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Das Titelbild zeigt die mehrfach überlagerte, verpixelte Darstellung eines Mannes mit Glatze vor gelbem Hintergrund, der eine Geste mit der rechten Hand macht, rechts unten seine schwarze Silhouette mit goldener Krawatte.

♫ Big Descent ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Irgend­wo hier soll­ten die Klos sein. Noch mal pinkeln vor dem großen Auftritt. Im Saal toben sie und tanzen auf den Tis­chen. Meine »Geschäftspart­ner«. Zeit, sie aufzus­tacheln und einzu­peitschen. Gle­ich läuft Tina Turn­ers Sim­ply the Best über die Box­en, und dann werde ich die Pup­pen tanzen lassen.

Pis­soirs soweit sauber. Kann man von einem Fünf-Sterne-Hotel ja wohl auch ver­lan­gen, für den Preis. Bin ich unter Strom? Ja, bin unter Strom! Sehr gut. Es wird per­fekt laufen. Der Anzug sitzt, die gold­ene Krawat­te hat mir immer schon Glück gebracht. Ich werde alle von den Stühlen reißen. Hab ich die Stich­worte im Kopf?

»Schön­er als jed­er Orgas­mus.« Mein Ein­stieg. Und dann für die 350 Verkäufer im Saal: »Was draußen an der Front passiert, das bes­tim­men Sie, jed­er Einzelne hier im Raum.« Kurz den Rauss­chmiss der Führungsriege kom­men­tieren, natür­lich nicht drauf rum­re­it­en, son­dern gle­ich weit­er mit Wahrheit, Gerechtigkeit, Ethik – dafür ste­hen wir. »Entwed­er ist jemand hun­dert Prozent für die Sache da, oder er soll bleiben, wo der Pfef­fer wächst. Wir wollen Deutsch­land aufk­lären. Da müssen Per­sön­lichkeit­en ste­hen, die als Vor­bild dienen.« Immer dran denken, die Leute im Saal auf das Firmenethos einzuschwören: »Wir haben ein Ziel, und das Ziel heißt: zweis­tel­lig. Wir müssen neue Geschäftspart­ner für diesen Krieg aus­bilden.« Und falls es, neben den Zeck­en der Fernse­hjour­naille, im Saal irgendwelche Zwei­fler an den Fonds-Erträ­gen geben sollte, bitteschön, »ein Pro­dukt mit zweis­tel­liger Ren­dite – ich schwör’s Ihnen: Der Tag wird kom­men, so wahr ich hier ste­he.« Sehen wir’s nüchtern: Wenn sie an mich glauben, glauben sie auch an die Sache. Und damit die Presse­fuzzis endlich das Maul hal­ten: »Wir ver­sprechen nichts, wir haben Ziele!« Den Brock­en sollen sie erst mal schluck­en.

Hände waschen! Ich will mit sauberen Hän­den da raus. Und die Arschlöch­er, die uns mit Dreck bew­er­fen, schön der Rei­he nach zerpflück­en. »Soviel Dummheit müsste tot umfall­en.« Aber immer dran erin­nern, dass mich die Bre­it­seite der Presse erst so richtig dazu inspiri­ert und motiviert, noch härter für das Gute und Richtige einzutreten. Wichtig! Dann kann ich vom Led­er ziehen, und kein­er kann mir was. Nur nicht wieder das mit dem Klam­mer­beu­tel vergeigen. Gepud­ert sagt man, mit dem Klam­mer­beu­tel gepud­ert! Apro­pos, mal sehen, ob ich nicht auch die Num­mer mit dem Bor­dell anbringe. Nut­ten statt Riester­rente, wenn man schon sein Geld ver­brat­en will. Und mehr Ren­dite als die wer­fen wir doch eh ab.

He, das bin ja ich da im Spiegel überm Waschbeck­en. Yeah, Strike! »Ich kann jeden Mor­gen und jeden Abend in den Spiegel guck­en – auch unbek­lei­det – und sagen: Du bist ein Guter!«

Wenn ich den Faden ver­liere, wet­tere ich ein­fach wieder gegen die Kirche, gegen Lot­to, gegen die GEZ und gegen die Öffentlich-Rechtlichen. Funk­tion­iert immer. Der Ver­weis auf die Wikipedia: »Das Chris­ten­tum ist die größte Sek­te.« Ste­ht das noch da? Egal. »Also: aus­treten! Geben Sie mir das Geld.« Garantiert­er Lach­er. Und beim The­ma Lot­to keine Gefan­genen: »Wär ich Dik­ta­tor, wären die alle tot, die da mit in Ver­ant­wor­tung ste­hen. Jed­er drei Base­ballschläger im Auto: ein­er aus Alu­mini­um, ein­er aus Holz, ein­er aus Plas­tik. Zuschla­gen. So viel Dummheit, die muss ver­nichtet wer­den. Wo ist der Radikale mit dem Flugzeug?« Wenn ich unter Strom ste­he, bleibt kein Auge trock­en. »So muss man mit diesen Arschlöch­ern umge­hen, oder?« Wenn’s zu drastisch wird, kann ich’s aus unserem Inter­net­film­chen vom Auftritt später immer noch raus­piepsen. Haupt­sache, der Saal kocht, und unsere Truppe kann’s gar nicht erwarten, auszuschwär­men und unser Pro­dukt unter die Leute zu brin­gen.

Am Ende dann noch mal moralisch wer­den und auf Ver­ant­wor­tung pochen: »Wo sind wir, wenn in der Welt Ungerechtigkeit passiert?« Danach runter von der Bühne mit, äh, wom­it wollte ich abtreten, was war noch mal das ganz große Ding, das uns alle zusam­men­schweißt als Kämpfer an der Front, mein neues Schlag­wort, der neue Mythos für uns? Ja, richtig: »So seh ich uns mit­tler­weile: als Robin Hood der Finanz­di­en­stleis­ter.«

So, noch ein let­ztes Mal das Fir­men­l­o­go am Revers putzen. Sie spie­len »Sim­ply the Best« im Saal, auf voller Laut­stärke, mein Stich­wort. Yeah, lassen wir die Par­ty steigen!

Zitate: Daniel Shahin, Car­pediem GmbH, 5. Juni, 2011