Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Hommage

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My Grouse My Scar My Bloat

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Rechts die Tür mit der Auf­schrift »Anmel­dung«, hin­ter der bereits meine Sprech­stun­den­hilfe Stel­lung bezo­gen hat, links das War­te­zim­mer. Wei­ter hin­ten der Rönt­gen­raum und die drei Behand­lungs­zim­mer. Stolz und Zufrie­den­heit erfül­len mich. Schon als klei­nes Kind wollte ich immer Prok­to­loge wer­den.

 

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Mare Chronium–Cogitating

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die Auf­zug­tür schließt sich hin­ter mir. Irgend­wie freue ich mich heute nicht so sehr auf das, was mich hin­ter der Tür zu Zim­mer Nr. 27 erwar­tet, wie ich eigent­lich gedacht hätte. Der Coq au vin auf mei­nem Tablett in zwei­fa­cher Aus­füh­rung duf­tet so ver­füh­re­risch wie immer, und ich bin mir sicher, auch dies­mal ein dickes Trink­geld für den Zim­mer­ser­vice zu bekom­men. Liegt es an Pas­cal? Unser Koch hat den Namen unse­res Gas­tes, »K. K. Kori­an­der«, im Inter­net recher­chiert und mich aus­ge­lacht. Das sei eine Figur aus einem Buch, aus der Unend­li­chen Geschichte von Michael Ende. Ob ich wirk­lich glau­ben würde, unser Herr Kori­an­der wäre echt.

Natür­lich ist er echt, auch wenn er nie von sei­nem Hähn­chen isst. Es wird nicht sein rich­ti­ger Name sein. Na und? Andere che­cken unter fal­schem Namen ein und haben eine junge Frau im Arm. Das sind die eigent­li­chen Betrü­ger. Herr Kori­an­der hat nichts Böses im Sinn, da bin ich mir sicher.

Es ist höchste Zeit. Die fünf Minu­ten nach Mit­ter­nacht sind sicher­lich schon vor­über. Ich klopfe, und Herr Kori­an­der macht mir auf. Er wirkt anders als sonst, nicht so gelas­sen, son­dern ner­vös und etwas fah­rig. Er winkt mich her­ein. Sein Besu­cher hat sich rück­lings aufs Bett fal­len las­sen und stöhnt eksta­tisch.

»You like Coq au vin?«, fragt Herr Kori­an­der. Der Mann rich­tet sich auf. »Beds are the most extra­or­di­nary inven­tion!«, begeis­tert er sich. Er ist offen­bar Ame­ri­ka­ner, leger in einem blauen Hemd geklei­det, hat eine Glatze und einen gepfleg­ten Bart, grau­me­liert, aber von dunk­len Strei­fen durch­setzt. Sein Schnäu­zer ist eben­falls dun­kel.

Ihm scheint zu gefal­len, was ich ser­viere. Sogleich sto­chert er begeis­tert mit der Gabel in dem Hähn­chen herum. Nach­dem ich zwei Glä­ser Tafel­was­ser ein­ge­schenkt habe, trete ich neben das Bett, das Herrn Kori­an­ders Besu­cher so begeis­tert hatte, und halte mich bereit. Ver­mut­lich werde ich erst wie­der benö­tigt, wenn der Mann sein Mahl been­det hat, was mir die Gele­gen­heit gibt, meine Ohren zu spit­zen und dem Gespräch zu fol­gen, soweit mein lücken­haf­tes Eng­lisch das her­gibt.

Den Anfang macht immer der Mars. Und tat­säch­lich: Herr Kori­an­der fragt den Ame­ri­ka­ner, als die­ser sei­nen ers­ten Bis­sen nimmt und dabei in Wohl­laute aus­bricht, nach dem tele­pa­thi­schen Mar­sia­ner Wub. »I don’t remem­ber«, ant­wor­tet ihm sein Gast mit vol­lem Mund. Auch an irgend­wel­che »Bobel« und »Null‑O’s« kann er sich angeb­lich nicht erin­nern. Herr Kori­an­der wirkt ver­wirrt und stu­diert die Noti­zen in sei­nem Büch­lein. Der Ame­ri­ka­ner fragt ihn, ob er ein I Ging dahabe.

Herr Kori­an­der schüt­telt den Kopf. »Kön­nen wir viel­leicht kurz über Sil­vias Engel reden?«, fragt er schließ­lich. »Ah, Angel«, meint der Ame­ri­ka­ner und ver­dreht die Augen, »Angel Archer.«

Herr Kori­an­der ver­sucht rich­tig­zu­stel­len, dass er nicht den Vor­na­men »Angel« meint, son­dern von Engeln spricht. Der Ame­ri­ka­ner sieht ver­wirrt aus. »Valis?«, fragt er, doch über »Valis« möchte Herr Kori­an­der erst spä­ter spre­chen und reagiert kon­ster­niert, als sein Gast ihm in aller Aus­führ­lich­keit von einer Zahn­ex­trak­tion zu berich­ten beginnt, die er sein »Fin­ne­gans Wake« nennt. Herr Kori­an­der scheint mit all­dem über­for­dert. Er sieht sogar ein­mal ver­zwei­felt zu mir her­über, als könne ich hel­fend ein­grei­fen. Ich fasse mir ein Herz und trete zu den bei­den, um Tafel­was­ser nach­zu­schen­ken. Leise sage ich zu Herrn Kori­an­der: »Ich würde ihn fra­gen, wie alles endet.«

Herr Kori­an­der sieht mich stirn­run­zelnd an, wäh­rend ich wie­der in den Schat­ten trete. Die Frage hatte er vor­her ein­mal einem sei­ner Besu­cher gestellt, und irgend­wie habe ich das Gefühl, die­ser hier würde mehr dazu zu sagen haben.

Gerade erzählt der Fremde etwas über einen Irr­gar­ten, wobei er Herrn Kori­an­der beschwö­rend an die Schul­tern fasst: »Es führt kein Weg aus dem Irr­gar­ten her­aus. Der Irr­gar­ten ver­än­dert sich, wäh­rend du durch ihn hin­durch­läufst, weil er leben­dig ist.« So, wie er das erzählt, scheint er das selbst erlebt zu haben, und ich bin froh, dass Herr Kori­an­der etwas bekommt, das er in sein Notiz­buch schrei­ben kann. Hat es nicht sogar auch mit Evo­lu­tion und Bewusst­sein zu tun?

Doch er schreibt nichts auf. Statt­des­sen meint er, das alles ergebe kei­ner­lei Sinn. Er sieht müde aus, sein Gesicht ist grau, und es scheint ihm nicht zu gefal­len, dass er die Kon­trolle über das Gespräch ver­lo­ren hat.

Der Ame­ri­ka­ner lässt sich nicht beein­dru­cken und rät Herrn Kori­an­der, es mal mit Zen zu pro­bie­ren: Das, was kei­ner­lei Sinn macht, ergebe doch gerade erst den größ­ten Sinn. Er schiebt sei­nen Tel­ler weg, obwohl noch Fleisch an den Kno­chen ist.

»Sie kön­nen dann abräu­men«, sagt Herr Kori­an­der in meine Rich­tung. Die Ent­täu­schung steht ihm ins Gesicht geschrie­ben, und seine Stimme klingt gepresst. Auch der Ame­ri­ka­ner bemerkt es. Er ent­schul­digt sich und bekräf­tigt noch ein­mal, dass er sich wirk­lich nicht erin­nert. Es sei alles nur ein Schat­ten und ein Nebel, wabernde geo­me­tri­sche For­men.

»If it’s a dream, it’s not lucid«, sagt er mit einem gewis­sen Bedau­ern, wäh­rend ich die Essens­reste ein­sammle und mit dem Tablett das Zim­mer ver­lasse. Vor der Tür bleibe ich ste­hen und lau­sche, hoffe, dass das Gespräch noch wei­ter­geht, kann aber nichts mehr von den bei­den hören.

Der übrig­ge­blie­bene Coq au vin will mir dies­mal nicht schme­cken. Ich stehe an der Rezep­tion und höre Herrn Kori­an­der die Treppe her­ab­kom­men. Er sieht alt und erschöpft aus. Ich würde ihn gerne trös­ten, aber ich weiß nicht, was ich sagen soll. Als er mir sei­nen Zim­mer­schlüs­sel hin­legt, greife ich nach sei­ner Hand und drü­cke sie kurz. »Sie soll­ten jetzt nicht mehr Auto fah­ren«, rutscht mir her­aus.

Er sieht mich über­rascht an. Schnell lasse ich seine Hand los. »Sie haben doch hier ein Bett«, sage ich. Schla­fen Sie sich ein­fach mal rich­tig aus, will ich sagen, Sie haben es doch schon bezahlt, und das Früh­stücks­buf­fet ist im Zim­mer­preis inbe­grif­fen, will ich sagen. Doch ich senke nur den Blick und bli­cke auf den Tel­ler mit dem kal­ten Hähn­chen­fleisch. »Sie haben recht«, sagt er.

»Früh­stück gibt es bis zehn Uhr«, sage ich, »und falls Sie jetzt noch etwas haben möch­ten …« Er schüt­telt den Kopf, nimmt sei­nen Schlüs­sel, wen­det sich um und geht wie­der die Treppe hin­auf, ein alter, gebeug­ter Mann, der eine schwere Last zu tra­gen scheint.

Viel­leicht, denke ich, steckt auch er in einem Irr­gar­ten, aus dem er nicht mehr her­aus­fin­det.

Als ich am nächs­ten Mor­gen an sei­nem Zim­mer klopfe und es schließ­lich öffne, ist es leer. Herr Kori­an­der ist fort. Er hat den Zim­mer­schlüs­sel auf den Tisch gelegt und mir ein fürst­li­ches Trink­geld hin­ter­las­sen. Zum ers­ten Mal ist das Bett benutzt, und so eigen­ar­tig es klingt: Bet­ten­ma­chen ist nicht gerade das Schönste an mei­nem Job hier – dies­mal aber freue ich mich, es frisch bezie­hen zu kön­nen. Ich mache nicht wie sonst das Radio an, son­dern pfeife selbst ein fröh­li­ches Lied dazu.

 

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Hell­is­lí­king

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»Ich betrete den Kor­ri­dor«, rief der Wald­mäu­se­rich, was in unkun­di­gen Ohren wie eine Reihe kur­zer Pfiffe geklun­gen hätte, »und: nichts.«

Die Wald­mäu­sin brummte unwirsch, und als ihr aus dem Kor­ri­dor ent­ge­gen­schallte »Ich komme dann jetzt zurück«, pfiff sie erregt: »Sieh gefäl­ligst noch drau­ßen vor der Tür nach. Ich bin sicher, etwas gehört zu haben.«

Der Mäu­se­rich schlich unschlüs­sig im Kor­ri­dor ihrer Wohn­höhle umher. »Es riecht ein wenig nach Fuchs«, rief er sei­ner Frau zu, die dar­auf aber nicht ant­wor­tete. Schließ­lich meinte er mit mög­lichst ent­schlos­se­ner Stimme: »Ich glaube, du hast geträumt, und wir soll­ten ein­fach wei­ter­schla­fen!« Prompt pfiff seine Gat­tin: »Ich habe Ein­bre­cher gehört, und es ist deine Auf­gabe und Pflicht, sie zu stel­len und zu ver­trei­ben. Denk nur an unsere kost­ba­ren Win­ter­vor­räte!«

»Ich bin jetzt im Ein­gangs­be­reich«, rief der Mäu­se­rich, »und: nichts. Hier ist nichts.« Das ließ die Mäu­sin nicht gel­ten: »Ich habe aber etwas gehört!«

Der Mäu­se­rich ließ die Schul­tern hän­gen und suchte wei­ter. »Ich bin jetzt drau­ßen vor der Tür«, rief er. Und: nichts.

Nach einer Weile fragte die Mäu­sin nach, doch ihr Gatte ließ nichts mehr von sich hören. Schließ­lich betrat die Wald­maus­frau höchst­selbst den Kor­ri­dor, in dem aber auch sie nichts Unge­wöhn­li­ches ent­de­cken konnte. »Muss man denn alles sel­ber machen?«, brummte sie und trat vor die Wohn­höhle, wo es ihr erging wie ihrem Gat­ten.

 

Wer war­ten kann, dem – so die Moral die­ser Fabel – springt der Fraß von selbst auf die Gabel.

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Mare Chronium–Remembering

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Ich betrete den Kor­ri­dor auf dem Weg zu Zim­mer Nr. 27, auf mei­nem Tablett ein Tel­ler mit einem Coq au vin. Ich muss an Herrn Kori­an­der den­ken. Er bestellte damals zwei­mal Coq au vin mit zwei Fla­schen stil­lem Tafel­was­ser – und zwar jeweils für kurz nach Mit­ter­nacht. Er muss knapp ein Dut­zend Mal hier bei uns im Hotel gewe­sen sein, immer nur für eine Nacht, im Abstand von zwei, drei Wochen. Aber jetzt hat er sich schon ein Jahr lang nicht mehr bli­cken las­sen.

Ich ver­misse ihn ein wenig, genau wie die selt­sa­men Tref­fen mit sei­nen nächt­li­chen Gäs­ten und ihre obskure Unter­hal­tun­gen über den Mars, fremde Zivi­li­sa­tio­nen und nicht­mensch­li­che Intel­li­gen­zen. Wie mag es Herrn Kori­an­der ergan­gen sein, und was ist wohl aus sei­nen Noti­zen gewor­den, die er sich jedes Mal emsig in sein klei­nes leder­ge­bun­de­nes Büch­lein geschrie­ben hat?

Manch­mal, tief in der Nacht, wenn ich allein an unse­rer 24-Stun­den-Rezep­tion aus­harre, lasse ich die Begeg­nun­gen Revue pas­sie­ren. Ich werde immer noch nicht schlau dar­aus, und es ist, als hätte ich da immer eine knappe Stunde lang in einen Film im Spät­pro­gramm gezappt, des­sen Anfang ich ver­passt habe und des­sen Ende mir vor­ent­hal­ten wird.

Beson­ders eine der Geschich­ten, die Herr Kori­an­ders Gäste erzählt haben, will mir nicht aus dem Kopf gehen. Wenn ich mich recht ent­sinne, war es der Ame­ri­ka­ner mit der Horn­brille, der ein wenig Deutsch und offen­bar auch Chi­ne­sisch spre­chen konnte. Sie unter­hiel­ten sich gerade über ver­rückte, unmög­li­che Dinge, die auf fer­nen Pla­ne­ten pas­siert sind, und unver­mit­telt wurde der Ame­ri­ka­ner ganz nach­denk­lich und erzählte etwas von Tau­sen­den chi­ne­si­scher Sol­da­ten, denen im Krieg der Tod durch die Ame­ri­ka­ner drohte, weil sie aus Stolz nicht kapi­tu­lie­ren woll­ten. Die­ses schein­bar unaus­weich­li­che Schick­sal ließ den Offi­zier ver­zwei­feln, bis er auf eine ret­tende Idee ver­fiel. »Ich ließ sie«, erzählte er, »in Man­da­rin die Worte ›Liebe‹, ›Pflicht‹, ›Mensch­lich­keit‹ und ›Tugend‹ rufen, wäh­rend sie ihre Waf­fen nie­der­leg­ten.« Und diese vier Wör­ter »ài zé rén dé« klan­gen dann in den Ohren der Ame­ri­ka­ner wie »I sur­ren­der«, »Ich ergebe mich«.

»Es war nur eine For­ma­lie«, erzählte er, »aber damit wur­den die Chi­ne­sen wie Kriegs­ge­fan­gene behan­delt und ent­gin­gen so dem Erschie­ßungs­tod.« Er hatte ihnen das Leben geret­tet!

Unser Koch Pas­cal meint, die Geschichte könne unmög­lich wahr sein, weil China zuletzt im Korea­krieg gegen Ame­rika kämpfte – vor sech­zig Jah­ren. Tat­säch­lich kam mir der Ame­ri­ka­ner längst nicht so alt vor, als könne er das selbst erlebt haben. Aber viel­leicht habe ich ja auch etwas miss­ver­stan­den und er hat von sei­nem Vater erzählt.

Jeden­falls ist das von den selt­sa­men und bizar­ren Gescheh­nis­sen, die Herr Kori­an­der und seine Gäste am klei­nen Tisch in Zim­mer 27 bere­de­ten, das­je­nige, das mich am meis­ten beein­druckt und am tiefs­ten berührt hat. Auch ein Jahr spä­ter muss ich immer mal wie­der daran den­ken.

»Liebe, Pflicht, Mensch­lich­keit und Tugend« – das könnte auch das Motto für einen auf­merk­sa­men Zim­mer­ser­vice sein, des­sen wir uns hier im klei­nen Land­ho­tel rüh­men. Also sehe ich zu, dass ich den Coq au vin ser­viere, solange er noch heiß ist.

 

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Mamih­la­pi­na­ta­pei

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»Ich betrete den Kor­ri­dor mit der Rose in der Hand«, malt sich in aller Deut­lich­keit der mond­ge­sich­tige Herr aus, der sich auf seine Ren­dez­vous immer gewis­sen­haft vor­be­rei­tet, »und klingle kurz bei ihr. Kurz, aber nicht zu kurz. Zwei­mal.« Alles ist bedacht, nichts über­lässt er dem Zufall, den er als sei­nen per­sön­li­chen Wider­sa­cher betrach­tet.

»Sie öff­net mir und freut sich über die Rose, die ich ihr zur Begrü­ßung rei­che. Im güns­ti­gen Fall ist sie bereits aus­geh­fer­tig. Sie wird die Rose aller­dings ins Was­ser stel­len wol­len.« Der mond­ge­sich­tige Herr möchte die Damen, mit denen er sich ver­ab­re­det, aus­füh­ren, aber kei­nes­falls in ihre Woh­nun­gen gehen. Es sind weni­ger mora­li­sche Beden­ken als eine dif­fuse Angst davor, die jewei­lige Dame könne sich ein Haus­tier hal­ten oder – falls dies im Vor­feld zur Spra­che kam und von der besag­ten Dame ver­neint wurde – sie könne zufäl­lig das Haus­tier einer Freun­din oder eines Fami­li­en­mit­glieds zur Pflege genom­men haben.

»Ich werde solange war­ten«, souf­fliert sich der mond­ge­sich­tige Herr, wor­auf ihn aller­dings in sei­nem Gedan­ken­spiel die Dame bit­tet, dies nicht im Trep­pen­haus, son­dern in ihrer Diele zu tun; es werde auch nicht lange dau­ern. Der Herr mas­siert sich die Schläfe. Es muss einen ande­ren Weg geben.

»Also noch mal zurück an den Anfang«, sagt er sich. Zuerst besorgt er die bei­den Thea­ter­kar­ten, dann klei­det er sich dem Anlass ent­spre­chend und par­fü­miert sich, »ein wenig beid­sei­tig am Hals, nicht jedoch über den Anflug eines Wohl­ge­ru­ches hin­aus oder gar auf­dring­lich«, um dann mit dem guten Geh­stock das Haus zu ver­las­sen und im Blu­men­la­den eine schöne und lang­stie­lige weiße Rose zu erwer­ben, mit der er an der Con­cierge vor­bei, sie »knapp und kei­nes­falls zu freund­lich oder etwa unsi­cher« grü­ßend, die Stiege zwei Stock­werke hin­auf­steigt.

Doch nun fällt ihm, seine Über­le­gun­gen abrupt unter­bre­chend, ein, dass er die ent­spre­chende Dame noch gar nicht gefragt hat, ob sie denn mit ihm ins Thea­ter gehen würde. Dies ist ein Ele­ment des gesam­ten Ablaufs der erwünsch­ten Abend­ge­stal­tung, das dem mond­ge­sich­ti­gen Herrn fast ebenso sehr miss­fällt wie der Gedanke, auf ein Haus­tier zu sto­ßen.

»Also noch mal ganz zurück an den Anfang«, sagt er sich. »Ich trete mit einem Lächeln vor die Per­son, gewin­nend, kei­nes­falls ein Grin­sen, son­dern eher fein und hin­ter­grün­dig, ent­biete ihr mei­nen Gruß und frage sie höf­lich, aber bestimmt, ob sie mir viel­leicht die Ehre erwei­sen würde, mit mir ins Thea­ter zu gehen.« Der mond­ge­sich­tige Herr hat bereits eine Auf­füh­rung ins Auge gefasst. Es ist eine Col­lage aus Stü­cken des Absur­den Thea­ters in einem klei­nen Pro­gramm­thea­ter der Stadt. Aus­ge­sucht hat er sie weni­ger des Inhalts wegen oder auf­grund des Namens des Regis­seurs, der ihm nichts sagt, als wegen des Titels Wir müs­sen drau­ßen blei­ben. Ein Anruf hat ihm bestä­tigt, dass weder Haus­tiere auf der Bühne zum Ein­satz kom­men noch Haus­tiere in Beglei­tung der Besu­cher erlaubt sind.

Spä­ter am Abend aller­dings wird die detail­lier­ten Pla­nun­gen des mond­ge­sich­ti­gen Herrn die Tat­sa­che durch­kreu­zen, dass er die Dame, auf die sich seine Über­le­gun­gen bezie­hen, noch gar nicht ken­nen­ge­lernt hat, und er wird wei­tere Vor­be­rei­tun­gen frus­tiert, aber auch ein wenig erleich­tert auf den fol­gen­den Tag ver­schie­ben.

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The Many Ton­gues of Dust

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Ich betrete den Kor­ri­dor und errei­che eine wei­tere Gale­rie. Nun bin ich schon seit vie­len Näch­ten durch Kor­ri­dore gelau­fen und Wen­del­trep­pen hinab- und hin­auf­ge­stie­gen, ohne einen ein­zi­gen Biblio­the­kar zu fin­den. Meine Beine schmer­zen. Aber ich kann sehen, und das ist eine große Freude für mich: wie­der sehen zu kön­nen.

Was ich jedoch sehe, lässt mich schau­dern. Ich kenne die­sen Ort. Ich habe ihn erschaf­fen. Ich bin in meine eigene Erzäh­lung gera­ten, so unglaub­lich Ihnen das viel­leicht schei­nen mag. Viel­leicht ist dies das ganz per­sön­li­che Jen­seits jedes Men­schen: Er wird nach sei­nem Tod in sei­nen gran­dio­ses­ten und schreck­lichs­ten Gedan­ken ver­setzt.

Dies ist die Biblio­thek von Babel, wie ich sie in der gleich­na­mi­gen Erzäh­lung erdacht und in Worte gesetzt habe – aber es gibt hier keine Bücher mehr in den Rega­len, son­dern nur noch Staub. Manch­mal finde ich Reste von Ein­bän­den oder Fet­zen uralten, ver­gilb­ten Papiers, das zer­fällt, wenn ich es berühre. Sonst ist von den Büchern nichts mehr übrig. Die Borde sind leer. Dabei waren es unend­lich viele auf unend­lich vie­len Regal­bor­den in unend­lich vie­len durch Kor­ri­dore und Wen­del­trep­pen mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Gale­rien.

Ein Biblio­the­kar kommt mir ent­ge­gen und redet mich an. Wie bei allen, die ich traf, seit ich in der Biblio­thek bin, kom­men von sei­nen Lip­pen nur unver­ständ­li­che Laut­fol­gen. Ich ant­worte kurz, weiß aber schon, dass ihm meine Ant­wort genauso wirr erschei­nen wird. Anfangs hielt ich es für eine fremde Spra­che oder ein ver­ba­les Fin­ne­gans Wake, das aus inein­an­der­ge­schach­tel­ten Begrif­fen vie­ler Dut­zend Spra­chen besteht und von mir – wenn auch müh­sam – zu ent­schlüs­seln sein würde. Doch tat­säch­lich und gewis­ser­ma­ßen kon­se­quen­ter­weise schlägt mir hier nur ein chao­ti­sches Gebrab­bel ent­ge­gen, in dem ich bes­ten­falls mal ein ein­zel­nes ver­ständ­li­ches Wort höre, aber das ist dann blo­ßer Zufall oder gar rei­nes Wunsch­den­ken, denn es lässt sich kei­ner­lei Ver­stän­di­gung dar­auf auf­bauen.

Allen hier geht es so. Ich habe eine Gruppe von vier Biblio­the­ka­ren beob­ach­tet, die ver­zwei­felt auf­ein­an­der ein­re­de­ten, und sie schie­nen fas­sungs­los dar­über zu sein, dass kei­ner auch nur ein Wort des ande­ren ver­ste­hen konnte. Ein jun­ger Mann war unter ihnen, der ein Wams aus rotem Samt trug, und aus sei­nem Rede­schwall, der in etwa klang wie »… lworn Zaün­erbskg ahsr Ovj nrz­trzr frm Lpttofpr Yjfksl Ähstgp xöasglw …« und der­glei­chen, glaubte ich die Worte »somat­o­forme Schmerz­stö­rung« her­aus­zu­hö­ren. Ich ging zu ihm und wie­der­holte die Worte, doch er blickte mich nur ver­ständ­nis­los an.

Seit­dem irre ich allein durch die stau­bi­gen Hal­len, und die Hoff­nung mei­nes Her­zens zer­rinnt wie Sand zwi­schen den Fin­gern. Die buch­stäb­lich unzäh­li­gen Bücher, die es hier einst gab, ent­hiel­ten nur zufäl­lige, chao­ti­sche Buch­sta­ben­fol­gen – so habe ich es erson­nen und beschrie­ben. Und nun kann ich, der ich die Worte meine Welt genannt habe, mich hier nie­man­dem ver­ständ­lich machen und nie­man­des Geschichte lau­schen. Und da die Biblio­thek von Babel, so, wie ich sie in die Welt gesetzt habe, unend­lich groß ist, werde ich auch nie den Aus­gang fin­den kön­nen.

Des­halb wende ich mich in mei­ner Not an Sie, mein ima­gi­nä­res Gegen­über. Sie sind meine letzte Hoff­nung. Schrei­ben Sie mir eine neue Geschichte. Schrei­ben Sie mir eine neue Biblio­thek. Grei­fen Sie zur Feder und schaf­fen Sie mir ein neues Heim. Es muss nichts Beson­de­res sein, ich habe kei­ner­lei Ansprü­che und bin mit allem zufrie­den, wenn es nur nicht unend­lich ist.

Aller­dings ist meine Sorge, dass – wenn die­ses Ansin­nen, wenn die­ses Fle­hen Sie erreicht – Sie nur ein unver­ständ­li­ches Gebrab­bel ver­neh­men, zufäl­lige Sil­ben, alea­to­ri­sche Laut­fol­gen, denen sie kei­ner­lei Sinn ent­neh­men kön­nen. Selbst wenn Sie so etwas wie »somat­o­forme Schmerz­stö­rung« aus dem stot­tern­den Gel­alle her­aus­hö­ren soll­ten, das ich von mir zu geben scheine: Was soll­ten Sie damit schon anfan­gen kön­nen?

Oder – falls ich das Glück habe, dass Sie mich ver­ste­hen, und dar­auf fol­gend das noch viel grö­ßere Glück, dass Sie tat­säch­lich zur Feder grei­fen, um mir aus mei­ner ver­zwei­fel­ten Not­lage her­aus­zu­hel­fen – ist dann mög­li­cher­weise das, was Sie zu Papier brin­gen, nur ein Kau­der­welsch blind­lings und unzu­sam­men­hän­gend auf­ein­an­der­fol­gen­der Buch­sta­ben, Leer- und Satz­zei­chen, die in ihrer nack­ten Sinn­lo­sig­keit nichts bewir­ken kön­nen, außer dass sich das alles­ver­schlin­gende Rau­schen ver­stärkt, der über­mäch­tige Feind der Bedeu­tung, die darin zer­brö­selt, ihre Kon­tu­ren ver­liert und sich schließ­lich auf­löst, ohne eine Spur zu hin­ter­las­sen?

Ist das mein Schick­sal?

Ich weiß mir kei­nen Aus­weg mehr.

Das Para­dies habe ich mir immer als große Biblio­thek vor­ge­stellt, und jetzt sitze hier in einer der unzäh­li­gen Gale­rien in den pud­ri­gen Über­res­ten der unend­lich vie­len Bücher, die jetzt ein ein­zi­ges, gewal­ti­ges Buch aus Staub bil­den und damit nichts ande­res als das kon­tur­lose Rau­schen der Mate­rie.

Staub!

Das ist es! Ich schreibe ein­fach hier in den Staub, schreibe eine neue Erzäh­lung, schreibe mir einen neuen, einen son­nen­durch­flu­te­ten, glück­li­che­ren Ort! Der Aus­weg liegt auf der Hand, es ist ganz sim­pel. Mein Fin­ger zieht Linien in die graue, form­lose Schicht, die den Boden bedeckt. »… lworn Zaün­erbskg ahsr Ovj nrz­trzr frm Lpttofpr Yjfksl Ähstgp xöasglw …«