Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Norbu

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Das Titelbild zeigt das Porträt eines älteren Mannes mit grauem Bart und zurückgehendem Haar, der einen dunklen Anzug mit Krawatte trägt, vor einem Hintergrund mit leuchtenden Sternen und geometrischen Linien. Unten rechts ist eine Plakette mit dem Bild eines Hausboots eingefügt.

♫ Astral Short Cuts ♫


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Ich betrete den Korridor seines Hausboots und finde meinen Freund Norbu wie erwartet auf der kleinen Terrasse, wo er sich über das Notebook auf seinem Schoß beugt.

»Wikipedia!«, stöhnt er, und es hört sich an wie ein unterdrückter Fluch. Ich mache uns den mitgebrachten Wein auf. Wo ich die Gläser finde, weiß ich ja.

»Wenn es an die Grenzen geht, sind das alles fürchterliche Ideologen.« – »Welche Grenzen?«, frage ich.

»Na, die der Wissenschaft.« Hier zum Beispiel, der Eintrag über Frederic Myers.« Er weist auf den Text auf seinem Display, aber ohne Brille erkenne ich nur unscharf das Logo und ein Foto. »Myers war einer der Gründer und später Präsident der Society for Psychical Research, die sich mit spiritistischen Themen beschäftigte. Von ihm stammt der Ausdruck ›Telepathie‹.« – »Nie gehört«, sage ich, und füge schnell an: »Von dem Mann, meine ich.«

»Aber die Wikipedia-Editoren«, fährt er ungerührt fort, »unterschlagen seinen wichtigsten Beitrag.« – »Na ja«, wage ich einzuwenden, »Spiritismus und Telepathie, das sind nicht gerade Wikipedia-Themen.« Norbu sieht mich kopfschüttelnd an. »Müssen sie aber sein. Ein Lexikon kann doch nicht einen Teil der Wirklichkeit ausblenden, nur weil er den Herausgebern und Autoren nicht gefällt.«

Ich stoße mit ihm an, um ein wenig Zeit zu gewinnen. »Sind es nicht ganz unterschiedliche Autoren? Ich meine: Nicht zuletzt bist ja auch du mit dabei.« Norbu lacht gequält auf. »Sicher. Aber es gibt da die Entscheider, eine Art Priesterkaste, und bis da rauf haben’s meist die Ideologen geschafft, die dann mit fadenscheinigen Begründungen und teilweise kriegerischen Maßnahmen rauskürzen, was ihnen nicht in den Kram passt.« Ich nicke, um Verständnis zu bekunden: »Wie Telepathie.« – »Und alles, was sich dem szientistischen Credo entzieht.« Wissenschaftliches Glaubensbekenntnis? Ich lasse Norbu diesen Widerspruch mal durchgehen und erinnere ihn mit einem Fingerzeig an den alten bärtigen Mann auf seinem Display, der mich aus tiefer Schwärze heraus anblickt.

»Nach seinem Tod«, erklärt mir mein Freund Norbu, »empfingen Medien aus aller Welt beim Automatischen Schreiben eigenartige Durchgaben, von denen viele mit ›Myers‹ unterzeichnet waren.« – »Du meinst, er meldete sich aus dem, äh, Totenreich?« Norbu nickt beflissen: »Aber nicht nur das. Die Texte ergaben keinen Sinn.« – »Aha«, sagte ich zufrieden, »dann muss es ja auch nicht in der Wikipedia stehen.« Damit fing ich mir einen bösen Blick von Norbu ein.

Ich nahm noch einen Schluck vom Rotwein. Ganz schön trocken. Aber Norbu mag ihn so.

»Erst unabhängige Beobachter konnten die Durchgaben – wie gesagt: Mitschriften verschiedener Medien in allen Teilen der Welt – zusammensetzen, und plötzlich ergab sich ein Zusammenhang. Sie bezogen sich alle aufeinander.« – »Wow«, entfährt es mir, »Telepathie!« Norbu schüttelt unwirsch den Kopf: »Eben nicht. Von wem immer diese Durchgaben stammten: Sie sollten ausschließen, dass die Medien telepathisch Kontakt zueinander hatten.« – »Also keine Telepathie«, sage ich und runzle die Stirn: Was denn dann?

»Setzen wir Ockhams Rasiermesser an und gehen von der einfachsten Erklärung aus: Myers ist nach seinem Tod auf die Idee gekommen, wie er ein Fortleben der menschlichen Psyche beweisen kann: durch diese verstreuten Durchgaben an verschiedene Medien, die nur in ihrer Gesamtheit einen Sinn ergeben. Es waren Informationen darunter, zu denen nur sehr wenige Menschen Zugang hatten. Und in rund dreißig Jahren kamen so mehr als dreitausend Texte zustande. Nur, dass davon nichts in der Wikipedia steht, weder der deutschen noch der englischen. Genauso wenig wie beim Artikel über ›Automatisches Schreiben‹ etwas vom Spiritismus steht und und und.«

Norbu sieht mich auffordernd an. Doch ich kann ihm nicht so richtig zustimmen: »Vielleicht ist das auch besser so. Ich finde das sehr, äh, verstörend, was du mir da erzählst. Das mit den 3000 Durchgaben.« Ich nehme einen großen Schluck vom Wein und schenke mir nach. Je länger ich darüber nachdenke, desto unwohler wird mir unter dem Blick Myers’ von seiner Wikipedia-Seite.

»Du bist genau wie die«, sagt Norbu und klappt sein Laptop enttäuscht zu. »Was nicht in dein schlaues Weltbild passt, wird rausgekickt.« – »Apropos«, sage ich, »Lust auf eine Partie?« Das Ablenkungsmanöver ist ein voller Erfolg: Kurze Zeit später stehen wir an Norbus Kicker und spielen die letzten Spiele der Champions League nach.

Erst auf dem Heimweg – ein wenig schwankend, aber gutgelaunt – fällt mir dieser Myers wieder ein. Seltsamer Kerl. 3000 unsinnige Texte? Klingt wie etwas aus dem Internetzeitalter. Mit einem Blog aus dem Jenseits hätte er bestimmt mehr erreicht und es vielleicht sogar in die Wikipedia geschafft …

97/398

Das Titelbild zeigt ein hölzernes Hausboot mit seitlicher grüner Tür und verschiedenen Aufbauten auf dem Dach, vor bewaldetem Ufer unter einem bewölkten Himmel. In dem ruhigen Wasser ist eine kreisförmige architektonische Struktur auszumachen. Unten rechts ist eine Plakette mit dem Bild eines Hausboots eingefügt.

♫ Houseboat Lounge ♫


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Ich betrete den Korridor. Mein Freund Norbu scheint nicht an Bord zu sein, doch als ich etwas ratlos in seinem Wohnzimmer stehe, höre ich plötzlich Hammerschläge. Einbrecher? Nein, geht mir auf, wahrscheinlich Norbu, der er ein Leck abdichtet und dafür sorgt, dass sein Hausboot nicht untergeht.

Da kommt er auch schon, seine Werkzeugkiste in der Hand, und wir machen es uns mit einem Glas Rotwein gemütlich. »Ich hab uralte Aufzeichnungen von mir gefunden«, erzähle ich ihm. Als Jugendlicher war ich fasziniert von Atlantis und habe – wie ein kleiner Privatgelehrter – die Stadtbibliothek nach archäologischen Hinweisen auf die Bewohner dieses untergegangenen Kontinents durchforstet. Ich zeige Norbu Höhlenzeichnungen, von mir damals fein säuberlich aus verschiedenen Büchern abgemalt und mit gelehrten Kommentaren versehen. Sie stammen sowohl aus der Alten als auch aus der Neuen Welt. »Dazwischen lag Atlantis«, erkläre ich, »und deshalb gibt es so eigenartige Ähnlichkeiten in den Symbolen und Darstellungen, lange bevor Kolumbus kam oder die Wikinger Amerika entdeckt hatten: überlebende Atlanter, die sich auf die umliegenden Kontinente flüchteten.« Die These überzeugt mich auch heute noch.

Mein Freund Norbu reibt sich das Kinn. »Ist dir nie in den Sinn gekommen, dass es für diese Ähnlichkeiten vielleicht gar keine Kontakte auf dem Seeweg brauchte?«

»Du meinst, das ist alles reiner Zufall?« Enttäuscht nehme ich mein vergilbtes und schon langsam auseinanderfallendes Notizbuch zurück.

»Nein, mitnichten. Aber du hast dich doch auch mal mit Schamanismus auseinandergesetzt …«

Ja, richtig, Schamanen gab es auch in fast allen Kulturen der Welt, Heiler, die in Kontakt mit der Geisterwelt und mit den Ahnen standen.

«Und möglicherweise auch«, meint mein Freund Norbu, »in Kontakt miteinander.«

Es dauert einen Moment, bis die Erkenntnis in mich einsickert. »Du meinst: über die Weltmeere hinweg, von Volk zu Volk? Und das – telepathisch?!« Norbu weist bestätigend auf mein Notizbuch. »Hm. Schamanen der europäischen Megalith-Kultur tauschen sich geistig mit denen der Proto-Amerikaner aus …«, stelle ich mich vor. Und klar: Das könnte auch die Ähnlichkeit der Pyramiden erklären, oder die Tatsache, dass nicht nur die Ägypter ihre Toten mumifizierten, sondern auch einige Indiostämme. Die Schamanen kennen neben der Unterwelt der Toten und der oberen Welt mit hilfreichen Geistern nämlich auch die mittlere Welt – das astrale Gegenstück zu unserer Tages-Wirklichkeit und ihr Widerschein in der geistigen Welt. Auf Reisen in die Mittelwelt könnten die Schamanen früherer Zeiten, losgelöst von Raum und Zeit, fremde Kontinente und Zivilisationen besucht haben – und damit auch ihre jeweiligen Kollegen.

»Vielleicht aber auch nicht«, reißt mich Norbu aus meinen Überlegungen. »Es gibt Hinweise darauf, dass es noch vor den Wikingern Kontakte zwischen Europa und beiden Amerikas gab. Die Chinesen, die Römer, Griechen, Ägypter und Phönizier – sie alle sollen dagewesen sein und Handel mit den Kulturen dort getrieben haben. Und vielleicht auch schon die Megalithvölker. Und das alles, ohne dass ein Atlantis als Eselsbrücke fungieren musste.«

Ich sehe wahrscheinlich etwas enttäuscht aus, denn Norbu fügt tröstend an: »Aber natürlich ehren dich deine frühen Recherchen. Wer weiß, ob sie nicht doch noch einmal wichtig werden und neue Antworten geben? Oder neue Fragen aufwerfen?«

Ich weiß, dass mein Freund Norbu das nicht ernst meint, aber fühle mich trotzdem auf seltsame Weise bestärkt, und der junge, neugierige Vierzehnjährige, der irgendwo noch in mir steckt, freut sich, eine späte Bestätigung dafür zu bekommen, bedeutende Grundlagenforschung betrieben zu haben.

Ich halte mein Notizbuch fest in der Hand, als ich davonradle, und beschließe, es nicht wieder zurück in eine verstaubte Schublade zu stecken, sondern ihm einen Ehrenplatz auf meinem Regalbrett mit Frühwerken großer Genies einzuräumen.

141/398

Das Titelbild zeigt zwei Tassen Tee und eine Ausgabe von "Finnegans Wake" auf einem Tischchen mit Schubladen vor einem Fenster. Unten rechts ist eine Plakette mit dem Bild eines Hausboots eingefügt.

♫ The Levogyre ♫


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Ich betrete den Korridor. Norbus Hausboot riecht anders als sonst. Ich höre seine Stimme aus einem kleinen Zimmer, in dem ich noch nie gewesen bin: seinem Schlafzimmer.

Norbu liegt im Bett, hustet erbärmlich und sieht hundeelend aus. »Ein Infekt«, krächzt er, »komm mir bloß nicht zu nahe.« Um sein Bett herum sind Papiertaschentücher verstreut.

»Kann ich was für dich tun?«, frage ich besorgt.

»Nee«, sagt er, »hab alles da.«

Neugierig sehe ich mich um. In Norbus Schlafzimmer hatte ich immer seine Bibliothek vermutet, all die Bücher, die er im Laufe seines Lebens angesammelt haben muss. Tatsächlich sehe ich auf dem Regalbord über dem Bett nur ein einziges Buch. Norbu folgt meinem Blick.

»Finnegans Wake«, meint er, »Erstausgabe. Mehr brauch ich nicht.«

Ich nicke, aber vielleicht reicht das nicht, um herauszustellen, dass ich weiß, wovon er redet, und füge an: »Ja, ein Roman, der eine ganze Bibliothek ist. Joyce hat es irgendwie geschafft, das Leben, das Universum und den ganzen Rest da reinzupacken. Ein Buch, das quasi alles enthält. Mehr braucht man nicht.«

Norbu sieht mich ein wenig schräg an. »Also mir«, sagt er, »geht’s bei dem Buch hauptsächlich darum, dass ich nur ein, zwei Zeilen lesen muss, und ich falle sofort in tiefen Schlaf.«

»Aha«, sage ich, beiße mir auf die Lippen und ziehe meine Hand zurück, mit der ich das Buch nehmen und wahllos irgendwo aufschlagen wollte, um dann nach einem kurzen Blick hinein wissend zu nicken. Da hab ich wohl etwas danebengegriffen.

»Kein Buch kann den kompletten Kosmos umfassen, das ist romantisierender Schwachsinn.« Norbu muss husten und bittet mich, uns einen Tee zu machen. Ich grummle zwar ein wenig, weil ich mich weder gern runterbügeln noch zum Hausmädchen degradieren lasse, aber schließlich ist Norbu krank, und vermutlich meint er es nicht böse.

In der kleinen Küche finde ich Kamillentee, den ich aufbrühe und mit einem Stuhl als Tablett ins Schlafzimmer trage, um mich zu meinem kranken Freund setzen zu können. Ich gieße uns ein.

»Vielleicht im Sinne eines Hologramms«, sage ich. Während des Teekochens habe ich lange nach irgendwas gesucht, das ich Norbus Abfuhr entgegenhalten kann. »Es ist alles da, nur weniger detailreich.« Ich deute auf das Buch.

Norbu schüttelt den Kopf. Er rückt hoch, schiebt sich das Kissen in den Rücken und lehnt sich mit dem Oberkörper an die Holzwandung seines Hausboots. »Da landet man ganz schnell bei romantizistischen Weltvorstellungen. Früher war es die, Gott würde einem höchstpersönlich dabei zuhören, wenn man ihm seine Weihnachtswunschliste vorliest. Heute muss die Quantenphysik dafür herhalten, dass jeder selbst der Schöpfer seiner Wirklichkeit sein will.«

Norbu klingt beleidigt – so, als wolle er sich ganz oben für seine Erkältung beschweren. Und da nun mal nicht Gott an seinem Bett sitzt, sondern ich, bekomme eben ich die Breitseite ab.

Aber ich weiß mich zu wehren. »Hast nicht du selbst mal gesagt, das menschliche Bewusstsein sei der nächste unerforschte Kontinent? Und was ist mit Yogis, die sich tagelang begraben lassen und währenddessen offensichtlich ihre Atmung einstellen, oder mit buddhistischen Mönchen im Himalaja, die sich nackt in den Schnee legen und nur mit der Kraft ihres Geistes einen lebenden Radiator aus sich machen?«

Norbu nickt lächelnd, aber ich meine, dabei in seinen rotgeäderten Augen den Schalk blitzen zu sehen. »Ja, das möchten wir gern glauben: dass das möglich ist und dass der Geist die Materie beherrscht.« Er stellt seine dampfende Tasse neben den Joyce-Band auf das Regalbord. »Warum gibt es nur anekdotische Berichte darüber und keine handfesten Beweise? Denk doch mal nach: Wenn es möglich wäre, sich nur von Licht zu ernähren – wie Frau Jasmuheen oder das chinesische Bi Gu behaupten –, warum hat das die Evolution noch nicht genutzt? Außer bei den Pflanzen, meine ich. Aber die tanken bekanntlich kein Prana, sondern nutzen Chlorophyll.« Norbu muss wieder husten, hebt aber diesmal die Hand dabei, um mir zu signalisieren, dass er mit seinem Gedankengang noch nicht zu Ende ist und ich ihm nicht dazwischenreden soll. Folgsam warte ich ab.

»Oder«, fährt er schließlich mit einem Kratzen in der Stimme fort, »wenn Telekinese möglich wäre, warum setzen Tiere sie nicht ein? Genauso Teleportation. Oder Levitation. Die Evolution hatte Milliarden Jahre Zeit dafür, den Wunsch nicht nur Vater der Gedanken, sondern Beherrscher der Realität werden zu lassen. Stattdessen lässt sie alles in Handarbeit erledigen. Oder halt per Tentakel, Flosse, Mandibel oder Reißzahn. Richtig?«

Jetzt hat er mich doch ein wenig eingeschüchtert. Ich nicke verdrossen. Irgendwie hatte ich uns beide immer als mutige Entdecker eines neuen und kaum bekannten Kontinents gesehen, als Pioniere einer neuen Sicht auf den Menschen, die endgültig Schluss macht mit dem reduktionistischen Mythos, wir seien nur ein Uhrwerk, eine Maschine oder ein Computer.

»Geist«, sagt Norbu, »ist nur eine Nebenerscheinung der Materie und, wie man an beispielsweise an Alzheimer sieht, fehleranfällig und flüchtig. Die Selbstbeweihräucherung, die er besonders in esoterischen Kreisen betreibt, ist nur das Wunschdenken eines überkomplexen und unterbeschäftigten Gehirns.«

Er blickt mich antwortheischend an, und wieder nicke ich grummelnd.

»Könnte man meinen«, fügt er trocken an.

Ich schürze die Lippen und brumme zustimmend, wenn auch widerwillig – bis mir bewusst wird, dass er sich da gerade selbst in Frage gestellt hat. »Ist es etwa nicht so?«, frage ich hoffnungsvoll.

Norbu schnäuzt sich geräuschvoll in ein Taschentuch. »Nicht, wenn das menschliche Bewusstsein eine Emergenz der Evolution darstellt, also etwas, das neu entsteht, aber mehr ist als die Summe seiner Bestandteile und neue Bedingungen und Fähigkeiten schafft, wie sie vorher nicht abzusehen waren. So, wie aus lebloser Materie das Leben selbst hervorgegangen ist.«

»Aha. Also deshalb hat die Evolution im Tierreich keine präkognitiven Raubtiere hervorgebracht, die die Jagd auf ein Opfer nur antreten, wenn sie genau wissen, dass sie erfolgreich sein wird: Deren Gehirne waren noch nicht komplex genug dafür. In Gegensatz, willst du sagen, zu unseren.«

»Na ja«, meint Norbu, »es gibt Forschungen, die nahelegen, dass wir unbewusst Ereignisse vorherwissen können. Bei solchen nämlich, die viele Menschen auf der Erde bewegten, zeigten zum Beispiel Zufallsgeneratoren Auffälligkeiten. Und zwar schon, bevor das Ereignis überhaupt eintrat.«

So, wie Norbu es sagt, klingt das nach einem »Aber«. Ich warte ab, und tatsächlich: »Aber insgesamt sehe ich uns da auf der alleruntersten Stufe der Kompetenz.«

Darüber hatten wir vor Jahren einmal gesprochen. Ich fand die die Einteilung in vier Stufen damals sehr hilfreich und habe sie mir gemerkt. Unten fängt sie an mit »unbewusster Inkompetenz«.

Norbu nickt: »Nicht im Entferntesten wissen, dass man etwas nicht weiß oder kann.«

»Gefolgt von ›bewusster Inkompetenz‹: Ich weiß, dass ich nichts weiß.«

»Genau. Dann erarbeitet man sich die ›bewusste Kompetenz‹ …«

»Die schließlich zu ›unbewusster Kompetenz‹ wird, wie flüssig sprechen können oder das Gleichgewicht halten und auf zwei Beinen gehen – ohne ständig drüber nachdenken zu müssen.«

Norbu nippt inzwischen wieder an seinem Tee. Auch ich nehme einen Schluck. Eine Zeitlang sagen wir nichts.

»Wir stehen ganz am Anfang«, sage ich schließlich nachdenklich, »aber einige ahnen schon den unentdeckten Kontinent am Horizont.«

»Land in Sicht!«, ruft Norbu, was aber einen kurzen Hustenanfall zur Folge hat. Erneut hebt er die Hand, bis er wieder etwas Verständliches über die Lippen bringen kann. »Wobei die Frage ist, ob es den Kontinent schon gibt oder ob wir ihn nicht gerade komplett neu erträumen.«

Es dauert ein paar Momente, bis mir zu Bewusstsein kommt, was für Möglichkeiten er da gerade angesprochen hat. Beides, das Finden und das Erfinden, hätte ungeahnte Konsequenzen dafür, wie die Welt beschaffen ist und was sie im Innersten zusammenhält. »Was glaubst du?«, frage ich gespannt.

»Ich glaube, ich muss jetzt eine Runde schlafen.«

»Oh, okay«, sage ich und trinke hastig meinen Tee aus. »Kann ich noch irgendwas für dich tun?«

Norbu schüttelt lächelnd den Kopf, rutscht wieder ganz unter seine Decke und rüttelt sich das Kissen zurecht. »Der Blick ins Universum – und natürlich besonders der in ein ganz neues Universum am Horizont – macht mich immer ganz müde«, murmelt er. »Wegen der ungeheuren Chance und Verantwortung.« Und damit ist er eingeschlafen.

Ich mache die Tür zum Hausboot leise hinter mir zu. »Chance und Verantwortung!« Als ich mich auf mein Fahrrad schwinge, fühle ich mich inspiriert und voller Tatendrang, weiß aber leider gar nicht, wozu genau.

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♫ Skilaboð til mannkyns ♫


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Ich betrete den Korridor und höre am Geräusch eines Bohrers gleich, dass Norbu mal wieder etwas an seinem Hausboot repariert. Ich mache uns auf der Terrasse schon mal einen Wein auf und warte mit zwei Gläsern auf ihn. Wenn ich meinen Freund Norbu besuche, nehme ich mir immer genügend Zeit mit. Es ist nie vorherzusehen, wie tief wir uns in unsere Diskussionen verstricken werden.

Diesmal habe ich ein Thema mitgebracht. Ich will von Norbu wissen, was er vom Klimawandel hält.

Er ist verschwitzt und ölverschmiert, freut sich aber sichtlich über meinen Besuch, als er endlich, eine Schlagbohrmaschine in der Hand, aus irgendwelchen Kammern und Gängen unterhalb der Wasserlinie im Wohnzimmer auftaucht.

»Der Klimawandel ist nicht das Problem«, meint er leichthin. Wir stoßen an. »Irgendwann wird die Menschheit eh den Abgang machen. Und selbst wenn wir noch eine Zeitlang überleben – das Leben auf der Erde selbst ist begrenzt.«

»Das klingt nach Katastrophismus«, wende ich tadelnd ein.

»Pure Astrophysik. Die Sonne wird verlöschen. Das Problem ist nicht die Klimaerwärmung, sondern der Wärmetod. Du musst in größeren Maßstäben denken!«

Das tut mein Freund Norbu gerne. Ich dagegen muss nur für zehn Sekunden ernsthaft über die Frage nachdenken, warum es überhaupt etwas gibt und nicht nichts, und schon bin ich im Totalen Durchblicksstrudel gefangen und beginne mich aufzulösen.

»He«, sagt mein Freund Norbu, »bist du noch bei der Sache?« Das katapultiert mich aus dem Strudel wieder heraus. Ich nicke beflissen: »Wärmetod der Sonne. Sie bläht sich auf und verbrennt all ihre Planeten. Das Ende des Lebens auf der Erde.«

Doch Norbu schüttelt ungeduldig den Kopf: »Wärmetod des Universums und das Ende allen Lebens. Das ist das eigentliche Problem, und das gilt es zu verhindern.«

Ich starre ihn ungläubig an. »Du willst den Wärmetod des Universums verhindern?« Und dann: »Was ist das überhaupt?«

»Seit kurz nach dem Urknall baut das Universum ständig ab: Die Materie verteilt sich, kann wegen zunehmender Distanzen immer weniger miteinander agieren, und die Sterne brennen aus. Kalte und heiße Zonen gleichen sich immer mehr an, bis alles eine einheitliche Temperatur und Struktur angenommen hat und nur noch eine unterschiedslose lauwarme Soße ist. Aber damit wir es dazu nicht kampflos kommen lassen, gibt es ja ›Die Botschaft‹.«

Norbu weist mit einer ausladenden Geste auf die Welt um uns herum. Ich kann ihm nicht folgen. Schließlich seufzt er und setzt zu einer weiteren Erklärung an: »Die Naturgesetze sind eine Botschaft. Die kosmischen physikalischen Grundprinzipien sind wunderbar fein darauf abgestimmt, dass Leben entstehen kann, Leben, das sich selbst erkennt – als das, was es ist. Ich spreche von uns!«

»Uns beiden?«, frage ich kleinlaut, weil ich schon ahne, dass ich ihm wohl wieder nicht ganz folgen kann.

»Uns allen. Die Menschen. Und alle anderen intelligenten Zivilisationen im Kosmos. Und die Naturgesetze sagen uns, dass die von vorher dran gedreht haben.«

»Die von vorher?« Ich komme ihm gerade kaum noch hinterher.

»Manchmal stelle ich mir vor«, und damit lehnt Norbu sich zurück und blickt den Rest Rotwein in seinem Glas sinnend von unten an, »dass vor dem Wärmetod des Universums eine Handvoll intelligenter Zivilisationen es schaffen, Kontakt miteinander aufzunehmen und gemeinsam das größte Projekt der Welt zu starten.«

Er redet nicht weiter. Ich müsste jetzt fragen, was denn wohl das größte Projekt der Welt ist, aber nun bin ich bockig und schweige.

Nach einer Weile fährt er flüsternd fort: »Vor dem Ende des eigenen Universums ein neues zu schaffen, damit es wieder Leben geben kann. Damit die Kette des Seins nicht abbricht.«

Auch ich werde plötzlich ganz ehrfürchtig bei dem Gedanken, wir könnten dem nächsten Universum, den intelligenten Wesen, die uns nachfolgen, eine Botschaft hinterlassen: Naturgesetze, die ihnen helfen, sich zu entwickeln – eine zukunftsträchtige Maßnahme, die sicherlich nicht binnen einer Legislaturperiode zu schaffen ist und selbst ein 739-jähriges Orgelwerk, die zehntausendjährige Long-Now-Uhr und das möglichst sichere Vergraben von Atommüll für Hunderttausende von Jahren um einiges übertrifft.

»Natürlich nur«, sagt mein Freund Norbu jetzt plötzlich wieder ganz nüchtern, »wenn das Universum ein in sich abgeschlossenes System ist. Sonst bieten sich natürlich zahlreiche andere Möglichkeiten, weil es dann nicht unbedingt zum Wärmetod oder Big Crunch kommen muss. Aber solange wir das nicht sicher wissen …«

»… wäre es vielleicht besser, sich auf den schlimmsten Fall vorzubereiten.«

»Genau«, bekräftigt mein Freund Norbu. »640 Milliarden Jahre bis zum Wärmetod sind eine verdammt kurze Zeit, um sich soweit fortzuentwickeln, dass man in der Lage ist, ein neues Universum zu planen und in die Tat umzusetzen. Besser ist’s, wir fangen gleich damit an.«

Mir schwirrt der Kopf, und das nicht nur vom Wein. Als ich später unter einem prächtigen Sternenhimmel nach Hause radle, hebe ich den Kopf und frage das Universum, das sich über mir wölbt, ob es eine Botschaft für mich hat. Und tatsächlich. Ich kann sie nicht hören oder sehen, aber ich kann etwas spüren. Das Leben ist lebenswert.

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Kastaliens Mönche

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Ich betrete den Korridor seines Hausboots und überreiche meinem Freund Norbu eine Flasche Rotwein, die er lächelnd entgegennimmt. »Gehen wir nicht auf die Terrasse?«, frage ich. Norbu schüttelt den Kopf: »Zu viele Mücken um diese Zeit. Setzen wir uns ins Wohnzimmer.« Der Sonnenuntergang über dem See lässt sich mit einem Glas Barbaroux auch von hier genießen.

»Hesse«, sagt mein Freund unvermittelt – seine Art, ein Thema in den Raum zu stellen. »Der Steppenwolf«, antworte ich, »das magische Theater – war Schullektüre für mich.« In Norbus Augen entdecke ich einen Widerschein des Abendrots am Horizont. »Alles war Märchen, Spiel und Symbol«, sagt er, und ich vermute, dass es ein Zitat ist, »aber ich wollte auf seinen letzten Roman hinaus, Das Glasperlenspiel.« – »Von dem manche sagen, es habe sich bereits verwirklicht: mit dem Internet.«

Norbu lacht. »Dazu braucht es eine deutlich höhere Zahl als eine Zwei vor Punkt und Null.« Er blickt nachdenklich in den Himmel. Von der Sommersonne ist jetzt nur noch der Widerschein zu sehen. »Meme in immer neuen Kombinationen – ich frage mich, ob das zu etwas führen kann.«

Meme.

Damit meint mein Freund Norbu nicht etwa nur Internet-Meme, sondern viel allgemeiner: kommunizierbare und damit weiterzugebende gedankliche Inhalte. Zu denen dann auch virale Videos gehören. Ein erfolgreiches Mem ist jedenfalls eine Vorstellung, die sich in den Köpfen möglichst vieler Menschen festsetzt.

Und richtig: Hesses Ordensbrüder widmen sich im Grunde der Verknüpfung von Memen, auch wenn es das Wort damals noch nicht gegeben hat. Denn Meme lassen sich – deutlich schneller als ihre materiellen Gegenstücke, die Gene – mutieren und weiterentwickeln. Kultur, könnte man sagen, ist ein memtechnisches Verfahren.

»Wozu sollte das Glasperlenspiel im Roman dienen?«, fragt mich mein Freund Norbu. Ich zucke mit den Schultern: »Zum Zeitvertreib? Zur Erkenntnis?« – »Genau. Was aber, wenn die Erkenntnis ist, dass alles, was es gibt, nur auf eine unendliche Zahl von Kombinationen hinausläuft? Was bleibt dann?« Wieder zucke ich mit den Schultern. Norbu gibt die Antwort selbst: »Zeitvertreib.«

»Unsinn«, protestiere ich, »was ist mit der Bekämpfung des Leids und der Gier, der Befriedigung der Grundbedürfnisse aller, der Schaffung einer vereinten Menschheit mit Wertschätzung aller individuellen Facetten …?« Norbu unterbricht mich: »Nun, Neukombinationen von Memen können sicherlich die richtigen Ideen und damit die richtigen Lösungen für all das ergeben. Und dann? Und dann?« Er blickt mich auffordernd an. Ich ringe nach Worten, gebe es aber bald auf.

»Warum wohl«, fragt Norbu, nachdem er sich noch einen Schluck Rotwein hat schmecken lassen, »sind es bei Hesse Glasperlen – die kleinen farbigen Kugeln, wie man sie Naturvölkern schenkt, die ganz versessen danach sind, weil sie so schön schimmern und schillern?«

Ich hänge mit meinen Gedanken ein paar Schritte zurück. Die richtigen Lösungen für alles? Alles?! »Es werden nie alle Probleme gelöst sein«, postuliere ich, »sie wachsen nach. Sie liegen in der Natur der Sache.«

Norbu wiegt den Kopf wie ein Inder, der Ja sagt, aber Nein meint. »Sicher. Bei einer Unzahl von Kombinationsmöglichkeiten ergeben sich auch alle möglichen und unmöglichen Probleme. Das Problem ist: Sind wir vielleicht nicht anders als die Naturvölker, die glauben, die Glasperlen seien überaus kostbar, wobei es in Wahrheit nur mehr oder weniger wertlose Abfallprodukte sind? Und tauschen wir nicht bedenkenlos unser Gold dagegen ein?«

Ich versuche, ihm zu folgen. Wie so oft ist es nicht ganz einfach. »Was wäre dann das Gold für uns?«, frage ich. Doch mein Freund Norbu schweigt und schwenkt vor dem rotgolden leuchtenden Himmel genießerisch den Rest Barbaroux in seinem Glas.

 

229/398

Zerklärung

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Ich betrete den Korridor. Mein Freund Norbu hat wieder mal mein Klopfen nicht gehört. Eine Klingel gibt es an seinem Hausboot nicht. Dafür hat er mir einen Zweitschlüssel gegeben – und die offizielle Erlaubnis, mir aufzuschließen, wenn er nicht antwortet.

Im Korridor hängt oben eine Stange quer, und an der Wand stehen die bergstiefelartigen Schuhe, die an jeder Sohle einen Metallhaken haben. Mit denen hängt er sich hier auf – soll gut für den Rücken und die Durchblutung sein. Ich frage mich, was er dabei mit den Armen macht. Hängen die einfach locker runter, oder verschränkt er sie vor der Brust, wie man das aus Vampirfilmen kennt?

Mein Freund Norbu sitzt auf seiner Terrasse und liest ein ausgedrucktes PDF. »Wir sind elende Sexisten«, sagt er zur Begrüßung.

»Ich nicht«, erwidere ich.

»Oh doch«, sagt Norbu, sieht in sein Papier und fügt an: »Entweder ein ›moderner Sexist‹ oder ein ›Neo-Sexist‹ oder ein ›wohlmeinender Sexist‹.«

»Ach, Norbu, Sexismus ist doch Schnee von gestern.«

Er hält den Zeigefinger hoch: »Aha. Sagt der ›moderne Sexist‹!«

»Hörst du mir zu? Sexismus spielt doch keine wirkliche Rolle mehr in unserer Gesellschaft. Fang jetzt bloß nicht mit irgendeinem antisexistischen Aktivismus an.«

Wieder geht sein Zeigefinger hoch: »Aha. Da höre ich den Neosexisten raus.« Ich will wissen, wer so eine Einteilung verzapft, und er zeigt mir ein wissenschaftliches Paper mit dem Titel »Seeing the Unseen: Attention to Daily Encounters With Sexism as Way to Reduce Sexist Beliefs«.

»Aber die schlimmsten Sexisten«, erklärt er mir, »sind die wohlmeinenden.«

»Die wohl meinen«, versuche ich ein Aperçu zu setzen, »dass das zarte Geschlecht besonderer Fürsorge und Unterstützung bedarf, beim Einkaufstütentragen und Zündkerzensäubern?«

Mein Freund Norbu nickt. »Und der festen Überzeugung sind, Frauen seien letztlich etwas Besseres, und wenn Sie das Sagen hätten, wäre dies eine deutlich bessere Welt. Bist du so einer?«

Ich setze mich neben ihn in den zweiten Deckstuhl. »Vermutlich schon. Gibt es da noch eine Alternative?« Ich weise auf das Paper.

Mein Freund Norbu seufzt: »Nur den puren Antisexismus. Dabei wäre es doch der bessere Schritt, vom wohlmeinenden zum wertschätzenden Sexismus überzugehen.«

Ich lasse mir das Paper geben und überfliege es. Zwei Frauen haben drei Studien durchgeführt, in den USA und in Deutschland. Mit einer Handbewegung fordere ich meinen Freund Norbu auf, seine Idee näher zu erläutern. Wertschätzender Sexismus?

»Na ja, es gibt nun mal Unterschiede, und das ist auch gut so, und wenn wir sie jeweils individuell und situativ wertschätzen und nutzen, dann sollte allen geholfen sein.«

»Dann bin ich also weiter für schwere Traglasten und Autoreparaturen zuständig? Und ich kann Frauen weiterhin für die besseren Menschen halten?«

»Nicht pauschal. Das wäre ›wohlmeinend‹. Aber je nach Situation schon, wenn du deine individuellen Kompetenzen wertschätzt und die jeder einzelnen anderen Person – ob nun Mann oder Frau – ebenso.«

Ich gebe ihm den Stapel Papier zurück. »So, wie wir beide uns schätzen?«

»Korrekt. So, wie wir uns gegenseitig wertschätzen.«

»Und was schätzt du an mir? Ich meine: individuell und situativ natürlich.«

Mein Freund Norbu zögert. Schließlich sagte er: »Dass du oft ziemlich berechtigte Einwände gegen meine Weltverbesserungsvorschläge einbringst.«

»Oh, echt? Dabei will ich gar nicht dauernd mäkeln. Rutscht mir nur immer so raus.«

Mein Freund Norbu lächelt. »Ich weiß. Situativ, vermutlich.«

Ich überlege, ob ich uns einen Wein holen soll – traditionellerweise meine Aufgabe. Oder könnte sich das je nach Situation auch mal anders ergeben? Ich liege hier gerade so schön bequem im Deckstuhl.

»Irgendwie glaube ich«, sage ich nach einer kurzen Denkpause, »dass dein wertschätzender Sexismus in letzter Konsequenz zu einem ziemlich unschönen, ›wertschätzenden‹ Kompetenzgerangel zwischen Mann und Frau führt, der uns am Ende wieder ganz am Anfang stehen lässt.«

»Siehst du, das meine ich!«, sagt mein Freund Norbu, steht auf und holt uns eine Flasche Wein.

 

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Yoin

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Ich betrete den Korridor, oder zumindest bin ich schon mit meinen Gedanken im Hausboot, den Schlüssel gezückt, denn mein Freund Norbu wird mal wieder mein Klopfen nicht hören.

Doch das Hausboot – ist nicht mehr da! Seltsam nackt sieht die Stelle am Ufer aus. Bin ich hier richtig? Klar, der Stromanschluss am Ufer, die Rohrverbindungen, der kurze Steg. Aber kein Hausboot mehr. Mein Freund Norbu ist fort.

Ich bin wie vom Donner gerührt und muss mich erst mal setzen. In der Nähe hat jemand illegal Sperrmüll entsorgt. Es ist ein angeknickter Gartenstuhl aus Plastik dabei. Ich stelle ihn aufrecht und bin froh, dass ich mich hineinfallen lassen kann. Vermutlich bin ich gerade kreidebleich geworden: Mein Freund Norbu hat ohne ein Wort des Abschieds abgelegt und das Weite gesucht.

Gut, er hat davon gesprochen. Dass er einmal alle Brücken hinter sich abbrechen könnte. »Wenn ich mal nicht mehr da bin …«, hatte er bedeutungsschwanger angefangen. Ich dachte zuerst, er spricht vom Sterben. Er sprach allerdings davon, dass es ihn vielleicht irgendwann einmal reizen könnte, ein neues Leben anzufangen. Und das wollte er wenn, dann offenbar gründlich tun.

»Wir telefonieren aber doch, und ich komme dich besuchen!«, hatte ich erwidert. Er sah mich nur an. »Skype? E-Mail? Wenigstens eine Postadresse?«, setzte ich nach. Norbu schüttelte langsam den Kopf.

Ich hatte dieses Gespräch verdrängt. Jetzt steht es mir wieder vor Augen. Norbu hat Nägel mit Köpfen gemacht. Erstaunlich, dass sein Hausboot überhaupt manövrierbar ist. Aber er hat ja auch immer wieder daran herumgewerkelt. Wie lange hat es hier schon gelegen? Wie lange kenne ich Norbu schon? Zwanzig Jahre? Fünfundzwanzig? Die Uferpflanzen, die es mit ihren Ranken aufs Hausboot geschafft hatten, hat Norbu gekappt und dann einfach den Anker gehoben. Hat sein Boot überhaupt einen Anker? Ich habe nie darüber nachgedacht.

Vielleicht ist er noch nicht lange weg. Ich kann am Ufer entlanglaufen. Vermutlich erwische ich ihn in einer der nächsten Schleusen. Ich schwenke wild die Arme und rufe seinen Namen. Und er tritt auf die Terrasse und winkt zurück, winkt mich zu sich rein, um mit mir die Weltmeere zu durchkreuzen, und wir sitzen vorm Panoramafenster, trinken ein Gläschen Barbaroux und sehen Wale vorbeiziehen.

Eine Flasche Roten habe ich dabei. Und da, liegt da nicht etwas auf dem kurzen Steg? Ja. Norbu hat an mich gedacht. Ein Korkenzieher und zwei Gläser. Keine Nachricht. Aber – wie er wahrscheinlich sagen würde: Das ist ja gerade die Nachricht.

»Schreib du’s auf«, hatte er immer wieder gesagt, wenn ich ihm riet, aus seinem Elfenbeinturm rauszukommen und seine Ideen irgendwie unter die Leute zu bringen. »Du bist eh der bessere Schreiber. Ich kann nur Doku.« Damit meinte er seinen unermüdlichen anonymen Input für die Wikipedia.

Klar bin ich sauer. Und traurig. Und verstört. Aber er hat an mich gedacht. Und irgendwie hat er mich auch auf diesen Moment vorbereitet. Ich rufe laut »Scheiße!«, schlage auf die Lehne des windschiefen Stuhls und belege Norbu innerlich mit den schlimmsten Schimpfwörtern, die mir einfallen. Dann atme ich tief durch. Das tat gut. Jetzt kann ich mich ganz dem widmen, was ansteht.

Mein kleines Notizbüchlein habe ich dabei – es stehen nur ein paar Telefonnummern drin und eine Handvoll Internetadressen. Auch ein Stift findet sich in meiner Jacke. Ich stehe auf, setze mich auf den Steg, gieße zwei Gläser ein und proste uns zu. Auf unsere Freundschaft! Ich will, ich kann ihm nicht böse sein. Mein Freund zu sein bedeutete ihm mehr als unsere Treffen und unsere Gespräche. Ihm war das seelische Band zwischen uns immer wichtiger. Und auf dieses hebe ich jetzt das zweite Glas. Dann nehme ich den Stift zwischen die Finger.

Hm. Ein eigenartiges Gefühl. Alles aufschreiben … Wie soll ich anfangen? Wie fängt es immer an?

»Ich betrete den Korridor.«