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Handan orðum

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»Ich betrete den Kor­ri­dor.« Wie­der­ho­len Sie das mal laut. Spre­chen Sie’s aus, set­zen Sie Ihre Zunge und Stimm­bän­der in Bewe­gung und arti­ku­lie­ren Sie es – und zwar nicht nur ein­mal, son­dern zwei, drei Dut­zend Male. Und wenn nötig hun­dert Mal. Was dann pas­siert? Nun: Was mit allem pas­siert, wenn man es häu­fig genug aus­spricht und zer­re­det – es wird zu einer blo­ßen Laut­folge ohne jeden Sinn.

Sie glau­ben wahr­schein­lich, Sie leben in einer Welt aus Din­gen. Ihrer per­sön­li­chen klei­nen Welt aus Din­gen viel­leicht, aber an der Sache mit den Din­gen wol­len Sie nicht rüt­teln. Dabei leben wir alle in einer Welt aus Wor­ten: einer Welt aus Wor­ten, mit denen wir die Welt erklä­ren. Und diese Wör­ter ver­stel­len uns die eigent­li­che Wirk­lich­keit, über­all ste­hen sie zwi­schen dem Erle­ben und uns. Wir erzäh­len uns selbst stän­dig Geschich­ten. Hören Sie sich nur mal zu. Jetzt zum Bei­spiel. Geschich­ten über das, was Sie tun (dies lesen), warum Sie es tun (grad nichts Bes­se­res zu tun), was Sie statt­des­sen tun soll­ten (end­lich die­sen läs­ti­gen Tele­fon­an­ruf machen), was Sie statt­des­sen viel lie­ber tun wür­den (…).

Stopp!, sagen Sie. Als ich letzt­hin nachts auf­ge­stan­den bin und mir im Dun­keln böse die Zehen am Bett­pfos­ten gesto­ßen habe: Da gab es keine Worte, da war nur die reine Erfah­rung.

Ach ja?

Wie lange hat es gedau­ert, bis Sie »Ver­flixt!« oder Ähn­li­ches geru­fen und so was wie »Hätte ich doch das ver­dammte Licht ange­macht!« gedacht haben? Worte. Mit denen Sie sich Ihre Geschichte erzäh­len.

Ein Wort ent­hält immer weni­ger Wirk­lich­keit als die Wirk­lich­keit selbst – wenn es »mehr« zu sein scheint, ist es ein­fach nur unschär­fer als die Wirk­lich­keit. Geht es ohne? Ja. Im Schlaf, im Traum. Denn ein nächt­li­cher Traum, an den Sie sich erin­nern, ist nur die Geschichte, die Sie sich im Nach­hin­ein dar­über erzäh­len. Im Traum wer­den Wör­ter oft ganz ande­res und oft auch gar nicht genutzt. Das macht die nächt­li­chen Fan­ta­sie­rei­sen so sur­real, so anders­ar­tig, so selt­sam. Das macht sie so schwer ver­mit­tel­bar und so leicht zu ver­ges­sen.

Lust auf ein Expe­ri­ment? Trauen Sie sich! Sagen Sie Ihren Namen, Ihren vol­len Namen, und wenn es einen Titel gibt, den gleich mit dazu. Spre­chen Sie ihn aus. Das sind Sie. Und wie­der. Und wie­der. Und wie­der, unent­wegt. Wie hart­nä­ckig wei­gern sich diese Wör­ter, zu zer­ge­hen, zu zer­fa­sern, zu zer­lau­fen? Spre­chen Sie Ihren Namen solange aus, bis die Wör­ter schließ­lich sämt­li­che Bedeu­tung ver­lie­ren. Der Name ist zer­re­det, zer­kaut und ver­schwun­den, aber etwas ist noch da. Das sind Sie? Ja: eine ganz neue Erfah­rung.

Machen Sie das mal mit Ihrem Gewichts­pro­blem oder dem ewi­gen Streit­thema, das bis spät nachts in Ihrem Kopf rotiert (Wör­ter, Wör­ter, Wör­ter …) und Sie am Ein­schla­fen hin­dert. Irgend­wann blei­ben nur noch sinn­lose Laut­fol­gen davon übrig, und das ist der Moment, in dem die wahre Wirk­lich­keit zwi­schen den Fet­zen der Wör­ter, die uns wie eine Wagen­burg umge­ben, durch­schim­mert. Viel­leicht kön­nen Sie sich ein wenig davon bewah­ren.

Ich will’s mal ein wenig poe­tisch sagen – Poe­sie hier ver­stan­den als Ver­such, mit Wor­ten ins Herz der Wirk­lich­keit zu zie­len, und nicht als Poe­sie­al­bum­spruch, der mit einer wei­te­ren Schicht der schö­nen Fas­sade von Wor­ten nur noch mehr Glanz ver­leiht: Las­sen Sie sich die Worte auf der Zunge buch­stäb­lich zer­ge­hen, seien Sie mal kom­plett sprach­los, und tre­ten Sie ein ins wort­lose Ein­ver­neh­men mit der Welt.