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Artifact from Fable
Ich betrete den Korridor, denn genau das ist, was die canali, die Schiaparelli durch sein Fernrohr auf dem Mars zu erkennen glaubte, sind: Korridore, von den Marsianern in den Sand ihres Planeten gegraben, um ihre Städte zu verbinden. Für einen Astronomen des 21. Jahrhunderts müssen diese Worte lächerlich erscheinen, selbst einem astronomischen Laien müssen sie verrückt vorkommen oder zumindest unzeitgemäß. Früher, ja, damals in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde über grüne Marsmännchen fantasiert. Orson Welles ließ feindliche Marsianer in New Jersey landen, und sein vermeintliches Live-Radiofeature darüber verursachte eine Massenpanik. Heißt es. Auch das ist gelogen. Oder zumindest übertrieben.
Ich bin der letzte Überlebende der ersten Marsmission. Ich bin Wissenschaftler und Ingenieur, ich bin Raumfahrer und darüber hinaus in Psychologie geschult, denn eines der größten Probleme des Flugs zum Roten Planeten ist die lange Zeit der Anreise, zusammengepfercht in einem winzigen Raumschiff, das sich immer weiter vom Heimatplaneten entfernt, bis die Pausen in den Funkgesprächen nervig lang werden und die Gruppendynamik in der Crew mehr und mehr einer Zerreißprobe gleicht, während die blaue Murmel im Sichtfenster kleiner und kleiner wird.
Ich bin die Elite. Einer von einer Handvoll fähiger Menschen, die auf eine der gefährlichsten und kostspieligsten Missionen geschickt wurden, die je unternommen wurden. Und jetzt stapfe ich durch einen breiten Korridor im Sand, habe meinen Helm vom Kopf gezogen und ziehe meinen Hut vor Schiaparelli, der recht gehabt hat mit seinem Geflecht von Straßen, mit dem er 1877 seine Marskarte überzogen hat.
Es gibt sie wirklich! – riesige Korridore, mit für Menschen atembarer Luft gefüllt, deren obere Schicht den Marsboden spiegelt und alle Astronomen nach Schiaparelli, ja selbst unsere zahlreichen Sonden vor Ort getäuscht hat.
Ich stapfe in meinem Raumanzug durch den Marssand und schwitze. Es herrschen sommerliche Temperaturen hier unten, auch nachts. Die Kommandozentrale wird glauben, auch ich sei tot und habe es nicht geschafft. Auch mir scheint es abstrus, dass ich hier ohne Helm über den Mars spaziere. Aber ich bin nicht verrückt. »Wenn man das Unmögliche ausgeschlossen hat, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag.«
Zuerst dachte ich, der Korridor sei eine Laune der Natur. Doch dann traf ich auf das schimmernde Laufband, das sich wie ein Fluss von Quecksilber über seinen Boden hinzog. Es kam mir vor wie eine Fata Morgana. Schließlich stieg ich vorsichtig darauf und ließ mich von dem silbernen Band weitertragen.
Nach einigen Kilometern verschwand es unter Sand. Marswinde müssen ihn in den Korridor hineingeweht haben. Die Marsianer – denn wer sonst könnte der Schöpfer dieser technischen Vorrichtung sein – sind vermutlich schon Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende fort. Aber sie haben Städte hinterlassen. Zwei habe ich durchwandert. Sie sind tot und verfallen. Doch nun habe ich einen Berg erreicht, durch den der Korridor hindurchführt, und dort eine weitere Stadt gefunden. Sie öffnet sich mir wie eine Blüte im Zeitraffer, glänzende kristallene Blütenblätter schwenken zur Seite, und ich durchschreite ein Tor.
Ich wollte nie ein Held oder ein Entdecker sein. Ich war derjenige in der Crew, der die geringsten Erwartungen an den Mars hatte. Eigentlich wollte ich nur ein für allemal beweisen, dass es hier kein Leben gibt und dass alle Hinweise, die man mit den Marssonden gefunden zu haben glaubt, sich durch rein chemische Prozesse erklären lassen. Der Mars ist, dachte ich, ein toter Planet, ein – um ein religiöses Bild zu verwenden, wobei ich alle Religion schon lange abgelegt habe – Höllenplanet. Meine Großeltern, besonders meine Großmutter, hat es immer gegraust, dass ich mich von ihrem Glauben abgewendet habe und Naturwissenschaftler, Chemiker, geworden bin. Sie glaubte, so begäbe ich mich auf den direkten Weg zur Hölle, und wollte mich immer zur Umkehr bewegen. Aber die Hölle erwartet uns alle, denn die Hölle, das ist das Nichts. Wenn das Leben aufhört, gehen die biologischen Prozesse noch eine Zeitlang weiter, dann noch eine Weile die chemischen, schließlich bleibt nur Physik von dem übrig, was wir einmal gewesen sind, und am Ende der Physik steht dank der Entropie die absolute Gleichförmigkeit. Wir bewegen uns auf das Nichts zu, unaufhörlich.
Und jetzt diese Stadt. Diese gewaltigen, schimmernden Bauten. Das Summen von Maschinen unter den Silberbändern, die mich durch die leeren, stummen Straßenschluchten tragen. Als Wissenschaftler, der die Hinterlassenschaften einer unbekannten marsianischen Zivilisation entdeckt und feststellt, dass alles noch funktioniert, stellen sich mir unzählige Fragen, so viele Fragen, dass mein Geist unter dem Ansturm nachgibt und das Nachdenken darüber einfach einstellt.
Ich lasse mich treiben. Wunder um Wunder präsentiert sich mir. Staunte ich anfangs noch, so wird mein Blick nun immer stumpfer, und ich schaue bald gar nicht mehr richtig hin. Bis ich die Pyramide sehe.
Es ist ein perfekter platonischer Körper, ein Tetraeder. Er schimmert hellweiß, steht auf der Spitze und dreht sich langsam – wie eine Parodie auf die Cheopspyramide, die ursprünglich mit weißem Tura-Kalkstein verkleidet war, und ebenso groß wie sie.
Ich betrete die Marspyramide – auch wenn ich nicht sagen kann, wie ich in die Spitze hineinkomme und warum ich nach dem Eintreten in einem großen Gewölbesaal mit mächtigen Säulen aus Ebenholz stehe.
Meine Großeltern stehen da zwischen den Reliefpfeilern, Esther, wie ich sie kenne: kerzengerade aufgerichtet, als habe sie einen Stock verschluckt, und Hermann mit der notorischen kalten Pfeife zwischen den Zähnen.
»Also bist du umgekehrt«, sagt meine Großmutter. Ich nicke. In dem schweren Raumanzug, der die Farbe des Sandes angenommen hat, komme ich mir ein wenig lächerlich vor.
»Dann hast du das Unmögliche ausgeschlossen und bist jetzt bereit, deiner Wahrheit gegenüberzutreten?«, fragt mein Großvater. Ich schüttle den Kopf: »Wer hat diese Korridore gegraben und diese Städte erbaut? Wie sahen die Marsianer aus? Was hat sie vernichtet?«
»Sie haben die falschen Fragen gestellt«, sagt meine Großmutter und nimmt mich bei der Hand. »Komm jetzt.«

