Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

Tag: Dada

9/398

Das Titelbild zeigt eine alte schwarze mechanische Schreibmaschine mit Papier im Einzug und runden Tasten, alle mit dem Buchstaben E. Ein digitaler Button zeigt ein durchgestrichenes I.

♫ Acci­den­tal Break ♫


9/398

LogoSwitch language

Ovj nrz­trzr frm Lpttofpr. (Upps, dane­ben­ge­hauen.)

10/398

Das Titelbild zeigt eine Tür mit Buchcovergestaltung für den Roman "Snowmen Rarely Make Good Cigarette Lighters" von T. Hawk, mit schwarzer Schrift und schwarzen Punkten auf hellblauem Hintergrund in einem klassischen Raum mit Stehlampe und Beistelltisch.

♫ Hyp­no­tic Attic ♫


10/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor und öffne die Tür zum Wohn­zim­mer. Aller­dings ist in die­sem Zim­mer nichts wirk­lich das, was es zu sein scheint.

Die Tür zum Bei­spiel ist in Wirk­lich­keit ein Buch, das mit Schnee­män­ner tau­gen sel­ten zum Ziga­ret­ten­an­zün­den beti­telt ist. Der Ses­sel ist eine Poli­tesse mit Namen Edna Gierke. Der andere Ses­sel ist ein Stuhl, der jedoch von der Fami­lie immer ›der Hocker‹ genannt wird. Die Stand­uhr ist eine Vitrine für die Algen­schnit­zel­samm­lung des Patri­ar­chen Was­muth, der aus­sieht wie ein Lam­pen­schirm, tat­säch­lich jedoch der Tep­pich des Rau­mes ist.

Das Kla­vier ist streng­ge­nom­men ein Spi­nett der Firma Gell­wie­sen, die inzwi­schen in den USA unter dem Namen Bel­low­me­a­dow bekannt gewor­den ist für ihre exqui­si­ten Bis­quits. Die blaue Wand­farbe ist der Geruch von gekoch­tem Weiß­kohl, das Gemälde an der Wand ist ein Foto, das Mirna und Kätz­chen zeigt und den Titel Frauen und Kat­zen zuerst trägt. Hab ich was ver­ges­sen? Ja, der Mann, der ver­lo­ren im Zim­mer steht, ist in der Tat der Gerichts­voll­zie­her, er heißt aller­dings Her­bert Brünn­chen und ist durch den Licht­schal­ter her­ein­ge­kom­men, bei dem es sich um die Durch­rei­che zur Küche han­delt.

Das Wohn­zim­mer selbst, um auch das noch zu erwäh­nen, scheint zwar ein umbau­ter Raum zu sein, ist aber in Wahr­heit ein Zei­tungs­ar­ti­kel mit der rei­ße­ri­schen Schlag­zeile ›Ganz Schwa­bin­gen tri­chi­nen­ver­seucht?‹

33/398

Das Titelbild zeigt einen prunkvollen, mit goldverzierten Stuckarbeiten verzierten Raum mit zahlreichen Gemälden an den Wänden und einer Deckenmalerei, in dem viele Ziegen verschiedener Größen auf Möbeln und dem Teppich stehen oder liegen.

♫ Push’em Up! (Year of the Goat Mix) ♫


33/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor, den die Set-Desi­gner plas­tik­bunt auf der Show­bühne errich­tet haben, im hei­ßen Licht der Schein­wer­fer. Das Stu­dio­pu­bli­kum hält den Atem an. Dabei ist es wie immer: Hin­ter einer der Türen eine Luxus­li­mou­sine – und hin­ter allen ande­ren jeweils eine Ziege. Und wie immer öff­net der Show­mas­ter, wenn ich meine Wahl getrof­fen habe, eine der ande­ren Türen, und wie immer befin­det sich eine Ziege dahin­ter. Ob ich meine Wahl nun noch ein­mal über­denke oder dar­auf beharre: Den Haupt­preis zu erwi­schen schaffe ich natür­lich trotz­dem wie immer nicht.

Ich will ja nicht meckern, aber: Was soll ich nur mit all den Zie­gen?

84/398

Das Titelbild zeigt einen Topf mit kochenden Frühlingszwiebeln, die Gesichter haben und herzhaft zu singen scheinen. Ein digitaler Button links oben zeigt eine Kröte, ein Button rechts oben eine herausgestreckte Zunge.

♫ Toad Lickers‘ Dream ♫


84/398

LogoSwitch language

Ich trete in den Kor­ri­dor,

und gleich dringt mir Geplärr ans Ohr.

Nach kur­zer Ana­lyse

tipp ich auf Gemüse:

Da probt im Flur ein Por­ree-Chor.

85/398

Das Titelbild zeigt vier Frauen in roten, einteiligen Badeanzügen und roten Haarbändern auf und vor einem roten Sofa, bunte Kissen in den Händen haltend. Ein digitaler Button links unten zeigt eine kleine Eule, die aus einem Bastkorb lugt.

♫ Change of Hand, Sleight of Mind ♫


85/398

LogoSwitch language

»Ich betrete den Kor­ri­dor« läuft – ähn­lich wie sich im Zeit­raf­fer am Him­mel Wol­ken bil­den und wie­der auf­lö­sen – als Text­in­sert durchs Bild, als DER GAUKLER (schlich­tes rotes Gewand mit brei­tem schwar­zen Stoff­gür­tel, dazu ein schwar­zer Hut auf dem Kopf) einen kli­nisch wei­ßen, über­strah­len­den Kran­ken­haus­kor­ri­dor betritt. Er dreht sich in die Kamera.

DER GAUKLER

Vil meynen syn vff rech­tem weg,
die doch ver­jr­ren an dem stæg,
der zů dem woren leben fűrt.

Er geht wei­ter. Die Türen an den Sei­ten öff­nen sich: Zu Zir­kus­mu­sik prä­sen­tie­ren ihm auf Samt­kis­sen VIER LEICHTBEKLEIDETE GOGO-GIRLS Dinge wie

  • (auf einem bei­gen Kis­sen) einen Schnul­ler,
  • (auf einem pur­pur­nen) ein Tjurunga,
  • (auf einem roten) eine Maschi­nen­pis­tole,
  • (auf einem blauen) einen gol­de­nen Lor­beer­kranz.

Der Gauk­ler wirft jeweils einen kur­zen Blick auf die ver­lo­cken­den Ange­bote, lässt sie dann aber schul­ter­zu­ckend links lie­gen. Erst jetzt ist zu erken­nen, dass er am Gür­tel einen Bast­korb trägt, aus des­sen Öff­nung vor­wit­zig EINE KLEINE EULE her­aus­schaut. Im Gehen in die Kamera:

DER GAUKLER

Wol dem, der vff dem weg nit jrrt,
wann er jn schon ergrif­fen hat,
ann offt der neben weg ab gat.

Wei­tere Türen schwin­gen neben dem Gauk­ler auf, VIER WEITERE GOGO-GIRLS (oder sind es die­sel­ben?) prä­sen­tie­ren

  • (auf einem oran­ge­nen Samt­kis­sen) eine Spie­le­kon­sole,
  • (auf einem grü­nen) die Charta der Men­schen­rechte,
  • (auf einem gel­ben) einen Elfen­bein­turm und
  • (auf einem tür­ki­sen) das Glas­per­len­spiel aus Hes­ses gleich­na­mi­gen Roman.

Am Ende erwar­tet den Gauk­ler ein koral­len­far­be­ner Vor­hang, den er zur Seite schiebt …

DER GAUKLER

(lächelnd)

Ich vœrcht, es kumen bald die tag,
das man me nuwer mær werd jnn,
dann vns gefall vnd syg zű synn.

… und dann dahin­ter ver­schwin­det.

122/398

Das Titelbild zeigt einen Blick in die aufsteigenden Stuhlreihen eines Hörsaals. Vorne sitzt eine junge Frau mit lockigem blondem Haar und weißem T-Shirt mit rotem Schriftzug "NIRVANA" vor einem geöffneten Heft, umgeben von mehreren jungen Menschen, die aufmerksam den Betrachter anblicken.

♫ The Bra­zen Bran­ches of Remem­brance ♫


122/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor, und, ja, ich werde auch den nächs­ten Schritt tun und den Hör­saal betre­ten. Aber, Leute, freut euch nicht zu früh. Wenn ich auch heute hier das Wort ergreife und gewis­ser­ma­ßen unver­hofft das lange, lange Schwei­gen bre­che: Nicht der Sur­rea­lis­mus ist mein Thema, die Liebe nicht und auch nicht der Tod. David Gas­coyne hat ein­mal geschrie­ben – ich zitiere es hof­fent­lich eini­ger­ma­ßen kor­rekt aus dem Gedächt­nis: »Die vol­len Brüste«, nein, bei­nahe, tat­säch­lich heißt es nur: »Die Brüste der Ewig­keit erwar­ten meine zärt­li­chen Hände.« Aber auch die Ewig­keit wird nicht mein Thema sein, genauso wenig wie die Jugend die Schön­heit die Mühle oder das geheime Wort …

Ja, die Gazet­ten schrei­ben es immer wie­der und las­sen mich selbst kaum noch groß daran zwei­feln: dass man mich einst »der Tiger« nannte. »Ozean der Stille« hätte mir fast bes­ser gefal­len – meine Angriffe waren zwar Explo­sio­nen, aber unmaß­geb­lich, denn sie soll­ten ein­zig­ar­tig blei­ben. Wenigs­tens ist auch die Liebe nicht mein Thema, und dies nicht von unge­fähr.

Ich glaube, ich sollte mei­nen Ent­schluss, zu euch zu spre­chen, bedau­ern, denn mich deucht, allein der Ver­such muss zum Schei­tern ver­ur­teilt sein. Ich leugne nicht, dass der Höl­len­stein sei­nem Namen gemäß wahr­schein­lich stark ätzt, aber er heilt nicht.

Oft muss ich an den Satz von Gas­coyne den­ken, »die Brüste der Ewig­keit«, ein pral­les Bild, jedoch viel­leicht ver­fehlt. Er will hier aus einem Schuss zwei Tref­fer machen, kal­ku­liert jedoch nach mei­ner Ein­sicht nicht mit ein, dass das Wesen der Dauer am Ende das Schwei­gen in Andacht ist. Die üppige Blon­dine da vorn mit dem Wort »Nir­vana« auf ihrem T‑Shirt hat das, wenn man will, begrif­fen, aber wer von euch »1984« auf die Tafel geschrie­ben hat – soviel ist mir bewusst –, hätte bes­ser daran getan, »Kil­roy was here« oder ein­fach nur seine lange Nase drauf­zu­schmie­ren. Wie ich mich erin­nere, aller­dings mit Ein­schrän­kung gespro­chen, denn Erin­ne­run­gen sind trü­ge­risch, was wie­derum davon ablenkt, dass auch die Vor­stel­lung, die wir uns von der Gegen­wart machen, so trü­ge­risch ist wie ein Mär­chen, das wir uns selbst erzäh­len … Aber ich schweife ab.

Hatte ich mir nicht fest vor­ge­nom­men, ich werde nicht irren? Jetzt schwebt es mir so vor, als ent­wickle sich diese Vor­le­sung zu einer Art von Beichte. Doch eine sol­che ist – mit Aus­nahme von Mono­lo­gen, wie sie Böse­wichte am Ende von Kri­mi­nal­ge­schich­ten vor­tra­gen, um den Lesern zu erklä­ren, warum sie was und wie genau sie es taten – ohne Zwei­fel nicht nur über­flüs­sig, son­dern rich­tig­ge­hend hoch­not­pein­lich. Ich möchte sagen – aber was möchte ich sagen, und nicht ein­fach nur dahin­re­den, son­dern man könnte sagen: her­ab­ru­fen, her­auf­be­schwö­ren, was ist mein Thema? Dass ein sol­ches Thema nur ein Aus­schnitt sein kann, und jeder Aus­schnitt der Wirk­lich­keit, wie man zu sagen pflegt, nicht gerecht wird?

Keine Sorge, ich rede nicht mehr lange, das Spre­chen strengt mich an, und einige von euch mit­schrei­ben zu sehen, bedrückt mich. So viele Feh­ler wer­den gemacht, und sie auf diese Weise noch zu ver­viel­fäl­ti­gen erscheint mir – warum soll ich es nicht geste­hen? – wie eine unbe­ab­sich­tigte gro­teske Par­odie von etwas, das an sich schon absurd ist. Oder, wie ich es nen­nen will: Es ist eine Unsin­nig­keit zwei­ter Ord­nung.

Kann etwa die Nacht, wenn ich die Zei­ten nicht ver­wechsle, der Tages­ord­nung eins aus­wi­schen? Ich erin­nere mich nun. Der fre­che Zwi­schen­ruf – war es nicht Brau­lio Are­nas, den ich gerade eben noch irgendwo in der vier­ten Reihe sit­zen sah? – führt auf eine fal­sche Fährte. »Der Abschied« muss es hei­ßen! Das ist das Thema, das ist der Anlass, das ist, wenn es irgend­ei­nen sitt­li­chen Nähe­rungs­wert gibt, der sprin­gende Punkt.

Vier­und­zwan­zig Jahre ist es her. Ich ent­sinne mich. Es steht mir wie­der vor Augen: der Ver­such damals, noch ein­mal ganz von vorn anzu­fan­gen. »Ich betrete den Kor­ri­dor, um die Damen von einst­mals auf­zu­su­chen« schrieb ich, und Sie mögen das sur­rea­lis­tisch oder her­me­tisch oder sonst ein­fach nur ver­fehlt fin­den, aber mir erschien es zu die­sem Zeit­punkt ein wirk­lich lebens­ent­schei­den­der Schritt zu sein, und ich setzte drei Punkte dahin­ter. Wie man mir sagt, regt alles, was man weg­lässt, den mensch­li­chen Geist dazu an, sich die Aus­las­sung bild­haft aus­zu­ma­len, und man denke nicht, dies ginge dem­je­ni­gen, dem diese Aus­las­sung zu ver­dan­ken ist, anders. Mög­li­cher­weise aus die­sem Grund schie­nen mir die drei Punkte nicht zu rei­chen, und ich setzte wie von Sin­nen immer mehr von ihnen, in immer grö­ße­ren Abstän­den, und als ich nach acht­zehn Punk­ten am Ende der Seite ange­langt war, war mir, wie man sich leicht vor­stel­len kann, nicht nur die Sinn­lo­sig­keit all des­sen auf­ge­gan­gen, son­dern zudem klar­ge­wor­den, dass ich nie­mals wie­der spre­chen, geschweige denn etwas von der Kan­zel herab ver­kün­den würde.

Ich hatte – um die­ses zuge­ge­ben alte und, auch dies gebe man mir zu: lieb­ge­won­nene Bild zu ver­wen­den – die Durch­que­rung des Spie­gels (und genau das ist auch der Spie­gel, den ich, man ver­zeihe mir, euch allen hier vor­hal­ten würde, sähe ich mich dazu in der Lage) hatte also die Durch­que­rung des Spie­gels voll­bracht, hatte alle The­men und Dra­men, all die ver­geb­li­chen Worte und Beschwö­run­gen hin­ter mir gelas­sen und schaute nun, ganz auf­rich­tig gespro­chen und ohne Umschweife gesagt, gera­dezu gelas­sen auf das, was da greif­bar, aber buch­stäb­lich jeder Beschrei­bung spot­tend, vor mir lag.

Und so schwieg ich, von einem Augen­blick auf den ande­ren, unver­se­hens, war mit einem Mal, das Kind bei sei­nem Namen genannt, sprach­los gewor­den. Ich schwieg, wie ich es jetzt – nach die­sen nutz­lo­sen und (trotz der gan­zen, ver­zeiht den der­ben Aus­druck, Pla­cke­rei mei­ner­seits) ver­mut­lich mehr als feh­ler­haf­ten und unver­ständ­li­chen Erklä­run­gen – wie­der tun werde, end­gül­tig und für immer.

(Ver­hal­te­ner Applaus, ein­zelne Bra­vo­rufe)

132/398

Das Titelbild zeigt ein freundliches, blau-grünes Monster mit großen Augen und spitzen Zähnen in einer Bibliothek zwischen Bücherregalen, ein aufgeschlagenes Buch mit dem Titel "E" in den Klauen.

♫ Ritmi mono­vo­ca­lici ♫


132/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor, den meine Kame­ra­den durch die fet­ten Bände von Dou­glas Hof­stad­ter gefres­sen haben. Sie haben eine Stelle ent­deckt, in der die sonetti mono­vo­ca­lici Gui­seppe Varal­dos zitiert wer­den. End­lich wie­der satt­fres­sen!

Im Roman Anton Voyls Fort­gang, der auch in sei­ner deut­schen Über­set­zung kein ein­zi­ges E ent­hält, bin ich letzt­hin näm­lich inmit­ten rauer Men­gen Zel­lu­lo­se­mehls stark abge­ma­gert – bis mir end­lich klar­wurde, dass ich für mein leib­li­ches Wohl offen­bar drin­gend E’s benö­tige und andere Vokale offen­bar nicht ver­stoff­wech­seln kann.

Nun gibt es hier, dank mei­ner Bücher­wurm-Kum­pane, ein ech­tes Fest­essen für mich: Varaldo hat näm­lich seine Nach­er­zäh­lung von Dan­tes Inferno in Sonett­form sozu­sa­gen mit Vit­amin E voll­ge­pumpt!

Er, Exzel­lenz, den Ken­ner gerne Legende nen­nen

(der beste, der je lesens­werte Verse gesetzt),

ent­deckt, ver­steckte Erd­fes­ten betre­tend, ent­setzt

den Schre­cken der Helle, ver­hee­ren­des Bren­nen.

Etc., endet Genre-ent­spre­chend erhe­bend:

… seh­nend fern seg­nende Sterne erken­nen.

Mmh, echt lecker!

143/398

Das Titelbild zeigt ein Schlafzimmer. Auf der linken Seite steht ein Bett unter einem lebhaften Gemälde eines Pferdes. Rechts davon hängt ein aufwändig gestalteter, großer goldener Spiegel über einem Nachttisch. Der Spiegel reflektiert eine weiße Tür, die mit einem humorvollen Schild geschmückt ist, auf dem steht: „Dieser Flur streikt.“

♫ Hiimori/Windhorse ♫


143/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor, oder bes­ser: Ich will ihn betre­ten, doch an der Schlaf­zim­mer­tür hängt innen ein Schild, auf dem mit gro­ßen Buch­sta­ben steht: »Die­ser Kor­ri­dor streikt.«

Oha. Mein Kor­ri­dor streikt? Heißt das, ich komme nicht vom Schlaf­zim­mer ins Bad? Unschlüs­sig bleibe ich ste­hen, die Hand auf der Klinke. Eigent­lich bin ich spät dran. Regie­rungs­ge­schäfte war­ten auf mich. Ande­rer­seits kommt mir zu Bewusst­sein, dass Kor­ri­dore tat­säch­lich kaum Wert­schät­zung und Respekt erfah­ren – von mir genauso wenig wie von ande­ren. Dabei spie­len sie eine wich­tige Rolle. Ohne Kor­ri­dore würde vie­les in unse­rem Land nicht mehr funk­tio­nie­ren. Die Wirt­schaft, die Medien, der ganze Dienst­leis­tungs­sek­tor, die Indus­trie: Sie alle wür­den ohne Kor­ri­dore zum Erlie­gen kom­men oder zumin­dest emp­find­lich gestört wer­den.

Aber dankt es ihnen jemand? Nein. Es gibt nicht ein­mal ein Denk­mal für Kor­ri­dore. Dies muss sich drin­gend ändern, und ich bin der Mann, der es durch­zu­set­zen und für sich und die Par­tei nutz­brin­gend aus­zu­schlach­ten weiß! So ist allen gehol­fen. Ich sehe mich schon zu den Klän­gen einer Blas­ka­pelle das Kunst­werk ent­hül­len.

Hm, jetzt strei­ken sie also. Ich über­lege, ob der Streik der Kor­ri­dore viel­leicht um sich grei­fen könnte. Strei­ken dem­nächst die Fens­ter, die Türen, die Dächer über unse­ren Köp­fen? Aber diese genie­ßen weit grö­ßere Auf­merk­sam­keit: Man spricht davon, dass die Augen die Fens­ter zur Seele sind und schmeißt das Geld zum Fens­ter hin­aus. Man kann Tür an Tür woh­nen oder eine Poli­tik der offe­nen Tür betrei­ben. Man kriegt manch­mal eins aufs Dach oder bringt ein Gesetz unter Dach und Fach. Aber ein Kor­ri­dor? Wann habe ich zuletzt das Wort Kor­ri­dor in den Mund genom­men? Stimmt. Die haben wirk­lich allen Grund zu strei­ken.

Doch was heißt es kon­kret, dass mein Kor­ri­dor streikt? Ist er nicht zum Dienst ange­tre­ten? Ver­wei­gert er viel­leicht nur sei­nen Dienst oder beschränkt sich auf den Dienst nach Vor­schrift? Ist es ein Bum­mel­streik? Und gilt das für alle Kor­ri­dore der Stadt, im Land, in Europa? Gibt es Aus­sper­run­gen? Streik­bre­cher? Ist der Streik – hof­fent­lich – befris­tet? Und was sind die For­de­run­gen der Kor­ri­dore?

Ich hege die Hoff­nung, dass sich mir all diese Fra­gen beant­wor­ten, wenn ich die Tür öffne. Also drü­cke ich die Klinke her­un­ter, leise, weil meine Frau noch schläft und ich sie nicht wecken will.

Dahin­ter: der Kor­ri­dor. Er sieht fried­lich aus, als sei nichts gesche­hen, und es gibt keine wei­te­ren Anzei­chen für einen Streik. Vor­sich­tig setze ich mei­nen Fuß auf den Boden des Kor­ri­dors. Er fühlt sich an wie immer. Auch den zwei­ten Fuß setze ich dar­auf. Ich stehe sicher.

Soll ich den Kor­ri­dor anspre­chen? Nach sei­nen For­de­run­gen fra­gen? Oder ihm ein­fach erst ein­mal meine Hoch­ach­tung zol­len und mich für seine lang­jäh­ri­gen erge­be­nen Dienste bedan­ken, um für den aus­sichts­rei­chen Ver­hand­lungs­ver­lauf gleich zu Anfang eine gute Stim­mung zu erzeu­gen?

Ich höre ein Kichern. Der Kor­ri­dor kichert?!

Nein, es sind die Zwil­linge. »April, April!«, rufen meine Söhne fröh­lich, kom­men aus ihrem Zim­mer geschos­sen und tan­zen in ihren Schlaf­an­zü­gen um mich herum. Nun, da haben sie mich ja gehö­rig ins Bocks­horn gejagt. Ich schüttle sie ab und schließe die Bade­zim­mer­tür hin­ter mir.

Viel­leicht, über­lege ich beim Zäh­ne­put­zen, sollte ich die Idee mit dem Denk­mal bei der Che­fin anre­gen. Sie ist eigent­lich gar nicht mal so schlecht. Kor­ri­dore wer­den hier­zu­lande wirk­lich sträf­lich miss­ach­tet.

150/398

Das Titelbild zeigt eine Cartoon-Zeichnung eines Mannes, der in einem Badezimmer auf einer Toilette sitzt und einen orangefarbenen Bademantel trägt. Er blickt auf einen großen Kugelfisch mit einer Krone auf dem Kopf. Aus dem Fisch kommt eine Sprechblase mit einem wirren Text über "the mysteres op the worldry".

♫ Blow­fish ♫


150/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor. Zwar habe ich gerade die Snooze-Taste mei­nes Weckers betä­tigt, aber lei­der drückt mir die Blase. Auf dem Klo fällt mir ein, dass ich heute Nacht einen Traum hatte, der einer Offen­ba­rung glich. Ein Mann in einer oran­gen Robe und mit einer Art Mitra auf dem Kopf flüs­terte mir einen Satz ins Ohr, eine Sen­tenz, die mir die Augen öff­nete über den Zustand unse­rer Welt, über alle Pro­bleme, an denen wir der­zeit her­um­la­bo­rie­ren, und über die unge­heure Chance, die sich uns gerade jetzt bie­ten würde – wenn wir nicht zu betriebs­blind wären, sie zu erken­nen. Es waren vier Wör­ter, das weiß ich noch, und sie waren gereimt: vier Wör­ter von einer unver­gleich­li­chen Spreng­kraft, eine Sen­tenz, die eine neue Ära der Mensch­heits­ge­schichte, eine neue Kul­tur­stufe ein­läu­ten würde.

Es ging um die Extreme mög­li­cher mensch­li­cher Lebens­ent­würfe, das weiß ich noch, und um die gesamte Spann­weite mensch­li­cher Aus­drucks­mög­lich­kei­ten in der Welt.

Zum Glück – fällt mir zu mei­ner Erleich­te­rung ein – war ich so geis­tes­ge­gen­wär­tig, mir die vier epo­cha­len Worte bei einem kur­zen Erwa­chen heute Nacht zu notie­ren, da ich schon ahnte, sie bis zum Mor­gen wie­der ver­ges­sen zu haben.

Vol­ler Span­nung eile ich zurück ins Schlaf­zim­mer und finde den Zet­tel auf dem Boden neben dem Bett, und in Groß­buch­sta­ben ste­hen sie da, die vier revo­lu­tio­nä­ren Wör­ter, Her­mes Tris­me­gis­tos’ »Wie oben so unten«, Nietz­sches »Gott ist tot« oder Mar­tin Luther Kings »I have a dream« min­des­tens eben­bür­tig.

Aber wie das so ist im Traum. Ich hätte es mir den­ken kön­nen. Wir sind da nicht ganz auf der Höhe, son­dern besit­zen oft ein kind­li­ches und nai­ves Gemüt, das sich für Dinge begeis­tert, die uns im Wachen nicht ein­mal ein müdes Lächeln abrin­gen wür­den.

Ich muss Sie also ent­täu­schen.

Die Sen­tenz ist nicht gereimt.

Ansons­ten … Na, lesen Sie selbst, ob das diese gewal­tige Erkennt­nis­kraft birgt, die ich darin gespürt hatte, ob es das begriff­li­che Juwel ist, das unsere Zeit beschreibt, ana­ly­siert, kri­ti­siert und gleich­zei­tig einen prak­ti­ka­blen Lösungs­vor­schlag für den gan­zen Unbill beinhal­tet, den wir im Laufe unse­rer Geschichte her­auf­be­schwo­ren haben, und das in die­sen nur vier Wör­tern: »Papst piepst, Plebs pupst.«

169/398

♫ Trust Me Not ♫


169/398

LogoSwitch language

Ich betrete den Kor­ri­dor. (Glau­ben Sie ihm nicht, er ist Kre­ter.) Ich habe mein Elek­tro­werk­zeug dabei und soll hier neue Steck­do­sen set­zen. (Alles gelo­gen: In der mathe­ma­ti­schen und phi­lo­so­phi­schen Logik steht der Kre­ter für jeman­den, der nie die Wahr­heit sagt.) Am Ende des Kor­ri­dors sind zwei Türen mit auf­fal­len­den Tür­klop­fern. (Das Lügen ist bei den Kre­tern patho­lo­gisch, und ver­mut­lich kön­nen sie nichts dafür.) Sie haben Gesich­ter und kön­nen reden. (Die Frage ist, ob zuerst die Logik da war und sich die Kre­ter dem Lemma not­ge­drun­gen ange­passt haben, oder ob die Logi­ker sich diese noto­ri­sche Eigen­schaft der Kre­ter für ihre Zwe­cke zunutze gemacht haben.) Aber der eine nuschelt. (Schon Pau­lus schreibt im Neuen Tes­ta­ment: »Einer von ihnen hat gesagt, ihr eige­ner Pro­phet: Kre­ter sind immer Lüg­ner.«) Ach, was inter­es­sie­ren mich auch die Tür­klop­fer? Ich soll ja nur die Steck­do­sen erneu­ern. (Womit er Sie ver­mut­lich dreist ange­lo­gen hat.)