Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Ceril

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Das Titelbild zeigt einen Mann mit Bart und blauer Arbeitskleidung, der konzentriert an einem komplexen mechanischen Apparat mit vielen Drähten und Messgeräten in einer Werkstatt mit grünem Hintergrund arbeitet. Zwei digitale Buttons in den oberen Ecken zeigen Piktogramme von einem Telefonhörer mit einem Funksignal und vom Weißen Haus.

♫ The Birth of the Gra­vi­Phone ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der zu Pro­fes­sor Cerils Labor führt. Er besteht aus einem silb­rig glän­zen­den Mate­rial, das in geschwun­ge­nen For­men ver­läuft: keine Kan­ten und rech­ten Win­kel. Der Pro­fes­sor meint, dass ihn das kon­tem­pla­tive Durch­schrei­ten die­ses Kor­ri­dors auf seine Arbeit ein­schwingt, seine Kon­zen­tra­tion erhöht und tief­grei­fend inspi­riert. Ich merke nichts davon. Statt­des­sen rut­sche ich auf dem unebe­nen Boden aus und schlage lang hin. Es hallt, als hätte jemand einen gro­ßen chi­ne­si­schen Gong geschla­gen. Zum Glück habe ich mir nicht wei­ter weh­ge­tan.

»Das ist der Durch­bruch!«, begrüßt mich Cerils unver­kenn­bare Stimme im Labor. Er scheint – zu absor­biert in seine For­schun­gen – meine Gong­ein­lage nicht bemerkt zu haben. Hier blinkt und piept alles Mög­li­che, und ich habe Mühe, den Pro­fes­sor hin­ter all den von der Decke hän­gen­den Kabeln, Sus­pen­so­ren, Fla­schen­zü­gen und den Arte­fak­ten frü­he­rer Expe­ri­mente zu fin­den. Er beugt sich, einen Kopf­hö­rer auf den Ohren, über einen klei­nen Metall­kas­ten mit Knöp­fen. Auf­ge­regt erklärt er mir, er habe ein vir­tu­el­les Mikro­fon ent­wi­ckelt, das er mit­tels Gra­vi­ta­ti­ons­wel­len an jeden belie­bi­gen Punkt der Welt schi­cken kann. Ich ver­stehe erst nicht.

»Ich kann belie­bige Koor­di­na­ten ein­ge­ben, und höre dann hier, was es dort zu hören gibt. Es ist eine Art Gra­vi­ta­ti­ons­wel­len­ra­dio, das quasi unend­lich viele Sen­der emp­fan­gen kann – näm­lich von jedem Punkt im Uni­ver­sum aus.« Ich sehe wohl etwas rat­los aus. Das ändert sich auch nicht, als er mir einen zwei­ten Kopf­hö­rer gibt, um seine Erfin­dung vor­zu­füh­ren. Test­weise tippt er die Koor­di­na­ten vom Wei­ßen Haus ein. »Lass uns ein wenig spio­nie­ren«, sagt er mit einem spitz­bü­bi­schen Lächeln.

Ich höre das Knis­tern von Sei­den­bett­wä­sche und lei­ses Lie­bes­ge­flüs­ter, bei dem ich – trotz inten­si­ver Lek­türe eines Eng­lisch­le­xi­kons vor zwei, drei Jah­ren – einige Worte nicht ver­stehe. Aber ich höre zwei Namen her­aus: John und Cindy. Jetzt sieht auch Ceril ziem­lich rat­los aus. Ich kläre ihn auf (schließ­lich muss ich ja hin und wie­der mei­nem Ruf als Wun­der­kind gerecht wer­den): »McCain und seine Frau?« Ceril rät­selt, was die in Oba­mas Schlaf­zim­mer machen könn­ten, doch dann geht ihm ein Licht auf: »Wir belau­schen eine Par­al­lel­welt! Eine, in der nicht Obama, son­dern McCain die Wahl gewon­nen hat. Ja, das könnte es sein: Die phy­si­ka­li­schen Gesetze schüt­zen sich so selbst vor einer sonisch-infi­ni­te­si­ma­len Rekur­sion. Wie bei der Unschär­fe­re­la­tion.«

Umge­hend gibt Ceril die Koor­di­na­ten sei­nes Labors ein, und wir wer­den tat­säch­lich Zeuge einer Unter­hal­tung zwi­schen ihm und mir – nur dass es sich, sagt er, um Alter Egos von uns aus einem Par­al­lel­uni­ver­sum han­delt. Inter­es­san­ter­weise scheine ich da der alternde Erfin­der und er der halb­wüch­sige Assis­tent zu sein.

Bevor ich mehr erfah­ren kann, schal­tet Ceril das Gerät aus, nimmt den Kopf­hö­rer ab und dreht sich zu mir um: »Das öff­net fan­tas­ti­sche Mög­lich­kei­ten, Junge! Ich kann so die ande­ren Ver­sio­nen von mir belau­schen, die meine vie­len Ideen« – er klopft auf den gro­ßen Zet­tel­kas­ten unter sei­nem Schreib­tisch – »schon aus­ge­ar­bei­tet haben. Das spart mir lange Erpro­bungs­pha­sen.« Und mir, denke ich, womög­lich viele gefahr­volle Pra­xis­tests sei­ner zahl­rei­chen Erfin­dun­gen. »Ich muss das Ding nur noch ent­spre­chend modi­fi­zie­ren.« Damit fängt er, mit der einen Hand kom­pli­zierte For­meln auf Papier zu wer­fen und mit der ande­ren gleich­zei­tig Drähte zu ver­knüp­fen. Ich jeden­falls bin kom­plett ver­ges­sen.

Würde ich mich dafür inter­es­sie­ren, was andere Ver­sio­nen von mir so von sich geben? Auf dem Rück­weg durch den Kor­ri­dor schüttle ich den Kopf. Was könnte das schon brin­gen? Dann fällt mir ein, wes­we­gen ich über­haupt zu Ceril gegan­gen war: Ob er mir nicht eine Maschine bauen kann, die ein paar Tage vor den Klas­sen­ar­bei­ten aus­spuckt, was die Leh­rer von mir wis­sen wol­len. Ande­rer­seits, muss ich mir selbst gegen­über zuge­ben, habe ich auch ohne eine sol­che Pro­gnose-Maschine bis­her immer alles gewusst, und es soll ja in der Schule nicht noch lang­wei­li­ger wer­den, als es eh schon für mich ist.

(Wird es auch nicht. Ganz im Gegen­teil. Wegen ihr. Aber das ist eine andere Geschichte.)

130/398

Das Titelbild zeigt einen Blick in eine große Werkhalle, in der ein langer, runder Tunnel aufgebaut ist, umgeben von komplexen mechanischen Apparaturen. Ein Kind mit einem Aktenkoffer steht im Eingang des Tunnels. Zwei digitale Buttons in den oberen Ecken zeigen Piktogramme: drei rennende Pferde links und ein Tisch, auf dem Stapel von Dollarmünzen liegen rechts.

♫ The Mecha­ni­cal Quirk ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor fes­ten Schrit­tes, obwohl ich am liebs­ten weit weg­ge­rannt wäre. Hier ist alles elek­trisch, und mir stel­len sich die Här­chen auf den Armen auf. Pro­fes­sor Ceril hat mir detail­lierte Anwei­sun­gen gege­ben. Tat­säch­lich hat er mir sogar vor­her ein Hand­buch über­reicht, das gefühlte fünf­hun­dert Sei­ten dick ist. Beim Pro­fes­sor heißt es immer Klot­zen statt Kle­ckern. So genial sie sind: Seine Maschi­nen müs­sen immer gleich die Größe einer Turn­halle haben. So auch seine Zeit­ma­schine.

Dass immer ich seine Erfin­dun­gen tes­ten muss, liegt an einem Deal zwi­schen mei­nem Dad und ihm: Der Pro­fes­sor ist ein Jugend­freund mei­nes Vaters, und seit der durch seine Ser­ver­parks zu Geld gekom­men ist, finan­ziert er Cerils For­schun­gen. Zum Aus­gleich soll die­ser mir etwas über Phy­sik, Elek­tro­dy­na­mik, Quan­ten­zu­stände, Dunkle Ener­gie und all so’n Zeugs bei­brin­gen.

Der Kor­ri­dor – der »spa­tiale Dila­ta­ti­ons­kom­pres­sor« – ist von run­den, metal­le­nen Luken gesäumt, wie man sie in einem U‑Boot erwar­ten würde, kom­plet­tiert durch das Dreh­kreuz, mit dem sie sich öff­nen las­sen. Hin­ter den Wän­den höre ich ein Knar­zen und Kla­ckern wie von klei­nen, höl­zer­nen Uhr­wer­ken – es klingt eher mecha­nisch als elek­tro­nisch. Aber das hilft mir auch nicht wei­ter. Ich stehe etwas hilf­los da und blät­tere ziel­los im Hand­buch für die Maschine. Der Pro­fes­sor hat mir ein­ge­schärft, ja durch die rich­tige Luke zu gehen. Die fal­sche zu öff­nen wäre fatal und würde die »Tem­po­ral-Stra­ti­gra­fie« nach­hal­tig durch­ein­an­der­brin­gen. Das will er auf alle Fälle ver­mei­den. Viel mehr soll ich sein jugend­li­ches Ich am ers­ten Okto­ber 2006 dazu brin­gen, statt auf Dis­kre­tion auf Schia­pa­relli zu set­zen – bei einer Dreier-Wette auf drei­jäh­rige Hengste und Stu­ten.

Letzt­lich bekomme ich aber die ent­spre­chende Luke, die mich zum ent­schei­den­den Pfer­de­ren­nen füh­ren soll, nicht auf: zu fest zuge­schraubt. Gut so. Muss ich mich nicht als Zwölf­jäh­ri­ger auf eine Renn­bahn schlei­chen und unter den Wett­be­geis­ter­ten den jun­gen Ceril aus­fin­dig machen. Statt­des­sen setze ich mich in den Kor­ri­dor und warte eine Zeit­lang, was in der flir­ren­den Elek­tri­zi­tät, die die Zeit­ma­schine in ihrem Inne­ren erzeugt, schon unan­ge­nehm genug ist. Dann gehe ich den Gang zurück und trete aus der Maschine.

Ceril erwar­tet mich auf­ge­regt. Ich nicke, drü­cke ihm das Hand­buch wie­der in die Hand und quet­sche zwi­schen den Zäh­nen her­vor: »Auf­trag aus­ge­führt«.

Ceril ist begeis­tert und tanzt herum. »Wer setzt auch schon auf Dis­kre­tion?!«, singt er, und auf meine Frage hin, was sich eigent­lich durch die Aktion ver­än­dert hat, erklärt er mir väter­lich, dass jetzt ein jun­ger Muzimi Ceril in einem Par­al­lel­uni­ver­sum stein­reich gewor­den sei und sich alle Träume erfül­len könne. Und dar­un­ter viel­leicht auch den, es sei­nem Wohl­tä­ter – womit er nicht etwa mich, son­dern sich selbst meint – zu dan­ken, indem er sich revan­chiert.

Wenn ich das rich­tig ver­stehe, soll der andere, jetzt stein­rei­che Ceril auf den Gedan­ken kom­men, sei­nen Assis­ten­ten – also ver­mut­lich eine par­al­lele Aus­gabe von mir – los­zu­schi­cken, um wie­derum ihn, den Pro­fes­sor, reich zu machen. Auf so eine ver­rückte Idee muss man erst mal kom­men! Ich gebe vor, noch Haus­auf­ga­ben machen zu müs­sen, und lasse ihn in sei­nem Labor allein. Wäh­rend ich mit mei­nem Fahr­rad davon­fahre, höre ich ihn noch lange sin­gen und über­lege, ob der Pro­fes­sor nicht bes­ser mal eine Maschine erfin­den sollte, die ein­fach nur kom­plette Stille her­stellt.

(Hat er bei­nahe. Aber das ist eine andere Geschichte.)

145/398

Das Titelbild zeigt eine große Industriemaschine in einer Fabrik. Ein gelber Pfeil ist an einem Eingang angebracht und zeigt darauf. In den oberen Ecken zeigen Illustrationen ein Bedienpult mit einem Joystick links und einen Liegesessel mit einem Cocktail rechts. In der Mitte ist eine unentzifferbare Formel eingefügt.

♫ Lei­sure Hun­ters ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Pro­fes­sor Ceril nennt das Ding »Frei­zeit­ma­schine«, aber für mich ist es wie­der ein­mal ein turm­ho­hes Gebilde aus Gän­gen, Kam­mern und Ver­bin­dungs­schäch­ten, wie immer erfüllt von einer unan­ge­neh­men Ener­gie, die auf der Haut pri­ckelt und meine Haare knis­tern lässt.

Die neuste Theo­rie des Pro­fes­sors ist fol­gende: Wah­rer zivi­li­sa­to­ri­scher Fort­schritt ent­steht nur in der Frei­zeit, da hier der Kar­riere- und Pro­fit­druck weg­fällt und die Men­schen – er denkt da wohl an Erfin­der wie ihn selbst – ihre Gedan­ken frei schwei­fen las­sen kön­nen und sich mit den Din­gen beschäf­ti­gen, die sie wirk­lich inter­es­sie­ren. So sei das Feuer, das Rad, die Schrift, die Zahn­seide und die Snooze-Taste erfun­den wor­den. Meint jeden­falls Ceril.

Mehr Frei­zeit muss her, ist seine Devise. Nicht für ihn selbst, denn er ist bereits (dank des Spon­so­rings durch mei­nem Vater) Pri­vat­ge­lehr­ter und damit Frei­zeit­for­scher, son­dern für alle. Damit meint er nicht nur die Bevöl­ke­rung auf dem Pla­ne­ten Erde, son­dern auch alle unent­deck­ten, unbe­merk­ten und uner­reich­ba­ren Zivi­li­sa­tio­nen in der gan­zen Gala­xis – für unsere Nach­bar­ga­la­xien aller­dings oder gar das gesamte Uni­ver­sum hätte seine Maschine, sagt er, grö­ßer wer­den müs­sen als unser Son­nen­sys­tem bis hin­aus zur Umlauf­bahn des Nep­tun. Das ist natür­lich nicht mach­bar, und des­halb seine unty­pi­sche Selbst­be­schrän­kung auf die Milch­straße – ein­schließ­lich, nicht zu ver­ges­sen, aller par­al­le­len Milch­stra­ßen aus der mul­ti­di­men­sio­na­len Quan­ten­wirk­lich­keit, die bekannt­lich alle Mög­lich­kei­ten und Wahr­schein­lich­kei­ten Rea­li­tät wer­den lässt, in wel­cher der infi­ni­ten Dimen­si­ons­ebe­nen auch immer.

Soweit jeden­falls Ceril.

Am Ende des Kor­ri­dors finde ich eine Schalt­ta­fel mit gro­ßen, far­big mar­kier­ten Hebeln, hin­ter der es emsig surrt, schabt und puckert. Dies­mal ist es ein­fach: Ich soll den gel­ben Hebel zie­hen. Er setzt dann einen kom­pli­zier­ten Mecha­nis­mus in Gang, der – ent­nehme ich den gewun­de­nen Erklä­run­gen des Pro­fes­sors – stu­pide Tätig­kei­ten und Rou­ti­ne­auf­ga­ben auf­saugt und damit eli­mi­niert. Diese näm­lich, so haben seine (Freizeit!-)Forschungen erge­ben, bestehen zum Groß­teil aus einer bestimm­ten Art fein­stoff­li­cher Ele­men­tar­teil­chen, die er Ergo­nen nennt.

Mit der Hand am gel­ben Hebel kommt mir unver­mit­telt in den Sinn, dass dann ja auch meine Eltern nicht mehr arbei­ten müss­ten.

Hm, das wäre schlecht.

Jetzt schon ist ihre karge Frei­zeit damit aus­ge­füllt, ihr halb­wüch­si­ges Wun­der­kind auf eine groß­ar­tige Kar­riere als Genie vor­zu­be­rei­ten und mir stän­dig Vor­schrif­ten zu machen. Mit mehr Frei­zeit für sie könnte das zu einer ganz schön läs­ti­gen Ange­le­gen­heit für mich wer­den.

Ich nehme meine Hand her­un­ter und lasse den Hebel in sei­ner Aus­gangs­stel­lung.

»Und?«, fragt der Pro­fes­sor begeis­tert, als ich aus sei­ner Maschine trete, froh mich in dem Gewirr aus Schäch­ten und Flu­ren nicht ver­irrt zu haben oder gar irgend­wie selbst auf­ge­saugt wor­den zu sein. Ich nicke. Wie erwar­tet meint Ceril die Aus­wir­kun­gen bereits zu spü­ren. »Hast du nicht auch das Gefühl, es sind schon weni­ger Ergo­nen um uns herum?« Wie­der nicke ich. »End­lich ein­mal eine wün­schens­werte Form der Arbeits­lo­sig­keit und Frei­zeit­ge­sell­schaft!«, meint er begeis­tert. Doch ein Blick auf seine Mess­ge­räte lässt ihn nach­denk­lich wer­den. »Hm. Die Kon­zen­tra­tion nimmt weit weni­ger stark ab, als ich vor­aus­be­rech­net habe.« Stirn­run­zelnd sieht er mich an.

»Könnte es nicht sein, dass immer wie­der neue Ergo­nen ent­ste­hen?« Der Pro­fes­sor kratzt sich das Kinn, zieht die ent­spre­chen­den For­meln aus sei­nem Zet­tel­kas­ten und beginnt, einen Wust von Zah­len und Varia­blen auf sein Käst­chen­pa­pier zu krit­zeln. »Die Entro­pie! Ver­flixt! Ich hätte es mir den­ken kön­nen …«, mur­melt er. Mir ist gleich, ob es Ergo­nen sind oder die Entro­pie: Haupt­sa­che, jemand hält mir meine Eltern vom Hals.

(Meine Eltern ent­wi­ckel­ten dann plötz­lich ganz neue Pläne für mich, ihr Wun­der­kind, aber das ist eine andere Geschichte.)

190/398

♫ The Mar­vell­ous 3D Myth Fab­ber ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Dies­mal, finde ich, hat es der Pro­fes­sor über­trie­ben. Alles wirkt vik­to­ria­nisch ver­spielt: An den Wän­den spru­deln kleine Fon­tä­nen unter ova­len Spie­geln mit geschnitz­ten Elfen­bein­rah­men. Das also ist sein neus­ter Streich, die »Mythen­ma­schine«. Irgend­et­was hat Ceril auf den Gedan­ken gebracht, die Mythen der Welt hät­ten sich auf­ge­braucht. »Eine ›Mythonen‹-Knappheit?«, habe ich vor­wit­zig gefragt, aber er hat mich nur ver­ächt­lich ange­se­hen. Offen­bar geht es heute nicht um der sons­ti­gen Wis­sen­schaft unbe­kannte Ele­men­tar­par­ti­kel.

Er ließ mich refe­rie­ren, was ein Mythos ist, war jedoch mit mei­nem Wiki­pe­dia-Wis­sen unzu­frie­den und erklärte, er beschäf­tige sich als Frei­zeit-Mythen­for­scher inten­siv mit »arche­ty­pi­schen Erzäh­lun­gen, die als kol­lek­ti­ves Vor­bild die­nen kön­nen«. »Harry Pot­ter?«, schlage ich vor, und »Ava­tar?« Der Pro­fes­sor run­zelt die Brauen: »Das ist ja gerade, was mir Sorge berei­tet: diese all­ge­gen­wär­tige Regres­sion ins magi­sche Den­ken. Der Mythos vom edlen Wil­den und der von einer ver­zau­ber­ten Welt, die nicht so sehr den Natur­ge­set­zen wie dem mensch­li­chen Wil­len gehorcht – lei­der der­zeit nicht sehr hilf­reich und ziel­füh­rend, was die Zukunft der Mensch­heit anbe­langt.«

Des­halb nun seine Maschine. Sie soll den Mythos für das 21. Jahr­hun­dert kre­ieren, die uni­ver­selle Geschichte, die allem, was wir erle­ben und anstre­ben, neuen Sinn ver­leiht – und ich soll diese Krea­tion ans Tages­licht holen.

Die stoff­be­spann­ten Türen des Kor­ri­dors sind mit wabern­den Buch­sta­ben beschrif­tet. Wie im Traum lässt sich nicht rich­tig erken­nen, was da steht, und es ändert sich dau­ernd. Stand da eben etwas von »die Seele dem Teu­fel ver­kau­fen«? Oder »Erschaf­fung der Welt in sie­ben Tagen«? Oder »Kai­ser Bar­ba­rossa schläft nur«?

Mir wird ganz schumm­rig, und ich mache, dass ich aus der Maschine wie­der raus­komme.

»Sie steht mit ihren Berech­nun­gen offen­bar noch ziem­lich am Anfang«, erkläre ich dem Pro­fes­sor mit fes­ter Stimme.

»Aber sie arbei­tet schon ganze sechs Tage lang«, erklärt er trau­rig. Dann zuckt er die Schul­tern: »Na schön, dann geben wir ihr noch eine Woche.« Und als er mei­nen Blick sieht: »Einen Monat?« Ich ant­worte nicht, und Ceril meint schließ­lich ent­täuscht: »Gut: ein Jahr. Damit soll­ten wir auf der siche­ren Seite ste­hen.« Ich nicke zufrie­den. Bloß erst ein­mal nicht wie­der da rein­müs­sen!

In der fol­gen­den Nacht bin ich im Traum auf der Flucht vor einer gewal­ti­gen Horde Mär­chen- und Sagen­ge­stal­ten, die alle unbe­dingt mein »Vor­bild« sein wol­len. Ich erwa­che schweiß­ge­ba­det. Hof­fent­lich ver­folgt mich die­ser Alp­traum jetzt nicht Nacht für Nacht ein gan­zes Jahr lang.

(Tat er nicht. Statt­des­sen eroberte eine ziem­lich ver­rückte neue Mit­schü­le­rin meine Träume im Sturm. Aber das ist eine andere Geschichte.)

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Zea­li­fied

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Ich betrete den Kor­ri­dor, um ins Innere von Pro­fes­sor Cerils wie­der mal fast turn­hal­len­gro­ßer Maschine zu gelan­gen. Nach dem Unfall bei mei­nem Test­lauf in sei­ner unaus­ge­reif­ten Anti­kriegs­ma­schine habe ich ihm klar­ge­macht, dass ich nicht län­ger sein Ver­suchs­ka­nin­chen sein will. Er nickte, lächelte ver­schmitzt, setzte sich an seine Werk­bank und fing auf der Stelle an, Berech­nun­gen anzu­stel­len.

Zwei Wochen danach stellte mir der Pro­fes­sor dann seine neuste Kon­struk­tion vor und meinte, ich sei es gewe­sen, der ihn auf diese geniale Idee gebracht habe.

»Was unter­schei­det die Arbeit an der Steu­er­erklä­rung …« Er blickte zu mir run­ter und ver­bes­serte sich: »Sagen wir: das Ler­nen von Latein­vo­ka­beln von einer Tüte Kar­tof­fel­chips?« – »Na ja, die einen sind scheuß­lich, und von den ande­ren kann ich gar nicht genug krie­gen.« Ceril nickte zustim­mend. Ich fügte an: »Lei­der sind sie alle.« – »Die Chips?« – »Nein, die Latein­vo­ka­beln. Hab alle gelernt. Und dann mit Sans­krit ange­fan­gen.« Der Pro­fes­sor rang die Hände – ein Zei­chen dafür, dass für ihn etwas nicht in die gewünschte Rich­tung läuft.

»Junge, es gibt doch Dinge, die du gern machst, auf die du dich freust, und zu denen dich kei­ner zwin­gen muss. Und bei ande­ren braucht es zehn Pferde oder zumin­dest einen hohen Lei­dens­druck, bis du dich end­lich dar­an­machst. Stimmt’s? Und der Unter­schied ist das Maß an Moti­va­tion!«

Des­halb also seine »Moti­va­ti­ons­ma­schine«. Diese Kon­struk­tion von der Größe eines Bun­ga­lows sei aller­dings nur der Pro­to­typ. Spä­ter würde er das Ganze minia­tu­ri­sie­ren, und bald schon wür­den wir alle mit einem Mikro­mo­ti­va­tor am Gür­tel her­um­lau­fen und nur noch Dinge tun, auf die wir große Lust hät­ten. Und damit ich – nach dem Desas­ter mit dem Welt-Har­mo­nie-Gene­ra­tor – wie­der Lust dar­auf bekomme, die Erfin­dun­gen des Pro­fes­sors zu tes­ten, soll ich ein­fach nur in den Pro­to­ty­pen hin­ein­ge­hen und »mich moti­vie­ren las­sen«.

Am Ende des Kor­ri­dors in der laut sum­men­den Maschine steht ein Pult mit einem sil­ber­nen Mikro­fon an einem Schwa­nen­hals. Davor liegt ein Zet­tel. Ich erkenne die Hand­schrift des Pro­fes­sors. Er hat sich Mühe gemacht, leser­lich zu schrei­ben: »Was wür­dest du gern gern tun?« Ich brau­che eine kurze Weile, um zu kapie­ren, dass er hier mit dem dop­pel­ten Wort kei­nen Feh­ler gemacht hat.

Schon will ich brav ins Mikro­fon sagen: »Die Erfin­dun­gen des Pro­fes­sors tes­ten«, da geht mir auf, dass ich noch gar nicht rich­tig dar­über nach­ge­dacht habe, was ich denn eigent­lich wirk­lich gern tun würde. Zwar weiß ich sofort, was meine Schul­ka­me­ra­den jetzt sagen wür­den. Aber da mir der ganze Stoff kei­ner­lei Schwie­rig­kei­ten berei­tet, ich gerne pauke und lese und mich bren­nend für quan­ten­phy­si­ka­li­sche Phä­no­mene inter­es­siere, brau­che ich da keine zusätz­li­che Moti­va­tion. Auch tue ich nichts lie­ber, als mein Zim­mer auf­zu­räu­men und viel­leicht bei der Gele­gen­heit meine Biblio­thek umzu­sor­tie­ren, chro­no­lo­gisch viel­leicht oder nach Brei­ten­grad des Ver­lags­sit­zes. Blöd finde ich eigent­lich nur, dass meine Eltern andau­ernd irgend­wel­che Ver­wand­ten ein­la­den und ich dann vor­füh­ren muss, was ich alles kann und weiß.

Aber will ich mich dar­auf freuen? Oder auf die läs­ti­gen Piek­ser in meine Fin­ger­kup­pen, vier­mal täg­lich zur Blut­ab­nahme, um mei­nen Blut­zu­cker­spie­gel zu bestim­men?

Der Pro­fes­sor hat mir dies­mal gar nicht erklärt, wie seine Maschine funk­tio­niert. Wenn sie mich nun Lust auf etwas ent­wi­ckeln lässt: Packt mich dann viel­leicht bei etwas ande­rem, das mir sonst gro­ßen Spaß macht, plötz­lich die Unlust? Seit der Anti­kriegs­ma­schine sollte ich doch eigent­lich wis­sen, dass Cerils Erfin­dun­gen uner­war­tete Neben­wir­kun­gen haben kön­nen. Und das mit der Moti­va­tion könnte letzt­lich mein doch ganz gut gere­gel­tes Leben völ­lig aus der Bahn wer­fen.

Soll ich die Maschine also boy­kot­tie­ren? Nein. »Ich selbst sein«, sage ich ins Mikro­fon und ziehe unwill­kür­lich den Kopf ein, weil ich nicht weiß, was mich erwar­tet. Ich selbst bin ich eigent­lich fast immer ganz gern. Nur manch­mal, wenn andere mich so angu­cken, als sei ich ein Freak, denke ich, viel­leicht wäre es bes­ser, kein Wun­der­kind zu sein.

Nichts pas­siert.

Ich warte noch ein wenig, kann aber keine Ver­än­de­run­gen in mei­nen Gefüh­len oder mei­nem Den­ken erken­nen. Lang­sam schlen­dere ich den Kor­ri­dor wie­der zurück. Ist doch eigent­lich eine groß­ar­tige Sache, all diese ver­rück­ten Maschi­nen tes­ten zu dür­fen. Und dass ich der Assis­tent des Pro­fes­sors sein darf, der nicht nur ein­fach ein Genie ist, son­dern ein plu­ri­di­men­sio­na­les Genie, seit er Kon­takt mit sei­nen Alter Egos in diver­sen Par­al­lel­wel­ten auf­ge­nom­men hat. Und für jeman­den wie mich, der nach ein, zwei Rega­len vol­ler Psy­cho­lo­gie­bü­cher fast immer schon vor­her weiß, wie sich Men­schen ver­hal­ten wer­den, ist es ein ech­tes Aben­teuer, in Cerils Pro­to­ty­pen zu stei­gen und keine Ahnung davon zu haben, was mich erwar­tet.

Der Pro­fes­sor sitzt geis­tes­ab­we­send vor einem Dis­play in sei­nem Labor, auf dem sich lang­sam, ganz lang­sam ein Fort­schritts­bal­ken nach vorne bewegt. »Und?«, frage ich, »Wol­len Sie nicht wis­sen, wie es war?« Ceril blickt müde auf. »Wie was war?« – »Na, die Moti­va­ti­ons­ma­schine.« – »Ach die«, ant­wor­tet Ceril und starrt wie­der auf den Fort­schritts­bal­ken.

»Pro­fes­sor?«, frage ich. Ceril blickt mich an. »Wo holt Ihre Moti­va­ti­ons­ma­schine die Moti­va­tion eigent­lich her?« Ceril zuckt die Schul­tern: »Ach, weißt du, Moti­va­tion ist über­all. Die Maschine ent­zieht sie ein­fach ihrer unmit­tel­ba­ren Umge­bung.« – »Aha«, sage ich, »waren Sie nicht eben noch mit der Neu­kon­struk­tion des Welt-Har­mo­nie-Gene­ra­tors beschäf­tigt?« Cerils Augen hän­gen wie­der am Bal­ken auf sei­nem Dis­play. »Ach, das hat Zeit.«

»Sie soll­ten mal in Ihre Moti­va­ti­ons­ma­schine stei­gen, Pro­fes­sor.« Der Fort­schritts­bal­ken hat sich schon län­ger nicht wei­ter­be­wegt. Ceril erhebt sich müh­sam. »Viel­leicht sollte ich das tun, ja. Funk­tio­niert sie?«

Als er auf den Ein­stieg zugeht, sehe ich zu, dass ich davon­komme. Nicht, dass mir meine Moti­va­tion wie­der abge­saugt wird! Ich hab noch rich­tig viel vor heute. Keine Zeit zu ver­lie­ren!

(Inter­es­san­ter­weise schien mit mei­ner gestei­ger­ten Moti­va­tion ein­her­zu­ge­hen, dass sämt­li­che Unter­hal­tungs­elek­tro­nik in mei­ner Umge­bung ver­sagte. Aber das ist nun wirk­lich eine völ­lig andere Geschichte.)

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Inven­tory (of an Inventor’s Mind)

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Ich betrete den Kor­ri­dor und höre bereits da das ärger­li­che Zischen von Cerils Schweiß­bren­ner. Der Pro­fes­sor ist beschäf­tigt und steht vor einer Art gro­ßer Blüte aus sil­ber­nen Metall­strei­fen. Als er mich auf der ande­ren Seite her­ein­kom­men sieht, klappt er kurz sein Visier hoch, winkt mir zu und setzt dann seine Kon­struk­ti­ons­tä­tig­keit fort. Es scheint wie­der mal eine hoch­in­ter­es­sante Maschine zu wer­den. Sie sieht völ­lig anders aus als alles, was ich von ihm kenne.
Wenig spä­ter tritt er zu mir an seine Werk­bank und trock­net sich die schweiß­nasse Stirn mit Lösch­pa­pier.
»Was ist das für ein Knopf?«, will ich von ihm wis­sen. Wäh­rend des War­tens war mir ein gro­ßer roter Not-Aus­schal­ter an der Wand über sei­nem Tisch auf­ge­fal­len, halb ver­deckt von dem schwenk­ba­ren Rie­sen­bild­schirm, den er inzwi­schen für seine Par­al­lel­welt­kon­takte ver­wen­det. Es ist einer die­ser halb­run­den Knöpfe, auf die man mit der Faust ein­schla­gen kann, und es lagert eine dicke Staub­schicht dar­auf. »Not-Aus« steht drun­ter. War mir noch nie auf­ge­fal­len.
»Ach, der …«, meint der Pro­fes­sor gedehnt, »hab ihn zum Glück nie gebraucht.«
»Kappt der den Strom?«
»Nicht nur den Strom. Aber du willst mich doch sicher fra­gen, an was ich da gerade arbeite, oder?« Ich nicke. »Mir ist da ein, man könnte fast sagen, genia­ler Ein­fall für eine Maschine gekom­men, eine Maschine, wie es sie noch nie gege­ben hat. Ich …«
»Was noch außer dem Strom?«, frage ich. Der Pro­fes­sor wird nicht gerne unter­bro­chen. Er run­zelt die Brauen und bedenkt mich mit einem ver­nich­ten­den Blick.
»Du soll­test mich«, meint er dann, ohne die Augen von mir zu las­sen, »eigent­lich inzwi­schen gut genug ken­nen, um zu wis­sen, dass ein ›Not-Aus‹ in mei­ner Werk­statt wohl kaum nur den Strom abschal­tet.«
»Die Lüf­tung?«, frage ich vor­wit­zig, weil ich es nicht lei­den kann, wenn der Pro­fes­sor glaubt, mich beleh­ren zu müs­sen. Er lacht kurz mit dem geschlos­se­nen Mund, ein Schnau­ben, das sich anhört, als bestehe es zu glei­chen Tei­len aus Unglau­ben und Ver­ach­tung. Dann lässt er sich mit einem Seuf­zer auf sei­nen Stuhl fal­len.
»Die­ser Schal­ter stoppt die Geschichte.«
Ich bin jetzt doch ein klein wenig ver­blüfft und setze mich auf den klei­nen Hocker, den der Pro­fes­sor immer benutzt, um in den obe­ren Fächern sei­ner Schränke nach irgend­wel­chen exo­ti­schen Bau­tei­len zu suchen. »Geschichte wie in Story oder wie in His­to­rie?«
»Bei­des. Es ist doch so, mein Junge …« Er weiß, dass ich es hasse, wenn er mich so nennt. Des­halb lässt er es auch eine kleine Ewig­keit im Raum ste­hen, wäh­rend sich um seine Augen ein klei­nes, böses Lächeln abzeich­net. »Die Welt, das Leben, die His­to­rie – das alles ist doch letzt­lich eine Geschichte, die wir uns erzäh­len. Und die wir für die Wirk­lich­keit hal­ten.«
Ich bin mir nicht ganz sicher, auf was Ceril da hin­aus­will. Kon­struk­ti­vis­mus? Phä­no­me­no­lo­gie? Oder doch wie­der Mytho­lo­gie – wie bei sei­ner Suche nach einem zeit­ge­mä­ßen Mythos, der uns Men­schen des 21. Jahr­hun­derts als neuer Leit­fa­den die­nen kann?
»Ich glaube, ich hab dir nie von mei­ner ers­ten Erfin­dung erzählt. Keine Maschine übri­gens, zumin­dest nicht im eigent­li­chen Sinne. Oder viel­leicht doch. Sie hat all das hier erschaf­fen.«
Seine Geste umfasst das gesamte Labo­ra­to­rium. Meine Irri­ta­tion wächst. Und wie mir scheint, genießt der Pro­fes­sor die Ver­wir­rung, die sich auf mei­nem Gesicht abzeich­net.
»Ein Wirk­lich­keits­trans­mit­ter, könnte man sagen. Im Grunde eine Maschine, die eine Geschichte erzählt. Was ich natür­lich im über­tra­ge­nen Sinn ver­stehe. Ist dir noch nie der Gedanke gekom­men, dass hier in mei­nem Han­gar tag­ein tag­aus sehr beson­dere, unwahr­schein­li­che und fast schon unwirk­li­che Dinge vor sich gehen?«
»Na ja«, ant­worte ich, als mir klar wird, dass der Pro­fes­sor die Frage nicht rein rhe­to­risch gemeint hat, »bei einem Erfin­der­ge­nie wie Ihnen, einem dar­über hin­aus plu­ri­di­men­sio­nal auch in Par­al­lel­wel­ten ope­rie­ren­den For­scher­geist ist das ja auch kein Wun­der.«
»Nein, ist es tat­säch­lich nicht. Es ist eine Geschichte, die ich mir selbst erzähle. Oder bes­ser: erzäh­len lasse.«
Ceril ist eigent­lich mehr der Inge­nieur. Die phi­lo­so­phi­schen Aspekte sei­ner Arbeit haben ihn nie son­der­lich inter­es­siert. Ver­wun­der­lich, dass er auf ein­mal mit sol­chen Ana­lo­gien auf­war­tet. Aber jetzt schüt­telt er den Kopf und will das Thema wech­seln: »Wie auch immer. Du woll­test doch wis­sen, was für eine ver­rückte Maschine ich da gerade wie­der kon­stru­iere …«
Ich gehe nicht dar­auf ein. »Was ist das für eine Geschichte, die Sie sich da erzäh­len las­sen?«
Ceril seufzt und scheint sich erst ein Herz fas­sen zu müs­sen. »Ich könnte viel­leicht auch von einem Film spre­chen. Dem Lebens­film. Oder einem Thea­ter­stück. Oder einer Fabel. Hand­lung, Figu­ren, alles mehr oder weni­ger zusam­men­hän­gend und schlüs­sig auf­ein­an­der­fol­gend.«
Dabei lacht der Pro­fes­sor auf. Es wird doch wohl keine Lebens­krise bei ihm sein? Ich habe in den Psy­cho­lo­gie­bü­chern davon gele­sen. Das geht bis hin zum Kom­plett­zu­sam­men­bruch der bis­he­ri­gen Wert­vor­stel­lun­gen: Men­schen stel­len plötz­lich alles in Frage, was ihnen vor­her wich­tig und rich­tig schien.
»Und doch ist das alles letzt­lich nichts als eine Erzäh­lung.« Er fasst meine Hand. Das hasse ich noch mehr, als dass er mich »mein Junge« nennt. »Als mir das – vor vie­len, vie­len Jah­ren – klar wurde, stand mir plötz­lich die eine, ent­schei­dende Frage vor Augen.« Sein Griff ver­liert an Kraft, und ich ziehe meine Hand her­aus. Er reagiert nicht, son­dern lächelt mich an, ein wenig in sich gekehrt. »Du ahnst ver­mut­lich, wel­che Frage ich meine.«
Ich schüttle den Kopf.
Das Lächeln des Pro­fes­sors wird brei­ter. »Wel­che Geschichte möchte ich erzäh­len?«
»Keine Ahnung.«
»Nein, Junge, das ist die Frage: Wel­che Geschichte möchte ich mir erzäh­len? Ver­stehst du denn nicht? Das stand am Anfang von allem.«
Einen Augen­blick lang steht mir ein rie­si­ger Welt­erschaf­fungs­me­cha­nis­mus vor Augen – ein Schöp­fungs­ma­schine in einer Steam­punk-Ver­sion mit zahl­lo­sen Mes­sing­zahn­rä­dern, Hebeln und Roh­ren für die Hydrau­lik. Doch das kann er ja wohl schlecht mei­nen.
»Ich wollte«, sagt der Pro­fes­sor, und weist mit einer Hand­be­we­gung auf seine Werk­halle, »ein­zig­ar­tige, bedeu­tende, welt­be­we­gende Maschi­nen bauen.«
Ja, das ist ihm gelun­gen. Ich bli­cke mich um. Sein gan­zes weit­räu­mi­ges Labor steht vol­ler rie­si­ger Appa­ra­tu­ren wie dem Vaku­um­fluk­ta­ti­ons­ba­thys­kaph, einige davon – wie die Frei­zeit­ma­schine für zivi­li­sa­to­ri­schen Fort­schritt – bereits wie­der demon­tiert. Teile davon sind in sei­ner Mythen­ma­schine auf­ge­gan­gen. Hat die eigent­lich je ein Ergeb­nis erbracht? Muss ich ihn drin­gend mal danach fra­gen! An den spa­tia­len Dila­ta­ti­ons­kom­pres­sor und die vie­len Boten­gänge in Par­al­lel­wel­ten habe ich mich ganz gut gewöh­nen kön­nen, mit dem klo­bi­gen Welt­har­mo­nie­ge­ne­ra­tor aller­dings ver­binde ich eher unan­ge­nehme Erin­ne­run­gen. Die neue, ver­bes­serte Ver­sion lässt seit Mona­ten auf sich war­ten. Ver­mut­lich hat der Pro­fes­sor seit der Sache mit der Ent­rü­ckung und sei­nem in aller gebo­te­nen Eile kon­stru­ier­ten Para­dies­si­mu­la­tor das Inter­esse daran ver­lo­ren. Da hilft lei­der auch die Moti­va­ti­ons­ma­schine nicht viel, da sie aus uner­find­li­chen Grün­den nur ein ein­zi­ges Mal funk­tio­niert hat: bei mei­nem Pra­xis­test. Denn in den meis­ten Fäl­len lässt er zuerst mich in seine Maschi­nen rein.
»Viel­leicht ja sogar eine«, sagt der Pro­fes­sor und blin­zelt mir zu, »die die Welt ret­tet.«
»Sie mei­nen Ihre Ent­rü­ckungs­ma­schine?«
Bei sei­nen Recher­chen im Plu­ri­ver­sum ent­deckte Ceril eine Par­al­lel­welt – man­che alter­na­tive Erden unter­schei­den sich sehr stark von unse­rer, diese hier nur mini­mal –, die dem Unter­gang geweiht war. In die­ser unglück­se­li­gen Ver­sion unse­rer Wirk­lich­keit war der höchst unwahr­schein­li­che Fall ein­ge­tre­ten, dass der Large Hadron Col­l­i­der am CERN ein gefrä­ßi­ges klei­nes Schwar­zes Loch erzeugt hatte, das nicht wie erwar­tet sofort in Strah­lung zer­fiel, son­dern zum Erd­mit­tel­punkt gezo­gen wurde und begann, sich den Pla­ne­ten von innen her­aus ein­zu­ver­lei­ben. Nie­mand ahnte etwas von dem dro­hen­den Ver­häng­nis, nicht ein­mal das dor­tige Alter Ego des Pro­fes­sors. Sie taten sich zusam­men – dazu reichte ein Anruf mit dem plu­ri­di­men­sio­na­len Gra­vi­ta­ti­ons­te­le­fon – und arbei­te­ten buch­stäb­lich Tag und Nacht daran, die Men­schen die­ser Welt vor der dro­hen­den Kata­stro­phe zu bewah­ren. Schließ­lich wurde bei­den klar: Es blieb nichts ande­res übrig, als die Erde zu eva­ku­ie­ren. Sie muss­ten alle Men­schen »ent­rü­cken«.
Ent­rü­ckung? Diese Vor­stel­lung fin­det man bei den Mil­le­nia­ris­ten, die manch­mal auch Chi­li­as­ten genannt wer­den: Eine höhere Macht ret­tet in einer Zeit der Drang­sal eine bestimmte Zahl Aus­er­wähl­ter, indem sie sie mir nichts dir nichts aus dem Leben reißt und wahl­weise auf Mut­ter­schiffe oder direkt ins Para­dies ver­frach­tet. Im Falle der tod­ge­weih­ten Erde besorgte das, sozu­sa­gen in letz­ter Sekunde, Cerils aus­ge­klü­gelte Ent­rü­ckungs­ma­schine.
»Es wird mir schwer­fal­len, das zu top­pen.« Der Pro­fes­sor hat heute etwas Hoch­mü­ti­ges an sich. In mir regt sich Wider­stand. Ich stehe auf, kann nicht mehr still sit­zen blei­ben.
»Ihr Appa­rat hat nicht rich­tig funk­tio­niert.«
»Ich habe Mil­li­ar­den geret­tet, da machen doch die zwei, drei Leut­chen, die durch die Maschine nicht erfasst wur­den, kei­nen Fehl­schlag draus …«
Komisch – ich war noch nie nei­disch auf Ceril oder fand grund­sätz­lich falsch oder ver­fehlt, woran er arbei­tete. Sicher, ich habe auch immer wie­der Kri­tik geübt, und hin und wie­der war ich auch der Leid­tra­gende sei­nes über­bor­den­den Ein­falls­reich­tums. Doch letzt­lich hat mich jedes Mal fas­zi­niert, was der Pro­fes­sor erfand und kon­stru­ierte. Nur jetzt bei die­sem Gespräch werde ich irgend­wie wütend auf ihn.
»Ohne mei­nen Vater, der Ihnen das alles finan­ziert, hät­ten Sie das alles nicht zustan­de­ge­bracht!«, fau­che ich ihn an, ohne genau zu wis­sen, was mich eigent­lich so aggres­siv macht.
»Gut beob­ach­tet. Des­halb stellt er auch eine der ganz wich­ti­gen Figu­ren dar. Genau wie du, mein Junge. Du bist mir eine echte Hilfe, und außer­dem …«
»Ich bin keine ›Figur‹!«, fahre ich dazwi­schen. Jetzt erhebt sich auch der Pro­fes­sor.
Er ist etwas klei­ner als ich. Trotz­dem schafft er es, sich dro­hend vor mir auf­zu­bauen: »Es ist meine Geschichte.«
»Es ist genauso gut auch meine. Und die von mei­nem Vater. Und die von allen ande­ren.«
Sein Blick wan­dert zu dem Not-Aus­schal­ter. »Lass uns nicht dar­über strei­ten. Das alles sind doch nur gedank­li­che Kon­zepte.«
Aber ich komme gerade erst in Fahrt: »Apro­pos: Wie würde Ihnen denn gefal­len, wenn Sie nur eine Figur in mei­ner Geschichte wären?«
Der Pro­fes­sor ver­zieht den Mund zu einem amü­sier­ten Lächeln. »In dei­nen Kurz­ge­schich­ten über mich? Wo du am Ende in Klam­mern immer noch ›eine ganz andere Geschichte‹ ankün­digst, die du aber nie erzählst?«
Vor Ver­blüf­fung lasse ich mich wie­der auf den Hocker plump­sen. Woher weiß er davon?
»Ja, du bist mein Chro­nist. So ist es vor­ge­se­hen. Ich könnte mir das zwar ein biss­chen, nun, bom­bas­ti­scher vor­stel­len, so, dass es der Nach­welt den Atem ver­schlägt. Mal ganz abge­se­hen von der Ret­tung einer kom­plet­ten Mensch­heit – über­leg doch nur mal, was ich ent­deckt habe: par­al­lele Uni­ver­sen mit unend­lich vie­len Varia­tio­nen unse­rer Welt, und ich habe nicht nur Kon­takt auf­ge­nom­men, son­dern dich sogar hin­ge­schickt. Was ist dage­gen schon ein Kolum­bus? Oder ein Koper­ni­kus?«
Das wird mir jetzt echt zu viel. Ich springe auf, trete an die Werk­bank und hebe die Faust.
»Nein, tu das nicht!«
»Wir wer­den ja sehen, Pro­fes­sor, wes­sen Geschichte das ist. Und ob etwas in Klam­mern drun­ter steht oder nicht.« Ich bin stink­wü­tend auf den Kerl. Wie hatte ich nur so lange über­se­hen kön­nen, dass er im Grunde ein arro­gan­ter Groß­kotz ist? Der glaubt, die Welt drehe sich nur um ihn. Und alle ande­ren seien nur Figu­ren in sei­nem Spiel.
Er will mir in den Arm fal­len, aber ich bin schnel­ler und schlage mit der Faust hart aufs Not-Aus.
(

 

389/398

Pazzo – e alora?

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Ich betrete den Kor­ri­dor und höre Nr. 389 schon von wei­tem dozie­ren und lamen­tie­ren. Ein selt­sa­mer Insasse. Kei­ner weiß genau, wo er her­stammt. Er nennt sich Muzimi Ceril und faselt tag­ein, tag­aus etwas in einer frem­den Spra­che, die bis­her kei­ner von uns iden­ti­fi­zie­ren konnte. Ich glaube, eine Behand­lung hat der Chef längst auf­ge­ge­ben. Zumin­dest muss ich Nr. 389 nur noch sel­ten aus sei­ner Zelle holen und zu ihm brin­gen.

Ich ent­riegle die Essens­klappe und schiebe ihm sei­nen Napf hin. Sein runz­li­ges Gesicht erscheint in der Öff­nung und sieht mich mit wei­ten, irren Augen an, mur­melt Worte einer frem­den Spra­che. »Ich ver­stehe dich nicht. Kein Wort. Nie­mand hier ver­steht dich«, sage ich. Plötz­lich ver­zieht ein ver­schmitz­tes Lächeln sein Gesicht.

»Lin­gua ignota Hil­de­gar­dis«, sagt er hei­ser. Hil­de­gard? So ist es immer: Man glaubt etwas aus sei­nem Gebrab­bel her­aus­zu­hö­ren, aber dann wird es sofort wie­der unver­ständ­li­ches Kau­der­welsch.

Dann reicht er mir seine Zet­tel. Wie immer sind sie über­sät von win­zi­gen bun­ten Zeich­nun­gen, die über­aus eigen­ar­tige Maschi­nen zei­gen, mit Bema­ßun­gen und Anmer­kun­gen in einer unbe­kann­ten Schrift, womög­lich sei­ner Geheim­schrift. Er zwin­kert mir auf­mun­ternd zu. In sei­nem ver­dreh­ten Hirn scheint er die fixe Idee ent­wi­ckelt zu haben, dass ich nichts Bes­se­res zu tun habe, als in mei­ner Frei­zeit zu Hause seine Maschi­nen zu bauen, mit min­des­tens der irr­sin­ni­gen Exakt­heit, die aus sei­nen Bau­plä­nen spricht.

Ich nicke ihm freund­lich zu, und er lässt, offen­bar zufrie­den mit mei­ner Reak­tion, die Klappe her­un­ter­fal­len. Nr. 389 hat keine Ahnung, dass ich seine Zeich­nun­gen mei­nem Nef­fen Luigi gebe, einem Jour­na­lis­ten. Luigi Ser­a­fini, viel­leicht ken­nen Sie ihn. Er nennt das stän­dig anwach­sende Kon­vo­lut an wun­der­li­chen Bild­chen zärt­lich sei­nen Codex und lässt sich davon zu sei­nen Glos­sen über den Wahn­sinn des All­tags inspi­rie­ren, »La Fol­lia della Vita Quo­ti­diana«, kurz FdVQ, wie es in schö­ner Regel­mä­ßig­keit über der lin­ken Spalte auf der vor­letz­ten Seite der größ­ten ita­lie­ni­schen Tages­zei­tung heißt.

 

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