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Das Titelbild zeigt einen verstellbaren Operationstisch mit einem Karton darauf, umgeben von auf dem Boden platzierten chirurgischen Instrumenten und einem OP-Licht darüber.

♫ Joy­rite ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor und schalte mit geüb­tem Griff die kleine Video­ka­mera an, die ich mir ans Stirn­band geklemmt habe. Natür­lich fange ich auch gleich mit dem Kom­men­tie­ren an – Plap­pern gehört schließ­lich zum Hand­werk. Ich öffne die Woh­nungs­tür, und der Paket­bote – ein neuer, nicht der von sonst – beäugt gleich miss­trau­isch die Kamera. Ihn irri­tiert, dass ich fröh­lich mit mir selbst zu reden scheine. Soll er den­ken, ich tele­fo­niere gerade per Head­set mit einer Freun­din. Was will ich dem Mann auch erklä­ren? Dass ich gerade ein Strip­tease-Video mache? Meine Spe­zia­li­tät sind näm­lich: unge­schnit­tene Unboxing-Videos. Sie begin­nen mit der Lie­fe­rung des Pakets – ich kritzle gerade meine Unter­schrift auf das klo­bige Paket­dienst-Touch­pad mit dem grauen Dis­play, das immer zu klein zu sein scheint für meine Unter­schrift. Und dabei nehme ich nur einen von mei­nen drei Vor­na­men.

Die Tür fällt ins Schloss. Ich trage das Paket, wäh­rend ich es von allen Sei­ten begut­achte und diese Unter­su­chung wort­reich kom­men­tiere, durch den Kor­ri­dor in mein »Peep­show-Zim­mer«. Nichts soll meine Viewer von der Ent­hül­lung ablen­ken, die sie jetzt erwar­tet! Dafür habe ich schon vor län­ge­rer Zeit mein Bett ins Wohn­zim­mer geschafft und das Schlaf­zim­mer leer­ge­räumt bis auf mei­nen gro­ßen »OP-Tisch«. Hier stelle ich das Paket ab. Seit­lich liegt bereits mein Werk­zeug parat: eine Schere und ein Paket­mes­ser.

Nun wird seziert. Wenn es auf dem Paket einen Auf­druck gibt oder ein Fir­men­logo, rücke ich natür­lich erst das ins Licht, bevor ich das Objekt der Begierde Schicht für Schicht sei­ner Hül­len ent­le­dige und zum Inhalt vor­dringe. Wich­tig dabei: immer schön wei­ter­re­den, um die Zuschauer bei der Stange zu hal­ten.

Schließ­lich liegt es ent­blößt und ver­füh­re­risch glän­zend vor mir, ein ange­sag­tes Life­style-Pro­dukt, irgend­et­was aus der Kate­go­rie brand­neu + geil designt + Early-Adop­ter-Appeal – ob nun Smart­phone, Blu-ray-Player oder Navi. Das erwar­ten die Abon­nen­ten mei­nes Video­ka­nals so, das bin ich ihnen schul­dig, und genau das bekom­men sie auch, unge­schnit­ten und mit Voice-Over-Kom­men­tar. Den kom­plet­ten Lie­fer­um­fang, jedes Ein­zel­teil bis hin zu den Bat­te­rien, wenn es wel­che gibt, befreie ich aus sei­ner Ver­pa­ckung, hole ich ans Licht, prä­sen­tiere ich von allen Sei­ten und gebe mei­nen Senf dazu. Ist das Teil sexy designt, passt es zum moder­nen Life­style, liegt es gut in der Hand, muss man es unbe­dingt besit­zen? Genau die­sen Appeal müs­sen irgend­wie auch meine Videos haben. In der Ent­hül­lung und Begut­ach­tung brand­neuer Must-Haves scheint für einige eine gewisse Ero­tik zu lie­gen. Die Vie­w­ing-Zah­len spre­chen da ihre eigene Spra­che.

Aus den Kom­men­ta­ren zu mei­nen Videos weiß ich, dass es für viele ein­fach das Größte ist: Mit dem Klin­geln des Paket­diensts mate­ria­li­siert sich die Inter­net-Bestel­lung an der eige­nen Haus­tür. Und wenn’s zu den hip­pen neuen Tei­len nicht reicht, weil das Konto schon auf Anschlag über­zo­gen ist, kom­men meine Unboxing-Videos gerade recht als Ersatz­be­frie­di­gung – oder natür­lich, um sich zum nächs­ten Kauf inspi­rie­ren zu las­sen.

Anders kann ich mir die vie­len Abon­nen­ten und begeis­ter­ten Kom­men­tare nicht erklä­ren. Unter letz­te­ren gibt es natür­lich, wie immer im Inter­net, jede Menge Schwach­sinn. Wie die stän­dige Frage, was ich mit all den Gad­gets und Gerä­ten eigent­lich anfange.

Lei­der kann ich mir die Con­su­mer­elek­tro­nik und Desi­gner-High­tech, die hier zwei‑, drei­mal pro Woche ein­trifft und deren Ent­blö­ßung ich zele­briere, selbst nicht leis­ten. Aber dafür gibt’s ja das Wider­rufs- und Rück­ga­be­recht bei Online-Bestel­lun­gen: Ich ver­staue, wenn ich die Video­ka­mera aus­ge­schal­tet habe, alles fein­säu­ber­lich wie­der im Paket, ver­klebe es mit dem brau­nen Kle­be­band, das unter dem Tisch dafür bereit­liegt, und schi­cke das Gerät – ohne es je in Betrieb genom­men zu haben und damit völ­lig ohne Gebrauchs­spu­ren – gleich am nächs­ten Tag dem Händ­ler zurück. Das Video ist da natür­lich längst online.