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Fljótandi tími rafall
Ich betrete den Korridor zum Heizungskeller, einen Korb mit Wäsche in der Hand. Andere mögen, wenn sie sich auf den Weg zur Waschmaschine machen, auf FastForward schalten, aber ich bevorzuge Normalgeschwindigkeit. Klar, auch ich habe damals zur Kommunion einen FastForwarder geschenkt bekommen, wie andere zur Bar Mitzwa oder spätestens zum Abitur. Nur habe ich mich nie damit anfreunden können.
Eine geniale Erfindung? Die größte Errungenschaft des Jahrtausends? Das sehe ich anders. Die technische Möglichkeit, vermeintlich langweilige Lebensabschnitte im Schnelldurchlauf abfeiern zu können, hätte niemals auf Markt geworfen werden dürfen.
Inzwischen trägt so ziemlich jeder einen FastForward-Knopf hinterm Ohr und checkt jede Situation daraufhin ab, ob er sie nicht besser schnell vorspulen sollte, von Routinetätigkeiten und nervigen Aufgaben des Alltags bis hin zu solch harmlosen Momenten wie dem Durchschreiten eines Korridors.
Zähneputzen, Klogang, der Weg zur Arbeit, Wartezeiten, Kochen, Reparaturarbeiten, Einkäufe, Bügeln, Fahrten auf der Autobahn oder Flugreisen – die Liste ist, wenn man erst einmal anfängt, endlos. All das kann man auch »wie im Traum« schnell an sich vorbeiziehen lassen, um sich damit ein Zeitkontingent für die SlowMo aufzubauen, die Momente im Leben also, die man verlangsamen und möglichst lange dehnen möchte.
»Verweile, Augenblick, du bist so schön« – wer hätte gedacht, dass das mal technisch machbar wird? Ein klassisches Konzert zum Beispiel, oder je nach Vorliebe auch die Bundesliga, Sex für die einen, Party und ein edler Bourbon auf Eis für die anderen, und der Urlaub natürlich – wenn auch davon nur die Sonnentage: Da wird dann auf SlowMo geschaltet und das im Alltag angehäufte FastForward-Kontingent aufgebraucht.
Ich war erstaunt und auch ein wenig erfreut darüber, wie schnell anfangs die Politik reagierte und sofort Verbote aussprach. Zuerst in den Schulen, als Schüler anfingen, im Unterricht auf FastForward zu schalten. Und natürlich wollte kaum ein Arbeitgeber, dass seine Angestellten ihre Arbeitszeit im Schnelldurchlauf hinter sich bringen. Aber in vielen Fällen konnten die Personalräte eine entsprechende Erlaubnis durchsetzen, und der Dammbruch war dann natürlich, als das Recht auf freie Zeiteinteilung sogar in den Menschenrechten verankert wurde.
Und was bitte ist mit meinem Recht darauf, dass mein Gegenüber mir die volle Aufmerksamkeit schenkt?!
Sie kennen das: Menschen im FastForward-Modus gleichen Zombies. Sie wirken wie Schlafwandler, sehen dich nicht richtig an, geben nur, quälend langsam lallend, irgendwelche Banalitäten von sich. Kein Wunder: Dank FastForward wird der IQ schlagartig einstellig, und jeder noch so kleine Anflug von Kreativität wird erfolgreich verhindert. Der Schnellvorlauf ist eben doch kein »Traum«, denn Träume – zumindest meine und soweit ich mich an sie erinnere – sind höchst kreativ.
Letzthin ging durch die Presse, dass ein Wissenschaftler die Möglichkeit gefunden haben will, auch den Schlaf des Menschen zu fastforwarden. Der Jubel ist groß: Das Kontingent für die persönliche SlowMo wäre so auf einen Schlag vervielfacht! Aber ich halte das für prinzipiell unmöglich, weil das Bewusstsein im Schlaf doch sowieso fast durchweg auf Durchzug schaltet. Wie will man also etwas, das nicht da ist, anzapfen?
Und warum will man es überhaupt anzapfen? Ich habe mich dem immer verweigert, was mich vermutlich schrecklich altmodisch macht. Wer hat heute schon noch die Einstellung, dass das ganze Leben, jeder einzelne Moment davon, seinen Wert hat – einen Wert, den man weder durch Schnellvorlauf mindern noch durch ein zeitlupenhaftes Durchleben künstlich verstärken sollte! (Okay, zugegeben: Einmal bin ich von diesem Prinzip abgewichen und habe dann doch mal gefastforwardet oder wie immer man dazu sagt: Ich hatte schlimmen Liebeskummer, und dann kriegte ich zu allem Überfluss auch noch fürchterliche Zahnschmerzen …)