359/398

Ghost Requiem

Logo

 
 
 

»Ich betrete den Kor­ri­dor« – das war das Motto und die Mis­sion von Cory d’Or, und auch, wenn wir sonst kaum etwas über den Men­schen wis­sen, der sich die­sen pro­gram­ma­ti­schen Namen ver­lie­hen hat, so lässt sich doch ohne Über­trei­bung sagen, dass diese Pas­sion oder Obses­sion Cory zu etwas Beson­de­rem macht. Wie jeden von uns, denn ver­mut­lich fin­det sich bei allen, wenn wir nur genau genug hin­se­hen, eine sol­che spe­zi­elle Lei­den­schaft und ein ein­zig­ar­ti­ger Blick auf die Welt.

Für Cory waren es die Kor­ri­dore. Wobei der Begriff durch­aus weit gefasst war, Wild­kor­ri­dore und Son­nen­fins­ter­nis­sich­tungs­kor­ri­dore mit ein­schloss und damit auch eher unge­wöhn­li­che Exem­plare die­ser von Cory offen­bar gelieb­ten (und womög­lich gleich­zei­tig auch gehass­ten) Spe­zies von Räum­lich­kei­ten.

Dabei wären uns allen, die wir uns hier ver­sam­melt haben, um Abschied zu neh­men, diese beson­de­ren Kor­ri­dore kein Begriff, hätte Cory uns nicht an die­sem Ste­cken­pferd teil­ha­ben las­sen. So konnte diese Pas­sion ein wenig auf all jene abfär­ben, die von der einen oder ande­ren Nach­richt aus einem Uni­ver­sum namens »Kor­ri­do­rium« erreicht wur­den – und es ist für­wahr ein sehr eigen­tüm­li­cher Kos­mos mit selt­sa­men »plu­ri­di­men­sio­na­len« Gesetz­mä­ßig­kei­ten und einem skur­ri­len Per­so­nal.

Auch wenn nun der letzte der Kor­ri­dore durch­schrit­ten ist und Cory kei­nen wei­te­ren mehr für uns betre­ten wird – wobei die Hoff­nung bleibt, im Nach­lass wei­tere Frag­mente und Skiz­zen auf­zu­fin­den –, so hat das Kor­ri­do­rium mit sei­nen fast vier­hun­dert Mani­fes­ta­tio­nen, Varia­tio­nen und Meta­mor­pho­sen genug Eigen­le­ben ent­wi­ckeln kön­nen, um fort­zu­dau­ern in den Köp­fen und Her­zen sei­ner Besu­cher.

Cory hat nun, wenn ich das so sagen darf, den wirk­lich aller­letz­ten Kor­ri­dor betre­ten: den, von dem uns keine Nach­richt mehr errei­chen wird. Viele von Corys Gedan­ken­spie­len bezo­gen sich genau auf die­sen Moment und spe­ku­lier­ten über das, was »danach« kommt. Viel­leicht schaute Cory in den letz­ten Momen­ten tat­säch­lich »gelas­sen auf das, was da greif­bar, aber buch­stäb­lich jeder Beschrei­bung spot­tend« vor Augen lag? Und hat auch Begeis­te­rung dar­über emp­fun­den, end­lich die letz­ten (oder zumin­dest einige drän­gende) Fra­gen beant­wor­ten zu kön­nen …

Von ihnen, den letz­ten Din­gen, hat Cory immer wie­der auf fast schon beschwö­rende Weise geschrie­ben, das »Wer« weit weni­ger in den Vor­der­grund rückend als das »Was« und das für alle zugäng­li­che Werk als Wech­sel­rah­men und viel­di­men­sio­na­les Kipp­bild nut­zend. Wenn jetzt einige von euch For­mu­lie­run­gen wie »hin­ter­lässt eine schmerz­li­che Lücke«, »uner­setz­lich«, »zu früh« oder »tra­gi­scher Ver­lust« ver­mis­sen, so möchte ich die all­um­fas­sende Lei­den­schaft für die Viel­falt des Lebens dage­gen­hal­ten, die ich aus dem Kor­ri­do­rium her­aus­höre – und die gleich­zei­tige Akzep­tanz des Todes als not­wen­dige Vor­aus­set­zung, die­ses Leben in all sei­nen Facet­ten über­haupt erst zu ermög­li­chen und in Worte, Beob­ach­tun­gen und Geschich­ten zu fas­sen.

Möge der Mensch, der uns diese über­bor­dende Spiel­wiese an schrä­gen Ideen und unge­wöhn­li­chen Fan­ta­sien geschenkt hat, nun zu dem Kor­ri­dor gelangt sein, von dem es im Kor­ri­do­rium heißt: »Ich zögere kurz, um den Moment der auf­wal­len­den Vor­freude aus­zu­kos­ten, die ich im gan­zen Kör­per spü­ren kann. Etwas Unsag­ba­res erwar­tet mich. Ich öffne die Tür.«

Man kann – und damit möchte ich schlie­ßen – Cory Vie­les vor­wer­fen, nicht aber die Scheu vor Kalau­ern. Des­halb, und es kommt von Her­zen, erlaube ich mir, Cory zum Abschied nach­zu­ru­fen: Du wirst immer in unse­ren Kor­ri­do­ren blei­ben!

 

Die Redak­tion möchte sich bei Ihren Lese­rin­nen und Lesern für den ver­se­hent­li­chen Abdruck eines vor­pro­du­zier­ten Nach­rufs ent­schul­di­gen. Wir kön­nen Ihnen ver­si­chern, dass Cory sich wei­ter­hin bes­ter Gesund­heit erfreut und sich über diese fik­tive Grab­rede herr­lich amü­siert hat.

Der eigent­lich an die­ser Stelle vor­ge­se­hene Text ist die­ser:

 

359/398

Fyrr en síðar í mötu­n­eyti

 

 

 

 

Ich betrete den Kor­ri­dor der Erleuch­te­ten auf Zehen­spit­zen. Will hier kei­nen wecken; sie träu­men so schön davon, end­gül­tig wach zu sein …