Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Hommage

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Das Titelbild zeigt das Porträt eines Mannes vor einer kargen, felsigen Marslandschaft mit einem großen Mond am Himmel. Oben rechts ist eine Art grünes Notausgangsschild eingeblendet. Im Sand liegt ein Schlüssel, dessen Anhänger die Nummer 27 trägt.

♫ Mare Chronium––Contemplating ♫


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Ich betrete den Korridor, das Tablett mit den zwei Mahlzeiten in der Hand. Es ist Coq au Vin und duftet köstlich.

Unser Gast möchte, dass ich um fünf Minuten nach Mitternacht serviere. Es ist ein netter älterer Herr mit grauen Bartstoppeln, der bereits alles im Voraus bezahlt hat. »K. K. Koriander« hat er auf den Meldezettel geschrieben und sich gleich mehrfach versichert, dass die Rezeption in unserem kleinen Landhotel auch wirklich rund um die Uhr besetzt und der Zimmerservice absolut pünktlich ist. Die nächtliche Rezeptionistin und der Zimmerservice, das bin ich, und es ist genau fünf nach Mitternacht. Ich klopfe an die Tür von Zimmer Nr. 27.

Die Tür öffnet sich: »Kommen Sie herein. Das riecht ja köstlich.« Herr Koriander ist nicht allein. Es sitzt ein junger Mann dort, vielleicht dreißig Jahre alt. Er trägt einen Anzug, und sein Haar ist ein wenig verstrubbelt.

Herr Koriander weist auf den Tisch. Ich stelle ihnen die Teller hin, lege Besteck und Servietten hinzu und gieße zwei Gläser stilles Tafelwasser ein. Der junge Mann lächelt mir zu. Mir ist etwas seltsam zumute. Wie ist er hier hereingekommen? Ich stand doch die ganze Zeit an der Rezeption. Oder kam er gerade in den Minuten, in denen ich in der Küche war und den Coq au vin holte?

»Bleiben Sie bitte«, meint Herr Koriander zu mir, »falls wir noch etwas benötigen sollten.« Ich nicke und trete neben das Bett. Sollte um diese Zeit unerwarteterweise jemand etwas von mir wollen, gibt es dafür einen Rufknopf an der Rezeption.

Die beiden Männer prosten sich mit dem Wasser zu, und während sich der junge Mann heißhungrig auf sein Hähnchen stürzt, stellt ihm der ältere Fragen. Sie unterhalten sich auf Englisch, und Herr Korianders Gast ist offenbar Amerikaner. Es geht, soweit ich das verstehe, um den Mars und irgendwelche Lebewesen dort.

»Tweerl?«, fragt Herr Koriander, oder zumindest klingt es so. Der junge Mann lacht und meint, Menschen können das nicht aussprechen, also er selbst auch nicht. Herr Koriander jedenfalls ist ganz interessiert an etwas, dass er nicht-menschliches Bewusstsein nennt. Es ist sehr seltsam, was die beiden da reden – der junge Mann, der immer wieder fertigkaut und schluckt, bevor er antwortet, und Herr Koriander, der überhaupt nicht isst, sondern sich in ein kleines Büchlein Notizen macht.

Sie reden über das Wesen mit dem unaussprechlichen Namen, als stünde es im Raum. Herr Koriander will wissen, wie es sich entwickeln konnte und was mit den anderen »Thots« ist. Ich bin ganz verwirrt, denn einerseits scheinen sie über eine Art Vogel zu reden – »beak« heißt doch »Schnabel«, oder? –, andererseits über einen ägyptischen Gott, der den alten Ägyptern das Schreiben und Lesen beigebracht haben soll.

Der junge Mann wirft den letzten abgenagten Knochen zurück auf den Teller und wischt sich die Hände an der Serviette.

»Ich hätte gerne noch über die Venus mit Ihnen gesprochen«, meint Herr Koriander bedauernd, »und die intelligenten Pflanzen dort.« Mir scheint ziemlich verschroben, über was die beiden sich da mitten in der Nacht unterhalten. Der junge Mann zuckt mit den Schultern. »Yummie«, sagt er und wischt sich über die Lippen, was wohl heißen soll, dass es ihm geschmeckt hat.

Herr Koriander wendet sich mir zu: »Wir sind dann fertig. Sie können abräumen.« Das tue ich. Das Wasser lasse ich ihnen stehen.

Eigenartig, denke ich, als ich mit unserem alterschwachen Aufzug nach unten fahre. »Tweerl« geht mir noch einmal durch den Kopf. Was immer es ist, es muss ein sehr eigenartiges Wesen sein, das ganz anders denkt als normale Menschen. Aber normale Menschen waren das ja nicht gerade, die beiden.

Kurze Zeit später tritt Herr Koriander zu mir an den Counter und gibt mir seinen Zimmerschlüssel. »Möchten Sie noch ausgehen?«, frage ich verwirrt, denn hier im Dorf liegt um diese Zeit alles im tiefen Schlaf. Doch Herr Koriander möchte auschecken. Er legt mir ein großzügiges Trinkgeld hin. Ich bedanke mich und blicke ihm verwundert hinterher. Es ist kurz nach eins in der Nacht.

Und erst dann fällt mir der junge Amerikaner ein. Aber irgendwie weiß ich schon, dass er nicht mehr im Hotel ist. Er wird auf die gleiche Weise verschwunden sein, wie er aufgetaucht ist.

Der Coq au vin, den Herr Koriander nicht angerührt hatte, schmeckt jedenfalls auch kalt noch überaus köstlich.

83/398

Das Titelbild zeigt das Porträt eines Mannes über einer kargen, felsigen Marslandschaft mit einem grünen Notausgangsschild in der oberen rechten Ecke. Im Marssand liegt ein Schlüssel mit der Nummer 27.

♫ Mare Chronium—Drifting ♫


83/398

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Ich betrete den Korridor und beeile mich, rechtzeitig zu Zimmer Nr. 27 zu gelangen. Herr Koriander, unser Gast, legt Wert darauf, dass ihm das Essen – wieder ist es Coq au vin, eine Spezialität unseres Hauses – pünktlich um fünf Minuten nach Mitternacht serviert wird. Heute hat Pascal, der Koch, ein wenig getrödelt, und ich muss es ausbaden. Doch Herr Koriander, der mir die Tür aufmacht, scheint nicht böse zu sein, dass ich mich ein wenig verspätet habe. Wieder ist er nicht allein. Es sitzt ein älterer Herr dort, mit erstem Gesicht und dichtem schwarzem Haar, der ein wenig steif und unsicher wirkt.

Ich serviere beiden ihre Mahlzeit und gieße jedem ein Glas stilles Tafelwasser ein, so, wie es Herr Koriander wünscht. »Bitte bleiben Sie doch«, bietet er mir an, und ich stelle mich neben das Bett in dem kleinen Gästezimmer, um jederzeit nachschenken zu können.

Der Gast von Herrn Koriander beäugt ein wenig kritisch das Hähnchen auf seinem Teller. »Man is no more than a little fleck of foam …«, sagt Herr Koriander, und als sein Gast fortfährt »… on the torrent of existence«, höre ich heraus, dass er Engländer ist. Er lächelt. Das Eis scheint gebrochen.

Der Engländer beginnt zu essen, und Herr Koriander stellt lauter Fragen und schreibt eifrig in seine Notizbuch. Mich scheinen die beiden vergessen haben, oder vielleicht denken sie auch, ich spreche kein Englisch. Ich verstehe aber genug, um mitzubekommen, dass die beiden kurz den Mars und seine Bewohner streifen, um dann überzugehen zur Venus, auf der Menschen leben, was mich sehr verwirrt. Herrn Koriander scheint es immer wieder um Dinge wie Intelligenz und Bewusstsein zu gehen, denn er stellt ständig Fragen danach und lässt sich von seinem Gast dessen Sicht auf diese Dinge erklären.

Plötzlich dreht sich der Engländer zu mir um. Er hat einen sehr wachen Blick, und ich glaube, ich werde ein wenig rot. Ohne seine tiefliegenden Augen von mir zu lassen, fragt er Herrn Koriander, ob sie hier im Hotel vielleicht ein Schwimmbad haben. Herr Koriander verneint. Auch ich schüttle den Kopf. Der Engländer senkt wieder den Blick und murmelt so etwas wie »too bad«.

Das intensive Gespräch der beiden geht weiter, und die Reise in eine ferne Zukunft setzt sich fort. Nicht nur von einer, von unserer Menschheit, ist die Rede, sondern von einer ganzen Reihe aufeinanderfolgender Menschheiten und sogar einer, in der sich die einzelnen Menschen telepathisch zusammenschließen zu einer Art Superintelligenz, wenn ich das richtig verstanden habe. In zwei Milliarden Jahren – kann es wirklich sein, dass die beiden über eine solche unvorstellbare Zeitspanne reden? Und das, wo doch unsere Welt noch in diesem Jahr enden soll?!

Der Engländer hat schließlich den Teller leergegessen, schüttelt aber den Kopf, als ihm Herr Koriander noch seine Portion anbietet, die er nicht angerührt hat. »Sie können abräumen«, meint dieser dann zu mir. Gerne hätte er sich, sagt er zu seinem Gast, als ich mit dem Tablett das Zimmer verlasse, noch über die Intelligenz und das Bewusstsein von Sternen und Galaxien unterhalten hätte. Mir schwirrt der Kopf. Ich starre oft staunend in den lichterübersäten nächtlichen Himmel. Dass aber die abertausend Leuchtpunkte über mir ein eigenes Bewusstsein, dass sie Intelligenz besitzen könnten, ist mir noch nie in den Sinn gekommen!

Pascal ist noch da und löchert mich, als ich ihm das Tablett in die Küche stelle. Eigentlich müsste ich ihm erklären, dass es zwei Verrückte sind – von denen der eine auf rätselhafte Weise aufgetaucht ist, denn ich habe den ganzen Abend die Rezeption nicht verlassen, außer einmal, als ich aufs Klo musste. Aber mir stehen noch ihre beiden Gesichter vor Augen und die Ernsthaftigkeit, mit denen sie sich über ihre verschrobenen Themen unterhalten haben. Deshalb sage ich Pascal nur, dass sich da oben in Zimmer 27 bei uns zwei Schriftsteller getroffen hätten.

»Schriftsteller, hm-hm«, sagt Pascal mit einem süffisanten Grinsen, »und nur Tafelwasser, sagst du?« Er möchte noch einen Wein mit mir aufmachen, aber ich schicke ihn nach Hause.

Kurze Zeit später steht Herr Koriander mit Hut und Mantel an der Rezeption und legt mir den Zimmerschlüssel und ein Trinkgeld hin. Fast hätte ich ihn gefragt, wer dieser Mann mit den intensiven Augen gewesen ist, aber da ich glaube, Herr Koriander hat unser kleines Landhotel deshalb ausgewählt, weil wir hier sehr diskret sind, halte ich dann doch den Mund.

Das Zimmer ist leer, das Bett unberührt. Wie es der Engländer geschafft hat, unbemerkt aus dem Hotel zu kommen, bleibt mir ein Rätsel. Aber vielleicht macht ja genau das einen guten Zimmerservice aus: sich einfach über nichts zu wundern.

110/398

Das Titelbild zeigt einen Game-over-Screen: eine pixelige Schrift mit dem Text »GAME OVER« in Rot, darüber eine Reihe von kleinen Totenkopf-Symbolen, darunter der Text »PLAY AGAIN« sowie die Auswahl »YES/NO« in gelber Pixel-Schrift auf grünem Hintergrund.

♫ Déjà vécu ♫


110/398

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Ich betrete den Korridor als Letzter von 110 und setze mich auf den Boden, um mein Leben aufzuschreiben und zu warten, bis die Zeit vergeht.

156/398

♫ Mare chronium––Focussing ♫


156/398

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Ich betrete den Korridor. Pascals Coq au vin duftet wieder einmal köstlich. Gerade verklingen die zwölf Schläge der Kirchturmuhr. Ich bin ein wenig früh dran und bleibe wartend vor Zimmer Nr. 27 stehen.

»Aber ich habe uns Essen bestellt!«, höre ich hinter der Tür die Stimme von Herrn Koriander, unserem Gast für diese Nacht. Etwas rumpelt. Die Antwort kann ich nicht verstehen. »Oh doch, das können Sie, ich bestehe darauf!«, meint Herr Koriander nachdrücklich. Wieder poltert etwas. »Warten Sie doch bitte wenigstens auf das Essen!«, fleht Herr Koriander. Ich beschließe, auch wenn ich vor Aufregung jetzt bestimmt rot werde, sofort zu servieren. Ich klopfe. Herr Koriander öffnet mir. »Sehen Sie?«, sagt er nach hinten gewandt.

Ein kleiner Mann steht auf dem Bett. Er hat eine Halbglatze und hinten nur wenige weiße Haare, trägt eine Brille und hat ein recht lustiges, rundes Gesicht mit abstehenden Ohren. Wie alt mag er sein? Sechzig Jahre, achtzig Jahre? Schwer zu sagen …

»Oh«, macht er und steigt vom Bett runter. Er inspiziert mein Tablett, und es scheint ihm zu gefallen, was er sieht. Ich serviere ihnen das Essen auf dem Tisch. »Nur Wasser?«, fragt er, als ich das Tafelwasser in zwei Gläser gieße. Er hat einen leichten Akzent, den ich nicht ganz einordnen kann.

»Natürlich«, sagt Herr Koriander. Dann öffnet er sein Notizbuch und fängt, während sein Gast anfängt, das Hähnchen zu zerlegen und es kräftig zu pfeffern, mit seinen Fragen an. Ich trete ein paar Schritte zurück neben das Bett und halte mich bereit, um Wasser nachzuschenken.

Zu Anfang geht es – ich hätte es mir fast denken können – um den Mars. Da sie Deutsch reden, verstehe ich diesmal alles. Und doch kapiere ich so gut wie nichts. »Arlanthropos« scheint der Name für einen Marsmenschen zu sein, der jedoch nur ein Stückchen Gehirn in einer großen Maschine aus Metall ist und keine menschlichen Interessen teilt. Korianders Gast jedoch scheint nicht darüber reden zu wollen und brummt immer wieder missmutig. Er scheint dem Akzent nach irgendwo aus dem Osten zu kommen, Russland vielleicht oder Rumänien. Ich bin mir nicht sicher.

»Wohin ist Golem der Vierzehnte verschwunden?«, möchte Herr Koriander nun wissen, aber sein Gast belehrt ihn, dass es so nicht geht und auf ganz andere Dinge ankomme, auch gerade angesichts der kurzen Zeit.

Herr Koriander scheint ein wenig pikiert. Er presst die Lippen zusammen und schlägt sein Notizbuch zu. Sein Gast lächelt, nimmt es ihm aus der Hand, sieht hinein und sagt »Pirx«. Doch Herr Koriander schüttelt den Kopf. Es gehe ihm um Evolution und um Bewusstsein.

Sein Gast lächelt spitzbübisch und fragt: »In einem kleinen schwarzen Kasten?« Herr Koriander beißt auf seine Lippen und sagt dann: »Trurl«. »Klapauzius«, sagt sein Gast. So verrückt geht das Gespräch der beiden weiter. Irgendwie bekomme ich mit, dass sich der Besucher offenbar eher als andere Gedanken um Künstliche Intelligenz und Nanotechnologie gemacht hat. Eine Zeitlang geht es zwischen den beiden um etwas, das sie »Phantomatik« nennen, dann um eine gewisse bakterielle »Eruntik«. Sie hätten aber auch Altägyptisch reden können, da hätte ich wohl genauso viel verstanden.

Schließlich ist es Zeit, abzuräumen. Herr Koriander scheint ein wenig verzweifelt, als er in seinem Notizbuch die Liste seiner noch gar nicht gestellten Fragen studiert. Sein Gast lacht, und ich höre sein Lachen noch, als ich vor dem Aufzug stehe und die Kirchturmuhr eins schlägt.

165/398

♫ Silfurstóllinn ♫


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Ich betrete den Korridor erstaunt und ein wenig angegruselt. Wie kann es sein, dass ich nach all den Jahren einen Gang entdecke, der von meinem Schlafzimmer wegführt? Aber ich habe ja auch noch nie gegen die hintere Wand meines Kleiderschranks gedrückt. Jetzt komme ich jedenfalls in Räume, die mir vorher gänzlich unbekannt waren und von denen ich nicht einmal wusste, dass ich nichts von ihnen wusste.

Ich beschließe, mich besser für diese Expedition auszurüsten, statt im Schlafanzug und ohne jegliches Equipment loszuziehen. Ich kehre um, lege mich erst einmal ins Bett, um auch ja gut ausgeschlafen zu sein, und als am Morgen der Wecker piepst, habe ich nur undeutliche Erinnerungen an »irgendwas mit meinem Kleiderschrank und einer Gaslaterne im Wald«, das ich bald darauf vergessen habe.

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Voyage en car avec Quenau

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Ich betrete den Korridor zwischen den überfüllten Sitzreihen des Busses und werde mich bis nach hinten zur Plattform vorarbeiten. Dort werde ich einen jungen Nerd beobachten, der sich bei einem Fahrgast über Ellenbogenstöße beschwert, und mich köstlich darüber amüsieren, wie der Typ plötzlich Angst vor der eigenen Courage kriegt und sich auf einen freigewordenen Platz verzieht. Ich werde mich kurz darüber lustig machen, dass der dünnhalsige Geek es wohl cool findet, über den Nike-Haken auf seinem Käppi eine Aids-Schlaufe gepinnt zu haben, und zwar kopfüber, mich dann aber anderen Gedanken zuwenden und vielleicht sogar – im Stehen und mit einer Hand in der Halteschlaufe über mir – einen Blick in meine derzeitige Arbeitsweg-Lektüre zu werfen, Exercices de Style – manierierte belletristische Etüden, vermute ich und werde ich bestätigt finden.

Später werde ich den Freak wiedergesehen haben, wie er sich von einem Kollegen den Finger auf die Brust legen und maßregeln ließ. Aber da das alles nicht wirklich erwähnens- oder auch nur erlebenswert ist, werde ich den Bus heute vorbeifahren lassen und mich der Abwechslung halber mal zu Fuß auf den Weg in die rue Sébastien-Bottin 5 gemacht haben.

 

222/398

Mare chronium–Ruminating

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Ich betrete den Korridor, sobald sich die Aufzugtür öffnet, stelle aber bei einem prüfenden Blick auf mein Tablett fest, dass ich zu den zwei Tellern, auf denen Pascal seinen berühmten Coq au vin angerichtet hat, die Pfeffermühle vergessen habe. Nun will ich allerdings unbedingt pünktlich sein und um fünf Minuten nach Mitternacht ans Zimmer 27 klopfen, in dem Herr Koriander auf mich wartet. Er selbst isst nie auch nur einen Bissen, und vielleicht will sein Gast ja keinen Pfeffer.

Ich klopfe, und Herr Koriander öffnet mir lächelnd. Tatsächlich: Er hat wieder einen Gast auf dem Zimmer, der sich irgendwie an mir vorbeigeschmuggelt haben muss. Er sieht in seinem schwarzen Anzug über weißem Hemd mit dunkler Krawatte sehr distinguiert aus, ist vielleicht fünfzig Jahre alt und trägt eine Hornbrille mit dunklem Rand. Ich serviere die zwei bestellten Mahlzeiten.

Herr Koriander greift zu seinem Bleistift und schlägt sein Notizbüchlein auf. Er spricht Englisch, und wie ich schon fast erwartet habe, geht es um den Mars. Und um Marsianer. Und weitere verrückte Dinge, von denen mir der Kopf zu schwirren beginnt, während ich mich wie gewohnt neben das Bett zurückziehe und abwarte, ob ich noch gebraucht werde.

Herr Korianders Gast lässt sich das Hähnchen schmecken und scheut nicht davor zurück, seine Finger dabei einzusetzen. Zusätzlicher Pfeffer scheint ihm nicht zu fehlen. Herr Koriander möchte gerne über die Marsianer reden, genauer über – falls ich das richtig in Erinnerung habe – die »1387229ste Östliche Untergeordnete Inkarnation eines Lohan«. »Ein Lohan ist ein Arhat«, meint sein Gast zwischen zwei Bissen, und mit seinem freundlichen, fast schon bubenhaften Lächeln sieht er schon gar nicht mehr so distinguiert aus. Er scheint Amerikaner zu sein.

Während ich mich noch frage, was ein »Lohan« oder »Arhat« sein könnte, reden die beiden bereits im Zusammenhang mit einer Zeitspanne von 16000 Jahren über etwas, dass Herr Koriander »Instrumentalität« nennt. Die beiden treten in einen schnellen Schlagabtausch, was dem Amerikaner Spaß zu machen scheint. Irgendwie gelingt es ihm, zwischen seinen Ausführungen auch immer wieder einen Bissen vom Coq au vin zu essen, während es Herr Koriander bei gelegentlichen Schlucken von seinem Glas Tafelwasser belässt.

Ich verstehe kein Wort. Irgendwie scheint es wieder um fremde Intelligenzen und nichtmenschliches Bewusstsein zu gehen. Ich kann mir nur wenige Passagen und Ausdrücke merken. So möchte Herr Koriander etwas über die »Douglas-Ouyang-Planeten« erfahren, und plötzlich geht es um die Musik, die diese Planeten zu machen scheinen, eine »Kongo-Helium-Musik« – sehr seltsam. Der Amerikaner baut immer wieder deutsche Ausdrücke in seine Erläuterungen ein, und ich habe den Eindruck, dass er ein wenig Deutsch spricht. So geht es um einen »Bezirk« in einem »Gebiet«, das siebenundfünfzig Jahrhunderte lang abgeriegelt war und in dem sich ein alter, verlassener Computer findet.

Das klingt alles wie absurde Science-Fiction für mich, und gleichzeitig scheinen sich die beiden darüber zu unterhalten, als ob es alte Märchen und Legenden sind, die aus Zeitaltern stammen, die Space2 und Space3 heißen und von rätselhaften Figuren handeln wie Lady Celalta, Mr. Gray-no-more, den Goonhogo, die die Venus kolonialisiert haben, und einem Katzenmädchen namens C’mell.

Schließlich sind von dem Hähnchen nur noch die Knochen übrig. »Time flies«, meint der Amerikaner und wischt sich die fettigen Finger ab. »Wie wird sie enden, die Geschichte?«, fragt Herr Koriander, während er mit einem leicht traurigen Gesichtsausdruck sein Notizbuch zuschlägt, auf Deutsch. »It never ends«, antwortet ihm sein Gast.

Herr Koriander bedeutet mir, dass ich abräumen kann. »Vielen Dank, meine Empfehlungen an den Koch«, sagt der Amerikaner in fast fehlerfreiem Deutsch zu mir. »Sie sind sehr hübsch. Ein wenig mollig vielleicht, aber sehr hübsch.« Damit grinst er übers ganze Gesicht. Ich werde knallrot und verlasse schnell das Zimmer.

Es kommt, wie ich es bereits erwartet habe: Herr Koriander checkt wenig später aus, nicht ohne mir ein schönes Trinkgeld hinzulegen, und sein Gast scheint aus dem Fenster gesprungen zu sein oder sonst einen Weg gefunden zu haben, sich an der Rezeption vorbeizumogeln.

Diesmal traue ich mich, Herrn Koriander zur Tür zu begleiten und eine Frage zu stellen: »Werden Sie uns bald wieder beehren?« Er wendet sich zu mir um, und er wirkt sehr müde. Dabei könnte er sich bei uns doch so richtig schön ausschlafen!

»Das wäre schön, ja«, sagt er nachdenklich, »aber …« Einen Moment lang sieht er ganz gedankenverloren aus. Doch dann stellen sich seine Augen wieder scharf, und er meint zu mir: »Ich werde dann gegebenenfalls von mir hören lassen.«

Ich hätte noch so viele Fragen. Aber es gehört sich nicht, die Gäste auszufragen. Also lasse ich ihn gehen. Ich stehe noch in der Tür, als er auf unserem kleinen Parkplatz seinen Wagen anlässt, das Licht einschaltet und davonfährt.

Obwohl es eine laue Nacht ist, fröstle ich ein bisschen. Und wenn ich mir das nächste Mal auch Notizen mache? Nein, das wäre wohl ein Affront. Was sollte ich auch damit anfangen? Die Dinge googeln, die ich aufschnappe, wie mir Pascal geraten hat? Es ist doch viel schöner, wenn sie mir ein Rätsel bleiben und es mir vorkommt, als hätte ich eine knappe Stunde lang einen kurzen Blick in eine sehr fremde und sehr bizarre Welt tun können, in der ein paar liebenswerte Verrückte sich über die »1387229ste Östliche Untergeordnete Inkarnation eines Lohan« unterhalten, als sei es ein alter Freund, mit dem sie erst gestern noch telefoniert haben.

 

239/398

Nexus secretus

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Ich betrete den Korridor, der mich in die Kapelle der heiligen Spiegel führt, wo ich wie im Zeitraffer die Evolution aus der Materie in den Geist und weiter ins Spirituelle durchlebe, in tiefem heiligen Ernst hinter die Kulissen des Seins schauen kann, das energetische Netz erkenne, das alles verbindet – von der Geburt über den Tod ins Bardo und zurück zum höchsten Potenzial in einen schier endlosen Tunnel mit Wänden aus unzähligen Augen, dem Weg ins unbegrenzte Gewahrsein und ins Licht.

 

267/398

Les joies les plus chaudes

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Ich betrete den Korridor-Planeten. Zuerst sieht es ganz so aus, als sei er unbewohnt. Eine Treppe führt ins Innere, und dann beginnen die Korridore. Hinter den Türen in den Korridoren, die ich neugierig öffne, beginnen neue Korridore, und hinter ihren Türen weitere. Alle sehen gleich aus. Nach kurzer Zeit habe ich mich verirrt. Zum Glück ist es hier nicht dunkel. Jemand hat in die Korridore eine lange grüne Schnur mit kleinen elektrischen Kerzen gelegt, die rhythmisch blinken. Ich folge der Schnur, denn entweder muss sie irgendwo enden oder ich finde ihren Anfang.

Dann wird es sehr laut. Ein Korridor, den ich betrete, ist noch unfertig. Seine Wände sind nackter Fels, und es steht ein Mann da mit einem Pressluftbohrer, der den Stein bearbeitet und den Korridor weiter hinein in den Planeten treibt.

»Hallo«, rufe ich, aber der Mann hat einen Gehörschutz auf und bemerkt mich nicht. Ich tippe ihn an. Er erschreckt und dreht sich um. Endlich stellt er den lärmenden Presslufthammer aus, so dass wir uns unterhalten können.

»Wer bist du denn? Wo kommst du her?«

»Was machst du da?«, frage ich ihn. Er ist jung und voller Staub.

»Ich baue ein Labyrinth aus Gängen und Türen. Aber was machst denn du hier?«

»Ich sehe ja«, sage ich sanft, »dass du deinen Planeten aushöhlst und lauter Korridore hineinbaust. Aber warum tust du das?«

Der Mann lehnt sich an die Steinwand. Er wirkt erschöpft. »Das ist nicht ganz leicht zu erklären«, sagt er.

»Dann erklär es mir einfach«, sage ich.

Er zieht sich die Bauarbeiterhandschuhe aus und betrachtet eine Zeitlang seine Hände.

»Ich liebe Überraschungen«, sagt er schließlich. »Weißt du, kleiner Mann, auf meinem Planeten konnte mich einfach nichts mehr überraschen. Ich kannte schon alles.«

»Aber die Sonnenuntergänge!«, wende ich ein. »Außerdem kann immer ein Samenkorn herwehen, und es wächst eine Blume, wie du sie noch nie vorher gesehen hast. Hast du Vulkane hier?«

Der Mann schüttelt den Kopf. Schade, denke ich, denn auch wenn ein Vulkan erloschen ist: Man kann nie wissen.

»Jedenfalls baue ich dieses Labyrinth, weil ich mich dann hier drin verirren kann und nicht mehr weiß, wo ich bin. Deshalb sieht hier alles gleich aus. Sag mal, wie hast du mich eigentlich gefunden?«

Ein wenig erinnert mich der Mann an den Laternenwächter: jemand mit einer Mission. Könnte er ein Freund für mich werden?

»Willst du denn gerne verloren gehen?«, frage ich.

Er nickt. »Hinter jeder Tür könnte mich etwas Überraschendes erwarten, weißt du?«

»Aber es sehen doch alle Korridore gleich aus. Und hinter jeder Tür beginnt ein neuer. Das ist doch nichts Überraschendes.«

Der Mann runzelt die Stirn. Hat er darüber noch nie nachgedacht? »Doch. Es könnte ja mal der Ausgang sein. Oder das Ende der Korridore. Und außerdem könnte ich ja auch noch etwas in die Korridore hineinstellen, das mich dann später überrascht, wenn ich zufällig darauf stoße.«

»Das verstehe ich nicht«, sage ich verwundert. »Wenn du etwas hineinstellst, überrascht es dich doch nicht wirklich, wenn du es dann später hinter einer Tür findest.«

»Doch«, sagt der Mann, »wenn ich es nämlich vergessen habe.«

»Also willst du dich nicht nur in den Korridoren verirren, sondern auch noch vergessen, was in ihnen zu finden ist?«

Der Mann lächelt erfreut. »Genau.«

Ich kenne noch so einen, der vergessen will. Und ich weiß nicht, welcher von beiden verrückter ist. Seltsame Leute, die großen Leute.

»Ich möchte gerne weiterreisen. Weißt du, wo der Ausgang ist?«

Der Mann nickt langsam und unwillig. »Ja, leider. Ich wünschte, ich hätte es vergessen. Komm mit, ich bring dich hin.«

Und so gehen wir durch die Korridore des Mannes, und alle sehen genau gleich aus, aber der Mann weiß, welche Türen er öffnen muss und wo es langgeht.

»Was hat dich eigentlich zuletzt überrascht?«, frage ich. Der Mann bleibt stehen und sieht zu mir runter.

»Na, du natürlich. Als du eben unerwartet aufgetaucht bist.«

»Und dazu musstest du gar keine Tür aufmachen.«

»Das stimmt«, sagt der Mann, »du bist einfach so aufgetaucht.«

»Und jetzt gehe ich wieder.« Wir erreichen nämlich gerade die Treppe, und darüber funkeln die Sterne.

»Gute Reise«, wünscht mir der Mann.

»Komm doch mit«, sage ich, »ich habe auf meiner Reise schon viele Überraschungen erlebt.«

Der Mann sieht traurig aus und jetzt auch viel älter, als ich anfangs gedacht habe. Er schüttelt den Kopf. »Ich muss mich wieder an die Arbeit machen.«

Und damit betritt er den Korridor mit den blinkenden Lämpchen und ist bald darauf im Inneren seiner Welt verschwunden.

270/398

Hen Party

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Ich betrete den Korridor zu unserem Stall und blicke gleich voller Misstrauen nach oben. Auch wenn ich nur ein kleines dummes rotes Huhn bin: Eines weiß ich. Es ist wichtig, zu überprüfen, ob das Dach noch intakt ist. Seit Stück für Stück der Himmel einstürzt und immer wieder mit schrecklichem Getöse kristallisierte Wolken und eisblaue Stücke des Firmaments herunterfallen, sollte man keine Räume mehr betreten, deren Decke dem Bombardement nicht gewachsen ist.

Moral: James Thurber wär nicht im Geringsten verwirrt, wenn’s klirrt.