Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Soap

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Das Titelbild zeigt den Blick von einem Balkon mit Balustrade auf eine Stadt mit historischen Gebäuden und einem Turm mit Uhr. Auf dem Boden steht ein Aschenbecher, auf dem Geländer liegt ein gerahmtes Bild mit einer Piratenflagge.

♫ Kor­sa­ren­stück ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor um Punkt elf. Nicole kommt gerade den Gang run­ter. Es ist unser Ritual: um elf zum Rau­cher­bal­kon, nur wir beide, und eine Ziga­rette lang welt­be­we­gende Gesprä­che füh­ren, um dann wie­der in unsere jewei­li­gen Büros zu ver­schwin­den.

»Wie läuft’s?«, frage ich sie, wäh­rend ich mir schon eine Ziga­rette aus der Packung hole. Sie raucht Selbst­ge­drehte.

»Wenn doch nur schon Wochen­ende wäre«, seufzt sie.

»Damit liegst du mir schon seit Mon­tag in den Ohren. Aber recht hast du natür­lich. Was hast’nn vor? Ein Date?«, frage ich lau­ernd.

Der kleine Rau­cher­bal­kon ist besetzt. Ein Unding! Jeder im Amt weiß, dass er um elf uns bei­den gehört. Tat­säch­lich räumt der Kerl auch sofort die Stel­lung. Es ist der Tech­ni­ker, der für die Kopie­rer zustän­dig ist.

»Süßer Hin­tern«, sage ich schmel­zen­den Bli­ckes, als er um die nächste Ecke des Kor­ri­dors ver­schwun­den ist.

»Viel zu jung und unbe­darft.«

»Für dich viel­leicht. Du bist ja auch zwan­zig Jahre älter als ich.«

Nicole stöhnt: »Erin­nere mich bloß nicht daran. Dir ste­hen noch alle Typ…, äh, Türen offen. Bei mir ist der Zug abge­fah­ren. Alle guten Män­ner sind ver­ge­ben.«

»Ach was, der Rich­tige kommt schon noch.«

»Sagt mir meine Mut­ter auch, seit einem gefühl­ten hal­ben Jahr­hun­dert.«

Wir lachen und zie­hen an unse­ren Ziga­ret­ten. Män­ner. Unser Lieb­lings­thema Num­mer eins.

»Hast du eigent­lich schon gebucht?«, frage ich sie. Urlaub. Unser Lieb­lings­thema Num­mer zwei.

»Zwei Wochen Appa­la­chian Trail. Den Frust und ein paar Pfunde run­ter­wan­dern.«

»Das klingt aber nicht nach Vier-Sterne-Hotel …«

Nicole grinst: »Eher Null-Sterne. Es ist wie bei den Schne­cken. Du wan­derst mit dei­nem Haus auf dem Rücken.«

»Haus auf dem Rücken?« Ich seh wohl ein wenig ver­dat­tert aus, denn Nicole lacht. »Na, das Zelt natür­lich.«

»Und da willst du einen Ami-Mil­lio­när ken­nen­ler­nen?«

»Wieso Mil­lio­när? Auf Geld kommt’s mir nicht an. Die Phase ist vor­bei. Es muss ein Aben­teu­rer sein, ein Pirat oder so.«

Ich ver­drehe die Augen: »So ’ne Schwuch­tel aus der Kari­bik?«

Nicole muss wie­der lachen. Es ist zu süß, wenn sie gluckst und es sie am gan­zen Leib schüt­telt. »Nee«, sagt sie, als sie wie­der zu Atem gekom­men ist, »einer, der sich was traut.«

»Aha«, sage ich ohne rechte Über­zeu­gung.

»An mich ran zum Bei­spiel.« Es dau­ert einen Moment, bis ich’s kapiert habe, und dann gackern wir wie­der. »Glaubst du eigent­lich«, fragt sie mich dann, »an Liebe auf den ers­ten Blick?«

»Klar«, sage ich, »hab ich schon erlebt. Schon mehr­fach.«

»Was?« Nicole scheint ver­blüfft.

»Kel­lan Lutz«, sage ich. Nicole run­zelt die Stirn und schüt­telt den Kopf: nie gehört. »Twi­light«, setze ich nach, und dann noch mal mit »Bis(s) zum Mor­gen­grauen.« Nicole reißt ent­setzt die Augen auf. Bevor sie etwas sagen kann, schlage ich ihr »Jörn Schlön­voigt« um die Ohren. Wie­der wirkt sie über­rascht: »Aha. Hast du mir da was ver­schwie­gen? Das klingt eher wie ein Typ dei­ner Preis­klasse …«

Ich rümpfe kurz die Nase, um ihr zu signa­li­sie­ren, dass sie sich das mit der Preis­klasse spa­ren kann und ich mich Kel­lan Lutz durch­aus gewach­sen fühle, und erkläre: »GZSZ.« Nicole fällt alles aus dem Gesicht. Das war’s wert. Wir lachen.

»Ich red doch nicht von irgend­wel­chen Schau­spie­lern, Lisa«, gibt sie zu Pro­to­koll, »und nicht vom Star­ren auf eine Lein­wand oder vom Glot­zen in die Glotze …«

»Er singt auch«, unter­bre­che ich sie.

Nicole ächzt. Noch schlim­mer! »Ich red davon, dass du zufäl­lig irgendwo, für einen Moment nur, einem frem­den Mann gegen­über­stehst, und es funkt. Und zwar so gewal­tig, dass dir sämt­li­che Siche­run­gen durch­bren­nen, und ihm auch!«

»Soll pas­sie­ren, ja«, sage ich, als mich Nicole ant­wort­hei­schend ansieht, »warum fragst du? Ist es dir schon mal so ergan­gen?«

Nicole nickt. »Das war im Kino­foyer. Ich war betrun­ken, um nicht zu sagen ziem­lich dicht«, meint sie und grinst. Wir machen syn­chron unsere Ziga­ret­ten aus. Gehört zum Ritual.

»Betrun­ken? Und er?«, frage ich.

»Er war ein lebens­gro­ßer Papp­auf­stel­ler von Bruce Wil­lis.«

Wie­der brau­che ich eine Sekunde, um zu kapie­ren. Als wir uns vor mei­nem Büro tren­nen, um uns wie­der unse­rer Arbeit zuzu­wen­den, lachen wir immer noch schal­lend.

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In Amt und Würde

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Die Glo­cken der nahe Kir­che schla­gen elf. Nicole ist pünkt­lich. Sie steht gegen­über an einem der gro­ßen Fens­ter im Flur und blickt hin­aus. Als sie mich hört, sagt sie: »Man müsste flie­gen kön­nen.«

»Kön­nen wir doch«, sage ich. Doch Nicole schüt­telt den Kopf: »Ich meine: ohne Hilfs­mit­tel. Ein­fach so auf­schwin­gen, wie im Traum. Die Arme aus­brei­ten, und los!« Sie dreht sich zu mir um.

»Wie Hexen.«

»Die rei­ten auf Besen.«

»Aber nur, weil sie nicht den Rich­ti­gen fin­den.« Wir gehen gackernd zum Rau­cher­bal­kon und zün­den uns unsere Elf-Uhr-Ziga­ret­ten an. Hier oben im sieb­ten Stock sind wir höher als die Bäume. Tief unten wuselt die Stadt geschäf­tig durch­ein­an­der.

»Wie war dein Wochen­ende?«, frage ich Nicole. Sie grinst ver­schämt: »Ach, wie immer. Lange schla­fen, im Schlaf­an­zug rum­hän­gen, Chips, Scho­ko­lade, ziel­los zap­pen.«

»Du soll­test in einen Chor gehen«, schlage ich ihr vor.

»Chor? Wie kommst du dar­auf?«

»Du hast eine schöne Stimme. Und da gibt es Bässe und Tenöre. Viel­leicht ja sogar Hel­den­te­nöre?«

Sie lacht und prus­tet Rauch aus der Nase.

»Du suchst doch nach ’nem Hel­den.«

Sie lacht noch lau­ter: »Ich hatte, glaube ich, von einem Pira­ten gespro­chen.«

»Stimmt«, sage ich, »und weil du eine schöne Stimme hast, soll­test du in einen Chor gehen und einen Pira­ten­bass ken­nen­ler­nen.«

»Du hast mich doch noch nie sin­gen hören.«

»Na und? Geht ja auch nicht ums Sin­gen. Jeden­falls nicht direkt.«

»Ach, Lisa, komm du mal in mein Alter. Da denkt man anders, weißt du. In einen Chor zu gehen – was ist das denn schon für ein Kos­ten-Nut­zen-Ver­hält­nis.«

»Aber das kos­tet doch nichts, oder?«

»Doch. Zeit.«

»Du meinst die Zeit, die du sonst mit Scho­ko­lade, Chips und ziel­lo­sem Zap­pen ver­bringst.«

»Genau. Und Pira­ten sin­gen nicht im Chor. Die zie­hen durch die Welt, machen ver­rückte Dinge, rau­ben Schätze, sind nicht zu fas­sen …«

»Mit Holz­bein, Haken am Arm und Augen­klappe?«

Nicole lacht wie­der. »Nein, nicht diese Art Pirat, son­dern, wie soll ich sagen …? Du wirst es wis­sen, wenn du ihn siehst.«

»Gibt es denn da schon einen?«, frage ich lau­ernd.

Nicole schüt­telt den Kopf und sieht plötz­lich trau­rig aus. Sie wen­det sich dem Him­mel zu, wie um zu ver­ber­gen, dass ihr Trä­nen in den Augen ste­hen. Aber das kann nicht sein. Nicole ist taff. Sie ist selbst eine Pira­tin. Hier im Amt ist sie nur zeit­weise gestran­det.

»Weißt du«, sagt sie, »dass wir hier oben im obers­ten Stock­werk eigent­lich über allen ande­ren thro­nen?«

»Wir sind doch gar nicht die Ein­zi­gen hier. Was ist mit der Doh­len und der Pät­zold?«

»Die zäh­len nicht. Den wei­tes­ten Weg von der Treppe aus haben wir. Wir haben die letz­ten Zim­mer im Kor­ri­dor.«

»Und wenn schon? Die will doch sonst kei­ner, weil der Auf­zug nicht bis ganz nach oben fährt.«

»Aber so thro­nen wir über allen ande­ren und sind die Köni­gin­nen des Amtes.«

»Schön­heits­kö­ni­gin­nen?«

Sie sieht mich lange und prü­fend an, wirft ihren glü­hen­den Ziga­ret­ten­rest hin­un­ter in die wuselnde Welt und schüt­telt dann kurz den Kopf. »Köni­gin­nen«, sagt sie.

Ich muss lachen und werfe mei­nen Stum­mel hin­ter­her. Dann stelle ich mich hin­ter sie an das Gelän­der des Rau­cher­bal­kons, nehme ihre Ärmel und breite mit ihr die Arme aus: »Wir sind die Köni­gin­nen der Welt!«

»Wir kön­nen flie­gen!«, ruft sie.

Aber mit den Ziga­ret­ten ist auch die Pause vor­bei, und wir flie­gen gemein­sam wie­der zurück in unsere Büros. »In unsere Thron­säle«, berich­tigt mich Nicole.

»Hof­hal­ten, reprä­sen­tie­ren, Unter­ta­nen emp­fan­gen …«

»… und hin und wie­der Gnade wal­ten las­sen. Tja, sonst gerne. Heute aller­dings steht könig­li­cher Papier­kram an, fürchte ich, Eure Majes­tät.«

»Bei mir auch, Eure könig­li­che Hoheit«, ant­worte ich, aber Nicole schrei­tet bereits wei­ter durch den Kor­ri­dor auf ihre ganz hin­ten lie­gen­den Gemä­cher zu, auf­recht, wür­de­voll, mit gewähl­ten Schrit­ten und Köni­gin durch und durch.

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Mo ghra mo bhea­tha (A Mello Romance)

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Mein Herz klopft wild, mein Busen bebt. Wer­den meine geheims­ten Wün­sche Wirk­lich­keit? Lord McT­row­don hat mich in sein Arbeits­zim­mer rufen las­sen. Seit er sich vom Pferd schwang und mich behut­sam in seine Arme nahm, habe ich ihn nicht wie­der­ge­se­hen. Meine Stute war vor einem Fuchs zurück­ge­schreckt, der plötz­lich aus dem Gebüsch schoss und mei­nen Weg über Län­de­reien kreuzte, von denen ich nun weiß, dass sie dem Lord gehö­ren. Ich konnte mich nicht hal­ten, fiel zu Boden und muss kurz ohn­mäch­tig gewor­den sein. Zu mei­nem Glück fand mich der Lord und ließ mich sogleich in sein Schloss schaf­fen.

Der knur­rige Dorf­arzt sprach von einer leich­ten Gehirn­er­schüt­te­rung, aber dass ich so benom­men wirkte, hatte einen ganz ande­ren Grund. In den Armen die­ses hoch­ge­wach­se­nen Man­nes zu lie­gen, sei­nem kan­ti­gen Gesicht mit den war­men, brau­nen Augen so nahe zu sein – ich war noch ganz beseelt davon, und gleich­zei­tig zer­riss es mir das Herz, dass er mich sei­nen Bediens­te­ten über­ließ und gleich wie­der davon­ritt, um meine Stute ein­zu­fan­gen, als er sich über­zeugt hatte, dass ich nicht ernst­haft ver­letzt war.

Ich klopfe an seine schwere, holz­ge­tä­felte Tür. Ist es ihm wie mir ergan­gen? Kann auch er die Bli­cke nicht mehr ver­ges­sen, mit denen wir förm­lich inein­an­der ver­san­ken? Hat auch er die­ses tiefe Wie­der­erin­nern gespürt, als wür­den wir uns schon Ewig­kei­ten lang ken­nen? Nein, schelte ich mich, ich darf nicht sol­che Gedan­ken und Hoff­nun­gen hegen. Lord McT­row­don lie­gen die schöns­ten und begeh­rens­wer­tes­ten Frauen der Welt zu Füßen. Was sollte er an mir fin­den, einer unschein­ba­ren Tou­ris­tin, die ihr Pferd nicht im Griff hat und kein Wort des Dan­kes über ihre Lip­pen gebracht hat.

»Ja bitte?«, erklingt seine Stimme hin­ter der Tür, kraft­voll und doch auch sanft, fast zärt­lich. Mit zit­tern­den Fin­gern drü­cke ich die Klinke her­un­ter. Er sitzt hin­ter einem geschwun­ge­nen Schreib­tisch mit wun­der­schö­nen Intar­sien, springt, als er mich sieht, jedoch gleich auf und tritt mir federn­den Schrit­tes ent­ge­gen. Mir wird schwind­lig vor Ver­lan­gen, und ich muss mich an der Tür fest­hal­ten.

Lord McT­row­don sinkt vor mir in die Knie. »Schöne Rei­te­rin, deren Namen ich nicht kenne, du hast mein Herz im Sturm erobert, und ich weiß nicht, wie mir geschieht. Eine unge­heure Macht, die mir vor unse­rer unver­hoff­ten Begeg­nung gänz­lich unbe­kannt war, treibt mich dazu, das Unmög­li­che zu hof­fen: dass es dir ebenso ergeht wie mir.«

Er blickt zu mir hoch, die Augen vol­ler Hin­gabe und Hoff­nung, und ich bringe wie­der kein Wort über die Lip­pen. Sollte ich ihm das sagen, mit der »unge­heu­ren Macht« und wer dahin­ter­steckt. Wird er über­haupt wis­sen, was ein Gro­schen­heft ist? Mir zit­tern die Knie. Kann es wirk­lich wahr sein?

»Willst du«, haucht er, »meine Frau wer­den?« Ich falle erneut in Ohn­macht, aber dies­mal fan­gen mich seine star­ken Arme auf.

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Lebens­Wan­del

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Ich betrete den Kor­ri­dor und erwi­sche mich bei dem Gedan­ken: Jetzt brauch ich aber wirk­lich drin­gend eine Ziga­rette! Schlimm eigent­lich. Ande­rer­seits steht das natür­lich auch für den ver­ständ­li­chen Wunsch, mal an was ande­res als die Akten zu den­ken, sich zu ent­span­nen und wenigs­tens kurz mal so rich­tig, äh, durch­zu­at­men. Nicole jeden­falls scheint es ähn­lich zu gehen: Sie kommt schnel­len Schrit­tes den Gang ent­lang, wäh­rend sie sich Tabak­reste aus ihrer Selbst­ge­dreh­ten zupft.

»Heut ist’s beson­ders übel!«, begrüßt sie mich.

»Ja, ich weiß auch nicht, eigent­lich bin ich gar nicht der Sucht­typ. So einen Jie­per aufs Niko­tin hab ich sel­ten.«

Nicole schüt­telt unwirsch den Kopf: »Ich red von der Arbeit. So ist das Leben nicht gedacht. Zah­len­ko­lum­nen, For­mu­lare, Gesetze, Papier, das enge Büro, Neon­licht …«

Wir haben unse­ren Rau­cher­bal­kon erreicht. Nicole gibt mir Feuer.

»Fin­dest du nicht«, fragt sie mich nach ihrem ers­ten, tie­fen Zug, »dass es einen Bür­ger­krieg geben sollte, und als Ers­tes wird unser Amt zer­bombt?«

»Wäh­rend wir drin sind?«

»Da hät­ten wir ja nichts von. Nee, lie­ber ein paar von den andern.«

»Der Chef zumin­dest.«

»Japp. Soll er hoch­ge­hen, mit all sei­ner Arro­ganz und Inkom­pe­tenz.«

»Und viel­leicht die Con­trol­ling-Abtei­lung …«

»Klar. Und die Zicken aus dem drit­ten Stock. Und all die ange­jahr­ten Büro­hengste, die dir in der Kan­tine immer sab­bernd auf den Hin­tern star­ren.«

»Also alle außer uns.«

»Alle außer uns, genau.«

»Und wo sollte ich dann hin?« Ich bli­cke run­ter auf die Straße. Alles fried­lich, keine Zusam­men­rot­tun­gen auf­ge­brach­ter Wut­bür­ger, die Steine und Molo­tow­cock­tails wer­fen und bom­ben­ge­spickte Lie­fer­wa­gen vor unse­rem Amt par­ken.

»Ach, Lisa, das ist doch völ­lig egal. Haupt­sa­che weg von allem, von dem Trott, dem Kan­ti­nen­fraß, den Akten­stö­ßen, all den Idio­ten hier, dem Ewig-Glei­chen. Irgendwo in der wei­ten Welt ein völ­lig neues Leben anfan­gen.«

»Ich möchte eigent­lich«, gebe ich zu beden­ken, »erst ein­mal hier eins anfan­gen. Also nicht unbe­dingt hier im Amt: hier in der Stadt, meine ich.«

Nicole sieht mich an, als habe ich etwas sehr Klu­ges gesagt. Oder viel­leicht auch etwas sehr Blö­des. Jeden­falls legt sie mir freund­schaft­lich die Hand auf die Schul­ter: »Das habe ich vor zwan­zig Jah­ren auch gedacht. Aber inzwi­schen weiß ich, dass ich mir die ganze Zeit etwas vor­ge­macht habe.«

»Mann, du bist ja viel­leicht drauf heute. Stell bloß kei­nen Unsinn an, ohne mir vor­her Bescheid zu geben!«

Nicole wen­det sich lächelnd ab: »Hörst du nicht, wie uns der Süden ruft?« Sie legt – ein wenig thea­tra­lisch, finde ich – die Hand hin­ters Ohr, als würde sie wirk­lich etwas aus der Rich­tung der ange­hen­den Mit­tags­sonne hören, die sich hin­ter einem grauen, wat­ti­gen Him­mel ver­steckt. Wenigs­tens reg­net es nicht.

»Strand, Sonne, Meer, la dolce vita …«, schwärmt sie.

»Pira­ten«, sage ich. Sie blickt mich wie­der an.

»Genau. Man muss die Gele­gen­heit beim Schopf ergrei­fen!«

»Wel­che Gele­gen­heit?« Mich beschleicht plötz­lich das ungute Gefühl, Nicole hat bereits Nägel mit Köp­fen gemacht. Einen Flug gebucht zum Bei­spiel – ohne Rück­flug. Oder gekün­digt. Doch sie zuckt die Schul­tern: »Ich weiß auch nicht. Aber man kann doch nicht immer nur in sei­nem Büro sit­zen und träu­men. Ach, Lisa.«

Ich hasse es, wenn sie »Ach, Lisa« sagt – mit die­sem unend­lich trau­ri­gen Blick, der mir das Herz zusam­men­schnürt. Schließ­lich ist sie meine Freun­din, und ich möchte doch, dass sie glück­lich ist.

»Das kann ein­fach nicht meine Bestim­mung sein.« Damit meint sie wohl nicht nur den Rau­cher­bal­kon. Sie brei­tet beschwö­rend die Arme aus.

»He, Schick­sal!«, ruft sie, tritt schnell noch ihre Selbst­ge­drehte aus und wen­det sich dann mit kampf­lus­tig vor­ge­reck­tem Kopf an den Him­mel über der Stadt. »Was immer du noch für mich vor­ge­se­hen hast: Jetzt ist der rich­tige Moment dafür gekom­men. Hörst du? Ich bin bereit!«

Auch ich bli­cke jetzt gespannt und ein wenig besorgt hoch zu den Wol­ken. Fast erwarte ich, es zuckt ein Blitz her­un­ter – oder die grauen Schwa­den rei­ßen auf und eine Stimme don­nert vom Him­mel: »Pass bloß auf, was du dir da wünschst, Nicole. Es könnte in Erfül­lung gehen.«

Sie blickt mich an und nickt lang­sam. »Einen Ver­such war’s wert. Dann halt so wei­ter bis zur Rente.« Sie öff­net die Bal­kon­tür und betritt den Kor­ri­dor. Ich nehme noch einen letz­ten Zug und folge ihr.

›Bes­ser wär’s‹, denke ich. Und da kenne ich sie, glaube ich, gut genug: Sie beklagt sich immer wie­der mal, aber es müsste schon etwas echt Dras­ti­sches pas­sie­ren, bis sie sich wirk­lich ein Herz fasst und Taten fol­gen lässt. Ich bin da ganz ego­is­tisch: Ohne Nicole und unsere gemein­same täg­li­che Ziga­ret­ten­pause wüsste ich nicht, wie ich hier die Tage über­ste­hen soll.

 

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Her­zens­Bre­cher

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Zeit für die Ziga­ret­ten­pause um elf. Von Nicole noch keine Spur. Ich schlen­dere schon mal Rich­tung Rau­cher­bal­kon. Plötz­lich höre ich irgendwo von ferne Schreie im Gebäude. Ein Mann brüllt kurz wie in Todes­not. Das scheint aus dem Trep­pen­haus und damit aus einem der unte­ren Stock­werke zu kom­men. Irri­tiert bleibe ich ste­hen. Eine Gestalt eilt die breite Treppe hoch. Sie trägt einen lan­gen, schwar­zen Man­tel und schwingt ein Schwert. Ich erstarre.

Er ver­schwin­det hin­ter der ers­ten Tür. Ich kenne den Mann, habe ihn heute schon gese­hen.

Wei­tere Schreie aus dem Zim­mer, in das der Mann gelau­fen ist. Frau Pät­zold? Frau Doh­len? Dann Stille. Der Mann rennt her­aus und in die nächste Tür. Immer noch stehe ich erstarrt da. Wenn er jetzt wie­der her­aus­kommt und wei­ter will, stehe ich ihm im Weg. Er hatte sich irgend­wann am Mor­gen hier oben in der höchs­ten Etage in mein Büro ver­irrt, und ich hatte ihm gesagt, wo er das For­mu­lar F‑B3T-42 bekom­men kann. Er wirkte ange­spannt, aber auch unend­lich erleich­tert.

Aus der offe­nen Tür dringt ein grau­en­haf­tes Stöh­nen. Herr Lorentz? Dann tritt der Mann hin­aus. Sein Schwert tropft. Er steht mir gegen­über. Ich spüre, dass ich unkon­trol­liert zu zit­tern beginne. Er sieht wild aus, braun­ge­brannt, schweiß­nas­ses Haar, das ihm sträh­nig ins Gesicht fällt, Bart­stop­peln am Kinn und ein fein­ge­schwun­ge­ner Mund, des­sen Lip­pen ein wenig zit­tern. Und er blickt an mir vor­bei. Ich drehe mich um. Wenige Schritte hin­ter mir steht Nicole. Sie starrt den Mann an. Tritt neben mich. Legt mir die Hand auf die Schul­ter.

»Nicht sie«, sagt sie.

Der Mann starrt sie an. Er scheint ver­blüfft, ungläu­big, fas­sungs­los, kann sei­nen Blick nicht mehr von ihr wen­den. Schließ­lich lässt er sein Schwert acht­los zu Boden fal­len. Sein Ober­kör­per beugt sich, wie von einer geheim­nis­vol­len Kraft gezo­gen, nach vorn, auf Nicole zu. Auch die kann ihren Blick nicht von sei­nem lösen. Ihre Lip­pen beben leicht. Alles um sie herum und alles, was vor­her war, scheint ver­ges­sen. Es gibt nur noch eins. Die bei­den ren­nen auf­ein­an­der zu, pral­len zusam­men, wir­beln, ver­schmel­zen, ver­gra­ben die Gesich­ter inein­an­der.

Durch die gro­ßen Fens­ter drin­gen von ferne Poli­zei­si­re­nen her­ein. Die bei­den lösen sich von­ein­an­der. »Es ist vor­bei«, höre ich die hei­sere Stimme des Man­nes. »Nein«, ant­wor­tet Nicole, »wir flie­hen. Ich habe unten ein klei­nes Auto ste­hen.« Sie bli­cken sich in die Augen. Ich kann erken­nen, wie die Ent­schei­dung in ihm arbei­tet. Dann straf­fen sich Schul­tern des Man­nes. »Wir flie­hen«, flüs­tert er hei­ser, »wir beide, du und ich.« Nicole nickt und fasst seine Hand.

Der Mann sieht zu mir. Nicole fasst seine Hand fes­ter: »Sie wird nichts ver­ra­ten.«

Der Mann nickt lang­sam. Die Poli­zei­si­re­nen nähern sich. Mit einem Ruck wen­det er sich um. Er zieht Nicole mit sich zur Treppe. Sie dreht ihren Kopf noch ein­mal zu mir. Einen Moment lang sieht es so aus, als würde sie mir zuzwin­kern.

Dann eilen beide die Treppe hinab, er mit wehen­dem Man­tel, sie mit wehen­dem Haar. Ein hüb­sches Paar: Nicole und der Frei­beu­ter.

Mir kommt ein Satz in den Sinn, den ich vor einem Jahr oder so mal in einer Zei­tung gele­sen habe und der irgend­wie bei mir hän­gen­ge­blie­ben ist. »Die Welt, in der wir leben, kann schon einen Augen­blick spä­ter nicht mehr exis­tie­ren, ein­fach so, weil irgend­ein Ver­rück­ter beschlos­sen hat, sie zu zer­stö­ren.«

Er hat ein Mas­sa­ker ange­rich­tet. Ich müsste schreien, wei­nen oder ohn­mäch­tig wer­den, aber ich stehe hier nur zit­ternd und weiß nicht, was ich den­ken soll. Mit quiet­schen­den Rei­fen hal­ten jetzt Poli­zei­wa­gen vor dem Gebäude. Schaf­fen es Nicole und ihr Kor­sar, zu flie­hen, der Poli­zei zu ent­kom­men, uner­kannt das Land zu ver­las­sen und irgendwo in der Fremde noch ein­mal ganz neu anzu­fan­gen? Oder muss ich hof­fen, dass der Kil­ler gefasst wird und für seine grau­same, sinn­lose Tat ein Leben lang hin­ter Git­ter kommt?

Und was ist mit mir? Sie wer­den mich befra­gen. Viel­leicht bin ich sogar die ein­zige Über­le­bende im gan­zen Amt. Ich werde in die Zei­tung kom­men und viel­leicht sogar zu Talk­shows ein­ge­la­den, Spie­gel TV, Lanz, Maisch­ber­ger … Bestimmt werde ich hau­fen­weise Briefe bekom­men von Män­nern, die sich in mein Bild ver­lie­ben und mir schrei­ben, sie könn­ten mir hel­fen, mein Trauma zu über­win­den.

Poli­zis­ten eilen mit gezo­ge­nen Pis­to­len die Treppe hoch. Also haben sie ihn nicht erwischt. »Wir haben hier eine Über­le­bende!«, ruft einer.

»Sind Sie ver­letzt?«, fragt er, als er her­an­ge­tre­ten ist, mit Blick auf das blu­tige Schwert am Boden. Wei­tere Poli­zis­ten strö­men her­auf, ver­tei­len sich auf die Zim­mer. Ich schüttle den Kopf. »Wis­sen Sie, wer die­ses Blut­bad ange­rich­tet hat? Haben Sie irgend­was gese­hen?«, fragt er wei­ter. Wie­der schüttle ich den Kopf.

Und doch: Ich habe etwas gese­hen. Ein Bild, das mir nie wie­der aus dem Sinn gehen wird: Nicole, wie sie im Weg­ren­nen den Kopf zu mir dreht und mir zuzwin­kert, ange­spannt, ernst, gefasst, aber auch unend­lich erleich­tert.