Today’s the Day!
Ich betrete den Korridor. Nur noch wenige Schritte, und ich stehe im Studio. Über den Durchgang leuchtet das rote Licht. Werde ich das Publikum, werde ich die Jury überzeugen können? Welcher Teufel hat mich geritten, hier auftreten zu wollen, hier gewinnen zu wollen? Habe ich wirklich das Zeug zum Superstar? Nun, ich sehe verdammt gut aus, und meine Samtstimme lässt Frauenherzen gleich reihenweise schmelzen. Bis zum Erbrechen habe ich mit der Choreografin die erotischen Tanzschritte eingeübt, und auch immer wieder das geheimnisvolle Lächeln, mit dem ich die Lyrics an den neuralgischen Stellen unterlegen soll. Und dann, wenn ich rüber zur Band gehe, den Schlagzeuger vom Hocker schubse und mein Solo hinlege, damit alle überrascht feststellen, dass ich eigentlich Drummer bin … Die Frauen lieben Drummer. Aber die Jury? Haben Sie mich nur so weit kommen lassen, um mich lächerlich zu machen? Werde ich gleich abserviert? Die Maskenbildnerin, auf deren Stuhl ich vor wenigen Augenblicken noch saß, hat mir flüsternd Mut gemacht, während der Aufnahmeleiter die ganze Zeit auf mich eingeredet hat: Bis tausend schnell durch, nie irgendwelche Fragen kommentieren, dass sie zu leicht oder zu schwer sind, und wenn, dann »Abend« sagen und bloß nicht »Nachmittag«.
Das Publikum empfängt mich mit Applaus. Jauch legt mir von links die Hand auf die Schulter. Das ist der Moment, wo sie später schneiden, wenn es ein Kandidat auf den heißen Stuhl schafft, damit er in die Maske kann und ihm das Mikro angeklemmt wird, während sie seine Begleitung auf den dafür vorgesehenen Platz im Publikum platzieren. Es ist Nachmittag, die Sendung wird aufgezeichnet, aber es soll dann am Abend der Ausstrahlung so aussehen, als sei das alles live.
Ich bin verwirrt, setze mich, nippe vom Wasserglas, versuche zu verstehen, was Jauch von mir wissen will. Wer da oben sitzt? Das ist mein Vermieter. Jauch fragt nicht weiter nach. Wahrscheinlich will er sich meine Story mit dem Feuerschaden durch das Candlelight-Dinner, den zu übernehmen meine Versicherung sich weigert, für später aufsparen. Zusatzjoker? Nein danke, ich brauche die 16000 dringend, um den Schaden zu bezahlen.
Und dann erscheint auch schon die erste Frage auf dem Monitor, ganz ohne die gewohnte Spannungsmusik, die sie natürlich erst später dazumischen: »Sprichwörtlich heißt es: Wie gewonnen, so … a) verbummelt, b) getrommelt, c) entkommen, d) zerschrammelt.«
Ich bin verwirrt. Die 50-Euro-Frage ist eigentlich immer die leichteste. »Getrommelt« muss es heißen, klar, eigentlich »getrommelt und gepfiffen«, hier allerdings nur »getrommelt«, weil es sich auf »gewonnen« reimen soll, wenigstens halbwegs. »B«, sage ich, und B ist es doch auch meistens, oder? Oder C? Ich bin immer noch etwas verwirrt, glaube ich. Jauch fragt nach, aber jetzt bin ich mir sicher, nicke, bestehe darauf. Er kann mich nicht davon abbringen, und ich soll bis tausend ja auch schnell machen und nicht lange drumrumreden. Er loggt B ein. »Idiot!«, brüllt mein Vermieter quer durch die Halle.
Ich hab’s vergeigt. Bohlens Häme sticht mir ins Herz, und die Lacher aus dem Publikum treffen mich tief. Ich stehe allein auf der großen Studiobühne, erlebe mein Waterloo und verziehe keine Miene – diesen Triumph will ich ihnen nicht gönnen. Innerlich allerdings beschließe ich, nie wieder vor Fernsehkameras zu treten und zu glauben, in mir stecke ein Star.
Code Breakers
»Ich betrete den Korridor« ist – Sie haben es längst erraten! – ein Code, mit dem sich Verschwörer, die den Umsturz unseres Systems planen, untereinander verständigen.
Ihre E‑Mails, Tweets, Blog-Einträge, Briefe und Papiere werden jedoch abgefangen und einer Künstlergilde übergeben, die sehr geschickt darin ist, die geheimnisvolle Bedeutung der benutzten Wörter, Silben und Buchstaben zu enträtseln. Die Absichten der Verschwörer liegen den Behörden damit offen zutage, und selbst kurze, scheinbar harmlose Twitter-Meldungen offenbaren mit einem Mal Bedrohliches. Um eine Handvoll Beispiele zu nennen:
Es steht
Ist diese Methode der Entschlüsselung nicht ausreichend, so werden zwei andere von größerer Wirksamkeit in Anwendung gebracht: Durch das sogenannte Akrostichen und Anagrammisieren können die Gelehrten erstens die politische Bedeutung aller Anfangsbuchstaben dechiffrieren. So kann N einen geplanten Flashmob, B eine Neonazi-Website, J einen Shitstorm und beispielsweise L die Entsendung von Blauhelmen bedeuten. Oder man versetzt zweitens in einem der verdächtigen Blogeinträge die Buchstaben und entdeckt so die geheimsten Pläne der unzufriedenen Umstürzler, deren unverdächtig wirkende, aber doch so viel politischen Sprengstoff beinhaltende Parole offenbar lautet: »Ich betrete den Korridor.«
Ihr ergebenster Diener Lemuel Gulliver
Through Palmists‘ Eyes
Ich betrete den Korridor, und zwar, tataTaTAAA!, als Benefizveranstaltung. Die ganze Aktion, das Korridor-Happening sozusagen, findet heute – entscheide ich jetzt einfach mal spontan – zugunsten einer guten Sache statt.
Ich bin’s leid, es immer nur auf eigene Rechnung zu machen. Diesmal bin ich großzügig und lasse alle Einkünfte einer Organisation zukommen, die sich auf die Fahne geschrieben hat, unsere Welt zu einem besseren Ort zu machen. Da hat die Organisation was davon, die Welt, und letztlich auch ich, weil ich mir damit den Ruf erarbeite, auch mal an andere zu denken und das große Ganze im Blick zu haben, das, was wirklich wichtig ist, über den kurzfristigen Profit hinaus. So ist allen geholfen. Deshalb jetzt spontan diese Benefiz-Aktion mit dem heutigen Korridor.
Welche Organisation die Erlöse erhält? Tja, hab ich mir noch nicht überlegt. Müsste natürlich etwas sein, das nicht gleich auf der Hand liegt. Dürfte vielleicht sogar einen leichten surrealistischen Touch haben. Der Club der Solipsisten vielleicht (der die Welt darüber aufklären will, dass es nur ein Bewusstsein gibt, nämlich meins, meins und meins), oder die Oldenburger Höhenökologische Offensive (die für all die Tiefenökologen in den Gremien als Ausgleich dienen möchte und »biosphärische Differenziertheit« fordert)?
Nein, jetzt mal im Ernst. Was habe ich schon zu spenden, was bringen mir meine unermüdlichen Anstrengungen schon ein? Doch höchstens Spott und Stirnrunzeln, wenn es nicht sogar im gesamten deutschen Sprachraum bei kompletter Gleichgültigkeit gegenüber meinem heutigen Korridor-Happening bleibt. Spott, Kopfschütteln und Indifferenz: Wem könnte das dienen?
Genau.
Den Kreationisten.
Also: Ich betrete heute den Korridor gleich fünfmal, einmal für jeden fünften Deutschen, Schweizer und Österreicher, der oder die glaubt, das Leben, das Universum und der ganze Rest sei vor rund sechstausend Jahren erschaffen worden und alles, das etwas anderes nahelegt, nur eine Prüfung unseres Glaubens. Sprich: Sämtliche heutigen Erlöse (im Sinne von »Erlöse uns von der Dummheit!«) kommen denen zugute, die fest davon überzeugt sind, Jesus habe bei seiner wunderbaren Brotvermehrung selbstverständlich auch die Dinosaurier gespeist. Zumindest die vegetarischen. Amen.
Hen Party
Ich betrete den Korridor zu unserem Stall und blicke gleich voller Misstrauen nach oben. Auch wenn ich nur ein kleines dummes rotes Huhn bin: Eines weiß ich. Es ist wichtig, zu überprüfen, ob das Dach noch intakt ist. Seit Stück für Stück der Himmel einstürzt und immer wieder mit schrecklichem Getöse kristallisierte Wolken und eisblaue Stücke des Firmaments herunterfallen, sollte man keine Räume mehr betreten, deren Decke dem Bombardement nicht gewachsen ist.
Moral: James Thurber wär nicht im Geringsten verwirrt, wenn’s klirrt.
Gleym-mér-ei
Ich betrete den Korridor und sehe dort … ein Trampolin.
Ich betrete den Korridor und sehe dort ein Trampolin und … einen Geigenkoffer.
Ich betrete den Korridor und sehe dort ein Trampolin, einen Geigenkoffer und, äh, … einen Hamsterkäfig.
Ich betrete den Korridor und sehe ein Trampolin, einen Geigenkoffer, einen Hamsterkäfig und … sieben usbekische Jeirangazellen.
Ich betrete den Korridor und sehe dort Trampolin, Geigenkoffer, einen Hamsterkäfig, sieben usbekische Jeirangazellen und … ein Fläschchen mit Wasser aus dem Fluss Lethe.
Ich betrete den Korridor und sehe dort ein Trampolin, einen Hamsterkäfig, einen Geigenkoffer, einen äh, nein, sieben usbekische äh …, ein Fläschchen, doch ja, da war ein Fläschchen mit äh …, ein Hamsterkäfig auf jeden Fall und dann noch … Eben wusst ich’s noch!
Tja.
Brinque comigo
Ich betrete den Korridor, während ich mir den Reißverschluss meiner Jeans zuziehe und zurück in den Schankraum eile. Die anderen sehen mich erwartungsvoll an: Die Reihe ist an mir. Ich sage »Gefängnisginster« und schaue zu John P. Der holt nicht mal Luft, sondern fügt gleich an »Klosterkaktus«. Gemeinsam ruhen nun unser beider Blicke auf Peter dem Peinlichen. Der stottert ein paar Laute aus der Grauzone zwischen e, ä, h und m hervor, um dann überraschend akzentuiert auf »Bahnhofsbambus« zu enden.
Das lasse ich nicht auf mir sitzen. »Flughafenflieder« ist mein Gebot, John P. zieht elegant mit: »Wasserwerkwürgerich«, Peter der Peinliche wird rot, rollt seine Pupillen zwischen seinen zerwürfelten Gedanken umher und spuckt uns schließlich »Kirchenkrokus« hin. Ich schürze die Lippen und setze kühl einen lakonischen Akzent mit »Postpilz«.
»Ah!«, rufen zwei geierartig auf mich zustoßende Zeigefinger. »Haha!«, ereifert sich Peter der Peinliche, »ein Pilz ist doch keine Samenpflanze!«
»Und damit nicht genug«, ergänzt John P. die Kritik an meinem Vorschlag, »ist doch ein Pilz kein Kormophyt, sondern Thallophyt. Womit du wohl verloren hast. Tja …«
Zähneknirschend zahle ich die Runde.
Übersprunghandlung
Ich betrete den Korridor, weil ich wieder mal einsammeln muss, was mir in meiner Wohnung, zerstreut wie ich bin, im Lauf des Tages so alles abhanden gekommen ist. Und da kommt allerhand zusammen.
Ist vielleicht grundsätzlich etwas daran falsch, wie ich meinen Alltag handhabe: Hab erst im Bad die eine Hand-die-die-andere-wäscht liegen gelassen, dann am Frühstückstisch eine Hand an der Kaffeetasse vergessen, hab unten im Hausflur eine Hand im Briefkasten, im Hof eine an der Mülltonne verloren, hab eine am Telefonhörer verschusselt, zweie habe ich offenbar beim Annähen eines Knopfes verbummelt, und zwei weitere fanden sich traut entzweit auf den Tasten meines Klaviers.
Die habe ich alle wieder eingesammelt, aber eine fehlt mir noch. Hier im Korridor ist sie nicht, zwischen den Büchern kann ich sie auch nicht entdecken, im Bett und im Kleiderschrank hab ich nachgeguckt, im Bad hab ich alles durchsucht, doch meine Nachforschungen dort förderten nur einen verschollen geglaubten Pfefferstreuer zutage. Wo kann sie nur sein?
Ach, wie lächerlich, gerade kratze ich mir den Kopf, und da finde ich die fehlende, im Haar hängt sie mir, hätte ich mir gleich denken können, vom Haareraufen vermutlich, darüber, dass ich immer so schrecklich zerstreut bin.
Rescue Operation
Ich betrete den Korridor, der mich tief in den Bauch des Schiffs führt, aber während allerorten Amseln zirpen, Schlangen fauchen, Raben meckern, Enten gurrn, bei diesem lärmenden Ziegengewieher, Spatzengeblöke, Kuhgeheul und Möwengebell, überflattert, niedergetrappelt, angezappelt, von Geschlängle umzüngelt, Getripple umzingelt, gewimmelumringelt-geschwirreumringt, solang es hier hüpft, huscht und raschelt, schlüpft, stelzt und stampft, unter Spechtzischen, Froschgrunzen, Pferdemuhn, fortdauerndem Damwildsummen und Büffelfiepen und Tigergekreisch, inmitten von Taubenschnauben und Bärengeklopf, Hummelgebrummel und Mäusegesurr, welpenbeschnattert und hundebeschimpft, ständigem Hahnenmaunzen und Hühnergeklapper ausgeliefert, Elefantengezeter und Fliegengeröhr, Wolfsgekräh und Schafsgekrächz, von unausgesetztem Wildschweintrompeten und Elsterngeknurre und Zikadengezwitscher bedrängt, ist es einfach unmöglich, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
Noah. Erster (und einziger) Logbucheintrag.
Beach Scene
Ich betrete den Korridor, den jemand akkurat in den Sand gezeichnet hat. Zwar hatte ich eigentlich den Plan, mich an dieser einsamen Bucht auf mein Handtuch zu legen und mir einfach nur die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen, doch das Strand-Graffito macht mich neugierig: Eine Tür führt in den Korridor – die Linien im Sand bilden einen sauber ausgeführten Grundriss im Maßstab eins zu eins. Offenbar bin ich nicht der einzige Architekt oder Bauzeichner, der hier Urlaub macht.
Nach rechts zum Wasser hin gibt es Fenster, frisch in den Sand geritzt; Fußspuren kann ich zwischen den Symbolen nicht entdecken. Die Wände bestehen – wie die durchgehende Schraffur zeigt – aus Mauerwerk, ich komme an einer Sesselgruppe vorüber. Eine Garderobe ist eingezeichnet, wenn auch nicht ganz DIN-gerecht, dann ein Sofa zwischen den Fenstern, neben dem, wenn ich das Symbol richtig deute, eigenartigerweise eine Waschmaschine steht. Hier schwappen gerade die auslaufenden Wellen über die Zeichnung: Dieser Korridor ist eindeutig nicht für die Ewigkeit gebaut.
Ich komme zu einem Aufzug, dessen Türen einladend offen stehen, und kann der Versuchung nicht widerstehen: Ich trete hinein. Das hätte ich besser nicht getan! Der Sand unter mir gibt nach, der Aufprall raubt mir die Sinne.
Als ich zu mir komme, ist mir sofort klar, dass es eine Falle ist. Der Sand lag auf einer Schicht Palmenblätter, die unter mir sofort nachgegeben haben. Die Grube ist tief, und es würde mich Stunden kosten, mich hier wieder herauszugraben. Schon höre ich die Trommeln der Kannibalen. Sie kommen näher. ›Fallgrube‹, denke ich, ›dafür gibt es gar kein DIN-Symbol.‹ Hätte ich nur den Warnungen im Reiseführer Glauben geschenkt, dass ihre Jagdmethoden immer ausgefuchster werden …