
♫ The Stingy Thingy ♫
Ich betrete den Korridor, ertaste mit einem meiner Tentakel eine Nische in der Wandung und ziehe meinen Körper hinterher. Indem ich die Farbe des Hintergrundes annehme, bin ich jetzt für Augen, die kein Ultraviolett wahrnehmen, kaum noch zu erkennen.
Wir kamen zum Schiff der Fremden, um sie auf unserem Planeten willkommen zu heißen. Ich, als der Theologe in unserer Delegation, sollte mit ihnen über universale Mystik und kosmische Liebe reden. Doch sie jagen uns und merzen uns erbarmungslos aus. Nur noch ich und mein Schüler sind übrig.
Einer von ihnen betritt den Korridor. Er ist schwer gepanzert und trägt eine ihrer tödlichen Waffen. Als er mir ganz nahe ist, stelle ich die Frage, warte aber nicht die Antwort ab, sondern morphe gleich einen meiner Tentakel zu einem spitzen, harten Stachel. Ich hätte so gerne mit ihm über Gott gesprochen. Dann müssen wir es eben auf diese Weise tun.
Voller Mitgefühl und Liebe steche ich zu …
Rewriting History
Ich betrete den Korridor zu den Mannschaftsquartieren – und obwohl wir schon jetzt schon viele Jahre unterwegs sind, kann ich immer noch nicht richtig fassen, dass ich mit einem Raumschiff auf dem Weg zu einem fremden Sonnensystem bin, zu einem fremden Planeten und zu einer außerirdischen Zivilisation.
Allein schon, dass ich mit meinen Füßen fest auf dem Metallboden stehe, ist – im Vakuum des Weltraums, weit weg von allem, das Gravitation auf uns ausüben könnte – eigentlich unfassbar: Das Schiff rotiert und hält mich so auf der Außenwand fest, so, wie in einen gefüllten Eimer, den ich herumschleudere, das Wasser hineingepresst wird.
*
Es war der 21.12.2012, der alles verändert hat. Heute ist es auf den Tag zehn Jahre her, dass wir Menschen, alle Menschen auf dem Planeten Erde, die Stimme in unseren Köpfen gehört haben. Jeder nahm sie anders war, einige als Donnerhall, andere als Flüstern, manche als weibliche, manche als männliche Stimme oder auch die eines Kindes. Der Wortlaut war jeweils derselbe. »Hier spricht die Galaktische Föderation.«
Es war unheimlich. So etwas hat es vermutlich noch niemals in der Geschichte gegeben. Es wirkte bedrohlich und befreiend zugleich. Mir ging es wie den meisten anderen: Danach konnte ich nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen. Wie sich herausstellte, war es für die Menschheit eine weitere kopernikanische Wende. Nicht nur, dass die Erde nie das Zentrum des Universums war, nein, auch wir Menschen entpuppten uns als eine intelligente Spezies unter vielen, eine Zivilisation unter vermutlich unzähligen.
»Die Quarantäne, die zu eurem Schutz bestand, ist mit sofortiger Wirkung aufgehoben.«
Jeder Mensch auf unserem Planeten hörte diese knappe Botschaft in seiner eigenen Muttersprache, wo er auch gerade war, was er auch gerade tat. Ich selbst gehörte zu dem Drittel der Menschheit, das gerade schlief. Die Stimme sprach zu mir – sie war weiblich und sanft –, und ich wachte sofort auf, ohne den geringsten Zweifel daran, dass dies kein Traum gewesen war. Milliarden erging es genauso, hörte ich später, so, wie ich auch bald erfuhr, was es mit dieser Quarantäne auf sich hatte.
*
Über ein halbes Jahrhundert schon hatten die Astronomen nach Signalen außerirdischer Zivilisationen gesucht. Von SETI hatte ich noch nie gehört, denn das Forschungsprogramm hatte keine nennenswerten Ergebnisse erbracht – außer vielleicht dem mysteriösen Wow!-Signal. Verblüffend, welche Wissensgebiete es plötzlich auf die Titelseiten schafften, und ebenso erstaunlich, mit was für Themen ich mich plötzlich beschäftigte, mit welchen völlig neuen Fragen ich mich jetzt auf einmal auseinandersetzte.
Vielen ging es so. Irgendwie war das ja auch klar: Die Erfahrung, etwas Fremdes im eigenen Geist zu spüren, ließ uns Menschen nicht mehr los, auch wenn es Leute gab, die sie als Massenhalluzination oder aufwändigen Scherz von Studenten abtun wollten.
Jedenfalls wurde mit der am 21.12.12 weltweit ausgestrahlten telepathischen Botschaft klar, warum SETI so lange erfolglos gewesen war und keine fremden Zivilisationen entdeckt hatte: Unser Sonnensystem war vor allen intelligenten Radiosignalen abgeschottet worden, und sie konnten unsere Sensoren gar nicht erreichen – bis eben auf das Wow!-Signal, das möglicherweise einer kurzen Funktionsstörung des Quarantäne-Filters zu verdanken war.
Gut, über die Existenz außerirdischen Lebens wurde diskutiert, aber soweit ich etwas davon mitbekommen hatte, schlossen die Experten aus, dass es die gewaltigen Entfernungen im Weltraum überwinden konnte. Mit der Stimme war plötzlich alles anders: Es gibt Leben in anderen Sternsystemen, intelligentes Leben, und es weiß von uns.
Wer allerdings die »Galaktische Föderation« ist und ob die Zivilisationen in unserem galaktischen Umfeld dazugehören, haben wir bekanntlich bisher nicht erfahren. Die Stimme in unseren Köpfen – von der manche sagen, sie war eine automatische Aufzeichnung, die abgespielt wurde, als die Weltraumsonde Voyager 1 die äußere Grenze unseres Sonnensystems erreichte – meldete sich erst einmal nicht wieder. Eine weitere Botschaft blieb aus. Unsere Radioteleskope allerdings wurden plötzlich »mit sofortiger Wirkung« von Signalen offenbar intelligenter Art aus unserer galaktischen Nachbarschaft überflutet, wenn sich auch erst einmal nichts von dem, was unsere neuentdeckten Nachbarn an Botschaften ins All abstrahlten, dekodieren ließ. Die galaktischen Radiofrequenzen waren mit einem Mal von einem tausendstimmigen unverständlichen Geschnatter erfüllt, was ein Schock für viele war – und vielleicht sogar ein heilsamer Schock.
*
Die Erfahrung, eine fremde Stimme im eigenen Kopf zu hören, war für die meisten Menschen ein einschneidendes Erlebnis, und in der Folge passierten Dinge, die viele – ich eingeschlossen – für kaum noch möglich gehalten hatten: Die Menschheit rückte zusammen und sorgte, mit einem neuen Ziel vor Augen, gemeinsam und unbürokratisch für die Lösung der akuten globalen Probleme. Auch ich war schnell von der neuen Begeisterung angesteckt. Neue Horizonte hatten sich aufgetan, und mir gingen Begriffe wie »Exo-Soziologie« oder »Kardaschow-Skala« bald schon flüssig von den Lippen.
Natürlich wollte so gut wie jeder wissen, wer sich hinter dieser wortkargen »Galaktischen Föderation« verbirgt, die sich anmaßte, uns jahrhundertelang in Quarantäne zu stecken. Und natürlich waren wir neugierig auf die fremden Zivilisationen, die wir plötzlich in unseren Radioteleskopen belauschten.
Die Quarantäne war aufgehoben, aber niemand sagte uns Hallo. Also beschlossen wir, selbst die Hand auszustrecken und unsere kosmischen Nachbarn zu begrüßen …
Secret Matters
Ich betrete den Korridor in den Mannschaftsquartieren und schließe hinter mir die Tür zu der kleinen Kammer, in der sich meine Koje befindet. Außen klebt ein Schild mit meinem Namen und dem Zusatz »Xeno-Linguistin«. Wenn mein Blick darauf fällt, habe ich immer noch den Impuls, mir verwundert die Augen zu reiben. Was für eine unglaubliche Wendung des Schicksals hat mich aus Papua-Neuguinea hierher an Bord eines Forschungsraumschiffs gebracht, welches das Sonnensystem verlassen hat und kurz davor steht, Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation aufzunehmen?
Unvermittelt kommen mir die Worte »Tea nubunubu mataa« in den Sinn. Vor zehn Jahren noch habe ich mich als Linguistin mit aussterbenden Sprachen beschäftigt. Dann kam der 21.12.12, und dann ging dann alles ganz schnell. Eben noch mit Diktaphon und Laptop in Ozeanien unterwegs, startete ich, wie mir schien, schon im nächsten Moment im Auftrag der Menschheit mit einem Raumschiff zu fernen Sternen und Planeten, um beim Kontakt mit fremdartigen Zivilisationen als Übersetzerin zu fungieren.
Die Cosmic Beagle begann ihre Reise fünf Jahre nach der Aufhebung der Quarantäne – eine unglaublich kurze Zeitspanne für die Planung und den Bau eines interstellaren Raumschiffs. Es war, neben dem groß angelegten Versuch, den Klimawandel zu stoppen, das erste wirklich umfassende Menschheitsprojekt – von ein paar protestierenden Fundamentalisten und Konservativen einmal abgesehen.
Dass ich tatsächlich mit an Bord bin, kann ich immer noch nicht richtig fassen. Aber klar: Sie brauchen einen Sprachexperten. Statt nur ein einzelner Darwin ist ein ganzes Team von Spezialisten unterwegs – und eine Katze, Lady Wow, benannt nach dem Wow!-Signal aus dem Jahr 1977, dem kleinen Vorgeschmack auf das, was uns nach der Aufhebung der Quarantäne erwartete.
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Lady Wow ist mehr als ein Maskottchen für uns: Meiner Meinung nach hat sie uns allen an Bord das Leben gerettet. Den ersten Kontakt mit außerirdischem Leben hatten wir nämlich schon, als wir unser Sonnensystem verließen und Voyager 1 passierten, eine Route, die aus Public-Relations-Gründen so gewählt worden war. Die Weltraumsonde Voyager 1 war das bis dato weiteste ins All vorgedrungene Objekt der Menschheit, und manche glauben, sie sei der Grund für die Aufhebung der Quarantäne gewesen: Die Kapsel erreichte nach 35 Jahren Flugzeit die Heliopause (noch so ein Wort, von dem ich mir vor zehn Jahren nicht hätte träumen lassen, dass ich es nicht nur gebrauchen, sondern auch wissen würde, was es bedeutet). Dabei könnte sie mit der Hülle oder dem Netz, mit dem wir Menschen von den Radiosignalen anderer Zivilisationen abgeschottet wurden, zusammengestoßen sein, woraufhin der Filter abgeschaltet wurde. Warum das aber nun gerade am 21.12.2012 geschah, dem berüchtigten Stichtag aus dem Mayakalender, weiß keiner zu erklären. Zufall? Schicksal? Selbsterfüllende Prophezeiung? Jedenfalls war es nicht das Ende der Welt für uns, sondern ein neuer Anfang.
Der Termination Shock lag schon eine Weile hinter uns. Wir sandten Fotos von unserer Annäherung an Voyager 1 zur Erde. Und dann, ich saß gerade beim Frühstück, Lady Wow auf dem Schoß, breitet sich in meinem Inneren ein kalter Hauch aus und lässt mich erstarren. Es war, als stünde ich nackt unter einem vieltausendäugigen Mikroskop, das mich in Sekundenbruchteilen Pore für Pore studierte und in- und auswändig abtastete, kalt, ohne einen Funken Emotion oder Menschlichkeit – außer dass es hungrig war. Sehr, sehr hungrig.
Lady Wow fauchte und bleckte die Zähne. Sie sprang von meinem Schoß, und jagte zwischen den Stühlen herum, als würde sie eine unsichtbare Maus jagen. Der kalte, unmenschliche Blick, der mich bei lebendigem Leib seziert hatte, verschwand mit einem Mal, und ich glaubte, noch so etwas wie ein Bedauern zu spüren. Dann war es weg.
Lady Wow kam wieder zu mir, legte sich auf meinen Oberschenkel und schnurrte. Ich war im Innersten erschüttert. Die Stimme der Galaktischen Föderation zehn Jahre zuvor war mir freundlich und fast einfühlsam vorgekommen. Das hier, was immer es gewesen war, war ein Jäger, und ich war seine Beute. Ich habe keine Ahnung, wie es Lady Wow gelang, das Wesen zu verjagen, ein immaterielles oder womöglich aus Dunkler Energie bestehendes Wesen, das außerhalb unseres Sonnensystems den interstellaren Raum durchstreift.
Oder war es die Quarantäneglocke selbst, Reste von ihr? Die Meinungen in unserer Crew gehen bis heute auseinander. Und wir hatten wahrlich viel Zeit, das Erlebnis auszudiskutieren, das jeder von uns anders wahrgenommen hat.
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In meinem vorherigen Leben als Sprachforscherin habe ich mich keinen Deut für Science-Fiction interessiert. Doch wie anders soll ich mich auf den Kontakt mit Außerirdischen vorbereiten, der ja, bis er dann irgendwann stattgefunden hat, nichts anderes ist als eine Fiktion? Also begann ich, all das zu studieren, was sich Schriftsteller an Begegnungen mit fremdartigen Wesen ausgemalt haben.
Und wissen Sie, was eigenartig ist? Ich fand unter all diesen Geschichten eine, in der eine Katze namens Captain Wow interstellare Drachen verjagt, die sie als Ratten wahrnimmt. So rettet sie die Raumfahrer, die sonst durch die Begegnung mit diesen »Sternendrachen« den Verstand verlieren würden, denn deren Hunger gilt nicht dem Leib, sondern dem Geist.
Ein seltsamer Zufall, oder?
Den anderen an Bord habe ich nichts davon erzählt, aber ich fürchte mich ein wenig vor unserer Rückkehr in zwanzig Jahren. Wird Lady Wow da noch am Leben sein? Ihre natürliche Lebensspanne wird sich längst dem Ende zugeneigt haben. Aber vielleicht hat das Herumtoben in der schwerelosen Zone unseres Schiffs die Alterungsprozesse ein wenig aufhalten können. Hoffentlich! Denn der Dunkle Drache wird an der Grenze zu unserem Sonnensystem weiterhin hungrig auf der Lauer liegen …
Sepulchre Moon
Ich betrete den Korridor aufgeregt, überwältigt und mit weichen Knien. Es ist das erste Mal, dass Menschen ein Bauwerk von Außerirdischen betreten.
Eigentlich haben wir hier aufgrund der Radiosignale eine Zivilisation erwartet, auch wenn die Signalfolge unter Astronomen erst einmal großes Rätselraten ausgelöst hat. Ein Großteil von dem, was sie nach der Aufhebung der Quarantäne mit ihren Radioobservatorien empfingen, wirkte wie das unkodierbare Fernsehprogramm fremder Zivilisationen: ein unaufhörlicher Strom offenbar sinnvoller, aber von uns nicht lesbarer Pulse und Zeichen, ein endloses Geplapper auf allen Frequenzen, elektromagnetische Hieroglyphen, für die uns der Rosettastein fehlte.
Diese spezielle Signalfolge jedoch wirkte wie ein gezielter Ruf, wie ein Funkfeuer, denn sie wiederholte sich nach einiger Zeit, wenn auch immer mit leichten Variationen. Rief hier eine Zivilisation in die Leere zwischen den Sternen hinaus, um Antwort zu erhalten? Die Astronomen schickten mit einem starken Sender eine Botschaft zurück. Die Antennen der Cosmic Beagle haben jedoch seit unserem Start vor über zehn Jahren keine Änderung in der Signalfolge bemerkt, die man als Reaktion auf den Funkspruch von der Erde deuten könnte.
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Als wir den Planeten erreichten, der als Quelle des Signals identifiziert worden war, fanden wir ihn wüst und leer vor – unwahrscheinlich, dass sich auf ihm je Leben entwickelt hat. Die Signale stammen von einem Mond des Planeten! Zwischen den Kratern, die ihm ein pockennarbiges Aussehen verleihen, entdeckten wir das Bauwerk, ein, wie uns der Mathematiker begeistert erklärte, »Menger-Schwamm«, ein Würfel, in dessen Oberfläche große und kleine Würfel ausgespart sind. Von den Eigenschaften dieser dreidimensionalen fraktalen Skulptur (»kompakt, perfekt, selbstähnlich, überabzählbar, total unzusammenhängend und nirgends dicht«) schwärmte er uns unablässig vor, bis unser Radarscanner anzeigte, dass eine der Würfelaussparungen sich in einen Korridor öffnet, der ins Innere führt. Da war’s plötzlich aus mit der Schwärmerei: »Pah. Eine Abweichung von der Idealform. Führt die ganze Perfektion ad absurdum.«
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In genau diesem Korridor befinden wir uns jetzt und folgen ihm aufgeregt in das extraterrestrische Bauwerk hinein. Einen Exo- oder Xeno-Architekten haben wir nicht in der Crew, und so was gibt es bislang auch gar nicht, aber unsere Physiker haben bereits das Material untersucht, aus dem der riesige Würfel besteht – mit dem Ergebnis, dass es nicht zu identifizieren war. Meteoritenbeschuss jedenfalls konnte ihm nichts anhaben, und den Staubablagerungen in den würfelförmigen Aussparungen nach – Indizien dafür, dass der atmosphärelose Mond immer wieder von Meteoriten getroffen wird – könnte das Bauwerk bereits Millionen von Jahren alt sein.
Von den anderen höre ich in meinen Kopfhörern nur das Atmen in ihren Helmen. Wir sind alle ergriffen von dem, was wir sehen: Der Korridor führt in eine gewaltige, ebenfalls würfelförmige Halle, deren Wände übersät sind mit Halbreliefs. Sie zeigen – ja, was zeigen sie eigentlich? Mir wird ganz schwummrig beim Betrachten. Die Darstellungen wirken auf mich, als würde ich einen der alten dreidimensionalen Filme ohne die erforderliche Brille betrachten.
»Es ist eine Gruft«, höre ich den Exo-Biologen über Funk. Tatsächlich: In der Mitte der Halle steht eine Art würfelförmiger Sarkophag. Wir müssen ihn nicht öffnen, denn er ist durchsichtig, und wie in Gießharz eingebettet ruht dort ein Geschöpf, das einem Gespenst gleicht. Vermutlich haben wir alle die gleiche Assoziation. Ich muss an meine Kindheit denken und wie ich mich meiner Schwester zusammen mit Hilfe weißer Betttücher Geisterstunde gespielt habe.
Dieses »Gespenst« jedoch wirkt nicht gruselig, sondern sieht ätherisch und wunderschön aus. Es besteht aus Tausenden winziger milchiger Schleier, durch die – ähnlich wie bei einer Qualle – Organe hindurchschimmern. Wo es die Augen haben und wo der Kopf sitzen müsste, geht der milchige Schimmer in zartes Rosa über und verdichtet sich. Auch wenn es eindeutig tot ist: Das Wesen wirkt, als würde es tanzen.
*
»Also ist es tatsächlich eine Gruft«, sagt unser Exo-Biologe, als wir nach unserer Rückkehr zum Schiff im Besprechungsraum zusammensitzen. Die Halbreliefs in der Totenhalle zeigen offenbar – wenn auch seltsam verzerrt und unkonkret – die Geschichte zweier dieser Wesen, für die sich in unseren Diskussionen die Bezeichnung »Spirits« eingeschlichen hat. Offenbar reisten sie gemeinsam in einem kugelförmigen Schiff durchs All, um wie wir andere Intelligenzen und Zivilisationen zu besuchen.
»Sie starb«, führt der Exo-Biologe seine Deutung aus, »und er errichtete ihr ein Mausoleum, bevor er allein weiterreiste.« Ich weiß nicht, ob auch die anderen in diesem Moment den gleichen beglückenden Gedanken hatten wie ich und, genau wie ich, darauf verzichteten, ihn auszusprechen: »Es gibt Liebe draußen im Weltall. Es gibt sogar die ganz große Liebe hier draußen!«
Starb das Wesen, das in dem gewaltigen Würfel aufgebahrt ist, durch einen Unfall oder eines natürlichen Todes? Das haben wir den Reliefs noch nicht entnehmen können, zu fremdartig ist die Darstellungs- und Erzählweise. Masanori, der Mathematiker, glaubt, das Funksignal gebe die letzten Worte des toten Spirit wieder.
»Ich glaube«, werfe ich in die Runde, »dass es Musik ist.« Der Biologe wirft mir einen erstaunten Blick zu, wiegt den Kopf und meint: »Ein Requiem. Das könnte sein.« Und Masanori ergänzt: »Fraktal verschlüsselt, steht zu vermuten.«
Es dauerte einige Tage und beanspruchte viel Rechenleistung unserer Bordcomputer, dann erklang die Musik zum ersten Mal im Kontrollraum der Cosmic Beagle. Fremdartige, seltsam schöne, todtraurige Klänge.
Wenn unsere Physiker recht damit haben, dass das Mausoleum mindestens 100 Millionen Jahre alt ist, dann hat dieser Trauergesang, dann hat dieser letzte Gruß an die geliebte Gefährtin längst unsere gesamte Galaxis durchmessen und benachbarte Galaxien erreicht.
»In gewisser Weise«, sagt Masanori, »ist damit der Spirit, der hier aufgebahrt ist, das bekannteste Wesen im gesamten Virgo-Supercluster« – womit er die Gruppe von Galaxien meint, zu der auch unsere Milchstraße gehört.
Für mich ist es ganz schlicht die wohl größte Liebe des Universums.
Göng
Ich betrete den Korridor und sehe mich einem seltsamen Wesen gegenüber, einem wulstigen eiförmigen Gebilde, das sich immer wieder – von der Mitte aus – in konvulsivischen Zuckungen in sich selbst einfaltet. Nicht von diesem dauernden Von-links-auf-rechts-und-wieder-zurück-Stülpen betroffen sind die drei feuchten und leicht zitternden Fühler oder Antennen, die es zu mir hinstreckt.
Noch eigenartiger als das Wesen vor mir ist allerdings die Tatsache, dass ich ruhig und gelassen bleibe. Im Grunde berührt mich kaum, was ich da sehe. Und anfangs auch nicht, was ich höre.
»Du wirst kämpfen. Du wirst siegen. Ich will es so.« Sagt das Wesen. Ich nehme es nur am Rande meines Bewusstseins wahr. Mich beschäftigt die Frage, wie ich in diesen Korridor gekommen bin. Saß ich nicht eben noch auf meinem Fahrrad?
»Andere wie du werden dich töten wollen, um nicht selbst durch deine Hand zu sterben. Aber du wirst siegen. Ich will es so.«
Doch, so war es. Ich fuhr zum Waldrand. Es war mitten in der Nacht. Ich hatte meinen kleinen Rekorder dabei und wollte den Gesang einer Nachtigall aufnehmen, die ich dort wenige Tage zuvor ihr nächtliches Konzert hatte geben hören.
»Mein Einsatz ist sehr hoch. Also enttäusche mich nicht. Werde der Beste unserer Gladiatoren. Ich will es so.«
War da nicht dieses Wummern einer Bassdrum gewesen? Und das Grölen der Männer, die aus den Fenstern eines Wagens hingen, der ohne Licht die Straße entlangschlidderte?
»Ich habe dich gerettet. Ein Moment später, und du wärst tot gewesen. Ich bin dein Retter. Und nun wirst du mich retten. Ich will es so.«
Tatsächlich? Hatte mich dieses Alien gerettet? Es fällt mir nicht leicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Aber irgendwie kann ich mich nicht des Gefühls erwehren, dass mich das Ding dreist anlügt.
»Du wirst deine Gegner töten. Du wirst siegen. Du wirst die Macht gewinnen, deine Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Ich will es so.«
Träume. Wirklichkeit. Das ist ein gutes Stichwort. Dies ist ein Traum. Aber kein normaler. Dies ist der letzte Traum. Oder der erste, wie man’s nimmt. Ich bin tot. Dieses Wulstwesen hat mich nicht etwa gerettet, sondern mich unmittelbar nach dem Unfall abgefangen. Vor dem Tunnel ins Licht sozusagen, falls es den geben sollte.
»Du bist nicht tot. Du willst leben. Deshalb wirst du kämpfen. Du wirst siegen und reich beschenkt werden. Ich will es so.«
Träume, in denen ich weiß, dass ich träume, haben mich immer schon fasziniert. Und wenn es dazu kam, habe ich die Gelegenheit genutzt und die Wirklichkeit, die mir mein schlafender Geist vorgaukelte, gründlich erforscht. Das Wesen kann mich nicht täuschen. Ich weiß, was ein Traum ist.
»Du träumst nicht! Du bist nicht tot! Du bist ein Kämpfer. Mein Kämpfer. Ich …«
»Ach, hör schon auf!«, falle ich dem feuchten Stülper ins Wort. »Mich kannst du nicht täuschen. Sag mir lieber, wer du wirklich bist.«
Echten Monstern bin ich in meinen Träumen eigentlich nie begegnet, aber ich weiß, wie man sich ihnen gegenüber am besten verhält: furchtlos ansprechen und sie direkt fragen, was sie eigentlich wollen.
Und tatsächlich, die Antennenfühler beginnen noch stärker zu zittern und zu tropfen, die Metamorphosen des Wesens beschleunigen sich, und gleichzeitig wird es blasser und blasser und beginnt, an den Rändern auszufransen, bis sich der Korridor in einen langen, dunklen Tunnel verwandelt hat, an dessen Ende ein helles, freundliches Strahlen auf mich wartet.
Arrival Orbit
Ich betrete den Korridor in den Mannschaftsquartieren. Der Commander hat eine Besprechung angesetzt. Wir haben das erste Ziel unserer dreißigjährigen Rundreise durchs All erreicht: einen Planeten, von dem anscheinend intelligente Radiosignale ausgesendet werden. Leider blieben unsere Funkbotschaften, die wir auf den gleichen Frequenzen senden, bislang unbeantwortet. Inzwischen haben wir den Orbit erreicht, und es muss die Entscheidung getroffen werden, ob wir einen Landetrupp hinunterschicken.
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Fünfzehn Jahre lang waren wir unterwegs, um hierher zu gelangen. Wie das möglich war trotz fünfundzwanzig Lichtjahren Entfernung, verstehe ich immer noch nicht richtig. Unser Schiff hat mehrere Millionen kleiner »Branen-Sprünge« zurückgelegt und dabei jeweils für wenige Minuten die drei Raumdimensionen »gequetscht« – so klingt das jedenfalls, wenn die Physiker drüber reden. Wirklich nachvollziehbar hat mir das aber noch keiner der Wissenschaftler an Bord erklären können. Wie auch immer wir es geschafft haben: Wir sind da! Der Planet dreht sich unter uns. Rotorange und fremdartig schön funkelt er im Licht seines Sterns, von Dutzenden langgestreckten, sich wurmartig windenden Canyons durchzogen. Aus einem von ihnen kommt das starke Funksignal, das uns hierhergeführt hat. Und aus allen anderen kommen ebenfalls Funksignale, die allerdings viel schwächer sind.
Die Oberfläche ist wüstenartig, es toben ständig Wirbelstürme darüber. Dort bewegt sich etwas. Riesige, seltsam aussehende intelligente Lebewesen? Unser Biologe bezweifelt das. Er hält das eher für etwas wie diese kugelförmigen Büsche, die durch die mexikanische Wüste geweht werden. Die intelligenten Bewohner des Planeten, meint er, werden wir eher in den Canyons finden, die mit einem für unsere Teleskope und Instrumente undurchdringlichen Nebel angefüllt sind. Finden wir hier unsere erste extraterrestrische Zivilisation?
An mir wird es liegen, ob mit den Außerirdischen irgendein Austausch zustande kommt. Als Xeno-Linguistin bin ich dafür verantwortlich, eine Basis für den kommunikativen Austausch zu schaffen. Ich bin ziemlich aufgeregt, denn angesichts etwas uns völlig Fremden garantiert nichts den Erfolg. Wir Menschen haben es ja nicht einmal geschafft, mit Walen und Delfinen zu kommunizieren – obwohl sie von unserem eigenen Planeten stammen, DNA mit uns gemeinsam haben und zumindest im Falle der Delfine offenbar über eine Art sono-piktoriale Sprache verfügen. Wie will ich mich dann mit Außerirdischen verständigen?
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Auf dem Weg zum Kommandoraum gehen mir die vielen SciFi-Romane und -Geschichten durch den Kopf, die ich in den Jahren unserer Reise studiert habe: Storys über die Begegnung mit fremden Intelligenzen. Schon in der Antike hat man über Wesen auf fernen Gestirnen spekuliert, aber erst moderne Schriftsteller haben Begegnungen mit ihnen geschildert. Besonders aufschlussreich fand ich dabei Fantasien – denn natürlich ist keiner der Autoren je einer wirklichen außerirdischen Intelligenz begegnet – darüber, wie der Versuch einer Kommunikation aufgrund der gegenseitigen Fremdartigkeit auf ganzer Länge fehlschlägt.
Stanisław Lem hat solche Fiaskos schonungslos beschrieben, und wenn ich an Marsianer Tweel denke, eine Erfindung von Stanley G. Weinbaum: Bei ihm würde vermutlich auch unser Mathematiker verzweifeln. Masanori ist nämlich der festen Überzeugung, Mathematik sei die grundlegende Sprache jeder Intelligenz – wer es schaffe, Funksignale ins All zu senden, müsse über physikalische und damit auch mathematische Kenntnisse verfügen.
Allerdings hat bisher alle Physik und Mathematik nicht helfen können, die Funksignale, die wir seit Aufhebung der E.T.-Quarantäne plötzlich aus allen Gegenden des Weltraums empfingen, zu entschlüsseln. Und letztlich – das hat mir der Commander bereits klargemacht – werde ich es sein, die vor unsere Delegation tritt, die Hand hebt und die ersten Grußworte an die Fremden richten wird. Leider gibt es dafür keinen elektronischen Universalübersetzer, wie ihn Kirk von der Enterprise zur Verfügung hatte, geschweige denn einen »Babelfisch«.
Jedenfalls ist das alles mehr als aufregend und gewiss weit abenteuerlicher als meine Begegnungen mit den Einwohnern Papua-Neuguineas! Noch vor nicht allzu langer Zeit haben Entdeckungsreisende auf der Erde bei solchen Gelegenheiten Glasperlen und Kugelschreiber als Gastgeschenke verteilt. Aber vermutlich hat keiner von ihnen auch nur im Traum daran gedacht, er könne vielleicht einer höherstehenden Zivilisation begegnen …
Ob die Außerirdischen uns Menschen nun voraus sind oder nicht: Der Gedanke, dass wir auf uns feindlich gesinnte Wesen treffen könnten, gilt bei uns an Bord als unwahrscheinlich. Wir sind ja keine Invasionsflotte, und vermutlich hoffen wir alle insgeheim, dass uns die Galaktische Föderation nicht einfach in ein offenes Messer laufen lässt. Jedenfalls sind wir nicht bewaffnet – und gegen den interstellaren Drachen, der uns außerhalb unseres Sonnensystems aufgelauert hat, hätte uns auch keine Waffe etwas genützt. Wenn Lady Wow nicht gewesen wäre …
Unser Tod jedenfalls oder unsere Gefangennahme sind einkalkuliert. Dem Schiffscomputer muss regelmäßig ein komplexer, ständig wechselnder Code eingegeben werden. Tut das niemand mehr von uns, verriegelt das Schiff seine Schleusen und macht sich selbsttätig und mitsamt all unseren Forschungsergebnissen auf den Weg zurück zur Erde.
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Lady Wow streicht um meine Beine und schnurrt. Sie könnte die Erde in so einem Fall vielleicht sogar wieder erreichen, denn sie wird an Bord vollautomatisch mit Futter und Wasser versorgt. Allerdings würde sie wohl sehr, sehr einsam sein …
Ich schüttle die sorgenvollen Gedanken ab, nehme Lady Wow auf den Arm und betrete als Letzte den Kommandoraum. Eine Entscheidung steht an.
The Guessing Game
Ich betrete den Korridor zu den Mannschaftsquartieren. Seit über vierzig Stunden bin ich auf den Beinen, und der Kommandant hat allen die Order erteilt, sich schlafen zu legen. Dabei bin ich überhaupt nicht müde, sondern hellwach – auf eigentümliche Weise: Meine Sinne sind geschärft und überempfindlich, mein Körper fühlt sich dagegen ein wenig dumpf und taub an. Hin und wieder fallen mir für Sekunden die Augenlider zu, und ich gleite für kurze Momente in seltsame Erlebnisse aus meiner Kindheit ab.
Dabei spielt sich gerade die seltsamste Geschichte, die man sich denken kann, in der Wirklichkeit ab, auch wenn ich es kaum fassen kann: Wir haben Kontakt mit einer fremden Zivilisation aufgenommen!
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Unser Landungsboot setzte in der sturmdurchtosten Wüste auf, die die Oberfläche des Planeten bildet – zwischen bizarren halbtransparenten Konstruktionen, die langsam durch den Sand robbten, rollten und stakten, angetrieben durch Segel und mechanische Federwerke. Viele von ihnen waren umgefallen oder im Sand steckengeblieben und verfielen langsam. Eine groteskere Szenerie für den Erstkontakt hätte ich mir kaum vorstellen können.
Uns war sofort klar, dass es sich bei diesen offenbar ferngelenkten Fortbewegungsmitteln nicht um intelligentes Leben handelte, sondern um etwas, das von den Bewohnern dieses Planeten erschaffen worden war. Wir waren am Rand eines länglichen Canyons gelandet, von denen Dutzende die planetenweite sturmdurchtoste Wüste durchziehen. Aus diesem hier kam das starke Funksignal, und wir hatten beschlossen, nach dem Sender zu suchen.
Also zogen wir uns die Skaphander über, verließen unser Landungsboot und stiegen in die Schlucht hinab. Es tat gut, aus dem wütenden Sturm und dem unaufhörlichen Beschuss mit Sandkörnern herauszukommen. Der graue, zähe Nebel hier unten, der unsere Sichtweite zwar auf wenige Schritte beschränkte, uns sonst aber nicht weiter störte, wurde nur an der Oberfläche von den ständigen Sandstürmen aufgewühlt: Je tiefer wir kletterten, desto stiller und träger lastete er. Obwohl sich die Felsen, über die wir kraxelten, in nichts von denen auf der Erde unterschieden, hatte die ganze Situation etwas Unheimliches, und das Herz schlug mir bis zum Hals. Zum ersten Mal würden Menschen auf lebende Außerirdische treffen!
Kurz bevor wir den sandigen Boden der Schlucht erreichten, kroch aus dem Dunst ein Wesen heran, richtete sich vor uns auf – und redete uns an! Es war ein wurmartiges Geschöpf von der Größe eines Seeelefanten, ohne Gliedmaßen, mit grauer, rindenartiger Haut und einem Gesicht, das einem Tapir ähnelte. Aus der Mundöffnung unter dem kurzen Rüssel drang ein moduliertes Gurgeln, eine Abfolge von Schlürf- und Blubberlauten. Dann begann sich auf rätselhafte Weise der Nebel vor seiner Brust zu verdichten und zu einer grauen Miniaturausgabe meiner selbst zu formen, wie ich dem Wesen mit grüßend erhobener Hand gegenüberstand.
So befremdlich das alles war: Das Wesen stellte sich als freundlich und recht kommunikativ heraus. Zu meiner Erleichterung war es nicht weiter schwierig, seine Sprache zu erlernen, denn es konnte aus dem grauen Dunst beliebige Gebilde formen – anscheinend allein mit der Kraft seiner Gedanken. Indem es diese Dinge immer gleich mit Gurgellauten benannte, erweiterte sich mein Wortschatz schnell.
Ich zeichnete unser Landungsboot in den Sand. Als unser Gegenüber begriff, dass es sich um unser Fortbewegungsmittel handelte, wirkte es sehr aufgeregt und wollte mehr darüber erfahren. Es materialisierte Räder, Federwerke, Segel und Stelzen mit Gelenken – und konnte offenbar nicht begreifen, dass unser Schiff ohne all diese Hilfsmittel von der Stelle kommt. Verbrennungsmotoren scheinen hier unbekannt zu sein, und der Kommandant verbot mir, dem Wesen darüber nähere Auskunft zu erteilen.
Immer wieder musste ich mir vor Augen führen, dass ich nicht träumte – einem großen grauen Wurm mit sanften Tapiraugen gegenüber, der sich halb aufgerichtet hatte und zwischen uns auf geisterhafte Weise Gegenstände materialisierte und mit artikulierten Grunzlauten benannte. Mit der Zeit ermöglichte mir mein Computer ein erstes stockendes Gespräch, und immer mehr der Gurgler bekamen einen Sinn. Natürlich versuchte ich mich nicht etwa selbst an den Lauten seiner Sprache, sondern ließ sie abspielen, während ich meine Fragen eintippte.
*
Die Vermoiden – ihre gegrunzte Gattungsbezeichnung lässt sich schlecht in menschlicher Sprache wiedergeben, so dass unser Exo-Biologe auf das gute alte Latein zurückgriff – kennen keine Kriege, Hungersnöte oder Verbrechen. Sie weiden mit ihren beweglichen Nasen winzigkleine algenartige Gewächse zwischen den Sandkörnern am Boden der Canyons ab, eine Art Wüstenplankton, das im Überfluss vorhanden ist. Anscheinend vermehren sie sich ungeschlechtlich – vermutlich durch Abschnüren eines Teils ihres Körpers. Unser Mathematiker spekulierte, dass sie womöglich auch gleich ihre Nachkommen aus dem psychoaktiven Nebel formen, doch unserem Biologen schien das völlig abwegig. Ich versuchte, eine entsprechende Frage zu formulieren, aber unser Gegenüber reagierte ausweichend. Auch Fragen nach dem Weltraum, den Sternen, anderen Zivilisationen irritierten unseren Gesprächspartner. Ich bekam den Eindruck, dass die Vermoiden, obwohl sie doch über eine Sprache verfügen, einander eher meiden und Einzelgänger sind. Unser Gegenüber jedenfalls schien nur an einer Sache Interesse zu haben: am Konstruieren und Materialisieren von Maschinen, von führerlosen, ferngesteuerten Fahrzeugen, wie wir sie in der Wüste beobachtet hatten.
Dank des Nebels, von dem unser Biologe meint, er sei möglicherweise biologisch und mit den Vermoiden eine Symbiose eingegangen, genügt dazu offenbar eine geschulte Vorstellungskraft: Der Vermoide malt sich sein Werk in allen Einzelheiten gedanklich aus, und schon beginnt sich der Nebel zu verdichten und aus der Fantasie wird graue, handfeste Wirklichkeit. Was auf uns wie Zauberei wirkt, ist hier Alltag – jeder hier beherrscht diese Kunst.
*
Mir schwirrt der Kopf von all dem. Stand ich tatsächlich eben noch auf einem fremden Planeten und habe mich mit extraterrestrischen Intelligenzen über ihr Leben unterhalten?
Zwar schien der Vermoide an der Funktionsweise unseres Landungsboots interessiert, nicht aber an uns selbst. Ich glaube, das lag daran, dass zwar alle in unserem Team versuchten, ebenfalls mit bloßer Gedankenkraft etwas aus dem Nebel zu formen, es jedoch keinem von uns gelang.
»Warum nur immer Fahrzeuge? Warum nicht etwa … stationäre Maschinen? Oder einfach Häuser?« Wir waren auf kein einziges Bauwerk gestoßen, und die Frage drängte sich für uns auf, rief jedoch Unverständnis hervor. Es könne ihn, erklärte mir Verm, wie wir ihn untereinander nannten, ausschließlich ein perfekt konzipiertes Fahrzeug von einem Nebelgraben – so nennen sie die Canyons auf der Planetenoberfläche – zum nächsten transportieren. So, wie es ja auch uns gelungen sei, zu fliehen.
Es war anfangs nicht leicht herauszubekommen, was er mit »fliehen« meinte. Dann begriffen wir, dass er von Lärm sprach. Tatsächlich hatte unser Commander bei den Geräten, mit denen wir diese Begegnung akustisch aufzeichneten, starke Ausschläge bemerkt. Eine Überprüfung vor Ort ergab schnell, dass es sich um hochfrequente Töne handelte, ein ständiges Sirren, das den menschlichen Hörbereich überschreitet und für uns unhörbar bleibt. Schließlich verstand ich, was der Vermoide uns klarmachen wollte: Im Canyon herrscht für ihn ein ständiger und kaum zu ertragender Lärm, den er mit Sinneszellen wahrnimmt, die seinen ganzen Körper überziehen. Und deshalb will er fliehen!
Zuerst nahmen wir an, dieses für uns unhörbare Sirren würde durch die Wechselwirkung der Oberflächenstürme mit dem Nebel in den Canyons erzeugt, doch dann erkannten wir, dass der Nebel selbst diesen Lärm verursacht, und zwar immer dann, wenn aus ihm irgendetwas geformt wird: Der Prozess der Verdichtung lässt ihn sirren – und zwar desto lauter, je größer der materialisierte Gegenstand ist. Der Commander schwenkte das Mikrofon im Kreis, und uns wurde bewusst, dass in diesem Canyon – hinter den Nebelschwaden verborgen – offenbar Tausende, wenn nicht Zehntausende von Vermos damit beschäftigt waren, mittels Gedankenkraft immer neue Konstruktionen zu manifestieren. Daher der ständige Lärm.
Zur Enttäuschung unseres Mathematikers konnte uns Verm keine Bevölkerungszahl nennen. Er schien nicht weiter als bis vierzehn zählen zu können. Aber er bekräftige, dass auch alle anderen Vermoiden nur ein einziges Interesse haben: ein funktionierendes Fahrzeug zu konstruieren, dass als Fluchtfahrzeug dienen kann, um dem ständigen Lärm zu entkommen – hin zu einem leeren, unbewohnten Canyon, einem Nebelgraben, in dem es still ist. Auch Verm selbst setzte alles daran, ein Fahrzeug zu konstruieren, welches in der Lage ist, ihn durch die erbarmungslosen Sandstürme zu einem der anderen Canyons auf dem Planeten zu bringen.
Vermoiden scheinen keinerlei Schlaf zu brauchen. Wir waren jetzt schon über vierzig Stunden auf den Beinen, und meine Konzentration ließ nach. Ich war mir nicht sicher, ob ich all das richtig verstanden hatte. Auf Bitten des Biologen hin fragte ich nach, wie oft denn Vermoiden in einem ihrer Fahrzeuge in einen anderen Canyon gelangen. Doch als Antwort darauf war meinem sonst recht auskunftsfreudigen Gesprächspartner nur zu entlocken, dass die Konstruktionen erst ausführlich getestet werden müssten: Erst einem Fortbewegungsmittel, das es wirklich bis zu einem anderen Nebelgraben geschafft hat, will sich ein Vermoide anvertrauen. Leider jedoch halten die Fahrzeuge den grausamen Stürmen nicht stand und stellen meist irgendwo auf halber Strecke mit Sand im Getriebe ihre Funktion ein. Stolz verriet Verm uns, dass er auch Maschinen ersinnt, die diesen Schrott in den Wüsten auflesen und zurück in die Nebelgräben kippen, wo sie sich dann auflösen und neues Rohmaterial ergeben. Allerdings – so glaubte ich herauszuhören – bleiben auch diese Schrottsammler oft liegen.
In meinen Ohren klang das alles ziemlich verrückt, auch wenn ich langsam den Faden verlor, aber die anderen waren eher an den technischen Details interessiert, was Verm zu freuen schien. Gesteuert und überwacht würden die Konstruktionen, die führerlos durch die Wüstenstürme rollten, stakten und robbten, durch Signale, welche von Funkstrahlern stammten, die für diesen Zweck ebenfalls aus Nebel geformt wurden.
Unser Gesprächspartner kannte den starken Sender, nach dem mich der Commander fragen ließ, und führte uns ein Stück weit in den Canyon hinein, wobei er anderen Vermos geflissentlich auswich. Manchmal sahen wir sie schemenhaft im Nebel, beschäftigt mit großen, komplexen Konstruktionen: Fahrzeugen auf Stelzen oder mit Walzen oder Rädern – Fluchtfahrzeuge, um dem allgegenwärtigen Lärm zu entkommen, den wir zum Glück nicht wahrnehmen konnten.
*
Tausende ineinander verschlungene graue Rohre und Röhrchen, bedeckt von schnell vibrierenden Härchen: der Funkstrahler. Er sah eher organisch aus als wie eine Maschine, fast wie ein Lebewesen. Unglaublich, dass sich so etwas einfach erdenken lässt. Ich hörte, wie unser Biologe murmelte, dieser Planet hier würde all unsere Vorstellungen von Leben und Evolution komplett auf den Kopf stellen.
Der Erbauer des Senders, erklärte mir Verm, sei schon lange tot. Er habe damals versucht, alle Vermoiden im Canyon davon zu überzeugen, dass sie das Konstruieren von Fahrzeugen beenden müssten, ja, dass sie gänzlich aufhören sollten, etwas aus Nebel zu formen. Gemeinsam könnten sie so einen »Nebelgraben der Stille« schaffen, einen Ort, wie sie ihn alle zu finden hoffen – den es allerdings nirgendwo gebe, da alle Canyons von lärmenden Vermos bewohnt seien.
Doch dieser Vorschlag – unser Gesprächspartner belegte ihn mit einem Begriff, der mir abfällig zu sein schien – spornte alle nur noch mehr an, endlich ein funktionierendes, wüstentaugliches Fluchtfahrzeug zu erfinden, worauf der Vermoide diesen Sender zu konstruieren begann, wohl in der Hoffnung, damit Hilfe herbeiholen zu können.
Vielleicht hatte er ja sogar auf uns gehofft, dachte ich, aber bevor ich meinen Gesprächspartner weiter befragen konnte, ließ der Commander abbrechen. Wir nickten alle schon fast im Stehen ein. Also verabschiedeten wir uns und kehrten zum Landungsboot zurück.
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Auf dem Rückflug zum Schiff entzündete sich eine Diskussion zwischen uns, die allerdings ziemlich schnell wieder einschlief, als wir alle feststellten, dass uns jeweils ganz unterschiedliche Dinge auf der Seele brannten. Unser Commander entdeckte, dass sich die Nebelproben, die wir zur Untersuchung mitgenommen hatten, mit steigender Entfernung von der Planetenoberfläche aufzulösen begannen, ohne Rückstände zu hinterlassen. Befriedigt stellte er fest, dass die Vermos zwar in der Lage sein dürften, Flugmaschinen zu bauen, aber niemals Raumschiffe, weil ihr Baumaterial ihren Planeten nicht verlassen kann. Damit stellten sie keinerlei Gefahr für die Menschheit dar. Unser Biologe konnte immer noch nicht fassen, was für Konsequenzen diese Begegnung mit einer fremden Intelligenz und ihren Fähigkeiten für unser Verständnis davon bedeutet, was Leben ist, wie es entsteht und sich weiterentwickelt. Masanori, unser Mathematiker kam nicht darüber hinweg, dass die Vermos weder weiter als Kleinkinder zählen können noch über physikalische Kenntnisse verfügen – und trotzdem einen Radiosender konstruieren konnten, der fünfzehn Lichtjahre überbrücken kann. Ich dagegen wollte über den Erbauer des Senders sprechen, den unverstandenen »Propheten« der Vermos, der uns ja sozusagen geholt oder zumindest herbeigelockt hatte. Trugen wir damit nicht die Verantwortung, den Vermoiden ihr Problem vor Augen zu führen, für das sie offenbar betriebsblind zu sein schienen?
Die anderen sahen mich irritiert an. »Betriebsblind? Was meinst du damit?«, fragte mich der Biologe verdattert. Da wir alle dringend Schlaf benötigten, verschoben wir alle weiteren Diskussionen und Untersuchungen auf später.
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Jetzt liege ich in meiner Koje, gleichzeitig hellwach und hundemüde, und will das alles noch einmal Revue passieren lassen. Doch es fällt mir immer schwerer, klar zu denken.
Eigentlich haben wir ein Paradies entdeckt, denke ich. Nicht für uns Menschen natürlich, aber doch wohl für die Bewohner dieses Planeten. Wenn nur nicht der Nebel kreischen würde! Na, das tut er ja auch nur, weil … Ich glaube, jetzt höre ich es auch. Das Sirren kommt von allen Seiten, an- und abschwellend. Ich bin wütend. Aber nein, ich muss mich konzentrieren! Was, wenn wir Menschen so ein Material hätten, das wir durch Gedankenkraft in jede beliebige Form bringen könnten? Oder ist gar nicht die Frage? Meine Oma will mich mitnehmen zu einem Zauberer, der in der Stadt ist, doch dann fällt dessen Vorstellung einfach aus. Ich bin traurig und enttäuscht, weil ich mich doch so darauf gefreut hatte! Magie! Kaninchen aus dem Hut. Ohne Hut. Ex nihilo. Es stellt alles völlig auf den Kopf, was wir wissen und kennen. Und jetzt das! Ich bin wütend, enttäuscht und traurig. Dabei hatte ich eben noch einen wichtigen Gedanken. Mich konzentrieren zu wollen, ist jedoch ein Lösungsversuch, der das Problem erst schafft. Ich stelle erfreut fest, dass es mir ohne Anstrengung gelingt, aus dem Nebel einen riesigen Ohrenschützer zu manifestieren, in den ich und Lady Wow uns bequem hineinkuscheln können. Hier ist es wunderbar still.
Aber da sind mir die Augen schon zugefallen, und ich bin endlich selig eingeschlafen.
A Question of Life and Death
Ich betrete den Korridor zu den Mannschaftsquartieren. Achtzehn Jahre nach dem Start der Cosmic Beagle mit dem Auftrag, benachbarte außerirdische Zivilisationen aufzusuchen und Kontakt mit ihnen aufzunehmen, droht unsere Expedition zu scheitern. Ich trage meinen Skaphander, obwohl ich weiß, dass er mich nicht vor dem Gift der Aliens schützen kann, die das Schiff geentert haben. Wir nennen sie »Kxax« – nach dem Geräusch, das sie machen, wenn sie in einem der Gänge und Räume im Schiff materialisieren.
Wir haben das dritte und letzte Ziel unserer Reise erreicht. Es ist ein Planet, den große Wasserflächen und zehntausende von Inseln bedecken, die von ebenso riesigen wie bizarren »Schlingpflanzen« überwuchert sind. Unser Exobiologe sprang vor Freude über ein neues, unbekanntes Ökosystem (das, anders als das vom Planeten der Nebelschöpfer, dem unserer Erde gleicht) fast an die Decke. Doch bevor wir überhaupt darüber nachdenken konnten, wie mit der Zivilisation auf dem Planeten, von der die Radiosignale stammten, eine Kommunikation möglich ist, waren plötzlich fremde Wesen an Bord. Unser Biologe traf als Erstes auf eines von ihnen – und war Sekunden später tot. Der Kommandant ordnete an, mit Waffengewalt gegen die Eindringlinge vorzugehen, und die Katastrophe begann. In den Korridoren der CeeBee brach ein Guerillakrieg aus. Wir radierten der Reihe nach die Angreifer aus, und sie machten, Mannschaftsmitglied für Mannschaftsmitglied, uns den Garaus.
Inzwischen weiß ich, dass es ein tragisches Missverständnis war.
*
Ich hatte ernsthaft geglaubt, dass wir unbewaffnet waren. Aber da hatte ich mich wohl getäuscht: Plötzlich wurden Strahlengewehre verteilt, Hadronenstrahler, die alles Biologische pulverisieren, das Metall des Schiffes jedoch unbehelligt lassen. Was als Forschungsreise begonnen hatte, wurde plötzlich zu einem First-Person-Shooter.
Ich verschanzte mich mit Masanori, dem Mathematiker, im Kontrollraum. Immer wieder gingen wir die Aufzeichnungen der Bordkameras durch. Wir stellten fest, dass die Kxax – kleine, wendige Geschöpfe, die an eine Mischung aus Krabbe und Nacktschnecke erinnern – nicht etwa »materialisierten«, sondern nur die Sichtbarkeit wechselten. Waren mehrere von ihnen an einer Stelle, changierten sie in allen möglichen Farben, so als würden sie sich auf diese Weise miteinander unterhalten.
Eine Farbsprache. Ließ sie sich entschlüsseln?
Bei dem Versuch, die völlig verängstigte Lady Wow zu retten und zu uns in den Kontrollraum zu holen, kam Masanori zu Tode. Der Commander meldete sich über Funk, nannte Masanori einen Helden, dessen Tod gerächt werden müsse, und zerstrahlte sich bei dem Versuch, das Wesen zu töten, das den Mathematiker auf dem Gewissen hatte, sein halbes Bein, bevor auch er an dem Gift der Außerirdischen starb.
*
Das Gemetzel hatte nur wenige Stunden gedauert. Ich bin die letzte Überlebende unserer Crew. Und auch von den Kxax scheint nur einer überlebt zu haben.
Ich schickte Farbbotschaften auf die Displays in den Korridoren – anfangs bloße Kopien dessen, was ich bei den Kxax selbst beobachtet hatte. Nach einiger Zeit bekam ich von dem überlebenden Kxax eine Antwort – die ich natürlich erst einmal nicht verstand.
Das war vor drei Tagen. Jetzt betrete ich den Korridor vor dem Kontrollraum. Der Kxax wartet hier. Ich habe gelernt, mich ihm in seiner Lichtsprache verständlich zu machen und genügend Vertrauen gewonnen, um zu ihm herauszukommen und ihm gegenüberzutreten. Es ist ein junger und unerfahrener Kxax.
Ab einem bestimmten Alter sind die Kxax Einzelgänger, habe ich erfahren. Als sie unser Raumschiff entdeckten, passierte etwas, das es so wohl noch nie unter ihnen gegeben hat: Sie sandten eine Delegation, um dem vermeintlichen »Lebengeber« gegenüberzutreten, unter dem sie vermutlich ihren Schöpfergott verstehen.
Das tragische Missverständnis war, dass wir bei der ersten Begegnung nicht kapierten, dass sie uns etwas fragen wollten. Wenn sich nämlich zwei erwachsene Kxax begegnen, stellen sie sich die Frage. Ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, wie sie lautet. »Bist du bereit?« scheint eine gute Annäherung zu sein, und gemeint ist wohl: Bist du bereit, dem Lebengeber zu begegnen, vor das Angesicht deines Schöpfers zu treten?
Ist einer der beiden »bereit«, so wird er vom anderen getötet – und dies ist, wenn ich mir alles richtig zusammengereimt habe, als hohe Ehre zu betrachten. Falls nicht, kommt es offenbar zu Sex und Nachwuchs. Und falls beide »bereit« sein sollten, ist das Anlass zu großer Freunde, und es kommt zu einer überschäumenden, wenn auch tödlichen Ekstase: Das, was bei uns als Nervengift wirkt, scheint für die Kxax selbst so etwas wie eine letale Glücksdroge zu sein.
*
Mein Computer übersetzt mir die blitzschnell wechselnden Farben und Lichtreflexe auf dem Bauchpanzer des Kxax. »Große Ehre für mich«, blinkt dieser angesichts unserer ersten Begegnung Auge in Auge. Wir stehen uns gegenüber, Mensch und Kxax. Ich lasse das Display seine Licht- und Farbmuster wiederholen, denn auch für mich ist diese Begegnung eine große Ehre. Die Übersetzung seiner Antwort darauf lautet: »Bist du bereit?« Schnell gebe ich ein: Nein. Ich bin zwar die letzte Überlebende in einem Schiff voller Toter, das sich zwölf Lichtjahre von der Erde entfernt befindet, aber, nein, ich will nicht sterben, nicht jetzt, wo ich weiß, dass alles nur ein großes Missverständnis war. Ich will ihnen zeigen, dass wir in Frieden gekommen sind, und ich will mit Lady Wow zusammen zur Erde zurückkehren, um den Menschen dort von den Begegnungen zu erzählen, die wir mit fremden Wesen und Zivilisationen hatten.
Ich spüre einen Stich in meinem linken Fuß. Der Kxax zieht langsam einen Stachel zurück. Panik erfasst mich. »Warum?!«, schreie ich, und mein Computer übersetzt es in seinen Farbcode. »Wann bereit, zu Lebengeber zu gehen, sagt nicht Befragter. Wann bereit, zu Lebengeber zu gehen, sagt Fragender. Große Ehre für mich. Erstes Mal.« Mein linkes Bein wird langsam taub. Der junge Kxax hat mir nur eine geringe Dosis verpasst. So setzt die Wirkung nicht augenblicklich, sondern mit leichter Verzögerung ein. »Du jetzt fragen«, lese ich auf dem Display. Ich gleite an der Wandung des Korridors zu Boden. Jetzt bin ich mit dem Kxax auf Augenhöhe. Ich blicke in etwas absolut Fremdartiges. Und dennoch, es ist ein Geschöpf wie ich, mit Ängsten, Hoffnungen und der Absicht, das Bestmögliche zu tun. »Du auch Todgeber, große Ehre, du jetzt fragen«, übersetzt der Computer. Doch ich muss an Lady Wow denken. »Du jetzt fragen.« Sie wird einsam sein ohne mich. »Du jetzt fragen.« Meine Sicht verschwimmt.
Dann bin ich plötzlich im Weltraum. Die Cosmic Beagle sieht klein und zerbrechlich aus. Das All umspült mich wie ein warmer Ozean, und die Sterne blinzeln mir zu. »Lebengeber«, denke ich und muss lachen. Man kann nicht etwas geben, das immer schon da ist, überall. Ich möchte es dem kleinen, verlorenen Kxax sagen, aber während ich mich von der seidenen Dünung langsam davontreiben lasse, wird mir klar, dass er recht hatte: Ich bin bereit. Es ist alles in bester Ordnung. Und das große Ja in mir zu allem, was nun folgen mag, fühlt sich ganz wohlig und wunderbar an …
Kxax Can Wait
Ich betrete den Korridor. Auch hier ist niemand. Nun habe ich alle Gänge abgesucht, und es ist tatsächlich keiner mehr am Leben: von uns nicht und nicht von den Fremden, die mit dem Schiff gekommen sind, um sich der Frage zu stellen.
Ihr Schiff, spüre ich, hat sich in Bewegung gesetzt. Es hat nach seiner Besatzung gerufen, und als es keine Antwort hörte, hat es sich selbst auf den Weg gemacht. Mich hat es nicht bemerkt.
Dem letzten der Fremden habe ich die Frage stellen können! Ich, der jüngste von uns allen. Zum ersten Mal. Es ist ein noch größeres Glücksgefühl, als uns Sprösslingen prophezeit wurde. Ich werde noch lange davon zehren können, auch wenn die Gegenfrage ausblieb. Vielleicht hat meine Gabe zu schnell gewirkt, war der Fremde fragiler, als ich dachte. Aber auch so fühle ich mich bereit, in die Fußstapfen meines toten Lehrers zu treten und die Frage hinaus in den dunklen, kalten Ozean zwischen den Sternen zu tragen, zu all denen dort, die ohne es zu ahnen vielleicht schon seit Urzeiten darauf warten, die Frage gestellt zu bekommen.
Es ist noch ein weiteres Wesen an Bord. Keines allerdings, das die Frage verstehen würde: ein Vierbeiner, etwa so groß wie ich, doch hat es Angst vor mir. Ich werde mich ihm sehr behutsam nähern. Vielleicht können wir uns miteinander anfreunden. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis das Schiff seinen Heimathafen erreicht und ich wieder die Frage stellen kann: Es wäre schön, auf der Reise nicht einsam sein zu müssen.