Ich betrete den Korridor der schwindenden Sinne. Er wird nach hinten hin immer enger und dunkler, doch je weiter ich vordringe, desto farbenfroher und heller werden die Bilder an Wänden, Boden und Decke, und desto deutlicher werden die Klänge, die mäandernd durch den Raum schweben und manchmal auf mein drittes Ohr treffen.
»Eure Majestät, darf ich versuchen, Nemo hierher zu bringen? Ich habe da eine äußerst brillante Idee.«
Fasziniert und staunend betrachte ich die Imaginationen und Manifestationen meines Geistes, lausche der inneren Musique concrete meiner Seele.
Leider kann ich, trotz jahrelangen Trainings, nur eine kurze Zeitlang einen Rest Bewusstsein dafür bewahren, und wenig später (und viel zu schnell, immer viel zu schnell) nimmt mich Hypnos in seine Arme, umfängt mich der Schlaf.
Ich betrete den Korridor. Und, seltsam, aus irgendeinem Grunde steht mir plötzlich das Archetypische der Situation vor Augen – als würde ich mich und meine Situation von außen sehen:
Ich – der selbstbewusste, reflektierende Mensch, das cartesianische, souveräne Ego, sich getrennt von der Welt fühlend und handelnd, sie durchdenkend und pro-aktiv.
Das Hineinkommen – als Geburtsvorgang und gleichzeitig willentliche Entscheidung für ein Vorankommen, für Fortschritt und Entwicklung. Mitschwingend hier der Erkenntnisdrang des Menschen, die Lust aufs Abenteuer, die unstillbare Neugier und der unerschrockene Forschergeist, der neue Räume durchmessen und den Herrschafts- und Wissensbereich ausdehnen will bis an die Grenze des Mach- und Denkbaren.
Der Korridor – als Geburtskanal, Durchgangsstation, Lebensweg und Öffnung in die Möglichkeiten der Wahl: Türen zweigen ab und führen in neue Räume, neue Gänge, neue Räume, neue …
Die Vision, die mich so überraschend und unwillkürlich übermannt hat, bricht ab. Ich stehe in einem Korridor. Er ist staubig, lieblos eingerichtet, schlecht gelüftet und düster. Auf einem Sims ein überquellender Aschenbecher. Es stinkt nach kaltem Rauch. Naserümpfend ergreife ich die Flucht.
Ich betrete den Korridor. Aber glauben Sie nicht, dass ich einfach nur hinein- und hindurchhusche. Nein. Ich nehme mir Zeit dafür. Anfangs achte ich darauf, erst einmal keine Worte zu lesen, auch nicht versehentlich, sondern starte den Soundtrack und lausche ihm mit halboffenen Lidern. Dann, wenn ich ein Gefühl für die Klänge entwickelt habe, jedoch ohne sie zu bewerten oder irgendwo einzuordnen, mit Anfängerbewusstsein sozusagen, wage ich einen ersten Blick auf den Text – auf die ersten Worte, den ersten Satz.
Ist es der, den ich erwarte? Ja. Der Anfang ist immer derselbe. Schön. Von der Begleitmusik getragen wage ich mich weiter in den Korridor. Zuversichtlich einerseits, aber auch ein wenig furchtsam, denn hinter jeder Biegung kann ein zuvor ungenannter Schrecken lauern.
Doch wie im Traum wird aller Unbill nur Einbildung sein. Langsam und mit Genuss taste ich mich forschend voran. Die meisten Korridore sind kurz, viel zu kurz. Manchmal allerdings setzen sie sich in meinem Inneren, vor meinem geistigen Auge, im Rhythmus der Begleitmusik und im Strom meiner Gedanken und Gefühle fort. Der erste Schritt ist immer gleich. Aber alle weiteren …
Der Soundtrack verklingt. Ich öffne die Augen. Und trete ins Leben.
Ich betrete den Korridor zwischen den Zellen. Eine große Ehre! – was habe ich gebeten, gebettelt und gebetet, einmal die Chance zu bekommen, mit den alten Meisterpoeten zu sprechen, ihren Rat einzuholen, von ihrer Weisheit zu profitieren? Nun endlich, nach langen Verhandlungen, wird mir der Zutritt zum Akasha-Palast gewährt. Hier werden nicht nur ihre zeitlosen Werke sicher verwahrt, hier lebt ebenfalls ihre damalige Persönlichkeit in immerwährender Sicherheitsverwahrung fort. Nichts vergeht, auch nicht der Geist unserer Ahnen, die uns Rede und Antwort stehen, falls wir denn den Weg zu ihnen finden.
Man hat mich in den Korridor der Dichter gelassen – einen eigenen für Kurzprosatexter gibt es nicht – und wer sich von ihnen nicht nur auf Lyrik beschränkt hat, dessen Zelle öffnet sich schätzungsweise noch zu anderen Korridoren hin: Tragödien, epische Dichtung, Komödien, Chorlyrik, astrologische Deutungen …
Aber das ist nur eine Vermutung, keine Gewissheit. Die Wächter hier sind nicht sehr auskunftsfreudig. Jedenfalls scheint das Aufnahmekriterium für die Insassen der Kuss einer Muse zu sein. Hier also wohl der von Euterpe. Ich lese auf den Schildchen an den Türen Namen wie Milton, Dante, Bolo, Orpheus, Neidhart, Brant, Shiki, Bukowski, Vergil, Yeats, Tyrtaios, Tao Yuanming und viele, die ich noch nie gehört habe. Euterpe war fleißig. Oder war es Erato?
Wen soll ich hier befragen? Man lässt mir nicht viel Zeit. Ich darf einem der Dichter hinter den schweren Bohlentüren eine Frage stellen. Jahre, Jahrzehnte habe ich über diese eine Frage nachdenken können. Ich kenne sie in- und auswendig. Es ist die Frage, der Schlüssel zur Antwort hinter allen Antworten.
Der Wächter wirkt bereits ungeduldig. Aus der Zelle Bukowskis scheint ein Heulen zu dringen, aber vielleicht ist es auch der Wind der Zeit, der sich in diesen endlosen verschlungenen Korridoren gefangen hat. Mein Blick fällt auf den Namenszug Rumi. Ja! Er soll es sein! Er wird die Antwort wissen und sie mir gerne sagen. Innerlich jubiliere ich, als ich die kleine Holzplatte in der Tür zur Seite schiebe. Ja, wer könne mir besser Auskunft geben als der persische Meisterpoet und Visionär der mystischen Liebes- und Gottesekstase!
»Dschalaluddin?«, rufe ich ins Dunkel seiner Zelle. Undeutlich sehe ich dort einen Mann mit einer turbanumkränzten Derwischmütze, der sich mit ausgebreiteten Armen auf der Stelle dreht. Er strahlt, jenseits aller denkbaren Worte, eine unendliche Ruhe dabei aus, und gleichzeitig dringt mir eine unsägliche Freude, die in schimmernden Spiralen von ihm ausgeht, tief ins Herz.
Ich weiß nicht, ob ich einen Atemzug lang dort stand oder eine Ewigkeit verging. Die Hand des Wächters schiebt die kleine Holzpforte zu Rumis Zelle zu. Er geleitet mich zurück. Als ich endlich wieder im Freien stehe und der Wächter die Tore des Palasts hinter sich geschlossen hat, beginne ich mich zu drehen, langsam um meine Achse, mit ausgebreiteten Armen.
Ich betrete den Korridor aus verschiebbaren Plastikwänden. Die Forscher starten ihre Stoppuhr. Sie wollen testen, ob ich etwas weiß, was ich eigentlich nicht wissen kann: ob sich aus den Lernerfahrungen einzelner Individuen sogenannte morphische Felder bilden, auf die andere Individuen derselben Spezies Zugriff haben.
Ich für meinen Teil kenne den Weg durch diesen Irrgarten nicht. Aber vor mir sind unzählige andere Ratten so lange hindurchgeirrt, bis sie sich die kürzeste Route zum Futter merken konnten. Einige von ihnen sind inzwischen tot und seziert – sie begleiten mich unsichtbar mit ihren Kenntnissen, helfen ihrem unwissenden Genossen, geben mir Impulse ein, hier rechts, dort links zu laufen oder Abzweigungen zu ignorieren.
Am Ziel des Parcours lasse ich mir das Dosenfleisch schmecken, die Belohnung für mich, während die Forscher ihr Ergebnis in eine Tabelle eintragen.
Alle Lebewesen haben Ahnen, die ihnen helfen. Auch die Forscher. Nur dass diese, ähnlich wie sie ihre unbehaarten Körper mit Fellen und Stoffen vor Auskühlung bewahren müssen, auch alle Ahnungen von sich fernhalten. Wahrscheinlich hat sich ihr Gehirn zu dem Zweck so sehr aufgebläht, dass keiner dieser schwachen Impulse mehr ins empfindsame Innere dringen kann.
So gehen sie oft und immer wieder in die Irre, bevor sie, wenn sie viel Glück haben, ans Ziel ihrer Wünsche gelangen.
Ich betrete den Korridor, der zu einem der Tempel in der Pirámide del Adivino in Uxmal führt. Die Maya waren großartige Baumeister, aber letztlich wurde ihnen ihr Erfolg zum Verhängnis: Eine mehrjährige Dürre zwang ihre stark angewachsene Bevölkerung trotz ausgeklügelter Bewässerungssysteme in die Knie. Sie hinterließen prächtige Bauten und einen komplexen Kalender, der – so meinen manche – das Ende unserer Welt für den 21. Dezember 2012 vorhersagt.
Eigentlich bekomme ich Panikattacken in engen Fluren und Durchgängen, doch seit ich die Halbinsel Yucatán betreten habe, überfallen mich Erinnerungen an seltsame, langvergangene Ereignisse, kommen mir die Ruinen vor, als würde ich sie in ihrem ursprünglichen Zustand kennen – diese Innenräume hier erzeugen kein Unbehagen bei mir, sondern ziehen mich im Gegenteil wie magisch an.
Habe ich meine lästige Klaustrophobie verloren, die ich in einer Art Selbstbehandlung mit einem Blog zu bekämpfen versuche? Nein, ein Rest Panik ist noch da. Aber es zeichnet sich eine deutliche Besserung ab, und die Bestrebungen, meine Ängste zu meistern, scheinen schon erste Erfolge zu zeitigen. Ich gebe mir noch genau ein Jahr! Dann wird, beschließe ich spontan noch vor Ort im Tempelkorridor von Uxmal, die Welt enden – zumindest die meines kleinen Therapie-Blogs, das ich an genau diesem Tag rigoros löschen werde als Zeichen dafür, dass ich es jetzt mit den Korridoren in naturam aufnehmen kann, den leibhaftigen aus Stein, Metall, Holz und Glas. Während dann ein ganzes Universum echter Korridore auf mich wartet, wird eine Welt ausgedachter Korridore auf einen Schlag der Vernichtung anheimfallen. Als ob die Maya es vorhergeahnt hätten …
Ich betrete den Korridor. Es ist immer ein langer Aufstieg zum Elysium, auch an diesem Heiligabend 1930 A. D. Endlich komme ich oben an. Wie jedes Jahr erstatte ich dem Schöpfer Bericht.
Erwartungsvoll sieht er mich an: »Nun?« – »Sie haben deine Warnung missachtet, vom Baum der Erkenntnis gegessen und den Garten Eden verlassen.« – »Ich weiß, ich weiß. Fang nicht immer bei Adam und Eva an.« – »Sie führen grausame Kriege in deinem Namen, beuten in unverantwortlicher Weise die ihnen anvertraute Schöpfung aus und verhalten sich auf geradezu gotteslästerliche Weise kurzsichtig, engherzig und kleingeistig.« – »Du bist mir ein rechter Advocatus diaboli. Das alles ist mir schmerzlich bewusst.«
»Ich finde jedenfalls, sie haben Strafe verdient. Darf ich sie … ins Höllenfeuer werfen?«, frage ich lauernd und wische mir einen Speichelfaden aus dem Mundwinkel. »Nicht nötig. Das werden sie sich in wenigen Jahren wieder selbst bereiten.« – »Ein weiterer Weltkrieg? Hm. Darf ich dann wenigstens … ihren Geist noch mehr verwirren, auf dass sie nicht nur mit Dummheit, sondern mit Wahnsinn geschlagen sind?«, frage ich und versuche, dabei nicht allzu geifernd zu wirken. »Auch das werden sie selbst erledigen: Gerade eben haben sie das Fernsehen erfunden.«
»Das Fernsehen? Ach. Hm. Darf ich …? Wäre es möglich …? Mit meinem bösen Blick vielleicht …«, stottere ich, scharre nervös mit dem Pferdefuß und ärgere mich über mich selbst, dass es mir einfach nicht gelingen will, souveräner und überzeugender aufzutreten. »Du wirst sie einfach weiterhin beobachten, mein Lieber.« – »Aber wozu?« – »Weil du noch viel lernen musst.«
Ich betrete den Korridor zu meinem Schlafzimmer. Es ist immer dasselbe Ritual. Zuerst dunkle ich den Raum vollkommen ab, lasse dann sehr leise, nahe der Hörschwelle sozusagen, sanfte Ambient-Drones laufen, lege mich auf den Rücken, die Hände auf der Brust gefaltet, schließe die Augen und beobachte, wie mein Atem ruhiger wird, bis er fast nicht mehr spürbar ist. Die schimmernden Figuren, die über die Innenseite meiner Netzhaut wabern, werden zusehends farbiger, und plötzlich steht da eine Tür vor mir. Es ist immer dieselbe: dunkles, massives Holz mit Intarsien, abstrakten geometrischen Mustern, die einen perspektivischen Eindruck erzeugen. Ich drücke die blankgegriffene bronzene Klinke herunter und betrete erwartungsvoll ein neues Abenteuer.
Mal sehen, was die Kleinen Leute diesmal für mich vorgesehen haben. (Bloß nicht vorher einschlafen!)
Ich betrete den Korridor, schaudernd und voller böser Vorahnungen. Unzählige Korridore aus tausenden Alpträumen kulminieren wieder einmal zum ultimativen Schrecken für mich. Gleich werde ich, wenn die Nacht am dunkelsten und stillsten ist, schreiend und schweißnass erwachen, und meine Katze wird wieder einmal miauend Reißaus aus dem Bett nehmen. Ich werde bis zum Morgen wachliegen und dann wie jeden Freitag meiner Therapeutin von dem haarsträubenden Grauen berichten, das – in düsteren, gespenstischen Korridoren – in den sieben Nächten zuvor über die Weihnachtstage hinweg auf mich lauerte.
Sie wird mir wohl wieder raten, damit fortzufahren, kleine Storys darüber niederzuschreiben, um mich von meinen Alpträumen zu befreien. Meine Sorge, dass diese Geschichten die nächtlichen Schrecken überhaupt erst auslösen, teilt sie nicht.
»Ich betrete den Korridor«, wiederhole ich folgsam, wie es mir der Meister vorgesagt hat.
»Und nun sage mir«, fordert er mich auf, »was darin der ursprüngliche, unbewegte Beweger ist. Ist es das Ich, der Korridor, das Betreten, das Betreten-Werden oder vielleicht doch das Betreten-Sein?«
Ich bin verwirrt und schweige betreten. Der Meister lächelt zustimmend, und da trifft mich der Blitz der Erkenntnis.