Satisne ordinatum?
Ich betrete den Korridor – wieder und wieder, aber vielen Lesern ist das alles (schreiben sie) zu wirr und labyrinthisch. Ich nehme mir diese Kritik sehr zu Herzen, gelobe Besserung und möchte auch gleich den Beweis antreten, dass es in meinem literarischen Irrgarten durchaus auch wohlgeordnet zugehen kann! Wie wär’s z. B. für den Anfang mit einer alphabetischen Reihung: bcddeeeehIiKnnoorrrrtt?
Horridoh
Ich betrete den Korridor, den die auf Pfähle gespießten Häupter meiner unglücklichen Vorgänger auf dem Weg zum Schloss bilden. Will ich die Hand der Königstochter erringen, so muss ich mich vor ihr verstecken können, ohne dass sie mich aufspürt. Doch ihr Zauberspiegel entdeckt jeden noch so entlegenen Unterschlupf.
Eine Chance habe ich. Mein Freund der Fuchs gräbt mir heimlich einen unterirdischen Gang bis direkt unter ihren Thron. Hier hocke ich und höre sie bald darauf böse fluchen, denn diesmal kann ihr Zauberspiegel mein Versteck nicht zeigen. Zeternd zerschlägt sie ihn.
Nun könnte ich triumphierend hervorkommen und meinen Lohn einfordern, das Mädchen heiraten und an ihrer Seite über das Land herrschen. Mein Freund der Fuchs sieht mich traurig an. Und da wird mir klar, dass ich Besseres zu tun habe als mein Leben mit einer ebenso herrischen wie selbstverliebten Prinzessin zu verbringen, die immer gleich alles kurz und klein schlägt, was ihr nicht zu Willen ist.
Und so wurde ich am Ende zum Wanderer zwischen den Welten, dem die Menschen und ihre Launen suspekt sind und der sich verlässliche Freunde lieber unter den Tieren sucht.
Coup tout-fou
Ich betrete den Korridor. Die magischen Worte »Sesam öffne dich« haben mir den Zugang verschafft. (Na gut, doch wohl eher die richtige Zahlenkombination für die Zugangssicherung.) Der enge Gang weitet sich bald, und die Schatzhöhle der 40 Räuber liegt vor meinen Füßen. (Oder besser gesagt die Asservatenkammer der PD Oldenburg.) Ich schaffe so viel Gold, wie ich tragen kann, zu meinen drei Eseln. (In Wirklichkeit sind es sichergestellte Falschgeldbündel, und, na ja, ich schaufle sie in die Einkaufstüte, die ich dabei habe.) Als sich meine Frau später von ihrem Schrecken und Erstaunen erholt hat, will sie die Goldstücke zählen. (Schön wärs, aber mein Mann hält mir eine Moralpredigt, die sich gewaschen hat, macht mich zur Schnecke und lässt mich die Blüten noch in der gleichen Nacht wieder zurückbringen. Ich soll ihm keine Märchen erzählen und mein Geld auf ehrliche Weise verdienen. Also doch wieder in die Polizeidirektion putzen gehen …)
The Many Tongues of Dust
Ich betrete den Korridor und erreiche eine weitere Galerie. Nun bin ich schon seit vielen Nächten durch Korridore gelaufen und Wendeltreppen hinab- und hinaufgestiegen, ohne einen einzigen Bibliothekar zu finden. Meine Beine schmerzen. Aber ich kann sehen, und das ist eine große Freude für mich: wieder sehen zu können.
Was ich jedoch sehe, lässt mich schaudern. Ich kenne diesen Ort. Ich habe ihn erschaffen. Ich bin in meine eigene Erzählung geraten, so unglaublich Ihnen das vielleicht scheinen mag. Vielleicht ist dies das ganz persönliche Jenseits jedes Menschen: Er wird nach seinem Tod in seinen grandiosesten und schrecklichsten Gedanken versetzt.
Dies ist die Bibliothek von Babel, wie ich sie in der gleichnamigen Erzählung erdacht und in Worte gesetzt habe – aber es gibt hier keine Bücher mehr in den Regalen, sondern nur noch Staub. Manchmal finde ich Reste von Einbänden oder Fetzen uralten, vergilbten Papiers, das zerfällt, wenn ich es berühre. Sonst ist von den Büchern nichts mehr übrig. Die Borde sind leer. Dabei waren es unendlich viele auf unendlich vielen Regalborden in unendlich vielen durch Korridore und Wendeltreppen miteinander verbundenen Galerien.
Ein Bibliothekar kommt mir entgegen und redet mich an. Wie bei allen, die ich traf, seit ich in der Bibliothek bin, kommen von seinen Lippen nur unverständliche Lautfolgen. Ich antworte kurz, weiß aber schon, dass ihm meine Antwort genauso wirr erscheinen wird. Anfangs hielt ich es für eine fremde Sprache oder ein verbales Finnegans Wake, das aus ineinandergeschachtelten Begriffen vieler Dutzend Sprachen besteht und von mir – wenn auch mühsam – zu entschlüsseln sein würde. Doch tatsächlich und gewissermaßen konsequenterweise schlägt mir hier nur ein chaotisches Gebrabbel entgegen, in dem ich bestenfalls mal ein einzelnes verständliches Wort höre, aber das ist dann bloßer Zufall oder gar reines Wunschdenken, denn es lässt sich keinerlei Verständigung darauf aufbauen.
Allen hier geht es so. Ich habe eine Gruppe von vier Bibliothekaren beobachtet, die verzweifelt aufeinander einredeten, und sie schienen fassungslos darüber zu sein, dass keiner auch nur ein Wort des anderen verstehen konnte. Ein junger Mann war unter ihnen, der ein Wams aus rotem Samt trug, und aus seinem Redeschwall, der in etwa klang wie »… lworn Zaünerbskg ahsr Ovj nrztrzr frm Lpttofpr Yjfksl Ähstgp xöasglw …« und dergleichen, glaubte ich die Worte »somatoforme Schmerzstörung« herauszuhören. Ich ging zu ihm und wiederholte die Worte, doch er blickte mich nur verständnislos an.
Seitdem irre ich allein durch die staubigen Hallen, und die Hoffnung meines Herzens zerrinnt wie Sand zwischen den Fingern. Die buchstäblich unzähligen Bücher, die es hier einst gab, enthielten nur zufällige, chaotische Buchstabenfolgen – so habe ich es ersonnen und beschrieben. Und nun kann ich, der ich die Worte meine Welt genannt habe, mich hier niemandem verständlich machen und niemandes Geschichte lauschen. Und da die Bibliothek von Babel, so, wie ich sie in die Welt gesetzt habe, unendlich groß ist, werde ich auch nie den Ausgang finden können.
Deshalb wende ich mich in meiner Not an Sie, mein imaginäres Gegenüber. Sie sind meine letzte Hoffnung. Schreiben Sie mir eine neue Geschichte. Schreiben Sie mir eine neue Bibliothek. Greifen Sie zur Feder und schaffen Sie mir ein neues Heim. Es muss nichts Besonderes sein, ich habe keinerlei Ansprüche und bin mit allem zufrieden, wenn es nur nicht unendlich ist.
Allerdings ist meine Sorge, dass – wenn dieses Ansinnen, wenn dieses Flehen Sie erreicht – Sie nur ein unverständliches Gebrabbel vernehmen, zufällige Silben, aleatorische Lautfolgen, denen sie keinerlei Sinn entnehmen können. Selbst wenn Sie so etwas wie »somatoforme Schmerzstörung« aus dem stotternden Gelalle heraushören sollten, das ich von mir zu geben scheine: Was sollten Sie damit schon anfangen können?
Oder – falls ich das Glück habe, dass Sie mich verstehen, und darauf folgend das noch viel größere Glück, dass Sie tatsächlich zur Feder greifen, um mir aus meiner verzweifelten Notlage herauszuhelfen – ist dann möglicherweise das, was Sie zu Papier bringen, nur ein Kauderwelsch blindlings und unzusammenhängend aufeinanderfolgender Buchstaben, Leer- und Satzzeichen, die in ihrer nackten Sinnlosigkeit nichts bewirken können, außer dass sich das allesverschlingende Rauschen verstärkt, der übermächtige Feind der Bedeutung, die darin zerbröselt, ihre Konturen verliert und sich schließlich auflöst, ohne eine Spur zu hinterlassen?
Ist das mein Schicksal?
Ich weiß mir keinen Ausweg mehr.
Das Paradies habe ich mir immer als große Bibliothek vorgestellt, und jetzt sitze hier in einer der unzähligen Galerien in den pudrigen Überresten der unendlich vielen Bücher, die jetzt ein einziges, gewaltiges Buch aus Staub bilden und damit nichts anderes als das konturlose Rauschen der Materie.
Staub!
Das ist es! Ich schreibe einfach hier in den Staub, schreibe eine neue Erzählung, schreibe mir einen neuen, einen sonnendurchfluteten, glücklicheren Ort! Der Ausweg liegt auf der Hand, es ist ganz simpel. Mein Finger zieht Linien in die graue, formlose Schicht, die den Boden bedeckt. »… lworn Zaünerbskg ahsr Ovj nrztrzr frm Lpttofpr Yjfksl Ähstgp xöasglw …«