Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Zimmer 27

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Das Titelbild zeigt das Porträt eines Mannes vor einer kargen, felsigen Marslandschaft mit einem großen Mond am Himmel. Oben rechts ist eine Art grünes Notausgangsschild eingeblendet. Im Sand liegt ein Schlüssel, dessen Anhänger die Nummer 27 trägt.

♫ Mare Chronium––Contemplating ♫


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Ich betrete den Korridor, das Tablett mit den zwei Mahlzeiten in der Hand. Es ist Coq au Vin und duftet köstlich.

Unser Gast möchte, dass ich um fünf Minuten nach Mitternacht serviere. Es ist ein netter älterer Herr mit grauen Bartstoppeln, der bereits alles im Voraus bezahlt hat. »K. K. Koriander« hat er auf den Meldezettel geschrieben und sich gleich mehrfach versichert, dass die Rezeption in unserem kleinen Landhotel auch wirklich rund um die Uhr besetzt und der Zimmerservice absolut pünktlich ist. Die nächtliche Rezeptionistin und der Zimmerservice, das bin ich, und es ist genau fünf nach Mitternacht. Ich klopfe an die Tür von Zimmer Nr. 27.

Die Tür öffnet sich: »Kommen Sie herein. Das riecht ja köstlich.« Herr Koriander ist nicht allein. Es sitzt ein junger Mann dort, vielleicht dreißig Jahre alt. Er trägt einen Anzug, und sein Haar ist ein wenig verstrubbelt.

Herr Koriander weist auf den Tisch. Ich stelle ihnen die Teller hin, lege Besteck und Servietten hinzu und gieße zwei Gläser stilles Tafelwasser ein. Der junge Mann lächelt mir zu. Mir ist etwas seltsam zumute. Wie ist er hier hereingekommen? Ich stand doch die ganze Zeit an der Rezeption. Oder kam er gerade in den Minuten, in denen ich in der Küche war und den Coq au vin holte?

»Bleiben Sie bitte«, meint Herr Koriander zu mir, »falls wir noch etwas benötigen sollten.« Ich nicke und trete neben das Bett. Sollte um diese Zeit unerwarteterweise jemand etwas von mir wollen, gibt es dafür einen Rufknopf an der Rezeption.

Die beiden Männer prosten sich mit dem Wasser zu, und während sich der junge Mann heißhungrig auf sein Hähnchen stürzt, stellt ihm der ältere Fragen. Sie unterhalten sich auf Englisch, und Herr Korianders Gast ist offenbar Amerikaner. Es geht, soweit ich das verstehe, um den Mars und irgendwelche Lebewesen dort.

»Tweerl?«, fragt Herr Koriander, oder zumindest klingt es so. Der junge Mann lacht und meint, Menschen können das nicht aussprechen, also er selbst auch nicht. Herr Koriander jedenfalls ist ganz interessiert an etwas, dass er nicht-menschliches Bewusstsein nennt. Es ist sehr seltsam, was die beiden da reden – der junge Mann, der immer wieder fertigkaut und schluckt, bevor er antwortet, und Herr Koriander, der überhaupt nicht isst, sondern sich in ein kleines Büchlein Notizen macht.

Sie reden über das Wesen mit dem unaussprechlichen Namen, als stünde es im Raum. Herr Koriander will wissen, wie es sich entwickeln konnte und was mit den anderen »Thots« ist. Ich bin ganz verwirrt, denn einerseits scheinen sie über eine Art Vogel zu reden – »beak« heißt doch »Schnabel«, oder? –, andererseits über einen ägyptischen Gott, der den alten Ägyptern das Schreiben und Lesen beigebracht haben soll.

Der junge Mann wirft den letzten abgenagten Knochen zurück auf den Teller und wischt sich die Hände an der Serviette.

»Ich hätte gerne noch über die Venus mit Ihnen gesprochen«, meint Herr Koriander bedauernd, »und die intelligenten Pflanzen dort.« Mir scheint ziemlich verschroben, über was die beiden sich da mitten in der Nacht unterhalten. Der junge Mann zuckt mit den Schultern. »Yummie«, sagt er und wischt sich über die Lippen, was wohl heißen soll, dass es ihm geschmeckt hat.

Herr Koriander wendet sich mir zu: »Wir sind dann fertig. Sie können abräumen.« Das tue ich. Das Wasser lasse ich ihnen stehen.

Eigenartig, denke ich, als ich mit unserem alterschwachen Aufzug nach unten fahre. »Tweerl« geht mir noch einmal durch den Kopf. Was immer es ist, es muss ein sehr eigenartiges Wesen sein, das ganz anders denkt als normale Menschen. Aber normale Menschen waren das ja nicht gerade, die beiden.

Kurze Zeit später tritt Herr Koriander zu mir an den Counter und gibt mir seinen Zimmerschlüssel. »Möchten Sie noch ausgehen?«, frage ich verwirrt, denn hier im Dorf liegt um diese Zeit alles im tiefen Schlaf. Doch Herr Koriander möchte auschecken. Er legt mir ein großzügiges Trinkgeld hin. Ich bedanke mich und blicke ihm verwundert hinterher. Es ist kurz nach eins in der Nacht.

Und erst dann fällt mir der junge Amerikaner ein. Aber irgendwie weiß ich schon, dass er nicht mehr im Hotel ist. Er wird auf die gleiche Weise verschwunden sein, wie er aufgetaucht ist.

Der Coq au vin, den Herr Koriander nicht angerührt hatte, schmeckt jedenfalls auch kalt noch überaus köstlich.

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Das Titelbild zeigt das Porträt eines Mannes über einer kargen, felsigen Marslandschaft mit einem grünen Notausgangsschild in der oberen rechten Ecke. Im Marssand liegt ein Schlüssel mit der Nummer 27.

♫ Mare Chronium—Drifting ♫


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Ich betrete den Korridor und beeile mich, rechtzeitig zu Zimmer Nr. 27 zu gelangen. Herr Koriander, unser Gast, legt Wert darauf, dass ihm das Essen – wieder ist es Coq au vin, eine Spezialität unseres Hauses – pünktlich um fünf Minuten nach Mitternacht serviert wird. Heute hat Pascal, der Koch, ein wenig getrödelt, und ich muss es ausbaden. Doch Herr Koriander, der mir die Tür aufmacht, scheint nicht böse zu sein, dass ich mich ein wenig verspätet habe. Wieder ist er nicht allein. Es sitzt ein älterer Herr dort, mit erstem Gesicht und dichtem schwarzem Haar, der ein wenig steif und unsicher wirkt.

Ich serviere beiden ihre Mahlzeit und gieße jedem ein Glas stilles Tafelwasser ein, so, wie es Herr Koriander wünscht. »Bitte bleiben Sie doch«, bietet er mir an, und ich stelle mich neben das Bett in dem kleinen Gästezimmer, um jederzeit nachschenken zu können.

Der Gast von Herrn Koriander beäugt ein wenig kritisch das Hähnchen auf seinem Teller. »Man is no more than a little fleck of foam …«, sagt Herr Koriander, und als sein Gast fortfährt »… on the torrent of existence«, höre ich heraus, dass er Engländer ist. Er lächelt. Das Eis scheint gebrochen.

Der Engländer beginnt zu essen, und Herr Koriander stellt lauter Fragen und schreibt eifrig in seine Notizbuch. Mich scheinen die beiden vergessen haben, oder vielleicht denken sie auch, ich spreche kein Englisch. Ich verstehe aber genug, um mitzubekommen, dass die beiden kurz den Mars und seine Bewohner streifen, um dann überzugehen zur Venus, auf der Menschen leben, was mich sehr verwirrt. Herrn Koriander scheint es immer wieder um Dinge wie Intelligenz und Bewusstsein zu gehen, denn er stellt ständig Fragen danach und lässt sich von seinem Gast dessen Sicht auf diese Dinge erklären.

Plötzlich dreht sich der Engländer zu mir um. Er hat einen sehr wachen Blick, und ich glaube, ich werde ein wenig rot. Ohne seine tiefliegenden Augen von mir zu lassen, fragt er Herrn Koriander, ob sie hier im Hotel vielleicht ein Schwimmbad haben. Herr Koriander verneint. Auch ich schüttle den Kopf. Der Engländer senkt wieder den Blick und murmelt so etwas wie »too bad«.

Das intensive Gespräch der beiden geht weiter, und die Reise in eine ferne Zukunft setzt sich fort. Nicht nur von einer, von unserer Menschheit, ist die Rede, sondern von einer ganzen Reihe aufeinanderfolgender Menschheiten und sogar einer, in der sich die einzelnen Menschen telepathisch zusammenschließen zu einer Art Superintelligenz, wenn ich das richtig verstanden habe. In zwei Milliarden Jahren – kann es wirklich sein, dass die beiden über eine solche unvorstellbare Zeitspanne reden? Und das, wo doch unsere Welt noch in diesem Jahr enden soll?!

Der Engländer hat schließlich den Teller leergegessen, schüttelt aber den Kopf, als ihm Herr Koriander noch seine Portion anbietet, die er nicht angerührt hat. »Sie können abräumen«, meint dieser dann zu mir. Gerne hätte er sich, sagt er zu seinem Gast, als ich mit dem Tablett das Zimmer verlasse, noch über die Intelligenz und das Bewusstsein von Sternen und Galaxien unterhalten hätte. Mir schwirrt der Kopf. Ich starre oft staunend in den lichterübersäten nächtlichen Himmel. Dass aber die abertausend Leuchtpunkte über mir ein eigenes Bewusstsein, dass sie Intelligenz besitzen könnten, ist mir noch nie in den Sinn gekommen!

Pascal ist noch da und löchert mich, als ich ihm das Tablett in die Küche stelle. Eigentlich müsste ich ihm erklären, dass es zwei Verrückte sind – von denen der eine auf rätselhafte Weise aufgetaucht ist, denn ich habe den ganzen Abend die Rezeption nicht verlassen, außer einmal, als ich aufs Klo musste. Aber mir stehen noch ihre beiden Gesichter vor Augen und die Ernsthaftigkeit, mit denen sie sich über ihre verschrobenen Themen unterhalten haben. Deshalb sage ich Pascal nur, dass sich da oben in Zimmer 27 bei uns zwei Schriftsteller getroffen hätten.

»Schriftsteller, hm-hm«, sagt Pascal mit einem süffisanten Grinsen, »und nur Tafelwasser, sagst du?« Er möchte noch einen Wein mit mir aufmachen, aber ich schicke ihn nach Hause.

Kurze Zeit später steht Herr Koriander mit Hut und Mantel an der Rezeption und legt mir den Zimmerschlüssel und ein Trinkgeld hin. Fast hätte ich ihn gefragt, wer dieser Mann mit den intensiven Augen gewesen ist, aber da ich glaube, Herr Koriander hat unser kleines Landhotel deshalb ausgewählt, weil wir hier sehr diskret sind, halte ich dann doch den Mund.

Das Zimmer ist leer, das Bett unberührt. Wie es der Engländer geschafft hat, unbemerkt aus dem Hotel zu kommen, bleibt mir ein Rätsel. Aber vielleicht macht ja genau das einen guten Zimmerservice aus: sich einfach über nichts zu wundern.

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♫ Mare chronium––Focussing ♫


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Ich betrete den Korridor. Pascals Coq au vin duftet wieder einmal köstlich. Gerade verklingen die zwölf Schläge der Kirchturmuhr. Ich bin ein wenig früh dran und bleibe wartend vor Zimmer Nr. 27 stehen.

»Aber ich habe uns Essen bestellt!«, höre ich hinter der Tür die Stimme von Herrn Koriander, unserem Gast für diese Nacht. Etwas rumpelt. Die Antwort kann ich nicht verstehen. »Oh doch, das können Sie, ich bestehe darauf!«, meint Herr Koriander nachdrücklich. Wieder poltert etwas. »Warten Sie doch bitte wenigstens auf das Essen!«, fleht Herr Koriander. Ich beschließe, auch wenn ich vor Aufregung jetzt bestimmt rot werde, sofort zu servieren. Ich klopfe. Herr Koriander öffnet mir. »Sehen Sie?«, sagt er nach hinten gewandt.

Ein kleiner Mann steht auf dem Bett. Er hat eine Halbglatze und hinten nur wenige weiße Haare, trägt eine Brille und hat ein recht lustiges, rundes Gesicht mit abstehenden Ohren. Wie alt mag er sein? Sechzig Jahre, achtzig Jahre? Schwer zu sagen …

»Oh«, macht er und steigt vom Bett runter. Er inspiziert mein Tablett, und es scheint ihm zu gefallen, was er sieht. Ich serviere ihnen das Essen auf dem Tisch. »Nur Wasser?«, fragt er, als ich das Tafelwasser in zwei Gläser gieße. Er hat einen leichten Akzent, den ich nicht ganz einordnen kann.

»Natürlich«, sagt Herr Koriander. Dann öffnet er sein Notizbuch und fängt, während sein Gast anfängt, das Hähnchen zu zerlegen und es kräftig zu pfeffern, mit seinen Fragen an. Ich trete ein paar Schritte zurück neben das Bett und halte mich bereit, um Wasser nachzuschenken.

Zu Anfang geht es – ich hätte es mir fast denken können – um den Mars. Da sie Deutsch reden, verstehe ich diesmal alles. Und doch kapiere ich so gut wie nichts. »Arlanthropos« scheint der Name für einen Marsmenschen zu sein, der jedoch nur ein Stückchen Gehirn in einer großen Maschine aus Metall ist und keine menschlichen Interessen teilt. Korianders Gast jedoch scheint nicht darüber reden zu wollen und brummt immer wieder missmutig. Er scheint dem Akzent nach irgendwo aus dem Osten zu kommen, Russland vielleicht oder Rumänien. Ich bin mir nicht sicher.

»Wohin ist Golem der Vierzehnte verschwunden?«, möchte Herr Koriander nun wissen, aber sein Gast belehrt ihn, dass es so nicht geht und auf ganz andere Dinge ankomme, auch gerade angesichts der kurzen Zeit.

Herr Koriander scheint ein wenig pikiert. Er presst die Lippen zusammen und schlägt sein Notizbuch zu. Sein Gast lächelt, nimmt es ihm aus der Hand, sieht hinein und sagt »Pirx«. Doch Herr Koriander schüttelt den Kopf. Es gehe ihm um Evolution und um Bewusstsein.

Sein Gast lächelt spitzbübisch und fragt: »In einem kleinen schwarzen Kasten?« Herr Koriander beißt auf seine Lippen und sagt dann: »Trurl«. »Klapauzius«, sagt sein Gast. So verrückt geht das Gespräch der beiden weiter. Irgendwie bekomme ich mit, dass sich der Besucher offenbar eher als andere Gedanken um Künstliche Intelligenz und Nanotechnologie gemacht hat. Eine Zeitlang geht es zwischen den beiden um etwas, das sie »Phantomatik« nennen, dann um eine gewisse bakterielle »Eruntik«. Sie hätten aber auch Altägyptisch reden können, da hätte ich wohl genauso viel verstanden.

Schließlich ist es Zeit, abzuräumen. Herr Koriander scheint ein wenig verzweifelt, als er in seinem Notizbuch die Liste seiner noch gar nicht gestellten Fragen studiert. Sein Gast lacht, und ich höre sein Lachen noch, als ich vor dem Aufzug stehe und die Kirchturmuhr eins schlägt.

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Mare chronium–Ruminating

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Ich betrete den Korridor, sobald sich die Aufzugtür öffnet, stelle aber bei einem prüfenden Blick auf mein Tablett fest, dass ich zu den zwei Tellern, auf denen Pascal seinen berühmten Coq au vin angerichtet hat, die Pfeffermühle vergessen habe. Nun will ich allerdings unbedingt pünktlich sein und um fünf Minuten nach Mitternacht ans Zimmer 27 klopfen, in dem Herr Koriander auf mich wartet. Er selbst isst nie auch nur einen Bissen, und vielleicht will sein Gast ja keinen Pfeffer.

Ich klopfe, und Herr Koriander öffnet mir lächelnd. Tatsächlich: Er hat wieder einen Gast auf dem Zimmer, der sich irgendwie an mir vorbeigeschmuggelt haben muss. Er sieht in seinem schwarzen Anzug über weißem Hemd mit dunkler Krawatte sehr distinguiert aus, ist vielleicht fünfzig Jahre alt und trägt eine Hornbrille mit dunklem Rand. Ich serviere die zwei bestellten Mahlzeiten.

Herr Koriander greift zu seinem Bleistift und schlägt sein Notizbüchlein auf. Er spricht Englisch, und wie ich schon fast erwartet habe, geht es um den Mars. Und um Marsianer. Und weitere verrückte Dinge, von denen mir der Kopf zu schwirren beginnt, während ich mich wie gewohnt neben das Bett zurückziehe und abwarte, ob ich noch gebraucht werde.

Herr Korianders Gast lässt sich das Hähnchen schmecken und scheut nicht davor zurück, seine Finger dabei einzusetzen. Zusätzlicher Pfeffer scheint ihm nicht zu fehlen. Herr Koriander möchte gerne über die Marsianer reden, genauer über – falls ich das richtig in Erinnerung habe – die »1387229ste Östliche Untergeordnete Inkarnation eines Lohan«. »Ein Lohan ist ein Arhat«, meint sein Gast zwischen zwei Bissen, und mit seinem freundlichen, fast schon bubenhaften Lächeln sieht er schon gar nicht mehr so distinguiert aus. Er scheint Amerikaner zu sein.

Während ich mich noch frage, was ein »Lohan« oder »Arhat« sein könnte, reden die beiden bereits im Zusammenhang mit einer Zeitspanne von 16000 Jahren über etwas, dass Herr Koriander »Instrumentalität« nennt. Die beiden treten in einen schnellen Schlagabtausch, was dem Amerikaner Spaß zu machen scheint. Irgendwie gelingt es ihm, zwischen seinen Ausführungen auch immer wieder einen Bissen vom Coq au vin zu essen, während es Herr Koriander bei gelegentlichen Schlucken von seinem Glas Tafelwasser belässt.

Ich verstehe kein Wort. Irgendwie scheint es wieder um fremde Intelligenzen und nichtmenschliches Bewusstsein zu gehen. Ich kann mir nur wenige Passagen und Ausdrücke merken. So möchte Herr Koriander etwas über die »Douglas-Ouyang-Planeten« erfahren, und plötzlich geht es um die Musik, die diese Planeten zu machen scheinen, eine »Kongo-Helium-Musik« – sehr seltsam. Der Amerikaner baut immer wieder deutsche Ausdrücke in seine Erläuterungen ein, und ich habe den Eindruck, dass er ein wenig Deutsch spricht. So geht es um einen »Bezirk« in einem »Gebiet«, das siebenundfünfzig Jahrhunderte lang abgeriegelt war und in dem sich ein alter, verlassener Computer findet.

Das klingt alles wie absurde Science-Fiction für mich, und gleichzeitig scheinen sich die beiden darüber zu unterhalten, als ob es alte Märchen und Legenden sind, die aus Zeitaltern stammen, die Space2 und Space3 heißen und von rätselhaften Figuren handeln wie Lady Celalta, Mr. Gray-no-more, den Goonhogo, die die Venus kolonialisiert haben, und einem Katzenmädchen namens C’mell.

Schließlich sind von dem Hähnchen nur noch die Knochen übrig. »Time flies«, meint der Amerikaner und wischt sich die fettigen Finger ab. »Wie wird sie enden, die Geschichte?«, fragt Herr Koriander, während er mit einem leicht traurigen Gesichtsausdruck sein Notizbuch zuschlägt, auf Deutsch. »It never ends«, antwortet ihm sein Gast.

Herr Koriander bedeutet mir, dass ich abräumen kann. »Vielen Dank, meine Empfehlungen an den Koch«, sagt der Amerikaner in fast fehlerfreiem Deutsch zu mir. »Sie sind sehr hübsch. Ein wenig mollig vielleicht, aber sehr hübsch.« Damit grinst er übers ganze Gesicht. Ich werde knallrot und verlasse schnell das Zimmer.

Es kommt, wie ich es bereits erwartet habe: Herr Koriander checkt wenig später aus, nicht ohne mir ein schönes Trinkgeld hinzulegen, und sein Gast scheint aus dem Fenster gesprungen zu sein oder sonst einen Weg gefunden zu haben, sich an der Rezeption vorbeizumogeln.

Diesmal traue ich mich, Herrn Koriander zur Tür zu begleiten und eine Frage zu stellen: »Werden Sie uns bald wieder beehren?« Er wendet sich zu mir um, und er wirkt sehr müde. Dabei könnte er sich bei uns doch so richtig schön ausschlafen!

»Das wäre schön, ja«, sagt er nachdenklich, »aber …« Einen Moment lang sieht er ganz gedankenverloren aus. Doch dann stellen sich seine Augen wieder scharf, und er meint zu mir: »Ich werde dann gegebenenfalls von mir hören lassen.«

Ich hätte noch so viele Fragen. Aber es gehört sich nicht, die Gäste auszufragen. Also lasse ich ihn gehen. Ich stehe noch in der Tür, als er auf unserem kleinen Parkplatz seinen Wagen anlässt, das Licht einschaltet und davonfährt.

Obwohl es eine laue Nacht ist, fröstle ich ein bisschen. Und wenn ich mir das nächste Mal auch Notizen mache? Nein, das wäre wohl ein Affront. Was sollte ich auch damit anfangen? Die Dinge googeln, die ich aufschnappe, wie mir Pascal geraten hat? Es ist doch viel schöner, wenn sie mir ein Rätsel bleiben und es mir vorkommt, als hätte ich eine knappe Stunde lang einen kurzen Blick in eine sehr fremde und sehr bizarre Welt tun können, in der ein paar liebenswerte Verrückte sich über die »1387229ste Östliche Untergeordnete Inkarnation eines Lohan« unterhalten, als sei es ein alter Freund, mit dem sie erst gestern noch telefoniert haben.

 

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Mare Chronium–Cogitating

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Ich betrete den Korridor. Die Aufzugtür schließt sich hinter mir. Irgendwie freue ich mich heute nicht so sehr auf das, was mich hinter der Tür zu Zimmer Nr. 27 erwartet, wie ich eigentlich gedacht hätte. Der Coq au vin auf meinem Tablett in zweifacher Ausführung duftet so verführerisch wie immer, und ich bin mir sicher, auch diesmal ein dickes Trinkgeld für den Zimmerservice zu bekommen. Liegt es an Pascal? Unser Koch hat den Namen unseres Gastes, »K. K. Koriander«, im Internet recherchiert und mich ausgelacht. Das sei eine Figur aus einem Buch, aus der Unendlichen Geschichte von Michael Ende. Ob ich wirklich glauben würde, unser Herr Koriander wäre echt.

Natürlich ist er echt, auch wenn er nie von seinem Hähnchen isst. Es wird nicht sein richtiger Name sein. Na und? Andere checken unter falschem Namen ein und haben eine junge Frau im Arm. Das sind die eigentlichen Betrüger. Herr Koriander hat nichts Böses im Sinn, da bin ich mir sicher.

Es ist höchste Zeit. Die fünf Minuten nach Mitternacht sind sicherlich schon vorüber. Ich klopfe, und Herr Koriander macht mir auf. Er wirkt anders als sonst, nicht so gelassen, sondern nervös und etwas fahrig. Er winkt mich herein. Sein Besucher hat sich rücklings aufs Bett fallen lassen und stöhnt ekstatisch.

»You like Coq au vin?«, fragt Herr Koriander. Der Mann richtet sich auf. »Beds are the most extraordinary invention!«, begeistert er sich. Er ist offenbar Amerikaner, leger in einem blauen Hemd gekleidet, hat eine Glatze und einen gepflegten Bart, graumeliert, aber von dunklen Streifen durchsetzt. Sein Schnäuzer ist ebenfalls dunkel.

Ihm scheint zu gefallen, was ich serviere. Sogleich stochert er begeistert mit der Gabel in dem Hähnchen herum. Nachdem ich zwei Gläser Tafelwasser eingeschenkt habe, trete ich neben das Bett, das Herrn Korianders Besucher so begeistert hatte, und halte mich bereit. Vermutlich werde ich erst wieder benötigt, wenn der Mann sein Mahl beendet hat, was mir die Gelegenheit gibt, meine Ohren zu spitzen und dem Gespräch zu folgen, soweit mein lückenhaftes Englisch das hergibt.

Den Anfang macht immer der Mars. Und tatsächlich: Herr Koriander fragt den Amerikaner, als dieser seinen ersten Bissen nimmt und dabei in Wohllaute ausbricht, nach dem telepathischen Marsianer Wub. »I don’t remember«, antwortet ihm sein Gast mit vollem Mund. Auch an irgendwelche »Bobel« und »Null-O’s« kann er sich angeblich nicht erinnern. Herr Koriander wirkt verwirrt und studiert die Notizen in seinem Büchlein. Der Amerikaner fragt ihn, ob er ein I Ging dahabe.

Herr Koriander schüttelt den Kopf. »Können wir vielleicht kurz über Silvias Engel reden?«, fragt er schließlich. »Ah, Angel«, meint der Amerikaner und verdreht die Augen, »Angel Archer.«

Herr Koriander versucht richtigzustellen, dass er nicht den Vornamen »Angel« meint, sondern von Engeln spricht. Der Amerikaner sieht verwirrt aus. »Valis?«, fragt er, doch über »Valis« möchte Herr Koriander erst später sprechen und reagiert konsterniert, als sein Gast ihm in aller Ausführlichkeit von einer Zahnextraktion zu berichten beginnt, die er sein »Finnegans Wake« nennt. Herr Koriander scheint mit alldem überfordert. Er sieht sogar einmal verzweifelt zu mir herüber, als könne ich helfend eingreifen. Ich fasse mir ein Herz und trete zu den beiden, um Tafelwasser nachzuschenken. Leise sage ich zu Herrn Koriander: »Ich würde ihn fragen, wie alles endet.«

Herr Koriander sieht mich stirnrunzelnd an, während ich wieder in den Schatten trete. Die Frage hatte er vorher einmal einem seiner Besucher gestellt, und irgendwie habe ich das Gefühl, dieser hier würde mehr dazu zu sagen haben.

Gerade erzählt der Fremde etwas über einen Irrgarten, wobei er Herrn Koriander beschwörend an die Schultern fasst: »Es führt kein Weg aus dem Irrgarten heraus. Der Irrgarten verändert sich, während du durch ihn hindurchläufst, weil er lebendig ist.« So, wie er das erzählt, scheint er das selbst erlebt zu haben, und ich bin froh, dass Herr Koriander etwas bekommt, das er in sein Notizbuch schreiben kann. Hat es nicht sogar auch mit Evolution und Bewusstsein zu tun?

Doch er schreibt nichts auf. Stattdessen meint er, das alles ergebe keinerlei Sinn. Er sieht müde aus, sein Gesicht ist grau, und es scheint ihm nicht zu gefallen, dass er die Kontrolle über das Gespräch verloren hat.

Der Amerikaner lässt sich nicht beeindrucken und rät Herrn Koriander, es mal mit Zen zu probieren: Das, was keinerlei Sinn macht, ergebe doch gerade erst den größten Sinn. Er schiebt seinen Teller weg, obwohl noch Fleisch an den Knochen ist.

»Sie können dann abräumen«, sagt Herr Koriander in meine Richtung. Die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben, und seine Stimme klingt gepresst. Auch der Amerikaner bemerkt es. Er entschuldigt sich und bekräftigt noch einmal, dass er sich wirklich nicht erinnert. Es sei alles nur ein Schatten und ein Nebel, wabernde geometrische Formen.

»If it’s a dream, it’s not lucid«, sagt er mit einem gewissen Bedauern, während ich die Essensreste einsammle und mit dem Tablett das Zimmer verlasse. Vor der Tür bleibe ich stehen und lausche, hoffe, dass das Gespräch noch weitergeht, kann aber nichts mehr von den beiden hören.

Der übriggebliebene Coq au vin will mir diesmal nicht schmecken. Ich stehe an der Rezeption und höre Herrn Koriander die Treppe herabkommen. Er sieht alt und erschöpft aus. Ich würde ihn gerne trösten, aber ich weiß nicht, was ich sagen soll. Als er mir seinen Zimmerschlüssel hinlegt, greife ich nach seiner Hand und drücke sie kurz. »Sie sollten jetzt nicht mehr Auto fahren«, rutscht mir heraus.

Er sieht mich überrascht an. Schnell lasse ich seine Hand los. »Sie haben doch hier ein Bett«, sage ich. Schlafen Sie sich einfach mal richtig aus, will ich sagen, Sie haben es doch schon bezahlt, und das Frühstücksbuffet ist im Zimmerpreis inbegriffen, will ich sagen. Doch ich senke nur den Blick und blicke auf den Teller mit dem kalten Hähnchenfleisch. »Sie haben recht«, sagt er.

»Frühstück gibt es bis zehn Uhr«, sage ich, »und falls Sie jetzt noch etwas haben möchten …« Er schüttelt den Kopf, nimmt seinen Schlüssel, wendet sich um und geht wieder die Treppe hinauf, ein alter, gebeugter Mann, der eine schwere Last zu tragen scheint.

Vielleicht, denke ich, steckt auch er in einem Irrgarten, aus dem er nicht mehr herausfindet.

Als ich am nächsten Morgen an seinem Zimmer klopfe und es schließlich öffne, ist es leer. Herr Koriander ist fort. Er hat den Zimmerschlüssel auf den Tisch gelegt und mir ein fürstliches Trinkgeld hinterlassen. Zum ersten Mal ist das Bett benutzt, und so eigenartig es klingt: Bettenmachen ist nicht gerade das Schönste an meinem Job hier – diesmal aber freue ich mich, es frisch beziehen zu können. Ich mache nicht wie sonst das Radio an, sondern pfeife selbst ein fröhliches Lied dazu.

 

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Mare Chronium–Remembering

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Ich betrete den Korridor auf dem Weg zu Zimmer Nr. 27, auf meinem Tablett ein Teller mit einem Coq au vin. Ich muss an Herrn Koriander denken. Er bestellte damals zweimal Coq au vin mit zwei Flaschen stillem Tafelwasser – und zwar jeweils für kurz nach Mitternacht. Er muss knapp ein Dutzend Mal hier bei uns im Hotel gewesen sein, immer nur für eine Nacht, im Abstand von zwei, drei Wochen. Aber jetzt hat er sich schon ein Jahr lang nicht mehr blicken lassen.

Ich vermisse ihn ein wenig, genau wie die seltsamen Treffen mit seinen nächtlichen Gästen und ihre obskure Unterhaltungen über den Mars, fremde Zivilisationen und nichtmenschliche Intelligenzen. Wie mag es Herrn Koriander ergangen sein, und was ist wohl aus seinen Notizen geworden, die er sich jedes Mal emsig in sein kleines ledergebundenes Büchlein geschrieben hat?

Manchmal, tief in der Nacht, wenn ich allein an unserer 24-Stunden-Rezeption ausharre, lasse ich die Begegnungen Revue passieren. Ich werde immer noch nicht schlau daraus, und es ist, als hätte ich da immer eine knappe Stunde lang in einen Film im Spätprogramm gezappt, dessen Anfang ich verpasst habe und dessen Ende mir vorenthalten wird.

Besonders eine der Geschichten, die Herr Korianders Gäste erzählt haben, will mir nicht aus dem Kopf gehen. Wenn ich mich recht entsinne, war es der Amerikaner mit der Hornbrille, der ein wenig Deutsch und offenbar auch Chinesisch sprechen konnte. Sie unterhielten sich gerade über verrückte, unmögliche Dinge, die auf fernen Planeten passiert sind, und unvermittelt wurde der Amerikaner ganz nachdenklich und erzählte etwas von Tausenden chinesischer Soldaten, denen im Krieg der Tod durch die Amerikaner drohte, weil sie aus Stolz nicht kapitulieren wollten. Dieses scheinbar unausweichliche Schicksal ließ den Offizier verzweifeln, bis er auf eine rettende Idee verfiel. »Ich ließ sie«, erzählte er, »in Mandarin die Worte ›Liebe‹, ›Pflicht‹, ›Menschlichkeit‹ und ›Tugend‹ rufen, während sie ihre Waffen niederlegten.« Und diese vier Wörter »ài zé rén dé« klangen dann in den Ohren der Amerikaner wie »I surrender«, »Ich ergebe mich«.

»Es war nur eine Formalie«, erzählte er, »aber damit wurden die Chinesen wie Kriegsgefangene behandelt und entgingen so dem Erschießungstod.« Er hatte ihnen das Leben gerettet!

Unser Koch Pascal meint, die Geschichte könne unmöglich wahr sein, weil China zuletzt im Koreakrieg gegen Amerika kämpfte – vor sechzig Jahren. Tatsächlich kam mir der Amerikaner längst nicht so alt vor, als könne er das selbst erlebt haben. Aber vielleicht habe ich ja auch etwas missverstanden und er hat von seinem Vater erzählt.

Jedenfalls ist das von den seltsamen und bizarren Geschehnissen, die Herr Koriander und seine Gäste am kleinen Tisch in Zimmer 27 beredeten, dasjenige, das mich am meisten beeindruckt und am tiefsten berührt hat. Auch ein Jahr später muss ich immer mal wieder daran denken.

»Liebe, Pflicht, Menschlichkeit und Tugend« – das könnte auch das Motto für einen aufmerksamen Zimmerservice sein, dessen wir uns hier im kleinen Landhotel rühmen. Also sehe ich zu, dass ich den Coq au vin serviere, solange er noch heiß ist.