
♫ Wabe-Sabi ♫
Ich im Korridor,
trag Kaminholz zum Salon:
Warm war’s nur mit dir.
Ich – im Korridor
amaryllisduftumflort –
wünsch dich mir zurück.
Ich, im Korridor,
häng nun doch das Foto ab:
Bist so lang schon fort.
Ich im Korridor?
Ruft mich nicht das Mondlicht raus?
Worauf wart ich noch?
Ich im Korridor:
Hab ganz plötzlich dich im Arm,
ob wohl …? Nur im Traum!

♫ Los ratones bailan ♫
Ich betrete den Korridor. An die Türen zu beiden Seiten sind kleine Bretter genagelt, in die jemand grob mit einem Messer Wörter geritzt hat: »Schlucht« lese ich auf einer, »Horn« auf der zweiten, »Siedebecken« auf der dritten und auf der vierten »Hohlraum«. Auch die Tür am Ende des Korridors ziert ein solches Brett. »Die Auserkorene« steht hier, und mit einem Mal breitet sich ein prickelndes Glücksgefühl in mir aus. Andreia! Ich hatte die Suche schon fast aufgegeben. Ein Zettel ist unter das Brett geklemmt. Sofort erkenne ich ihre schön geschwungene Handschrift. »Bin gleich zurück.« Das »gleich« ist durchgestrichen, und darüber steht nun »einst«. Egal. Ich werde warten. Bestimmt hat sie von ihrem Zimmer aus eine hübsche Aussicht.

♫ Herzzerreißend gleißend ♫
Ich betrete den Korridor, oder besser gesagt: Ich schwebe hinein, noch etwas ungelenk mit den Flügeln schlagend. Der Korridor ist rund wie ein Bohrloch. Türen kann ich nicht erkennen. Am Ende erwartet mich ein überirdisches Strahlen, das mich mit tiefer, süßer Sehnsucht erfüllt. Ich flattere und versuche, schneller voranzukommen. Wabernde Umrisse in dem Leuchten vor mir lassen mich an Freunde und Geliebte denken, die ich schon lange vergessen habe. Ich eile voran. Obwohl: Sollte ich nicht noch einmal zurückblicken? Habe ich vielleicht etwas unerledigt zurückgelassen?
Oh, und ob!
Idreana!
Noch habe ich sie – in all den Korridoren, hinter den zahllosen Türen – nicht wiedergefunden! Ich wende mich um, auch wenn es schwerfällt, zurück zum Anfang des Tunnels. Das verführerisch schimmernde Licht hinter mir wird schwächer, und ich kann die Enttäuschung der dort auf mich Wartenden spüren.
Es tut mir leid.
Aber ich habe ihr mein Wort gegeben!

♫ Why I Do What I Do When I’m Done ♫
Ich betrete den Korridor – mein Spiegel-Ich einen Wald. Ich gehe die vielen Türen entlang – mein Spiegel-Ich beobachtet einen Specht. Ich drücke vorsichtig eine der Klinken herunter, doch die Tür ist verschlossen – mein Spiegel-Ich streicht über die Rinde einer Eiche. Ich kratze mich, wo es mich unter der Strumpfmaske an der Nase juckt – mein Spiegel-Ich lauscht dem Rascheln der Blätter in der leichten Brise, die durch die Baumkronen weht. Ich verstecke mich hinter der mannshohen Pflanze, die im Korridor steht, als sich eine Tür öffnet, einer der Bürokraten heraustritt, ein Fenster öffnet und sich eine Zigarette anzündet – mein Spiegel-Ich hört Schritte näherkommen. Ich schleiche mich hinter dem Raucher vorbei und schlüpfe durch die offene Tür in sein leeres Büro – mein Spiegel-Ich schließt die heraneilende Geliebte in die Arme. Ich bringe den Sprengsatz unter dem Schreibtisch an und stelle den Zeitzünder auf zwei Minuten – mein Spiegel-Ich findet ein weiches Moospolster für sich und seine Eandria.

♫ Tjotjog ♫
Ich betrete den Korridor, einen Blumenstrauß in der Hand. Damit winke ich zehn Minuten lang in die Webcam des Instituts (die eigentlich auf die Kaffeemaschine gerichtet ist). Die Kamera schickt nämlich nur sechsmal die Stunde ein Bild um die Welt und zeigt leider nicht an, wann. Aber ich will unbedingt drauf sein. Am Anfang lächle ich noch, habe allerdings schon nach wenigen Minuten das Gefühl, inzwischen eine Fratze zu zeigen. (Dass ein forciertes Lächeln physiologisch Glücksgefühle hervorrufen soll, kann ich nicht bestätigen.)
Na, Hauptsache, du erhältst auf diese Weise, zwei Kontinente entfernt, pünktlich meinen versprochenen kleinen Valentinsgruß.

♫ Kein Orm ♫
»Ich betrete den Korridor« steht oben in meinem Heft. Alle anderen schreiben fleißig. Ich starre auf meine krakeligen Buchstaben. Ana tritt zu mir ans Pult – unsere Deutschlehrerin, die möchte, dass wir sie mit Vornamen anreden, aber ich sage lieber »Frau Ried« oder am liebsten überhaupt nichts, wenn sie so vor mir steht und ich sie riechen kann, dass mir ganz komisch wird von ihrem Geruch nach frischen Äpfeln, und mein Mund wird ganz trocken davon.
»Lass deiner Kreativität freien Lauf, schreib einfach, was dir dazu einfällt«, ermuntert sie mich. Ich blicke starr auf mein Heft, weil ich weiß, wenn ich sie ansehe, dann passieren ganz seltsame Dinge mit mir, und ich werde ganz rot und muss plötzlich stottern und so.
»Na los schon! ›Ich betrete den Korridor.‹ Und dann einfach weiter, was dir so in den Kopf kommt.«
Ich setze den Stift aufs Papier. Er zittert. Hoffentlich merkt sie es nicht. Ich fange an zu schreiben. Frau Ried wendet sich ab. Ich schreibe und schreibe. Immer dasselbe, immer den gleichen Satz.
»Ich betrete den Korridor. Ich betrete den Korridor. Ich betrete den Korridor. Ich betrete den Korridor. Ich betrete den Korridor …«

♫ Mjúk viðkoma ♫
Ich betrete den Korridor, den ich in den letzten Wochen schon so oft betreten habe. Hinter dieser weißen Tür dort liegst du, und eine Maschine hilft dir beim Atmen. Plötzliche Gehirnblutungen haben dich binnen weniger Stunden ins Koma fallen lassen, und die Ärzte meinen, in deinem Kopf sei zu viel zerstört, als dass man hoffen könnte, eines Tages wachst du wieder auf und bist wieder ganz dieselbe.
Ich halte deine Hand. Das Blubbern und Zischen der Herz-Lungen-Maschine hat etwas Beruhigendes und Meditatives – aber erst, seitdem ich meinen Protest gegen all das hier, meine Wut, mein Unverständnis, meine Verzweiflung und mein Hoffen auf ein Wunder endlich losgelassen hatte.
Wenn wir allein sind, erzähle ich uns leise von unseren gemeinsamen Erfahrungen, den Reisen, den Filmen, die wir gesehen haben, Feiern, Seminaren und Treffen mit Freunden – oder einfach nur von kleinen skurrilen Alltagserlebnissen, die mir in den Sinn kommen. Manchmal spiele ich auf dem kleinen Cassettenrecorder auch deine Lieblingsmusik ab.
Menschen leiden und sterben auf der ganzen Welt – ständig. Warum tut es mir so weh, dich hier liegen zu sehen, während all die anderen mir gleichgültig sind? Fast unhörbar leise stelle ich dir die Frage, stelle mir vor, du könntest zu mir sprechen, und du sagst: Ich leide nicht – du leidest.
Und dann, einige Augenblicke lang, ein paar Atemzüge der Herz-Lungen-Maschine lang, ist es, als würdest du meine Hand halten und mir mit deinem stillen Einfach-nur-Dasein Trost, Mut und Hoffnung geben.
Heute schalten sie die Maschinen ab, und du wirst in ein Hospiz verlegt. Ich habe ein gemütliches kleines Zimmer für dich ausgesucht: Durch das Fenster sieht man Bäume, und man kann die Vögel singen hören, obwohl es mitten in der Stadt liegt.
Es wird dir gefallen.
Und wenn du nicht mehr magst, kannst du gehen. Ich halte zwar immer noch deine Hand, aber ich halte dich nicht mehr fest.

♫ Sage in a Gilded Cage ♫
Ich betrete den Korridor des Puppenhauses, um zur Küche zu gelangen. Die Utensilien dort sind lächerlich überproportioniert, doch ich will nicht gänzlich verrohen und mir mein Essen, statt es mir einfach ins Maul zu schaufeln, so weit es mir möglich ist zubereiten. Wenn ich schon wie unzivilisierter Waldmensch aussehe, möchte ich wenigstens innerlich und in meinen Alltagshandlungen eine gewisse Würde bewahren.
Denn seit mich meine Kurtisane mit einem Voodoo-Zauber verhext und auf Däumlingsgröße geschrumpft hat, bin ich auf Gedeih und Verderb ihrer halbwüchsigen Tochter ausgeliefert, die mich als Spielzeug betrachtet und zu ihrem Zeitvertreib alle möglichen Kunststücke vorführen lässt. Obwohl ich das Plakat, das ich mit dem Wort »Hunger« bemalt habe, fast täglich ausrolle und vom Schlafzimmer über die ebenfalls halb aufgeschnittene Eingangshalle hinunterhängen lasse, denkt sie nur hin und wieder daran, mir ein Salatblatt oder einen Obstschnitz ins Vestibül zu legen.
Schlimmer als die Tochter allerdings ist die Mutter, die mich nachts manchmal heimlich holt und sich mit mir ins Bett legt. Es ist, abgesehen von ihrer grotesken Riesenhaftigkeit, fast wie damals, nur dass sie mich jetzt zwingt, über ihren nackten Leib zu wandern und ihr alle an ungeeigneten Stellen sprießenden Haare herauszureißen. Für mich bedeutet das mühsame Fußmärsche und Schwerstarbeit – und ist umso demütigender, weil sie so für ihren neuen Liebhaber noch begehrenswerter erscheinen will, während für mich kein Messer scharf genug ist, um mich zu rasieren oder auch nur die inzwischen bis zu meinen Knien reichende verfilzte Mähne zu kürzen.