Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Romanze

3/398

Das Titelbild zeigt eine Frau in einem langen schwarzen Kleid in einem prunkvollen, dunklen Korridor mit einem großen zähnefletschenden Drachenkopf an der Decke, während eine weitere Person am Ende des Gangs vor einer hellen Tür steht.

♫ Dance Dra­gon Dance (Intro) ♫


3/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor. Du läufst mir lachend und mit offe­nen Armen ent­ge­gen. Ardi­nea! Ich erkenne dich an der wil­den Farbe dei­ner Augen.

5/398

Das Titelbild zeigt eine Holzbox mit japanischer Schrift und einer Zeichnung im Inneren. Ein kleiner digitaler Button zeigt ein durchgestrichenes E.

♫ Wabe-Sabi ♫


5/398

LogoSwitch language

Ich im Kor­ri­dor,

trag Kamin­holz zum Salon:

Warm war’s nur mit dir.

 

 

Ich, im Kor­ri­dor,

häng nun doch das Foto ab:

Bist so lang schon fort.

 

 

Ich im Kor­ri­dor:

Hab ganz plötz­lich dich im Arm,

ob wohl …? Nur im Traum!

8/398

Das Titelbild zeigt eine alte, hölzerne Doppeltür in einer bröckelnden Wand mit Lichtstrahlen und einem Schild mit der Aufschrift "THE CHOSEN ONE", an dem ein Zettel mit "Be eventually back" befestigt ist. Ein digitaler Button zeigt eine Sanduhr.

♫ Los rato­nes bai­lan ♫


8/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor. An die Türen zu bei­den Sei­ten sind kleine Bret­ter gena­gelt, in die jemand grob mit einem Mes­ser Wör­ter geritzt hat: »Schlucht« lese ich auf einer, »Horn« auf der zwei­ten, »Sie­de­be­cken« auf der drit­ten und auf der vier­ten »Hohl­raum«. Auch die Tür am Ende des Kor­ri­dors ziert ein sol­ches Brett. »Die Aus­er­ko­rene« steht hier, und mit einem Mal brei­tet sich ein pri­ckeln­des Glücks­ge­fühl in mir aus. And­reia! Ich hatte die Suche schon fast auf­ge­ge­ben. Ein Zet­tel ist unter das Brett geklemmt. Sofort erkenne ich ihre schön geschwun­gene Hand­schrift. »Bin gleich zurück.« Das »gleich« ist durch­ge­stri­chen, und dar­über steht nun »einst«. Egal. Ich werde war­ten. Bestimmt hat sie von ihrem Zim­mer aus eine hüb­sche Aus­sicht.

24/398

Das Titelbild zeigt im impressionistischen Stil einen langen Gang mit rechteckigen Fensteröffnungen an der rechten Seite und am Ende einen Blick auf eine grüne Landschaft. In einer der Fensteröffnungen steht eine Urne.

♫ Upp­göt­vun ♫


24/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor. Hier woll­ten wir uns tref­fen, wenn wir uns ver­lie­ren soll­ten. Und tat­säch­lich: Auf der Fens­ter­bank steht die Urne.

86/398

Das Titelbild zeigt die Silhouette einer Person mit transparenten Flügeln, die in einem dunklen Tunnel auf eine helle Öffnung zuschwebt – oder von ihr weg. Im Licht am Ende sind weitere Silhouetten sichtbar.

♫ Herz­zer­rei­ßend glei­ßend ♫


86/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor, oder bes­ser gesagt: Ich schwebe hin­ein, noch etwas unge­lenk mit den Flü­geln schla­gend. Der Kor­ri­dor ist rund wie ein Bohr­loch. Türen kann ich nicht erken­nen. Am Ende erwar­tet mich ein über­ir­di­sches Strah­len, das mich mit tie­fer, süßer Sehn­sucht erfüllt. Ich flat­tere und ver­su­che, schnel­ler vor­an­zu­kom­men. Wabernde Umrisse in dem Leuch­ten vor mir las­sen mich an Freunde und Geliebte den­ken, die ich schon lange ver­ges­sen habe. Ich eile voran. Obwohl: Sollte ich nicht noch ein­mal zurück­bli­cken? Habe ich viel­leicht etwas uner­le­digt zurück­ge­las­sen?

Oh, und ob!

Idre­ana!

Noch habe ich sie – in all den Kor­ri­do­ren, hin­ter den zahl­lo­sen Türen – nicht wie­der­ge­fun­den! Ich wende mich um, auch wenn es schwer­fällt, zurück zum Anfang des Tun­nels. Das ver­füh­re­risch schim­mernde Licht hin­ter mir wird schwä­cher, und ich kann die Ent­täu­schung der dort auf mich War­ten­den spü­ren.

Es tut mir leid.

Aber ich habe ihr mein Wort gege­ben!

90/398

Das Titelbild zeigt zwei Männer in historischer Kleidung in unterschiedlichen Umgebungen, der linke in einem Arkadengang mit einer großen Pflanze in einer Vase, vermummt und eine Bombe tragend; der rechte in einem Wald mit Farnen und Bäumen, eine Botanisiertrommel über die Schulter gehängt.

♫ Why I Do What I Do When I’m Done ♫


90/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor – mein Spie­gel-Ich einen Wald. Ich gehe die vie­len Türen ent­lang – mein Spie­gel-Ich beob­ach­tet einen Specht. Ich drü­cke vor­sich­tig eine der Klin­ken her­un­ter, doch die Tür ist ver­schlos­sen – mein Spie­gel-Ich streicht über die Rinde einer Eiche. Ich kratze mich, wo es mich unter der Strumpf­maske an der Nase juckt – mein Spie­gel-Ich lauscht dem Rascheln der Blät­ter in der leich­ten Brise, die durch die Baum­kro­nen weht. Ich ver­ste­cke mich hin­ter der manns­ho­hen Pflanze, die im Kor­ri­dor steht, als sich eine Tür öff­net, einer der Büro­kra­ten her­aus­tritt, ein Fens­ter öff­net und sich eine Ziga­rette anzün­det – mein Spie­gel-Ich hört Schritte näher­kom­men. Ich schlei­che mich hin­ter dem Rau­cher vor­bei und schlüpfe durch die offene Tür in sein lee­res Büro – mein Spie­gel-Ich schließt die her­an­ei­lende Geliebte in die Arme. Ich bringe den Spreng­satz unter dem Schreib­tisch an und stelle den Zeit­zün­der auf zwei Minu­ten – mein Spie­gel-Ich fin­det ein wei­ches Moos­pols­ter für sich und seine Ean­dria.

96/398

Das Titelbild zeigt ein quadratisches Computerfenster mit dem Titel "xcoffee" und der verschwommenen Nahaufnahme eines Gesichts vor einer Kaffeemaschine. Der Mann scheint einen Blumenstrauß zu halten.

♫ Tjot­jog ♫


96/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor, einen Blu­men­strauß in der Hand. Damit winke ich zehn Minu­ten lang in die Web­cam des Insti­tuts (die eigent­lich auf die Kaf­fee­ma­schine gerich­tet ist). Die Kamera schickt näm­lich nur sechs­mal die Stunde ein Bild um die Welt und zeigt lei­der nicht an, wann. Aber ich will unbe­dingt drauf sein. Am Anfang lächle ich noch, habe aller­dings schon nach weni­gen Minu­ten das Gefühl, inzwi­schen eine Fratze zu zei­gen. (Dass ein for­cier­tes Lächeln phy­sio­lo­gisch Glücks­ge­fühle her­vor­ru­fen soll, kann ich nicht bestä­ti­gen.)

Na, Haupt­sa­che, du erhältst auf diese Weise, zwei Kon­ti­nente ent­fernt, pünkt­lich mei­nen ver­spro­che­nen klei­nen Valen­tins­gruß.

107/398

Das Titelbild zeigt eine Lehrerin mit Brille neben einem Mädchen mit Zöpfen, das an einem Schreibtisch in einem Klassenzimmer vor einem großen, leeren Notizbuch sitzt und mit ernstem Blick direkt den Betrachter ansieht.

♫ Kein Orm ♫


107/398

LogoSwitch language

»Ich betrete den Kor­ri­dor« steht oben in mei­nem Heft. Alle ande­ren schrei­ben flei­ßig. Ich starre auf meine kra­ke­li­gen Buch­sta­ben. Ana tritt zu mir ans Pult – unsere Deutsch­leh­re­rin, die möchte, dass wir sie mit Vor­na­men anre­den, aber ich sage lie­ber »Frau Ried« oder am liebs­ten über­haupt nichts, wenn sie so vor mir steht und ich sie rie­chen kann, dass mir ganz komisch wird von ihrem Geruch nach fri­schen Äpfeln, und mein Mund wird ganz tro­cken davon.

»Lass dei­ner Krea­ti­vi­tät freien Lauf, schreib ein­fach, was dir dazu ein­fällt«, ermun­tert sie mich. Ich bli­cke starr auf mein Heft, weil ich weiß, wenn ich sie ansehe, dann pas­sie­ren ganz selt­same Dinge mit mir, und ich werde ganz rot und muss plötz­lich stot­tern und so.

»Na los schon! ›Ich betrete den Kor­ri­dor.‹ Und dann ein­fach wei­ter, was dir so in den Kopf kommt.«

Ich setze den Stift aufs Papier. Er zit­tert. Hof­fent­lich merkt sie es nicht. Ich fange an zu schrei­ben. Frau Ried wen­det sich ab. Ich schreibe und schreibe. Immer das­selbe, immer den glei­chen Satz.

»Ich betrete den Kor­ri­dor. Ich betrete den Kor­ri­dor. Ich betrete den Kor­ri­dor. Ich betrete den Kor­ri­dor. Ich betrete den Kor­ri­dor …«

124/398

Das Titelbild zeigt mehrere bunte Regenschirme, die vor einem medizinischen Monitor mit Herzfrequenzanzeige und der Zahl 124 schweben. Ein digitaler Button unten links zeigt das Piktogramm einer Hand, die tröstend auf einer anderen Hand liegt.

♫ Mjúk við­koma ♫


124/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor, den ich in den letz­ten Wochen schon so oft betre­ten habe. Hin­ter die­ser wei­ßen Tür dort liegst du, und eine Maschine hilft dir beim Atmen. Plötz­li­che Gehirn­blu­tun­gen haben dich bin­nen weni­ger Stun­den ins Koma fal­len las­sen, und die Ärzte mei­nen, in dei­nem Kopf sei zu viel zer­stört, als dass man hof­fen könnte, eines Tages wachst du wie­der auf und bist wie­der ganz die­selbe.

Ich halte deine Hand. Das Blub­bern und Zischen der Herz-Lun­gen-Maschine hat etwas Beru­hi­gen­des und Medi­ta­ti­ves – aber erst, seit­dem ich mei­nen Pro­test gegen all das hier, meine Wut, mein Unver­ständ­nis, meine Ver­zweif­lung und mein Hof­fen auf ein Wun­der end­lich los­ge­las­sen hatte.

Wenn wir allein sind, erzähle ich uns leise von unse­ren gemein­sa­men Erfah­run­gen, den Rei­sen, den Fil­men, die wir gese­hen haben, Fei­ern, Semi­na­ren und Tref­fen mit Freun­den – oder ein­fach nur von klei­nen skur­ri­len All­tags­er­leb­nis­sen, die mir in den Sinn kom­men. Manch­mal spiele ich auf dem klei­nen Cas­set­ten­re­cor­der auch deine Lieb­lings­mu­sik ab.

Men­schen lei­den und ster­ben auf der gan­zen Welt – stän­dig. Warum tut es mir so weh, dich hier lie­gen zu sehen, wäh­rend all die ande­ren mir gleich­gül­tig sind? Fast unhör­bar leise stelle ich dir die Frage, stelle mir vor, du könn­test zu mir spre­chen, und du sagst: Ich leide nicht – du lei­dest.

Und dann, einige Augen­bli­cke lang, ein paar Atem­züge der Herz-Lun­gen-Maschine lang, ist es, als wür­dest du meine Hand hal­ten und mir mit dei­nem stil­len Ein­fach-nur-Dasein Trost, Mut und Hoff­nung geben.

Heute schal­ten sie die Maschi­nen ab, und du wirst in ein Hos­piz ver­legt. Ich habe ein gemüt­li­ches klei­nes Zim­mer für dich aus­ge­sucht: Durch das Fens­ter sieht man Bäume, und man kann die Vögel sin­gen hören, obwohl es mit­ten in der Stadt liegt.

Es wird dir gefal­len.

Und wenn du nicht mehr magst, kannst du gehen. Ich halte zwar immer noch deine Hand, aber ich halte dich nicht mehr fest.

129/398

Das Titelbild zeigt einen großen roten Apfel mit Biss vor einer kleinen, detaillierten Puppenküchenzeile mit Herd, Schränken, Tisch und Stühlen.

♫ Sage in a Gilded Cage ♫


129/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor des Pup­pen­hau­ses, um zur Küche zu gelan­gen. Die Uten­si­lien dort sind lächer­lich über­pro­por­tio­niert, doch ich will nicht gänz­lich ver­ro­hen und mir mein Essen, statt es mir ein­fach ins Maul zu schau­feln, so weit es mir mög­lich ist zube­rei­ten. Wenn ich schon wie unzi­vi­li­sier­ter Wald­mensch aus­sehe, möchte ich wenigs­tens inner­lich und in mei­nen All­tags­hand­lun­gen eine gewisse Würde bewah­ren.

Denn seit mich meine Kur­ti­sane mit einem Voo­doo-Zau­ber ver­hext und auf Däum­lings­größe geschrumpft hat, bin ich auf Gedeih und Ver­derb ihrer halb­wüch­si­gen Toch­ter aus­ge­lie­fert, die mich als Spiel­zeug betrach­tet und zu ihrem Zeit­ver­treib alle mög­li­chen Kunst­stü­cke vor­füh­ren lässt. Obwohl ich das Pla­kat, das ich mit dem Wort »Hun­ger« bemalt habe, fast täg­lich aus­rolle und vom Schlaf­zim­mer über die eben­falls halb auf­ge­schnit­tene Ein­gangs­halle hin­un­ter­hän­gen lasse, denkt sie nur hin und wie­der daran, mir ein Salat­blatt oder einen Obst­schnitz ins Ves­ti­bül zu legen.

Schlim­mer als die Toch­ter aller­dings ist die Mut­ter, die mich nachts manch­mal heim­lich holt und sich mit mir ins Bett legt. Es ist, abge­se­hen von ihrer gro­tes­ken Rie­sen­haf­tig­keit, fast wie damals, nur dass sie mich jetzt zwingt, über ihren nack­ten Leib zu wan­dern und ihr alle an unge­eig­ne­ten Stel­len sprie­ßen­den Haare her­aus­zu­rei­ßen. Für mich bedeu­tet das müh­same Fuß­mär­sche und Schwerst­ar­beit – und ist umso demü­ti­gen­der, weil sie so für ihren neuen Lieb­ha­ber noch begeh­rens­wer­ter erschei­nen will, wäh­rend für mich kein Mes­ser scharf genug ist, um mich zu rasie­ren oder auch nur die inzwi­schen bis zu mei­nen Knien rei­chende ver­filzte Mähne zu kür­zen.