Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Dada

219/398

διαδρομοι

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Ich trete in den Kor­ri­dor
und treffe dort auf Isi­dor,
      all­hier die Kory­phäe,
      als die ich mich gern sähe –
statt als »loka­ler Mata­dor«.

 

232/398

Today’s the Day!

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Ich betrete den Kor­ri­dor. Nur noch wenige Schritte, und ich stehe im Stu­dio. Über den Durch­gang leuch­tet das rote Licht. Werde ich das Publi­kum, werde ich die Jury über­zeu­gen kön­nen? Wel­cher Teu­fel hat mich gerit­ten, hier auf­tre­ten zu wol­len, hier gewin­nen zu wol­len? Habe ich wirk­lich das Zeug zum Super­star? Nun, ich sehe ver­dammt gut aus, und meine Samt­stimme lässt Frau­en­her­zen gleich rei­hen­weise schmel­zen. Bis zum Erbre­chen habe ich mit der Cho­reo­gra­fin die ero­ti­schen Tanz­schritte ein­ge­übt, und auch immer wie­der das geheim­nis­volle Lächeln, mit dem ich die Lyrics an den neur­al­gi­schen Stel­len unter­le­gen soll. Und dann, wenn ich rüber zur Band gehe, den Schlag­zeu­ger vom Hocker schubse und mein Solo hin­lege, damit alle über­rascht fest­stel­len, dass ich eigent­lich Drum­mer bin … Die Frauen lie­ben Drum­mer. Aber die Jury? Haben Sie mich nur so weit kom­men las­sen, um mich lächer­lich zu machen? Werde ich gleich abser­viert? Die Mas­ken­bild­ne­rin, auf deren Stuhl ich vor weni­gen Augen­bli­cken noch saß, hat mir flüs­ternd Mut gemacht, wäh­rend der Auf­nah­me­lei­ter die ganze Zeit auf mich ein­ge­re­det hat: Bis tau­send schnell durch, nie irgend­wel­che Fra­gen kom­men­tie­ren, dass sie zu leicht oder zu schwer sind, und wenn, dann »Abend« sagen und bloß nicht »Nach­mit­tag«.

Das Publi­kum emp­fängt mich mit Applaus. Jauch legt mir von links die Hand auf die Schul­ter. Das ist der Moment, wo sie spä­ter schnei­den, wenn es ein Kan­di­dat auf den hei­ßen Stuhl schafft, damit er in die Maske kann und ihm das Mikro ange­klemmt wird, wäh­rend sie seine Beglei­tung auf den dafür vor­ge­se­he­nen Platz im Publi­kum plat­zie­ren. Es ist Nach­mit­tag, die Sen­dung wird auf­ge­zeich­net, aber es soll dann am Abend der Aus­strah­lung so aus­se­hen, als sei das alles live.

Ich bin ver­wirrt, setze mich, nippe vom Was­ser­glas, ver­su­che zu ver­ste­hen, was Jauch von mir wis­sen will. Wer da oben sitzt? Das ist mein Ver­mie­ter. Jauch fragt nicht wei­ter nach. Wahr­schein­lich will er sich meine Story mit dem Feu­er­scha­den durch das Cand­le­light-Din­ner, den zu über­neh­men meine Ver­si­che­rung sich wei­gert, für spä­ter auf­spa­ren. Zusatz­jo­ker? Nein danke, ich brau­che die 16000 drin­gend, um den Scha­den zu bezah­len.

Und dann erscheint auch schon die erste Frage auf dem Moni­tor, ganz ohne die gewohnte Span­nungs­mu­sik, die sie natür­lich erst spä­ter dazu­mi­schen: »Sprich­wört­lich heißt es: Wie gewon­nen, so … a) ver­bum­melt, b) getrom­melt, c) ent­kom­men, d) zer­schram­melt.«

Ich bin ver­wirrt. Die 50-Euro-Frage ist eigent­lich immer die leich­teste. »Getrom­melt« muss es hei­ßen, klar, eigent­lich »getrom­melt und gepfif­fen«, hier aller­dings nur »getrom­melt«, weil es sich auf »gewon­nen« rei­men soll, wenigs­tens halb­wegs. »B«, sage ich, und B ist es doch auch meis­tens, oder? Oder C? Ich bin immer noch etwas ver­wirrt, glaube ich. Jauch fragt nach, aber jetzt bin ich mir sicher, nicke, bestehe dar­auf. Er kann mich nicht davon abbrin­gen, und ich soll bis tau­send ja auch schnell machen und nicht lange drum­rum­re­den. Er loggt B ein. »Idiot!«, brüllt mein Ver­mie­ter quer durch die Halle.

Ich hab’s ver­geigt. Boh­lens Häme sticht mir ins Herz, und die Lacher aus dem Publi­kum tref­fen mich tief. Ich stehe allein auf der gro­ßen Stu­dio­bühne, erlebe mein Water­loo und ver­ziehe keine Miene – die­sen Tri­umph will ich ihnen nicht gön­nen. Inner­lich aller­dings beschließe ich, nie wie­der vor Fern­seh­ka­me­ras zu tre­ten und zu glau­ben, in mir ste­cke ein Star.

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Code Brea­k­ers

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»Ich betrete den Kor­ri­dor« ist – Sie haben es längst erra­ten! – ein Code, mit dem sich Ver­schwö­rer, die den Umsturz unse­res Sys­tems pla­nen, unter­ein­an­der ver­stän­di­gen.

Ihre E‑Mails, Tweets, Blog-Ein­träge, Briefe und Papiere wer­den jedoch abge­fan­gen und einer Künst­ler­gilde über­ge­ben, die sehr geschickt darin ist, die geheim­nis­volle Bedeu­tung der benutz­ten Wör­ter, Sil­ben und Buch­sta­ben zu ent­rät­seln. Die Absich­ten der Ver­schwö­rer lie­gen den Behör­den damit offen zutage, und selbst kurze, schein­bar harm­lose Twit­ter-Mel­dun­gen offen­ba­ren mit einem Mal Bedroh­li­ches. Um eine Hand­voll Bei­spiele zu nen­nen:

Es steht

  • ein Nacht­stuhl für den Schul­den­berg;
  • eine Herde Gänse für die Oppo­si­tion;
  • ein lah­mer Hund für eine NGO, die geheime Regie­rungs­da­ten ver­öf­fent­licht;
  • eine Pest für Waf­fen­lie­fe­run­gen ins Aus­land;
  • ein Mai­kä­fer für Sub­ven­ti­ons­be­trug;
  • schwe­res Rheuma für die Anti-Ter­ror-Gesetze;
  • ein Gal­gen für ver­kappte Steu­er­erhö­hun­gen;
  • ein Nacht­topf für ver­kappte Diä­ten­er­hö­hun­gen;
  • ein Sieb für Ver­brau­cher­schutz­maß­nah­men;
  • ein Besen für die Revo­lu­tion;
  • eine Mau­se­falle für den Daten­schutz;
  • ein boden­lo­ser Brun­nen für die Ver­flech­tun­gen der Poli­tik mit der Wirt­schaft;
  • ein Abzugs­ka­nal für den Atom­aus­stieg;
  • eine Nar­ren­kappe für die Heer­scha­ren von Lob­by­is­ten;
  • ein zer­bro­che­nes Rohr für das Ver­fas­sungs­ge­richt;
  • ein lee­res Fass für die Berufs­ar­mee und
  • eine offene Wunde für das Urhe­ber­recht.

Ist diese Methode der Ent­schlüs­se­lung nicht aus­rei­chend, so wer­den zwei andere von grö­ße­rer Wirk­sam­keit in Anwen­dung gebracht: Durch das soge­nannte Akro­sti­chen und Ana­gram­mi­sie­ren kön­nen die Gelehr­ten ers­tens die poli­ti­sche Bedeu­tung aller Anfangs­buch­sta­ben dechif­frie­ren. So kann N einen geplan­ten Flash­mob, B eine Neo­nazi-Web­site, J einen Shit­s­torm und bei­spiels­weise L die Ent­sen­dung von Blau­hel­men bedeu­ten. Oder man ver­setzt zwei­tens in einem der ver­däch­ti­gen Blog­ein­träge die Buch­sta­ben und ent­deckt so die geheims­ten Pläne der unzu­frie­de­nen Umstürz­ler, deren unver­däch­tig wir­kende, aber doch so viel poli­ti­schen Spreng­stoff beinhal­tende Parole offen­bar lau­tet: »Ich betrete den Kor­ri­dor.«

 

Ihr erge­bens­ter Die­ner Lemuel Gul­li­ver

 

264/398

Through Pal­mists‘ Eyes

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Ich betrete den Kor­ri­dor, und zwar, tata­TaT­AAA!, als Bene­fiz­ver­an­stal­tung. Die ganze Aktion, das Kor­ri­dor-Hap­pe­ning sozu­sa­gen, fin­det heute – ent­scheide ich jetzt ein­fach mal spon­tan – zuguns­ten einer guten Sache statt.

Ich bin’s leid, es immer nur auf eigene Rech­nung zu machen. Dies­mal bin ich groß­zü­gig und lasse alle Ein­künfte einer Orga­ni­sa­tion zukom­men, die sich auf die Fahne geschrie­ben hat, unsere Welt zu einem bes­se­ren Ort zu machen. Da hat die Orga­ni­sa­tion was davon, die Welt, und letzt­lich auch ich, weil ich mir damit den Ruf erar­beite, auch mal an andere zu den­ken und das große Ganze im Blick zu haben, das, was wirk­lich wich­tig ist, über den kurz­fris­ti­gen Pro­fit hin­aus. So ist allen gehol­fen. Des­halb jetzt spon­tan diese Bene­fiz-Aktion mit dem heu­ti­gen Kor­ri­dor.

Wel­che Orga­ni­sa­tion die Erlöse erhält? Tja, hab ich mir noch nicht über­legt. Müsste natür­lich etwas sein, das nicht gleich auf der Hand liegt. Dürfte viel­leicht sogar einen leich­ten sur­rea­lis­ti­schen Touch haben. Der Club der Solip­sis­ten viel­leicht (der die Welt dar­über auf­klä­ren will, dass es nur ein Bewusst­sein gibt, näm­lich meins, meins und meins), oder die Olden­bur­ger Höhen­öko­lo­gi­sche Offen­sive (die für all die Tie­fen­öko­lo­gen in den Gre­mien als Aus­gleich die­nen möchte und »bio­sphä­ri­sche Dif­fe­ren­ziert­heit« for­dert)?

Nein, jetzt mal im Ernst. Was habe ich schon zu spen­den, was brin­gen mir meine uner­müd­li­chen Anstren­gun­gen schon ein? Doch höchs­tens Spott und Stirn­run­zeln, wenn es nicht sogar im gesam­ten deut­schen Sprach­raum bei kom­plet­ter Gleich­gül­tig­keit gegen­über mei­nem heu­ti­gen Kor­ri­dor-Hap­pe­ning bleibt. Spott, Kopf­schüt­teln und Indif­fe­renz: Wem könnte das die­nen?

Genau.

Den Krea­tio­nis­ten.

Also: Ich betrete heute den Kor­ri­dor gleich fünf­mal, ein­mal für jeden fünf­ten Deut­schen, Schwei­zer und Öster­rei­cher, der oder die glaubt, das Leben, das Uni­ver­sum und der ganze Rest sei vor rund sechs­tau­send Jah­ren erschaf­fen wor­den und alles, das etwas ande­res nahe­legt, nur eine Prü­fung unse­res Glau­bens. Sprich: Sämt­li­che heu­ti­gen Erlöse (im Sinne von »Erlöse uns von der Dumm­heit!«) kom­men denen zugute, die fest davon über­zeugt sind, Jesus habe bei sei­ner wun­der­ba­ren Brot­ver­meh­rung selbst­ver­ständ­lich auch die Dino­sau­rier gespeist. Zumin­dest die vege­ta­ri­schen. Amen.

 

270/398

Hen Party

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Ich betrete den Kor­ri­dor zu unse­rem Stall und bli­cke gleich vol­ler Miss­trauen nach oben. Auch wenn ich nur ein klei­nes dum­mes rotes Huhn bin: Eines weiß ich. Es ist wich­tig, zu über­prü­fen, ob das Dach noch intakt ist. Seit Stück für Stück der Him­mel ein­stürzt und immer wie­der mit schreck­li­chem Getöse kris­tal­li­sierte Wol­ken und eis­blaue Stü­cke des Fir­ma­ments her­un­ter­fal­len, sollte man keine Räume mehr betre­ten, deren Decke dem Bom­bar­de­ment nicht gewach­sen ist.

Moral: James Thur­ber wär nicht im Gerings­ten ver­wirrt, wenn’s klirrt.

 

297/398

Gleym-mér-ei

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Ich betrete den Kor­ri­dor und sehe dort … ein Tram­po­lin.

Ich betrete den Kor­ri­dor und sehe dort ein Tram­po­lin und … einen Gei­gen­kof­fer.

Ich betrete den Kor­ri­dor und sehe dort ein Tram­po­lin, einen Gei­gen­kof­fer und, äh, … einen Hams­ter­kä­fig.

Ich betrete den Kor­ri­dor und sehe ein Tram­po­lin, einen Gei­gen­kof­fer, einen Hams­ter­kä­fig und … sie­ben usbe­ki­sche Jei­ran­ga­zel­len.

Ich betrete den Kor­ri­dor und sehe dort Tram­po­lin, Gei­gen­kof­fer, einen Hams­ter­kä­fig, sie­ben usbe­ki­sche Jei­ran­ga­zel­len und … ein Fläsch­chen mit Was­ser aus dem Fluss Lethe.

Ich betrete den Kor­ri­dor und sehe dort ein Tram­po­lin, einen Hams­ter­kä­fig, einen Gei­gen­kof­fer, einen äh, nein, sie­ben usbe­ki­sche äh …, ein Fläsch­chen, doch ja, da war ein Fläsch­chen mit äh …, ein Hams­ter­kä­fig auf jeden Fall und dann noch … Eben wusst ich’s noch!

Tja.

 

334/398

Brinque comigo

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Ich betrete den Kor­ri­dor, wäh­rend ich mir den Reiß­ver­schluss mei­ner Jeans zuziehe und zurück in den Schank­raum eile. Die ande­ren sehen mich erwar­tungs­voll an: Die Reihe ist an mir. Ich sage »Gefäng­nis­gins­ter« und schaue zu John P. Der holt nicht mal Luft, son­dern fügt gleich an »Klos­ter­kak­tus«. Gemein­sam ruhen nun unser bei­der Bli­cke auf Peter dem Pein­li­chen. Der stot­tert ein paar Laute aus der Grau­zone zwi­schen e, ä, h und m her­vor, um dann über­ra­schend akzen­tu­iert auf »Bahn­hofs­bam­bus« zu enden.

Das lasse ich nicht auf mir sit­zen. »Flug­ha­fen­flie­der« ist mein Gebot, John P. zieht ele­gant mit: »Was­ser­werk­wür­ge­rich«, Peter der Pein­li­che wird rot, rollt seine Pupil­len zwi­schen sei­nen zer­wür­fel­ten Gedan­ken umher und spuckt uns schließ­lich »Kir­chen­kro­kus« hin. Ich schürze die Lip­pen und setze kühl einen lako­ni­schen Akzent mit »Post­pilz«.

»Ah!«, rufen zwei gei­er­ar­tig auf mich zusto­ßende Zei­ge­fin­ger. »Haha!«, erei­fert sich Peter der Pein­li­che, »ein Pilz ist doch keine Samen­pflanze!«

»Und damit nicht genug«, ergänzt John P. die Kri­tik an mei­nem Vor­schlag, »ist doch ein Pilz kein Korm­o­phyt, son­dern Thal­lo­phyt. Womit du wohl ver­lo­ren hast. Tja …«

Zäh­ne­knir­schend zahle ich die Runde.

 

337/398

Über­sprung­hand­lung

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Ich betrete den Kor­ri­dor, weil ich wie­der mal ein­sam­meln muss, was mir in mei­ner Woh­nung, zer­streut wie ich bin, im Lauf des Tages so alles abhan­den gekom­men ist. Und da kommt aller­hand zusam­men.

Ist viel­leicht grund­sätz­lich etwas daran falsch, wie ich mei­nen All­tag hand­habe: Hab erst im Bad die eine Hand-die-die-andere-wäscht lie­gen gelas­sen, dann am Früh­stücks­tisch eine Hand an der Kaf­fee­tasse ver­ges­sen, hab unten im Haus­flur eine Hand im Brief­kas­ten, im Hof eine an der Müll­tonne ver­lo­ren, hab eine am Tele­fon­hö­rer ver­schus­selt, zweie habe ich offen­bar beim Annä­hen eines Knop­fes ver­bum­melt, und zwei wei­tere fan­den sich traut ent­zweit auf den Tas­ten mei­nes Kla­viers.

Die habe ich alle wie­der ein­ge­sam­melt, aber eine fehlt mir noch. Hier im Kor­ri­dor ist sie nicht, zwi­schen den Büchern kann ich sie auch nicht ent­de­cken, im Bett und im Klei­der­schrank hab ich nach­ge­guckt, im Bad hab ich alles durch­sucht, doch meine Nach­for­schun­gen dort för­der­ten nur einen ver­schol­len geglaub­ten Pfef­fer­streuer zutage. Wo kann sie nur sein?

Ach, wie lächer­lich, gerade kratze ich mir den Kopf, und da finde ich die feh­lende, im Haar hängt sie mir, hätte ich mir gleich den­ken kön­nen, vom Haa­re­rau­fen ver­mut­lich, dar­über, dass ich immer so schreck­lich zer­streut bin.

341/398

Res­cue Ope­ra­tion

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Ich betrete den Kor­ri­dor, der mich tief in den Bauch des Schiffs führt, aber wäh­rend aller­or­ten Amseln zir­pen, Schlan­gen fau­chen, Raben meckern, Enten gurrn, bei die­sem lär­men­den Zie­gen­ge­wie­her, Spat­zen­ge­blöke, Kuh­ge­heul und Möwen­ge­bell, über­flat­tert, nie­der­ge­trap­pelt, ange­zap­pelt, von Geschlängle umzün­gelt, Getripple umzin­gelt, gewim­mel­um­rin­gelt-geschwir­re­um­ringt, solang es hier hüpft, huscht und raschelt, schlüpft, stelzt und stampft, unter Specht­zi­schen, Frosch­grun­zen, Pfer­de­m­uhn, fort­dau­ern­dem Dam­wild­sum­men und Büf­fel­fie­pen und Tiger­ge­kreisch, inmit­ten von Tau­ben­schnau­ben und Bären­ge­klopf, Hum­mel­ge­brum­mel und Mäu­se­ge­surr, wel­pen­be­schnat­tert und hun­de­be­schimpft, stän­di­gem Hah­nen­maun­zen und Hüh­ner­ge­klap­per aus­ge­lie­fert, Ele­fan­ten­ge­ze­ter und Flie­gen­ge­röhr, Wolfs­ge­kräh und Schafs­ge­krächz, von unaus­ge­setz­tem Wild­schwein­trom­pe­ten und Els­tern­ge­knurre und Zika­den­ge­zwit­scher bedrängt, ist es ein­fach unmög­lich, auch nur einen kla­ren Gedan­ken zu fas­sen.

Noah. Ers­ter (und ein­zi­ger) Log­buch­ein­trag.

346/398

Beach Scene

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Ich betrete den Kor­ri­dor, den jemand akku­rat in den Sand gezeich­net hat. Zwar hatte ich eigent­lich den Plan, mich an die­ser ein­sa­men Bucht auf mein Hand­tuch zu legen und mir ein­fach nur die Sonne auf den Bauch schei­nen zu las­sen, doch das Strand-Graf­fito macht mich neu­gie­rig: Eine Tür führt in den Kor­ri­dor – die Linien im Sand bil­den einen sau­ber aus­ge­führ­ten Grund­riss im Maß­stab eins zu eins. Offen­bar bin ich nicht der ein­zige Archi­tekt oder Bau­zeich­ner, der hier Urlaub macht.

Nach rechts zum Was­ser hin gibt es Fens­ter, frisch in den Sand geritzt; Fuß­spu­ren kann ich zwi­schen den Sym­bo­len nicht ent­de­cken. Die Wände bestehen – wie die durch­ge­hende Schraf­fur zeigt – aus Mau­er­werk, ich komme an einer Ses­sel­gruppe vor­über. Eine Gar­de­robe ist ein­ge­zeich­net, wenn auch nicht ganz DIN-gerecht, dann ein Sofa zwi­schen den Fens­tern, neben dem, wenn ich das Sym­bol rich­tig deute, eigen­ar­ti­ger­weise eine Wasch­ma­schine steht. Hier schwap­pen gerade die aus­lau­fen­den Wel­len über die Zeich­nung: Die­ser Kor­ri­dor ist ein­deu­tig nicht für die Ewig­keit gebaut.

Ich komme zu einem Auf­zug, des­sen Türen ein­la­dend offen ste­hen, und kann der Ver­su­chung nicht wider­ste­hen: Ich trete hin­ein. Das hätte ich bes­ser nicht getan! Der Sand unter mir gibt nach, der Auf­prall raubt mir die Sinne.

Als ich zu mir komme, ist mir sofort klar, dass es eine Falle ist. Der Sand lag auf einer Schicht Pal­men­blät­ter, die unter mir sofort nach­ge­ge­ben haben. Die Grube ist tief, und es würde mich Stun­den kos­ten, mich hier wie­der her­aus­zu­gra­ben. Schon höre ich die Trom­meln der Kan­ni­ba­len. Sie kom­men näher. ›Fall­grube‹, denke ich, ›dafür gibt es gar kein DIN-Sym­bol.‹ Hätte ich nur den War­nun­gen im Rei­se­füh­rer Glau­ben geschenkt, dass ihre Jagd­me­tho­den immer aus­ge­fuchs­ter wer­den …