Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Satire

29/398

Das Titelbild zeigt bunte, architektonisch geformte Buchstaben und Wörter, die eine komplexe, bogenförmige Struktur mit einem dunklen Tunnel in der Mitte auf sandigem Untergrund bilden. Ein digitaler Button mit dem Piktogramm eines KI-Chips und Geschäftsgrafiken sitzt in der oberen linken Ecke.

♫ GameLAN-Party ♫


29/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Korridor, der meinem Kurzprosa-Blog zu einem hohen Google-Ranking verhelfen soll, mitten hinein in einen Search-Engine-optimierten oder kurz SEO-Text, der nicht so sehr bei seinen Lesern, sondern vordringlich beim Bewertungsalgorithmus der Google-Suche nach den entscheidenen Schlagwörtern, hier »Korridor« und »Kurzprosa«, den Anschein erwecken soll, es handle sich um einen Info-Text, welcher aber in Wahrheit nur dazu dient, die suchrelevanten Keywords (wie z. B. die Wörter Kurzprosa und Korridor) in seinem Verlauf möglichst unauffällig ständig zu wiederholen und zu variieren, um Google und seinem geheimnisumrankten Rankingalgorithmus nahezulegen, dass es sich um einen wichtigen Beitrag zu dem entsprechenden Themenkomplex (etwa Korridor-Kurzprosa oder auch Kurzprosakorridore) handelt, worauf er dann mit einem hohen PageRank auf Googles Ergebnisseite ganz weit oben gelistet wird. Dabei sollte man keinesfalls in einen verkürzten Korridor– oder Tunnelblick verfallen: Aufmerksamkeitsheischende Websites dürfen es dabei mit dem Keyword-Korridor im Text nicht übertreiben und schon gar nicht mehr die zentralen Begriffe (also beispielsweise »Kurzprosa Kürzestprosa Ultrakurzprosa«) in weißer Schrift auf weißem Grund im unteren Bereich der Webpage unzählige Male wiederholen – was nicht einmal mehr Werbelyrik oder -prosa zu nennen wäre, sondern einfach nur zu kurz gedacht ist, denn dies führt inzwischen längst zu einer Abwertung und einer Abschiebung auf die unteren und nur selten beachteten Plätze im Ergebniskorridor der Google-Suche.

Kurz: »Prosa« dieser Art ist kontraproduktiv und spielt kurzerhand der Konkurrenz in die Hände. Anders gesagt: Der Korridor ist lang, die Prosa kurz. Oder noch prosaischer ausgedrückt: Hier werden Sie fündig und können endlich Ihrer Bestimmung folgen (von der Sie vermutlich noch gar nichts ahnten) und – das Kurzprosa-Korridorium betreten.

103/398

Das Titelbild zeigt eine Nahaufnahme einer farbenfrohen, grotesken Drachen-Maske mit scharfen Zähnen und Schlangenmotiven vor dem gotischen Kölner Dom. Rechts oben zeigt ein digitaler Button das Piktogramm einer Menschenmenge, der Naschwerk zugeworfen wird.

♫ Kamelle! ♫


103/398

LogoSwitch language

Ich betrodde dä Korridor hinger dä Böhne von dä Schtunksitzung. De Funkenmarieche sin fort, dat letzte Schtrüßje jeworfe, dä letzte Tusch ess verhallt, all de Schabauleichen opgesammelt un an dä Jodderob avgegevve.

De Jecke hann ens widder su rääch vom Ledder jezoge: dä kölsche Klüngel, de Euromisere, dat Börsendebakel, de Klimakatastroph, sämtliche Nahost- un Fernostkrise op enmal, de Millione von hungerndä Pänzn en dä Welt …

Nä, wat hann mer jelaach!

150/398

Das Titelbild zeigt eine Cartoon-Zeichnung eines Mannes, der in einem Badezimmer auf einer Toilette sitzt und einen orangefarbenen Bademantel trägt. Er blickt auf einen großen Kugelfisch mit einer Krone auf dem Kopf. Aus dem Fisch kommt eine Sprechblase mit einem wirren Text über "the mysteres op the worldry".

♫ Blowfish ♫


150/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Korridor. Zwar habe ich gerade die Snooze-Taste meines Weckers betätigt, aber leider drückt mir die Blase. Auf dem Klo fällt mir ein, dass ich heute Nacht einen Traum hatte, der einer Offenbarung glich. Ein Mann in einer orangen Robe und mit einer Art Mitra auf dem Kopf flüsterte mir einen Satz ins Ohr, eine Sentenz, die mir die Augen öffnete über den Zustand unserer Welt, über alle Probleme, an denen wir derzeit herumlaborieren, und über die ungeheure Chance, die sich uns gerade jetzt bieten würde – wenn wir nicht zu betriebsblind wären, sie zu erkennen. Es waren vier Wörter, das weiß ich noch, und sie waren gereimt: vier Wörter von einer unvergleichlichen Sprengkraft, eine Sentenz, die eine neue Ära der Menschheitsgeschichte, eine neue Kulturstufe einläuten würde.

Es ging um die Extreme möglicher menschlicher Lebensentwürfe, das weiß ich noch, und um die gesamte Spannweite menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten in der Welt.

Zum Glück – fällt mir zu meiner Erleichterung ein – war ich so geistesgegenwärtig, mir die vier epochalen Worte bei einem kurzen Erwachen heute Nacht zu notieren, da ich schon ahnte, sie bis zum Morgen wieder vergessen zu haben.

Voller Spannung eile ich zurück ins Schlafzimmer und finde den Zettel auf dem Boden neben dem Bett, und in Großbuchstaben stehen sie da, die vier revolutionären Wörter, Hermes Trismegistos’ »Wie oben so unten«, Nietzsches »Gott ist tot« oder Martin Luther Kings »I have a dream« mindestens ebenbürtig.

Aber wie das so ist im Traum. Ich hätte es mir denken können. Wir sind da nicht ganz auf der Höhe, sondern besitzen oft ein kindliches und naives Gemüt, das sich für Dinge begeistert, die uns im Wachen nicht einmal ein müdes Lächeln abringen würden.

Ich muss Sie also enttäuschen.

Die Sentenz ist nicht gereimt.

Ansonsten … Na, lesen Sie selbst, ob das diese gewaltige Erkenntniskraft birgt, die ich darin gespürt hatte, ob es das begriffliche Juwel ist, das unsere Zeit beschreibt, analysiert, kritisiert und gleichzeitig einen praktikablen Lösungsvorschlag für den ganzen Unbill beinhaltet, den wir im Laufe unserer Geschichte heraufbeschworen haben, und das in diesen nur vier Wörtern: »Papst piepst, Plebs pupst.«

161/398

♫ Booster Doze ♫


161/398

LogoSwitch language

Ich betrete das Korridor. Das Hotel heißt mich in ausgezeichneter Lage oberhalb der Ortschaft Knossos und mit Blick auf die archäologische Stätte Knossos, nur 5 km von Heraklion mit Geschäften, Restaurants, Bars und einem pulsierenden Nachtleben entfernt, herzlich willkommen und bietet mir alle modernen Annehmlichkeiten. (Ist ja wohl das Mindeste, oder?)

Die im traditionell griechischen Stil eingerichteten Zimmer des Korridor Hotel Knossos Palace verfügen über ein eigenes Bad mit tropischer Regendusche, in dem ich zudem einen Haartrockner, Bademantel, Hausschuhe und kostenlose Luxus-Pflegeprodukte vorfinde. (Mehr habt ihr nicht zu bieten?)

Interieur und Ambiente des Boutique-Hotels Palace Korridor sind inspiriert von dem legendären Labyrinth von Knossos, das mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet wurde. (Aha! Das klingt doch mal nach was!) Hübsch und individuell gestaltete Korridore, ausgestattet mit antiken Kunstwerken, und kostenloser WLAN-Empfang im gesamten Gebäude des Palastkorridor Hotel Knossos empfangen mich in familiärer und dennoch zeitgemäß eleganter Atmosphäre, in der ich mich rundum wohlfühlen werde, nicht zuletzt dank des aufmerksamen Hotelpersonals. (Ach ja, mal so richtig ausspannen können. Sich um nichts kümmern müssen. Jeder Wunsch wird einem von den Lippen abgelesen.)

Ein schmackhaftes kontinentales Frühstück wird mir im hoteleigenen Restaurant Diadromos täglich am Buffet serviert, und ich entspanne am Abend in der Bar Anaktoro bei einem Drink mit Aussicht auf die umgebende Landschaft. (So stell ich mir das vor, ja.)

Es gibt für mich als Gast des Palace Hotel Knossos Korridor auch eine Loungebar mit LCD-Sat-TV mit Pay-per-View-Kanälen, und ich genieße den Komfort eines 24-Stunden-Zimmerservice. Darüber hinaus profitiere ich von kostenfreien öffentlichen Parkplätzen direkt am Korridor Palace Hotel Knossos. (Staubige Felder am Straßenrand, nehme ich an.)

Den internationalen Flughafen Iraklio Nikos Kazantzakis (HER) erreiche ich vom Knossos Hotel Palace Korridor aus mit dem Auto in nur 5 Minuten. Linienbusse verkehren alle 20 Minuten ab einer nur 30 Meter vom Haupteingang entfernten Haltestelle und gewähren mir vom Hotel Korridorpalast Knossos aus die bequeme Verbindung zu allen touristischen Zielen der Insel. (Ja, schön, aber was …?)

Übrigens: Das Knossos Korridorpalast erwartet mich als umweltfreundliches Hotel, das alle Anstrengungen unternimmt, klimaneutral zu sein. (Ja, aber was ist mit dem Spa? Dem Fitnesscenter, dem Coiffeur, der Maniküre, dem vielfältigen Peeling-, Ayurveda- und Massageangebot?! Wieder ein Schlag ins Wasser. Weiter zum nächsten Hotel. Ist ja alles nur einen Klick weit weg.)

232/398

Today’s the Day!

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Korridor. Nur noch wenige Schritte, und ich stehe im Studio. Über den Durchgang leuchtet das rote Licht. Werde ich das Publikum, werde ich die Jury überzeugen können? Welcher Teufel hat mich geritten, hier auftreten zu wollen, hier gewinnen zu wollen? Habe ich wirklich das Zeug zum Superstar? Nun, ich sehe verdammt gut aus, und meine Samtstimme lässt Frauenherzen gleich reihenweise schmelzen. Bis zum Erbrechen habe ich mit der Choreografin die erotischen Tanzschritte eingeübt, und auch immer wieder das geheimnisvolle Lächeln, mit dem ich die Lyrics an den neuralgischen Stellen unterlegen soll. Und dann, wenn ich rüber zur Band gehe, den Schlagzeuger vom Hocker schubse und mein Solo hinlege, damit alle überrascht feststellen, dass ich eigentlich Drummer bin … Die Frauen lieben Drummer. Aber die Jury? Haben Sie mich nur so weit kommen lassen, um mich lächerlich zu machen? Werde ich gleich abserviert? Die Maskenbildnerin, auf deren Stuhl ich vor wenigen Augenblicken noch saß, hat mir flüsternd Mut gemacht, während der Aufnahmeleiter die ganze Zeit auf mich eingeredet hat: Bis tausend schnell durch, nie irgendwelche Fragen kommentieren, dass sie zu leicht oder zu schwer sind, und wenn, dann »Abend« sagen und bloß nicht »Nachmittag«.

Das Publikum empfängt mich mit Applaus. Jauch legt mir von links die Hand auf die Schulter. Das ist der Moment, wo sie später schneiden, wenn es ein Kandidat auf den heißen Stuhl schafft, damit er in die Maske kann und ihm das Mikro angeklemmt wird, während sie seine Begleitung auf den dafür vorgesehenen Platz im Publikum platzieren. Es ist Nachmittag, die Sendung wird aufgezeichnet, aber es soll dann am Abend der Ausstrahlung so aussehen, als sei das alles live.

Ich bin verwirrt, setze mich, nippe vom Wasserglas, versuche zu verstehen, was Jauch von mir wissen will. Wer da oben sitzt? Das ist mein Vermieter. Jauch fragt nicht weiter nach. Wahrscheinlich will er sich meine Story mit dem Feuerschaden durch das Candlelight-Dinner, den zu übernehmen meine Versicherung sich weigert, für später aufsparen. Zusatzjoker? Nein danke, ich brauche die 16000 dringend, um den Schaden zu bezahlen.

Und dann erscheint auch schon die erste Frage auf dem Monitor, ganz ohne die gewohnte Spannungsmusik, die sie natürlich erst später dazumischen: »Sprichwörtlich heißt es: Wie gewonnen, so … a) verbummelt, b) getrommelt, c) entkommen, d) zerschrammelt.«

Ich bin verwirrt. Die 50-Euro-Frage ist eigentlich immer die leichteste. »Getrommelt« muss es heißen, klar, eigentlich »getrommelt und gepfiffen«, hier allerdings nur »getrommelt«, weil es sich auf »gewonnen« reimen soll, wenigstens halbwegs. »B«, sage ich, und B ist es doch auch meistens, oder? Oder C? Ich bin immer noch etwas verwirrt, glaube ich. Jauch fragt nach, aber jetzt bin ich mir sicher, nicke, bestehe darauf. Er kann mich nicht davon abbringen, und ich soll bis tausend ja auch schnell machen und nicht lange drumrumreden. Er loggt B ein. »Idiot!«, brüllt mein Vermieter quer durch die Halle.

Ich hab’s vergeigt. Bohlens Häme sticht mir ins Herz, und die Lacher aus dem Publikum treffen mich tief. Ich stehe allein auf der großen Studiobühne, erlebe mein Waterloo und verziehe keine Miene – diesen Triumph will ich ihnen nicht gönnen. Innerlich allerdings beschließe ich, nie wieder vor Fernsehkameras zu treten und zu glauben, in mir stecke ein Star.

264/398

Through Palmists‘ Eyes

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Korridor, und zwar, tataTaTAAA!, als Benefizveranstaltung. Die ganze Aktion, das Korridor-Happening sozusagen, findet heute – entscheide ich jetzt einfach mal spontan – zugunsten einer guten Sache statt.

Ich bin’s leid, es immer nur auf eigene Rechnung zu machen. Diesmal bin ich großzügig und lasse alle Einkünfte einer Organisation zukommen, die sich auf die Fahne geschrieben hat, unsere Welt zu einem besseren Ort zu machen. Da hat die Organisation was davon, die Welt, und letztlich auch ich, weil ich mir damit den Ruf erarbeite, auch mal an andere zu denken und das große Ganze im Blick zu haben, das, was wirklich wichtig ist, über den kurzfristigen Profit hinaus. So ist allen geholfen. Deshalb jetzt spontan diese Benefiz-Aktion mit dem heutigen Korridor.

Welche Organisation die Erlöse erhält? Tja, hab ich mir noch nicht überlegt. Müsste natürlich etwas sein, das nicht gleich auf der Hand liegt. Dürfte vielleicht sogar einen leichten surrealistischen Touch haben. Der Club der Solipsisten vielleicht (der die Welt darüber aufklären will, dass es nur ein Bewusstsein gibt, nämlich meins, meins und meins), oder die Oldenburger Höhenökologische Offensive (die für all die Tiefenökologen in den Gremien als Ausgleich dienen möchte und »biosphärische Differenziertheit« fordert)?

Nein, jetzt mal im Ernst. Was habe ich schon zu spenden, was bringen mir meine unermüdlichen Anstrengungen schon ein? Doch höchstens Spott und Stirnrunzeln, wenn es nicht sogar im gesamten deutschen Sprachraum bei kompletter Gleichgültigkeit gegenüber meinem heutigen Korridor-Happening bleibt. Spott, Kopfschütteln und Indifferenz: Wem könnte das dienen?

Genau.

Den Kreationisten.

Also: Ich betrete heute den Korridor gleich fünfmal, einmal für jeden fünften Deutschen, Schweizer und Österreicher, der oder die glaubt, das Leben, das Universum und der ganze Rest sei vor rund sechstausend Jahren erschaffen worden und alles, das etwas anderes nahelegt, nur eine Prüfung unseres Glaubens. Sprich: Sämtliche heutigen Erlöse (im Sinne von »Erlöse uns von der Dummheit!«) kommen denen zugute, die fest davon überzeugt sind, Jesus habe bei seiner wunderbaren Brotvermehrung selbstverständlich auch die Dinosaurier gespeist. Zumindest die vegetarischen. Amen.

 

266/398

Mo ghra mo bheatha (A Mello Romance)

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Korridor. Mein Herz klopft wild, mein Busen bebt. Werden meine geheimsten Wünsche Wirklichkeit? Lord McTrowdon hat mich in sein Arbeitszimmer rufen lassen. Seit er sich vom Pferd schwang und mich behutsam in seine Arme nahm, habe ich ihn nicht wiedergesehen. Meine Stute war vor einem Fuchs zurückgeschreckt, der plötzlich aus dem Gebüsch schoss und meinen Weg über Ländereien kreuzte, von denen ich nun weiß, dass sie dem Lord gehören. Ich konnte mich nicht halten, fiel zu Boden und muss kurz ohnmächtig geworden sein. Zu meinem Glück fand mich der Lord und ließ mich sogleich in sein Schloss schaffen.

Der knurrige Dorfarzt sprach von einer leichten Gehirnerschütterung, aber dass ich so benommen wirkte, hatte einen ganz anderen Grund. In den Armen dieses hochgewachsenen Mannes zu liegen, seinem kantigen Gesicht mit den warmen, braunen Augen so nahe zu sein – ich war noch ganz beseelt davon, und gleichzeitig zerriss es mir das Herz, dass er mich seinen Bediensteten überließ und gleich wieder davonritt, um meine Stute einzufangen, als er sich überzeugt hatte, dass ich nicht ernsthaft verletzt war.

Ich klopfe an seine schwere, holzgetäfelte Tür. Ist es ihm wie mir ergangen? Kann auch er die Blicke nicht mehr vergessen, mit denen wir förmlich ineinander versanken? Hat auch er dieses tiefe Wiedererinnern gespürt, als würden wir uns schon Ewigkeiten lang kennen? Nein, schelte ich mich, ich darf nicht solche Gedanken und Hoffnungen hegen. Lord McTrowdon liegen die schönsten und begehrenswertesten Frauen der Welt zu Füßen. Was sollte er an mir finden, einer unscheinbaren Touristin, die ihr Pferd nicht im Griff hat und kein Wort des Dankes über ihre Lippen gebracht hat.

»Ja bitte?«, erklingt seine Stimme hinter der Tür, kraftvoll und doch auch sanft, fast zärtlich. Mit zitternden Fingern drücke ich die Klinke herunter. Er sitzt hinter einem geschwungenen Schreibtisch mit wunderschönen Intarsien, springt, als er mich sieht, jedoch gleich auf und tritt mir federnden Schrittes entgegen. Mir wird schwindlig vor Verlangen, und ich muss mich an der Tür festhalten.

Lord McTrowdon sinkt vor mir in die Knie. »Schöne Reiterin, deren Namen ich nicht kenne, du hast mein Herz im Sturm erobert, und ich weiß nicht, wie mir geschieht. Eine ungeheure Macht, die mir vor unserer unverhofften Begegnung gänzlich unbekannt war, treibt mich dazu, das Unmögliche zu hoffen: dass es dir ebenso ergeht wie mir.«

Er blickt zu mir hoch, die Augen voller Hingabe und Hoffnung, und ich bringe wieder kein Wort über die Lippen. Sollte ich ihm das sagen, mit der »ungeheuren Macht« und wer dahintersteckt. Wird er überhaupt wissen, was ein Groschenheft ist? Mir zittern die Knie. Kann es wirklich wahr sein?

»Willst du«, haucht er, »meine Frau werden?« Ich falle erneut in Ohnmacht, aber diesmal fangen mich seine starken Arme auf.

273/398

Fljótandi tími rafall

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Korridor zum Heizungskeller, einen Korb mit Wäsche in der Hand. Andere mögen, wenn sie sich auf den Weg zur Waschmaschine machen, auf FastForward schalten, aber ich bevorzuge Normalgeschwindigkeit. Klar, auch ich habe damals zur Kommunion einen FastForwarder geschenkt bekommen, wie andere zur Bar Mitzwa oder spätestens zum Abitur. Nur habe ich mich nie damit anfreunden können.

Eine geniale Erfindung? Die größte Errungenschaft des Jahrtausends? Das sehe ich anders. Die technische Möglichkeit, vermeintlich langweilige Lebensabschnitte im Schnelldurchlauf abfeiern zu können, hätte niemals auf Markt geworfen werden dürfen.

Inzwischen trägt so ziemlich jeder einen FastForward-Knopf hinterm Ohr und checkt jede Situation daraufhin ab, ob er sie nicht besser schnell vorspulen sollte, von Routinetätigkeiten und nervigen Aufgaben des Alltags bis hin zu solch harmlosen Momenten wie dem Durchschreiten eines Korridors.

Zähneputzen, Klogang, der Weg zur Arbeit, Wartezeiten, Kochen, Reparaturarbeiten, Einkäufe, Bügeln, Fahrten auf der Autobahn oder Flugreisen – die Liste ist, wenn man erst einmal anfängt, endlos. All das kann man auch »wie im Traum« schnell an sich vorbeiziehen lassen, um sich damit ein Zeitkontingent für die SlowMo aufzubauen, die Momente im Leben also, die man verlangsamen und möglichst lange dehnen möchte.

»Verweile, Augenblick, du bist so schön« – wer hätte gedacht, dass das mal technisch machbar wird? Ein klassisches Konzert zum Beispiel, oder je nach Vorliebe auch die Bundesliga, Sex für die einen, Party und ein edler Bourbon auf Eis für die anderen, und der Urlaub natürlich – wenn auch davon nur die Sonnentage: Da wird dann auf SlowMo geschaltet und das im Alltag angehäufte FastForward-Kontingent aufgebraucht.

Ich war erstaunt und auch ein wenig erfreut darüber, wie schnell anfangs die Politik reagierte und sofort Verbote aussprach. Zuerst in den Schulen, als Schüler anfingen, im Unterricht auf FastForward zu schalten. Und natürlich wollte kaum ein Arbeitgeber, dass seine Angestellten ihre Arbeitszeit im Schnelldurchlauf hinter sich bringen. Aber in vielen Fällen konnten die Personalräte eine entsprechende Erlaubnis durchsetzen, und der Dammbruch war dann natürlich, als das Recht auf freie Zeiteinteilung sogar in den Menschenrechten verankert wurde.

Und was bitte ist mit meinem Recht darauf, dass mein Gegenüber mir die volle Aufmerksamkeit schenkt?!

Sie kennen das: Menschen im FastForward-Modus gleichen Zombies. Sie wirken wie Schlafwandler, sehen dich nicht richtig an, geben nur, quälend langsam lallend, irgendwelche Banalitäten von sich. Kein Wunder: Dank FastForward wird der IQ schlagartig einstellig, und jeder noch so kleine Anflug von Kreativität wird erfolgreich verhindert. Der Schnellvorlauf ist eben doch kein »Traum«, denn Träume – zumindest meine und soweit ich mich an sie erinnere – sind höchst kreativ.

Letzthin ging durch die Presse, dass ein Wissenschaftler die Möglichkeit gefunden haben will, auch den Schlaf des Menschen zu fastforwarden. Der Jubel ist groß: Das Kontingent für die persönliche SlowMo wäre so auf einen Schlag vervielfacht! Aber ich halte das für prinzipiell unmöglich, weil das Bewusstsein im Schlaf doch sowieso fast durchweg auf Durchzug schaltet. Wie will man also etwas, das nicht da ist, anzapfen?

Und warum will man es überhaupt anzapfen? Ich habe mich dem immer verweigert, was mich vermutlich schrecklich altmodisch macht. Wer hat heute schon noch die Einstellung, dass das ganze Leben, jeder einzelne Moment davon, seinen Wert hat – einen Wert, den man weder durch Schnellvorlauf mindern noch durch ein zeitlupenhaftes Durchleben künstlich verstärken sollte! (Okay, zugegeben: Einmal bin ich von diesem Prinzip abgewichen und habe dann doch mal gefastforwardet oder wie immer man dazu sagt: Ich hatte schlimmen Liebeskummer, und dann kriegte ich zu allem Überfluss auch noch fürchterliche Zahnschmerzen …)

277/398

Blithe Disregard

LogoSwitch language

 
 
 

»Ich betrete den Korridor«, murmle ich, und auch die anderen Kursteilnehmer murmeln immer wieder den gleichen Spruch, die gleiche Affirmation.

Es ist das Geheimnis, das schon die alten Atlanter, die Pyramidenbauer und Genies wie Hermes Trismegistos, Michelangelo und Leonardo da Vinci kannten, hat man uns gesagt. Nicht irgendein Geheimnis, sondern das Geheimnis. Die Wissenden haben es verschlüsselt der Nachwelt übermittelt, denn die Menschen ihrer Zeit waren noch nicht reif dafür, die volle Verantwortung für ihr Glück zu übernehmen. Uns jedoch wird es jetzt offenbart.

Die Kursleiterin wirkt überhaupt nicht wie ein Guru. Eher wie eine Hausfrau im zweiten Frühling – mit ihrem bunten Batikkleidchen und den mit winzigen Perlen besetzten Fingernägeln. Sie ist erfolgreich und sieht glücklich aus. Muss sie ja auch, denn sie hat das Mysterium schon verinnerlicht. »Ich betrete den Korridor.«

Es ist alles ganz einfach, so wie alle großen Rätsel eine ganz einfache Lösung haben. Die Frage »Wie werde ich glücklich?« findet ihre Antwort im inneren Fokus, mit dem man das Leben betrachtet. Bei den allermeisten Menschen ist dieser nur eine Reaktion auf all das, was ihnen geschieht. Menschen allerdings, die ihr Leben meistern, sich ihre Träume erfüllen und der Welt ihren Stempel aufdrücken, haben einen proaktiven Fokus. Statt innerlich zu erstarren, bleiben sie beweglich und sind sich bewusst, dass sie immer eine Wahl haben.

Unsere neue Affirmation murmeln wir nicht nur, um unsere proaktive Haltung der Welt gegenüber zu manifestieren, sondern visualisieren sie auch. Die bloßen Worte »Ich betrete den Korridor« unterstützen wir innerlich durch plastische und möglichst stark mit Gefühl aufgeladene geistige Bilder. Bei den Atlantern waren es Korridore aus Kristallglas, bei den alten Ägyptern solche aus gewaltigen Felsquadern. Natürlich jeweils nur bei den Hohepriestern und Pharaonen – der breiten Masse wurde das Geheimnis des Glücks jahrtausendelang vorenthalten. Doch nun wird es Zeit für die Menschheit, die Offenbarung zu erfahren und im Geist und in der Vorstellung einen Raum neuer Möglichkeiten zu schaffen, mit Türen und Durchgängen, die von den ausgetretenen Pfaden abweichen und – wie unsere Kursleiterin uns immer wieder einschärft – keine »Re-Kreationen« und damit der Aufguss von bereits Vorhandenem sind, sondern »Prokreationen«, kreative Neuschöpfungen.

Das Glück – so die durch die Zeitalter hindurch geheimgehaltene Erkenntnis – ist nie etwas Schon-Dagewesenes, sondern für jeden von uns etwas, das er in seinem Inneren für den jeweiligen Augenblick neu erschafft, um dann einfach darauf zuzugehen, so wie man erwartungsvoll einen Korridor durchschreitet, wenn man weiß, dass hinter der nächsten Tür ein geliebter Mensch auf einen wartet. Das ist die Offenbarung.

»Ich betrete den Korridor«, murmeln wir hingebungsvoll und versuchen uns auszumalen, dass das Glück hinter all den vielen Türen wartet, mit denen wir uns unseren Korridor denken. Denn das eigentliche Mysterium, wurde uns erklärt, ist dieses: Der wahre Lebenskünstler denkt sich sein Glück immer in der Mehrzahl. Und in unzähligen Varianten. Statt nur einem Glück hinterherzujagen, erwartet uns in Zukunft hinter jeder Tür ein Glück – und mit unserem neuen proaktiven Fokus werden wir es nicht dabei belassen, sondern das Glück jeweils formen und gestalten und für andere zugänglich machen.

»Wenn du an einen Ort kommst, irgendeinen Ort: Was denkst, fühlst und erlebst du innerlich?«, fragt die Kursleiterin uns, ihre Eleven. »›Ich betrete den Korridor!‹«, antworten wir im Chor. Sie nickt. »Wenn du einem Menschen begegnest …?« – »›Ich betrete den Korridor!‹«, antworten wir im Chor. »Wenn du auf ein ›Problem‹ triffst?« – »›Ich betrete den Korridor!‹«, antworten wir im Chor. »Eine Krise?« – »›Ich betrete den Korridor!‹«, antworten wir im Chor. »Denn es gibt immer eine Vielzahl von Möglichkeiten, die du in diesem Augenblick proaktiv erschaffen kannst. Und? Was erwartet den, der sich aus jeder Situation einen Korridor erschafft, von dem viele mögliche Wege abzweigen?« – »Glück«, antworten wir im Chor. Einige sagen »Glücke«, aber der Plural klingt in unseren Ohren noch sehr ungewohnt.

Wir Kursteilnehmer sind nur die Pioniere. Mit jedem weiteren Menschen, der diesen Fokus einnimmt, mit jedem neuen Aussprechen von »Ich betrete den Korridor« wird der Weg leichter zu begehen sein, kommen neue Türen und Durchlässe hinzu, hinter denen das Glück wartet, in vielerlei Gestalt und immer neu und überraschend. Das ist die Offenbarung, die Offenbarung. Die Zeit ist gekommen, sie allen bekannt zu machen.

279/398

Tilboð

LogoSwitch language

 
 
 

Ich betrete den Korridor.

S, M, L, X, XL; schwarz auf weiß, mit Logo; jeweils EUR 17,95.

 
Korridorium.com (I’ve been to hell and live to tell.)

S, M, L, X, XL; weiß auf schwarz; jeweils EUR 17,95.

 
One corridor a day keeps the doctor away.

S, M, L, X, XL; grün auf weiß, mit Logo; jeweils EUR 17,95.

 

Alle T-Shirts Unisex mit Fair-Trade-Siegel, aus reiner Baumwolle und bei 60°C waschbar. Erhältlich ab sofort im nächsten Pluriversum (die Straße runter, links über die Bahnlinie, das kleine, staubige Schaufenster an der Ecke mit den Winkekatzen). Solange der Vorrat reicht.