Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Kategorie: Fraktum

114/398

Das Titelbild zeigt einen Flur mit dunklen Wänden, einem gerahmten Bild links und einem Sideboard im Hintergrund. Ein Teppich mit einem 3D-Muster, das angespitzte Pfähle zeigt, liegt in der Mitte, darüber ein Deckenfenster, das Wolken am Himmel zeigt. Eine Ecke des Teppichs ist aufgeschlagen.

♫ Color­less Green Ideas Sleep Furiously (Pt. 2)

♫


114/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es ist der mit dem Tep­pich. Na, das soll mich nicht wei­ter stop­pen. Mit einem Ruck klappe ich den Tep­pich zur Seite, und da liegt sie wie vor­her­ge­ahnt ein paar Schritte wei­ter vor mir: eine tiefe Grube, von deren Grund ange­spitzte Pfähle hoch­ra­gen. Mei­nem Prin­zip treu blei­bend, nichts per­sön­lich zu neh­men, zucke ich lächelnd die Schul­tern, nehme Anlauf, um hin­über­zu­sprin­gen, und setze mei­nen Weg froh­ge­mut fort.

118/398

Das Titelbild zeigt einen verfallenen, langen Gang, in dem an beiden Seiten horizontal große Sägeblätter aufgereiht sind, die nur einen schmalen Durchlass bieten. Rechts an der Wand hängt ein Poster mit einem Zombie, und ein Kabel führt nach unten zu einem On-Off-Schalter.

♫ Tryg­gur vinur ♫


118/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor geduckt unter die auf Hals­höhe krei­sen­den, schwenk­ba­ren Säge­blät­ter. Dahin­ter warte ich: Die Zom­bies kön­nen kom­men!

144/398

Das Titelbild zeigt den Blick einer Person, die in einem luxuriösen Flur mit kunstvollen Schnitzereien und einem daran hängenden Kronleuchter auf ihre Smartwatch blickt. Auf der Uhr: eine App, die das "g force risk" mit einem konzentrischen Ring farbiger Zahlen anzeigt.

♫ Lög­mál ♫


144/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Seit die Schwer­kraft ver­rückt spielt, che­cke ich erst ein­mal, ob ich einen Sturz hoch zum Boden über­le­ben würde.

146/398

Das Titelbild zeigt einen luxuriösen Saal mit hoher Decke, verzierten Dekorationen, einem Balkon und einem Flügel auf der linken Seite, mit einem Kronleuchter, der von der Decke hängt. Beleuchtung und Lichtstimmung ergeben einen verschwommenen Eindruck.

♫ Vofa ♫


146/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Hier spukt’s, habe ich Besu­cher sagen hören. Unsinn! Einem Geist bin ich in den drei Jahr­hun­der­ten nie begeg­net.

166/398

♫ Seqt­laune ♫


166/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor als kind­lich Glau­ben­der, kon­ver­tiere ein paar Schritte hin­ter der Schwelle, unsi­cher gewor­den, zum jugend­li­chen Agnos­ti­ker und durch­schreite ihn schließ­lich als erwach­se­ner Pos­si­bi­lia­nist, als Ent­de­cker der Mög­lich­kei­ten sozu­sa­gen, offen für alles (und neu­gie­rig dar­auf), was sich hin­ter sei­nen Türen ver­ber­gen mag und als wer ich ihn ver­las­sen werde – am Ende gar als Mys­ti­ker?

 
(Diese Vita in einem Satz mag Ihnen allzu gerafft vor­kom­men, aber glau­ben Sie mir, der Floh ist Ihnen, ohne dass Sie es mer­ken, bereits ins Ohr gesetzt.)

186/398

♫ Skakkt númer! ♫


186/398

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Ich betrete den Kor­ri­dor? Na, das wüsste ich aber! Ich bin doch gar nicht an der Reihe.

202/398

Let’s Roll!

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Ich betrete den Kor­ri­dor? Schön wär’s! Seit dem Motor­rad­un­fall nur noch auf Rädern: Ich rolle hin­ein. (Falls der Zugang bar­rie­re­frei ist …)

213/398

Ever felt this way?

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Es scheint, als sei die Geschichte noch nicht zu Ende. Die Türen sind hübsch, eine reiz­vol­ler als die andere. Was mich wohl erwar­tet? Beflü­gelt treffe ich meine Wahl.

225/398

Offence Against Mor­ta­lity

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Ich betrete den Kor­ri­dor, dem Ruf mei­nes Her­zens fol­gend, und tat­säch­lich: Da liegt es, als blu­ti­ges Stück Fleisch auf einem Sta­pel Papier …

234/398

Trial Ver­sion

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Ich betrete den Kor­ri­dor schwan­kend und muss mich am Bücher­re­gal fest­hal­ten, weil mir ganz flau im Magen ist. Es ist das Bord, auf dem meine Lieb­linge ste­hen, näm­lich jene Romane unter den Hun­der­ten hier auf­ge­reih­ten, die mir beson­ders ver­gnüg­li­che Stun­den berei­tet haben. Mein Ex-Mann hat damals immer den Kopf geschüt­telt und konnte mei­nen Lese­hun­ger nie so rich­tig ver­ste­hen.

Vor weni­gen Augen­bli­cken noch saß ich mit ange­zo­ge­nen Knien in mei­nen Lese­ses­sel geku­schelt und las. Ein umfang­rei­cher Roman, so wie ich es liebe: Bereits in der Hand fühlt sich das Buch nach einer aus­ge­dehn­ten, weit­ver­zweig­ten Welt an, in die ich mich für lange Zeit ver­lie­ren kann. Und dann – die­ser Recht­schreib­feh­ler! Nor­ma­ler­weise lese ich über so etwas ein­fach weg, aber dies­mal setzte er eine fatale Kette von Gedan­ken in Gang. Der Autor muss ihn über­se­hen haben, genau wie der Lek­tor des Buches. Und über­haupt – ich ver­suchte der­weil, wei­ter­zu­le­sen, aber hörte unge­wollt mehr mei­nen Gedan­ken zu als dem, was der Roman mir erzäh­len wollte – sind das ja nur Worte, ist das nur ein Text, eine Ver­sion eines Tex­tes, von dem ich gar nicht ahne, wel­che Meta­mor­pho­sen er mög­li­cher­weise durch­ge­macht hat. Natür­lich weiß ich beim Lesen von Roma­nen immer irgend­wie, dass es sich um aus­ge­dachte Geschich­ten han­delt. Nur wird mir das jetzt ebenso hef­tig wie bit­ter bewusst, wie durch eine neue Brille, die mir gna­den­los all die Kulis­sen, Requi­si­ten, Behaup­tun­gen und Kunst­griffe vor Augen führt, aus denen sich mehr oder weni­ger erfin­dungs­reich zusam­men­setzt, was mir vor­her wie eine Wahr­heit höhe­rer Ord­nung erschien.

Diese Gedan­ken bekam ich ein­fach nicht mehr aus mei­nem Kopf, und dann ver­schwam­men auch noch die gedruck­ten Worte auf den Sei­ten vor mei­nen Augen, bil­de­ten ein Mus­ter, schwarz auf weiß, und es war, als sähe ich darin eine Gestalt – ich kann nicht sagen, ob Mann oder Frau –, die wie beses­sen tippt, beschrie­bene Sei­ten zer­knüllt, quä­lend lange auf eine ange­fan­gene Zeile starrt und sich die Haare rauft, Kom­ma­re­geln nach­schlägt, einen Aus­druck mit Kor­rek­tu­ren über­sät, an fau­li­gen Äpfeln riecht und sich auf dem Boden wälzt, weil sich das rich­tige Wort nicht ein­stel­len will, Figu­ren erschafft und ver­wirft, Namen und Bio­gra­fien für sie erfin­det, sie durch Höhen und Tie­fen schickt, an Beschrei­bun­gen feilt, aus dem Fun­dus eige­ner Erfah­run­gen schöpft, Sze­nen zusam­men­streicht und ganze Kapi­tel wie­der löscht – und das alles, um mir eine Geschichte zu erzäh­len.

Warum?, frage ich das Buch in mei­ner Hand, denn offen­bar habe ich, wäh­rend ich schwan­kend im Kor­ri­dor stand, zu einem mei­ner Lieb­lings­ro­mane gegrif­fen, um ihn jetzt wie ein Ertrin­ken­der zu umklam­mern.

Ich schlage den Band auf, wahl­los irgendwo in der Mitte, will wie­der ein­tau­chen, mich hin­ein­zie­hen und mit­rei­ßen las­sen, will mit den Hel­den kämp­fen und sie­gen, lachen und wei­nen, lei­den und mein Glück fin­den, will mich gru­seln, amü­sie­ren, ver­lie­ben, Unmög­li­ches ver­su­chen, ver­zwei­feln und cou­ra­giert Gefah­ren und Wid­rig­kei­ten ent­ge­gen­tre­ten, will mich fes­seln, über­ra­schen und in Atem hal­ten las­sen. Doch gleich­zei­tig weiß ich, dass der Zau­ber gebro­chen und der Schleier unwi­der­ruf­lich zer­ris­sen ist. Ein dum­mer klei­ner Recht­schreib­feh­ler hat mich unwie­der­bring­lich die Unschuld ver­lie­ren las­sen und mir vor Augen geführt, dass das alles nur Erfin­dung ist, eine mehr oder weni­ger gut kon­stru­ierte Fik­tion, bei der alles auch ganz anders sein könnte.

Ich bli­cke auf. Rei­hen um Rei­hen fein säu­ber­lich auf­ge­reih­ter Buch­rü­cken star­ren mich an. Ein mit­leids­lo­ser Engel hat mich aus dem Gar­ten Eden des kind­li­chen Lese­ver­gnü­gens ver­trie­ben. Es könnte alles auch ganz anders sein! Viel­leicht, denke ich, ist das ein Weck­ruf, der mich ins Leben ruft, mein eige­nes Leben, das echte und wahre Leben mit sei­ner ganz eige­nen Magie. Will ich mich denn nicht wie­der ver­lie­ben, Unmög­li­ches ver­su­chen, mein Glück fin­den? Den Gedan­ken, dass auch dies alles nur eine Geschichte sein könnte, die ich mir selbst erzähle, schüttle ich unwil­lig ab.

Nach­dem ich den Roman in die Lücke zurück­ge­stellt habe, mache ich kehrt. Im Wohn­zim­mer stehe ich eine Zeit­lang unschlüs­sig herum. Also das eigent­li­che, das wirk­li­che Leben. Wo anfan­gen? Am bes­ten ganz vorn. Ich greife in der Vitrine zu dem Foto­al­bum mit mei­nen Kind­heits­fo­tos …
 

* * *

 

Korridorium-Serviette 234 mit MindmapSwitch language

 

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Zweite Fas­sung:
 

Ich betrete den Kor­ri­dor. Im Gar­de­ro­ben­schrank könnte ich noch Bat­te­rien haben. So ein Mist auch. Da sitze ich bequem im Fern­seh­ses­sel, guck das End­spiel, will rüber zu den Erd­nüs­sen grei­fen und muss fest­stel­len, dass ich auf der Fern­be­die­nung sitze und es jetzt irgend­wie schaffe, mit dem Hin­tern die Stumm-Taste aus­zu­lö­sen. Will den Ton wie­der ein­schal­ten, aber die Fern­be­die­nung reagiert auf ein­mal nicht mehr. Drü­cke wild drauf rum, schüt­tel das Teil, und als das nix nützt, mach ich das Bat­te­rie­fach auf, drehe an den Din­gern, und, he, geht doch plötz­lich der CD-Player an. Dixie­land? Muss eine CD von Ellie sein, die sie ver­ges­sen hat. Hab den Player offen­bar seit­dem nicht mehr benutzt. Wie auch immer. War das letzte Lebens­zei­chen der Fern­be­die­nung, denn jetzt tut sich gar nix mehr. Muss wohl doch auf­ste­hen und Bat­te­rien suchen, denke ich, aber starre erst mal in die Glotze wie Kanin­chen auf Schlange: Mit dem Dixie­land-Jazz wirkt das plötz­lich ganz anders. Kommt mir vor, als bin ich in einem kom­plett ande­ren Film: ner Slap­stick-Komö­die.

Jeden­falls finde ich auch hier im Gar­de­ro­ben­schrank keine neuen Bat­te­rien. Wo könnte ich noch wel­che haben? Ich will das Spiel nicht ver­pas­sen! Aber bei dem fröh­li­chen Geplärre aus dem Wohn­zim­mer ist es fast unmög­lich, genervt zu sein. Wenn’s mich auch trau­rig macht. Wegen Ellie. Mit ande­rem Sound­track wär mein Leben wahr­schein­lich auch kom­plett anders ver­lau­fen. Komi­sche Vor­stel­lung. Dass alles auch ganz anders sein könnte. Dass Ellie noch hier sein könnte. Und dass das im End­spiel genauso gut unsre Natio­nal­elf sein könnte …

Im Schlaf­zim­mer werd ich fün­dig: Die Bat­te­rien im Wecker haben die rich­tige Größe. Kein wei­te­res Tor gefal­len. Ein Tas­ten­druck, der Jazz ver­stummt, ohren­be­täu­bend set­zen die Fan­ge­sänge und Trom­meln ein, und damit bin ich wie­der mit­ten im Drama von Kiew. Ich lass mich in den Ses­sel plump­sen. Geht doch!

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Korridorium-Tagebucheintrag 234

 

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Dritte, finale Fas­sung:

 

Ich betrete den Kor­ri­dor. (Pst! Ist nur eine Geschichte. Könnte alles auch ganz anders sein. Aber nicht wei­ter­sa­gen. Will kei­ner wis­sen.)