Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Nous

74/398

Das Titelbild zeigt ein großes, spiralförmiges, metallisches Objekt in einem dunklen, technischen Raum mit Monitoren und Steuerpulten. Ein digitaler Button unten links zeigt eine runde Öffnung mit einem Blick nach unten in den Sternenhimmel.

♫ A Mod­icum of Sense ♫


74/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, um die richtige Tür zu find­en: die Tür, die mich zurück­bringt ins »Sch­neck­en­haus«. Sch­neck­en­haus, so nan­nten wir die verzwirbelte Mag­netkam­mer, die uns unser Super­com­put­er berech­net hat­te. Nach zwei Jahren Bauzeit zusam­men mit meinen Stu­den­ten war die Kam­mer fast fer­tig: ein selt­sam ver­dreht­es und in sich selb­st zurück­ge­fal­tetes Gebilde aus schim­mern­dem Met­all mit hun­derten aufge­set­zten Mag­neten, die ver­hin­dern sollen, dass die in der Vaku­umkam­mer erzeugte Materie mit irgen­det­was in Berührung kommt. Wie die Mag­netkam­mer da so im großen Labor­raum hing, sah sie aus wie ein Kunst­werk aus ein­er anderen Welt. Fast überirdisch schön, aber auch erschreck­end frem­dar­tig, so, als dürfe es diese Form eigentlich gar nicht geben.

Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll: Das Sch­neck­en­haus übte eine immer stärk­er wer­dende Fasz­i­na­tion auf mich aus. Schließlich redete ich mir ein, ich müsse vor dem Ver­siegeln der Kam­mer unbe­d­ingt noch die Schweißnähte über­prüfen, und kroch eines Nachts heim­lich hinein.

Aber nicht wieder hin­aus.

Stattdessen sitze ich in der Tri­este. Als Kind hat­te mir dieser Wel­treko­rd unheim­lich imponiert. Ich erkenne die Tauchkapsel sofort, die Beschrei­bun­gen müssen sich mir damals tief einge­graben haben. Auch Pic­card erkenne ich, und damit weiß ich auch, in wessen Kopf ich stecke und mit wessen Augen ich das alles sehe: mit denen seines Mitreisenden Don Walsh – ich bin mit Jacques Pic­card unter­wegs zu einem der tief­sten Punk­te der Welt­meere im Mar­i­a­nen­graben.

Es ist eng, stick­ig, die Met­all­hülle ächzt schw­er unter dem unge­heuren Außen­druck. Das Wass­er, in das Schein­wer­fer hine­in­strahlen, wirkt trüb. Ein Uni­ver­sum aus undurch­dringlich­er Schwärze umgibt uns.

Ich bin ein Geist und hocke in Wal­shs Kopf. Walsh scheint davon nichts zu merken. Ich drifte immer wieder weg, als wäre ich ein Fremd­kör­p­er, der nicht hier­herge­hört – was ja irgend­wie auch stimmt. Das Erleb­nis erre­icht mich wie ein Sender, der immer wieder mal stark ver­rauscht ist. Und dann bran­den mich auch immer wieder Kopf­schmerzen an, was selt­sam ist, weil ich doch eigentlich gar keinen eige­nen Kopf mehr habe. Walsh scheint von dem Geist und den Schmerzen in seinem Kopf nichts mitzubekom­men.

Pic­card erk­lärt mir in schlechtem Englisch, dass wir hier unten auch ster­ben kön­nten, wenn wir auf einem Wrack auf­set­zen, uns ver­fan­gen und nicht mehr zurück an die Ober­fläche steigen kön­nen. Doch wir lan­den weich. Ein Plat­tfisch vor unserem winzi­gen Fen­ster fühlt sich gestört, wühlt sich aus dem Schlick und schwimmt davon. Hier unten gibt es Leben. In ewiger Dunkel­heit und mit der Last von fast elf Kilo­me­tern Wass­er darüber! Pic­card schreibt in sein Log­buch. Dann klinken wir unseren Bal­last aus und begin­nen wieder zu steigen.

Ich ver­ste­he das alles nicht. Wie bin ich hier­herg­er­at­en? Wie kann ich plöt­zlich in ein­er anderen Zeit lan­den, im Kopf eines Frem­den?

Ist es ein Traum, oder bin ich vielle­icht in Wahrheit tot, im Sch­neck­en­haus erstickt? Aber hat man Kopf­schmerzen und Aus­set­zer, wenn man tot ist? Es fällt mir nicht leicht, klare Gedanken zu fassen, doch ich glaube, dass das alles nur in meinem Bewusst­sein stat­tfind­et. Ich bin kein Zeitreisender, son­dern ein Geistreisender. Und irgend­wie muss ich ver­suchen, den Weg zurück ins Sch­neck­en­haus zu find­en, in die Mag­netkam­mer, deren ver­schlun­gene Form, wie sie nur die Math­e­matik und ein leis­tungsstark­er Com­put­er erschaf­fen kön­nen, mich in die Tri­este geschickt hat. Ich muss zurück!

Wir tauchen auf. Es gibt Cham­pag­n­er, um die Reko­rd­fahrt zu feiern. Walsh muss drin­gend auf die Toi­lette. Er entschuldigt sich, betritt im Mut­ter­schiff einen Kor­ri­dor – und plöt­zlich wirble ich fort von ihm, halt­los, kopfüber, zer­sprengt in unzäh­lige Split­ter, die sich aber wie mag­netis­che Teilchen wieder zusam­men­find­en – doch nicht etwa im Sch­neck­en­haus, son­dern in ein­er anderen Zeit, im Kopf eines anderen Men­schen, ein­er weit­eren Kind­heits­fasz­i­na­tion …

76/398

Das Titelbild zeigt einen dunklen, verfallenen Gang mit Zellen und einem Loch in der Decke, durch das Lichtstrahlen fallen, in denen eine fast durchsichtige Engelsfigur zu schweben scheint. Ein digitaler Button links unten zeigt das Piktogramm eines Henkers mit Beil.

♫ Beyond Reach ♫


76/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es wird mein let­zter Gang sein. Nur kurz werfe ich einen Blick zurück in meine Zelle, zu den Essen­sresten auf dem Tablett. Der Henker und ein Geistlich­er, der nichts Per­sön­lich­es zu sagen weiß, son­dern nur Bibel­verse vor sich hin murmelt, begleit­en mich. Und meine Engel. Die hellschim­mern­den Gestal­ten, die nie­mand außer mir sehen kann, die mich besuchen kamen nach lan­gen Monat­en in der Zelle, mir plöt­zlich erschienen und mich seit­dem nicht mehr ver­lassen haben. Ich höre das Rauschen ihrer lan­gen, fil­igra­nen Flügel und ihr Flüstern. Ihr heis­eres, säusel­ndes Flüstern, von dem ich nie ein Wort ver­ste­hen kon­nte. Obwohl, doch, just in diesem Moment: Hat nicht ein­er von ihnen direkt in mein Ohr geflüstert? Leise, gehaucht fast, aber doch ver­ständlich? Oder bildet sich mein durch die lange Haft unzu­ver­läs­sig gewor­den­er Ver­stand nur ein, etwas gehört zu haben, ein Wort, ein let­ztes per­sön­lich­es, das nur mir gilt, eine Botschaft allein für mich: Jet­zt!

80/398

♫ Sonochron­ic Con­tra­dic­tions ♫


80/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor – das Orch­ester hat bere­its begonnen – und erre­iche in aller Eile den Saal. Zu meinem Platz muss ich mich durch die anson­sten vollbe­set­zte zweite Rei­he drän­gen. Dabei schlägt mir die Musik wie ein Dschun­gel zusam­men­hanglos­er Töne ent­ge­gen und fol­gt kein­er für mich erkennbaren Form. Muss ich mir das anhören? Avant­garde – dieser Unter­ti­tel des Pro­gramms hätte mich stutzig machen müssen. Eigentlich will ich wieder fort, doch ich bin wie gelähmt und ver­liere zuse­hends das Gefühl für meinen Kör­p­er, während die Musik sich aus­dehnt und zwis­chen die Inter­valle der gewohn­ten Halbtöne zu fließen begin­nt, nicht nur in Vierteltöne, son­dern »Zen­titöne« und »Mil­litöne« hinein – für das ungeübte Ohr eine Folter, doch für mich, in mir, hat sich etwas verän­dert, und ich nehme jet­zt mit wach­sen­dem Inter­esse all die unter­schiedlichen musikalis­chen For­men wahr, die sich in der Musik tum­meln.

Verblüf­fend: Diese Klang­fig­uren leben und bewe­gen sich frei durch die Welt der Töne, ent­fer­nen sich voneinan­der, näh­ern sich einan­der an. Die zwei Dimen­sio­nen dieser Welt, stelle ich erstaunt fest, sind ein­er­seits die Ton­höhe und ander­er­seits die Klang­far­ben, die sich durch die Ober­ton­har­monien ergeben. Jedes lebende Wesen dieses Klan­gu­ni­ver­sums besitzt eine eigene Fär­bung, auch wenn sich manche von ihnen geschickt zu tar­nen wis­sen.

Eines dieser Geschöpfe aus Klang scheint mir sehr nah zu sein, und plöt­zlich kommt mir die Erken­nt­nis: Das bin ich! – in dieser Welt aus Schallschwingun­gen und Fre­quen­zen besitze ich einen eige­nen Kör­p­er, bin Teil dieses Klang­biotops! Als mich eines der Schall­we­sen akustisch anstößt und ich einen schar­fen Schmerz ver­spüre, lerne ich, dass ich meine musikalis­che Form verän­dern und mich eben­falls durch diesen Dschun­gel aus Tönen, durch die dichte musikalis­che Veg­e­ta­tion bewe­gen kann. Es ist mir sog­ar möglich, kleine Klang­fig­uren in meinen meine musikalis­che Form aufzunehmen – als streifte ich durch einen Garten und ver­speiste dort schmack­haft ausse­hende Äpfel oder Him­beeren.

Ein tiefes Knur­ren lässt meinen Herz­schlag kurz aus­set­zen: ein Jäger durch­streift den Dschun­gel und ist mit seinen sir­ren­den Klang­ten­takeln auf der Suche nach Beute. Ich fliehe, doch das hun­grige Wesen hat mich bere­its ent­deckt. Ich ver­stecke meinen Klangkör­p­er in der musikalis­chen Veg­e­ta­tion unseres Habi­tats, aber meine Tar­nung nützt mir nichts. Nur knapp entkomme ich einem suchen­den Ten­takel, indem ich höher steige. Mir sind Gren­zen geset­zt – einige Oktaven schaffe ich es nach oben, dann begin­nen sich die Klänge in den hohen Lagen zu ver­lieren. Der Räu­ber poltert direkt unter mir in den tiefen Lagen unruhig hin und her, bis ein winziges Melodiefrag­ment der Veg­e­ta­tion, an die ich mich klam­mere, her­abfällt und mich ver­rät. Mit einem spitzen Arpeg­gio erre­icht mich ein­er sein­er Ten­takel und gräbt sich tief in das Klang­muster meines Fleischs. Das gierige Grollen zieht mich zu sich herab, Oktave um Oktave …

Ich stoße einen Todess­chrei aus.

Die Musik erstirbt. Ein paar Geigen spie­len noch weit­er, aber der Diri­gent hat sich zu mir umge­dreht, und auch alle Konz­ertbe­such­er star­ren mich an. »Entschuldigung«, murm­le ich, ste­he auf, dränge mich durch die Rei­he und fliehe aus dem Saal.

Ich höre noch, wie der Diri­gent seinem Orch­ester eine Tak­tzahl nen­nt, um an dieser Stelle mit dem Konz­ert weit­erzu­machen. Die Musik hebt wieder an. Doch ich laufe weit­er, weit­er fort, ohne meinen Man­tel an der Garder­obe abzu­holen, ein­fach nur fort von hier, ins Freie.

Hier gibt es keine Musik. Die Straßengeräusche tun gut, waschen mir die Ohren wie ein willkommen­er Regen­guß. Alles ist voller Autos und röhren­der Motor­räder, in der Ferne höre ich ein Mar­tin­shorn und über mir ein Flugzeug. Ich bleibe ste­hen, mit­ten in diesem wun­der­baren Lärm. Ein Dröh­nen kommt näher, das tiefe Knur­ren eines starken Motors, ein Bus don­nert mit großer Geschwindigkeit die Straße ent­lang, in deren Mitte ich ste­he, ihm zuge­wandt, die Arme emporg­ereckt und dem Him­mel für meine Ret­tung dank­end …

81/398

Das Titelbild zeigt einen Raum aus Brettern mit zwei Türen, eine beschriftet mit 'the easy way', die andere mit 'THE HARD WAY', zwei leuchtende Feen an der linken Wand und ein Zelt mit einem schlafenden Kind im rechten Vordergrund unter einem runden Dachfenster mit Blick auf den Sternenhimmel.

♫ Zah­n­fee-Walz­er ♫


81/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Er ist bre­it und kurz, und an seinem Ende befind­en sich zwei Türen. Die linke trägt die Auf­schrift »Der leichte Weg«, die rechte die Auf­schrift »Der schwere Weg«. ›Ha!‹, denke ich. ›Mich kön­nt ihr nicht schreck­en!‹ Ich greife an mein Schw­ert. Mit mein­er Aus­rüs­tung, dem Train­ing, mit dem unbeugsamen Willen: Was soll mich da schon aufhal­ten kön­nen? Ich lege die Hand auf die Klinke der recht­en Tür. Bin ich nicht stärk­er als die, die schneller sind, schneller als die, die klüger und klüger als die, die stärk­er sind als ich? Die Tür ste­ht bere­its einen Spalt weit offen. Doch dann kommt mir unver­mit­telt ein unge­heur­er Gedanke in den Sinn, eine Frage, die alles in Frage stellt: Wem eigentlich muss ich etwas beweisen?

Es ist die Entschei­dung eines Augen­blicks, und doch gibt es kein Zögern: Ich nehme die linke Tür. Bevor ich erken­nen kann, was mich dahin­ter erwartet, erwache ich in meinem Schlaf­sack – und bin einige Augen­blicke lang ein wenig ori­en­tierungs­los, denn hier, mit­ten in der Wild­nis auf dem Appalachen-Trail, gibt es weit und bre­it keine Kor­ri­dore und Türen. Es war ein Traum! Ein guter Traum. Irgend­wie habe ich das Gefühl, eine wichtige, lebenswichtige Entschei­dung getrof­fen zu haben. Ich bin stolz auf mich, öffne das Zelt, genieße die schnei­dend kalte Mor­gen­luft in meinen Lun­gen und mache mich ans Früh­stück.

85/398

Das Titelbild zeigt vier Frauen in roten, einteiligen Badeanzügen und roten Haarbändern auf und vor einem roten Sofa, bunte Kissen in den Händen haltend. Ein digitaler Button links unten zeigt eine kleine Eule, die aus einem Bastkorb lugt.

♫ Change of Hand, Sleight of Mind ♫


85/398

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»Ich betrete den Kor­ri­dor« läuft – ähn­lich wie sich im Zeitraf­fer am Him­mel Wolken bilden und wieder auflösen – als Tex­tin­sert durchs Bild, als DER GAUKLER (schlicht­es rotes Gewand mit bre­it­em schwarzen Stof­fgür­tel, dazu ein schwarz­er Hut auf dem Kopf) einen klin­isch weißen, über­strahlen­den Kranken­hausko­r­ri­dor betritt. Er dreht sich in die Kam­era.

DER GAUKLER

Vil mey­nen syn vff rechtem weg,
die doch ver­jr­ren an dem stæg,
der zů dem woren leben fűrt.

Er geht weit­er. Die Türen an den Seit­en öff­nen sich: Zu Zirkus­musik präsen­tieren ihm auf Samtkissen VIER LEICHTBEKLEIDETE GOGO-GIRLS Dinge wie

  • (auf einem beigen Kissen) einen Schnuller,
  • (auf einem pur­pur­nen) ein Tju­run­ga,
  • (auf einem roten) eine Maschi­nen­pis­tole,
  • (auf einem blauen) einen gold­e­nen Lor­beerkranz.

Der Gauk­ler wirft jew­eils einen kurzen Blick auf die ver­lock­enden Ange­bote, lässt sie dann aber schul­terzuck­end links liegen. Erst jet­zt ist zu erken­nen, dass er am Gür­tel einen Bastko­rb trägt, aus dessen Öff­nung vor­witzig EINE KLEINE EULE her­auss­chaut. Im Gehen in die Kam­era:

DER GAUKLER

Wol dem, der vff dem weg nit jrrt,
wann er jn schon ergrif­f­en hat,
ann offt der neben weg ab gat.

Weit­ere Türen schwin­gen neben dem Gauk­ler auf, VIER WEITERE GOGO-GIRLS (oder sind es diesel­ben?) präsen­tieren

  • (auf einem orangenen Samtkissen) eine Spielekon­sole,
  • (auf einem grü­nen) die Char­ta der Men­schen­rechte,
  • (auf einem gel­ben) einen Elfen­bein­turm und
  • (auf einem türkisen) das Glasper­len­spiel aus Hess­es gle­ich­nami­gen Roman.

Am Ende erwartet den Gauk­ler ein koral­len­far­ben­er Vorhang, den er zur Seite schiebt …

DER GAUKLER

(lächel­nd)

Ich vœrcht, es kumen bald die tag,
das man me nuw­er mær werd jnn,
dann vns gefall vnd syg zű synn.

… und dann dahin­ter ver­schwindet.

87/398

Das Titelbild zeigt das Porträt eines älteren Mannes mit grauem Bart und zurückgehendem Haar, der einen dunklen Anzug mit Krawatte trägt, vor einem Hintergrund mit leuchtenden Sternen und geometrischen Linien. Unten rechts ist eine Plakette mit dem Bild eines Hausboots eingefügt.

♫ Astral Short Cuts ♫


87/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor seines Haus­boots und finde meinen Fre­und Nor­bu wie erwartet auf der kleinen Ter­rasse, wo er sich über das Note­book auf seinem Schoß beugt.

»Wikipedia!«, stöh­nt er, und es hört sich an wie ein unter­drück­ter Fluch. Ich mache uns den mit­ge­bracht­en Wein auf. Wo ich die Gläs­er finde, weiß ich ja.

»Wenn es an die Gren­zen geht, sind das alles fürchter­liche Ide­olo­gen.« – »Welche Gren­zen?«, frage ich.

»Na, die der Wis­senschaft.« Hier zum Beispiel, der Ein­trag über Fred­er­ic Myers.« Er weist auf den Text auf seinem Dis­play, aber ohne Brille erkenne ich nur unscharf das Logo und ein Foto. »Myers war ein­er der Grün­der und später Präsi­dent der Soci­ety for Psy­chi­cal Research, die sich mit spiri­tis­tis­chen The­men beschäftigte. Von ihm stammt der Aus­druck ›Telepathie‹.« – »Nie gehört«, sage ich, und füge schnell an: »Von dem Mann, meine ich.«

»Aber die Wikipedia-Edi­toren«, fährt er ungerührt fort, »unter­schla­gen seinen wichtig­sten Beitrag.« – »Na ja«, wage ich einzuwen­den, »Spiritismus und Telepathie, das sind nicht ger­ade Wikipedia-The­men.« Nor­bu sieht mich kopf­schüt­tel­nd an. »Müssen sie aber sein. Ein Lexikon kann doch nicht einen Teil der Wirk­lichkeit aus­blenden, nur weil er den Her­aus­ge­bern und Autoren nicht gefällt.«

Ich stoße mit ihm an, um ein wenig Zeit zu gewin­nen. »Sind es nicht ganz unter­schiedliche Autoren? Ich meine: Nicht zulet­zt bist ja auch du mit dabei.« Nor­bu lacht gequält auf. »Sich­er. Aber es gibt da die Entschei­der, eine Art Priesterkaste, und bis da rauf haben’s meist die Ide­olo­gen geschafft, die dann mit faden­scheini­gen Begrün­dun­gen und teil­weise kriegerischen Maß­nah­men rauskürzen, was ihnen nicht in den Kram passt.« Ich nicke, um Ver­ständ­nis zu bekun­den: »Wie Telepathie.« – »Und alles, was sich dem szi­en­tis­tis­chen Cre­do entzieht.« Wis­senschaftlich­es Glaubens­beken­nt­nis? Ich lasse Nor­bu diesen Wider­spruch mal durchge­hen und erin­nere ihn mit einem Fin­gerzeig an den alten bär­ti­gen Mann auf seinem Dis­play, der mich aus tiefer Schwärze her­aus anblickt.

»Nach seinem Tod«, erk­lärt mir mein Fre­und Nor­bu, »empfin­gen Medi­en aus aller Welt beim Automa­tis­chen Schreiben eige­nar­tige Durch­gaben, von denen viele mit ›Myers‹ unterze­ich­net waren.« – »Du meinst, er meldete sich aus dem, äh, Toten­re­ich?« Nor­bu nickt beflis­sen: »Aber nicht nur das. Die Texte ergaben keinen Sinn.« – »Aha«, sagte ich zufrieden, »dann muss es ja auch nicht in der Wikipedia ste­hen.« Damit fing ich mir einen bösen Blick von Nor­bu ein.

Ich nahm noch einen Schluck vom Rotwein. Ganz schön trock­en. Aber Nor­bu mag ihn so.

»Erst unab­hängige Beobachter kon­nten die Durch­gaben – wie gesagt: Mitschriften ver­schieden­er Medi­en in allen Teilen der Welt – zusam­menset­zen, und plöt­zlich ergab sich ein Zusam­men­hang. Sie bezo­gen sich alle aufeinan­der.« – »Wow«, ent­fährt es mir, »Telepathie!« Nor­bu schüt­telt unwirsch den Kopf: »Eben nicht. Von wem immer diese Durch­gaben stammten: Sie soll­ten auss­chließen, dass die Medi­en telepathisch Kon­takt zueinan­der hat­ten.« – »Also keine Telepathie«, sage ich und run­zle die Stirn: Was denn dann?

»Set­zen wir Ock­hams Rasier­mess­er an und gehen von der ein­fach­sten Erk­lärung aus: Myers ist nach seinem Tod auf die Idee gekom­men, wie er ein Fortleben der men­schlichen Psy­che beweisen kann: durch diese ver­streuten Durch­gaben an ver­schiedene Medi­en, die nur in ihrer Gesamtheit einen Sinn ergeben. Es waren Infor­ma­tio­nen darunter, zu denen nur sehr wenige Men­schen Zugang hat­ten. Und in rund dreißig Jahren kamen so mehr als dre­itausend Texte zus­tande. Nur, dass davon nichts in der Wikipedia ste­ht, wed­er der deutschen noch der englis­chen. Genau­so wenig wie beim Artikel über ›Automa­tis­ches Schreiben‹ etwas vom Spiritismus ste­ht und und und.«

Nor­bu sieht mich auf­fordernd an. Doch ich kann ihm nicht so richtig zus­tim­men: »Vielle­icht ist das auch bess­er so. Ich finde das sehr, äh, ver­störend, was du mir da erzählst. Das mit den 3000 Durch­gaben.« Ich nehme einen großen Schluck vom Wein und schenke mir nach. Je länger ich darüber nach­denke, desto unwohler wird mir unter dem Blick Myers’ von sein­er Wikipedia-Seite.

»Du bist genau wie die«, sagt Nor­bu und klappt sein Lap­top ent­täuscht zu. »Was nicht in dein schlaues Welt­bild passt, wird raus­ge­kickt.« – »Apro­pos«, sage ich, »Lust auf eine Par­tie?« Das Ablenkungs­man­över ist ein voller Erfolg: Kurze Zeit später ste­hen wir an Nor­bus Kick­er und spie­len die let­zten Spiele der Cham­pi­ons League nach.

Erst auf dem Heimweg – ein wenig schwank­end, aber gut­ge­launt – fällt mir dieser Myers wieder ein. Selt­samer Kerl. 3000 unsin­nige Texte? Klingt wie etwas aus dem Inter­net­zeital­ter. Mit einem Blog aus dem Jen­seits hätte er bes­timmt mehr erre­icht und es vielle­icht sog­ar in die Wikipedia geschafft …

88/398

Das Titelbild zeigt vier schwarz-weiße Porträtfotos von Frauen in historischer Kleidung, die an Schreibtischen sitzen und nach oben blicken, während nur das Weiße ihrer Augen zu sehen ist. Die Porträts sind umgeben von kleineren Fotos und einem floralen Hintergrund.

♫ The Unsound Com­mu­niqué ♫


88/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, und sogle­ich stoße ich auf – wie soll ich es beschreiben? – ein Tuch aus glasigem Frost, durch das die Sicht ver­schwimmt und Töne, wenn über­haupt, dann nur gedämpft hin­durch­drin­gen. Die hin­ter diesem Schleier sitzen – was ich ihnen zum Dik­tat, zur wort­ge­treuen Über­mit­tlung zuzu­rufen ver­suche, brin­gen sie nur wider­willig und manch­es Mal begriff­sstutzig zu Papi­er.

Wie soll ich euch den Beweis nur zukom­men lassen, solange dies die einzige Möglichkeit für mich ist, die Botschaft durchzugeben? Ich kann unmöglich wis­sen, wie viel ihr emp­fangt von dem, was ich euch sende. Wie nur kann ich euch überzeu­gen? Meinen fortwähren­den Ver­suchen ste­hen unsag­bare Schwierigkeit­en ent­ge­gen, und dieses Gefühl ein­er schreck­lichen Macht­losigkeit belastet mich schw­er. Oh, es ist ein dun­kler und grausamer Kor­ri­dor! Aber ich will, ich darf ein­fach nicht nach­lassen in meinem Bemühen …

94/398

Das Titelbild zeigt eine offene Holztür in einem dunklen Raum mit einem leuchtenden, sternförmigen, kaleidoskopischen Muster, das in der Türöffnung schwebt. Ein digitaler Button oben rechts zeigt das Piktogramm einer Galaxie, durch die ein Riss verläuft.

♫ Heim­sókn ♫


94/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor, weil ich ein selt­sames Geräusch gehört habe. Auf Kopfhöhe leuchtet an der Haustür ein blenden­des Licht auf, zwei‑, dreimal. Schweißt sie jemand von außen auf? Es leuchtet wieder gleißend auf, dreimal, wie ein Klopfen, doch völ­lig laut­los. Ohne lang nachzu­denken reiße ich, obwohl ich nur im Pyja­ma daste­he, die Tür auf.

Im nächtlichen Trep­pen­flur ste­ht – etwas. Oder bess­er: es schwebt. Es wirkt wie ein drei­di­men­sion­ales Kalei­doskop, dessen leuch­t­ende Split­ter ständig nach innen wan­dern, bis sie plöt­zlich die Rich­tung ändern und wie geschmolzenes Eisen vom Zen­trum aus nach außen ver­laufen.

Die Stimme ist sehr leise und san­ft, und es kommt mir vor, als höre ich ein ver­trautes, geliebtes Wiegen­lied. Sie sagt: »Du hast einen Spi­ralarm der Galax­is ver­dampfen lassen.«

Ich starre die Erschei­n­ung an. Mir fehlen die Worte. Ich will wegren­nen, mich ver­steck­en oder ein­fach nur ohn­mächtig wer­den. Aber es ist, als wür­den meine Gedanken keinen Wider­hall mehr in meinem Kör­p­er find­en, keine Andock­stelle, um eine tat­säch­liche Hand­lung auszulösen. Ich bleibe ein­fach stock­steif vor diesem Ding ste­hen.

»Du hast eine Mas­chine gebaut«, sagt die Stimme.

Eine Mas­chine? Ja, da war was. Aber das war nicht ich. Nur ein Traum. Seit Wochen wache ich immer um genau dieselbe Zeit mit­ten in der Nacht auf, um 2:22 Uhr, und erin­nere mich jedes Mal an einen leb­haften Traum, in dem ich eine Art Inge­nieur bin, der wie besessen an ein­er hochkom­plex­en Mas­chine baut – sie füllt fast die ganze von mir gemietete Lager­halle aus und ver­wen­det starke Hadro­nen-Laser und eine Art minia­turis­erten Fusion­sreak­tor, um die Schw­erkraft zu manip­ulieren und das Raumzeitkon­tin­u­um aufzus­pren­gen. Traum für Traum vol­len­dete ich mein Werk, obwohl ich ins­ge­heim wusste, dass die Anlage unkon­trol­lier­bare Neben­wirkun­gen haben kon­nte. Bis ich schließlich let­zte Nacht die fer­tige Mas­chine in Gang set­zte. Was sie bewirk­te, kann ich nicht sagen, denn in dem Moment, in dem sie hochlief und auf Touren kam, wachte ich auf. Das war gestern. Es war 2:22 Uhr.

Auch jet­zt wieder, mit­ten in der Nacht, kön­nte es 2:22 Uhr sein. Aber dies ist kein Traum.

»Du hast eine Mas­chine gebaut«, wieder­holt die Stimme, während ich wie hyp­no­tisiert auf das zeitlu­pen­hafte Fließen flüs­si­gen Met­alls starre und gle­ichzeit­ig ahne, dass mir das Wesen mit seinem san­ften Singsang etwas Schreck­lich­es mit­teilen will.

»Deine Mas­chine hat die Dimen­sio­nen der Welt durch­löchert, deinen Plan­eten zertrüm­mert und dazu noch viele, viele Sterne und Plan­eten im Umkreis mit ins Verder­ben geris­sen.«

»Aber das ist doch Unsinn! Die Erde ist nicht unterge­gan­gen, nur weil ich irgend­was geträumt habe!«

Das Kalei­doskop­muster verän­dert sich, ohne dass ich sagen kann, wie. Die Stimme erscheint mir jet­zt strenger. Sie sagt: »Die Welt in deinem Traum war real. So real wie diese hier. Wir hat­ten gehofft, dass du dich im let­zten Moment entschei­den würdest, die Mas­chine nicht in Gang zu set­zen, son­dern sie zu zer­stören.«

»Ich hat­te doch keine Ahnung, was sie bewirkt!« Wirk­lich nicht? Doch. Im Traum wusste ich sehr wohl, was für ein Risiko ich eing­ing. Ich hat­te es nur immer wieder ver­drängt.

»Viele Zivil­i­sa­tio­nen mussten ster­ben«, sagt die Stimme.

Meinetwe­gen? Ich soll daran schuld sein? »Was ist mit dir?«, frage ich, »du leb­st doch – nehme ich an.«

»Einige, wenige Wesen wur­den wie ich durch die per­fori­erten Dimen­sio­nen in par­al­lele Wel­ten geschleud­ert.«

Par­al­lele Wel­ten: Im Traum ver­drängte ich immer wieder die Sorge, meine genial aus­getüftelte Mas­chine, mit der ich die Vaku­um­fluk­tu­a­tion anzapfen wollte, um unbe­gren­zt viel Freie Energie zu erzeu­gen, kön­nte das Gefüge von Zeit und Raum durcheinan­der­brin­gen. Und jet­zt ste­ht ein Wesen vor mir, das durch ein Dimen­sion­sloch in meine Welt geschleud­ert wurde – vielle­icht der let­zte Über­lebende ein­er ganzen plan­etaren Zivil­i­sa­tion, die ich auf dem Gewis­sen habe. Nur langsam kommt mir die unge­heure Bedeu­tung dessen, was mir das Wesen da ger­ade mit­teilt, zu Bewusst­sein.

»Wenn ihr davon wusstet: Warum habt ihr es nicht ver­hin­dert?«, frage ich mit belegter Stimme.

»Das musst du schon selb­st tun«, antwortet das flüs­sige Kalei­doskop, das vor mir im Trep­pen­flur schwebt.

»Wie?«, frage ich ver­dat­tert.

Das Wesen schwebt langsam aufwärts und verblasst. Es hat seine Botschaft über­bracht und tritt nun den Rück­weg an – wohin auch immer. »Wie soll ich das anstellen?«, rufe ich.

Das Wesen ver­schwindet. Ich höre keine Antwort mehr, aber in meinem Kopf bildet sich ein Gedanke, der sagt: »Erträume eine neue Welt.«

Eine heil­lose Verzwei­flung ergreift mich. Das war nicht ich!, schreie ich inner­lich. Es war dieser verblendete Inge­nieur!

Doch das Wesen hat recht: Ich war der Mann in den Träu­men, der entsch­ieden hat, das Risiko in Kauf zu nehmen. Ich habe die Men­schheit auf dem Gewis­sen, ich habe mit mein­er Besessen­heit und Gier nach Ruhm Mil­liar­den von Men­schen in den Tod geris­sen, und ein ganzes Stück unser­er Milch­straße gle­ich mit. Ich will es wegschieben, abstre­it­en, irgend­je­mand anderem die Schuld geben. Aber obwohl es nur Träume waren, weiß ich tief in meinem Inneren, dass mein Besuch­er recht hat mit sein­er Schuldzuweisung. Ich war dieser besessene Inge­nieur, der alle bösen Vorah­nun­gen in den Wind geschrieben hat und die Mas­chine in Gang set­zte.

Als ich die Haustür schließe, zit­tert meine Hand. Ich muss es ver­hin­dern!, denke ich, und gle­ichzeit­ig lache ich bit­ter: Wie soll ich etwas ver­hin­dern, das bere­its geschehen ist?

Aber kön­nte nicht ein Raum-Zeit-Gefüge, in dem es Par­al­lel­wel­ten gibt, auch die Möglichkeit bein­hal­ten, die Zeit zurück­zu­drehen? Hat das Kalei­doskop-Wesen vielle­icht davon gesprochen, als es sagte »Das musst du schon selb­st tun«?

Wenn es stimmt, beschließe ich, – wenn es wahr ist, das durch meine Schuld die Men­schheit und noch eine Hand­voll weit­er­er Zivil­i­sa­tio­nen zer­stört wur­den – dann werde ich diese furcht­bare Tat um jeden Preis vere­it­eln! Zahlen, Gle­ichun­gen, Schal­tun­gen gehen mir durch den Kopf. Die lan­gen Nächte als Inge­nieur haben sich aus­gezahlt. Langsam verdichtet sich in meinem Geist das Bild von ein­er Appa­ratur, ein­er Zeit- und Welt­mas­chine, die nur einen einzi­gen Zweck hat und nur ein einziges Mal zum Ein­satz kom­men wird. Sie wird eine Art Arche sein. Doch ich werde sie nicht mit Tieren oder Men­schen füllen: Sie wird mich an einen Ort und zu einem Zeit­punkt brin­gen, der es mir möglich macht, zu ver­hin­dern, dass ich Löch­er in das Dimen­sion­s­ge­füge des Kos­mos stanze. Ich werde es ungeschehen machen, und zwar auf gründliche, physikalis­che Weise! Es muss möglich sein!

In dieser Nacht liege ich noch lange wach.

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Das Titelbild zeigt ein hölzernes Hausboot mit seitlicher grüner Tür und verschiedenen Aufbauten auf dem Dach, vor bewaldetem Ufer unter einem bewölkten Himmel. In dem ruhigen Wasser ist eine kreisförmige architektonische Struktur auszumachen. Unten rechts ist eine Plakette mit dem Bild eines Hausboots eingefügt.

♫ House­boat Lounge ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Mein Fre­und Nor­bu scheint nicht an Bord zu sein, doch als ich etwas rat­los in seinem Wohnz­im­mer ste­he, höre ich plöt­zlich Ham­mer­schläge. Ein­brech­er? Nein, geht mir auf, wahrschein­lich Nor­bu, der er ein Leck abdichtet und dafür sorgt, dass sein Haus­boot nicht unterge­ht.

Da kommt er auch schon, seine Werkzeugk­iste in der Hand, und wir machen es uns mit einem Glas Rotwein gemütlich. »Ich hab uralte Aufze­ich­nun­gen von mir gefun­den«, erzäh­le ich ihm. Als Jugendlich­er war ich fasziniert von Atlantis und habe – wie ein klein­er Pri­vat­gelehrter – die Stadt­bib­lio­thek nach archäol­o­gis­chen Hin­weisen auf die Bewohn­er dieses unterge­gan­genen Kon­ti­nents durch­forstet. Ich zeige Nor­bu Höh­len­ze­ich­nun­gen, von mir damals fein säu­ber­lich aus ver­schiede­nen Büch­ern abge­malt und mit gelehrten Kom­mentaren verse­hen. Sie stam­men sowohl aus der Alten als auch aus der Neuen Welt. »Dazwis­chen lag Atlantis«, erk­läre ich, »und deshalb gibt es so eige­nar­tige Ähn­lichkeit­en in den Sym­bol­en und Darstel­lun­gen, lange bevor Kolum­bus kam oder die Wikinger Ameri­ka ent­deckt hat­ten: über­lebende Atlanter, die sich auf die umliegen­den Kon­ti­nente flüchteten.« Die These überzeugt mich auch heute noch.

Mein Fre­und Nor­bu reibt sich das Kinn. »Ist dir nie in den Sinn gekom­men, dass es für diese Ähn­lichkeit­en vielle­icht gar keine Kon­tak­te auf dem Seeweg brauchte?«

»Du meinst, das ist alles rein­er Zufall?« Ent­täuscht nehme ich mein vergilbtes und schon langsam auseinan­der­fal­l­en­des Notizbuch zurück.

»Nein, mit­nicht­en. Aber du hast dich doch auch mal mit Schaman­is­mus auseinan­derge­set­zt …«

Ja, richtig, Schama­nen gab es auch in fast allen Kul­turen der Welt, Heil­er, die in Kon­takt mit der Geis­ter­welt und mit den Ahnen standen.

«Und möglicher­weise auch«, meint mein Fre­und Nor­bu, »in Kon­takt miteinan­der.«

Es dauert einen Moment, bis die Erken­nt­nis in mich ein­sick­ert. »Du meinst: über die Welt­meere hin­weg, von Volk zu Volk? Und das – telepathisch?!« Nor­bu weist bestäti­gend auf mein Notizbuch. »Hm. Schama­nen der europäis­chen Mega­lith-Kul­tur tauschen sich geistig mit denen der Pro­to-Amerikan­er aus …«, stelle ich mich vor. Und klar: Das kön­nte auch die Ähn­lichkeit der Pyra­mi­den erk­lären, oder die Tat­sache, dass nicht nur die Ägypter ihre Toten mumi­fizierten, son­dern auch einige Indiostämme. Die Schama­nen ken­nen neben der Unter­welt der Toten und der oberen Welt mit hil­fre­ichen Geis­tern näm­lich auch die mit­tlere Welt – das astrale Gegen­stück zu unser­er Tages-Wirk­lichkeit und ihr Wider­schein in der geisti­gen Welt. Auf Reisen in die Mit­tel­welt kön­nten die Schama­nen früher­er Zeit­en, los­gelöst von Raum und Zeit, fremde Kon­ti­nente und Zivil­i­sa­tio­nen besucht haben – und damit auch ihre jew­eili­gen Kol­le­gen.

»Vielle­icht aber auch nicht«, reißt mich Nor­bu aus meinen Über­legun­gen. »Es gibt Hin­weise darauf, dass es noch vor den Wikingern Kon­tak­te zwis­chen Europa und bei­den Amerikas gab. Die Chi­ne­sen, die Römer, Griechen, Ägypter und Phönizier – sie alle sollen dagewe­sen sein und Han­del mit den Kul­turen dort getrieben haben. Und vielle­icht auch schon die Mega­lithvölk­er. Und das alles, ohne dass ein Atlantis als Esels­brücke fungieren musste.«

Ich sehe wahrschein­lich etwas ent­täuscht aus, denn Nor­bu fügt trös­tend an: »Aber natür­lich ehren dich deine frühen Recherchen. Wer weiß, ob sie nicht doch noch ein­mal wichtig wer­den und neue Antworten geben? Oder neue Fra­gen aufw­er­fen?«

Ich weiß, dass mein Fre­und Nor­bu das nicht ernst meint, aber füh­le mich trotz­dem auf selt­same Weise bestärkt, und der junge, neugierige Vierzehn­jährige, der irgend­wo noch in mir steckt, freut sich, eine späte Bestä­ti­gung dafür zu bekom­men, bedeu­tende Grund­la­gen­forschung betrieben zu haben.

Ich halte mein Notizbuch fest in der Hand, als ich davon­ra­dle, und beschließe, es nicht wieder zurück in eine ver­staubte Schublade zu steck­en, son­dern ihm einen Ehren­platz auf meinem Regal­brett mit Früh­w­erken großer Genies einzuräu­men.

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Das Titelbild zeigt eine surrealistische Collage mit Forschern in einem Labor, einem Hubschrauber über einer Maya-Pyramide, einem modernen Boot, einem polynesischen Boot mit Hütte, mesoamerikanischen Statuen – und das alles in einem Wirbel mit einer schneckenförmigen Struktur in der Mitte.

♫ Unearthed ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor – wobei nicht ich es bin, dessen Kör­p­er den Gang betritt, son­dern ein Fremder, in dessen Geist ich unbe­merkt sitze –, erle­ichtert, dass endlich die Zeit gekom­men ist, ihn zu ver­lassen. Dies­mal war es Peter Auf­schnaiter, der – nach ein­er drama­tis­chen Flucht – zusam­men mit Hein­rich Har­rer am 15. Jan­u­ar 1946 die tibetis­che Haupt­stadt Lhasa erre­icht hat­te und dort in den fol­gen­den Jahren ein Wasserkraftwerk und Kanal­i­sa­tion­san­la­gen anlegte.

Es ist immer ein Kor­ri­dor oder ein Gang oder ein Tun­nel, der mich aus einem Kopf hin­aus- und in einen anderen hine­in­führt. Irgend­wie muss diese Art der Geistreise mit dem »Sch­neck­en­haus« zu tun haben, dieser ver­schlun­genen met­al­lenen Struk­tur, die viel Rechen­zeit an den Hochleis­tungsrech­n­ern der Uni ver­schlun­gen hat – und schließlich auch mich. Ich hätte nie hineinkriechen sollen.

Seit­dem reise ich kör­per­los durch die Zeit. Es ist wie ein Traum, der immer wieder blass und undeut­lich wird, und ständig pla­gen mich diese Kopf­schmerzen – ein Sein­szu­s­tand, für den der Men­sch nicht geschaf­fen ist. Es ist etwas Unnatür­lich­es mit mir geschehen. Ich bin gefan­gen in frem­den Kör­pern, frem­den Zeit­en, an frem­den Orten – nur dass ich fast immer sofort weiß, wo ich bin.

Ob ich mit Marie Curie im Labor ste­he, mit Fred­er­ick Cather­wood die Mayametro­pole Uxmal doku­men­tiere, mit Thor Hey­er­dahl auf der Kon-Tiki einen Sturm über­ste­he oder mit Amund­sen den Süd­pol erre­iche: Stets sind es die Helden mein­er Kind­heit und ihre Stern­stun­den, die meine geheimnisvolle Reis­eroute bes­tim­men.

Immer ver­weilt mein Geist solange im Kopf eines Begleit­ers mein­er Kind­heit­shelden – und das sind manch­mal Wochen oder gar Monate! –, bis sie einen Gang oder etwas Ähn­lich­es betreten. Ein Tür­rah­men genügt nicht. Der Gang muss offen­bar eine gewisse Länge besitzen. Es ist dann so, als ver­löre ich den Halt. Ich schwanke, schleud­ere, wirble, um mich dann abrupt im Kopf eines anderen Men­schen wiederzufind­en.

Immer wieder drifte ich weg, und auch das Erin­nern an früher fällt mir schw­er: Was gab es da noch für Helden mein­er Kind­heit? Dinos! Wie so viele in jun­gen Jahren war ich von Dinosauri­ern fasziniert. Manch­mal beschle­icht mich die Angst, dass mich meine Reise auch in diese ferne Ver­gan­gen­heit führen kön­nte: Was wird sein, wenn ich an einen Ort ger­ate, in ein Leben ger­ate, in dem es keine Gänge, Flure und Tun­nels gibt? Ist meine Reise dort zu Ende? Bin ich endlich richtig tot, wenn der­jenige stirbt, in dessen Kopf ich hocke und mit dessen Augen ich sehe? Oder gelange ich dann zurück ins »Sch­neck­en­haus« und erwache dort aus unbe­herrschbaren, ver­schlun­genen Kind­heit­sträu­men?