Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Remix

210/398

Arti­fact from Fable

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Ich betrete den Kor­ri­dor, denn genau das ist, was die canali, die Schi­a­par­el­li durch sein Fer­n­rohr auf dem Mars zu erken­nen glaubte, sind: Kor­ri­dore, von den Mar­sian­ern in den Sand ihres Plan­eten gegraben, um ihre Städte zu verbinden. Für einen Astronomen des 21. Jahrhun­derts müssen diese Worte lächer­lich erscheinen, selb­st einem astronomis­chen Laien müssen sie ver­rückt vorkom­men oder zumin­d­est unzeit­gemäß. Früher, ja, damals in den ersten Jahrzehn­ten des 20. Jahrhun­derts wurde über grüne Marsmän­nchen fan­tasiert. Orson Welles ließ feindliche Mar­sian­er in New Jer­sey lan­den, und sein ver­meintlich­es Live-Radiofea­ture darüber verur­sachte eine Massen­panik. Heißt es. Auch das ist gel­o­gen. Oder zumin­d­est über­trieben.

Ich bin der let­zte Über­lebende der ersten Marsmis­sion. Ich bin Wis­senschaftler und Inge­nieur, ich bin Raum­fahrer und darüber hin­aus in Psy­cholo­gie geschult, denn eines der größten Prob­leme des Flugs zum Roten Plan­eten ist die lange Zeit der Anreise, zusam­mengepfer­cht in einem winzi­gen Raum­schiff, das sich immer weit­er vom Heimat­plan­eten ent­fer­nt, bis die Pausen in den Funkge­sprächen nervig lang wer­den und die Grup­pen­dy­namik in der Crew mehr und mehr ein­er Zer­reißprobe gle­icht, während die blaue Murmel im Sicht­fen­ster klein­er und klein­er wird.

Ich bin die Elite. Ein­er von ein­er Hand­voll fähiger Men­schen, die auf eine der gefährlich­sten und kost­spielig­sten Mis­sio­nen geschickt wur­den, die je unter­nom­men wur­den. Und jet­zt stapfe ich durch einen bre­it­en Kor­ri­dor im Sand, habe meinen Helm vom Kopf gezo­gen und ziehe meinen Hut vor Schi­a­par­el­li, der recht gehabt hat mit seinem Geflecht von Straßen, mit dem er 1877 seine Marskarte über­zo­gen hat.

Es gibt sie wirk­lich! – riesige Kor­ri­dore, mit für Men­schen atem­bar­er Luft gefüllt, deren obere Schicht den Mars­bo­den spiegelt und alle Astronomen nach Schi­a­par­el­li, ja selb­st unsere zahlre­ichen Son­den vor Ort getäuscht hat.

Ich stapfe in meinem Rau­manzug durch den Marssand und schwitze. Es herrschen som­mer­liche Tem­per­a­turen hier unten, auch nachts. Die Kom­man­dozen­trale wird glauben, auch ich sei tot und habe es nicht geschafft. Auch mir scheint es abstrus, dass ich hier ohne Helm über den Mars spaziere. Aber ich bin nicht ver­rückt. »Wenn man das Unmögliche aus­geschlossen hat, muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrschein­lich sie auch klin­gen mag.«

Zuerst dachte ich, der Kor­ri­dor sei eine Laune der Natur. Doch dann traf ich auf das schim­mernde Lauf­band, das sich wie ein Fluss von Queck­sil­ber über seinen Boden hin­zog. Es kam mir vor wie eine Fata Mor­gana. Schließlich stieg ich vor­sichtig darauf und ließ mich von dem sil­ber­nen Band weit­er­tra­gen.

Nach eini­gen Kilo­me­tern ver­schwand es unter Sand. Mar­swinde müssen ihn in den Kor­ri­dor hineingewe­ht haben. Die Mar­sian­er – denn wer son­st kön­nte der Schöpfer dieser tech­nis­chen Vor­rich­tung sein – sind ver­mut­lich schon Jahrhun­derte, wenn nicht Jahrtausende fort. Aber sie haben Städte hin­ter­lassen. Zwei habe ich durch­wan­dert. Sie sind tot und ver­fall­en. Doch nun habe ich einen Berg erre­icht, durch den der Kor­ri­dor hin­durch­führt, und dort eine weit­ere Stadt gefun­den. Sie öffnet sich mir wie eine Blüte im Zeitraf­fer, glänzende kristal­lene Blüten­blät­ter schwenken zur Seite, und ich durch­schre­ite ein Tor.

Ich wollte nie ein Held oder ein Ent­deck­er sein. Ich war der­jenige in der Crew, der die ger­ing­sten Erwartun­gen an den Mars hat­te. Eigentlich wollte ich nur ein für alle­mal beweisen, dass es hier kein Leben gibt und dass alle Hin­weise, die man mit den Marsson­den gefun­den zu haben glaubt, sich durch rein chemis­che Prozesse erk­lären lassen. Der Mars ist, dachte ich, ein tot­er Plan­et, ein – um ein religiös­es Bild zu ver­wen­den, wobei ich alle Reli­gion schon lange abgelegt habe – Höl­len­plan­et. Meine Großel­tern, beson­ders meine Groß­mut­ter, hat es immer gegraust, dass ich mich von ihrem Glauben abgewen­det habe und Natur­wis­senschaftler, Chemik­er, gewor­den bin. Sie glaubte, so begäbe ich mich auf den direk­ten Weg zur Hölle, und wollte mich immer zur Umkehr bewe­gen. Aber die Hölle erwartet uns alle, denn die Hölle, das ist das Nichts. Wenn das Leben aufhört, gehen die biol­o­gis­chen Prozesse noch eine Zeit­lang weit­er, dann noch eine Weile die chemis­chen, schließlich bleibt nur Physik von dem übrig, was wir ein­mal gewe­sen sind, und am Ende der Physik ste­ht dank der Entropie die absolute Gle­ich­för­migkeit. Wir bewe­gen uns auf das Nichts zu, unaufhör­lich.
Und jet­zt diese Stadt. Diese gewalti­gen, schim­mern­den Baut­en. Das Sum­men von Maschi­nen unter den Sil­ber­bän­dern, die mich durch die leeren, stum­men Straßen­schlucht­en tra­gen. Als Wis­senschaftler, der die Hin­ter­lassen­schaften ein­er unbekan­nten mar­sian­is­chen Zivil­i­sa­tion ent­deckt und fest­stellt, dass alles noch funk­tion­iert, stellen sich mir unzäh­lige Fra­gen, so viele Fra­gen, dass mein Geist unter dem Ansturm nachgibt und das Nach­denken darüber ein­fach ein­stellt.

Ich lasse mich treiben. Wun­der um Wun­der präsen­tiert sich mir. Staunte ich anfangs noch, so wird mein Blick nun immer stumpfer, und ich schaue bald gar nicht mehr richtig hin. Bis ich die Pyra­mide sehe.

Es ist ein per­fek­ter pla­tonis­ch­er Kör­p­er, ein Tetraed­er. Er schim­mert hell­weiß, ste­ht auf der Spitze und dreht sich langsam – wie eine Par­o­die auf die Cheop­spyra­mide, die ursprünglich mit weißem Tura-Kalk­stein verklei­det war, und eben­so groß wie sie.

Ich betrete die Mar­spyra­mide – auch wenn ich nicht sagen kann, wie ich in die Spitze hineinkomme und warum ich nach dem Ein­treten in einem großen Gewölbe­saal mit mächti­gen Säulen aus Eben­holz ste­he.

Meine Großel­tern ste­hen da zwis­chen den Relief­pfeil­ern, Esther, wie ich sie kenne: kerzenger­ade aufgerichtet, als habe sie einen Stock ver­schluckt, und Her­mann mit der notorischen kalten Pfeife zwis­chen den Zäh­nen.

»Also bist du umgekehrt«, sagt meine Groß­mut­ter. Ich nicke. In dem schw­eren Rau­manzug, der die Farbe des Sandes angenom­men hat, komme ich mir ein wenig lächer­lich vor.

»Dann hast du das Unmögliche aus­geschlossen und bist jet­zt bere­it, dein­er Wahrheit gegenüberzutreten?«, fragt mein Groß­vater. Ich schüt­tle den Kopf: »Wer hat diese Kor­ri­dore gegraben und diese Städte erbaut? Wie sahen die Mar­sian­er aus? Was hat sie ver­nichtet?«

»Sie haben die falschen Fra­gen gestellt«, sagt meine Groß­mut­ter und nimmt mich bei der Hand. »Komm jet­zt.«

 

244/398

The Key (to Hap­pi­ness?)

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Der Fasz­i­na­tion des ver­schlosse­nen, ver­bote­nen Zim­mers kann ich mich ein­fach nicht entziehen. Mein Gemahl ist ver­reist und hat mir den Bund mit Schlüs­seln hin­ter­lassen, den Schlüs­seln, die mir Zutritt zu allen Sälen, Zim­mern, Keme­nat­en und Kam­mern im Schloss gewähren. Nur dieses eine Zim­mer soll ich mei­den, son­st ziehe ich mir, hat er mir ange­dro­ht, seinen Zorn zu. Aber die Neugi­er ist über­mächtig.

Die Tür ist klein, ihr Holz dunkel. Warum sollte ich nicht hineindür­fen? Ich bin doch die Frau Baronin, die Schlossh­er­rin. Dies alles hier gehört jet­zt auch mir! Eine Stimme meldet sich in meinem Kopf, als ich aus­pro­biere, ob der Schlüs­sel über­haupt passt: Was ist mit den Frauen vor mir passiert, auch sie Schlossh­er­rin­nen, auch sie möglicher­weise allein im Schloss, als der Baron auf Reisen war? Sie sind ver­schwun­den. Wohin?

Der Schlüs­sel passt. Die Tür knar­rt leise. Ich blicke mich um. Ste­ht mein Gemahl, der Baron, in ein­er der Nis­chen und beobachtet mich? Nein. Der Kor­ri­dor ist leer. Ich bin allein.

Jet­zt ist die Tür aufges­per­rt. Ich lege meine Hand auf die Klinke. »… son­st wird mein Zorn über dich kom­men!«, hat er gedro­ht, er, mein Gemahl, der doch son­st so über­aus san­ft und zuvork­om­mend ist. Er wird mir doch wohl kein Leid zufü­gen, nur weil ich auch diesen Raum in meinem neuen Heim inspiziert habe. Vielle­icht erwartet er sog­ar genau das von mir? Die Klinke ist kühl. Ich drücke sie herunter.

Er hat­te mich gefragt, ob ich neugierig bin. Das war, als er mich mit Geschenken über­häufte, um mich davon zu überzeu­gen, dass er der Richtige ist – wenn auch schon ein wenig alt und unansehn­lich. Und trotz der Dinge, die man sich über ihn und seine Ehe­frauen erzählt, eroberte er schließlich mein Herz, und ich sagte Ja. Das hat­te ich damals auch auf seine Frage nach der Neugi­er geant­wortet. Er hat­te genickt und »Gut, gut« gemurmelt.

Die Tür ste­ht schon einen Spalt weit offen. Gle­ich werde ich wis­sen, was sich hin­ter ihr ver­birgt. Obwohl ich eigentlich ver­sprochen habe, sie nicht zu öff­nen. Aber er wird es ja nicht erfahren! Den­noch: Will ich von nun an mit dem Wis­sen leben, ihn bet­ro­gen und bel­o­gen zu haben, unsere noch so junge Ehe damit belas­ten, ihn zu hin­terge­hen? Ich ziehe die Tür wieder zu, lasse das Schloss ein­ras­ten, drehe den Schlüs­sel herum und ziehe ihn her­aus.

Es soll keine Lügen und Heim­lichkeit­en zwis­chen uns geben. Ich werde ihn ein­fach nach dem Zim­mer fra­gen, wenn er wieder heimkommt. Er wird mir sagen, was hin­ter der Tür ist und warum ich sie nicht öff­nen sollte, und dies wird eines der Märchen wer­den, die glück­lich aus­ge­hen: »Und wenn sie nicht gestor­ben sind …«

 

245/398

Rauði sva­nurinn

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Ich betrete den Kor­ri­dor des ersten Stock­es, und es dröh­nt ein dumpfer Knall, als hätte man eine Wall­büchse los­geschossen. Eine Tür wird aufgeris­sen, und brauner, übel­riechen­der Qualm dampft in den Kor­ri­dor her­aus. Aus der näch­sten Tür kommt ein Chorherr im weißen Habit gelaufen, hält die Hand vor die Nase und lacht: »He! Per­fall? Leb­st du noch?« Hus­tend erscheint im Dampf ein greis­er Chorherr, mit triefend­er Led­er­schürze über dem Talar: »Ich hab den weißen Schwan in die Glut geset­zt. Wie er sich rot gefärbt hat, ist er aufge­flo­gen.«

»Ist wieder ein Fin­ger mit?«

»Nein, ich hab noch alle sieben.«

L. Gang­hofer

 

250/398

Rem­i­niszen­z­tur­bu­lenz

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»Ich betrete den Kor­ri­dor« ist ein mächtiges Tantra für Dich. Jet­zt, wo es dich gefun­den hat, wird es Dein Leben in ein­er Weise verän­dern, die Du nicht für möglich hältst. Lies diesen Text unbe­d­ingt bis zum Ende durch, son­st wirst Du es wom­öglich bereuen.

Diese Geschichte ist wirk­lich passiert. Ein Bekan­nter von mir in Port-au-Prince litt seit vie­len Jahren unter hefti­gen Migränean­fällen, mit denen er oft tage­lang sein Bett hüten musste. Wenn er dann wieder auf der Zuck­er­rohrplan­tage arbeit­en ging, kam er oft völ­lig malade nach Hause, weil er den ganzen Tag von Rück­en­schmerzen geplagt wurde – bemitlei­det von sein­er Ehe­frau, deren Beziehung zu ihm schon vor langer Zeit merk­lich abkühlt war, als ihr klar wurde, dass er keine Kinder zeu­gen kon­nte. Dann zer­störte das Erd­beben am 12. Jan­u­ar 2010 das Haus, in dem er wohnte. »Ich betrete ger­ade den Kor­ri­dor«, erzählte er mir, »ich betrete den Kor­ri­dor und sehe meine Frau mit ein­er kleinen Puppe hantieren, die ich noch nie gese­hen hat­te.« In diesem Moment begin­nt das Erd­beben und ein Holzbalken erschlägt seine Frau.

In den Trüm­mern fand er unter den Hin­ter­lassen­schaften sein­er Frau eine Puppe, die eine gewisse Ähn­lichkeit mit ihm hat­te. Nadeln steck­ten ihr im Kopf und im Rück­en. Er sagte mir: »Wenn ich dir einen guten Rat geben darf: Traue nie­man­dem.« Nie hätte er geglaubt, dass er seine Schmerzen der eige­nen Ehe­frau zu ver­danken hat.

»Ich betrete den Kor­ri­dor.« Diese Worte meines Bekan­nten und seine gle­ichzeit­ige Erken­nt­nis habe ich mir sehr zu Herzen genom­men. Sie haben mein Leben verän­dert. Heute zäh­le ich jedes Wech­sel­geld genau nach und lasse mir von den Kon­trolleuren in der S‑Bahn immer erst den Ausweis zeigen. Ich informiere mich über Mogel­pack­un­gen und zerteile jedes Fis­chfilet, bis ich abso­lut sich­er bin, dass keine Gräten drin sind, egal was der Kell­ner sagt. Wenn ich im Inter­net etwas bestelle, mache ich Bild­schirmkopi­en der gesamten AGBs. Ich nehme von mein­er Fam­i­lie und meinen Fre­un­den kein­er­lei Geschenke mehr an und lasse sie nicht mehr unbeauf­sichtigt in meinem WLAN sur­fen. Ich habe begrif­f­en, dass Men­schen unberechen­bar sind und das Leben unlieb­same Über­raschun­gen bere­i­thält, vor denen man sich rechtzeit­ig schützen sollte. Schien mir früher ein Hand­schlag aus­re­ichend, so sichere ich mich heute mit einem notariellen Ver­trag dage­gen ab, über­vorteilt zu wer­den.

Dieses Tantra stammt aus Haiti. Ob Du aber­gläu­bisch bist oder nicht, es wird Dein Leben verän­dern. Behalte diese Botschaft nicht für Dich. Das Voodoo-Tantra will in den näch­sten 96 Stun­den weit­er­ver­schickt wer­den! Ver­schicke Kopi­en davon an Deine Feinde und Men­schen, die Du nicht ausste­hen kannst. Beobachte dann ein­fach, was Dir in den näch­sten Tagen wider­fährt.

Schicke diese Botschaft an wenig­stens

  • 1 Per­son: Dein Leben verän­dert sich drastisch, und alles, von dem Dir je gegraut hat, begin­nt Form anzunehmen.
  • 2 bis 4 Per­so­n­en: Du erleb­st in den fol­gen­den Wochen min­destens 5 böse Über­raschun­gen.
  • 5 bis 9 Per­so­n­en: Dein Leben wen­det sich zum Schlechteren.
  • 10 bis 14 Per­so­n­en: Mit Deinem Leben geht es nur wenig bergab.
  • 15 bis 20 Per­so­n­en: Dein Leben bleibt, wie es ist.

Schickst Du dieses Tantra nicht inner­halb von 96 Stun­den weit­er, wird alles noch viel schlim­mer. Meine Tante hat kurz nach Erhalt dieses Textes über 20.000 EUR im Lot­to gewon­nen. Doch sie hat ihn nicht weit­ergeschickt, und als sie den Lot­toschein ein­lösen wollte, war er unauffind­bar. Sie war verzweifelt. Dann hat sie sich an dieses Tantra erin­nert und es an über 20 Per­so­n­en geschickt, und wenig später fand sie den Lot­toschein in ihrer Hun­de­hütte. Ihr Pudel hat­te den Schein ver­schleppt. (Zum Dank legte sie ihrem Pudel noch eine weit­ere Kopie des Tantras in die Hütte.)

Schicke diese Worte an alle Per­so­n­en, die Du zum Teufel wün­schst. So wie auch diese kleine Nachricht Dir zeigt, dass Dich ein Men­sch nicht vergessen hat.

Es dauert Monate, mitunter Jahre, um das Ver­trauen eines Men­schen zu gewin­nen!!!! Aber nur 30 Sekun­den kön­nen genü­gen, um ALLES zu zer­stören!!!

 

252/398

Bal­ni­bar­bi World Improve­ment

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich in den Süd­trakt führt. Bere­its jet­zt hat die »Akademie der Pro­jek­teure« in Laga­do alle meine Erwartun­gen übertrof­fen:

Da war der Wis­senschaftler, der Son­nen­schein aus Gurken extrahieren will (und der meinte, ohne Zweifel werde er bin­nen acht Jahren imstande sein, damit auf wet­tbe­werb­s­fähige Her­stel­lungskosten zu kom­men).

Da war der Forsch­er, der Eis zu Schießpul­ver kalzinieren wollte (also durch Erhitzen entwässern und umwan­deln – er zeigte mir darüber hin­aus eine Abhand­lung über die Schmied­barkeit des Feuers, die er bald veröf­fentlichen will).

Da war das Genie, das die Architek­tur rev­o­lu­tion­ieren will, indem man beim Bau mit dem Dach anfängt (und der mich mit Ver­weisen auf die erstaunlichen architek­tonis­chen Leis­tun­gen der Bienen und Spin­nen zu überzeu­gen suchte).

Da war wiederum ein Gelehrter, der Spin­nen züchtete und aus ihren Spin­nweben die halt­barere und bessere Sei­de gewin­nen will (und mir mir eine Menge schön gefärbter Fliegen zeigte, mit denen er seine Spin­nen füt­tert, damit der Web­faden gle­ich die gewün­schte Farbe annimmt).

Und ich traf einen wahrhaften Kün­stler, dessen zwei Lab­o­ra­to­rien mit wun­der­baren Sel­tenheit­en gefüllt sind – und fün­fzig Helfern. Einige verdick­en die Luft zu ein­er trock­e­nen, fes­ten Sub­stanz, indem sie den Stick­stoff auss­chei­den und die flüs­si­gen Bestandteile ver­dun­sten lassen; andere erwe­ichen Mar­mor zu Kissen (er habe, ver­sicherte er mir, seit bere­its dreißig Jahren auss­chließlich die Verbesserung des men­schlichen Lebens vor Augen).

 

Ich besuchte noch Hun­derte ander­er Zim­mer, werde aber den Leser mit allen von mir beobachteten Merk­würdigkeit­en nicht lang­weilen, son­dern mich der Kürze befleißi­gen.

Durch den Kor­ri­dor erre­iche ich die andere Seite der Akademie, wo sich die hier ansäs­si­gen Pro­jek­toren, anders als es im Nord­trakt bei den anwen­dungsna­hen Vorhaben der Fall ist, in speku­la­tiv­en Wis­senschaften erge­hen sollen.

Der erste Pro­fes­sor, den ich sehe, befind­et sich in einem großen Zim­mer und ist von vierzig Schülern umgeben. Nach der Begrüßung bemerkt er, dass ich inter­essiert einen Rah­men betra­chte, der den größten Teil des Zim­mers in Länge und Bre­ite aus­füllt. Er meint zu mir, ein jed­er wisse doch, wie viel Mühe für gewöhn­lich das Erler­nen der Kün­ste und Wis­senschaften bei den Men­schen erfordere – er sei überzeugt, durch seine Erfind­ung werde noch die unge­bildet­ste Per­son bei mäßi­gen Kosten und bei geringer kör­per­lich­er Anstren­gung Büch­er über Philoso­phie, Poe­sie, Math­e­matik und Quan­ten­physik schreiben kön­nen.

Er führt mich zu dem großen Holzgeviert, an dem alle seine Schüler in Rei­hen aufgestellt sind. Die Ober­fläche beste­ht aus einzel­nen wür­felför­mi­gen Holzstück­en, sämtlich durch Drähte miteinan­der ver­bun­den und an jed­er Fläche mit Papi­er überklebt, auf dem alle Worte der Lan­dessprache in Kon­ju­ga­tio­nen und Dek­li­na­tio­nen, jedoch ohne alle Ord­nung aufgeschrieben sind.

Der Pro­fes­sor bit­tet mich achtzugeben, da er seine Mas­chine in Bewe­gung set­zen will: Jed­er Zögling nimmt auf seinen Befehl einen der vierzig eis­er­nen Griffe zur Hand, die am Rande des Holzgevierts befes­tigt sind. Durch Drehen der Griffe wird die ganze Anord­nung verän­dert. Dann befiehlt er sechzehn Knaben, die ver­schiede­nen Wür­fel­rei­hen wie Zeilen eines Buch­es zu lesen, und wenn sie drei oder vier Wörter gefun­den haben, die einen sin­nvollen Satz bilden, wer­den sie sogle­ich niedergeschrieben.

Sechs Stun­den müssen die Schüler täglich bei dieser Arbeit zubrin­gen, erk­lärt mir der Pro­fes­sor und ver­sichert mir, er habe seinen Rah­men so ein­gerichtet, dass er den ganzen Sprachre­ich­tum umfasse. Zu diesem Behufe habe er sog­ar das all­ge­meine Ver­hält­nis berech­net, nach dem in Büch­ern Par­tikel, Haupt- und Zeitwörter und andere Rede­teile vorkom­men. Stolz zeigt er mir mehrere Folianten mit den Nieder­schriften. Aus diesem reichen Mate­r­i­al werde er einen voll­ständi­gen Inbe­griff aller Wis­senschaften und Kün­ste bilden; ein Ver­fahren, das er jedoch verbessern und schneller beendi­gen könne, wenn man das nötige Kap­i­tal auf­brächte, um in Laga­do auf einen Stre­ich ganze fünfhun­dert solch­er Rah­men aufzustellen.

 

aus den Aufze­ich­nun­gen des Lemuel Gul­liv­er

 

253/398

Bal­ni­bari Lan­guage Improve­ment

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Ich betrete den Kor­ri­dor gle­ich hin­ter dem Direk­tor. Er will mich in die Sprach­schule sein­er »Akademie der Pro­jek­toren« auf der Insel Bal­ni­bar­bi führen, in der drei miteinan­der konkur­ri­erende Pro­fes­soren an der zweck­mäßig­sten Meth­ode forschen, die Lan­dessprache zu verbessern.

Das Pro­jekt des Ersten beste­ht darin, die Rede dadurch abzukürzen, dass man viel­sil­bige Worte in ein­sil­bige ver­wan­delt und dazu noch alle Ver­ben und Par­tizip­i­en aus­lasse, denn in Wirk­lichkeit seien alle vorstell­baren Dinge doch allein Hauptwörter. Offen­bar scheint er mir meinen nicht uner­he­blichen Zweifel an seinen The­o­rien anzumerken, denn er fol­gt mir auf dem Weg zum zweit­en Raum der Sprach­schule in den Kor­ri­dor, was er mir mit der blu­mi­gen Beschrei­bung »Ich Korr! Wir Korr Sie?« und der ein­drück­lichen Beschwörung »Dirr Ansst Plan Welt Glück, Men­sch Ver­st­nd Tolnz Är Frschritt!« ein­sil­big vor Augen führen möchte. Ich nicke und läch­le, was ihn zufrieden­zustellen scheint.

Das Pro­jekt des zweit­en Pro­fes­sors bezweckt in sein­er Radikalität die kom­plette Abschaf­fung aller Wörter, was die Gesund­heit verbessern und unser Leben ver­längern soll. Denn es sollte klar sein, dass jedes von uns gesproch­ene Wort unsere Lun­gen beansprucht und abnutzt und fol­glich die Verkürzung unseres Lebens bedeutet. Es sei, um dem abzuhelfen, so der Pro­fes­sor, drin­gend anzu­rat­en, dass wir alles, was wir über uns und unsere Angele­gen­heit­en zu sagen haben, in Form genau der Gegen­stände mit uns herumtrü­gen, über die wir son­st unsere Worte ver­lören.

Der Pöbel und das weib­liche Geschlecht hät­ten jedoch, so der Pro­fes­sor weit­er, mit ein­er Rebel­lion gedro­ht, um die Frei­heit ihrer Zun­gen zu vertei­di­gen, nicht einge­denk der Tat­sache, dass es doch ger­ade diese sei, die ihr vorzeit­iges Ableben befördere. Doch der Pöbel sei ja ohne­hin der unver­söhn­liche Feind jed­er Wis­senschaft.

Die Klüg­sten und Weis­es­ten jedoch befleißi­gen sich bere­its der neuen Meth­ode, sich durch die Dinge selb­st statt nur der Begriffe dafür auszu­drück­en; die einzige Unbe­quem­lichkeit, die sich daraus ergibt, beste­ht nur darin, dass jemand mit Angele­gen­heit­en umfan­gre­ich­er Natur ein ganz stat­tlich­es Bün­del auf seinem Rück­en herum­tra­gen muss.

Kür­zlich wurde ich bere­its Zeuge ein­er solchen wort­losen und lun­gen­scho­nen­den Unterre­dung – allerd­ings noch ohne zu ahnen, wessen ich da eigentlich angesichtig wurde. Zwei Bal­ni­bar­bi­er begeg­neten sich auf der Straße, legten ihre Last nieder, öffneten ihre Säcke und beschäftigten sich stun­den­lang mit Gegen­stän­den, die sie sich gegen­seit­ig schweigend vor­legten; als­dann füll­ten sie ihre Behäl­ter aufs Neue, halfen einan­der dabei, sich ihre Last wieder auf den Rück­en zu laden, und emp­fahlen sich mit ein­er angele­gentlichen Geste. Meinen Ein­druck, die kör­per­liche Anstren­gung ein­er solchen Kon­ver­sa­tion über­steige den des üblichen Zun­gen­schlags um ein Mehrfach­es, behalte ich gegenüber dem von aufrichtigem Pflicht­ge­fühl erfüll­ten Pro­fes­sor wohlweis­lich für mich.

Ein weit­er­er Pro­jek­tor der Anstalt beschäftigt sich mit der Ausar­beitung der Metasprache und will mir dies auch gle­ich lang und bre­it erk­lären: »Opti­mel 1 im n‑Kobereich zum n‑t-Syn­klus­debel«. So jeden­falls lautet, erfahre ich von dem stolzen Wis­senschaftler, seine min­destens ein­stündi­ge Aus­führung in der gebräuch­lichen Sprache, über­führt man sie in die Metasprache 1. Er arbeite jedoch schon an der Metasprache 2, welche wiederum mehrstündi­ge Aus­führun­gen in Metasprache 1 zu kurzen Bon­mots zusam­men­fasse. Ich frage ihn, wie man denn metasprach­lich »Vie­len Dank, fro­hes Schaf­fen noch und auf Wieder­se­hen« sagt, woraufhin er sich begeis­tert in seine Aufze­ich­nun­gen ver­gräbt, bis ich und der Direk­tor nach ein­er Weile höflichen Wartens das Studierz­im­mer ver­lassen.

Als Glanzpunkt sein­er Führung hat sich der Direk­tor eine neue Lehrmeth­ode der math­e­ma­tis­chen Schule aufge­hoben, die mir von ihrem Erfind­er anschaulich erk­lärt wird: Satz und Beweis wer­den mit ein­er organ­is­chen Tin­k­tur, die den Gehir­nen der auf Bal­ni­bar­bi als schlau gel­tenden Rat­ten ent­nom­men ist, auf ein­er dün­nen Oblate aufgeze­ich­net. Diese muss der Schüler schnell hin­un­ter­schluck­en, um anschließend drei Tage lang nichts als Brot und Wass­er zu sich zu nehmen. Ist die Oblate schließlich ver­daut, so steigt die Tin­k­tur ins Hirn und prägt dort den entsprechen­den math­e­ma­tis­chen Satz ein.

Bish­er allerd­ings hat sich der Erfolg noch nicht erwiesen, ein Umstand, der teil­weise aus einem Fehler in der Quan­tität oder Kom­po­si­tion der Arznei her­rühren mag, teil­weise aber auch aus der Stör­rigkeit der Knaben, denen diese Medi­zin so ekel­haft ist, dass sie sich gewöhn­lich fort­stehlen und sich des Lern­stoffes durch Her­auswür­gen entledi­gen, bevor er seine Wirkung ent­fal­ten kann.

 

aus den Aufze­ich­nun­gen des Stanisław Lemuel Gul­liv­er

 

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Code Break­ers

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»Ich betrete den Kor­ri­dor« ist – Sie haben es längst errat­en! – ein Code, mit dem sich Ver­schwör­er, die den Umsturz unseres Sys­tems pla­nen, untere­inan­der ver­ständi­gen.

Ihre E‑Mails, Tweets, Blog-Ein­träge, Briefe und Papiere wer­den jedoch abge­fan­gen und ein­er Kün­st­lergilde übergeben, die sehr geschickt darin ist, die geheimnisvolle Bedeu­tung der benutzten Wörter, Sil­ben und Buch­staben zu enträt­seln. Die Absicht­en der Ver­schwör­er liegen den Behör­den damit offen zutage, und selb­st kurze, schein­bar harm­lose Twit­ter-Mel­dun­gen offen­baren mit einem Mal Bedrohlich­es. Um eine Hand­voll Beispiele zu nen­nen:

Es ste­ht

  • ein Nacht­stuhl für den Schulden­berg;
  • eine Herde Gänse für die Oppo­si­tion;
  • ein lah­mer Hund für eine NGO, die geheime Regierungs­dat­en veröf­fentlicht;
  • eine Pest für Waf­fen­liefer­un­gen ins Aus­land;
  • ein Maikäfer für Sub­ven­tions­be­trug;
  • schw­eres Rheuma für die Anti-Ter­ror-Geset­ze;
  • ein Gal­gen für verkappte Steuer­erhöhun­gen;
  • ein Nacht­topf für verkappte Diäten­er­höhun­gen;
  • ein Sieb für Ver­brauch­er­schutz­maß­nah­men;
  • ein Besen für die Rev­o­lu­tion;
  • eine Mause­falle für den Daten­schutz;
  • ein boden­los­er Brun­nen für die Ver­flech­tun­gen der Poli­tik mit der Wirtschaft;
  • ein Abzugskanal für den Atom­ausstieg;
  • eine Nar­renkappe für die Heer­scharen von Lob­by­is­ten;
  • ein zer­broch­enes Rohr für das Ver­fas­sungs­gericht;
  • ein leeres Fass für die Beruf­sarmee und
  • eine offene Wunde für das Urhe­ber­recht.

Ist diese Meth­ode der Entschlüs­selung nicht aus­re­ichend, so wer­den zwei andere von größer­er Wirk­samkeit in Anwen­dung gebracht: Durch das soge­nan­nte Akros­tichen und Ana­gram­misieren kön­nen die Gelehrten erstens die poli­tis­che Bedeu­tung aller Anfangs­buch­staben dechiffrieren. So kann N einen geplanten Flash­mob, B eine Neon­azi-Web­site, J einen Shit­storm und beispiel­sweise L die Entsendung von Blauhel­men bedeuten. Oder man ver­set­zt zweit­ens in einem der verdächti­gen Blo­gein­träge die Buch­staben und ent­deckt so die geheim­sten Pläne der unzufriede­nen Umstür­zler, deren unverdächtig wirk­ende, aber doch so viel poli­tis­chen Sprengstoff bein­hal­tende Parole offen­bar lautet: »Ich betrete den Kor­ri­dor.«

 

Ihr ergeben­ster Diener Lemuel Gul­liv­er

 

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The Glub­dub­drib Inci­dent

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Ich betrete den Kor­ri­dor, den die Gar­den des Gou­verneurs von Glub­dub­drib für meine Audienz bilden. Sie sind in sehr alt­modis­ch­er Weise gek­lei­det und bewaffnet, und ihr Spalier im Schlosshof erweckt einen Schaud­er in mir, wie er kaum in Worten auszu­drück­en ist. Anschließend werde ich durch mehrere Zim­mer geleit­et, in denen sich, in Rei­hen aufgestellt, Diener der­sel­ben Art befind­en, bis ich in den Audien­zsaal gelange. Ich mache drei tiefe Ver­beu­gun­gen vor dem Throne Sein­er Hoheit.

Glub­dub­drib bedeutet, soweit ich die Sprache ver­ste­he, »Insel der Hex­en­meis­ter und Zauber­er«. Der hiesige Gou­verneur ist durch seine nekro­man­tis­chen Fer­tigkeit­en imstande, jeden beliebi­gen Toten zu sich zu zitieren und seinen Dienst vierundzwanzig Stun­den lang, jedoch nicht länger, in Anspruch zu nehmen.

Mit dem Winke eines Fin­gers entlässt der Fürst jet­zt all seine Begleit­er, die daraufhin im Nu ver­schwinden wie Traum­bilder beim plöt­zlichen Erwachen. Er lässt eine neue Rei­he Geis­ter das Essen auf­tra­gen und bei Tis­che aufwarten. Nach dem Dessert befiehlt mir der Fürst, ihm drei beliebige Tote, von Anfang der Welt bis heute, zu nen­nen. Er werde ihnen befehlen, alle Fra­gen, nach denen mir der Sinn ste­he, zu beant­worten, unter der Bedin­gung, die Fra­gen bleiben auf die Lebzeit­en des jew­eili­gen Toten beschränkt. Ich könne mich, fügt er an, indem er sich jovial zu mir herüber­beugt, vol­lkom­men darauf ver­lassen, dass sie mir die Wahrheit sagen, da das Lügen in der Unter­welt dur­chaus zu nichts nütze sei.

Während ich Sein­er Hoheit auf die verbindlich­ste Weise für diese Gnaden­bezei­gung danke, lasse ich im Geiste all die Gestal­ten vor mich treten, deren Befra­gung mir von Wert sein kön­nte.

Jesus, damit er Auskun­ft darüber geben mag, ob der Papst in Rom oder die Bis­chöfe von Can­ter­bury und York sein recht­mäßiges Erbe ver­wal­ten und ob nun die Gläu­bi­gen römisch-katholis­ch­er oder doch die anglikanis­ch­er Kon­fes­sion ein Anrecht auf das ver­sproch­ene Him­mel­re­ich haben? (Aber wenn ich so recht über­lege: Hat er nicht zeitlebens sehr unbe­queme Antworten auf alles gegeben? Nicht, dass ich so Unfrieden stifte!)

Dann doch lieber Aris­tote­les, der mir vielle­icht sagen kann, wo ein Exem­plar des zweit­en Ban­des sein­er Poet­ik zu find­en ist, da doch lei­der seine Philoso­phie des Lachens im Laufe der Geschichte ver­lorenge­gan­gen ist? (Aber er wird seine Büch­er ja nicht ger­ade so ver­steckt haben, dass sie Jahrtausende unversehrt über­ste­hen kon­nten …)

Nein, ich kön­nte Sokrates fra­gen, ob sein Schüler Pla­ton die Philoso­phie des Lehrers unver­fälscht niedergeschrieben hat. (Aber dann müsste ich zuerst den ganzen Pla­ton zitieren, wenn ich diesen nicht gle­ich selb­st dazu­hole, was allerd­ings wiederum zu Stre­it­ereien führen kön­nte.)

Wie wäre es mit Alexan­der dem Großen, damit er endlich in per­sona Auskun­ft darüber gebe, ob er, wie es heißt, vergiftet wurde? (Aber wird er wis­sen, woran genau er gestor­ben ist, oder sich nicht ein­fach nur an Tat­sache und Umstände seines Ablebens erin­nern?)

Robin Hood kön­nte mir und damit sein­er gesamten Nach­welt Mit­teilung geben, ob er nur, wie manche behaupten, ein schmäh­lich­er Wege­lager­er war oder doch, wie andere nicht müde wer­den zu ver­bre­it­en, ein Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit? (Aber wird er, Kind sein­er Zeit, den Unter­schied über­haupt ver­ste­hen?)

Ich kön­nte König Artus erscheinen lassen, um von ihm zu erfahren, ob er in der Tat nach Aval­on entrückt wurde, wie es der Roman de Brut behauptet. (Aber wom­öglich ist er da noch quick­lebendig und kann jet­zt gar nicht als Tot­er her­beiz­itiert wer­den?)

Sollte ich nicht gle­ich Mer­lin höch­st­selb­st um genaue Mit­teilung über Artus und seine Tafel­runde bit­ten und so die Dis­pute der His­torik­er über die his­torische Wahrheit ein für alle Mal zu einem Ende brin­gen? (Aber ist es kom­mod, am Hofe eines Zauber­ers von diesem einen anderen Magi­er beschwören zu lassen?)

Jeden­falls kann ich den Gou­verneur nicht länger warten lassen und nenne ihm den Namen meines seli­gen Groß­vaters müt­ter­lich­er­seits, von dem es in der Fam­i­lie hieß, er habe einen Gold­schatz ver­graben für schlechte Zeit­en, der aber starb, bevor er das Ver­steck ver­rat­en kon­nte. Ein Mann erscheint, dessen Schädel kahl ist und dem die Haare aus der dick­en roten Nase wach­sen. Mein Groß­vater? Ich habe ihn nie ken­nen­gel­ernt. Er beschimpft mich und zetert, er füh­le sich in sein­er Ruhe und Ehre gestört, und er ver­s­tummt erst, als ich ihn nach dem Golde frage. Das Gerücht von dem Schatz habe er in die Welt geset­zt, gibt er schließlich an, um Kred­it zu erhal­ten für sein schlecht­ge­hen­des Gewerbe, seit er sich im Englis­chen Bürg­erkrieg auf die Seite König Karls I. geschla­gen hat­te und alles Ver­mö­gen dabei ver­lor.

Ich blicke den Gou­verneur an, der meinen Groß­vater mit einem Wink auf die vor­dem genan­nte gespen­stis­che Weise ver­schwinden lässt. Mit einigem Zögern nenne ich ihm nun den Namen Esther Van­hom­righ. Es ist mir ein wenig unheim­lich, meine frühere Geliebte her­beizuz­i­tieren, aber so kön­nte ich sie schließlich doch noch dafür um Verzei­hung bit­ten, ihr so viele Jahre lang meine Ehe ver­heim­licht zu haben. Es tritt jedoch an ihrer Statt ein Herr mit langer Nase und wal­len­den Lock­en auf, in dem ich sofort John Par­tridge erkenne. Er stellt sich mir naserümpfend als der hochwohlge­borene Isaac Bick­er­staff vor. »Vanes­sa« habe ihn geschickt: Sie sei mir immer noch böse. Mich packt darauf eine der­ar­tig heftige Wut, dass ich hand­grei­flich werde, ihn jedoch nicht zu pack­en bekomme, da seine Form und Erschei­n­ung von geis­ter­hafter Natur ist. Der Gou­verneur betra­chtet kopf­schüt­tel­nd den grotesken Tanz, den wir auf­führen, indem ich alles darangebe, diesem Betrüger die Gurgel zuzu­drehen, bis er ihn schließlich eben­falls mit einem bloßen Fin­gerzeig zum augen­blick­lichen Ver­schwinden bringt.

Er erachte mich nicht für würdig, gibt mir der Fürst jet­zt zu ver­ste­hen, mit weit­eren von ihm her­auf­beschwörten Toten Umgang zu haben, da er sich des Ein­drucks nicht erwehren könne, ich stellte ihnen keine Fra­gen, deren Beant­wor­tung von Nutzen sei. Er lächelt dabei milde, doch kann einen verächtlichen Zug um die Lip­pen nicht ver­ber­gen, und mir wird schändlich bewusst, welch ein­ma­lige Gele­gen­heit, die jeden His­torik­er in Entzück­en und selb­st das gemeine Volk in eine gewisse bange Neugierde ver­set­zt hätte, ich so acht­los ver­tan habe. Es ist mir unmöglich, die Beschä­mung meines Herzens so zu beschreiben, dass der Leser einen Begriff davon erhält.

 

aus den geheimen Aufze­ich­nun­gen des Lemuel Gul­liv­er

 

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Hen Par­ty

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Ich betrete den Kor­ri­dor zu unserem Stall und blicke gle­ich voller Mis­strauen nach oben. Auch wenn ich nur ein kleines dummes rotes Huhn bin: Eines weiß ich. Es ist wichtig, zu über­prüfen, ob das Dach noch intakt ist. Seit Stück für Stück der Him­mel ein­stürzt und immer wieder mit schreck­lichem Getöse kristallisierte Wolken und eis­blaue Stücke des Fir­ma­ments herun­ter­fall­en, sollte man keine Räume mehr betreten, deren Decke dem Bom­barde­ment nicht gewach­sen ist.

Moral: James Thurber wär nicht im Ger­ing­sten ver­wirrt, wenn’s klir­rt.

 

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My Grouse My Scar My Bloat

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Rechts die Tür mit der Auf­schrift »Anmel­dung«, hin­ter der bere­its meine Sprech­stun­den­hil­fe Stel­lung bezo­gen hat, links das Wartez­im­mer. Weit­er hin­ten der Rönt­gen­raum und die drei Behand­lungsz­im­mer. Stolz und Zufrieden­heit erfüllen mich. Schon als kleines Kind wollte ich immer Prok­tologe wer­den.