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Ghost Requiem
»Ich betrete den Korridor« – das war das Motto und die Mission von Cory d’Or, und auch, wenn wir sonst kaum etwas über den Menschen wissen, der sich diesen programmatischen Namen verliehen hat, so lässt sich doch ohne Übertreibung sagen, dass diese Passion oder Obsession Cory zu etwas Besonderem macht. Wie jeden von uns, denn vermutlich findet sich bei allen, wenn wir nur genau genug hinsehen, eine solche spezielle Leidenschaft und ein einzigartiger Blick auf die Welt.
Für Cory waren es die Korridore. Wobei der Begriff durchaus weit gefasst war, Wildkorridore und Sonnenfinsternissichtungskorridore mit einschloss und damit auch eher ungewöhnliche Exemplare dieser von Cory offenbar geliebten (und womöglich gleichzeitig auch gehassten) Spezies von Räumlichkeiten.
Dabei wären uns allen, die wir uns hier versammelt haben, um Abschied zu nehmen, diese besonderen Korridore kein Begriff, hätte Cory uns nicht an diesem Steckenpferd teilhaben lassen. So konnte diese Passion ein wenig auf all jene abfärben, die von der einen oder anderen Nachricht aus einem Universum namens »Korridorium« erreicht wurden – und es ist fürwahr ein sehr eigentümlicher Kosmos mit seltsamen »pluridimensionalen« Gesetzmäßigkeiten und einem skurrilen Personal.
Auch wenn nun der letzte der Korridore durchschritten ist und Cory keinen weiteren mehr für uns betreten wird – wobei die Hoffnung bleibt, im Nachlass weitere Fragmente und Skizzen aufzufinden –, so hat das Korridorium mit seinen fast vierhundert Manifestationen, Variationen und Metamorphosen genug Eigenleben entwickeln können, um fortzudauern in den Köpfen und Herzen seiner Besucher.
Cory hat nun, wenn ich das so sagen darf, den wirklich allerletzten Korridor betreten: den, von dem uns keine Nachricht mehr erreichen wird. Viele von Corys Gedankenspielen bezogen sich genau auf diesen Moment und spekulierten über das, was »danach« kommt. Vielleicht schaute Cory in den letzten Momenten tatsächlich »gelassen auf das, was da greifbar, aber buchstäblich jeder Beschreibung spottend« vor Augen lag? Und hat auch Begeisterung darüber empfunden, endlich die letzten (oder zumindest einige drängende) Fragen beantworten zu können …
Von ihnen, den letzten Dingen, hat Cory immer wieder auf fast schon beschwörende Weise geschrieben, das »Wer« weit weniger in den Vordergrund rückend als das »Was« und das für alle zugängliche Werk als Wechselrahmen und vieldimensionales Kippbild nutzend. Wenn jetzt einige von euch Formulierungen wie »hinterlässt eine schmerzliche Lücke«, »unersetzlich«, »zu früh« oder »tragischer Verlust« vermissen, so möchte ich die allumfassende Leidenschaft für die Vielfalt des Lebens dagegenhalten, die ich aus dem Korridorium heraushöre – und die gleichzeitige Akzeptanz des Todes als notwendige Voraussetzung, dieses Leben in all seinen Facetten überhaupt erst zu ermöglichen und in Worte, Beobachtungen und Geschichten zu fassen.
Möge der Mensch, der uns diese überbordende Spielwiese an schrägen Ideen und ungewöhnlichen Fantasien geschenkt hat, nun zu dem Korridor gelangt sein, von dem es im Korridorium heißt: »Ich zögere kurz, um den Moment der aufwallenden Vorfreude auszukosten, die ich im ganzen Körper spüren kann. Etwas Unsagbares erwartet mich. Ich öffne die Tür.«
Man kann – und damit möchte ich schließen – Cory Vieles vorwerfen, nicht aber die Scheu vor Kalauern. Deshalb, und es kommt von Herzen, erlaube ich mir, Cory zum Abschied nachzurufen: Du wirst immer in unseren Korridoren bleiben!
Die Redaktion möchte sich bei Ihren Leserinnen und Lesern für den versehentlichen Abdruck eines vorproduzierten Nachrufs entschuldigen. Wir können Ihnen versichern, dass Cory sich weiterhin bester Gesundheit erfreut und sich über diese fiktive Grabrede herrlich amüsiert hat.
Der eigentlich an dieser Stelle vorgesehene Text ist dieser:
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Fyrr en síðar í mötuneyti
Ich betrete den Korridor der Erleuchteten auf Zehenspitzen. Will hier keinen wecken; sie träumen so schön davon, endgültig wach zu sein …
