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Das Titelbild zeigt ein rundes, kolosseumartiges Labyrinth mit farbigen Pfeilen, die in verschiedene Richtungen zeigen, jeder mit einem Buchstaben in einem farbigen Quadrat, mit einem Buch neben dem Eingang.

♫ The Trailblazer’s Red-Let­ter Day ♫


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»Ich betrete den Kor­ri­dor« kön­nen Sie heute als Besu­cher des Kor­ri­do­ri­ums mit Fug und Recht von sich behaup­ten: Dies­mal kom­men freund­li­che Hos­tes­sen auf Sie zu, um Sie zu einer der vie­len Türen zu gelei­ten, hin­ter denen Sie wei­tere Kor­ri­dore erwar­ten – und wei­tere Türen, aber die müs­sen Sie dann schon selbst auf­sto­ßen.

Mit Ihnen ist ein wei­te­rer Besu­cher her­ein­ge­kom­men. Er trägt einen Anzug, hält eine Akten­ta­sche in der Hand und wirkt etwas ver­wirrt. »Ich hab keine Ahnung, was ich hier soll!«, meint er zu Ihnen. »Was noch alles?« steht auf einem Ban­ner, unter dem an drei Steh­ti­schen die Hos­tes­sen war­ten. Schon küm­mert sich eine von ihnen um den Mann: »Ja, man kann sich hier auch gut ver­ir­ren. Wenn Sie gezielt vor­ge­hen möch­ten und nur wenig Zeit mit­brin­gen, soll­ten Sie durch diese schmale Tür hier vorne wei­ter­ge­hen.« Sie trägt die Auf­schrift »Vignette«, stel­len Sie fest. »Oder hier« – die freund­li­che junge Dame macht den Gast auf eine fast schon win­zige Tür mit der Auf­schrift »Frak­tum« auf­merk­sam – »für die ganz kurze Aufmerk­samkeits­spanne: Man­ches ist nicht län­ger als ein Tweet, kommt also mit 140 Zei­chen aus«, fährt sie fort.

»Mich inter­es­sie­ren Auf­stel­lun­gen«, sagt der Mann mit der Akten­ta­sche und rückt sich die Brille gerade.

»Dann ist mög­li­cher­weise dies hier die rich­tige Tür für Sie.« Der Mann betrach­tet stirn­run­zelnd die Auf­schrift »Lis­ten«. Sie scheint ihm zuzu­sa­gen, denn er zuckt kurz die Schul­tern, nickt der Dame kurz dan­kend zu und greift dann ent­schlos­sen zur Klinke.

Inzwi­schen ist eine der ande­ren Hos­tes­sen auf Sie auf­merk­sam gewor­den. »Was darf es für Sie sein?«, fragt sie lächelnd.

»Gibt’s hier auch Geschich­ten mit Hand­lung und Figu­ren, also so rich­tige Kurz­ge­schich­ten?«

»Oh ja«, ant­wor­tet die Hos­tess und zeigt zu einer Glas­tür mit der Auf­schrift »Story« und den dreien dahin­ter, »klas­sisch«, »Fan­tasy« und »SciFi«.

»Was ist mit klas­si­scher Fan­tasy?«, fra­gen Sie stirn­run­zelnd.

»Oh ja, das könnte man falsch ver­ste­hen, rich­tig«, meint die junge Dame. »Alle Kurz­ge­schich­ten ohne Magie und Futu­ris­ti­sches, ohne Brim­bo­rium und Fir­le­fanz sozu­sa­gen – dafür steht ›klas­sisch‹.«

Sie sagt noch etwas dazu, dass es nicht leicht gewe­sen sei, die tref­fen­den Schlag­wör­ter zu fin­den, aber Sie las­sen sich ablen­ken: Eine Besu­che­rin, die eigen­ar­ti­ger­weise einen geöff­ne­ten Regen­schirm mit dem bun­ten Auf­druck »(sich) regen bringt segen« trägt, fragt eine der Hos­tes­sen nach »spi­ri­tu­el­len Tex­ten«. Sie wird von ihr zu den Türen »Nous« und »Kōan« ver­wie­sen – hin­ter »Nous« ste­cke alles, was mit Bewusst­sein zu tun hat, und »Kōan« stehe im wei­tes­ten Sinne für öst­li­che Weis­hei­ten. »Und wie steht es mit, äh, Lie­bes­ge­schich­ten«, fragt die Frau noch leise, als sei es ihr ein wenig pein­lich. Auch dafür gibt es eine Tür wei­ter hin­ten im Kor­ri­dor. Sie trägt, wenig über­ra­schend, die Auf­schrift »Romanze«.

Bevor Sie sich wie­der Ihrer Hos­tess zuwen­den kön­nen, rollt auf einem Skate­board ein Junge in einem Hoo­die her­ein. Er wirft unter sei­ner Kapuze einen abschät­zi­gen Blick in den Kor­ri­dor. Schon ist eine Hos­tess bei ihm. »Cory?«, fragt er. Die Hos­tess schüt­telt lächelnd den Kopf: »Aber die Frage klärt sich womög­lich hin­ter die­ser Tür.« Sie zeigt auf eine Tür mit der Auf­schrift »Cory?« und fügt dann mit Fin­ger­zeig auf die Tür dane­ben, »Meta«, an: »Da könn­ten sich wei­tere Hin­weise auf­tun. Jeden­falls fin­den sich da alle Erklä­run­gen über das Kor­ri­do­rium selbst.«

Das bringt Sie auf eine Idee. Sie fra­gen die junge Dame, die sich hilf­reich zu Ihnen gesellt hat, nach Sto­rys über Par­al­lel­wel­ten – davon soll im Kor­ri­do­rium immer wie­der die Rede sein.

»Oh ja«, ant­wor­tet Ihre Hos­tess lächelnd, »auch dafür gibt es eine Tür. Fol­gen Sie mir bitte.« Die frag­li­che Tür mit der Auf­schrift »Plu­ri­Dim« befin­det sich am Kopf­ende des Kor­ri­dors. »Das steht, hat man mir gesagt, für ›Plu­ri­di­men­sio­na­les‹, also mehr­di­men­sio­nale Per­spek­ti­ven.«

Inter­es­siert lesen Sie die Auf­schrift auf der Tür seit­lich davon: »Parapher­na­lia«?

»Oh ja«, die junge Dame nickt, »da ist alles unter­ge­bracht, was sich allem ande­ren nicht zuord­nen ließ, selbst Kaf­ka­es­kem und Sur­rea­lis­ti­schem nicht.« Sie weist auf die Tür den »Parapher­na­lia« gleich gegen­über. »Kafka«, sagt sie, »ist ein­fach ›K.‹ – und wurde hier aus Platz­grün­den mit dem Sur­rea­lis­mus zusam­men­ge­legt.« Auf der Tür steht »K. / Dada«.

›Tu ich mir wohl bes­ser nicht an‹, den­ken Sie, ver­schlei­ern Ihre Gedan­ken aller­dings mit einem ver­bind­li­chen Lächeln. »Falls ich aber nun spe­zi­ell alles suche, was mit Laby­rin­then und dem Mino­tau­rus zu tun hat?«

»Oh ja«, meint die Hos­tess eif­rig, »hätte ich mir eigent­lich gleich den­ken kön­nen. Ich habe an den Hör­nern natür­lich sofort gese­hen, welch hohen Besuch wir hier heute haben.«

Sie schnau­ben ein wenig durch die Nüs­tern, weil man so was in der Art meist von Ihnen erwar­tet. Obwohl es eigent­lich freund­lich wir­ken sollte, tritt die Hos­tess vor­sichts­hal­ber einen Schritt zurück.

»Hier«, sagt die junge Dame ein wenig ein­ge­schüch­tert, »das wäre dann die Tür Ihrer Wahl.« Sie trägt die Auf­schrift »Mythos«.

»Das kann aber auch Lüge hei­ßen, wie in ›Ach, das ist doch bloß ein Mythos!‹ …«, mer­ken Sie kri­tisch an.

»Oh, ja«, sagt die Hos­tess und schluckt, »aber das ist hier natür­lich nicht in die­sem Sinne gebraucht.«

»Na, das will ich doch gemeint haben!«, erwi­dern Sie und öff­nen die Tür.