Bei mir im Flur! Und: Ich bin sehr dank­bar dafür, denn Sie sind meine Qua­li­täts­kon­trolle.

Ich tanze da also an, im Schlaf­an­zug und mit ver­strub­bel­ten Haa­ren, und da ste­hen Sie und fra­gen mit erns­tem Gesicht: »Und?« (Na, kommt Ihnen da etwas bekannt vor?)

Ich sprudle dann ganz begeis­tert meine Ideen der Nacht her­vor – für wei­tere tolle Kor­ri­dor­ge­schich­ten, bei­spiels­weise: »Eine Minia­tur über einen Chi­ne­sen, der kein R aus­spre­chen kann – fängt an mit ›Ich bet­lete den Kol­l­idol‹!« Und Sie ste­hen da und schüt­teln den Kopf mit die­sem typi­schen nur gaa­anz leicht abfäl­li­gen Lächeln. (Klingelt’s schon?)

Ich lasse mich nicht in mei­ner Eupho­rie dämp­fen: »Gut, gut, dann nicht. Aber dafür die Kor­ri­dor­ge­schichte mit unse­rer Kin­der­ge­heim­spra­che zu Hause: ›Ich­te­fich betefe-tre­tefe-tetefe dete­fen Kor­te­for-ritefi-dor­te­for‹!« Wie erwar­tet, ver­dre­hen Sie die Augen: »Blö­te­föd!« (Ganz schön schlag­fer­tig von Ihnen.)

»Okay, dann der Papst«, sage ich und fahre mir mit der Hand durchs zer­zauste Haar, weil ich mich zu erin­nern ver­su­che, was ich mir da aus­ge­dacht hatte. »Zuerst weiß man natür­lich nicht, um wen es sich han­delt. Er geht Schritt für Schritt auf den Bal­kon zu, vor dem ihn eine unüber­schau­bare Men­schen­menge, wo ihn Fern­seh­ka­me­ras und Mikro­fone erwar­ten, und for­mu­liert im Geist seine Anspra­che – eine böse Anklage an seine Gemeinde, dass sich alle wie törichte Schafe ver­hal­ten und offen­bar nicht in der Lage sind, ihren gott­ge­ge­be­nen Ver­stand ein­zu­schal­ten und die Mensch­heits­ge­schichte in halb­wegs ver­nünf­tige Bah­nen zu len­ken. Dann tritt er an die Brüs­tung, lächelt in das Meer von Men­schen, die erwar­tungs­voll zu ihm auf­schauen, und sagt doch nur wie­der ›Urbi et orbi‹! Na?« Für einen kur­zen Moment star­ren Sie mich an, als woll­ten Sie gleich in Trä­nen aus­bre­chen. Sie öff­nen den Mund, aber es kommt nichts her­aus. »Nicht gut?«, frage ich mit einem treuen Dackel­blick, der mir aber wie­der mal nichts nützt, weil Sie nur lang­sam und nach­drück­lich den Kopf schüt­teln. (Da soll­ten sich aber spä­tes­tens jetzt die ers­ten Erin­ne­rungs­fet­zen ein­stel­len.)

»Na schön, dann neh­men wir den Jun­gen im Gym­na­sium, der mit einem Gewehr die Kor­ri­dore zwi­schen den Klas­sen­zim­mern betritt und sich über­legt, wie er bei sei­nem Amok­lauf am bes­ten …« Ihre Bewe­gung lässt mich inne­hal­ten: Sie bei­ßen sich in die Faust. Das soll wohl hei­ßen: uner­träg­lich und völ­lig dane­ben. Schade. »Könnte ein Tweet wer­den«, füge ich noch fle­hent­lich an, »ganz kurz.« Doch Ihr kur­zes und tro­cke­nes Lachen, in dem nicht wenig Ver­zweif­lung mit­klingt, sagt mir, dass das Pro­blem die­ser Idee nicht in ihrer Länge liegt. (Über­prü­fen Sie ruhig mal die Knö­chel Ihrer rech­ten Hand auf Biss­spu­ren. Zeich­net sich da was ab?)

»Dann hätte ich da noch einen jüdi­schen KZ-Häft­ling zu bie­ten«, schlage ich vor, und an die­ser Stelle ist Ihr Blick ein­fach unbe­zahl­bar: diese Erwar­tung von etwas Schreck­li­chem, und wie Sie instän­dig hof­fen, es ist nicht wahr, aber natür­lich fahre ich uner­bitt­lich fort: »Er betritt den Kor­ri­dor auf dem Weg zur Gas­kam­mer und …« Ein Laut ent­ringt sich Ihrer Kehle, eine Mischung aus Röcheln, Gur­geln und Schluch­zen, ganz kurz nur – ich bre­che ab, denn ich will den Bogen nicht über­span­nen. Am bes­ten sind die Momente, wenn Sie die Augen zum Him­mel ver­dre­hen und die Hände heben, als könne eine Macht von da oben die­sen unauf­hör­li­chen Strom halb­ga­rer oder gänz­lich unaus­ge­go­re­ner Ideen zum Ver­sie­gen, mich end­lich zum Schwei­gen und damit der Welt Erlö­sung brin­gen. Das machen Sie rich­tig gut. Ein Anblick für die Göt­ter sozu­sa­gen.

Natür­lich nicken Sie auch manch­mal gnä­dig, wenn Ihnen eine mei­ner Ideen mal nicht albern, puber­tär oder geschmack­los vor­kommt. Sonst würde es die­ses Blog ja auch nicht geben. (Ehr­lich gesagt schmuggle ich manch­mal etwas durch die strenge Qua­li­täts­kon­trolle durch. Wie diese Minia­tur hier.)

Hät­ten Sie nicht gedacht, was? Sie und ich früh­mor­gens im Kor­ri­dor zwi­schen mei­nem Schlaf­zim­mer und mei­nem Bad – und dann der ganze Schmu, den Sie sich jedes Mal anhö­ren müs­sen. Dür­fen Sie sich eigent­lich auch gar nicht dran erin­nern, denn sonst wür­den Sie ja schon alles ken­nen, was hier im Blog erscheint. Das ist ver­mut­lich genau der Grund, warum wir fast alles von unse­ren nächt­li­chen Träu­men ver­ges­sen: Sonst wär’s ein­fach nur lang­wei­lig.

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Das Titelbild zeigt einen Blick auf eine prunkvolle Theaterbühne mit geschlossenem, mehrfarbigem Vorhang und einem Rednerpult davor, umgeben von reich verzierten goldenen Stuckelementen und roten Sitzreihen im Zuschauerraum. Ein zerknüllter Zettel liegt neben dem Rednerpult.

♫ This Sud­den Hal­le­lu­jah Fee­ling ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Einen Moment lang bin ich hier allein. Gleich wird mein Name fal­len, und ich soll raus auf die Bühne tre­ten. In dem Leih-Frack ist mir unwohl. Mit der Fliege am Revers fühle ich mich wie zum Kar­ne­val ver­klei­det. Ich schwitze in dem unge­wohn­ten Auf­zug, und als ich mir über die Stirn wische, sind da auch schon die ers­ten Schweiß­per­len. Oh Mann! An mei­nen Magen darf ich gar nicht den­ken. In was für eine Situa­tion habe ich mich da nur gebracht?

Dabei – führe ich mir vor Augen – habe ich doch jetzt end­lich die Chance, viele Men­schen zu errei­chen. Aber was soll meine Bot­schaft sein? Wie kann ich etwas bewir­ken, nicht nur in der Presse und der Blogo­sphäre, son­dern ganz hand­fest in der Welt?

Meine schweiß­feuch­ten Fin­ger umklam­mern den Zet­tel in der Frack­ta­sche mit den Noti­zen für meine Dan­kes­rede. Dies ist die eine von zwei Ver­sio­nen, die offi­zi­elle, die ich mit den Ver­an­stal­tern abspre­chen musste. Die andere, inof­fi­zi­elle, geheime, exis­tiert nur in mei­nem Kopf: eine Kampf­an­sage ans Estab­lish­ment, ein flam­men­der Auf­ruf gegen die all­ge­gen­wär­tige Pro­fit­gier und die gedan­ken- und gna­den­lose Plün­de­rung unse­rer Res­sour­cen – der lite­ra­ri­schen und mytho­lo­gi­schen, die unse­ren Kin­dern eine leere und lebens­feind­li­che Welt aus lau­ter Wort­hül­sen hin­ter­las­sen wird.

Vom Saal her dringt gedämpft Applaus zu mir. Gleich ist es soweit. Ich zer­knülle den Zet­tel in mei­ner Frack­ta­sche und inner­lich den mit den Noti­zen für meine Revo­lu­ti­ons­rede. Ich werde da raus­ge­hen, den Kor­ri­dor ver­las­sen und die Bühne betre­ten, um dann ein­fach das zu sagen, was mir ein­fällt – indem ich mit dem Satz anfange, den ver­mut­lich alle von mir erwar­ten, ob sie’s wis­sen oder nicht, und dann impro­vi­siere, wie ich es immer tue, immer schon getan habe.

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Das Titelbild zeigt vier schwarz-weiße Porträts: James Joyce mit roter Augenklappe, David Foster Wallace mit roter Krawatte, Franz Kafka mit roten Jackenknöpfen,und eine Person, die ihr Gesicht mit den Händen bedeckt.

♫ Si on n’a pas ce qu’on aime ♫


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»Ich betrete den Kor­ri­dor« sei ein­fach kein guter ers­ter Satz, heißt es in vie­len der Ableh­nungs­schrei­ben, selbst und gerade denen der ten­den­zi­ell künst­le­risch aus­ge­rich­te­ten Ver­lage. Ich kann das nicht ganz nach­voll­zie­hen. Die­ser Satz ist a) schlicht und unmiss­ver­ständ­lich, b) vol­ler Bewe­gung, ruft c) ein Bild im geis­ti­gen Auge des Lesers her­vor und weckt d) die Erwar­tung kom­men­der Ereig­nisse. Damit hat er doch – oder täu­sche ich mich da? – sogar mehr Poten­zial als bei­spiels­weise

  • »fluss­lauf, vor­bei an Ev’ und Adams, vom küs­ten­knick zum bug der bucht, bringt uns auf kom­mo­dem vicus zirkl wie­der zurück zu Howth Cas­tells Engrer umge­bung« – wo sich über a) strei­ten ließe – oder
  • »Ich befinde mich im Büro, umge­ben von Kör­pern und Köp­fen« – bei dem b) wohl eher gering aus­ge­prägt ist – oder etwa
  • »Es war spät abend als K. ankam« – ein Ein­gangs­satz, der wie­derum für c) ein wenig zu schlicht ist.
  • Bleibt d) und damit die Hoff­nung, viel­leicht ja doch noch irgendwo Anklang zu fin­den …

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    Das Titelbild zeigt ein offenes altes Buch auf einem Holztisch vor einer Wand mit hohen, komplett mit alten Büchern gefüllten Regalen in einem runden Raum. Das Buch wiederum zeigt einen ähnlichen, mit Büchern gefüllten Raum ohne aufgeschlagenes Buch.

    ♫ Mal­trä­t­a­rium ♫


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    Ich betrete den Kor­ri­dor. Seine Wände bestehen fast zur Gänze aus Buch­rü­cken. (Die Bände sind hier nicht wie in den Instal­la­tio­nen von Matej Krén oder im Anti­qua­riat von Ishwori Sap­kota in Kath­mandu fugen­los quer­ge­sta­pelt und womög­lich noch durch Spie­gel zu einem end­lo­sen begeh­ba­ren Buch­tun­nel ver­län­gert, son­dern drän­gen sich hier senk­recht über­ein­an­der­ge­stellt.) Ich lege mei­nen Kopf schräg und stu­diere ver­blüfft die Titel. Hier scheint sich jemand einen selbst­re­fe­ren­zi­el­len Scherz gemacht zu haben.

    Rücken an Rücken ste­hen dort unter ande­rem

    • Im Kor­ri­dor der Sterne von Alex­an­der Kai­ser,
    • Le deu­xieme cou­loir von Geor­ges Bar­guet,
    • Cor­ri­dor of Storms von Wil­liam Sara­bande,
    • The Cor­ri­dors of Time von Poul Ander­son neben
    • Cor­ri­dors of Time: 1,700,000,000 Years of Earth at Grand Can­yon mit einer Ein­lei­tung von Carl Sagan,
    • Har­lan Ellison’s Dream Cor­ri­dor Volume 2 (wo ist Band eins?),
    • Kor­ri­dor der Bli­cke von Camill Lebe­rer,
    • Cor­ri­dors of Light von Ele­a­nor G. Brown, Ph. D.,
    • Petits bruits de cou­loir von Phil­ippe Guil­lard,
    • Il decimo cor­ri­doio von Marco Meini,
    • L’ul­tima stanza in fondo al cor­ri­doio von Ales­san­dra Bri­sotto,
    • Cor­ri­dor de Vie von Camille Saba­tier,
    • Cor­ri­dors of the Mind von Caro­line Lup­fer Kurtz,
    • The Locked Cor­ri­dor von Mari­lyn Ross,
    • The Cor­ri­dors of Fear von Cla­rissa Ross,
    • Der lange Kor­ri­dor – ein Arzt­ro­man von Cathe­rine Cook­son,
    • Der sil­berne Kor­ri­dor von Har­lan Elli­son (hier etwa? Nein!),
    • The Gol­den Cor­ri­dor von Jody and Ric Hor­nor,
    • The Smoky Cor­ri­dor: A Haun­ted Mys­tery von Chris Gra­ben­stein,
    • La mistica nel cor­ri­doio von Luis Casa­sús Latorre,
    • das Comic Sun­set Cor­ri­dor von Régis Franc,
    • Der dunkle Kor­ri­dor – klas­si­sche Erzäh­lun­gen aus Russ­land von Hanjo Kes­t­ing,
    • Yao ye hui lang von Julian Lee,
    • Night Cor­ri­dor von Joan Hall Hovey,
    • Cor­ri­dors by Cand­le­light: A Family Album with Words von Anna Clyde Plunkett,
    • Der schwarze Kor­ri­dor von Michael Moor­cock,
    • Flucht aus dem Grauen Kor­ri­dor von Clark Darl­ton,
    • Les cou­loirs de l’e­s­poir von Corinne Vom­scheid,
    • The Cor­ri­dor of Mul­lah-Kajar and Other Sto­ries von J. M. DeMatt­eis und Roy Tho­mas,
    • Tumit­hak of the Cor­ri­dors von Charles R. Tan­ner,
    • Il cor­ri­doio del fla­mi­nio von Aldo Tof­foli,
    • Le cor­ri­dor des inv­en­dus von Ber­nard A. Che­va­lier,
    • Cor­ri­dor of Whis­pers von Edwina Noone,
    • Dans les cou­loirs du laby­rin­the von Emma­nuel Mata­teyou,
    • Echoes Down the Cor­ri­dor von Arthur Mil­ler,
    • L’En­fant dans le cor­ri­dor von Yves Thi­bault,
    • L’homme assis dans le cou­loir von Mar­gue­rite Duras,
    • The Ladies of the Cor­ri­dor von Doro­thy Par­ker,
    • Série X numéro 122: Dans le cou­loir de l’a­mour von Tracy O’Toole,
    • La fille au bout du cou­loir von Jac­que­line Remy,
    • Ma prin­cesse dis­pa­rait dans le cou­loir von Bri­gitte Sma­dja,
    • Mon père s’est perdu au fond du cou­loir von Phil­ippe Gar­nier und
    • La vérité est au bout du cou­loir von Sam Richez,

    dazwi­schen die Dreh­bü­cher zu

    • Kor­ri­do­ren von Bengt Bratt, Bengt Fors­lund und Jan Hall­d­off,
    • White Cor­ri­dors nach einem Roman von Helen Ash­ton,
    • Cor­ri­dor of Mir­rors nach einem Roman von Chris­to­pher Mas­sie,
    • Les cou­loirs du temps: Les visi­teurs 2 von Chris­tian Cla­vier und Jean-Marie Poiré,
    • Whis­pe­ring Cor­ri­dors (여고괴담) von In Jung-ok und Park Ki-hyung sowie
    • Shock Cor­ri­dor von Samuel Ful­ler

    plus eine Video­cassette mit der hand­schrift­li­chen Auf­schrift

    • En el cor­re­dor de la muerte,

    dann wei­tere Bücher:

    • Cor­ri­dor Eco­logy: The Sci­ence and Prac­tice of Lin­king Land­scapes for Bio­di­ver­sity Con­ser­va­tion von Jodi Hilty u. a.,
    • Cor­ri­dor naar de Rijn von Hen Bol­len,
    • Ost­preus­sen und der Pol­ni­sche Kor­ri­dor von Wil­helm Deu­ti­cke,
    • Club és foly­osó: Poli­ti­kai ötle­tek és raj­zok von Kál­mán Mik­száth,
    • The Per­sian Cor­ri­dor and Aid to Rus­sia von T. H. Vail Mot­ter,
    • Le cou­loir de Dant­zig von Géné­ral Gomer Cas­taing,
    • Der Gansu-Kor­ri­dor: Bar­ba­ren­land dies­seits und jen­seits der Gro­ßen Chi­ne­si­schen Mauer von Sabira Stahl­berg,
    • L’île au bout du cor­ri­dor von Marie-Antoi­nette Liau­det,
    • Camera e stanze – Il cor­ri­doio rac­conta von Lucio Tisi,
    • Kubis­mus im Kor­ri­dor von Susanne Friedli u. a.,
    • der Foto­band Kor­ri­dore der Welt – Orte der Um- und Ein­kehr,
    • Au-delà du cou­loir von Marion Bro­deau,

    sogar ein Band mit dem Titel

    • Ana­ly­sen der Ver­kehrs­wege zwi­schen dem alten und neuen Bun­des­ge­biet dar­ge­stellt am Kor­ri­dor Rhein-Main und Thü­rin­gen-Sach­sen,
    • die Span­nen­den Geschich­ten Nr. 71 Deut­sche Pan­zer durch­bre­chen den Kor­ri­dor,
    • Le cor­ri­dor des Pan­zers (Vol. 1 und 2),
    • Kory­tarz śmierci von Perry Moore,
    • Through the Cor­ri­dor von Daniel Pear­son,
    • Run­ning Through Cor­ri­dors: Rob and Toby’s Mara­thon Watch of Doc­tor Who von Robert She­ar­man und Toby Hadoke,
    • Im Kor­ri­dor geht der Mond von Eli­sa­beth Alex­an­der,
    • „Cun­ning pas­sa­ges, con­tri­ved cor­ri­dors“: Unex­pec­ted Essays in the History of Lexi­co­gra­phy von Michael Adams,
    • Voci dal cor­ri­doio del­l’­anima von Trotti Nardo,
    • Le cou­loir de la pieu­vre von Oli­vier Des­cosse,
    • Meine Freunde zie­hen mit einer fahr­ba­ren Plas­tik­maus über den Kor­ri­dor von Tho­mas Böhme,
    • God in the Cor­ri­dors of Power von Michael Ryan und Les Swit­zer,
    • Mes­sa­ges de vie du cou­loir de la mort von Roger W. McGo­wen,
    • Memo­rias del cor­re­dor de la muerte von Joa­quín José Mar­tí­nez,
    • Chi­me­ri­cal Cor­ri­dors von S. Vasuki,
    • El ent­ren­a­mi­ento del cor­re­dor de ori­ent­a­ción vom spa­ni­schen Minis­te­rio de Edu­ca­ción,
    • Por­tals and Cor­ri­dors: A Visio­nary Guide to Hyper­space Tra­vel mit einem Vor­wort von Terence McKenna,
    • Cor­ri­dor of Uncer­tainty von Paul Hill,
    • Para­nor­mal n12: Le cou­loir sans fin von Engle und schließ­lich
    • 100+ Stairs and Cor­ri­dors aus der Reihe 100+ Tips, Ideas von Fer­nando de Haro und Omar Fuen­tes.

    Letz­te­res hätte ich bes­ser nicht neu­gie­rig aus der Bücher­wand her­aus­ge­zo­gen, denn sie gibt unver­se­hens nach, stürzt zusam­men und begräbt mich unter sich.

    Als ich mich aus all den Kor­ri­do­ren end­lich wie­der her­aus­ge­wursch­telt habe, beschließe ich (wo ich schon ein­mal hier bin) die her­un­ter­ge­fal­le­nen Bücher alpha­be­tisch nach Autoren zu ord­nen. (Viel­leicht könnte ich sogar, wenn ich schon dabei bin, jeweils eine Pas­sage her­aus­schrei­ben und im Inter­net – viel­leicht als täg­li­ches Blog – ver­öf­fent­li­chen?)

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    Das Titelbild ist ein Polaroid, das einen Flur mit vielen farbigen Notizzetteln an den Wänden und Fäden, die zwischen den Zetteln gespannt sind, zeigt. Der Flur ist mit Teppich ausgelegt; ein altes Wählscheiben-Telefon steht auf dem Boden. Das Polaroid ist beschriftet mit "Situation Recreated".

    ♫ Clone Cham­ber ♫


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    Ich betrete den Kor­ri­dor, und auf der Stelle ist mein Ärger über die angeb­lich über­zäh­lige Pizza ver­ges­sen, die die Leute mir ein­fach wie­der mit­ge­ge­ben und dann nicht mal Trink­geld gezahlt haben. Nach dem Ärger mit dem Kun­den in einem Ber­li­ner Hin­ter­haus fällt mein Blick zwei Eta­gen tie­fer im Trep­pen­flur auf ein Klin­gel­schild mit dem Namen »Cory d’Or«.

    Könnte das der unbe­kannte Autor des obsku­ren Blogs Kor­ri­do­rium sein, von dem meine Frau so schwärmt? Kur­zer­hand klingle ich. Ein Sum­mer ertönt. Die Tür öff­net sich in einen lan­gen Flur, wie er für viele Ber­li­ner Alt­bau­woh­nun­gen typisch ist. »Nichts anrüh­ren!«, befiehlt mir eine mar­kige Stimme aus einem der angren­zen­den Zim­mer, ohne dass der Spre­cher sich zeigt.

    Fast fällt mir die Piz­za­schach­tel aus der Hand. Ich starre sprach­los auf Tau­sende hand­be­schrie­be­ner Kar­tei­kar­ten, die hier an die Wände und an die Decke gepinnt und teil­weise auf dem Boden aus­ge­legt sind. Von vie­len span­nen sich far­bige Fäden zu ande­ren, so dass im Flur kaum ein Durch­kom­men ist – nicht ohne das fili­grane Geflecht zu zer­stö­ren jeden­falls. Es sieht aus wie eine regen­bo­gen­bunte Kunst­in­stal­la­tion. Fas­zi­niert ver­su­che ich, einige der Kar­tei­kar­ten zu lesen, doch da ertönt erneut die Stimme: »Legen Sie die Bücher auf den Entrée­kas­ten. Dort liegt das Geld für Sie.«

    Cory muss mich mit jeman­dem ver­wech­seln, den er erwar­tet. Entrée­kas­ten? Ich ent­de­cke an der Wand eine Holz­ver­scha­lung mit meh­re­ren Anzei­gen hin­ter Glas, offen­bar eine ehe­ma­lige Ruf­an­lage für Dienst­bo­ten. Dar­auf liegt Geld. Viel Geld. Ich kann der Ver­su­chung nicht wider­ste­hen und ste­cke es ein. Has­tig lege ich die über­zäh­lige Pizza auf den Kas­ten, ziehe ich mich zurück, gerate in Panik, lasse die Tür offen­ste­hen, renne die Treppe hin­un­ter und schwinge mich has­tig auf mei­nen Motor­rol­ler …

    Wie behäm­mert von mir! Was habe ich mir nur dabei gedacht?!

    Natür­lich traute ich mich nicht mehr zurück, das Geld ist längst auf­ge­braucht, und irgend­wem von die­ser Begeg­nung zu erzäh­len, habe ich bis heute nie gewagt. Es ist wohl auch keine Ent­schul­di­gung, dass ich – mit einem Dok­tor in Astro­phy­sik und einem in Moral­phi­lo­so­phie – meine kleine Fami­lie müh­sam als Piz­za­bote ernäh­ren muss.

    (per E‑Mail)

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    Das Titelbild zeigt eine surreale, detailreiche Darstellung eines langen, von Augen und Sternen gesäumten Gangs mit bizarren Kreaturen und Figuren auf einem holzplankierten Boden. Im Hintergrund schwebt ein Satellit.

    ♫ nThe Hip­p­ar­cos Orbit (Astro­no­mers‘ Night­mare Mix)nnn ♫


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    Ich betrete den Kor­ri­dor, schau­dernd und vol­ler böser Vor­ah­nun­gen. Unzäh­lige Kor­ri­dore aus tau­sen­den Alp­träu­men kul­mi­nie­ren wie­der ein­mal zum ulti­ma­ti­ven Schre­cken für mich. Gleich werde ich, wenn die Nacht am dun­kels­ten und stills­ten ist, schrei­end und schweiß­nass erwa­chen, und meine Katze wird wie­der ein­mal miau­end Reiß­aus aus dem Bett neh­men. Ich werde bis zum Mor­gen wach­lie­gen und dann wie jeden Frei­tag mei­ner The­ra­peu­tin von dem haar­sträu­ben­den Grauen berich­ten, das – in düs­te­ren, gespens­ti­schen Kor­ri­do­ren – in den sie­ben Näch­ten zuvor über die Weih­nachts­tage hin­weg auf mich lau­erte.

    Sie wird mir wohl wie­der raten, damit fort­zu­fah­ren, kleine Sto­rys dar­über nie­der­zu­schrei­ben, um mich von mei­nen Alp­träu­men zu befreien. Meine Sorge, dass diese Geschich­ten die nächt­li­chen Schre­cken über­haupt erst aus­lö­sen, teilt sie nicht.

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    Das Titelbild zeigt mehrere braune Flaschen mit Etiketten, auf denen "Bitter" steht, mit Tieren wie Elefant, Pferd, Einhorn und Nashorn. Die Flaschen sind überzogen mit spinnwebenartigen elektrischen Entladungen.

    ♫ Sraf ♫


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    Ich betrete den Kor­ri­dor. Groß­for­ma­tige Schwarz­weiß­fo­tos von Nas­hör­nern hän­gen an den Wän­den zwi­schen den Türen – Schnapp­schüsse mei­ner letz­ten Afri­ka­reise. Einen Augen­blick lang bleibe ich unschlüs­sig ste­hen. Was wollte ich hier noch? Nun, eigent­lich ist es gleich­gül­tig, wel­che der Türen im Kor­ri­dor ich wähle oder ob ich über­haupt wei­ter­gehe – zumin­dest für einen Anhän­ger der Viele-Wel­ten-Theo­rie wie mich, der davon aus­geht, dass sich durch jede Ent­schei­dung, die getrof­fen wird, so viele par­al­lele Wirk­lich­kei­ten bil­den, wie alter­na­tive Ent­schei­dun­gen mög­lich sind.
    Jetzt weiß ich’s wie­der: Ich will in den Rauch­sa­lon – rechte Tür. Aber das gilt nur hier. Ein Alter Ego von mir in einer ande­ren, ansons­ten völ­lig iden­ti­schen Welt öff­net jetzt die linke Tür und betritt das Bil­lard­zim­mer. Eine wei­tere Ver­sion von mir läuft ein­fach wei­ter bis zur Tür in den Gar­ten, was ebenso eine neue Welt erschafft, die die­ser hier ansons­ten bis aufs i‑Tüpfelchen gleicht, wie sich auch eine par­al­lele Wirk­lich­keit von der mei­ni­gen abspal­tet durch den von uns, der ein­fach kehrt macht und wie­der zurück in die Küche geht, um sich da noch einen zwei­ten (oder drit­ten oder vier­ten …) Magen­bit­ter zu geneh­mi­gen.
    Sie ver­ste­hen, wor­auf ich hin­aus­will?

    Was immer ich mache – letzt­lich mache ich in Form unzäh­li­ger Inkar­na­tio­nen, die ebenso zahl­lose Par­al­lel­wel­ten bevöl­kern, alles. Allein eine banale Hand­lung wie das Betre­ten eines Kor­ri­dors kre­iert bereits eine Viel­zahl von Wel­ten. Und das ist keine phi­lo­so­phi­sche Spin­ne­rei, son­dern schlicht die Kon­se­quenz, die Phy­si­ker aus aus­ge­klü­gel­ten Expe­ri­men­ten zie­hen.

    Irgendwo im Mul­ti­ver­sum hän­gen in die­sem Kor­ri­dor Farbfotos von Nas­hör­nern. Oder Fotos von Giraf­fen. Oder von Einhör­nern. Oder es sind alte Stumm­film­pla­kate.

    Irgendwo bin ich ein Ein­bre­cher in die­sem Kor­ri­dor. Oder ein Besu­cher. Der Gerichts­voll­zie­her. Oder die Putz­frau.

    Irgendwo toben meine Kin­der durch die Gänge. Gab es einen Bür­ger­krieg, und das Haus ist bis auf die Grund­mau­ern nie­der­ge­brannt. Liegt alles wie aus­ge­stor­ben da, weil eine Seu­che das Land ent­völ­kert hat. Fei­ern ich, meine Fami­lie und Freunde ein beschwing­tes Fest, weil ab heute auf die­sem Pla­ne­ten end­lich kein Mensch mehr hun­gern muss.

    Schon ziem­lich irre, wel­che Hori­zonte sich da eröff­nen. Lei­der weiß ich das nur in der Theo­rie – mei­nem Gefühl nach leibt und lebt nur eine ein­zige Aus­gabe mei­ner selbst, näm­lich diese hier, und selbst da bin ich mir manch­mal nicht ganz sicher. Momen­tan bin ich näm­lich etwas unleid­lich wegen mei­ner Magen­ver­stim­mung, und da hilft es mir wenig, zu wis­sen, dass anderswo – uner­reich­bar, wenn auch genauso real wie Sie und ich – ein Par­al­lel­wel­ten-Alias von mir ver­liebt ist, Schmet­ter­linge im Bauch hat und die ganze Welt umar­men könnte. Um nur eine von ver­mut­lich Myria­den wei­te­rer Rea­li­tä­ten zu nen­nen …
    Und wenn Sie jetzt glau­ben, dass es ange­sichts die­ser jede Vor­stel­lung spren­gen­den Aus­sich­ten doch völ­lig gleich­gül­tig wäre, wie man sich ent­schei­det oder auch nur, wie man sich fühlt: mit­nich­ten! Das hier ist allein meins, mein ganz eige­nes Ding, und kein wie auch immer gestal­te­tes Eben­bild von mir macht, wo auch immer, exakt diese Erfah­rung. Gut, mit einer Magen­ver­stim­mung habe ich gerade eine schlechte Karte gezo­gen. Aber das geht vor­bei. Wie steht es mit Ihnen?

    Klar ist, was immer ich schreibe (und was immer Sie gerade lesen oder vor­ge­le­sen bekom­men): Letzt­lich schreibe ich in Gestalt einer par­al­le­len Aus­gabe mei­ner selbst auch irgendwo das Gegen­teil. Oder eine Ver­sion, die mit 140 Zei­chen aus­kommt. Oder viel­leicht sogar eine packende, emo­tio­na­lere, die die Her­zen mei­ner Lese­rin­nen höher schla­gen lässt und einen nam­haf­ten Hol­ly­wood­pro­du­zen­ten auf den Gedan­ken bringt, das müsse ein abend­fül­len­der Film wer­den.

    Sie kön­nen also ganz beru­higt sein: Irgendwo im Mul­ti­ver­sum der Quan­ten­phy­si­ker gibt es eine Par­al­lel­welt, in der die­ser Text oder eine alter­na­tive Les- und Spiel­art davon tief in Ihrem Inne­ren etwas anrührt, das Sie dazu inspi­riert, diese, diese Welt auf Ihre ganz per­sön­li­che Weise zu gestal­ten und viel­leicht sogar zu einer bes­se­ren zu machen.

    (Sie kön­nen mir glau­ben oder nicht. Das macht für mich und für Sie kei­nen Unter­schied, denn natür­lich trifft letzt­lich bei­des zu.)

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    Das Titelbild zeigt eine junge Frau mit Kopftuch in einem eleganten Café. Sie macht lächelnd ein Selfie mit einer Person, deren Gesicht geblurrt ist, an einem Tisch mit Kaffeetasse und einem Stapel Papier.

    ♫ Cor­rispon­denza ♫


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    »›Ich betrete den Kor­ri­dor‹ – warum die­ser Satz? Was macht ihn so beson­ders?« Ich saß in einem Wie­ner Kaf­fee­haus Cory d’Or gegen­über. Die Ant­wort auf meine E‑Mail-Anfrage war prompt ein­ge­trof­fen, und zu mei­ner Über­ra­schung musste ich für das Inter­view gar nicht nach Ber­lin oder in eine andere deut­sche Stadt rei­sen, son­dern konnte es gleich um die Ecke in mei­nem Lieb­lings-Café füh­ren. Die zweite Über­ra­schung war: Cory ist eine junge Frau. Natür­lich heißt Cory d’Or nicht wirk­lich so. Ihren wah­ren Namen ver­rät sie nicht. Anders als in ihrer elo­quen­ten Kurz­prosa, die manch­mal an Phan­tas­ti­schen Rea­lis­mus erin­nert, for­mu­liert Cory schwer­fäl­lig, sich selbst stän­dig ver­bes­sernd und in Wider­sprü­che ver­wi­ckelnd. Dabei habe ich mir echt schöne Fra­gen aus­ge­dacht: »Was willst du mit die­sem Blog errei­chen? Steckt eine bestimmte Absicht dahin­ter, oder ist es nur ein Spiel mit Wor­ten, Kon­no­ta­tio­nen, Topoi?« Sie ringt die Hände, fährt sich durchs Haar, sucht nach pas­sen­den Wor­ten. Ich frage tas­tend wei­ter: »Woher kom­men all diese Ideen? Gibt es reale Vor­bil­der für die Figu­ren, die immer wie­der auf­tau­chen?« Cory nickt, setzt an, schüt­telt den Kopf, beißt sich auf die Lip­pen. Bevor sie mir auch nur eine ver­wert­bare Ant­wort gege­ben hat, bricht sie das Inter­view ab und liest mir statt­des­sen, von leb­haf­ter Ges­tik beglei­tet, Pas­sa­gen aus dem Typo­skript ihres neuen Romans vor, dem sie den Arbeits­ti­tel Kein Kor­ri­dor, nir­gends gege­ben hat.

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    Das Titelbild zeigt vier schwarz-weiße Porträtfotos von Frauen in historischer Kleidung, die an Schreibtischen sitzen und nach oben blicken, während nur das Weiße ihrer Augen zu sehen ist. Die Porträts sind umgeben von kleineren Fotos und einem floralen Hintergrund.

    ♫ The Unsound Com­mu­ni­qué ♫


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    Ich betrete den Kor­ri­dor, und sogleich stoße ich auf – wie soll ich es beschrei­ben? – ein Tuch aus gla­si­gem Frost, durch das die Sicht ver­schwimmt und Töne, wenn über­haupt, dann nur gedämpft hin­durch­drin­gen. Die hin­ter die­sem Schleier sit­zen – was ich ihnen zum Dik­tat, zur wort­ge­treuen Über­mitt­lung zuzu­ru­fen ver­su­che, brin­gen sie nur wider­wil­lig und man­ches Mal begriffs­stut­zig zu Papier.

    Wie soll ich euch den Beweis nur zukom­men las­sen, solange dies die ein­zige Mög­lich­keit für mich ist, die Bot­schaft durch­zu­ge­ben? Ich kann unmög­lich wis­sen, wie viel ihr emp­fangt von dem, was ich euch sende. Wie nur kann ich euch über­zeu­gen? Mei­nen fort­wäh­ren­den Ver­su­chen ste­hen unsag­bare Schwie­rig­kei­ten ent­ge­gen, und die­ses Gefühl einer schreck­li­chen Macht­lo­sig­keit belas­tet mich schwer. Oh, es ist ein dunk­ler und grau­sa­mer Kor­ri­dor! Aber ich will, ich darf ein­fach nicht nach­las­sen in mei­nem Bemü­hen …