Ich betrete den Korridor. Es ist der mit dem Teppich. Na, das soll mich nicht weiter stoppen. Mit einem Ruck klappe ich den Teppich zur Seite, und da liegt sie wie vorhergeahnt ein paar Schritte weiter vor mir: eine tiefe Grube, von deren Grund angespitzte Pfähle hochragen. Meinem Prinzip treu bleibend, nichts persönlich zu nehmen, zucke ich lächelnd die Schultern, nehme Anlauf, um hinüberzuspringen, und setze meinen Weg frohgemut fort.
Ich betrete den Korridor geduckt unter die auf Halshöhe kreisenden, schwenkbaren Sägeblätter. Dahinter warte ich: Die Zombies können kommen!
Ich betrete den Korridor als kindlich Glaubender, konvertiere ein paar Schritte hinter der Schwelle, unsicher geworden, zum jugendlichen Agnostiker und durchschreite ihn schließlich als erwachsener Possibilianist, als Entdecker der Möglichkeiten sozusagen, offen für alles (und neugierig darauf), was sich hinter seinen Türen verbergen mag und als wer ich ihn verlassen werde – am Ende gar als Mystiker?
(Diese Vita in einem Satz mag Ihnen allzu gerafft vorkommen, aber glauben Sie mir, der Floh ist Ihnen, ohne dass Sie es merken, bereits ins Ohr gesetzt.)
Ich betrete den Korridor. Es scheint, als sei die Geschichte noch nicht zu Ende. Die Türen sind hübsch, eine reizvoller als die andere. Was mich wohl erwartet? Beflügelt treffe ich meine Wahl.
Ich betrete den Korridor schwankend und muss mich am Bücherregal festhalten, weil mir ganz flau im Magen ist. Es ist das Bord, auf dem meine Lieblinge stehen, nämlich jene Romane unter den Hunderten hier aufgereihten, die mir besonders vergnügliche Stunden bereitet haben. Mein Ex-Mann hat damals immer den Kopf geschüttelt und konnte meinen Lesehunger nie so richtig verstehen.
Vor wenigen Augenblicken noch saß ich mit angezogenen Knien in meinen Lesesessel gekuschelt und las. Ein umfangreicher Roman, so wie ich es liebe: Bereits in der Hand fühlt sich das Buch nach einer ausgedehnten, weitverzweigten Welt an, in die ich mich für lange Zeit verlieren kann. Und dann – dieser Rechtschreibfehler! Normalerweise lese ich über so etwas einfach weg, aber diesmal setzte er eine fatale Kette von Gedanken in Gang. Der Autor muss ihn übersehen haben, genau wie der Lektor des Buches. Und überhaupt – ich versuchte derweil, weiterzulesen, aber hörte ungewollt mehr meinen Gedanken zu als dem, was der Roman mir erzählen wollte – sind das ja nur Worte, ist das nur ein Text, eine Version eines Textes, von dem ich gar nicht ahne, welche Metamorphosen er möglicherweise durchgemacht hat. Natürlich weiß ich beim Lesen von Romanen immer irgendwie, dass es sich um ausgedachte Geschichten handelt. Nur wird mir das jetzt ebenso heftig wie bitter bewusst, wie durch eine neue Brille, die mir gnadenlos all die Kulissen, Requisiten, Behauptungen und Kunstgriffe vor Augen führt, aus denen sich mehr oder weniger erfindungsreich zusammensetzt, was mir vorher wie eine Wahrheit höherer Ordnung erschien.
Diese Gedanken bekam ich einfach nicht mehr aus meinem Kopf, und dann verschwammen auch noch die gedruckten Worte auf den Seiten vor meinen Augen, bildeten ein Muster, schwarz auf weiß, und es war, als sähe ich darin eine Gestalt – ich kann nicht sagen, ob Mann oder Frau –, die wie besessen tippt, beschriebene Seiten zerknüllt, quälend lange auf eine angefangene Zeile starrt und sich die Haare rauft, Kommaregeln nachschlägt, einen Ausdruck mit Korrekturen übersät, an fauligen Äpfeln riecht und sich auf dem Boden wälzt, weil sich das richtige Wort nicht einstellen will, Figuren erschafft und verwirft, Namen und Biografien für sie erfindet, sie durch Höhen und Tiefen schickt, an Beschreibungen feilt, aus dem Fundus eigener Erfahrungen schöpft, Szenen zusammenstreicht und ganze Kapitel wieder löscht – und das alles, um mir eine Geschichte zu erzählen.
Warum?, frage ich das Buch in meiner Hand, denn offenbar habe ich, während ich schwankend im Korridor stand, zu einem meiner Lieblingsromane gegriffen, um ihn jetzt wie ein Ertrinkender zu umklammern.
Ich schlage den Band auf, wahllos irgendwo in der Mitte, will wieder eintauchen, mich hineinziehen und mitreißen lassen, will mit den Helden kämpfen und siegen, lachen und weinen, leiden und mein Glück finden, will mich gruseln, amüsieren, verlieben, Unmögliches versuchen, verzweifeln und couragiert Gefahren und Widrigkeiten entgegentreten, will mich fesseln, überraschen und in Atem halten lassen. Doch gleichzeitig weiß ich, dass der Zauber gebrochen und der Schleier unwiderruflich zerrissen ist. Ein dummer kleiner Rechtschreibfehler hat mich unwiederbringlich die Unschuld verlieren lassen und mir vor Augen geführt, dass das alles nur Erfindung ist, eine mehr oder weniger gut konstruierte Fiktion, bei der alles auch ganz anders sein könnte.
Ich blicke auf. Reihen um Reihen fein säuberlich aufgereihter Buchrücken starren mich an. Ein mitleidsloser Engel hat mich aus dem Garten Eden des kindlichen Lesevergnügens vertrieben. Es könnte alles auch ganz anders sein! Vielleicht, denke ich, ist das ein Weckruf, der mich ins Leben ruft, mein eigenes Leben, das echte und wahre Leben mit seiner ganz eigenen Magie. Will ich mich denn nicht wieder verlieben, Unmögliches versuchen, mein Glück finden? Den Gedanken, dass auch dies alles nur eine Geschichte sein könnte, die ich mir selbst erzähle, schüttle ich unwillig ab.
Nachdem ich den Roman in die Lücke zurückgestellt habe, mache ich kehrt. Im Wohnzimmer stehe ich eine Zeitlang unschlüssig herum. Also das eigentliche, das wirkliche Leben. Wo anfangen? Am besten ganz vorn. Ich greife in der Vitrine zu dem Fotoalbum mit meinen Kindheitsfotos …
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Alles könnte ganz anders sein! -> Erkenntnisschock -> Chance vertun, Erkenntnis verdrängen
Pointe klarer, nicht so intellektuell/abgehoben, auch für simpel gestrickte, passive Leser: nachvollziehbarer!
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Zweite Fassung:
Ich betrete den Korridor. Im Garderobenschrank könnte ich noch Batterien haben. So ein Mist auch. Da sitze ich bequem im Fernsehsessel, guck das Endspiel, will rüber zu den Erdnüssen greifen und muss feststellen, dass ich auf der Fernbedienung sitze und es jetzt irgendwie schaffe, mit dem Hintern die Stumm-Taste auszulösen. Will den Ton wieder einschalten, aber die Fernbedienung reagiert auf einmal nicht mehr. Drücke wild drauf rum, schüttel das Teil, und als das nix nützt, mach ich das Batteriefach auf, drehe an den Dingern, und, he, geht doch plötzlich der CD-Player an. Dixieland? Muss eine CD von Ellie sein, die sie vergessen hat. Hab den Player offenbar seitdem nicht mehr benutzt. Wie auch immer. War das letzte Lebenszeichen der Fernbedienung, denn jetzt tut sich gar nix mehr. Muss wohl doch aufstehen und Batterien suchen, denke ich, aber starre erst mal in die Glotze wie Kaninchen auf Schlange: Mit dem Dixieland-Jazz wirkt das plötzlich ganz anders. Kommt mir vor, als bin ich in einem komplett anderen Film: ner Slapstick-Komödie.
Jedenfalls finde ich auch hier im Garderobenschrank keine neuen Batterien. Wo könnte ich noch welche haben? Ich will das Spiel nicht verpassen! Aber bei dem fröhlichen Geplärre aus dem Wohnzimmer ist es fast unmöglich, genervt zu sein. Wenn’s mich auch traurig macht. Wegen Ellie. Mit anderem Soundtrack wär mein Leben wahrscheinlich auch komplett anders verlaufen. Komische Vorstellung. Dass alles auch ganz anders sein könnte. Dass Ellie noch hier sein könnte. Und dass das im Endspiel genauso gut unsre Nationalelf sein könnte …
Im Schlafzimmer werd ich fündig: Die Batterien im Wecker haben die richtige Größe. Kein weiteres Tor gefallen. Ein Tastendruck, der Jazz verstummt, ohrenbetäubend setzen die Fangesänge und Trommeln ein, und damit bin ich wieder mitten im Drama von Kiew. Ich lass mich in den Sessel plumpsen. Geht doch!
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234: weiterhin unzufrieden!
Geht mir doch eher ums Lesen. Und um erwachsene erfahrene Leser – nicht nur um den Schock der Ent-Täuschung, sondern [ich möchte gerne auch die nachfolgende Integration erzählen: sich den Texten einerseits anvertrauen und auf sie einlassen können, aber [andererseits auch in der Lage sein (und genießen können!), aktiv mitzudenken, Anspielungen zu verstehen, Unbekanntes nachzurecherchieren, Querverbindungen zu knüpfen. Kontext-Leser. Ebenen- Perspektiven-Leser. Die auch mit (subtilen und/oder) abstrakten Beschreibungen etwas anfangen können und dass ihnen nicht alles vorgekaut wird. Also die Erkenntnis das Zerreißen des Schleiers als Satori-Erlebnis und befreiende »Erleuchtung«, die (im besten Fall) zu Bewusstseinserweiterung, Genussverstärkung und Lustgewinn führt … (Allerdings ist man dann gleichzeitig Viele: viele Facetten, Stimmen, Lesarten, Zungen, Augen, Ohren, viele Genießer. Pluridimensionallebenlesen leben!)
Muss ich wohl noch mal ran …
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Dritte, finale Fassung:
Ich betrete den Korridor. (Pst! Ist nur eine Geschichte. Könnte alles auch ganz anders sein. Aber nicht weitersagen. Will keiner wissen.)