
♫ GameLAN-Party ♫
Ich betrete den Korridor, der meinem Kurzprosa-Blog zu einem hohen Google-Ranking verhelfen soll, mitten hinein in einen Search-Engine-optimierten oder kurz SEO-Text, der nicht so sehr bei seinen Lesern, sondern vordringlich beim Bewertungsalgorithmus der Google-Suche nach den entscheidenen Schlagwörtern, hier »Korridor« und »Kurzprosa«, den Anschein erwecken soll, es handle sich um einen Info-Text, welcher aber in Wahrheit nur dazu dient, die suchrelevanten Keywords (wie z. B. die Wörter Kurzprosa und Korridor) in seinem Verlauf möglichst unauffällig ständig zu wiederholen und zu variieren, um Google und seinem geheimnisumrankten Rankingalgorithmus nahezulegen, dass es sich um einen wichtigen Beitrag zu dem entsprechenden Themenkomplex (etwa Korridor-Kurzprosa oder auch Kurzprosakorridore) handelt, worauf er dann mit einem hohen PageRank auf Googles Ergebnisseite ganz weit oben gelistet wird. Dabei sollte man keinesfalls in einen verkürzten Korridor- oder Tunnelblick verfallen: Aufmerksamkeitsheischende Websites dürfen es dabei mit dem Keyword-Korridor im Text nicht übertreiben und schon gar nicht mehr die zentralen Begriffe (also beispielsweise »Kurzprosa Kürzestprosa Ultrakurzprosa«) in weißer Schrift auf weißem Grund im unteren Bereich der Webpage unzählige Male wiederholen – was nicht einmal mehr Werbelyrik oder ‑prosa zu nennen wäre, sondern einfach nur zu kurz gedacht ist, denn dies führt inzwischen längst zu einer Abwertung und einer Abschiebung auf die unteren und nur selten beachteten Plätze im Ergebniskorridor der Google-Suche.
Kurz: »Prosa« dieser Art ist kontraproduktiv und spielt kurzerhand der Konkurrenz in die Hände. Anders gesagt: Der Korridor ist lang, die Prosa kurz. Oder noch prosaischer ausgedrückt: Hier werden Sie fündig und können endlich Ihrer Bestimmung folgen (von der Sie vermutlich noch gar nichts ahnten) und – das Kurzprosa-Korridorium betreten.

♫ Limelight Hogs ♫
»›Ich betrete den Korridor.‹ Gefreiter?«
»Jawohl, Herr Oberst. Sie betreten den Korridor.«
»Stellen Sie sich nicht dümmer, als Sie sind.«
»Jawohl, Herr Oberst.«
»Also?«
»Äh, was? Herr Oberst.«
»›Ich betrete den Korridor.‹«
»… ist ein Hauptsatz, Herr Oberst.«
»Im ganzen Satz gefälligst!«
»›Ich betrete den Korridor.‹ ist ein Hauptsatz, Herr Oberst.«
»Und weiter? Muss ich Ihnen alles einzeln aus der Nase ziehen, oder was?«
»›Ich betrete den Korridor.‹ ist ein Hauptsatz ohne Inversion mit einem Akkusativobjekt sowie einem Prädikat in der 1. Person Singular Präsens Aktiv Indikativ, Herr Oberst.«
»Ist das alles, Gefreiter?«
»Oder mit einem …«
»Im! Ganzen! Satz!«
»›Ich betrete den Korridor.‹ könnte gegebenenfalls, je nach Zusammenhang, auch ein Verb im Konjunktiv I haben.«
»Na also, geht doch, Gefreiter.«
»Jawohl, Herr Oberst.«
»Wegtreten.«
»›Wegtreten‹ ist ein Verb im Infinitiv, das hier als Imperativ …«
»Wegtreten!!!«
»Jawohl, Herr Oberst.« Salutiert und tritt ab.

♫ Misnomer ♫
Ich betrete den Korridor und sei mit der Auswahl an Türen überfordert, heißt es in gewöhnlich gut informierten Kreisen. Aber was wissen die schon! (Außerdem müssten sie wegen der Verwechslungsgefahr von Indikativ und Konjunktiv I in diesem Fall eigentlich den Konjunktiv II, »beträte«, verwenden …)

♫ Sneak Peak ♫
»Ich betrete den Korridor Herberge um ca. Mitternacht und wenn nicht spät Nacht gewesen wäre hätten wir ein anderes gesucht. War sehr heruntergekommen (Gefühl fast unheimlich) und glücklicherweise Schlepptau Männer, die zufällig Aufenthalt kam uns Hilfe mit dem Gepäck. Und das Schlimmste, konnten wir noch nicht einmal fanden unser Zimmer keine. Musste, die Tür abgesetzt und ich war fast innen verschlossen!«
1 von 5 Sternen Zimmer
2 von 5 Sternen Lage
1 von 5 Sternen Sauberkeit
1 von 5 Sternen Check-in/Rezeption
Diese Gästebewertung des Hotels »Blue Corridor Hostel« in Siebensterngasse 15, Wien, Österreich, war für Sie hilfreich / nicht hilfreich (z. Z. deaktiviert).
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♫ The Trailblazer’s Red-Letter Day ♫
»Ich betrete den Korridor« können Sie heute als Besucher des Korridoriums mit Fug und Recht von sich behaupten: Diesmal kommen freundliche Hostessen auf Sie zu, um Sie zu einer der vielen Türen zu geleiten, hinter denen Sie weitere Korridore erwarten – und weitere Türen, aber die müssen Sie dann schon selbst aufstoßen.
Mit Ihnen ist ein weiterer Besucher hereingekommen. Er trägt einen Anzug, hält eine Aktentasche in der Hand und wirkt etwas verwirrt. »Ich hab keine Ahnung, was ich hier soll!«, meint er zu Ihnen. »Was noch alles?« steht auf einem Banner, unter dem an drei Stehtischen die Hostessen warten. Schon kümmert sich eine von ihnen um den Mann: »Ja, man kann sich hier auch gut verirren. Wenn Sie gezielt vorgehen möchten und nur wenig Zeit mitbringen, sollten Sie durch diese schmale Tür hier vorne weitergehen.« Sie trägt die Aufschrift »Vignette«, stellen Sie fest. »Oder hier« – die freundliche junge Dame macht den Gast auf eine fast schon winzige Tür mit der Aufschrift »Fraktum« aufmerksam – »für die ganz kurze Aufmerksamkeitsspanne: Manches ist nicht länger als ein Tweet, kommt also mit 140 Zeichen aus«, fährt sie fort.
»Mich interessieren Aufstellungen«, sagt der Mann mit der Aktentasche und rückt sich die Brille gerade.
»Dann ist möglicherweise dies hier die richtige Tür für Sie.« Der Mann betrachtet stirnrunzelnd die Aufschrift »Listen«. Sie scheint ihm zuzusagen, denn er zuckt kurz die Schultern, nickt der Dame kurz dankend zu und greift dann entschlossen zur Klinke.
Inzwischen ist eine der anderen Hostessen auf Sie aufmerksam geworden. »Was darf es für Sie sein?«, fragt sie lächelnd.
»Gibt’s hier auch Geschichten mit Handlung und Figuren, also so richtige Kurzgeschichten?«
»Oh ja«, antwortet die Hostess und zeigt zu einer Glastür mit der Aufschrift »Story« und den dreien dahinter, »klassisch«, »Fantasy« und »SciFi«.
»Was ist mit klassischer Fantasy?«, fragen Sie stirnrunzelnd.
»Oh ja, das könnte man falsch verstehen, richtig«, meint die junge Dame. »Alle Kurzgeschichten ohne Magie und Futuristisches, ohne Brimborium und Firlefanz sozusagen – dafür steht ›klassisch‹.«
Sie sagt noch etwas dazu, dass es nicht leicht gewesen sei, die treffenden Schlagwörter zu finden, aber Sie lassen sich ablenken: Eine Besucherin, die eigenartigerweise einen geöffneten Regenschirm mit dem bunten Aufdruck »(sich) regen bringt segen« trägt, fragt eine der Hostessen nach »spirituellen Texten«. Sie wird von ihr zu den Türen »Nous« und »Kōan« verwiesen – hinter »Nous« stecke alles, was mit Bewusstsein zu tun hat, und »Kōan« stehe im weitesten Sinne für östliche Weisheiten. »Und wie steht es mit, äh, Liebesgeschichten«, fragt die Frau noch leise, als sei es ihr ein wenig peinlich. Auch dafür gibt es eine Tür weiter hinten im Korridor. Sie trägt, wenig überraschend, die Aufschrift »Romanze«.
Bevor Sie sich wieder Ihrer Hostess zuwenden können, rollt auf einem Skateboard ein Junge in einem Hoodie herein. Er wirft unter seiner Kapuze einen abschätzigen Blick in den Korridor. Schon ist eine Hostess bei ihm. »Cory?«, fragt er. Die Hostess schüttelt lächelnd den Kopf: »Aber die Frage klärt sich womöglich hinter dieser Tür.« Sie zeigt auf eine Tür mit der Aufschrift »Cory?« und fügt dann mit Fingerzeig auf die Tür daneben, »Meta«, an: »Da könnten sich weitere Hinweise auftun. Jedenfalls finden sich da alle Erklärungen über das Korridorium selbst.«
Das bringt Sie auf eine Idee. Sie fragen die junge Dame, die sich hilfreich zu Ihnen gesellt hat, nach Storys über Parallelwelten – davon soll im Korridorium immer wieder die Rede sein.
»Oh ja«, antwortet Ihre Hostess lächelnd, »auch dafür gibt es eine Tür. Folgen Sie mir bitte.« Die fragliche Tür mit der Aufschrift »PluriDim« befindet sich am Kopfende des Korridors. »Das steht, hat man mir gesagt, für ›Pluridimensionales‹, also mehrdimensionale Perspektiven.«
Interessiert lesen Sie die Aufschrift auf der Tür seitlich davon: »Paraphernalia«?
»Oh ja«, die junge Dame nickt, »da ist alles untergebracht, was sich allem anderen nicht zuordnen ließ, selbst Kafkaeskem und Surrealistischem nicht.« Sie weist auf die Tür den »Paraphernalia« gleich gegenüber. »Kafka«, sagt sie, »ist einfach ›K.‹ – und wurde hier aus Platzgründen mit dem Surrealismus zusammengelegt.« Auf der Tür steht »K. / Dada«.
›Tu ich mir wohl besser nicht an‹, denken Sie, verschleiern Ihre Gedanken allerdings mit einem verbindlichen Lächeln. »Falls ich aber nun speziell alles suche, was mit Labyrinthen und dem Minotaurus zu tun hat?«
»Oh ja«, meint die Hostess eifrig, »hätte ich mir eigentlich gleich denken können. Ich habe an den Hörnern natürlich sofort gesehen, welch hohen Besuch wir hier heute haben.«
Sie schnauben ein wenig durch die Nüstern, weil man so was in der Art meist von Ihnen erwartet. Obwohl es eigentlich freundlich wirken sollte, tritt die Hostess vorsichtshalber einen Schritt zurück.
»Hier«, sagt die junge Dame ein wenig eingeschüchtert, »das wäre dann die Tür Ihrer Wahl.« Sie trägt die Aufschrift »Mythos«.
»Das kann aber auch Lüge heißen, wie in ›Ach, das ist doch bloß ein Mythos!‹ …«, merken Sie kritisch an.
»Oh, ja«, sagt die Hostess und schluckt, »aber das ist hier natürlich nicht in diesem Sinne gebraucht.«
»Na, das will ich doch gemeint haben!«, erwidern Sie und öffnen die Tür.

♫ Big Descent ♫
Ich betrete den Korridor. Irgendwo hier sollten die Klos sein. Noch mal pinkeln vor dem großen Auftritt. Im Saal toben sie und tanzen auf den Tischen. Meine »Geschäftspartner«. Zeit, sie aufzustacheln und einzupeitschen. Gleich läuft Tina Turners Simply the Best über die Boxen, und dann werde ich die Puppen tanzen lassen.
Pissoirs soweit sauber. Kann man von einem Fünf-Sterne-Hotel ja wohl auch verlangen, für den Preis. Bin ich unter Strom? Ja, bin unter Strom! Sehr gut. Es wird perfekt laufen. Der Anzug sitzt, die goldene Krawatte hat mir immer schon Glück gebracht. Ich werde alle von den Stühlen reißen. Hab ich die Stichworte im Kopf?
»Schöner als jeder Orgasmus.« Mein Einstieg. Und dann für die 350 Verkäufer im Saal: »Was draußen an der Front passiert, das bestimmen Sie, jeder Einzelne hier im Raum.« Kurz den Rausschmiss der Führungsriege kommentieren, natürlich nicht drauf rumreiten, sondern gleich weiter mit Wahrheit, Gerechtigkeit, Ethik – dafür stehen wir. »Entweder ist jemand hundert Prozent für die Sache da, oder er soll bleiben, wo der Pfeffer wächst. Wir wollen Deutschland aufklären. Da müssen Persönlichkeiten stehen, die als Vorbild dienen.« Immer dran denken, die Leute im Saal auf das Firmenethos einzuschwören: »Wir haben ein Ziel, und das Ziel heißt: zweistellig. Wir müssen neue Geschäftspartner für diesen Krieg ausbilden.« Und falls es, neben den Zecken der Fernsehjournaille, im Saal irgendwelche Zweifler an den Fonds-Erträgen geben sollte, bitteschön, »ein Produkt mit zweistelliger Rendite – ich schwör’s Ihnen: Der Tag wird kommen, so wahr ich hier stehe.« Sehen wir’s nüchtern: Wenn sie an mich glauben, glauben sie auch an die Sache. Und damit die Pressefuzzis endlich das Maul halten: »Wir versprechen nichts, wir haben Ziele!« Den Brocken sollen sie erst mal schlucken.
Hände waschen! Ich will mit sauberen Händen da raus. Und die Arschlöcher, die uns mit Dreck bewerfen, schön der Reihe nach zerpflücken. »Soviel Dummheit müsste tot umfallen.« Aber immer dran erinnern, dass mich die Breitseite der Presse erst so richtig dazu inspiriert und motiviert, noch härter für das Gute und Richtige einzutreten. Wichtig! Dann kann ich vom Leder ziehen, und keiner kann mir was. Nur nicht wieder das mit dem Klammerbeutel vergeigen. Gepudert sagt man, mit dem Klammerbeutel gepudert! Apropos, mal sehen, ob ich nicht auch die Nummer mit dem Bordell anbringe. Nutten statt Riesterrente, wenn man schon sein Geld verbraten will. Und mehr Rendite als die werfen wir doch eh ab.
He, das bin ja ich da im Spiegel überm Waschbecken. Yeah, Strike! »Ich kann jeden Morgen und jeden Abend in den Spiegel gucken – auch unbekleidet – und sagen: Du bist ein Guter!«
Wenn ich den Faden verliere, wettere ich einfach wieder gegen die Kirche, gegen Lotto, gegen die GEZ und gegen die Öffentlich-Rechtlichen. Funktioniert immer. Der Verweis auf die Wikipedia: »Das Christentum ist die größte Sekte.« Steht das noch da? Egal. »Also: austreten! Geben Sie mir das Geld.« Garantierter Lacher. Und beim Thema Lotto keine Gefangenen: »Wär ich Diktator, wären die alle tot, die da mit in Verantwortung stehen. Jeder drei Baseballschläger im Auto: einer aus Aluminium, einer aus Holz, einer aus Plastik. Zuschlagen. So viel Dummheit, die muss vernichtet werden. Wo ist der Radikale mit dem Flugzeug?« Wenn ich unter Strom stehe, bleibt kein Auge trocken. »So muss man mit diesen Arschlöchern umgehen, oder?« Wenn’s zu drastisch wird, kann ich’s aus unserem Internetfilmchen vom Auftritt später immer noch rauspiepsen. Hauptsache, der Saal kocht, und unsere Truppe kann’s gar nicht erwarten, auszuschwärmen und unser Produkt unter die Leute zu bringen.
Am Ende dann noch mal moralisch werden und auf Verantwortung pochen: »Wo sind wir, wenn in der Welt Ungerechtigkeit passiert?« Danach runter von der Bühne mit, äh, womit wollte ich abtreten, was war noch mal das ganz große Ding, das uns alle zusammenschweißt als Kämpfer an der Front, mein neues Schlagwort, der neue Mythos für uns? Ja, richtig: »So seh ich uns mittlerweile: als Robin Hood der Finanzdienstleister.«
So, noch ein letztes Mal das Firmenlogo am Revers putzen. Sie spielen »Simply the Best« im Saal, auf voller Lautstärke, mein Stichwort. Yeah, lassen wir die Party steigen!
Zitate: Daniel Shahin, Carpediem GmbH, 5. Juni, 2011

♫ Explaining Donkey Heaven ♫
»Ich betrete den Korridor«: Fangen wirklich alle 398 Blogeinträge mit diesem Satz an?
Ja. Sozusagen. Wer Abweichungen findet, darf sie sich einrahmen.
Warum wird das Blog am 21. Dezember 2012 gelöscht? Hat das etwas mit dem Ende des Maya-Kalenders zu tun?
Es gibt kein Ende des Maya-Kalenders. Die Zählung des sogenannten Long Counts beginnt am Ende einfach wieder von vorn. Ob das auch für das Ende der Welt gilt, bleibt offen.
Aber könnte das Blog in seiner Gesamtheit von 398 Einträgen am Ende nicht einfach als Archiv bestehen bleiben?
Eines der Themen, die im Blog behandelt werden, ist die Vergänglichkeit, und da scheint eine endgültige Löschung nur konsequent.
Ist der Autor oder die Autorin jemand Bekanntes, oder warum wird so ein Geheimnis aus der Identität von »Cory d’Or« gemacht?
Identität ist ein weiteres der Themen, die hier beleuchtet werden.
Diese Heimlichtuerei ist doch ein Werbegag, oder?
Sie macht u. a. eine der Fortsetzungsgeschichten im Blog möglich, die mit Text Nr. 51 beginnt.
Ist das eigentlich Literatur, was du da schreibst? Und wenn ja, wie würdest du sie nennen?
Mein Freund Norbu hat sie mal »fraktale Literatur« genannt – ich nehme an, damit meint er eine Collage von Texten, die sich assoziativ und thematisch aufeinander beziehen, eine gewisse Selbstähnlichkeit auf der Themenebene aufweisen und in ihrer Dimensionalität »gebrochen« sind, indem sie Widersprüche, Alternativversionen und Meta-Perspektiven mit einschließen. Den Mix verschiedener Genres könnte man vielleicht auch postmodern oder eklektizistisch nennen – wobei ich versuche, nicht im Verwirrspiel mit Versatzstücken steckenzubleiben. Und mit der Art der Veröffentlichung handelt es sich natürlich auch um Netzliteratur.
Hm. Die Fantasy-Sachen find ich ganz gut, aber mit den SciFi-Storys kann ich wenig anfangen.
Die Kategorien und Tags für die einzelnen Texte unter dem Menüpunkt »Was noch alles?« sollen meinen Leserinnen und Lesern eine mehr oder minder gezielte Auswahl unter den verschiedenen Blogeinträgen ermöglichen. Vielleicht hilft auch mein Twitter-Account: Hier gibt’s zu jedem Text einen kleinen Teaser-Tweet mit Link – falls ich Neugier und Interesse wecken konnte: einfach klicken und den entsprechenden Korridor betreten.
Apropos »Was noch alles?«: Was bedeuten Tags wie »K.«, »Nous«, »PluriDim« …?
Stimmt, das ist vielleicht ein wenig kryptisch geraten. »K.« steht für die gleichnamige Figur bei Kafka und damit für, äh, kafkaeske Situationen. »Nous« ist ein griechisches Wort, mit dem ich die geistige Dimension des Menschen, also die – gleicher Wortstamm – Noosphäre bezeichnen möchte. Alles, was sich auf Bewusstsein, Übersinnliches und Metaphysisches bezieht, bekommt das Label »Nous«. »PluriDim« wiederum steht als Abkürzung für eine pluridimensionale, vieldimensionale Perspektive aufs Sein und verweist auf Parallelwelten und Multiversen …
Die Geschichten sind manchmal echt putzig, aber oft einfach viel zu lang. Geht es nicht auch kürzer?
Mir ist bewusst, dass die Aufmerksamkeitsspanne für Lektüre im Web eher gegen die Länge von Tweets hin tendiert. Ich möchte mir allerdings nicht nehmen lassen, auch mal tiefschürfend zu werden. Das fördert Schätze zutage, die an der Oberfläche nicht zu heben sind …
Warum stehen die Info-URLs drunter, statt dass sie gleich im Text verlinkt sind?
Das entspricht meinem persönlichen Leseverhalten: Zuerst zuendelesen, dann erst offene Fragen und Unklarheiten nachrecherchieren. (Statt mich bereits mittendrin ablenken zu lassen und von Hölzchen auf Stöckchen zu kommen.) Genau dazu sollen die Links ein Angebot sein.
Ich bin Deutschlehrerin und würde einen Ihrer Texte gerne im Unterricht verwenden.
Kontaktieren Sie mich unter Cory@Korridorium.com – ich setze mich dann mit Ihnen in Verbindung.
Ich bin Buchhändler und möchte Sie gerne für eine Lesung Ihrer Texte gewinnen.
Da muss ich Sie leider enttäuschen. Seit Text 51 werde ich von der Polizei gesucht und muss mich versteckt halten.
Wird auch die FAQ eine deiner notorischen Dada-Pointen haben?
Aber selbstverständlich. Diese hier nämlich.

♫ Joyrite ♫
Ich betrete den Korridor und schalte mit geübtem Griff die kleine Videokamera an, die ich mir ans Stirnband geklemmt habe. Natürlich fange ich auch gleich mit dem Kommentieren an – Plappern gehört schließlich zum Handwerk. Ich öffne die Wohnungstür, und der Paketbote – ein neuer, nicht der von sonst – beäugt gleich misstrauisch die Kamera. Ihn irritiert, dass ich fröhlich mit mir selbst zu reden scheine. Soll er denken, ich telefoniere gerade per Headset mit einer Freundin. Was will ich dem Mann auch erklären? Dass ich gerade ein Striptease-Video mache? Meine Spezialität sind nämlich: ungeschnittene Unboxing-Videos. Sie beginnen mit der Lieferung des Pakets – ich kritzle gerade meine Unterschrift auf das klobige Paketdienst-Touchpad mit dem grauen Display, das immer zu klein zu sein scheint für meine Unterschrift. Und dabei nehme ich nur einen von meinen drei Vornamen.
Die Tür fällt ins Schloss. Ich trage das Paket, während ich es von allen Seiten begutachte und diese Untersuchung wortreich kommentiere, durch den Korridor in mein »Peepshow-Zimmer«. Nichts soll meine Viewer von der Enthüllung ablenken, die sie jetzt erwartet! Dafür habe ich schon vor längerer Zeit mein Bett ins Wohnzimmer geschafft und das Schlafzimmer leergeräumt bis auf meinen großen »OP-Tisch«. Hier stelle ich das Paket ab. Seitlich liegt bereits mein Werkzeug parat: eine Schere und ein Paketmesser.
Nun wird seziert. Wenn es auf dem Paket einen Aufdruck gibt oder ein Firmenlogo, rücke ich natürlich erst das ins Licht, bevor ich das Objekt der Begierde Schicht für Schicht seiner Hüllen entledige und zum Inhalt vordringe. Wichtig dabei: immer schön weiterreden, um die Zuschauer bei der Stange zu halten.
Schließlich liegt es entblößt und verführerisch glänzend vor mir, ein angesagtes Lifestyle-Produkt, irgendetwas aus der Kategorie brandneu + geil designt + Early-Adopter-Appeal – ob nun Smartphone, Blu-ray-Player oder Navi. Das erwarten die Abonnenten meines Videokanals so, das bin ich ihnen schuldig, und genau das bekommen sie auch, ungeschnitten und mit Voice-Over-Kommentar. Den kompletten Lieferumfang, jedes Einzelteil bis hin zu den Batterien, wenn es welche gibt, befreie ich aus seiner Verpackung, hole ich ans Licht, präsentiere ich von allen Seiten und gebe meinen Senf dazu. Ist das Teil sexy designt, passt es zum modernen Lifestyle, liegt es gut in der Hand, muss man es unbedingt besitzen? Genau diesen Appeal müssen irgendwie auch meine Videos haben. In der Enthüllung und Begutachtung brandneuer Must-Haves scheint für einige eine gewisse Erotik zu liegen. Die Viewing-Zahlen sprechen da ihre eigene Sprache.
Aus den Kommentaren zu meinen Videos weiß ich, dass es für viele einfach das Größte ist: Mit dem Klingeln des Paketdiensts materialisiert sich die Internet-Bestellung an der eigenen Haustür. Und wenn’s zu den hippen neuen Teilen nicht reicht, weil das Konto schon auf Anschlag überzogen ist, kommen meine Unboxing-Videos gerade recht als Ersatzbefriedigung – oder natürlich, um sich zum nächsten Kauf inspirieren zu lassen.
Anders kann ich mir die vielen Abonnenten und begeisterten Kommentare nicht erklären. Unter letzteren gibt es natürlich, wie immer im Internet, jede Menge Schwachsinn. Wie die ständige Frage, was ich mit all den Gadgets und Geräten eigentlich anfange.
Leider kann ich mir die Consumerelektronik und Designer-Hightech, die hier zwei‑, dreimal pro Woche eintrifft und deren Entblößung ich zelebriere, selbst nicht leisten. Aber dafür gibt’s ja das Widerrufs- und Rückgaberecht bei Online-Bestellungen: Ich verstaue, wenn ich die Videokamera ausgeschaltet habe, alles feinsäuberlich wieder im Paket, verklebe es mit dem braunen Klebeband, das unter dem Tisch dafür bereitliegt, und schicke das Gerät – ohne es je in Betrieb genommen zu haben und damit völlig ohne Gebrauchsspuren – gleich am nächsten Tag dem Händler zurück. Das Video ist da natürlich längst online.

♫ Change of Hand, Sleight of Mind ♫
»Ich betrete den Korridor« läuft – ähnlich wie sich im Zeitraffer am Himmel Wolken bilden und wieder auflösen – als Textinsert durchs Bild, als DER GAUKLER (schlichtes rotes Gewand mit breitem schwarzen Stoffgürtel, dazu ein schwarzer Hut auf dem Kopf) einen klinisch weißen, überstrahlenden Krankenhauskorridor betritt. Er dreht sich in die Kamera.
DER GAUKLER
Vil meynen syn vff rechtem weg,
die doch verjrren an dem stæg,
der zů dem woren leben fűrt.
Er geht weiter. Die Türen an den Seiten öffnen sich: Zu Zirkusmusik präsentieren ihm auf Samtkissen VIER LEICHTBEKLEIDETE GOGO-GIRLS Dinge wie
Der Gaukler wirft jeweils einen kurzen Blick auf die verlockenden Angebote, lässt sie dann aber schulterzuckend links liegen. Erst jetzt ist zu erkennen, dass er am Gürtel einen Bastkorb trägt, aus dessen Öffnung vorwitzig EINE KLEINE EULE herausschaut. Im Gehen in die Kamera:
DER GAUKLER
Wol dem, der vff dem weg nit jrrt,
wann er jn schon ergriffen hat,
ann offt der neben weg ab gat.
Weitere Türen schwingen neben dem Gaukler auf, VIER WEITERE GOGO-GIRLS (oder sind es dieselben?) präsentieren
Am Ende erwartet den Gaukler ein korallenfarbener Vorhang, den er zur Seite schiebt …
DER GAUKLER
(lächelnd)
Ich vœrcht, es kumen bald die tag,
das man me nuwer mær werd jnn,
dann vns gefall vnd syg zű synn.
… und dann dahinter verschwindet.