Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Reiseziele

230/398

ο άγγελος του ύπνου

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Ich betrete den Kor­ri­dor in der fes­ten Über­zeu­gung, hier end­lich zum Aus­gang zu gelan­gen, doch es zwei­gen nur wei­tere Kata­kom­ben ab. Ich habe mich in die­ser unter­ir­di­schen Toten­stadt ver­irrt, und lang­sam beschleicht mich Panik, denn meine Taschen­lampe wird schwä­cher. Nicht, dass ich mich am Ende zu den vie­len Ver­stor­be­nen geselle, die hier in Ephe­sos bestat­tet wur­den!

Ich irre wei­ter umher. Schließ­lich ver­lischt meine Taschen­lampe gänz­lich und lässt sich auch durch Schüt­teln und gezielte Schläge nicht wie­der zum Leuch­ten bewe­gen. Da bemerke ich in eini­ger Ent­fer­nung einen Licht­schein. Er scheint sich von mir weg­zu­be­we­gen. Ich folge ihm und komme einer gro­ßen, schlan­ken Gestalt näher, die aus sich selbst her­aus zu strah­len scheint. Sie beugt sich über einen leb­los dalie­gen­den Kör­per und wen­det ihn auf die andere Seite, um dann ein­fach in den Fels hin­ein­zu­schwe­ben und darin zu ver­schwin­den. Undurch­dring­li­che Dun­kel­heit bleibt zurück.

Ich betaste den Kör­per, über den sich die Gestalt gebeugt hat. Er ist warm. Ich schüttle ihn. Der Mann wacht auf, mur­melt ver­schla­fen etwas, aus dem ich so etwas wie »som­nus longus« her­aus­höre. Mein Schul­la­tein ist mehr als ein­ge­ros­tet, und so ist unsere Ver­stän­di­gung schwie­rig, zumal wir sie im Dun­keln nicht mit Ges­ten unter­stüt­zen kön­nen.

Er fragt, wie lange er geschla­fen hat. Wo seine sie­ben Freunde – ubi sep­tem amici? – sind. Ich glaube an einen Scherz oder die Ver­steckte Kamera, die aller­dings in der Dun­kel­heit nichts auf­zeich­nen würde. Das aus­ge­dehnte Höh­len­sys­tem, in dem ich mich ver­lau­fen habe, ver­dankt sei­nen Namen einer Legende, nach der hier sie­ben Jüng­linge die reli­giöse Ver­fol­gung über­stan­den, indem Gott sie meh­rere hun­dert Jahre sicher schla­fen ließ.

Der Mann will nicht län­ger auf meine gestot­ter­ten Ant­wor­ten war­ten. Er scheint sich gut aus­zu­ken­nen, denn ich höre ihn ziel­si­cher fort­ge­hen. Ich folge ihm mit aus­ge­streck­ten Armen durch die Dun­kel­heit, stoße immer wie­der an die Fels­wände. Doch die Schürf­wun­den zah­len sich aus. Hin­ter einer Win­dung des Gan­ges wird es hell, und ich klet­tere hin­ter dem Schlä­fer durch einen halb ein­ge­stürz­ten Höh­len­aus­gang geblen­det ins Tages­licht. Uns umgibt eine fel­sige Ödnis, und ich habe keine Ahnung, wo ich mich befinde. Aber das Tou­ris­ten­büd­chen sollte nicht allzu weit sein.

Sofort zücke ich mein Handy, um meine Mut­ter anzu­ru­fen, mit der ich hier das »Haus der Maria« besu­che und die sich bestimmt schon fürch­ter­li­che Sor­gen um mich macht. Der Mann, der eine zer­schlis­sene Toga trägt und sich offen­bar lange nicht rasiert hat, starrt auf mein Handy, mur­melt erschreckt etwas von »opus dia­bo­li­cum«, macht ein Kreuz­zei­chen vor der Brust und rennt davon.

Ich schlage mir vor die Stirn. Mit dem Han­dy­dis­play hätte ich mir ein wenig Licht machen kön­nen! Dass ich mir einen Knö­chel ver­knackst, mir Hände und Schul­tern auf­ge­schürft und böse den Kopf ange­schla­gen habe – nichts als meine eigene Blöd­heit.

 

235/398

The Unbe­lie­ver

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Ich betrete den Kor­ri­dor, oder genauer: den Wild­kor­ri­dor, mit dem laut Gene­ral­wild­we­ge­plan das Schran­gen­bach­tal die Lons­wi­cker Heide mit dem Wald­ge­biet um Wus­sen­ha­gen ver­bin­den soll.

Und er wird genutzt! Meine Foto­fal­len haben schon Füchse, Dachse und sogar einen Luchs auf ihrer Durch­reise ein­ge­fan­gen, dazu natür­lich aller­lei Klein­wild wie Wie­sel und Baum­mar­der. Um nun auch die Schnapp­schüsse der letz­ten Woche her­un­ter­zu­la­den, schließe ich mein Lap­top an die Wild­ka­mera an. Foto für Foto erscheint auf dem Dis­play. He, dies­mal habe ich eine kom­plette Wild­schwein­fa­mi­lie mit drei Frisch­lin­gen abge­lich­tet!

Doch das letzte Foto ist eigen­ar­tig: Ein affen­ar­ti­ges Wesen in gebück­ter, aber auf­rech­ter Hal­tung wen­det der Kamera halb den Rücken zu. Das Gesicht liegt im Halb­pro­fil; es ist dun­kel und leder­ar­tig. Das Foto ist gesto­chen scharf, alle Details sind genau zu erken­nen. Und es sieht alles echt aus.

Im Hima­laja wäre so ein Foto eine Sen­sa­tion. Oder in Nord­ame­rika. Sas­quatch oder Big­foot wer­den sie da genannt. Aber hand­feste Beweise für diese Lieb­linge der Kryp­to­zoo­lo­gen gibt es nicht.

Hier, mit­ten in Deutsch­land, gibt es weder Sich­tun­gen sol­cher Wesen noch uralte Legen­den über sie. Ein Scherz ver­mut­lich, mit der Hoff­nung, ich würde mich damit zum Gespött machen. Aber, ha, dar­auf falle ich nicht rein. Ein Klick, und das Foto ist gelöscht. Außer­dem: »Yeti« ist im Zähl­for­mu­lar der Forst­be­hörde auch gar nicht mit auf­ge­führt.

 

236/398

Live in The Cor­ri­dor (May 10th 2008)

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Ich betrete den Kor­ri­dor-Pub im male­ri­schen Dörf­chen Trow­don. Er ist wei­ter­hin in Fami­li­en­be­sitz und schenkt auch immer noch sein Ale aus – und das seit fast 150 Jah­ren. Steu­er­frei! Die­ser Trick hat dem ein­zi­gen ech­ten Kor­ri­dor-Pub der Welt zu einer gewis­sen Berühmt­heit (und zu einem kur­zen Auf­tritt in Fin­ne­gans Wake) ver­hol­fen.

Es ist eng. Ich betrete einen Gang, an des­sen rech­ter Seite sich Bar­ho­cker um kleine höl­zerne Klapp­tisch­chen grup­pie­ren, die denen in alten ICEs ähneln. Es ist schwie­rig, einen freien Platz zu ergat­tern. Man quetscht sich, jeweils mit einem freund­li­chen Gruß, an den Gäs­ten ent­lang, um in einen wei­te­ren Kor­ri­dor zu gelan­gen, der leicht nach rechts abknickt, ansons­ten aber genauso aus­sieht. In der Mitte, eben­falls rechts in der Wand, auch hier wie­der eine Durch­rei­che, durch die man seine Getränke erhält.

Die beeng­ten Ver­hält­nisse im Kor­ri­dor-Pub sind einem Lizen­zie­rungs­ge­setz zu ver­dan­ken, das Köni­gin Vic­to­ria zusätz­li­che Ein­nah­men besche­ren sollte. 1869 besteu­erte ihr »Wine and Beer­house Act« alle Ale­häu­ser ab einer gewis­sen Schank­raum­größe und schränkte die Grün­dung neuer Taver­nen stark ein. Die pfif­fi­gen Bier­brauer der Fami­lie Stroud umbau­ten ihren Braue­rei mit einem schma­len acht­ecki­gen Kor­ri­dor, der die gesetz­li­chen Min­dest­maße um ein Gerin­ges unter­schritt – und konn­ten so ihr »Stroud’s« steu­er­frei aus­schen­ken.

Heute ist der Kor­ri­dor-Pub (nicht zu ver­wech­seln mit dem reiz­lo­sen Nach­ah­mer The Cor­ri­dor in Oxford) eine Tou­ris­ten­at­trak­tion in Wiltshire – mit über­höh­ten Prei­sen, aber einer ein­zig­ar­ti­gen Atmo­sphäre. Tra­di­tio­nel­ler­weise wan­dert man nur im Uhr­zei­ger­sinn durch die Kor­ri­dore, weil es sonst zu Staus käme, und der Legende nach geneh­migte man sich frü­her bei sei­ner »Lokal­runde« min­des­tens ein Pint in jedem der acht Kor­ri­dor­ab­schnitte, bevor man wie­der aus der Tür tor­kelte.

Mir jedoch reicht schon das erste Ale, das mir der kraus­köp­fige Tom Stroud per­sön­lich in die Durch­rei­che stellt. Er ist der direkte Nach­fahre der eins­ti­gen Pub-Grün­der, was ich weiß, weil sein Foto in mei­nem Rei­se­füh­rer prangt. Der Hin­weis auf seine Hals­ab­schnei­der­preise aller­dings fehlt darin. Aber ich bin die­sen Som­mer ja eigent­lich auch wegen ganz ande­rer Kor­ri­dore nach Süd­eng­land gereist: denen, die sich auf uner­klär­li­che Weise über Nacht – und durch­aus auch mal acht­eckig – in das eine oder andere Korn­feld legen. Wer weiß, ob die Gerste in mei­nem Ale nicht von so einem Feld stammt.

Dann also: Che­ers!

 

239/398

Nexus secre­tus

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich in die Kapelle der hei­li­gen Spie­gel führt, wo ich wie im Zeit­raf­fer die Evo­lu­tion aus der Mate­rie in den Geist und wei­ter ins Spi­ri­tu­elle durch­lebe, in tie­fem hei­li­gen Ernst hin­ter die Kulis­sen des Seins schauen kann, das ener­ge­ti­sche Netz erkenne, das alles ver­bin­det – von der Geburt über den Tod ins Bardo und zurück zum höchs­ten Poten­zial in einen schier end­lo­sen Tun­nel mit Wän­den aus unzäh­li­gen Augen, dem Weg ins unbe­grenzte Gewahr­sein und ins Licht.

 

248/398

Saturn­off

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist der letzte der Aus­stel­lung. Ich habe ihn mir als Höhe­punkt mei­nes Besuchs auf­ge­spart. Und tat­säch­lich: die Aus­sicht ist atem­be­rau­bend.

Für so ziem­lich alles gibt es irgendwo auf der Welt ein Museum, eines für Hun­de­hals­bän­der in Lon­don, eines mit Phalli in Husa­vik auf Island, ein Museum of The Little Prince und sogar, unge­lo­gen, eines aus lau­ter Lügen in Gan­ti­kow. Aber hät­ten Sie gedacht, dass es auch ein »Museum der Kor­ri­dore« gibt? Es fin­det sich in Flo­renz, und ange­sichts des klas­si­zis­ti­schen Ambi­en­tes der Stadt kann es sehr erfri­schend sein, sich in der eklek­ti­schen Aus­wahl an Kor­ri­do­ren zu ver­lie­ren, die hier dem Besu­cher gebo­ten wer­den.

Es bie­tet sich an, zuerst in den Kel­ler hin­ab­zu­stei­gen. Hier haben die jun­gen Muse­ums­ma­cher berühmte archäo­lo­gi­sche Kor­ri­dore nach­ge­bil­det: Man folgt Car­ters Fuß­stap­fen hin­un­ter in Tuten­cha­muns Grab, gerät in den Gra­bungs­schacht, mit des­sen Hilfe chi­ne­si­sche Archäo­lo­gen die Ter­ra­kot­ta­ar­mee frei­leg­ten, und tritt stau­nend zwi­schen die Ste­len von Göbe­kli Tepe.

Im Erd­ge­schoss kann man in Gemälde hin­ein­schlüp­fen – die Muse­ums­be­trei­ber machen hier Kor­ri­dore der Kunst­ge­schichte drei­di­men­sio­nal erleb­bar: Ich betrete Bil­der von unter ande­rem M. C. Escher, Gior­gio de Chi­rico und René Magritte – ein meta­phy­si­sches und manch­mal sur­rea­lis­ti­sches Ver­gnü­gen.

Durch einen etwas mor­bide ange­hauch­ten Trakt mit Kor­ri­do­ren aus Com­pu­ter­spie­len – bei­spiels­weise aus Myst, Limbo, Ame­ri­can McGee’s Alice sowie Echo­ch­rome (das, wie auf der Hin­weis­ta­fel steht, im japa­ni­schen Ori­gi­nal 無限回廊, Mugen kairō und damit »unend­li­cher Kor­ri­dor«, heißt) – gelange ich in den Anbau, der ganz dem Film gewid­met ist.

Ein Kor­ri­dor des Erz­frach­ters Nostromo führt in den der Raum­sta­tion aus Tar­kow­skis Sola­ris und wei­ter in Das Boot. Von hier aus betritt man einen Kor­ri­dor aus Hog­warts, der in einen Kor­ri­dor auf Magra­thea (in der Kino­ver­fil­mung von Per Anhal­ter durch die Gala­xis) über­geht, wel­cher wie­derum einen ohne Umwege in die Hotel­flure von The Shi­ning lan­den lässt, von dem aus man ins »Das Haus, das Ver­rückte macht« aus Aste­rix erobert Rom kommt, um schließ­lich – durch den ein wenig grus­li­gen Kor­ri­dor aus Being John Mal­ko­vich krie­chend – in einem Kor­ri­dor im Raum­schiff Dark Star des gleich­na­mi­gen Films zu lan­den, von dem aus mich ein Alien, das einem far­ben­fro­hen Plas­tik­ball gleicht, ins nächste Stock­werk jagt.

Hier durch­schreite ich wie­der »echte« Kor­ri­dore wie den aus dem Archäo­lo­gi­schen Natio­nal­mu­seum Mal­tas, der wie­derum einen Kor­ri­dor im neo­li­thi­schen Hypo­gäum auf Malta nach­bil­det, den schwe­ben­den glä­ser­nen Kor­ri­dor aus dem futu­ris­ti­schen schwe­di­schen Pio­nen mit den Ser­vern, auf denen Wiki­leaks seine Daten lagert, oder die Gal­le­ria degli Spec­chi aus Man­tua, deren Spie­gel die Kor­ri­dore und den Besu­cher unend­lich ver­viel­fäl­ti­gen – ein Anklang an Citi­zen Kane, so wie eigent­lich, ver­zerrt manch­mal und oft nur ver­schwom­men, all diese Kor­ri­dore ein­an­der wider­spie­geln.

Es gibt noch das Dach­ge­schoss mit Kor­ri­do­ren des 20. und 21. Jahr­hun­derts wie dem zu Anne Franks Ver­steck oder dem Gang im Wei­ßen Haus, in dem es zum berühm­ten Blo­wjob ohne Inha­lie­ren kam. Doch ich brau­che nach all den Gän­gen und Trep­pen drin­gend einen Espresso und beschließe, gleich zum Muse­ums­shop wei­ter­zu­ge­hen. Denn wie ich dem klei­nen Plan ent­nehme, der auf die Rück­seite mei­nes Tickets gedruckt ist, erwar­tet mich auf dem Weg zum Aus­gang der eigent­li­che Höhe­punkt des Rund­gangs: der Kor­ri­dor des Pan.

Ich betrete einen glä­ser­nen Tun­nel, der mich ins All ver­setzt. Eine fan­tas­ti­sche Instal­la­tion: Über mei­nem Kopf und unter mei­nen Füßen erstreckt sich der Saturn­ring, und dar­un­ter dreht sich, lang­sam und majes­tä­tisch, der Pla­net Saturn selbst, auf den der Ring einen gesto­chen schar­fen Schat­ten wirft. In sei­ner beige­far­be­nen Atmo­sphäre kann ich ein­zelne Ammo­ni­ak­wol­ken erken­nen. Dort, wo ich mich befinde, ist eine Lücke im Saturn­ring – als sei ich selbst der Mond Pan, der als Schä­fer­mond den Ring durch­fliegt und dort einen freien Bereich ohne Par­ti­kel geschaf­fen hat: Pans Kor­ri­dor. Einen Moment lang ver­gesse ich völ­lig, dass ich mich in einem Museum befinde. Die Illu­sion ist per­fekt, der Anblick atem­be­rau­bend – allein schon die­ser Moment, bei dem man das Gefühl hat, mit dem Saturn in Greif­weite im All zu schwe­ben, ist den Ein­tritts­preis wert.

Als eine ita­lie­ni­sche Fami­lie mit einer Horde Kin­der den glä­ser­nen Tun­nel betritt, wird es Zeit für mich zu gehen. Im Shop des Muse­ums habe ich wie­der fes­ten Boden unter den Füßen und erstehe eine Post­karte mit einem Foto der Raum­sonde Cas­sini. Es zeigt, win­zig klein, den Saturn­mond Pan in sei­nem Kor­ri­dor zwi­schen den Rin­gen. Das Pünkt­chen auf der Post­karte, das dort, wenn man genau hin­sieht, in der schma­len Schwärze des Rau­mes schwebt, könnte genauso gut auch mich zei­gen.

 

303/398

Pin­kel­pause

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Ich betrete den Kor­ri­dor? Na, das wol­len wir doch mal sehen! Gut, es ist ein umbau­ter Raum, und es gibt hier sogar an einer Seite eine Reihe von Türen. Aber »Kor­ri­dor«? Mit einer Reihe Pis­soirs an der ande­ren Wand? Nur um das Wort Her­ren­klo zu ver­mei­den? Da schlage ich doch wohl eher vor: stil­les Ört­chen. Und damit es das bleibt, möchte ich hier bitte allein sein. Sie ver­ste­hen? Genau. Sie blei­ben heute drau­ßen.

326/398

Oh Those Pier­cing Eyes

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Ich betrete den Kor­ri­dor mit glü­hen­den Augen, was ja irgend­wie auch zur düs­te­ren Sze­ne­rie die­ser Vor­hölle passt. Hier riecht es förm­lich an allen Ecken und Enden nach Tod, und … Zack! Wie­der hat es mich erwischt! Eigent­lich hätte ich es sehen müs­sen: ein rie­si­ger Stem­pel, der aus­ge­löst wird und auf mich run­ter­kracht, wenn ich dar­un­ter trete. Schon geil gemacht: Alles hier ist mit töd­li­chen Fal­len gespickt.

Na dann, auf ein Neues. Mal sehen, wie weit ich dies­mal komme. Da hängt also die­ser Stem­pel, der mich zer­quet­schen will, und da ist in der Mitte eine Art Platt­form drun­ter – sieht wie ein Aus­lö­ser aus. Was pas­siert, wenn ich da drauf springe? Gar nichts. Gut, so scheint es zu funk­tio­nie­ren: Aus­lö­ser ist, neben den Aus­lö­ser zu tre­ten. Dann mal wei­ter. Ha, noch so ein Teil. Wie­der ein Stem­pel, und wie­der eine Platt­form. Ha, dies­mal bin ich schlauer! Also spring ich wie­der auf die Plattf… Uhh. Rein­ge­legt. Tot­ge­quetscht. Noch mal von vorn.

Note to mys­elf: Unterm ers­ten Stem­pel auf den Schal­ter sprin­gen, unterm zwei­ten nicht, son­dern drü­bersprin­gen. Und wei­ter. Nie den­ken, man weiß, wie’s läuft. Dann läuft’s.
 
Ich betrete den Kor­ri­dor. Hab ja schon einige Jump&Runs gespielt, aber so was Mor­bi­des? So oft hab ich noch nie ins Gras gebis­sen. Und wo hat’s das schon mal gege­ben, dass sich die Geg­ner selbst umbrin­gen? Gru­sel! Ah, stopp! Noch so ein Fels­qua­der, der von der Decke hängt und nur dar­auf war­tet … Ich lauf mal vor­sich­tig wei­ter, und – kra­wumms. Natür­lich. Tot. Wo mach ich wei­ter, wo wach ich auf? Aha, gleich hier, kurz vor dem Qua­der. Ich versuch’s jetzt mal mit einem Sprung. Japp. Das war ein­fach. Wei­ter. Und noch so ein Teil? Na schön. Wie ihr wollt. Hier wie­der auf die … Ey Mann! Wie­der tot. Das Spiel gibt einem echt keine Chance. Ich über­lebe hier nicht mal für zwei Sekun­den. Was soll der Scheiß?!
 
Oh, eine Sta­chel­grube. Schaff ich’s da rüber? Na, gerade so eben. He, und da, wer steht da? Freunde? Nee, sie haben Blas­rohre und – ah, getrof­fen, sie spi­cken mich mit Pfei­len. Bin ich tot? Ja, bin tot. Ist es nicht male­risch, wie ich ster­bend zu Boden sinke? Das ist alles echt genial ani­miert. Da stirbt man doch gern. Auf ein Neues!
 
Okay, das mit den zwei Fels­qua­dern ist geschafft. Hier ist eine Fall­grube, mit Spee­ren gespickt. In so was bin ich jetzt wirk­lich schon oft genug ver­reckt. Und dann immer diese Geräu­sche, wenn ich auf­ge­spießt werde! Würg. Mann, was hat mich nicht schon alles umge­bracht hier in die­ser Schat­ten­welt? Wie oft ich allein von die­ser Taran­tel auf­ge­spießt wurde! Soll nicht der Lim­bus die Vor­hölle sein? Dann wär ich doch eigent­lich schon tot, oder? Warum zum Teu­fel muss ich dann immer wie­der ster­ben, und immer auf so ultrab­ru­tale Weise? Viel­leicht hätte ich in den Vor­ein­stel­lun­gen doch den Blut­fil­ter zuschal­ten sol­len. Na, ich ver­such mal einen Sprung über die Speere – geschafft! Scheiße, Geg­ner! Ich werde erwar­tet. Na, das war ja klar, die schie­ßen gleich auf mich. Gift­pfeile! Voll in die Falle gelau­fen! Hier hast du echt keine Schnitte. Da muss man schon Maso­chist sein …
 
Okay, mal sehen, ich über­winde hier drei Fal­len, und hin­ter der Sta­chel­grube erwar­ten mich drei Lim­bus­be­woh­ner mit ihren Blas­roh­ren. Viel­leicht kann ich sie hin­ter mir her­lo­cken? Huhu, hallo Jungs, hier bin ich! Und jetzt schnell weg! Ups, nicht abstür­zen! Hier über die Platt­form sprin­gen – ja ha, einen von denen, den mit dem Helm, hat’s schon erwischt, der ist in die Sta­chel­grube gerutscht. Jetzt auf die Platt­form sprin­gen. Jau, den zwei­ten hat der Stem­pel unter sich begra­ben, und jetzt muss nur noch der dritte … Na also! Geht doch.
 
Nicht, nein, nicht in die Speere fal­len. Ich hab wirk­lich das Talent, jeden Tod zu ster­ben, der hier im Lim­bus mög­lich ist. Also: viele Tode. Ver­dammt viele Tode. Was hilft’s. Wie­der von vorn. Wär ich doch nur im rich­ti­gen Leben so hart­nä­ckig wie hier: immer wie­der auf­er­ste­hen, immer wie­der neu ver­su­chen. Über die erste Platt­form drü… Ach, Scheiße, das war beim zwei­ten Qua­der so. Bin mal wie­der Mat­sche­pampe. Dabei ist es doch wirk­lich nicht schwer: Beim ers­ten Qua­der Platt­form, beim zwei­ten Qua­der Platt­form mei­den. Und dann über die Speere, aber gleich wie­der weg von den Gift­pfei­len. Nein, nicht wie­der in die Speere! Hat einer von euch mal mit­ge­zählt, wie oft ich hier schon elend ver­reckt bin? Oh, ich sehe, die Zeit läuft ab. Um die drei Geg­ner, die mich mit Gift­pfei­len spi­cken, kümmre ich mich in der nächs­ten Folge. Denn klar, für meine Viewer und Abon­nen­ten zieh ich das durch, auch wenn ich kei­nen Schim­mer habe, wozu das alles. Let’s Play ist Let’s Play. Irgend­wann müs­sen diese töd­li­chen Kor­ri­dore ja mal ein Ende haben. Dann also bis zum nächs­ten Mal!

 

345/398

My Jungle is My Castle

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die hutz­lige Inde­rin mit dem freund­li­chen, zahn­lo­sen Lachen winkt mich wei­ter. Ich betrete einen Raum mit Lehm­bo­den, in dem ein Hocker vor einer der Fens­ter­öff­nun­gen steht. Auf einer Art Nacht­tisch steht ein Gane­sha, lan­des­ty­pisch mit Farbe bekle­ckert und von Blü­ten­blät­tern über­gos­sen. Die Zika­den im Dschun­gel, der gleich hin­ter dem ver­fal­le­nen Tem­pel beginnt, lär­men fast ohren­be­täu­bend. Ich setze mich und warte.

Nach eini­ger Zeit bringt mir die Alte einen Tee. Er sieht nicht aus, als würde er west­li­chen Hygie­ne­an­sprü­chen genü­gen. Als die Frau wie­der gegan­gen ist, schütte ich ihn weg. Ich bin wegen der Palm­blät­ter hier, nicht um Tee zu trin­ken.

Ein jun­ger Inder erscheint. Er trägt ein Zie­gen­bärt­chen und Pfer­de­schwanz, das offene Hawaii­hemd bringt seine haar­lose und scho­ko­la­den­braune Brust bes­tens zur Gel­tung. Er grinst mich unver­schämt an und klappt ein Lap­top auf. Ich muss noch ein­mal mei­nen Namen und mein Geburts­da­tum nen­nen. Er tippt bei­des ein, lässt mich jedoch nicht auf sei­nen Moni­tor gucken. Er hat schöne Hände mit schlan­ken bering­ten Fin­gern, aber offen­bar eine Ver­let­zung oder Ent­zün­dung am Nagel­bett des lin­ken Zei­ge­fin­gers.

Sein Eng­lisch ist halb­wegs ver­ständ­lich. Anschei­nend fin­det er das Palm­blatt für mich. »I got you«, sagt er. Die Pro­phe­zei­un­gen sind Jahr­hun­derte alt und muss­ten bis dato mehr­fach kopiert wer­den, da das orga­ni­sche Mate­rial, auf denen sie geschrie­ben ste­hen, mit der Zeit weg­fault. Es heißt, es seien hier die Lebens­ge­schich­ten all jener Men­schen ver­zeich­net, die her­kom­men und nach ihrem Blatt fra­gen. Ich habe acht­zig Dol­lar gezahlt, um zu erfah­ren, was die uralten Manu­skripte über mich wis­sen.

Sie sind in Pali ver­fasst, einer nicht mehr gebräuch­li­chen Schrift, und eigent­lich kön­nen sie nur geschulte Brah­ma­nen lesen. Dass hier das Com­pu­ter­zeit­al­ter Ein­gang gefun­den hat, über­rascht mich.

Der Halb­starke grinst. Sein schwar­zes Haar ist ölig, und irgend­wie kommt mir auch sein gan­zes Auf­tre­ten so vor. Wenigs­tens hat er bis­her noch nicht – wie es bei Indern zum guten Ton zu gehö­ren scheint – sei­nen Rotz hoch­ge­zo­gen und vor sich auf den Boden gespuckt. »I got your whole story here«, sagt er. Dann wird sein Grin­sen noch brei­ter: »Spoi­ler alert!« Den Witz macht er bestimmt jedes Mal.

Mir ist nicht nach Lachen zumute. In den alten Hand­schrif­ten soll auch das jewei­lige Todes­da­tum ver­zeich­net sein. Der »Spoi­ler alert«, in Beschrei­bun­gen von Fil­men oder Spie­len eine War­nung davor, dass hier über­ra­schende Wen­dun­gen und Ent­wick­lun­gen ver­ra­ten wer­den, ist also durch­aus ange­bracht.

Der junge Inder zieht einen alters­schwa­chen Cas­set­ten­re­cor­der vom unte­ren Bord des Gane­sha-Altars her­vor – so viel zum Com­pu­ter­zeit­al­ter in Indien. Er war­tet erst mein Nicken ab, bevor er auf die Auf­nahme-Taste drückt. Dann liest er von sei­nem Moni­tor meine bis­he­rige Lebens­ge­schichte ab. Die beschrie­be­nen Ereig­nisse sind nicht sehr spe­zi­fisch, und wenig über­ra­schend wird dann meine große Indi­en­reise erwähnt.

Da lerne ich, heißt es, eine Frau ken­nen, Indraea, eine Inde­rin, die ich bald dar­auf hei­rate. Sie bekommt Zwil­linge, und ich mache in Köln ein Restau­rant auf, ein indi­sches Restau­rant. Viele Jahre spä­ter werde ich bei einer Aus­ein­an­der­set­zung um Schutz­gel­der für mein Restau­rant ver­prü­gelt und falle in ein Koma, aus dem ich – ein genauer Ster­be­tag wird nicht genannt – nicht mehr erwa­che.

Damit endet der Bericht.

Der Inder drückt auf die Stopp­taste des Recor­ders, lässt die Cas­sette her­aus­sprin­gen und über­reicht sie mir. Ich nehme sie nicht an.

»Hör mal, Jung­chen«, sage ich, natür­lich auf Eng­lisch, »ich bin schwul und mache mir nichts aus Frauen, und aus Inde­rin­nen schon gar nicht. Außer­dem arbeite ich erfolg­reich als Case Mana­ger in einem gro­ßen deut­schen Kran­ken­haus und werde den Teu­fel tun und ein Restau­rant auf­ma­chen! Das ist doch alles bull­shit.«

Plötz­lich ver­steht der Kerl kein Eng­lisch mehr. »No, no«, beschwich­tigt er mich, »it’s all true, all true. Never fail. Will be happy life for you. You will see, happy life.« Er legt mir die Cas­sette in den Schoß. Dann klappt er sein Lap­top zu und ver­schwin­det.

Irgend­wie komme ich mir ver­arscht vor. Das war doch reine Abzo­cke. Wäre ich hier in einem Rechts­staat, würde ich die­sen Palm­blatt-Filou und seine Oma vor Gericht zer­ren und ihnen gründ­lich das Hand­werk legen.

Die zahn­lose Alte kommt, um mich abzu­ho­len und nach drau­ßen zu brin­gen. Sie nimmt mir die Cas­sette aus dem Schoß, hält sie hoch, schüt­telt sie ein wenig, hält sie ans Ohr und mimt dann gro­ßes Erstau­nen: »Ah! Oh! Happy life!« Ver­mut­lich die ein­zi­gen Worte, die sie auf Eng­lisch beherrscht. Sie reicht mir die Cas­sette zurück, legt die Hände vor ihrer Brust zusam­men, ver­neigt sich vor mir und zieht mich dann, mäd­chen­haft kichernd, an einer Hand aus dem Raum zurück in den Kor­ri­dor, einem Bret­ter­ver­hau, der in den Ein­gangs­be­reich führt.

Hier war­tet inzwi­schen ein wei­te­rer Besu­cher, offen­bar eben­falls Deut­scher. Sein T‑Shirt ist durch­ge­schwitzt, mit einem Taschen­tuch tupft er sich den Schweiß von der Stirn. Er sieht furcht­bar ner­vös aus. Ich grinse ihn an, hole die Cas­sette her­vor, schüttle sie, imi­tiere ein indi­sches »Happy life, happy life for you!« und rei­che sie ihm. Ver­dat­tert sieht der Mann mir nach.

Die­ses Schick­sal kann ich nicht akzep­tie­ren. Es gibt noch wei­tere Palm­blatt­bi­blio­the­ken im Land, die aus­län­di­schen Besu­chern das Geld aus der Tasche zie­hen. Ich besteige mein Miet-Motor­rad. Es muss etwas Bes­se­res für mich bestimmt sein.

 

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In preda al ter­rore (Exc)

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Ich betrete den Kor­ri­dor und mache es wie damals, als ich – mor­gens kurz nach Öff­nung der Museen – mit schnel­len Schrit­ten die Gale­rien ent­lang­lief, um die Six­ti­ni­sche Kapelle vor dem gro­ßen Besu­cher­an­sturm erle­ben zu kön­nen. Dies­mal eile ich mit schnel­len Klicks voran – Goo­gles Art Pro­ject sei Dank. Der knapp drei­hun­dert Meter lange Kor­ri­dor, der zu den berühm­ten Michel­an­gelo-Fres­ken führt, ist selbst über­aus präch­tig aus­ge­stat­tet. Doch für die bemal­ten Schränke, die Säu­len­bö­gen und die Fres­ken an den Gewöl­be­de­cken habe ich erst ein­mal keine Zeit.

Sonst sind die Museen, die die Google-Kamera durch­fah­ren hat, men­schen­leer. Hier bewege ich mich, viel­leicht aus Copy­right-Grün­den, inmit­ten des Besu­cher­stroms. Ich hoffe, schnell genug zu sein. Trotz­dem: Als ich in die Six­ti­ni­sche Kapelle gelange, ist sie bereits mit Hun­der­ten von Men­schen gefüllt, die gro­ßen­teils offe­nen Mun­des an die Decke star­ren. Immer wie­der müs­sen – zusätz­lich zu den regel­mä­ßi­gen Laut­spre­cher­durch­sa­gen – die Wach­män­ner in die Hände klat­schen und die Besu­cher zur Ruhe gemah­nen. Das Foto­gra­fie­ren ist ver­bo­ten, aber hier beim Google Art Pro­ject sind es ja eh Fotos. Was aller­dings viele der Besu­cher – die, viele Ita­lie­ner dar­un­ter, nicht etwa sprach­los vor Stau­nen sind, son­dern gerade jetzt furcht­bar wich­tige Fami­li­en­ge­sprä­che und Dis­kus­sio­nen mit Freun­den füh­ren müs­sen – nicht vom Fil­men und Foto­gra­fie­ren mit Han­dy­ka­me­ras, Touch­pads und selbst einer Lomo mit Vier­fach­op­tik abhält.

Das ist mir ent­schie­den zu viel Tru­bel hier! Ein klein wenig ent­täuscht ziehe ich mich in die lan­gen Muse­ums­kor­ri­dore zurück. Hier herrscht keine Bahn­hofs­at­mo­sphäre, und auch hier gibt es – in einer beein­dru­cken­den Archi­tek­tur – bemer­kens­werte Kunst­werke zu ent­de­cken. Ich ver­liere mich in der Gal­le­ria Lapi­da­ria mit ihren stei­ner­nen Zeug­nis­sen, der umwer­fen­den Gal­le­ria dei Can­de­labri und der über­bor­den­den Gal­le­ria degli Arazi. Mit dem dop­pel­stö­cki­gen Kor­ri­dor auf dem Hin­weg zur Kapelle und dem Par­al­lel­kor­ri­dor addiert sich das zu fast einem Kilo­me­ter Fuß­weg zwi­schen ein­zig­ar­ti­gen Kunst­wer­ken hin­durch.

Meine Betrach­tun­gen wer­den unter­bro­chen, als mich ein Wäch­ter anspricht und unsanft in die Wirk­lich­keit zurück­holt: »Il museo è chi­uso.« Ich reiße mich von einem der fan­ta­sie­reich und detail­liert aus­ge­mal­ten, über­di­men­sio­na­len Kar­ten­ge­mälde in der Gal­le­ria della Carte Geo­gra­fi­che los. Schon? Mein Magen signa­li­siert mir, dass ich mich in den vati­ka­ni­schen pass­aggi und cor­ri­doi tat­säch­lich schon seit vie­len Stun­den auf­hal­ten muss.

Das ist das Pro­blem mit dem Inter­net: Man ver­liert jeden Sinn für die Zeit, die ver­geht, wäh­rend man stau­nend wei­ter­klickt und wei­ter­klickt … Wie auch immer. Dann jetzt schnell zu dem klei­nen ita­lie­ni­schen Restau­rant mit Blick aufs Kolos­seum, das mir Freunde, die sich in Rom gut aus­ken­nen, wärms­tens ans Herz gelegt haben.

 

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The Wan­der­lust Chro­nic­les

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Ich betrete den Kor­ri­dor etwas ver­wun­dert. So etwas habe ich hier im Wald nicht erwar­tet. Es sind wei­ter hin­ten drei Türen zu sehen, eine rechts, eine links und eine, die wei­ter­führt. Neben allen erkenne ich den wei­ßen Bal­ken, das Zei­chen für den Appa­la­chen-Trail. Vorne jedoch steht ein Schreib­tisch, und es sitzt ein erns­ter Mann dahin­ter, der ein Geflecht win­zi­ger roter Äder­chen im Gesicht hat.

Er sieht mich ein wenig abschät­zig an und fragt: »Obdach­los, dro­gen­süch­tig oder auf der Suche nach Gott?« Ich bin erst ein­mal sprach­los. Was ist das hier?

»Das brau­chen wir für die Sta­tis­tik, junge Frau. Also?« Noch immer bin ich ver­wirrt. »Haben Sie eine Woh­nung?«, fragt der Mann lang­sam, jedes ein­zelne Wort beto­nend.

»Ja, natür­lich. Nein, der­zeit … Ich habe für die Zeit auf dem Trail meine Woh­nung unter­ver­mie­tet.«

»Aha«, sagt der Mann, »und wie steht es mit Dro­gen bei Ihnen?«

»Hören Sie«, sage ich, denn inzwi­schen habe ich mich wie­der etwas gefan­gen, »ist das alles, was Sie an Kate­go­rien haben? Ich bin hier, weil ich an der fri­schen Luft sein will, weil ich ein­fach mal raus muss aus dem All­tag, weg von der Zivi­li­sa­tion, nur mit mir allein und der Natur und den 3500 Kilo­me­tern bis zum Mount Katah­din.«

Der Mann nickt: »Das höre ich oft. Damit zäh­len Sie zu den Gott­su­chern.«

»Ich denke, nicht«, pro­tes­tiere ich.

»Ich denke, schon«, ant­wor­tet der Mann, ohne mit der Wim­per zu zucken, »und wie steht es nun mit Dro­gen?«

»Hören Sie: die Stra­pa­zen, die fri­sche Luft, das Allein­sein, falls man wie ich alleine wan­dert, das ein­fa­che Essen aus dem eige­nen Ruck­sack, der Ner­ven­kit­zel bei der Begeg­nung mit Schwarz­bä­ren, und, wenn man es zu einem Aus­sichts­punkt geschafft hat, das über­wäl­ti­gende Pan­orama – wer braucht da schon noch irgend­wel­che …« – »Dro­gen, dachte ich es mir doch.«

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er jetzt regis­triert hat, dass ich dro­gen­frei bin, oder ob er mich für einen ganz gewief­ten Jun­kie hält. Ich bli­cke auf seine Hände. Sie lie­gen ruhig auf dem blan­ken Holz­tisch. Kein Stift, kein Papier.

»Wir haben Licht­schran­ken, die die Zäh­lung durch­füh­ren«, sagt er. »Sie kön­nen dann wei­ter­ge­hen, danke.«

»Links oder rechts«, frage ich. Er schüt­telt den Kopf: »Nein, nein, das sind nur Attrap­pen. Gehen Sie ein­fach gera­de­aus wei­ter.« Das tue ich, obwohl mir noch einige kri­ti­sche Fra­gen in den Sinn kom­men. Egal. Bloß wei­ter. Ich achte nicht mal dar­auf, ob ich wirk­lich durch eine Licht­schranke laufe.

Hin­ter der Tür erwar­tet mich wie­der der unbe­rührte Wald und der stei­nige Pfad, der sich durch vier­zehn Bun­des­staa­ten der USA nach Nor­den zieht und von dem schon nahezu ein Drit­tel hin­ter mir liegt. Ich nehme einen tie­fen Atem­zug und ver­falle wie­der in mei­nen Wan­de­rerschritt. Als die Sonne ein­mal kurz hin­ter den Wol­ken her­vor­lugt, ist es, als scheine sie mir direkt in mein Herz.

Abends errei­che ich die nächste Lodge. Hier brennt längst ein Lager­feuer, und zahl­rei­che Hiker haben sich darum ver­sam­melt, auch einige, denen ich noch nicht begeg­net bin. Ich werde mit einem Hallo begrüßt und erzähle gleich ent­rüs­tet von die­ser blöd­sin­ni­gen sta­tis­ti­schen Erhe­bung auf dem Trail, merke aber schnell, dass die ande­ren mich stirn­run­zelnd anse­hen. Ist denn sonst nie­mand in die­sen Kor­ri­dor gera­ten? Offen­bar nicht. Eigen­ar­tig. Nach­dem ich das Plumps­klo hin­ter der Lodge auf­ge­sucht habe, ver­ziehe ich mich ein Stück weit weg, um mein Zelt auf­zu­schla­gen. Ich schlafe unru­hig. Ob ich von Bären oder Sta­tis­ti­kern träume, weiß ich am nächs­ten Mor­gen nicht mehr. Auch nicht, ob ich mir die ganze Sache nicht viel­leicht doch ein­ge­bil­det habe. Als ich nach mei­nem fru­ga­len Früh­stück zusam­men­pa­cke, taucht ein Back­pa­cker auf, den ich nicht kenne.

»Du hast doch da ges­tern von die­ser sta­tis­ti­schen Erhe­bung auf dem Trail erzählt …« Ich nicke. Was will er von mir? Ist das seine Tour, Kon­takt zu knüp­fen, um nicht allein wan­dern zu müs­sen?

»Fan­dest du nicht auch selt­sam, dass die uns Wan­de­rer mit Licht­schran­ken in Grup­pen ein­tei­len wol­len, aber es gibt nur eine funk­tio­nie­rende Tür?«

Das hatte ich nicht erzählt. Also war er auch in dem Kor­ri­dor. Hey, viel­leicht laufe ich meine 30 Tages­ki­lo­me­ter zur Abwechs­lung ja mal nicht allein? Wie die meis­ten Män­ner auf dem Trail spart er sich das Rasie­ren und lässt sich einen Bart wach­sen. Steht ihm.

»Wie ist dein Name?«, frage ich. Jeder Hiker hier auf dem Trail bekommt frü­her oder spä­ter einen Trail-Namen ver­passt. »Mil­que­toast«, sagt er und lächelt säu­er­lich, »wegen einer Bären­be­geg­nung in New Jer­sey.«

»Oh, wirk­lich?«, sage ich und muss ein Grin­sen unter­drü­cken, »ich selbst hab noch kei­nen Trail-Namen.«

»Doch, hast du«, sagt er, »ges­tern noch am Lager­feuer bekom­men. Die haben da bis tief in die Nacht über deine Geschichte gere­det.«

»Und was haben sie sich aus­ge­dacht?« Oh Shit, jetzt heiß ich »die Spin­ne­rin« oder womög­lich irgend­et­was in Rich­tung »die mit der Licht­schranke«.

»›Hikes-thru-cor­ri­dors‹«, sagt er und zuckt die Schul­tern, »hätte schlim­mer kom­men kön­nen.«

Wir zie­hen gemein­sam wei­ter und lachen eine Zeit­lang über den Typen im Kor­ri­dor, des­sen Job es ist, obdach­lose gott­su­chende Dro­gen­freaks zu zäh­len. Dann ver­fal­len wir in ein Schwei­gen, das die Natur, die gemein­same Anstren­gung und uns beide ein­schließt, ein sanf­tes, wort­lo­ses Ein­ver­ständ­nis dar­über, dass es eigent­lich nichts wei­ter zu sagen gibt.