Playing Dead


Ich betrete den Korridor, entsichere Papas Gewehr. Gemurmel dringt aus den Klassenzimmern. Non scholae sed vitae. Wie kurz es auch sein mag.
Doch plötzlich flackert und verschwimmt der Korridor, und ich stehe in einem weißgekachelten Raum einem Paarundzwanzigjährigen mit Hornbrille gegenüber. »Hallo, Frau Hartl.« Frau Hartl? Ah, richtig, ich bin nicht mehr Carlos, der psychopathische Amokschüler, sondern wieder seine Lateinlehrerin. Auch das Gewehr mit dem Schalldämpfer halte ich nicht mehr in der Hand. Aber wer ist der junge Kerl?
»Ich bin der Programmierer dieser Amok-Simulation. Eine reine Routineüberprüfung unserer Kunden.«
»Ihre Simulation funktioniert fehlerlos und ist für uns Lehrer äußerst, äh, lehrreich.«
»Ja, danke. Nur dass ausschließlich Sie die Sim zu nutzen scheinen.«
»Ach ja?«
»Ja, vor dem Unterricht. Mehrfach. Immer das ›Overkill‹-Szenario. Ohne Blutfilter. Und regelmäßig nur die die letzten Minuten.«
»Oh, ich … Nun, wir sollen die Simulation doch nutzen, um uns in die Psyche eines Amokläufers hineinversetzen zu können.«
»Und in seine Vorgehensweise. Mich wundert nur ein bisschen, dass Sie es den letzten zwei Monaten schon an die zweihundert Mal durchgespielt haben …«
»Nun, wissen Sie, ich will einfach auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Sie sind Programmierer, Sie ahnen ja nicht, was es heutzutage heißt, Unterricht zu geben. Apropos, ich muss dann auch mal los.«
»Verstehe. Dann will ich Sie nicht länger von Ihren Aufgaben abhalten.« Er verschwindet mit einem Flackern.
Ich nehme das BrainSet ab, steige aus der Liege, schalte den Simulator aus und schließe den kleinen Raum, der in vielen Schulen genau für diesen Zweck eingerichtet wurde, hinter mir ab.
Mit dem Bild vor Augen, wie Carlos das Klassenzimmer betritt und zuerst auf seine Lateinlehrerin anlegt, eile ich zur 9E, meiner ersten Klasse heute Morgen.