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Prose Gobbler
»Ich betrete den Korridor« ist vermutlich exakt und wortgetreu der Satz, den man am Anfang meines Vorwortes zu dieser Kollektion von Prosaminiaturen erwarten würde. Allerdings habe ich diesen dreihundertachtundneunzigmaligen, man verzeihe mir das Wortspiel, »Korridorgasmus« erst nach der voreiligen Zusage gelesen, ein Vorwort dazu zu verfassen, und, Hand aus Herz, ich kann mit diesen Textschnipseln einfach nichts anfangen.
Wenn das Schule macht: Was kommt danach? »Ich schalte den Fernseher ein«? »Ich bohre mir in der Nase«? »Ich betrachte die Warze auf meinem Handrücken«? Und das dann vierhundert Mal? Oder warum nicht tausend Mal, zehntausend Mal? Ich komme mir vor wie in einem Seminar in Kreativem Schreiben (»Und nun schreiben wir alle eine kleine Geschichte mit dem Anfangssatz ›Ich betrete den Korridor‹, und zwar ohne groß nachzudenken!«) …
Gut, ja, es soll fraktale Literatur sein, sozusagen ein Apfelmännchen in Prosaform, eine Juliamenge gewählter Worte, iterative Formeln nicht in Ziffern, sondern Buchstaben, wohl in der hehren Absicht, damit selbstähnliche Texturen und »seltsame Attraktoren« schaffen zu wollen. Zumindest sagt das unsere Wissenschaftsredaktion, an die ich mich mit der Frage gewendet habe, was denn wohl »fraktale Literatur« sein könnte. Während Fraktale eine mathematische Beschreibung unserer Welt sind, die passenderweise Chaostheorie heißt, zerfasern jedoch diese »Korridore« in Einzelbetrachtungen, Allusionen und Fragmente, die eben gerade kein Kontinuum, kein »Korridorium« ergeben. Es will alles nicht so recht zusammenpassen, und der Korridor als gemeinsamer Nenner kann diese doch ziemlich wirre Beschreibung einer kuriosen und selbstbezüglichen, jedenfalls gänzlich korridorbesessenen Innenwelt nicht überzeugend unter einen Hut bringen.
Wenn – ließe sich laut unserer Wissenschaftsredaktion vielleicht daraus schließen – die einzelnen Korridore iterative Formeln sind und damit Bauanleitungen für eine komplexe Welt von mannigfacher Form und Ausprägung, dann würde, um diese Annahme zuendezudenken, mein Gehirn und das von allen Lesern das ausführende Organ darstellen, das diese Welten erschafft.
Das muss man erst einmal sacken lassen.
Was es bedeutet, entzieht sich allerdings komplett meiner Kenntnis. Unser Wissenschaftsredakteur, der sonst nie eine Antwort schuldig bleibt, hat keine Ahnung, und ich, der mit der Chaostheorie nur in der Praxis des Alltags zu tun hat, schon gar nicht. Von daher möchte ich dieses Vorwort auf das beschränken, was ich zu sagen weiß und guten Gewissens hier auf die Türmatte schreiben kann:
Sie, geneigter Leser, stehen kurz davon, den Korridor zu betreten, den ersten von hunderten weiterer, die Sie in einen Irrgarten oder – und den Unterschied macht vermutlich nur der Flügelschlag eines Schmetterlings in Reykjavík aus – in ein Irrenhaus führen.
Sagen Sie hinterher nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!
[Liebe® Cory, bitte seien Sie nicht schockiert über meinen misslungenen Vorwort-Versuch. Selten ist mir etwas gründlicher danebengegangen, und ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, welcher Teufel mich bei der ganzen Sache geritten hat. Natürlich ist dieses Vorwort nicht zur Veröffentlichung bestimmt.
Ein Korridor, musste ich schon kurz nach meiner unüberlegten Zusage feststellen, ist für mich einfach das so ziemlich Unsinnlichste, das ich mir vorstellen kann. Direkt gefolgt von fraktaler Geometrie.
Tatsächlich haben mir sogar ein paar der Texte gefallen, und einige fand ich durchaus gelungen. Aber es geht ja wohl um ein Vorwort für das Gesamtpaket.
Ich hätte Ihnen zwar auch einfach nur schreiben können, dass mir nichts Vernünftiges einfällt, nichts Witziges, nichts Kluges, geschweige denn Weltbewegendes (oder auch nur Werbewirksames). Nur: Bei einer bloßen Absage muss ich natürlich mit Widerspruch Ihrerseits rechnen und dass Sie mir zurückschreiben, ich solle es doch bitte erst einmal versuchen. Das habe ich hiermit getan, sozusagen in vorauseilendem Gehorsam (und nicht zuletzt um mir selbst zu zeigen, dass es einfach nicht geht).
Sorry. Fragen Sie doch mal bei den Kollegen Axel Hacke, Harald Martenstein, Sascha Lobo oder Florian Meimberg an. Ich jedenfalls konnte auch mit dem späten James Joyce (die mehrfachen Bezüge auf Finnegans Wake sind mir nicht entgangen) nie etwas anfangen und scheine einfach zu konservativ für Ihre Korridorliteratur zu sein.
(auf Wunsch des Autors ohne Namensnennung)
Seltsamer Attraktor:

