Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Fantasy

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Das Titelbild zeigt einen Menschen mit Stierkopf in Anzug und roter Krawatte an einem Rednerpult vor einem historischen Gebäude mit Säulen. Er hält eine Rede am Mikrofon. 
Ein digitaler Button zeigt einen Mechanismus mit Glocke und Bett.

♫ From the Bön Scrip­tures ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der in das Laby­rinth führt, das ich nie mehr ver­las­sen werde. Däda­lus steht hin­ter mir und lächelt stolz. Er hat Monate damit ver­bracht, es zu kon­stru­ie­ren und für mich ein­zu­rich­ten. Er nennt es »Palast«.

»Ich werde ver­durs­ten und ver­hun­gern«, sage ich. Däda­lus schüt­telt den Kopf: »Wirst du nicht. Unten, im Kel­ler des Palas­tes, gibt es eine Quelle. Es gibt Innen­höfe mit zahl­rei­chen Obst­bäu­men, und es gibt ein feuch­tes Gewölbe, in dem zahl­lose Cham­pi­gnons wach­sen.«

»Ich werde ein­sam sein«, pro­phe­zeie ich düs­ter. Däda­lus hält dage­gen: »Wir wer­den dir immer wie­der Unter­hal­tung schi­cken. Junge Män­ner und Jung­frauen unse­rer Vasal­len­staa­ten, mit denen du ver­fah­ren kannst, wie du möch­test.«

»Fleisch«, sage ich. »Wie du meinst«, sagt Däda­lus.

»Ich werde mich nach Frei­heit seh­nen und ver­rückt wer­den.« Däda­lus scheint wenig beein­druckt: »Wirst du nicht. Der Palast wird dir unend­lich groß erschei­nen, und du wirst immer wie­der neue Räume ent­de­cken, neuen Wun­dern begeg­nen. Ich habe dafür gesorgt, dass du dir einen gere­gel­ten Tages­ab­lauf gestal­ten kannst, mit allem, was du gerne tust. Das fängt an mit einem gro­ßen, wei­chen Bett aus Stroh, an das ich eine kleine Glo­cke gestellt habe, die – sobald die Sonne auf­geht – von einem Mecha­nis­mus ange­schla­gen wird. Das Bim­meln wird dann immer lau­ter, bis du end­lich auf­stehst.« Als er mich stöh­nen hört, fügt er an: »Wenn du aller­dings noch ein wenig wei­ter­schla­fen möch­test, kannst du den Mecha­nis­mus mit einem klei­nen Hebel dazu brin­gen, für einige Zeit mit dem Schla­gen der Glo­cke auf­zu­hö­ren.«

»Erfin­dun­gen …«, sage ich abfäl­lig, »das ist alles, was du kannst: Dir irgend­wel­che Mecha­nis­men und Vor­rich­tun­gen aus­den­ken. Was aber ist mit den Men­schen und ihren Gefüh­len?«

»Du bist kein Mensch. Jeden­falls nicht rich­tig.« Doch als er bemerkt, dass mir Trä­nen in die Augen tre­ten, beeilt er sich zu sagen: »Aber auch an deine Gefühle habe ich gedacht, mein Lie­ber.«

Hoff­nungs­froh sehe ich ihn an, wie er da im Ein­gang zu dem Kor­ri­dor steht, hin­ter ihm der blaue Him­mel und das Meer – die Frei­heit, die ich jetzt zum letz­ten Mal sehen, rie­chen und hören darf.

»Ich weiß«, sagt Däda­lus, »dass dir eigent­lich die Königs­würde zustünde. Dass ein … böses Schick­sal dir dein Erbe und Anrecht ver­wehrt.« Er ver­gisst zu sagen, dass er es war, der die­ses Schick­sal her­bei­ge­führt hat. Den­noch lau­sche ich erwar­tungs­voll sei­nen Wor­ten. Was hat er mir zuge­dacht?

»Du wirst in dei­nem Palast«, sagt er, »einen Bal­kon fin­den, der sich auf einen gro­ßen Platz hin öff­net. Dort kannst du dich prä­sen­tie­ren und Reden hal­ten. Und wenn du an dem höl­zer­nen Knauf ziehst, den du neben der Brüs­tung siehst, wird dir dein Volk applau­die­ren und aus vie­len Keh­len zuju­beln.«

»Mein Volk?«

»So wird es sich anhö­ren, ja. Ich habe lange an der Hydrau­lik getüf­telt.«

Ich sacke in mich zusam­men. Wie­der nur eine mecha­ni­sche Vor­rich­tung, eine Attrappe wie die, auf die mein Vater, der Stier, her­ein­fiel.

»Es wird dir gefal­len. Da bin ich ganz sicher!«

Däda­lus lächelt mir auf­mun­ternd zu. Er tritt einen Schritt zurück, ins Freie, und legt einen Hebel um. Mit einem Knir­schen senkt sich ein Wand­stück her­un­ter, um den Kor­ri­dor zu ver­schlie­ßen. Ich könnte diese Stelle hier mar­kie­ren, mit mei­nen Hör­nern ein Kreuz in die Wand rit­zen, damit sich sie wie­der­fin­den und zer­stö­ren kann. Aber ich bin sicher, auch daran hat Däda­lus gedacht und Mit­tel und Wege erson­nen, mich daran zu hin­dern, mich zu ver­wir­ren und zu nar­ren und auf ewig zum Gefan­ge­nen in die­sem Palast zu machen.

Er beugt sich her­un­ter, um mir unter der lang­sam her­ab­rut­schen­den Wand ein letz­tes Mal zuzu­win­ken.

»Sei nicht trau­rig! Du weißt ja …«, ruft er.

»Es ist für alle das Beste so«, wie­der­hole ich brav, was er mir immer wie­der ein­ge­schärft hat, »auch für mich.« Däda­lus nickt lächelnd. Dann ist er hin­ter der Wand ver­schwun­den. Mit einem dump­fen Laut schließt sie den Kor­ri­dor ab, als habe sie immer schon dort gestan­den.

Ich fühle mich ein wenig nie­der­ge­schla­gen. Schließ­lich mache ich kehrt und betrete mei­nen Palast auf der Suche nach dem Bal­kon.

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Das Titelbild zeigt die Innenansicht eines alten, reich gefüllten Antiquitätengeschäfts mit hohen Regalen voller Bücher, antiken Vasen, Kerzenleuchtern und einem großen, verzierten Teppich auf dem Boden unter einer Kuppel mit buntem Glasfenster. Ein digitaler Button zeigt eine altertümliche Geldbörse.

♫ Tre­asure Chest Dwel­lers ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, in dem der Anti­quar seine unver­käuf­li­chen Arte­fakte lagert. Er tut so, als sei es eine große Ehre, von ihm hier­her­ge­führt zu wer­den. Mit blu­mi­gen Wor­ten beschreibt er, was er angeb­lich nie an den Mann brin­gen wird, aber auch nicht ein­fach leich­ten Her­zens weg­wer­fen kann:

Ein Unsterb­lich­keits­elexir, das das Altern nicht ver­hin­dert. (Wäre viel­leicht etwas für den größ­ten Feind oder die Ehe­frau, wenn man sicher sein will, im Alter noch gepflegt zu wer­den, meint der Anti­quar mit einem zwei­deu­ti­gen Lächeln. Ich winke ab.)

Eine Tarn­kappe, die den Trä­ger aber nur run­ter bis zu den Knien unsicht­bar macht. (In hohem Gras könne sie viel­leicht nütz­lich sein, meint der Anti­quar ver­son­nen. Ich winke ab.)

Ein flie­gen­der Tep­pich, der buch­stäb­lich nur im Tempo einer Schne­cke von der Stelle kommt. (Dafür steigt er aber auch nur ein paar Zen­ti­me­ter hoch, maxi­mal, meint der Anti­quar und schürzt die Lip­pen. Ich winke ab.)

Ein magi­scher Schlüs­sel, mit dem man zwar keine Türen auf­be­kommt, sie dafür aber für immer ver­schlie­ßen kann. (Er solle viel­leicht mal bei der Atom­in­dus­trie anfra­gen, meint der Anti­quar gespielt nach­denk­lich, als sei ihm diese Idee gerade erst gekom­men. Ich winke ab.)

Ein Fläsch­chen mit einer Wahr­heits­droge, die aller­dings die Neben­wir­kung hat, dass die Wahr­heit in aller minu­tiö­sen Deut­lich­keit erzählt wird und das Opfer sich heil­los in Details ver­liert, ohne je zum ent­schei­den­den Punkt zu kom­men. (Manch­mal habe er den Ein­druck, der Sud werde bei gewis­sen Talk­shows im Fern­se­hen ein­ge­setzt, meint der Anti­quar und lacht etwas gequält. Ich winke ab.)

Die Bun­des­lade, die in Wirk­lich­keit ein quan­ten­me­cha­ni­sches Funk­ge­rät ist, mit­tels des­sen man mit Gott tele­fo­nie­ren kann. (Also mit dem bibli­schen Jehova, erklärt der Anti­quar jovial und fügt an, dass die­ser schon seit eini­ger Zeit den Hörer nicht mehr abnimmt. Er lächelt ver­schmitzt: kein AB. Ich winke ab.)

Ein Lie­bes­trank, der dazu führt, dass, wer ihn zu sich nimmt, in unsterb­li­cher Liebe zu sich selbst ent­brennt. (Wobei dies für viele von der Liebe Ent­täuschte, meint der Anti­quar mit einem Sei­ten­blick zu mir, ja eigent­lich nach der per­fek­ten und nach­hal­ti­gen Lösung klinge. Ich winke ab.)

Ein Buch, das sich, wenn man es auf­schlägt, in die­sem Moment selbst schreibt. (Es stün­den aber immer nur kleine, ver­wor­rene Geschich­ten drin über jeman­den, der Gänge oder Flure oder so betritt, nein, »Kolon­na­den« heiße es da immer – jeden­falls könne mit dem Geschreib­sel kein Mensch etwas anfan­gen, meint der Anti­quar miss­mu­tig. Ich frage, wie viel er dafür haben will.)

 

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Das Titelbild zeigt das sphinxähnliche steinerne Monument einer Frau in einer großen Höhle, umgeben von schlafenden Zwergen, Drachen, Vögeln und anderen Fabelwesen. Ein digitaler Button zeigt einen griechischen Tempel vor einem Berg.

♫ March of the Monu­ments ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Meine alten Gelenke schmer­zen, aber ich lasse nicht darin nach, mei­nen täg­li­chen Kon­troll­gang zu machen, durch den gehei­men Kor­ri­dor tief hin­ein in den Olymp, in dem sich eine ver­bor­gene Gewöl­be­halle befin­det. Hier lie­gen, im sie­ben­tau­send­jäh­ri­gen Schlaf, Elfen, Zwerge, Dra­chen, Wich­tel, Trolle, Ein­hör­ner, der Vogel Rok, Zyklo­pen, Zen­tau­ren, Dschinns und Schutz­en­gel. Sie  war­ten hier die Herr­schaft der Men­schen ab, unge­schlach­ter, tum­ber, schwer­fäl­li­ger Gestal­ten, die an der Ober­flä­che der Erde Unord­nung machen und Unfrie­den stif­ten.

Manch­mal schlägt eines der Alten Wesen die Augen auf und glaubt, schwer zu träu­men. Ich setze mich dann dazu und singe eines der alten Wie­gen­lie­der. Nicht mehr lange, und die Zeit der Men­schen wird zu Ende gehen. Wenn sie fort sind und die recht­mä­ßi­gen Hüter der Erde sich den lan­gen Schlaf aus den Augen gerie­ben haben, wird mein neun­tes Leben sich end­lich dem Ende zunei­gen, und ich werde ein letz­tes Mal mit schmer­zen­den Pfo­ten durch den Kor­ri­dor lau­fen, ihnen voran, um ihnen den ver­steck­ten Aus­gang zu zei­gen, von dem aus sie vom Olymp her­ab­stei­gen kön­nen.

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Das Titelbild zeigt die Nahaufnahme eines muskulösen, menschenähnlichen Wesens mit dem bärtigen, zotteligen Gesicht eines Bullen, großen gebogenen Hörnern und gelben Augen. Ein digitaler Button zeigt ein durchgestrichenes O.

♫ Family Beast ♫


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Ich betrete den K… Wer war das?! Wer hat einen Eimer Was­ser auf die ange­lehnte Tür gestellt? Wer wagt es, sich mit mir, dem Unge­tüm, einen alber­nen Scherz wie die­sen zu erlau­ben? Ich schüttle meine sträh­nige Mähne und brülle, dass es in den Gän­gen mei­nes Palasts lange wider­hallt. Ich finde euch! Nie­mand kennt das Laby­rinth bes­ser als ich, der Men­schen­fres­ser.

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Das Titelbild zeigt einen Raum mit Kunstwerken: links eine Büffelskulptur, mittig ein Relief mit kämpfenden Figuren, rechts ein gerahmtes Landschaftsgemälde mit einer Person in rotem Gewand, davor ein großes rotes Wollknäuel mit einem Faden, der zu einem kleinen Steinbänkchen führt.

♫ Uvs Nuur ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Den Faden, der hin­durch­läuft, rolle ich immer wei­ter auf: Ich habe bereits ein beacht­li­ches Knäuel in der Hand. Ich sehe, dass der Faden unter einer der Türen ver­schwin­det. Hier werde ich sie fin­den, hier war­tet sie auf mich! Ich werfe das Knäuel acht­los von mir und laufe zu der Tür, die sich in nichts von den zahl­lo­sen ande­ren unter­schei­det. Als ich sie öffne und mit ihrem Namen auf den Lip­pen hin­durch­eile, steht mir ein Wesen mit einem Stier­kopf gegen­über und reißt mir mit einem sei­ner Hör­ner das Fleisch mei­ner Brust auf, legt mein Herz frei. Ich stürze zu Boden. »Er ist doch mein Bru­der«, höre ich ihre Stimme ganz nah an mei­nem Ohr.

Wie viele vor mir? Und wie viele wer­den sie noch locken? Und all das viele Blut … Der Was­ser­fall in mei­nen Ohren wird lau­ter und lau­ter, bis nur noch ein alles ver­schlin­gen­des Rau­schen da ist, das mich gnä­dig in sich auf­nimmt.

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Das Titelbild zeigt zwei Männer in Anzügen in einem altmodischen Raum mit Teppichboden, einem Schreibtisch, zwei altertümlichen Fernsehern auf einem Ständer und zwei gerahmten Bildern an der Wand.

♫ Hello Folly! ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist immer ein lan­ger Auf­stieg zum Ely­sium, auch an die­sem Hei­lig­abend 1930 A. D. End­lich komme ich oben an. Wie jedes Jahr erstatte ich dem Schöp­fer Bericht.

Erwar­tungs­voll sieht er mich an: »Nun?« – »Sie haben deine War­nung miss­ach­tet, vom Baum der Erkennt­nis geges­sen und den Gar­ten Eden ver­las­sen.« – »Ich weiß, ich weiß. Fang nicht immer bei Adam und Eva an.« – »Sie füh­ren grau­same Kriege in dei­nem Namen, beu­ten in unver­ant­wort­li­cher Weise die ihnen anver­traute Schöp­fung aus und ver­hal­ten sich auf gera­dezu got­tes­läs­ter­li­che Weise kurz­sich­tig, eng­her­zig und klein­geis­tig.« – »Du bist mir ein rech­ter Advo­ca­tus dia­boli. Das alles ist mir schmerz­lich bewusst.«

»Ich finde jeden­falls, sie haben Strafe ver­dient. Darf ich sie … ins Höl­len­feuer wer­fen?«, frage ich lau­ernd und wische mir einen Spei­chel­fa­den aus dem Mund­win­kel. »Nicht nötig. Das wer­den sie sich in weni­gen Jah­ren wie­der selbst berei­ten.« – »Ein wei­te­rer Welt­krieg? Hm. Darf ich dann wenigs­tens … ihren Geist noch mehr ver­wir­ren, auf dass sie nicht nur mit Dumm­heit, son­dern mit Wahn­sinn geschla­gen sind?«, frage ich und ver­su­che, dabei nicht allzu gei­fernd zu wir­ken. »Auch das wer­den sie selbst erle­di­gen: Gerade eben haben sie das Fern­se­hen erfun­den.«

»Das Fern­se­hen? Ach. Hm. Darf ich …? Wäre es mög­lich …? Mit mei­nem bösen Blick viel­leicht …«, stot­tere ich, scharre ner­vös mit dem Pfer­de­fuß und ärgere mich über mich selbst, dass es mir ein­fach nicht gelin­gen will, sou­ve­rä­ner und über­zeu­gen­der auf­zu­tre­ten. »Du wirst sie ein­fach wei­ter­hin beob­ach­ten, mein Lie­ber.« – »Aber wozu?« – »Weil du noch viel ler­nen musst.«

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Das Titelbild zeigt einen Blick aus einem labyrinthartigen Steinbauwerk nach oben auf einen angreifenden Adler mit ausgebreiteten Flügeln und gespreizten Krallen vor blauem Himmel mit Wolken und weiteren Vögeln.

♫ Nir­bas Hunt Lashlarms (Exc) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Irgend­wie glaube ich, dass mich die Insel­be­woh­ner los­wer­den wol­len, und bin auf der Hut. Sie mögen meine gro­ßen Ohren nicht und die stäm­mi­gen Beine, meine Anders­ar­tig­keit, ver­mute ich. Schmuck­lose, grob ver­putzte Stein­wände zu bei­den Sei­ten, und da es kein Dach gibt, scheint die Sonne her­ein: Prü­fend lasse ich mei­nen Blick umher­schwei­fen. Erwar­tet mich eine Fall­grube? Wer­den Speere, aus­ge­löst durch meine Schritte, aus den Wän­den schnel­len, um mich zu durch­boh­ren? Es riecht streng. Offen­bar trei­ben die Insu­la­ner sonst Zie­gen in die­sen Kor­ri­dor. Behut­sam setze ich Fuß vor Fuß. Plötz­lich ver­dun­kelt ein Schat­ten die Sonne. Ich bli­cke auf und sehe einen rie­si­gen Vogel auf mich her­ab­stür­zen. In dem engen Kor­ri­dor kann ich mich nicht schnell genug umdre­hen. Und wo sollte ich auch hin? Ich werde ein leich­tes Opfer für die aus­ge­streck­ten Kral­len, jede von ihnen so groß wie ein aus­ge­wach­se­ner Leo­pard. Sie packen mich, und mit ein paar mäch­ti­gen Schwin­gen­schlä­gen erhebt sich der majes­tä­ti­sche Vogel wie­der in die Luft. Anschei­nend will er mich lebend. Unter mir haben sich, auf ihrem Platz vor dem Tem­pel des Wehr­haf­ten Nackt­mulls, die Insel­be­woh­ner ver­sam­melt; sie schwen­ken die Arme und tan­zen, beschwingte Trom­mel­mu­sik ertönt. Ich trom­pete pro­tes­tie­rend.

Der Rie­sen­vo­gel hält auf einen Berg­hang zu. Ich erkenne ein immens gro­ßes Nest, aus dem sich vier gewal­tige, auf­ge­sperrte Schnä­bel recken. Das hung­rige Kräch­zen der Küken lässt mir das Blut in den Adern gefrie­ren.

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Das Titelbild zeigt einen engen, dunklen Gang mit Ziegelsteinwänden und einem schmalen, bogenförmigen Fenster mit aufgebogenem Gitter, durch das eine Terrasse mit Palme und blauem Himmel sichtbar ist.

♫ Find the Hid­den Wis­hing Well ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Eines der Fens­ter gegen­über den Türen geht auf einen klei­nen Innen­hof hin­aus, in dem ein Brun­nen plät­schert. In der klei­nen Pal­men­gruppe zwit­schern unbe­schwert die Vögel. Ich stehe lange dort und genieße den Blick und die fri­sche Luft, die zu mir her­ein­weht. Wie gern würde ich dort sein! Doch mit den lan­gen Hör­nern passe ich nicht durch die Fens­ter­öff­nung.

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Das Titelbild zeigt ein Buchcover mit zwei weißen Einhörnern vor einem dunklen Sternenhimmel, umgeben von goldenen Verzierungen und dem Schriftzug 'UINMICINORNS', auf einem Holzuntergrund mit verstreuten Wassertropfen.

♫ Sequax ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor mit den Amphi­bien. Mein Vater hat an alles gedacht. Selbst an Becken für die Tiere, die zwar einen Teil ihres Lebens im Was­ser ver­brin­gen, aber den­noch die Große Flut nicht über­le­ben wür­den. Die Käfige sind klein, aber es muss ja auch für alle Platz sein. Trotz des stän­di­gen Getrom­mels des Regens oben auf dem Holz­deck höre ich die Löwen im Kor­ri­dor der Raub­kat­zen. Sie sind schon seit Tagen hung­rig. Das hat mein Vater nicht bedacht. Ges­tern berie­ten wir, wen wir an unsere Fleisch­fres­ser ver­füt­tern sol­len. Eine schwere Ent­schei­dung, denn wie auch immer unsere Wahl aus­fällt: Diese Tiere wird es nach der Flut nicht mehr geben.

Die nied­li­chen Kanin­chen, die quir­li­gen Eich­hörn­chen, die put­zi­gen Zie­gen und selbst die Nackt­mulle habe ich mit Hän­den und Füßen ver­tei­digt. Soll Vater doch die häss­li­chen Nas­obēme neh­men. Sie stin­ken erbärm­lich und sind nie­man­dem von Nut­zen. Er schien ein­ver­stan­den, aber ich glaube fast, er fängt doch mit den Ein­hör­nern an, auf die er nicht gut zu spre­chen ist, seit­dem ihm die Stute beim Füt­tern das linke Auge aus­ge­sto­chen hat.

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Das Titelbild zeigt einen schmalen Waldweg zwischen hohen Bäumen, der zu einer großen, rostigen Metallwand mit Nieten führt, vor der ein Vogel flattert, während im Vordergrund ein Eichhörnchen sitzt.

♫ Bey­ond the Point of No Return ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, gefolgt von mei­ner Truppe. Infer­na­li­sche Hitze schlägt uns ent­ge­gen, der Kor­ri­dor ist ein ein­zi­ges Flam­men­meer. Tja, der Schatz aller Schätze mag gut geschützt sein, doch ich habe Hel­fer dabei. Meine zwei Feu­er­sa­la­man­der tre­ten an. Sie salu­tie­ren und bege­ben sich in die lodernde Hölle, um zur gegen­über­lie­gen­den Seite zu gelan­gen, wo sie den Flam­men­wer­fern den Saft abdre­hen. Der Weg ist frei. Wir mar­schie­ren wei­ter, zwi­schen den ruß­ge­schwärz­ten und noch glut­hei­ßen Wän­den hin­durch.

Das nächste Por­tal und der Gang dahin­ter sind kom­plett mit Erd­reich aus­ge­füllt – hier ist meine Maul­wurf­bri­gade gefragt. Sie set­zen ihre Helme auf und machen sich an die Arbeit. Wenig spä­ter kön­nen wir pas­sie­ren.

Wir sto­ßen auf ein abwärts­füh­ren­des Trep­pen­haus vol­ler Was­ser. Auch daran habe ich gedacht. Klar, dass es der ele­men­tarste aller Schätze, der sich schon Jahr­zehn­tau­sende lang allen Grab­räu­bern ent­zieht, uns nicht leicht macht. Die Sumpf­schild­krö­ten set­zen sich in Marsch und tau­chen die Stu­fen hinab. Offen­bar fin­den sie bald dar­auf den Aus­lass, denn mit einem Mal sinkt der Was­ser­spie­gel. Ein letz­tes wäss­ri­ges Rülp­sen hallt im Trep­pen­haus nach, und wir kön­nen hin­un­ter­stei­gen, wenn auch die Stu­fen noch ziem­lich glit­schig sind und wir auf­pas­sen müs­sen, nicht lang hin­zu­schla­gen.

Im nächs­ten Kor­ri­dor wach­sen Mam­mut­bäume so eng neben­ein­an­der, dass dort kein Durch­kom­men ist. Nicht ein­mal meine Hand kann ich zwi­schen den Stäm­men hin­durch­ste­cken. Holz? Ich hatte Luft erwar­tet. Oder Aris­to­te­li­schen Äther. Aber Holz? Flei­ßig bege­ben sich die Ter­mi­ten ans Werk. Doch obwohl sie sich voll ins Zeug legen, kom­men sie nicht son­der­lich schnell voran. Es dau­ert Tage, bis sie die Bäume zu Holz­mehl ver­ar­bei­tet haben. Die Moral der Truppe sinkt. Einige glau­ben nicht mehr an einen Erfolg und keh­ren um, obwohl ich beschwö­rend an sie appel­liere, nicht auf­zu­ge­ben. Jetzt hält nur noch ein Bruch­teil derer zu mir, die mit mir auf­ge­bro­chen sind.

Der letzte Kor­ri­dor – denn nach alter Über­lie­fe­rung kön­nen es nicht mehr als fünf sein – ist wie­der ange­füllt. Doch nicht mit Luft oder Äther, son­dern mit Metall. Das Por­tal öff­net sich auf mas­si­ves Eisen, womög­lich in flüs­si­ger Form in den Kor­ri­dor gegos­sen und dann erkal­tet. Wir Übrig­ge­blie­be­nen bli­cken uns an. Damit hat kei­ner von uns gerech­net. Ich werfe einen ver­zwei­fel­ten Blick auf unse­ren bunt zusam­men­ge­wür­fel­ten Trupp. Die­sem Mate­rial ist kei­ner von uns gewach­sen.

Ein Zwit­schern. Ich schaue hoch. Ein klei­ner Vogel fliegt heran, ohne uns zu beach­ten. Einen Moment lang schwebt er flat­ternd vor der mas­si­ven Eisen­wand, wetzt sei­nen Schna­bel kurz daran, und fliegt dann wie­der davon. An der Stelle, an der er – ver­mut­lich schon zum wer­weiß­wie­viel­ten Mal – sei­nen Schna­bel gewetzt hat, ent­deckt das Eich­hörn­chen eine kleine Ein­buch­tung im Metall und macht uns piep­send dar­auf auf­merk­sam.

Auch an die­ser Legende ist also etwas Wah­res dran. Doch nun wer­fen sogar meine letz­ten Getreuen das Hand­tuch und machen kehrt – offen­bar nicht mit der Geduld und Hart­nä­ckig­keit eines Vögel­chens aus Hin­ter­pom­mern geseg­net, das alle hun­dert Jahre ein­mal mit dem Schna­bel kurz ins Eisen pickt. Nur ich, als letz­ter der Schatz­su­cher, setze mich mit ver­schränk­ten Armen vor das nackte Metall. Jetzt bin ich schon so weit gekom­men. Da schreckt mich auch nicht mehr, war­ten zu müs­sen, selbst wenn es ein Weil­chen dau­ern sollte.