273/398

Fljó­tan­di tími rafall

Logo

 
 
 

Ich betrete den Kor­ri­dor zum Heizungskeller, einen Korb mit Wäsche in der Hand. Andere mögen, wenn sie sich auf den Weg zur Waschmas­chine machen, auf Fast­For­ward schal­ten, aber ich bevorzuge Nor­malgeschwindigkeit. Klar, auch ich habe damals zur Kom­mu­nion einen Fast­For­warder geschenkt bekom­men, wie andere zur Bar Mitzwa oder spätestens zum Abitur. Nur habe ich mich nie damit anfre­un­den kön­nen.

Eine geniale Erfind­ung? Die größte Errun­gen­schaft des Jahrtausends? Das sehe ich anders. Die tech­nis­che Möglichkeit, ver­meintlich lang­weilige Lebens­ab­schnitte im Schnell­durch­lauf abfeiern zu kön­nen, hätte niemals auf Markt gewor­fen wer­den dür­fen.

Inzwis­chen trägt so ziem­lich jed­er einen Fast­For­ward-Knopf hin­term Ohr und checkt jede Sit­u­a­tion daraufhin ab, ob er sie nicht bess­er schnell vor­spulen sollte, von Rou­tinetätigkeit­en und nervi­gen Auf­gaben des All­t­ags bis hin zu solch harm­losen Momenten wie dem Durch­schre­it­en eines Kor­ri­dors.

Zäh­neputzen, Klo­gang, der Weg zur Arbeit, Wartezeit­en, Kochen, Reparat­u­rar­beit­en, Einkäufe, Bügeln, Fahrten auf der Auto­bahn oder Flu­greisen – die Liste ist, wenn man erst ein­mal anfängt, end­los. All das kann man auch »wie im Traum« schnell an sich vor­beiziehen lassen, um sich damit ein Zeitkontin­gent für die Slow­Mo aufzubauen, die Momente im Leben also, die man ver­langsamen und möglichst lange dehnen möchte.

»Ver­weile, Augen­blick, du bist so schön« – wer hätte gedacht, dass das mal tech­nisch mach­bar wird? Ein klas­sis­ches Konz­ert zum Beispiel, oder je nach Vor­liebe auch die Bun­desli­ga, Sex für die einen, Par­ty und ein edler Bour­bon auf Eis für die anderen, und der Urlaub natür­lich – wenn auch davon nur die Son­nen­t­age: Da wird dann auf Slow­Mo geschal­tet und das im All­t­ag ange­häufte Fast­For­ward-Kontin­gent aufge­braucht.

Ich war erstaunt und auch ein wenig erfreut darüber, wie schnell anfangs die Poli­tik reagierte und sofort Ver­bote aussprach. Zuerst in den Schulen, als Schüler anfin­gen, im Unter­richt auf Fast­For­ward zu schal­ten. Und natür­lich wollte kaum ein Arbeit­ge­ber, dass seine Angestell­ten ihre Arbeit­szeit im Schnell­durch­lauf hin­ter sich brin­gen. Aber in vie­len Fällen kon­nten die Per­son­al­räte eine entsprechende Erlaub­nis durch­set­zen, und der Damm­bruch war dann natür­lich, als das Recht auf freie Zeit­ein­teilung sog­ar in den Men­schen­recht­en ver­ankert wurde.

Und was bitte ist mit meinem Recht darauf, dass mein Gegenüber mir die volle Aufmerk­samkeit schenkt?!

Sie ken­nen das: Men­schen im Fast­For­ward-Modus gle­ichen Zom­bies. Sie wirken wie Schlafwan­dler, sehen dich nicht richtig an, geben nur, quälend langsam lal­lend, irgendwelche Banal­itäten von sich. Kein Wun­der: Dank Fast­For­ward wird der IQ schla­gar­tig ein­stel­lig, und jed­er noch so kleine Anflug von Kreativ­ität wird erfol­gre­ich ver­hin­dert. Der Schnel­lvor­lauf ist eben doch kein »Traum«, denn Träume – zumin­d­est meine und soweit ich mich an sie erin­nere – sind höchst kreativ.

Let­zthin ging durch die Presse, dass ein Wis­senschaftler die Möglichkeit gefun­den haben will, auch den Schlaf des Men­schen zu fast­for­war­den. Der Jubel ist groß: Das Kontin­gent für die per­sön­liche Slow­Mo wäre so auf einen Schlag vervielfacht! Aber ich halte das für prinzip­iell unmöglich, weil das Bewusst­sein im Schlaf doch sowieso fast durch­weg auf Durchzug schal­tet. Wie will man also etwas, das nicht da ist, anzapfen?

Und warum will man es über­haupt anzapfen? Ich habe mich dem immer ver­weigert, was mich ver­mut­lich schreck­lich alt­modisch macht. Wer hat heute schon noch die Ein­stel­lung, dass das ganze Leben, jed­er einzelne Moment davon, seinen Wert hat – einen Wert, den man wed­er durch Schnel­lvor­lauf min­dern noch durch ein zeitlu­pen­haftes Durch­leben kün­stlich ver­stärken sollte! (Okay, zugegeben: Ein­mal bin ich von diesem Prinzip abgewichen und habe dann doch mal gefast­for­wardet oder wie immer man dazu sagt: Ich hat­te schlim­men Liebeskum­mer, und dann kriegte ich zu allem Über­fluss auch noch fürchter­liche Zahn­schmerzen …)