Korridorium

1x täglich Kurzprosa mit Soundtrack vom 11/11/11 bis 12/12/12

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Das Titelbild zeigt einen langen Flur mit zahlreichen offenen Türen an beiden Seiten und bemaltem Boden sowie einer Decke mit Planetenmotiven. Vorne links liegt ein zerbrochenes Schild, vorne rechts ein Schlüssel.

♫ Lasciate ogni spe­ranza voi ch’en­trate! ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor …

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Das Titelbild zeigt ein Schlafzimmer mit einem Bett in der Mitte und surrealen, verzerrten Figuren und Formen, die die Wände und Decke bedecken, dem Gemälde eines Korridors über dem Bett sowie einem digitalen Button, der Little Nemo in seinem Bett zeigt.

♫ Drif­ting Through Images ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor der schwin­den­den Sinne. Er wird nach hin­ten hin immer enger und dunk­ler, doch je wei­ter ich vor­dringe, desto far­ben­fro­her und hel­ler wer­den die Bil­der an Wän­den, Boden und Decke, und desto deut­li­cher wer­den die Klänge, die mäan­dernd durch den Raum schwe­ben und manch­mal auf mein drit­tes Ohr tref­fen.

»Eure Majes­tät, darf ich ver­su­chen, Nemo hier­her zu brin­gen? Ich habe da eine äußerst bril­lante Idee.«

Fas­zi­niert und stau­nend betrachte ich die Ima­gi­na­tio­nen und Mani­fes­ta­tio­nen mei­nes Geis­tes, lau­sche der inne­ren Musi­que con­crete mei­ner Seele.

Lei­der kann ich, trotz jah­re­lan­gen Trai­nings, nur eine kurze Zeit­lang einen Rest Bewusst­sein dafür bewah­ren, und wenig spä­ter (und viel zu schnell, immer viel zu schnell) nimmt mich Hyp­nos in seine Arme, umfängt mich der Schlaf.

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Das Titelbild zeigt eine Frau in einem langen schwarzen Kleid in einem prunkvollen, dunklen Korridor mit einem großen zähnefletschenden Drachenkopf an der Decke, während eine weitere Person am Ende des Gangs vor einer hellen Tür steht.

♫ Dance Dra­gon Dance (Intro) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. Du läufst mir lachend und mit offe­nen Armen ent­ge­gen. Ardi­nea! Ich erkenne dich an der wil­den Farbe dei­ner Augen.

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Das Titelbild zeigt einen Menschen mit Stierkopf in Anzug und roter Krawatte an einem Rednerpult vor einem historischen Gebäude mit Säulen. Er hält eine Rede am Mikrofon. 
Ein digitaler Button zeigt einen Mechanismus mit Glocke und Bett.

♫ From the Bön Scrip­tures ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, der in das Laby­rinth führt, das ich nie mehr ver­las­sen werde. Däda­lus steht hin­ter mir und lächelt stolz. Er hat Monate damit ver­bracht, es zu kon­stru­ie­ren und für mich ein­zu­rich­ten. Er nennt es »Palast«.

»Ich werde ver­durs­ten und ver­hun­gern«, sage ich. Däda­lus schüt­telt den Kopf: »Wirst du nicht. Unten, im Kel­ler des Palas­tes, gibt es eine Quelle. Es gibt Innen­höfe mit zahl­rei­chen Obst­bäu­men, und es gibt ein feuch­tes Gewölbe, in dem zahl­lose Cham­pi­gnons wach­sen.«

»Ich werde ein­sam sein«, pro­phe­zeie ich düs­ter. Däda­lus hält dage­gen: »Wir wer­den dir immer wie­der Unter­hal­tung schi­cken. Junge Män­ner und Jung­frauen unse­rer Vasal­len­staa­ten, mit denen du ver­fah­ren kannst, wie du möch­test.«

»Fleisch«, sage ich. »Wie du meinst«, sagt Däda­lus.

»Ich werde mich nach Frei­heit seh­nen und ver­rückt wer­den.« Däda­lus scheint wenig beein­druckt: »Wirst du nicht. Der Palast wird dir unend­lich groß erschei­nen, und du wirst immer wie­der neue Räume ent­de­cken, neuen Wun­dern begeg­nen. Ich habe dafür gesorgt, dass du dir einen gere­gel­ten Tages­ab­lauf gestal­ten kannst, mit allem, was du gerne tust. Das fängt an mit einem gro­ßen, wei­chen Bett aus Stroh, an das ich eine kleine Glo­cke gestellt habe, die – sobald die Sonne auf­geht – von einem Mecha­nis­mus ange­schla­gen wird. Das Bim­meln wird dann immer lau­ter, bis du end­lich auf­stehst.« Als er mich stöh­nen hört, fügt er an: »Wenn du aller­dings noch ein wenig wei­ter­schla­fen möch­test, kannst du den Mecha­nis­mus mit einem klei­nen Hebel dazu brin­gen, für einige Zeit mit dem Schla­gen der Glo­cke auf­zu­hö­ren.«

»Erfin­dun­gen …«, sage ich abfäl­lig, »das ist alles, was du kannst: Dir irgend­wel­che Mecha­nis­men und Vor­rich­tun­gen aus­den­ken. Was aber ist mit den Men­schen und ihren Gefüh­len?«

»Du bist kein Mensch. Jeden­falls nicht rich­tig.« Doch als er bemerkt, dass mir Trä­nen in die Augen tre­ten, beeilt er sich zu sagen: »Aber auch an deine Gefühle habe ich gedacht, mein Lie­ber.«

Hoff­nungs­froh sehe ich ihn an, wie er da im Ein­gang zu dem Kor­ri­dor steht, hin­ter ihm der blaue Him­mel und das Meer – die Frei­heit, die ich jetzt zum letz­ten Mal sehen, rie­chen und hören darf.

»Ich weiß«, sagt Däda­lus, »dass dir eigent­lich die Königs­würde zustünde. Dass ein … böses Schick­sal dir dein Erbe und Anrecht ver­wehrt.« Er ver­gisst zu sagen, dass er es war, der die­ses Schick­sal her­bei­ge­führt hat. Den­noch lau­sche ich erwar­tungs­voll sei­nen Wor­ten. Was hat er mir zuge­dacht?

»Du wirst in dei­nem Palast«, sagt er, »einen Bal­kon fin­den, der sich auf einen gro­ßen Platz hin öff­net. Dort kannst du dich prä­sen­tie­ren und Reden hal­ten. Und wenn du an dem höl­zer­nen Knauf ziehst, den du neben der Brüs­tung siehst, wird dir dein Volk applau­die­ren und aus vie­len Keh­len zuju­beln.«

»Mein Volk?«

»So wird es sich anhö­ren, ja. Ich habe lange an der Hydrau­lik getüf­telt.«

Ich sacke in mich zusam­men. Wie­der nur eine mecha­ni­sche Vor­rich­tung, eine Attrappe wie die, auf die mein Vater, der Stier, her­ein­fiel.

»Es wird dir gefal­len. Da bin ich ganz sicher!«

Däda­lus lächelt mir auf­mun­ternd zu. Er tritt einen Schritt zurück, ins Freie, und legt einen Hebel um. Mit einem Knir­schen senkt sich ein Wand­stück her­un­ter, um den Kor­ri­dor zu ver­schlie­ßen. Ich könnte diese Stelle hier mar­kie­ren, mit mei­nen Hör­nern ein Kreuz in die Wand rit­zen, damit sich sie wie­der­fin­den und zer­stö­ren kann. Aber ich bin sicher, auch daran hat Däda­lus gedacht und Mit­tel und Wege erson­nen, mich daran zu hin­dern, mich zu ver­wir­ren und zu nar­ren und auf ewig zum Gefan­ge­nen in die­sem Palast zu machen.

Er beugt sich her­un­ter, um mir unter der lang­sam her­ab­rut­schen­den Wand ein letz­tes Mal zuzu­win­ken.

»Sei nicht trau­rig! Du weißt ja …«, ruft er.

»Es ist für alle das Beste so«, wie­der­hole ich brav, was er mir immer wie­der ein­ge­schärft hat, »auch für mich.« Däda­lus nickt lächelnd. Dann ist er hin­ter der Wand ver­schwun­den. Mit einem dump­fen Laut schließt sie den Kor­ri­dor ab, als habe sie immer schon dort gestan­den.

Ich fühle mich ein wenig nie­der­ge­schla­gen. Schließ­lich mache ich kehrt und betrete mei­nen Palast auf der Suche nach dem Bal­kon.

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Das Titelbild zeigt eine Holzbox mit japanischer Schrift und einer Zeichnung im Inneren. Ein kleiner digitaler Button zeigt ein durchgestrichenes E.

♫ Wabe-Sabi ♫


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Ich im Kor­ri­dor,

trag Kamin­holz zum Salon:

Warm war’s nur mit dir.

 

 

Ich, im Kor­ri­dor,

häng nun doch das Foto ab:

Bist so lang schon fort.

 

 

Ich im Kor­ri­dor:

Hab ganz plötz­lich dich im Arm,

ob wohl …? Nur im Traum!

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Das Titelbild zeigt die Innenansicht eines alten, reich gefüllten Antiquitätengeschäfts mit hohen Regalen voller Bücher, antiken Vasen, Kerzenleuchtern und einem großen, verzierten Teppich auf dem Boden unter einer Kuppel mit buntem Glasfenster. Ein digitaler Button zeigt eine altertümliche Geldbörse.

♫ Tre­asure Chest Dwel­lers ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, in dem der Anti­quar seine unver­käuf­li­chen Arte­fakte lagert. Er tut so, als sei es eine große Ehre, von ihm hier­her­ge­führt zu wer­den. Mit blu­mi­gen Wor­ten beschreibt er, was er angeb­lich nie an den Mann brin­gen wird, aber auch nicht ein­fach leich­ten Her­zens weg­wer­fen kann:

Ein Unsterb­lich­keits­elexir, das das Altern nicht ver­hin­dert. (Wäre viel­leicht etwas für den größ­ten Feind oder die Ehe­frau, wenn man sicher sein will, im Alter noch gepflegt zu wer­den, meint der Anti­quar mit einem zwei­deu­ti­gen Lächeln. Ich winke ab.)

Eine Tarn­kappe, die den Trä­ger aber nur run­ter bis zu den Knien unsicht­bar macht. (In hohem Gras könne sie viel­leicht nütz­lich sein, meint der Anti­quar ver­son­nen. Ich winke ab.)

Ein flie­gen­der Tep­pich, der buch­stäb­lich nur im Tempo einer Schne­cke von der Stelle kommt. (Dafür steigt er aber auch nur ein paar Zen­ti­me­ter hoch, maxi­mal, meint der Anti­quar und schürzt die Lip­pen. Ich winke ab.)

Ein magi­scher Schlüs­sel, mit dem man zwar keine Türen auf­be­kommt, sie dafür aber für immer ver­schlie­ßen kann. (Er solle viel­leicht mal bei der Atom­in­dus­trie anfra­gen, meint der Anti­quar gespielt nach­denk­lich, als sei ihm diese Idee gerade erst gekom­men. Ich winke ab.)

Ein Fläsch­chen mit einer Wahr­heits­droge, die aller­dings die Neben­wir­kung hat, dass die Wahr­heit in aller minu­tiö­sen Deut­lich­keit erzählt wird und das Opfer sich heil­los in Details ver­liert, ohne je zum ent­schei­den­den Punkt zu kom­men. (Manch­mal habe er den Ein­druck, der Sud werde bei gewis­sen Talk­shows im Fern­se­hen ein­ge­setzt, meint der Anti­quar und lacht etwas gequält. Ich winke ab.)

Die Bun­des­lade, die in Wirk­lich­keit ein quan­ten­me­cha­ni­sches Funk­ge­rät ist, mit­tels des­sen man mit Gott tele­fo­nie­ren kann. (Also mit dem bibli­schen Jehova, erklärt der Anti­quar jovial und fügt an, dass die­ser schon seit eini­ger Zeit den Hörer nicht mehr abnimmt. Er lächelt ver­schmitzt: kein AB. Ich winke ab.)

Ein Lie­bes­trank, der dazu führt, dass, wer ihn zu sich nimmt, in unsterb­li­cher Liebe zu sich selbst ent­brennt. (Wobei dies für viele von der Liebe Ent­täuschte, meint der Anti­quar mit einem Sei­ten­blick zu mir, ja eigent­lich nach der per­fek­ten und nach­hal­ti­gen Lösung klinge. Ich winke ab.)

Ein Buch, das sich, wenn man es auf­schlägt, in die­sem Moment selbst schreibt. (Es stün­den aber immer nur kleine, ver­wor­rene Geschich­ten drin über jeman­den, der Gänge oder Flure oder so betritt, nein, »Kolon­na­den« heiße es da immer – jeden­falls könne mit dem Geschreib­sel kein Mensch etwas anfan­gen, meint der Anti­quar miss­mu­tig. Ich frage, wie viel er dafür haben will.)

 

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Das Titelbild zeigt ein Schlafzimmer mit großem Bett auf Podest, umgeben von verschiedenen Klangschalen und einem Gongständer, zu dem ein oranger Schlauch verläuft. Ein digitaler Button zeigt eine mechanische Lotusblüte.

♫ Druck­luft-Medi­ta­tion (Ura­ni­borg-Mix) ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor, falls man das so sagen kann, denn eigent­lich skype ich nur, und es ist mein Gesprächs­part­ner, der mit sei­nem Lap­top auf dem Arm den Kor­ri­dor betritt, um mich mit ins Stu­dio zu neh­men. »Ura­ni­borg« heißt es, und ihn soll ich Tycho nen­nen, was gut zusam­men­passt, denn die soge­nannte »Him­mels­feste« war einst die For­schungs­sta­tion des däni­schen Astro­no­men Tycho Brahe.

Die­ser Tycho jedoch ist Musi­ker, und genau darum geht es mir auch: um Musik für meine Texte. Obwohl ich ihn gerade nicht sehe, weil die Web­cam mir wackelnde Bil­der des Kor­ri­dors zum Stu­dio zeigt, wie­der­hole ich zur Vor­sicht noch ein­mal, was ich Tycho schon in mei­ner E‑Mail geschrie­ben hatte, in das Mikro mei­nes Head­sets: »Ich kann euch aller­dings nichts dafür zah­len.«

»Hast du ja schon geschrie­ben«, sagt er und öff­net eine schall­ge­dämmte Tür. Ich hatte Syn­the­si­zer­bur­gen und einen Hau­fen Instru­mente erwar­tet. Aber der große, helle Raum mit Pan­ora­ma­fens­tern in den Gar­ten ent­hält neben einer von Klang­scha­len unter­schied­li­cher Größe umstan­de­nen Liege nicht viel mehr als ein Key­board. Die­ses lässt sich unter dem Schreib­tisch, vor dem ein Kla­vier­ho­cker steht, offen­bar her­aus­zie­hen. Den zahl­rei­chen Kabeln auf dem Tisch ent­nehme ich, dass hier ein Com­pu­ter ange­schlos­sen wird – ver­mut­lich nimmt Tycho dafür sonst den, mit dem er mich gerade her­um­trägt.

»Will­kom­men in Ura­ni­borg«, sagt Tycho. Er stellt den Lap­top auf dem Tisch ab und ver­deckt mit sei­nem Gesicht die Klang­scha­len­kon­struk­tion.

»Was ist das für eine Liege hin­ter dir? Ist das für eine Klang­mas­sage?«, frage ich neu­gie­rig.

»Oh, das«, sagt er, »wir expe­ri­men­tie­ren gerade mit Sound­scapes, die der Haut­wi­der­stand des­je­ni­gen steu­ert, der sich in die Liege legt. Sie wird mit Druck­luft betrie­ben.« Tat­säch­lich erkenne ich hin­ter ihm zwi­schen den Klang­scha­len einen eigen­ar­ti­gen Mecha­nis­mus mit Schläu­chen und chrom­glän­zen­den Kol­ben.

»Möch­test du auch mal? Wol­len doch mal sehen, was für einen Haut­wi­der­stand der Com­pu­ter hat …« Das Bild kippt. Tycho setzt sein Lap­top auf die Liege. Mit des­sen ein­ge­bau­ter Web­cam habe ich jetzt einige der Klang­scha­len im Blick. Der Druck­luft­per­kus­sio­nist beginnt zu zischen und zu stamp­fen und bewegt die Klöp­pel, und bald umhül­len mich hyp­no­ti­sche Sphä­ren­klänge.

»Bevor ich hier ganz weg­drifte …«, rufe ich in mein Head­set, und da kippt auch schon wie­der das Bild, und Tycho setzt mich, nach­dem er die Press­luft­ma­schi­ne­rie abge­schal­tet hat, wie­der auf den Tisch. Auch er stülpt sich jetzt ein Head­set auf. Die Klang­scha­len hin­ter ihm hal­len noch lange nach.

»Wie bist du auf mich gekom­men?«, fragt er neu­gie­rig. »Warst du auf einem mei­ner Schlaf­kon­zerte?«

Ich schüttle den Kopf: »Noch nicht. Ich hab ein paar Tracks von euch im Inter­net gehört und dachte …« Ja, was hab ich mir eigent­lich dabei gedacht?

»Du willst eine Reihe von Tex­ten ver­öf­fent­li­chen und hät­test gern jeweils einen klei­nen Sound­track dazu. Hab ich das rich­tig ver­stan­den?«

»Genau«, sage ich.

Ich hatte schon in der E‑Mail ein biss­chen von mir erzählt: Dass ich im Bau­amt einer klei­nen Stadt in den neuen Bun­des­län­dern arbeite, da wenig zu tun habe, aber beschäf­tigt wir­ken will, weil ich am Gang zu den Toi­let­ten sitze und die Kol­le­gen mich hin­ter der Glas­tür gut sehen kön­nen, und dass ich ange­fan­gen habe, kleine »archi­tek­to­ni­sche« Skiz­zen in den Com­pu­ter zu tip­pen, inspi­riert von den Anträ­gen auf mei­nem Schreib­tisch und den Besich­ti­gun­gen und Abnah­men, bei denen ich manch­mal dabei­sein darf.

Und dass ich Musik brau­che für die Ver­öf­fent­li­chung. Viel Musik. Unge­wöhn­li­che Musik. Musik, die Bil­der im Kopf macht.

»Das Laby­rinth des Mino­tau­rus«, sagt er nach­denk­lich.

»Ja. Ich hab dir ein paar Mino­tau­rus-Frag­mente geschickt, weil das doch auch mal Thema eurer Schlaf­kon­zerte war und in der Musik vor­kommt. Das ver­bin­det uns sozu­sa­gen. Am 11. Novem­ber will ich anfan­gen.«

»So bald schon?« Mir rutscht das Herz in die Hose, als er das sagt. Ich bin viel zu spät dran mit mei­ner Suche nach Musik. Aber kleine Sound­tracks zu den Geschich­ten wären mein Traum, und den will ich nicht so ein­fach auf­ge­ben.

»Was macht«, fragt er, »eine junge Frau wie du als Sach­be­ar­bei­te­rin im Bau­amt?«

»Ich hab in Leip­zig Geschichte und Ori­ent­wis­sen­schaf­ten stu­diert, aber als His­to­ri­ke­rin nichts gefun­den. Tja und da … Jeden­falls dür­fen meine Kol­le­gen nichts von mei­nen lite­ra­ri­schen Ambi­tio­nen wis­sen.«

Tycho lächelt ein wenig spitz­bü­bisch: »Ich ver­rat kei­nem was. Wie viele Texte lie­gen denn schon vor?«

»Einen ers­ten Schwung habe ich schon, und ich will immer min­des­tens drei, vier im Vor­aus fer­tig haben. Was die Zuord­nung der Musik angeht, würde ich euch völ­lig freie Hand las­sen. Es sol­len ins­ge­samt knapp, äh, vier­hun­dert wer­den.«

Er zuckt bei der Zahl nicht zusam­men. Schon mal gut.

»Ich weiß«, fahre ich has­tig fort, »dass es urst viel ver­langt ist, aber …« Tycho unter­bricht mich: »Kein Pro­blem. Wir haben mas­sig Mate­rial im Archiv, alles unver­öf­fent­licht. Aber es sind schräge Sachen dabei.«

»Find ich super«, sage ich.

Tycho muss bei so viel Enthu­si­as­mus grin­sen: »Das wären dann Dro­nes, Sound­scapes, kom­po­si­to­ri­sche Skiz­zen, Stu­dio-Ses­si­ons, Field Recor­dings, psy­cho­ak­tive Klang­ex­pe­ri­mente …«

»Na, das klingt doch alles ganz schau! Was die jewei­lige Dauer betrifft, hab ich gedacht, die Musik sollte immer in etwa so lange dau­ern, wie man zum lau­ten Lesen braucht, also so zwi­schen sie­ben Sekun­den und sie­ben Minu­ten.«

»Okay. Schick mir einen Text, und vier­und­zwan­zig Stun­den spä­ter hast du einen Sound­track dazu. Sollte dir ein Stück nicht zusa­gen, kriegst du ein ande­res.«

Wow. Ich kann mein Glück gar nicht fas­sen. Meine geplante Ver­öf­fent­li­chung bekommt eine Begleit­mu­sik! Aber …

»Aber was«, frage ich besorgt, «wenn dir meine Texte nicht zusa­gen?«

Tycho ver­zieht keine Miene: »Wird nicht pas­sie­ren. Ich les sie gar nicht, son­dern guck nur, wie lang sie jeweils sind.« Er lässt sich nichts anmer­ken – außer einem klei­nen Fun­keln in sei­nen Augen, das mir ver­rät, dass er das wohl nicht ganz ernst meint.

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Das Titelbild zeigt eine alte, hölzerne Doppeltür in einer bröckelnden Wand mit Lichtstrahlen und einem Schild mit der Aufschrift "THE CHOSEN ONE", an dem ein Zettel mit "Be eventually back" befestigt ist. Ein digitaler Button zeigt eine Sanduhr.

♫ Los rato­nes bai­lan ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor. An die Türen zu bei­den Sei­ten sind kleine Bret­ter gena­gelt, in die jemand grob mit einem Mes­ser Wör­ter geritzt hat: »Schlucht« lese ich auf einer, »Horn« auf der zwei­ten, »Sie­de­be­cken« auf der drit­ten und auf der vier­ten »Hohl­raum«. Auch die Tür am Ende des Kor­ri­dors ziert ein sol­ches Brett. »Die Aus­er­ko­rene« steht hier, und mit einem Mal brei­tet sich ein pri­ckeln­des Glücks­ge­fühl in mir aus. And­reia! Ich hatte die Suche schon fast auf­ge­ge­ben. Ein Zet­tel ist unter das Brett geklemmt. Sofort erkenne ich ihre schön geschwun­gene Hand­schrift. »Bin gleich zurück.« Das »gleich« ist durch­ge­stri­chen, und dar­über steht nun »einst«. Egal. Ich werde war­ten. Bestimmt hat sie von ihrem Zim­mer aus eine hüb­sche Aus­sicht.

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Das Titelbild zeigt eine alte schwarze mechanische Schreibmaschine mit Papier im Einzug und runden Tasten, alle mit dem Buchstaben E. Ein digitaler Button zeigt ein durchgestrichenes I.

♫ Acci­den­tal Break ♫


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Ovj nrz­trzr frm Lpttofpr. (Upps, dane­ben­ge­hauen.)

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Das Titelbild zeigt eine Tür mit Buchcovergestaltung für den Roman "Snowmen Rarely Make Good Cigarette Lighters" von T. Hawk, mit schwarzer Schrift und schwarzen Punkten auf hellblauem Hintergrund in einem klassischen Raum mit Stehlampe und Beistelltisch.

♫ Hyp­no­tic Attic ♫


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Ich betrete den Kor­ri­dor und öffne die Tür zum Wohn­zim­mer. Aller­dings ist in die­sem Zim­mer nichts wirk­lich das, was es zu sein scheint.

Die Tür zum Bei­spiel ist in Wirk­lich­keit ein Buch, das mit Schnee­män­ner tau­gen sel­ten zum Ziga­ret­ten­an­zün­den beti­telt ist. Der Ses­sel ist eine Poli­tesse mit Namen Edna Gierke. Der andere Ses­sel ist ein Stuhl, der jedoch von der Fami­lie immer ›der Hocker‹ genannt wird. Die Stand­uhr ist eine Vitrine für die Algen­schnit­zel­samm­lung des Patri­ar­chen Was­muth, der aus­sieht wie ein Lam­pen­schirm, tat­säch­lich jedoch der Tep­pich des Rau­mes ist.

Das Kla­vier ist streng­ge­nom­men ein Spi­nett der Firma Gell­wie­sen, die inzwi­schen in den USA unter dem Namen Bel­low­me­a­dow bekannt gewor­den ist für ihre exqui­si­ten Bis­quits. Die blaue Wand­farbe ist der Geruch von gekoch­tem Weiß­kohl, das Gemälde an der Wand ist ein Foto, das Mirna und Kätz­chen zeigt und den Titel Frauen und Kat­zen zuerst trägt. Hab ich was ver­ges­sen? Ja, der Mann, der ver­lo­ren im Zim­mer steht, ist in der Tat der Gerichts­voll­zie­her, er heißt aller­dings Her­bert Brünn­chen und ist durch den Licht­schal­ter her­ein­ge­kom­men, bei dem es sich um die Durch­rei­che zur Küche han­delt.

Das Wohn­zim­mer selbst, um auch das noch zu erwäh­nen, scheint zwar ein umbau­ter Raum zu sein, ist aber in Wahr­heit ein Zei­tungs­ar­ti­kel mit der rei­ße­ri­schen Schlag­zeile ›Ganz Schwa­bin­gen tri­chi­nen­ver­seucht?‹